Manfred Hirschel an den Oberfinanzpräsidenten in Hamburg

Tieresehendichan3ManfredHirschelmitEvalinks: Manfred Hirschel mit seiner Tochter Eva in Hamburg (1936)

Abschrift  (Original weiter unten)

Manfred Hirschel Hamburg, d. 23. Mai 1936 Hegestrasse

An die Devisenstelle Hamburg

Mit der Bitte um Genehmigung zum Zwecke der Auswanderung RM 20.000,– ins Ausland überführen zu dürfen. Es ist wohl die schwerste Entscheidung meines Lebens gewesen durch diesen Antrag den ersten Schritt zu machen, Heimat und Vaterland zu verlassen, um draussen im Ausland für meine Familie den Kampf um das tägliche Brot aufzunehmen.

Ich bin am 16. August 1892 zu Hamburg geboren, bin verheiratet und habe 3 Kinder, Horst, Günther, Eva im Alter von 5, 12 und 15 Jahren. Von Beruf Lichtspieltheaterbesitzer habe ich fast 25 Jahre lang in Hamburg Kinos besessen. Nachdem ich im Jahre 1934 meine Tätigkeit aufgab, versuchte ich, um in Deutschland bleiben zu können, mir eine neue Existenz aufzubauen.

Doch leider vergeblich. Ich musste auch dieses neue Geschäft (Herstellung technischer Gummiwaren) mit Verlust wieder abgeben. Da ich kein grosses Vermögen besitze, sehe ich ohne Existenz mein letztes Kapital von Monat zu Monat kleiner werden und da ich mein Familie ernähren muß, bleibt mir keine andere Möglichkeit (in Deutschland darf ich kein Kino betreiben) als ins Ausland zu gehen. Durch Erwerb eines kleinen Kino will ich im Ausland versuchen mir eine neue Existenzgrundlage zu schaffen.

Da man ein Kino, auch wenn es noch so klein ist oder auch nur eine Beteiligung nicht so billig erwerben kann, benötige ich ein Kapital von mindestens RM 20.000,– um welches ich die Devisenstelle bitten möchte heraus nehmen zu dürfen und zwar in der Form, dass mir gestattet wird Guthaben deutscher Firmen oder Privatpersonen in Chile zu erwerben, über die nach deutschen Devisengesetz nicht frei verfügt werden können.

Ich versichere ausdrücklich, dass ich auch im fernen Land meinen Pflichten gegenüber dem Vaterland, wie einst im großen Krieg als Frontsoldat ehrlich, aufrichtig und treu erfüllen werde, genau wie einst auch schon der Urgrossvater meiner Mutter der Polizeiinspektor Lion Wolff, der für sich und seine Nachkommen bei flg. Schutz und Handlungs Privilegium 1791 erhielt.

Manfred Hirschel

 GretchenundManfredHirschelGretchen und Manfred Hirschel (1930)

(Die Fotos wurden mir zur Verfügung gestellt von Eva Blumenthal (geb. Hirschel) und Ernst Blumenthal, São Paulo, Brazil. Eva ist in 1930 Hamburg geboren (siehe Kinderfoto. Ernst Blumenthal ist 1930 in Marcktbreit (Bayern) geboren.)

IMG_1335P1040995Foto vom 23. Mai 2018

Ein Frühstück im Hotel Vier Jahreszeiten. Am Sonntag, d. 20. Juni 2010 um 9.45 Uhr sind wir zum Frühstück im Hotel Vier Jahreszeiten in Hamburg verabredet. Da wollte ich immer schon mal frühstücken. Wir treffen die Tochter des Kinobesitzers und ihren Ehemann. Ihre Eltern und ihre Großeltern waren in Hamburg Kinobesitzer. Die wurden ihnen weggenommen. Die Lobby des Hotels Vier Jahreszeiten ist zur Alster ausgerichtet. Eine schöne Rezeption in Eichenholz. Mir gefallen die Schilder besonders. Es gibt kleine Tische mit vier Stühlen. Angenehm. Beide sind einfach gekleidet. Sie hat den rechten Arm in einer Schlinge. Das Ehepaar ist das, was gemeinhin als rüstig bezeichnet wird. Innerhalb kurzer Zeit machen sie uns klar, das ihre Ehe eine lange Beziehung ist. Nie hören die Männer zu. Seit 56 Jahren. Sie weiß es genau, wie viele Jahre es sind. Er ahnt es nur.

Er ist in Bayern geboren. Kennengelernt haben sie sich in Brasilien.

Sie verteidigt ihre halb volle Kaffeetasse gegen einen Kellner, der das mit der heißen Milch, die sie dazu haben möchte, offensichtlich nicht gehört hat. Auf früher in Hamburg angesprochen fällt ihr ihre Oma Rosa ein, die ein Sofa hatte, wo sie sich genau reinkuscheln konnte. Als sie hört, dass ihre Oma ein Kino in der Reeperbahn hatte, bekommt sie große Ohren. Nein, das war sicher ein ganz normales Kino. Das hatte mit nackten Frauen sicher nichts zu tun.

Sie war einmal mit ihrem Mann am FKK Strand. Da hat sie ihn aber weggezogen. Viel zu gefährlich, fand sie. Sie denkt, dass sie drei Jahre alt war, als sie geflüchtet sind aus Deutschland. Das kann nicht stimmen, meine ich. (Ich notiere mir, noch mal nachlesen. Sie war fünf, als sie mit ihren Eltern geflüchtet ist). Ob sie den Brief kennt, den ihr Vater an den Oberfinanzpräsidenten geschickt hat? Nein, kennt sie nicht. Ob ihr Bruder Günther noch lebt? Ja, der lebt. Nur der andere Bruder, der nach London gegangen ist, der ist vor vier Jahren gestorben. Sie will etwas Abfälliges über ihn sagen, aber dann sagt sie, das macht man doch nicht. Toten etwas hinterher rufen.

Wir machen einen Spaziergang zum Kino ihres Vaters (Das Waterloo Theater in der Dammtorstrasse 14). Das Kino gibt es nicht mehr. Das Gebäude links neben dem Hotel wird grade abgerissen, obwohl heute Sonntag ist. Das Hotel wird erweitert. Ich verspreche, dass ich den Brief ihres Vaters noch im Hotel vorbei bringen werde. (Was ich auch tue). Sie ruft mich Abends noch mal an und sagt meinem Anrufbeantworter, dass sie sich noch mal bedanken möchte für den Brief und dass sie morgen früh mich noch mal anruft. Untereinander sprechen sie portugiesisch, selten deutsch. Dennoch sind die meisten deutschen Worte noch da. Ihre Kinder können Deutsch verstehen. Sprechen können sie es nicht. Sie sprechen Portugiesisch und Englisch. Am nächsten Morgen ruft sie noch einmal an und sagt mir, dass sie niemals in ein Land zurückgegangen wäre, wo sie solche Bettelbriefe hätte schreiben müssen. Niemals. Ich kann das verstehen.P1050183HindenburghausManfredHirschelmitEvaundRolfArnoStreitkleinVon links nach rechts Der Kinobesitzer Manfred Hirschel (Waterloo Theater, Dammtorstrasse 14 u. a.) mit seiner Tochter Eva Hirschel und dem Sohn des Kinobesitzers Hugo Streit (Henschel Film und Theaterkonzern OHG), Rolf Arno Streit.

CadilacFahrerHugStreitSophieStreitFridaHenschelHansHirschelAliceHirschelkleinVon links nach rechts (halb abgeschnitten) der Fahrer des Cadillac, der Kinobesitzer Hugo Streit (Henschel Film und Theaterkonzern OHG) und seine Frau Sophie Streit (geb. Henschel), ihre Mutter Frida Henschel, Hans Hirschel (der Bruder des Kinobesitzers Manfred Hirschel) (Waterloo Theater) und seine Frau Alice Hirschel in Deutschland. Wann und wo dieses Foto genau gemacht worden ist, kann ich leider nur raten. Jedenfalls vor ihrer Flucht aus Deutschland.By-nc-sa_colorNilpferd7RolfArnoStreitZirkusbesitzerSassCarlHeinzStreitaufderÜberfahrtnachAmerikaRolf Arno Streit, Zirkusbesitzer Sass, Carl Heinz Streit auf der Überfahrt nach Amerika.FridaHenschel (Oben) von rechts nach links Frida Henschel, Jeremias Henschel und ein UnbekannterSophieFridaJamesHugoEuropäischerHofEine Vermutung von mir ist. Die Aufnahmen sind vor dem Hotel >Europäischer Hof< in Baden Baden entstanden. Seit 1930 gehörte das Hotel Alfred Steigenberger, das er als Schuldtitel übernommen hatte. Die Personen auf dem Foto sind (von links nach rechts) Sophie Streit (geb. Henschel), Frida Henschel (geb. Blumenthal), die Mutter von Sophie Henschel, Jeremias (genannt James) Henschel, Hugo Streit (Einer der beiden Kinobesitzer des >Henschel Film und Theaterkonzerns OHG<)

FridaJamesBiancaEuropäischerHofvon links nach rechts Frida Henschel (geb. Blumenthal), Jeremias (genannt James Henschel) und Bianca Kahn (geb. Henschel), eine Tochter von Frida und James Henschel.FridaundJeremiasHenschelEuräischerHofFrida Henschel (geb. Blumenthal) und Jeremias Henschel. Im Dezember 1905 eröffneten sie ihr erstes Kino im Hamburg Altona (Helios). Bereits im Januar 1906 folgte die zweite Neueröffnung. In einem ehemaligen Tanzsaal (BELLE=ALLIANCE VORFÜHRUNG LEBENDER PHOTOGRAPHIEN!) mit einer Größe von 1099,7 qm. Das Kino hatte 1191 Sitzplätze. (141 Logenplätze, 285 erste, 413 zweite, 352 dritte Sitzplätze) (Angabe aus  Helmut Alter, Fritz Lachmund, Monika Menze >Mein Eimsbüttel, Hans Christians  Verlag, Hamburg 1975 /1983)TanzsaalBelleAllianceEhemaliger Tanzsaal im Belle-Alliance. Es war den Autoren des Buches (Helmut Alter, Fritz Lachmund und Monika Menze), dem dieses Foto entnommen ist,  zwar möglich, die Anzahl der Sitzplätze und die Größe des Raumes auf den qm genau anzugeben. Aber wer dieses Kino gebaut und betrieben hat, konnten sie leider in den (zwei) Auflagen des Buches (1975 -1983)  nicht herausfinden. Auch die Eröffnung des Kinos (Januar 1906) findet bei Ihnen erst mit einer kleinen Verzögerung 1908 statt. Aber am 7. Mai 1907 wurde Carl Hagenbecks Tierpark festlich eröffnet, vermerkt die Zeittafel auf Seite 126.DasFlüchtlingsschiffDas Schiff, das die Flüchtlinge nach Amerika brachte. Unter deutscher Flagge. Mit Hakenkreuz.HugoStreitHermannUrichSassundanderevon links nach rechts Hugo Streit, ein Unbekannter, Hermann Urich Sass und vier mir unbekannte Herren.

RolfArnoStreitmitHundRolf Arno Streit  (Sohn des Kinobesitzers Hugo Streit, >Henschel Film und Theaterkonzern OHG<) in Hamburg. (Auf dem Balkon, mit Hund).

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