{"id":10438,"date":"2019-12-16T21:51:04","date_gmt":"2019-12-16T21:51:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=10438"},"modified":"2019-12-16T21:57:52","modified_gmt":"2019-12-16T21:57:52","slug":"fallobst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=10438","title":{"rendered":"Fallobst"},"content":{"rendered":"\n<p>Aus dem Buch:<strong> Fallobst, Suhrkamp, von H.M.E. Seite 19. <\/strong> <strong>Ein Text, der es wert ist, dass er abgeschrieben wird:<\/strong> Abgeschrieben von G. Klaut.<\/p>\n\n\n\n<p>&gt;Ich\nspreche von der lasterhaften Gewohnheit, andern die eigenen Schriften\nvorzulesen oder zu rezitieren. Zwar geht sie auf die \u00e4ltesten Zeiten\nzur\u00fcck; doch war dieses Elend in den vergangenen Jahrhunderten noch\nzu ertragen, weil es seltener vorkam, w\u00e4hrend heute, da das\nSchreiben Allgemeingut geworden ist, schwerlich jemand zu finden ist,\nder nicht irgend etwas verfa\u00dft h\u00e4tte. So ist die neue  Plage, eine\nHeimsuchung, eine Gei\u00dfel der Menschheit daraus geworden. \n<\/p>\n\n\n\n<p> Das ist kein Scherz, sondern die reine Wahrheit. Denn inzwischen mu\u00df man deshalb bereits vor Bekanntschaften auf der Hut sein und der Freundschaft aus dem Weg gehen; denn an keinem Ort und zu keiner Stunde kann ein unschuldiger Mensch sich sicher sein, da\u00df man ihn nicht \u00fcberf\u00e4llt und entweder auf der Stelle qu\u00e4lt oder dorthin verschleppt, wo er endlose Prosaschriften oder Tausende von Versen \u00fcber sich ergehen lassen mu\u00df. <\/p>\n\n\n\n<p>[ . . . ]<\/p>\n\n\n\n<p>\tObwohl\njeder Verfasser die uns\u00e4gliche Bel\u00e4stigung kennt, unter der er\nselber leidet, wenn er die Sachen andrer anh\u00f6ren mu\u00df; obwohl er\nmerkt, wie seine G\u00e4ste erbleichen, sich r\u00e4keln und g\u00e4hnen; obwohl\ner wei\u00df, da\u00df sie alle m\u00f6glichen Ausreden vorbringen oder gleich\ndie Flucht ergreifen, um sich vor ihm zu verstecken,\nverfolgt er mit eiserner Stirn und unbegreiflicher Hartn\u00e4ckigkeit\nwie ein hungriger B\u00e4r seine Opfer, und wenn er sie \u00fcberrascht,\nzerrt er sie dorthin, wo er sie haben will.  Und w\u00e4hrend der Lesung\nsieht er zwar, wie sich die Todesangst des ungl\u00fccklichen Zuh\u00f6rers\ndarin \u00e4u\u00dfert, da\u00df er sich windet, da\u00df er g\u00e4hnt, da\u00df er sich am\nliebsten gleich hinlegen w\u00fcrde. Aber er gibt keine Ruhe. Im\nGegenteil, nur noch wilder und verbissener t\u00f6nt und schreit er\nstundenlang weiter, w\u00e4hrend der H\u00f6rer l\u00e4ngst der Ohnmacht nahe\nist, so lange, bis ihn  die Heiserkeit \u00fcbermannt und seine Kr\u00e4fte\nschwinden. Nicht,\nals g\u00e4be er sich damit zufrieden! Denn eben das, was er seinem\nN\u00e4chsten antut, erf\u00fcllt ihn mit seiner paradiesischen, quasi\n\u00fcbermenschlichen Lust. Siehe, so einer vergi\u00dft alle anderen L\u00fcste,\nverzichtet ganz auf Schlaf und Essen und verliert das Leben und die\nganze Welt aus den Augen, nur weil er fest davon \u00fcberzeugt ist, da\u00df\ndas Publikum an seinen Lippen h\u00e4ngt und ihn bewundert. Sonst n\u00e4mlich\nw\u00fcrde er uns verschonen und lieber in der W\u00fcste predigen.&lt;<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Giacomo\nLepardi, Pensieri XX, \u00fcbersetzt von H. M. E.<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Buch: Fallobst, Suhrkamp, von H.M.E. Seite 19. Ein Text, der es wert ist, dass er abgeschrieben wird: Abgeschrieben von G. Klaut. &gt;Ich spreche von der lasterhaften Gewohnheit, andern die eigenen Schriften vorzulesen oder zu rezitieren. 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