{"id":10463,"date":"2019-12-26T17:30:07","date_gmt":"2019-12-26T17:30:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=10463"},"modified":"2024-11-17T16:35:40","modified_gmt":"2024-11-17T16:35:40","slug":"willy-muenzenberg-aus-dem-schweizer-zuchthaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=10463","title":{"rendered":"Willy M\u00fcnzenberg aus dem Schweizer Zuchthaus"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"686\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/milpferd_einauge-1024x686.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8642\" style=\"width:252px;height:167px\" srcset=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/milpferd_einauge-1024x686.jpg 1024w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/milpferd_einauge-300x201.jpg 300w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/milpferd_einauge-768x515.jpg 768w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/milpferd_einauge.jpg 1070w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><strong>Historischer Text ausgew\u00e4hlt von Stinki M\u00fcller<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><strong>Willi M\u00fcnzenberg Geschrieben im Schweizer Zuchthaus 1918<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-file\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/PDFWilli-M\u00fcnzenberg1918Fertig1.pdf\">PDFWilli-M\u00fcnzenberg1918Fertig1<\/a><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/PDFWilli-M\u00fcnzenberg1918Fertig1.pdf\" class=\"wp-block-file__button wp-element-button\" download>Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Willi M\u00fcnzenberg<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Lebenslauf<\/p>\n\n\n\n<p>Verlag\nDetlev Auvermann KG Glash\u00fctten im Taunus 1972<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/IMG_3008klein.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10480\" style=\"width:263px;height:175px\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Abschrift\ndes Lebenslaufes von Wilhelm M\u00fcnzenberg<\/p>\n\n\n\n<p>Die Eltern<\/p>\n\n\n\n<p>========<\/p>\n\n\n\n<p>Das Recht der ersten Nacht ist in Deutschland nach dem Gesetz schon seit langem aufgehoben. Praktisch freilich wird es heute mindest so oft als fr\u00fcher ausge\u00fcbt. Nur wartet man nicht bis zur Hochzeitsnacht der Magd und beschr\u00e4nkt sich auch nicht auf nur eine Nacht. Es war deshalb kein besonderer Zufall oder ein ausgezeichnetes Wunder, als sich Baron von M. vergass, sein aldiges und edles Blut mit demjenigen seines Zimmerm\u00e4dchens zu mischen. Das Kind erbte den Standesd\u00fcnkel, den J\u00e4hzorn, die Brutalit\u00e4t und Roheit, die Liebe zu Wein, Weib, Weib und Spiel, kurz alle Tugenden seines Vaters, ohne dessen Verm\u00f6gen. Der Alte benahm sich immerhin noch anst\u00e4ndiger als andere seines Standes und in seiner Lage. Er anerkannte das Kind, gab ihm seinen Namen und bestritt die Kosten seiner besseren Schulbildung. Aber die junkerlichen Triebe in dem Jungen waren zu stark, um einen gr\u00f6sseren Lerneifer aufkommen zu lassen. Als Knabe war er der Anf\u00fchrer aller losen und verwegenen Streiche und als J\u00fcngling mehr im Wirtshaus und hinter den jungen Sch\u00f6nen des Dorfes her als beim Studium. Ermahnungen und Drohungen des Alten fruchteten nichts. Da sagte sich dieser von dem Jungen los, kaufte f\u00fcr 300 Taler seinen Namen zur\u00fcck und jagte ihn zum Teufel. Da brach der Krieg zwischen Preussen &amp; Oesterreich aus (1866) und der hoffnungsvolle Spr\u00f6ssling des preusssischen Junkers und seiner Magd, der nichts gelernt und nichts zu verlieren hatte, meldete sich freiwillig. Er wurde angenommen und folgte als Feldgendarm dem siegreichen preussischen Heer. Das Leben unter den Soldaten gefiel ihm und er beschloss zu bleiben. Als Ordonanzreiter machte er einige Jahre sp\u00e4ter den deutsch-franz\u00f6sischen Krieg mit, nahm 1873 den Abschied und wurde als Telegraphist angestellt. Das blieb er er aber nicht lange. Ein frischer Unternehmungsgeist trieb ihn, sich selbst zu versuchen und wurde in wechselreicher Reihenfolge Agent, F\u00f6rster, G\u00fcterspekulant, Gastwirt, Coiffeur, Gefl\u00fcgelh\u00e4ndler etc., ohne aber mit irgend einem Fach dauernd Fuss fassen zu k\u00f6nnen. Das Soldatenleben und die Teilnahme an zwei Kriegen hatte alle seine Leidenschaften und Neigungen m\u00e4chtig gef\u00f6rdert. Zu gute kam ihm nur der dabei gewonnene frische Unternehmungsgeist und eine gewisse Weltgewandtheit, die sich sp\u00e4ter zu einem guten und sicheren Gesch\u00e4ftssinn entwickelte. Im Vergleich zu der Vermehrung und der Steigerung der schlimmen Eigenschaften herzlich wenig. Der Standesd\u00fcnkel war durch milit\u00e4rische Chargen und Orden kr\u00e4ftig gehoben worden. Und fehlte ihm auch der Name und das Verm\u00f6gen, in seiner Einbildung und durch seine Abstammung f\u00fchlte er er sich als ein Mitglied der herrschenden, besseren Klasse, als schneidiger preussischer Junker und schaute mit Verachtung auf das gew\u00f6hnliche Volk. Die Liebe f\u00fcr ein flottes Leben, f\u00fcr Wein, Weib und Spiel war um die teurere Passion, f\u00fcr die Jagd, reicher geworden. Kein Wunder, wenn das schnell und leicht erworbene Geld ebenso schnell und rasch wieder zerfloss. Wenn ihm heute eine gl\u00fcckliche G\u00fcterspekulation Tausende in den Schoss warf, so verschlang morgen eine Jagdpartie zehntausende. Besonders die Leidenschaft f\u00fcr den Wein war durch den Krieg und nicht zuletzt durch die eroberten Weinkeller der franz\u00f6sischen Bauern zu einer unbezwinglichen Trunksucht geworden. Und da der Wein in der Heimat ziemlich teuer war, so trat an dessen Stelle der Schnabs, der Gocnak und ein &#8222;guter Korn&#8220;. Und das t\u00e4glich genossene Quantum stieg von Jahr zu Jahr und die Tage ohne Rausch wurden im selben Masse seltener. Hand in Hand mit der Vergr\u00f6sserung der Trunksucht ging die Steigerung des J\u00e4hzorns, der Brutalit\u00e4t und Roheit. Die geringste ihm missfallende Handlung, ja, schon ein einziges Wort konnte ihn in einen Taumel sinnloser Wut versetzen. Als es anl\u00e4sslich eines Kartenspiels zwischen ihm und einem Mitspielenden zu Differenzen kam, verliess er in h\u00f6chster Erregung das Zimmer, um einige Minuten mit dem geladenen Gewehr zur\u00fcckzukehren. Nur mit M\u00fche konnte dem Tobenden das Gewehr entwunden werden. Ueberhaupt wurde das Schiessen je l\u00e4nger je mehr zu einer direkten Manie des Ungl\u00fccklichen. Einige Gewehre hingen stets geladen \u00fcber dem Bett. Er begn\u00fcgte sich nicht mit der Jagd auf die gew\u00f6hnlichen Jagdtiere, sondern schoss Stare, Raben, St\u00f6rche, Katzen, Hunde, kurzum, was ihm vor das Rohr kam. Zu Hause droht er er t\u00e4glich, sich zu erschiessen, die Frau, die Kinder, die &#8222;ganze Bande zu erschiessen&#8220;. Und mehr wie einmal rettete nur die schleunige Flucht die Ungl\u00fccklichen vor dem Tod. Alles wurde aber \u00fcbertroffen durch seine Roheit und Brutalit\u00e4t gegen die Familie. Jedes, auch nur das geringste und kleinste gef\u00fchlvolle Verst\u00e4ndnis f\u00fcr ein Familienleben fehlte ihm vollst\u00e4ndig und Liebe f\u00fcr Frau und Kinder war ihm so weltfremd, wie die Pflicht, f\u00fcr sie zu sorgen. W\u00e4hrend er in lockerer und feuchtfr\u00f6hlicher Gesellschaft tausende verprasste, fehlte der Familie das zum Leben notwendige Brot! Um die Erziehung der Kinder bek\u00fcmmerte er sich nur insofern, als er ab und zu, und das nicht selten, alle auf das grausamste schlug. Mit der Frau wurde begonnen und mit dem J\u00fcngsten geendet. Dabei fand alles Verwendung , was ihm in die Hand kam St\u00f6cke, Peitschen, Ketten, Eisenst\u00fccke, Geschirr. Narben auf allen K\u00f6rperteilen der Kinder zeugen heute noch von den erlittenen Misshandlungen. Als eines Tages der damals zweij\u00e4hrige \u00e4lteste Sohn weinte, ergriff ihn der darob erboste Vater und warf ihn wie ein Ball oder ein Stein die Treppe hinunter. Nur dass die Mutter das Kind auffing und so den Sturz milderte, rettete dem Kind das Leben. Nat\u00fcrlich schrie der Kleine noch kl\u00e4glicher als zuvor. Das machte den Vater so w\u00fctend, dass er Mutter und Kind in die Jauchegrube warf. Die Jauchegrube befindet sich in den th\u00fcringischen Bauernh\u00e4usern in der Mitte des Hofes und ist eine Grube ca. 2 m. tief, 3 m. breit und 6 m. lang. Auf die Hilferufe der beiden eilt die Schwiegermutter herbei, um gleich darauf ebenfalls in der Grube zu liegen. Nicht besser erging es dem Schwiegervater, der mit einer Mistgabel bewaffnet dem W\u00fctenden zu Leibe wollte. Und w\u00e4hrend Gro\u00dfvater, Grossmutter, Mutter und Kind in der stinkenden Jauche zappelten und sich zu retten suchten, erz\u00e4hlte der Held des St\u00fcckes den wildauflachenden Bauern seine neueste Heldentat und unter den unfl\u00e4tigsten Witzen. Das war mein Vater! Sp\u00e4ter habe ich mich manchmal gefragt, wie war das alles m\u00f6glich? Wie war es m\u00f6glich, das ein solcher Mensch vierzig Jahre ein Familie qu\u00e4len, vierzig Jahre wie ein Wahnsinniger leben leben durfte, ohne das die Nachbarschaft, ohne das die Beh\u00f6rde eingriff? Eine alles erkl\u00e4rende Antwort habe ich bis heute nicht gefunden. Viel erkl\u00e4rt das Wesen meiner Mutter. Meine Mutter kenne ich mehr nach den Schilderungen der \u00e4lteren Geschwister als aus eigener Erinnerung; sie starb, bevor ich vier Jahre alt war. Sie war die Tochter armer Bauersleute in der N\u00e4he von Erfurt und wie alle deutschen Arbeiter und armen Bauern, grenzenlos zufrieden und unterw\u00fcrfig. Am schwersten musste sie ihre begeisterte Liebe f\u00fcr das bunte Tuch b\u00fcssen. Sie liebte an ihrem Mann vor allem die Uniform und nur den Soldaten. Sie blickte zu ihm auf wie zu einem h\u00f6heren Wesen, und empfand seine Liebe als die gr\u00f6sste, ihr erwiesene Gnade. Diese Ehrfurcht wurde durch die halbadlige Abstammung und durch die kriegerischen Auszeichnungen des Mannes noch bedeutend vergr\u00f6ssert. Damit aber war ihre Stellung in der Ehe gegeben. Sie war die Magd und er der Herr. Die Ehe war eine schlechtere Ausgab der Liebschaft zwischem dem Baron und seinem Zimmerm\u00e4dchen, die zum Ungl\u00fcck mit einer Heirat endete. Unergr\u00fcndlich, wie die tiefsten Tiefen des Weltmeers ist das Leid, das die vielgepr\u00fcfte Frau in dem Martyrium einer vierunddreissigj\u00e4hrigen Ehe frommgeduldig ertrug. In ihren H\u00e4nden allein lag die Erziehung der Kinder und sp\u00e4ter, als der Mann alles vertrank und vertat, auch die Ern\u00e4hrung der Familie. Vom fr\u00fchen Morgen bis in die sp\u00e4te Nacht war sie unerm\u00fcdlich t\u00e4tig, durch den Betrieb einer Kuchenb\u00e4ckerei das zum Unterhalt der Familie notwendige Geld zu verdienen. Und anstatt der Mann dazu beisteuerte, forderte er noch. Sie sollte ihm das Geld erarbeiten, das er in Gesellschaft mit Dirnen verprasste! Und als Entgelt Grobheiten, Skandale, Misshandlungen und Pr\u00fcgel. Wie viele N\u00e4chte wachte sie, in banger Angst und Sorge um das Leben und das Leben ihrer Kinder. Wie viele N\u00e4chte arbeitete sie, wenn die Stunden des Tages nicht langten. O tr\u00e4nenreichste, schmerzensreichste Dulderin deines Geschlechts! Wie oft habe ich nichts sehnlicher gew\u00fcnscht, um mit kindlicher Liebe all das zu vergelten, das du in namenloser Liebe an uns und an mir getan. Ach, wie zu oft habe ich gew\u00fcnscht, alle deine um mich geweinten Tr\u00e4nen von den geliebten Wangen zu k\u00fcssen oder sie in Tr\u00e4nen gl\u00fccklichster Freude zu verwandeln. Heute, da in stiller Einsamkeit die Erinnerungen fr\u00fcherer Zei-ten besonders lebendig in der Seele werden, heute fasse ich den Kopf mit beiden H\u00e4nden und frage mich verzweifelnd &#8222;Wie war es m\u00f6glich, das ich dich vergessen konnte? Wie war es m\u00f6glich, dass ich mithelfen konnte, die ewig w\u00e4hrende Mutterliebe zu bezweifeln und zu leugnen; zu der selbst der Richter des &#8222;Scheiterhaufen&#8220; und &#8222;der Vater&#8220; mit heiligem Schauer zur\u00fcckkehrte? Wie vielmehr ich, der Dich Mutter nennt? Wie immer sich auch der Begriff Pflicht, Recht, Liebe \u00e4ndern mag, in deinem Leid, o Mutter, in deinem Schmerz bis du unerreicht gross, jetzt und in alle Ewigkeit. Dem ersten Buben, meinem \u00e4ltesten Bruder, schenkte sie das Leben, als ihr Mann als preussischer Soldat vor Paris stand. Er wurde das getreueste Ebenbild des Vaters, wie er Soldat, Spieler und Trinker. Da er bereits dreissig Jahre alt war, als ich geboren wurde und nur selten zum Besuch bei uns weilte, hat er keinerlei Einfluss auf mein Leben ausge\u00fcbt. Seit mehr als zehn Jahren hat \u00fcberhaupt jeder Verkehr zwischen uns aufgeh\u00f6rt. Ihm folgte nur einige Jahre sp\u00e4ter meine Schwester, in der sich die Eigenschaften von Vater und Mutter mischten. Besass sie von Vater den unbeugsamen Willen und den frischen Unternehmungsgeist, dann von der Mutter die Kraft zu schwerer und dauernder Arbeit. Ihr Leben war noch dornenvoller als das der Mutter. Wegen ihrer Liebe von zu Hause versto\u00dfen, heiratete sie einen Menschen, der nach wenigen Jahren sich in der Trunkenheit verlor. Nach der Scheidung behielt sie nicht viel mehr als ihre sechs oder sieben Kinder. Sie heiratete wieder, einen Witwer, ebenfalls mit mehreren Kindern und seit jener Zeit habe ich nie mehr etwas von ihr geh\u00f6rt. Der dritte Spr\u00f6ssling war wieder ein Bube, der 1882 geboren wurde. Er glich in allen Z\u00fcgen der Mutter. Mit ihm war ich am l\u00e4ng-sten in Verbindung und wechsle heute mitunter noch Briefe. Trotzdem er sp\u00e4ter mein Vormund wurde, habe doch ich auf ihn den gr\u00f6sseren Einfluss ausge\u00fcbt als er auf mich und ihn sowohl der Partei wie der Gewerkschaft zugef\u00fchrt. Mit seiner Geburt glaubte die damals zweiundvierzigj\u00e4hrige Frau ihre Pflicht als Mutter erf\u00fcllt zu haben. Eine besondere Freude wird die mit schwerer Arbeit \u00fcberb\u00fcrdete Frau nicht empfunden haben, als sie sich Anfang 1889 nochmals Mutter f\u00fchlte und Segensw\u00fcnsche waren es sicher keine, mit dem der Vater das frohe Ereignis begr\u00fcsste. Am 14. August wurde ich geboren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten Eindr\u00fccke<\/p>\n\n\n\n<p>=================<\/p>\n\n\n\n<p> Das erste Gef\u00fchl, das mich beherrschte und auf das ich mich heute noch erinnern kann, war bange Furcht. Der Ruf &#8222;Vater kommt&#8220; erschreckte mich auf das tiefste und vor Angst wusste ich nicht, soll ich mich verstecken oder stehen bleiben. Soweit ich mich erinnere und so oft ich noch die gemeinsam mit ihm verlebten f\u00fcnfzehn Jahre an mir vor\u00fcberziehen lasse, nicht auf ein liebevolles oder z\u00e4rtliches Wort kann ich mich von ihm besinnen. Zum Gl\u00fcck war der Vater selten zu Hause, mitunter sah ich ihn wochenlang nicht, dann weilte er auf Jagden und Vergn\u00fcgungsreisen. Damals bewohnten wir eine Etagenwohnung eines mittelgrossen Hauses in der damaligen Hauptstrasse von Erfurt. Rechts die T\u00fcr vom Hauseingang f\u00fchrte in den Laden, den die gute Mutter zu Ern\u00e4hrung der Familie betrieb, links die T\u00fcr in das Heiligtum, das wir Kinder nie oder nur selten betreten durften, in das Zimmer des Vaters. Es war das best eingerichtetste der ganzen Wohnung. Hinter dem Laden befand sich das Wohn- und daran anschliessend das Schlafzimmer. Die K\u00fcche und der Backraum waren hinter des Vaters Zimmer. Die Stuben waren niedrig und dunkel, das Haus schon alt. Das T\u00f6chterchen einer Nachbarfamilie, wie ich sp\u00e4ter erfuhr, des sozialdem. Reichstagsabgeordneten R. war meine erste Spiel-gef\u00e4hrtin, auf die ich mich erinnern kann. Besonders liebte ich die Spiele, wo ich predigen konnte \u2013 Hochzeits \u2013 Beerdigungs- u.s.w.. Ich bin, trotz Strindbergs \u201cDamaskus\u201c und \u201cInferno\u201c zu viel Atheist um in all diesem den weisenden Finger einer h\u00f6heren Macht oder des Schicksals zu sehen. Aber ein leises Gef\u00fchl stillen Gl\u00fccks \u00fcberf\u00e4llt mich doch, wenn vor mir der dreij\u00e4hrige, kleine Knirbs mit dem ausgestopften Bauch und der Muttersch\u00fcrtze auf dem Stuhle steht, um der nach grausamem (n) Schmerzenslager gestorbenen Puppe die Beerdigungsrede zu halten. Ja, damals. &#8211; Die treueste Pflegerin wurde mir, da die Mutter vor allzustrenger Arbeit keine Zeit fand, meine Schwester. Und das d\u00fcrfte auch die Ursache sein, warum ich mich sp\u00e4ter in schmerzlichster Sehnsucht mehr nach einer Schwester sehnte, als nach der Mutter, um in dessen Schoss mein Haupt zu bergen und alles Leid und alle Schmerzen der Seele auszuweinen. Und namenlos gl\u00fccklich f\u00fchlte ich mich, als mein Wunsch in Erf\u00fcllung ging und das beste M\u00e4dchen meine Kameradin, meine Freundin und meine Schwester wurde.  Fr\u00fchzeitig wurde alles getan, um mir die gleiche Begeisterung f\u00fcr das Soldatenleben zu erwecken, die die ganze Familie daf\u00fcr hegte. Bleisoldaten, Festungen, Gewehr, S\u00e4bel, Trommel und dergleichen war mein erstes und einziges Spielzeug. Erst dreij\u00e4hrig, schickte mein \u00e4lterer Bruder, der damals als Unteroffizier in Gotha weilte, mir eine Soldatenuniform. Mit diesem Kleid lief ich nun Tag f\u00fcr Tag durch die Strassen und die Familienmitglieder waren nicht wenig stolz, wenn das stramme Salutieren des kleinen Knirbses von den Soldaten und Polizisten l\u00e4chelnd erwidert wurde. Am gl\u00fccklichsten zeigt sich daron stets meine Mutter. Die arme Frau. Selbst das dreissigj\u00e4hrige Martyrium unter einem waschechten Soldaten und Krieger, wie es mein Vater war, mit all den scheusslichen Erniedrigungen, Leiden, Qualen  und Misshandlungen, konnte bei ihr die Begeisterung f\u00fcr das bunte Tuch nicht schw\u00e4chen. Alle ihre Buben, das war ausgemacht, mussten stramme Soldaten werden und wie der Aeltestes zw\u00f6lf Jahre dienen. Auf dem Sterbebett war es ihr letzter Wunsch, den \u201cWilly\u201c nochmals als Soldaten zu sehen\u201c. Und so wurde ich angekleidet mit der Uniform, den Helm auf gesetzt und den S\u00e4bel umgeschnallt und an das Bett der Sterbenden gebracht.  Die arme Mutter. H\u00e4tte sie geahnt, welche ganz andere Wege sp\u00e4ter ihr J\u00fcngster zu gehen bestimmt war. Zu stark wurzelte das Vorurteil in ihrer Seele, zu m\u00e4chtig wirkte die an der Mutterbrust begonnene Erziehung und die landes\u00fcbliche Gewohnheit und eine fast kl\u00f6sterliche Abgeschlossenheit tut das seinige, um die Ideen und Anschauungen des Bauernm\u00e4dchens zu konservieren.  Nach der Mutter Tod wurde die B\u00e4ckerei aufgegeben, die Schwester verliess uns und der Vater, der damals 11 j\u00e4hrige Bruder H. und ich zogen in eine kleinere und bescheidenere Wohnung. Aber nicht lange. Mein Vater macht bald eine gute Partie und heiratete eine Witwe mit cirka 20.000 Mark Verm\u00f6gen. Mit dem Geld erwarb er eine Gastwirtschaft in einem Dorf in der N\u00e4he von Weimar. Die Stiefmutter war ein geistig etwas beschr\u00e4nktes Wesen und die Behandlung und Pr\u00fcgel, die sie gleich meiner Mutter von meinem Vater erhielt, trugen nicht dazu bei, ihre Intelligenz zu sch\u00e4rfen. Ihr fehlte jede Liebe zu dem Mann  wie zu uns. Die Misshandlungen seitens des Mannes quittierte sie durch L\u00fcgen und kleine Intrigen und die magere Kost verbesserte sie durch Naschereien. Mit uns schimpfte sie den ganzen Tag, sodass wir schon nach kurzer Zeit sie nicht mehr ernst nahmen. Von einem Familienleben konnte jetzt noch weniger wie fr\u00fcher die Rede sein. Wenn ich heute, in den stillen und langen N\u00e4chten, die ich in einer Zelle der Polizeikaserene  Z\u00fcrichs, die mich immer an eine zur inneren Einkehr mahnende Klosterzelle erinnert- durchlebe und alle Stunden meiner fr\u00fchesten Kindheit vor mir vor\u00fcberziehen lasse, dann kommt es mir immer deutlicher zum Bewu\u00dftsein, dass die Wurzeln meines Wesens, meiner Leidenschaft, meiner Symphatien und Antipathien, bis in diese entfernte Tage reichen. Der Eckel und Schreck gleichzeitig erregende betrunkene Gestalt meines Vaters fl\u00f6sste mir einen tiefen, un\u00fcberwindlichen Abscheu gegen alle alkoholischen Getr\u00e4nke ein. Und w\u00e4hrend meine Schulkameraden mir Kreisel, Peitsche und alle ihre Herrlichkeiten anboten, wenn ich ihnen heimlich zu einem Glas Bier oder einem Gl\u00e4schen Lik\u00f6r verhalf, konnte ich bei besten Willen nie einen Schluck von diesem Zeug \u00fcber die Lippen bringen. Aus gleicher Ursache verabscheute ich jedes Zeichen von Roheit und Brutalit\u00e4t. Der pl\u00f6tzliche Verlust zweier mich pflegender Frauen, meiner Mutter und Schwester, dem bald derjenige meines Bruders folgte, raubte mir jede Pflege des kindlichen Gem\u00fcts, jede tr\u00f6stende Z\u00e4rtlichkeit und helfende Liebe. Aber der Keim zu etwas weichem, zarten, liebreichen war gelegt und dr\u00e4ngte immer und immer wieder zu einer Aeusserung. Je mehr und je l\u00e4nger ich jede z\u00e4rtliche und liebevolle Pflege entbehren musste, immer gr\u00f6sser wuchs sie, immer schmerzlicher empfand ich jedes harte und b\u00f6se Wort. Menschen hatte ich keine, die ich lieben konnte und die mich lieb-ten. Da fl\u00fcchtete ich mich zu den Pflanzen und Tieren. Mit ihnen lebte ich, mit ihnen wuchs ich auf und ihnen liess ich die ganze Z\u00e4rtlichkeit meiner Kindesseele angedeihen. Als ein Hund erschossen werden musste, den wir \u00fcber 4 Jahre hatten, weinte ich tagelang und wollte mit ihm in die Grube. Damals war ich zehn Jahre alt. Das schrecklichste f\u00fcr mich war es, als ich als 13 J\u00e4hriger  jungen Tauben die K\u00f6pfe abreissen sollte. Trotz allen Drohungen des Vaters konnte ich vor Weinen und R\u00fchrung seinen Befehlen nicht nachkommen. Wohl nahm ich die Taube in die Hand, aber ein Blick in ihre kleinen, flehenden Augen machte mich bis auf das innerste erschaudern. Ja, noch sp\u00e4ter, wo ich schon Mitglied der \u201crevolution\u00e4ren\u201c Schuldemokratie war, konnte mich eine Diskusssion so mitnehmen, dass ich N\u00e4chte lang weinte und und direkte Weinkr\u00e4mpfe  bekam. Geschlagen zu werden war f\u00fcr mich das schlimmste, f\u00fcrchterlichste Ungl\u00fcck, das mich treffen konnte und ich war entschlossen, gleich dem Helden in meiner dramatischen Szene \u201cJung-Volk\u201c, eher zu sterben als eine k\u00f6rperliche Z\u00fcchtigung zu ertragen. Schlagen konnte ich nie. Diese fast m\u00e4dchenhafte Weichheit ist mir umso unerkl\u00e4rlicher, als ich schon recht fr\u00fch eine Masse Indianerb\u00fccher und R\u00e4ubergeschichten lass, die doch sich nicht dazu angetan waren, diese Zartheit und Empfindlichkeit zu f\u00f6rdern. Heute noch kann das Leiden eines Anderen oder eine gewisse Naturstimmung,  ja schon ein Bild oder ein Lied in meiner Seele die zartestes und weicheste Regung erwecken, die ich dann stammelnd in Verse auszudr\u00fccken suche. Der seit der fr\u00fchesten Kindheit ungestillte Drang nach Liebe und z\u00e4rtlicher Pflege lebt heute in unverminderter St\u00e4rke in mir und ist der st\u00e4rkste Trieb, der mir die Feder in die Hand dr\u00fcckt. Auf die ersten Eindr\u00fccke in meiner Kindheit f\u00fchre ich auch meine Antipathie gegen alles, was mit dem Milit\u00e4r in Zusammenhang steht, zur\u00fcck. F\u00fcr mich war jahrelang ein Soldat und ein betrunkener Raufbold ein und dasselbe. Ich hatte zu Hause einen zu guten Anschauungsunterricht genossen. In jedem uniformierten Menschen sah ich etwas von einem Henker. Durch das Studium wissenschaftlicher Untersuchungen, haupts\u00e4chlich einer Menge volkswirtschaftlicher Leh-ren,  trat sp\u00e4ter an Stelle der gef\u00fchlsm\u00e4ssigen Abneigung gegen das Milit\u00e4rwesen mehr die bewu\u00dfte Wertsch\u00e4tzung \u00fcber die Rolle des Milit\u00e4rs im heutigen Staat. Trotzdem bef\u00fcrchte ich, dass, vielleicht unbewu\u00dft, auch heute noch die aus den ersten Eindr\u00fccken resultierte  gef\u00fchlsm\u00e4ssige Antipathie nachwirkt. Kein Buch und keine Lehre und auch kein Resultat wissenschaftlicher Forschung wirkt ja so nachhaltig und tief auf uns, wie gef\u00fchlsm\u00e4ssig erworbene Eindr\u00fccke pers\u00f6nlichen Erlebens. Diese Erkenntnis ist es auch gewesen, die mich in den letzten Jahren auf eine Aende-rung der Unterrichtsmethode in der sozialistischen Bildungsarbeit dr\u00e4ngen liess. An Stelle des toten Unterrichts abstrakter und theoretischer Begriffe sollte mehr und mehr die Erwerbung sozia-listischer Erkenntnisse auf dem Wege gef\u00fchlsm\u00e4ssiger eigener Er-lebnisse der zu Bildenden geschehen. Das, was heute zuf\u00e4llig geschieht, muss zu einer Lehrmethode ausgebaut werden. Ich verhele mir nicht die imanenten Schwierigkeiten, die einer v\u00f6lligen L\u00f6sung dieses Problems harren, aber es muss gel\u00f6st werden, soll die sozialistische Bewegung mehr als Parteisache, zu einer wirklichen Volks- und Kulturbewegung werden. Recht fr\u00fch \u00e4usserte sich bei mir der Drang zu organisieren. Als Vierj\u00e4hriger liebte ich neben dem \u201cpredigen\u201c nichts so sehr als das Organisieren der gespielten Hochzeiten, Feste etc. Ich verteilte die Rollen, stellte die Mitspielenden auf, bezeichnete den Weg, baute den Altar und so weiter. Sp\u00e4ter arrangierte ich Indianer- und R\u00e4uberspiele oder auch Theaterszenen. Als 12 j\u00e4hriger f\u00fchrte ich ohne Auftrag und Weisung eine vaterl\u00e4ndische Feier durch, an dem das halbe Dorf und die gesamte Jugend teilnahm. Und noch bevor ich mit der sozialistischen  Arbeiterbewegung in Ber\u00fchrung kam, bet\u00e4tigte ich mich an der Gr\u00fcndung von Theaters und Fussballklubs. Woher dieser Drang kommt, kann ich mir freilich nicht erkl\u00e4ren. Am schlimmsten hatte ich unter dem Furchtgef\u00fchl zu leiden, das  sich von Jahr zu Jahr steigerte. Vor allem wurde die Angst vor dem Vater riesengross. W\u00e4hrend ich in der fr\u00fchesten Kindheit mich nur vor seinen harten und b\u00f6sen Worten und vor den Schl\u00e4-gen f\u00fcrchtete, hatte die immerw\u00e4hrende Drohung mit dem \u201cAufschiessen\u201c es soweit gebracht, dass ich schon als 8 j\u00e4hriger, meinem Vater zutraute, mich zu ermorden. Diese Angst wuchs ins Unermessliche, als er in jener Zeit meinen Bruder zu erschiessen versuchte, der, mit Hemd und Hosen bekleidet, sich nur durch einen Sprung aus dem ersten Stock  unseres Hauses  retten konnte. Heute presst es mir noch die Kehle zusammen, wenn ich daran denke, wie ich als 8 j\u00e4hriger vor jedem Einschlafen betete \u201cLieber Gott, mach, dass mein Vater mich nicht totschiesst.\u201c &#8211;  Das Lesen einer  Menge Indianerb\u00fccher, R\u00e4uber- und Gespenstergeschichten verkleinerten nat\u00fcrlich diese Furcht nicht und \u00fcbertrugen sie nur noch auf andere Erscheinungen. Ich f\u00fcrchtete mich vor dem Blitz, dem Donner, der Dunkelheit, vor hundert eingebildeten Gestalten, die meine gereizte Phantasie schuf, vor etwas grossem Unbekannten, vor dem Schicksal, vor Gott. Es hat lange, lange gedauert bis ich diese Furcht \u00fcberwun-den hatte und ich jauchzend und durch ein inneres Kraftgef\u00fchl gl\u00fccklich, in dunkelster Nacht durch die schwersten Gewitter wan-derte. Bei allem qualvollem, das mir die Angst bereitete, verdanke ich ihr doch viel. Aus Angst habe ich, bevor ich die moralische und sittliche Kraft kannte, das Schlechte gemieden und das Gute getan.  Zu den n\u00fctzlichen Eigenschaften, die ich der Kindheit verdanke, geh\u00f6rt ein stark entwickeltes Selbstst\u00e4ndigkeitsgef\u00fchl. Das kommt wohl daher, dass sich nach dem Tod meiner Mutter eigentlich Niemand mehr um mich bek\u00fcmmerte. Niemand beaufsichtigte oder half mir bei meinen Schulaufgaben, erkundigte sich nach meinem Wohlergehen, Niemand nahm sich meiner an. Hatte ich etwas getan oder nicht getan, was des Vaters Zorn reizte, bekam ich eine gute Portion Pr\u00fcgel und ging, wie stets, weiter meine eigene Wege. Ich  glaube nicht an ein das Leben bestimmendes Schicksal und noch weniger an eine g\u00f6ttliche Vorsehung, wenn ich aber meine ersten Lebensjahre zergliedere und analysiere, komme ich doch zu der Ueberzeugung, das die mitunter unbewu\u00dft empfangenen Eindr\u00fccke und vor allem die der fr\u00fchesten Jugend einen starken Einfluss auf unser Gef\u00fchls- und Seelenleben aus\u00fcben und so doch indirekt unser Leben mitbestimmen.<\/p>\n\n\n\n<p> Die Schulzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>===========<\/p>\n\n\n\n<p> Meine Schulbildung wurde durch einen h\u00e4ufigen Wohnungs-wechsel der Familie sehr erschwert. Im ganzen besuchte ich an acht Orten, meistens kleinen Bauernd\u00f6rfern, die Schule. Der dort gebotene Unterricht war mehr als d\u00fcrftig. Die Hauptsache war Religion und dieser Unterricht beschr\u00e4nkte sich auf das Auswendiglernen von Bibelspr\u00fcchen und Gesangbuchversen. In der Geographie kam man \u00fcber das Herzogtum Gotha nicht hinaus. Die ganze J\u00e4mmerlichkeit der sonst so hoch gelobten deutschen Volksschule wird recht treffend durch folgenden Vorfall gezeichnet, der sich in einem Dorf  in der N\u00e4he unserers Wohnortes zutrug. In einer Gemeindeversammlung stellte der Lehrer den Antrag, eine Karte von Europa anzuschaffen. Da steht ein biederes B\u00e4uerlein auf und sagt \u201cWozu brauchen wir eine Karte von Europa, dorthin kommt doch keiner von uns!\u201c Meine schw\u00e4chsten Seiten in der Schule waren Singen, Sch\u00f6nschreiben und Turnen. In diesen drei F\u00e4chern wurde ich nie Meister, w\u00e4hrend ich im Rechnen, im Aufsatz, in Geschichte etc. stets eine gute Note errang. Eine besonders qualvolle Zeit war es f\u00fcr mich, als der Vater pl\u00f6tzlich den Einfall bekommt, ich m\u00fcsse Klavierspielen lernen. Jedenfalls versprach er sich durch etwas Musik in der Wirtschaft einen besseren Besuch, das Ungl\u00fcck aber war, dass ich absolut kein Talent und noch weniger Lust zum Musiker hatte. Dazu kam die Pferdekur meines Vaters, um mir dieses beide fehlende beizu-bringen. Mitunter musste ich 6. 7 und noch mehr Stunden am Kla-vier sitzen und ohne Pause spielen. Diese Tortur wurde dadurch nicht angenehmer, das ich begreiflicherweise im Anfang nur weni-ge Accorde spielen konnte. Ueber ein Jahr dauerte die Qual. Ich hatte es soweit gebracht, das Lied, \u201cGuter Mond du gehst so stille\u201c &#8211; spielen zu k\u00f6nnen. Wieder musste ich eines Tages mehrere Stunden ununterbrochen spielen ohne Aussicht, erl\u00f6st zu werden. Der Vater hockte wie gew\u00f6hnlich berauscht auf seinem Stuhl. Im Vertrauen auf den Rausch erwiderte ich, als er frug, was ich spiele, den \u201cTorgauer Marsch\u201c. Das war sein Lieblingsst\u00fcck und ich hoffte damit los zu kommen. Sei es aber nun, dass er nicht gen\u00fcgend berauscht war und die T\u00f6ne noch unterscheiden konnte oder war ihm der Marsch so bekannt, dass er ihn auch im \u00e4rgsten Rausch unterscheiden konnte, auf alle F\u00e4lle erkannte er meine L\u00fcge. Die  Folge war ein Mordsl\u00e4rm, eine t\u00fcchtige Tracht Pr\u00fcgel. Im Eifer hieb er mit der Kette, die diesmal zur Z\u00fcchtigung diente, in der eine damals noch \u00fcblichen Petroleumlampen, die dabei in Scher-ben ging. Eine neue Ursache, die Pr\u00fcgelei fortzusetzen: \u201cWegen  Dir Lump muss ich eine neue Lampe kaufen\u201c, rief er aus und Schlag folgte auf Schlag. Schliesslich holte er einen Strick, einen guten, neuen Strick, und forderte mich auf, mich aufzuh\u00e4ngen. Wenn ich am andern Tag noch lebte, w\u00fcrde er mich totschlagen. Ich nahm den Strick und ging nach dem Boden mit festem Vorsatz, dem Verlangen nachzukommen. Denn nie w\u00e4re es mir eingefallen, den Befehlen meines Vaters zu trotzen oder mich zu widersetzen.Freudige Gef\u00fchle freilich waren es keine, die mich bewegten. Ich dachte an den Schulausflug der bald sein sollte, und verschiedene Gespiele und Kameraden, an meinen Bruder und ganz zart und schwach noch an die verstorbene Mutter und die ersten Kindheits-tage und schlief dabei mit dem Strick in der Hand ein. So fand mich meine Stiefmutter und damit endeten meine musikalischen Studien.  Eine besondere Qu\u00e4lerei war f\u00fcr mich auch die Beschaffung der n\u00f6tigen Lehr-  und Lernb\u00fccher. Derselbe Mann, der tausende f\u00fcr Jagden und seine Leidenschaften ausgab, liess mich mehrmals um 10 Pfenning f\u00fcr ein Schreibheft bitten und machte den gr\u00f6ssten Skandal, bevor er sie gab. Darunter litt ich schrecklich. Ebenso unter den zerrissenen Kleidern und zu grossen Schuhen, mit denen ich zur Schule musste. Ich war oft das Gesp\u00f6tt der \u00fcbrigen Kinder. Ein alter Rock des  Vaters, der mir fast bis auf die Schuhe reichte, trug mit den Spitznamen \u201cSchwenko\u201c ein. Vor der Konfirmation fieberte ich geradezu und dachte an Selbstmord, da ich keinen Anzug und keinen Kragen bekommen sollte. Schliess-lich legte ich einen Kragen meines Vaters an, der mindest 55 cm hatte, w\u00e4hrend mein Hals h\u00f6chstens 35 war. Ich half mir, indem ich in die Mitte des Kragens ein Loch schnitt und den Kragen ander-thalbmal um den Hals legte. Was litt ich nicht allein an diesem Tag. Vor Scham drohte ich zu ersticken. Unz\u00e4hlig sind die Leiden, denen ich als Kind ausgesetzt war. Mitten in der Nacht, wenn der letzte Gast die Wirtschaft verlassen, weckte mich mein Vater und zwang mich, nur mit dem Hemd bekleidet, die Gl\u00e4ser und Flaschen zu putzen. Er war betrunken und konnte nicht unterscheiden, ob ein Glas geputzt oder ungeputzt war und so musste ich Gl\u00e4ser vier, f\u00fcnf und noch mehrmals reinigen. Ein Gl\u00fcck, wenn er so betrunken war, dass er bald einschlief, dann stahl ich mich leise davon, zur\u00fcck in das Bett und weinte bitterlich. Ich war noch nicht zehn Jahre, da weihte mich der Betrunkene mit den schmutzigsten Zoten in die Geheimnisse des Ehelebens ein und f\u00fchrte in meinem Beisein die eindeutigsten Griffe an dem K\u00f6rper meiner Stiefmutter aus. Das Blut schoss mir in die Wangen und ich verbarg den gl\u00fchenden Kopf hinter einem Zeitungsblatt. Er riss es weg, ein echter Wirtssohn muss alles wissen und du bist alt genug daf\u00fcr\u201c, schrie er dazu. Selbst wenn der Lehrer und Pfarrer als G\u00e4ste daweilten scheute er sich nicht, die dreckigsten Zoten zum Besten zu geben. Und nur die dringlichsten Vorstellungen dieser M\u00e4nner brachten in soweit, dass ich dann das Zimmer verlassen durfte. Von allen zehn Geboten schien mir zuerst das vierte f\u00fcr unwahr und unrichtig. Wie konnte ich einen Vater ehren und lieben, der sich schlimmer und schmutziger als ein Tier benahm? Hier setzten zuerst meine Zweifel an der Richtigkeit der g\u00f6ttlichen Ge-bote und Gesetze ein. Als Zehnj\u00e4hriger musste ich mitunter schon selbstst\u00e4ndig die Wirtschaft leiten. Der Vater war auf der Jagd und die Stief-mutter klatschte in der Nachbarschaft. Ich bediente die G\u00e4ste, spielte mit ihnen Karten und politisierte wie ein Alter. Die Berichte \u00fcber die Reichstagsverhandlungen war mir das erste, was ich regelm\u00e4ssig las und verfolgte. Und damals erregte der Burenkrieg alle Gem\u00fcter auf das heftigste. Ich war Feuer und Flamme f\u00fcr die Buren und verteidigte sie in der Wirtschaft genau so tapfer wie in der Schule gegen die Kameraden.  Ich fraternisierte direkt und erfand selbst Geschichten, um den Mut und die Tapferkeit der Buren im hellsten und herrlichsten Licht erstrahlen zu lassen.  Ja, ich traf sogar Vorbereitungen auszuwandern und ihnen zu helfen. Deshalb schnitt ich das Futter meines Rockes auf  und f\u00fcllte diesen mit Proviant. Das wurde entdeckt bevor ich ab-reisen  konnte  und die Folge war nat\u00fcrlich eine t\u00fcchtige Tracht Pr\u00fcgel, umso mehr, als ich nicht die schlechteste Wurst gew\u00e4hlt hatte. Meiner Begeisterung f\u00fcr die Buren tat das aber keine Einbusse. Wie fr\u00fcher, so summte ich auch danach noch w\u00e4hrend des ganzen Tages \u201cDie dreifarbige Fahne f\u00fcr s Transvaaler-Land, auf Buren besch\u00fctzt sie Gwehr in der Hand.\u201c Eine \u00e4hnliche grosse Begeisterung erlebte ich erst 1905 wieder und zwar f\u00fcr die russische Revolution. Damals kaufte ich mir eine Schrotpistole f\u00fcr 2,50 Mark und wollte allen Ernstes nach Petersburg, den Zaren t\u00f6ten. Meine Freunde hatten nicht wenig M\u00fche, mich von dem verr\u00fcckten Gedanken abzubringen.  Ein Lichtschimmer in das t\u00e4gliche Grau meiner Kindheit schaffte mir die Freundschaft mit einem gleichalterigen Schulkameraden, dem Sohn beg\u00fcterter Bauern. Bei ihm brachte ich jede Stunde freie Zeit zu. Wir fuhren auf das Land, trieben uns im Stall und in der Scheune herum, rauften, spielten, assen Beeren und Aepfel, wenn sie reif waren, mitunter auch schon vorher. Am liebsten aber zogen wie auf die Jagd, bewaffnet mit Pfeil und Bogen. Ein toter Rabe oder eine andere Tierleiche, die wir fandenm, wurden als stolze Troph\u00e4en des Jagdzuges heimgebracht.  Einmal erschreckte uns eine Hase, der j\u00e4h aufsprang, fast bis zum Tode. \u201cDas war kein richtiger Hase, das war ein wilder Hase\u201c \u2013 versuchten wir unsere Angst zu entschuldigen. \u2013 Ich war noch nicht 13 jahre, da hatte der Vater nicht nur den Verdienst der vielen Jahre und die erheirateten 20000 Mark verlumpt, sondern auch noch obendrein Schulden gemacht. Die Familie war gezwungen, die Wirtschaft aufzugeben. Der Vater zog in die Stadt zur Miete. Jetzt begann die traurigste Zeit meiner Kindheit. Arbeiten konnte der Vater nicht, hatte es nie gelernt und so lebte die Familie von dem Verdienst der Stiefmutter, den diese als Waschfrau verdiente und das war kl\u00e4glich genug. Die entbehrlichsten M\u00f6belst\u00fccke wurden gerichtlich beschlagnahmt und zwangsweise verkauft. ich wagte nicht mehr mich satt zu essen und w\u00fcrgte an den wenigen Bisse, die ich mir zu nehmen getraute. Dazu kam, dass ich nun, das letzte Jahr in die Stadtschule musste, wo ich mit meiner sechsj\u00e4hrigen Dorfschulbildung gerade keine beineidenswerte Rolle spielte.  Ich gab mir redlich M\u00fche, nachzukommen und einigermassen zu folgen und bis zu einem gewissen Grad ist mir das auch gelungen. Dieses letzte Schuljahr geh\u00f6rte zu jenen, in welchem ich am meisten profitierte. Aber eine Szene bleibt mir unvergesslich. Wir hatten Religions-stunde, pl\u00f6tzlich krachte ein Schuss. Alles horcht auf, wer ist das gewesen? Der Lehrer ist w\u00fctend. Niemand meldet sich. Jeder Einzelne wird streng und aufs Gewissen gefragt. Niemand bekennt. Es beginnt eine peinliche Untersuchung. Bei mir wird eine Pistole, aber kein Pulverbl\u00e4ttchen gefunden. Der Lehrer br\u00fcllt mich an, \u201cGestehe, Du bis es gewesen\u201c. Der Wahrheit entsprechend sage ich nein. Da meldet sich ein Sch\u00fcler und erz\u00e4hlt, dass ich noch gestern Pulverbl\u00e4ttchen gehabt h\u00e4tte, ich gebe das zu, sage aber, dass ich diese gestern alle beim Spiel verbraucht. Der Lehrer glaubt das nicht. Ich muss mich \u00fcberlegen und der Lehrer haut los. \u201cGestehst Du nun, bist du es gewesen\u201c &#8211; fr\u00e4gt er nach einer Pause. \u201cNein\u201c, schrie ich. Er pr\u00fcgelte weiter. \u201cBist Du es gewesen?\u201c &#8211; Nein. \u201cGestehe oder ich schlage eine halbe Stunde\u201c. &#8211; Ich war es nicht. Der Lehrer l\u00e4sst von mir ab. Ich hatte mich bereits damit abgefunden, eine halbe Stunde  Pr\u00fcgel zu bekommen, aber um keinen Preis in der Welt h\u00e4tte ich etwas zugegeben, was ich nicht getan hatte. Der Lehrer war sonst gerecht und ich kam gut mit ihm aus. Verdienter  war eine Z\u00fcchtigung, die ich bei einer anderen Gelegenheit erhielt. Das Schreiben war immer noch mein Steckenpferd und fast t\u00e4glich mussten wir Aufs\u00e4tze zu Hause schreiben. Jeden Tag kam dann der oder jener daran, seinen Aufsatz vorzu-lesen. Bei dieser Gelegenheit verstand ich es vortrefflich, mich klein zu machen und kam nie daran.  Das Gl\u00fcck machte mich k\u00fchn. Ich schrieb nie mehr einen Aufsatz. Da, eines Tages, brach das Verh\u00e4ngnis \u00fcber mich herein. \u201cAufsatzhefte vor\u201c M. lese deinen vor\u201c. Das war leichter verlangt als getan. Zum Gl\u00fcck hatte ich Geistesgegenwart genug und erz\u00e4hlte, die Augen auf das Heft gerichtet, frech eine Geschichte. Der Lehrer schwieg und schon glaubte ich mich gerettet. Da pl\u00f6tzlich \u201cM\u00fcnzenberg bring mir mal dein Buch vor\u201c. Die Schandtat wurde entdeckt und die Strafe folgte der S\u00fcnde auf dem Fusse. Uebrigens war das Jahr unter den gereiften und erfahrernen Stadtburschen von heilsamen Einfluss auf meine Sch\u00fcchternheit. Wenn ich sie auch nicht v\u00f6llig verlor, so wurde sie doch stark gemildert. Ein um so gr\u00f6sserer Nachteil waren f\u00fcr mich die Unmenge Indianer- und R\u00e4uberhefte, deren Inhalt ich geradezu verschlang. Ausser hunderten von Indianerb\u00fcchern hatte ich 100 Hefte Buffalo Bill, 100 Hefte \u201cR\u00e4uberhauptmann Fetzer\u201c, 100 Hefte \u201cDer K\u00f6nigsmord in Belgrad\u201c, 100 Hefte \u201cLebendig begraben\u201c und eine Masse \u00e4hnlichen Schund gelesen. Ueberhaupt war ich in den letzten Schuljahren und in den ersten Jahren nach der Schulentlassung direkt wie versessen auf das Lesen. Ich las alles was mir in die H\u00e4nde kam, und schleppte alles, was ich gedrucktes fand, nach Hause. Alte Fahrpl\u00e4ne, Kataloge, Schulb\u00fccher, Kalender, Zeitungen, Indianerhefte, wissenschaftliche B\u00fccher, von denen ich keinen Deut verstand, alles, alles wurde zusammen-gefasst. Vor meinem Vater verbarg ich die Sch\u00e4tze geschickt, meine Stiefmutter tobte und prophezeite mir, das mich das Zeug an den Galgen bringe. Die unwahren, abenteuerlichen Geschichten raubten mir jeden Sinn f\u00fcr die Wirklichkeit. Nachts lag ich wach und tr\u00e4umte vor allen m\u00f6glichen Heldentaten und w\u00fcnschte mir nichts sehnlichster, als ein Haus voll B\u00fccher. In den gl\u00fchendsten Farben malte sich meine Phantasie die damit m\u00f6glichen  Gen\u00fcsse aus. Die Frage meines Vaters, was ich nun werden wollte, traf mich ein kalter Wasserstrahl. Daran hatte ich freilich nie gedacht. Lesen, das war mein einziger Wunsch, sonst wusste ich nichts und verlangte nichts. Der Vater enthob mich weiteren Sorgen und be-stimmte, das ich Coiffeur werden sollte. Mir war es recht, weil mir alles gleich war.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nder Lehre \n<\/p>\n\n\n\n<p>===========<\/p>\n\n\n\n<p> Eine Lehrstelle hatte mein Vater bei einem Bekannten bald gefunden. Der Meister glich meinem Vater fast aufs Haar und zwar nicht k\u00f6rperlich, auch in seinem Wesen und Betragen. Wie mein Vater, so trank der Meister, wenn auch nicht gar so viel und war genau wie mein Vater ein alter Z\u00fcnftler und Erzreaktion\u00e4r, f\u00fcr den die Erinnerungen an das Soldatenleben der einzige Stolz war, der sich in der d\u00fcmmsten und l\u00e4cherlichsten Weise \u00e4usserte. Das Gesch\u00e4ft ging gut und ausser dem Meister und mir waren zwei Gehilfen und ein weiterer Lehrling besch\u00e4ftigt. Die ersten Tage gefielen mir nicht \u00fcbel und ich beschloss zu bleiben. Mein Vater hatte unterdessen das Gl\u00fcck noch einmal versucht und ohne Geld und Kapital eine Wirtschaft gepachtet. Bei dem Einzug fehlte es ihm an dem Notwendigsten. Das Bier schickte die Brauerei auf Borg, und ein mitleidiger Kaufmann lieh die wichtigsten Lebensmittel. Ohne eine Mark Geld in der Tasche wurde die Wirtschaft \u00fcbernommen. Wie gesagt, an Unternehmungsgeist fehlte es dem Alten nicht.  Wir hatten es abgelehnt, dass ich bei dem Meister Wohnung nehme und so maschierte ich alle Morgen den halbst\u00fcndigen Weg nach der Stadt und am Abend zur\u00fcck. Das war aber f\u00fcr mich ein Genuss und machte mir Spass. In der Lehre gefiel es mir aber je l\u00e4nger, je weniger. Vor allem eckelte mich die Unsauberkeit an. Das Fr\u00fchst\u00fcck und der Nachmittagskaffee wurden in einer Ecke des Ladens genommen, wo Haararbeiten verrichtet wurden. Die Fett- oder Butterbrote mussten dann immer erst von Haaren ges\u00e4ubert werden. Auch die Liebdienerei gegen die Kunden, das dienen und b\u00fccken behagte mir nicht. Der Meister war nerv\u00f6s  und zumal bei starkem Besuch, meistens Samstags, gereizt. Der Laden war mit Kunden \u00fcberf\u00fcllt und Meister und Geh\u00fclfen hatten alle H\u00e4nde voll zu tun, der Meister bis zum \u00e4ussersten geladen. Ich bem\u00fchte mich, so wenig zu st\u00f6ren wie nur m\u00f6glich und zu helfen, wo ich nur konnte. Oeffnete die T\u00fcre, bot den Kunden Feuer an, r\u00e4umte auf u.s.w. Aber bei aller Gesch\u00e4ftigkeit konnte ich ein gewisses Unbehagen nicht los werden, ich f\u00fchlte mich eigentlich recht \u00fcberfl\u00fcssig in dem Betrieb. Da schreit mich pl\u00f6tzlich der Meister an: \u201cGeh heim, dummer Junge, wenn du nicht anderes kannst als Maulaffen feil halten\u201c. Ich froh, auf eine so billige Art loszukommen, nahm flugs meinen Hut und verschwand, ohne grossen Abschied zu nehmen. Aber ich hatte noch nicht die rettende Haust\u00fcre erreicht, packt mich der Meister am Kragen \u201cWas, das k\u00f6nnte Dir so passen. Dein alter Meister schuftet sich so tot und Du dr\u00fcckst dich. Hier bleibst Du\u201c. Mit diesen Worten warf er mich in die Ecke, das mir alle Knochen knakten. Gehorsam blieb ich auf dem Stuhl wie festgenagelt sitzen und denke dar\u00fcber nach, wie schwer doch eigentlich das Leben ist. Da befiehlt mir der Meister, ich soll heimgehen, ich beeile mich, seinem Befehl nachzukommen und nun &#8211; &#8211; &#8211; Meine Gr\u00fcbeleien werden vom Meister unterbrochen, der mich st\u00fcrmisch empor reisst und mit den Wort \u201cDu fauler Hund, willst Du nicht arbeiten\u201c- nach vorn st\u00f6sst und einige Ohrfeigen runter haut. Das Leben erscheint mir immer verwickelter und schwerer. Wie mans macht, ist es verkehrt.  Die Arbeitszeit dauerte von morgens 6 bis abends \u00bd 9 Uhr, ohne Pause. Am Samstag bis 10 Uhr. Am schwersten fiel mir die Sonntagsarbeit, wo ich von 7. &#8211; 1 Uhr arbeiten musste. O, wie so gern w\u00e4re ich mit anderen Kameraden durch Feld und Wald gestreift und h\u00e4tte so gern an ihren Wanderungen teilgenommen. Mir war es todestraurig zu Mute und ich weinte mitunter bitterlich. Und trotzdem h\u00e4tte ich die Lehre durchgehalten, wenn wir nicht einen neuen Gehilfen bekommen h\u00e4tten. Sein Vorg\u00e4nger war freundlich zu mir und unterwies mich spielend in vielen Handgriffen unseres Berufes. Der Neue war jung, kaum ausgelernt und bildete sich wunder was ein, das er nun Stifte unter sich habe. Sein Benehmen forderte unsern Trotz heraus und den wollte er mit Schimpfereien und Schl\u00e4gen bezwingen. Schlagen wollte ich mich aber auf keinen Fall mehr lassen, wir wurden handgemein und da er der bedeutend st\u00e4rkere, unterlag ich stets. Er scheute vor keiner noch so rohen Handlung zur\u00fcck. Das Zimmer war niedrig, vielleicht 2\u00bd m. hoch, er nahm mich, stemmte mich gegen die Decke, dass der Kopf krachend gegen die Decke schlug. Dann wieder nahm er einen Stein und schlug mich damit auf den Kopf. Die Folge davon war eine Gehirnersch\u00fctterung und man brachte mich schleunigst ins Spital, die Aerzte zweifelten an meinem Aufkommen. Und ich \u00fcberstand es doch.  Am Tage meiner Entlassung bereitete mich der Arzt auf die schonenste Weise darauf vor, dass mein Vater \u2013 den ich nie vermisste \u2013 nicht mehr lebe. Am gleichen Tag, als ich in das Spital gebracht wurde, hatte er sich vollst\u00e4ndig berauscht, erschossen. Ein anderer Ausweg war ihm nicht mehr geblieben. Der Bruder kam, um die Wirtschaft bis zum Konkurs, der uns das Letzte rauben sollte, zu leiten. Mir war die Lust am Coiffeurberuf gr\u00fcndlich vergangen und obendrein fehlten jetzt auch die Mittel, um das Lehrgeld zu zahlen. Ich blieb einige Zeit bei meinem Bruder in der Wirtschaft, ging dann auf Anraten meiner Schwester, die nach dem Tode des Vaters uns wieder besuchte, in eine Schuhfabrik. Damit begann eine neue Phase meines Lebens. Eine ganz neue, unbekannte Welt tat sich vor mir auf. Die letzte Verbindung mit der Familie war ge-l\u00f6st. Ich stand allein, nur auf mich angewiesen aber nun allein auch Herr \u00fcber mein Tun und Lassen. Damals z\u00e4hlte f\u00fcnfzehn Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Fabrik<\/p>\n\n\n\n<p>==========<\/p>\n\n\n\n<p> Es war eine der gr\u00f6ssten Fabriken am Orte, in die ich eintrat, sie besch\u00e4ftige mehr als f\u00fcnfzehnhundert Arbeiter. Ich wurde in der Zwickerei als Leistensortierer angestellt, d. h. ich musste mit einem kasten\u00e4hnlichen Karren von einem Arbeiter zum anderen fahren und die nicht mehr n\u00f6tigen Leisten sammeln, nach Regalen bringen und dort in bestimmte F\u00e4cher sortieren. Am ersten Tag war ich von dem L\u00e4rm und Kreischen der Maschinen, von dem Klopfen und Pochen der H\u00e4mmer und von den vielen Stimmen wie bet\u00e4ubt. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass ich mich jemals in diesem Betrieb zurecht finden k\u00f6nnte. Ich hatte tats\u00e4chlich im-mer Angst, mich zu verirren. Und es dauerte mehrere Tage bis ich mich einigermassen an den L\u00e4rm gew\u00f6hnt hatte. Die gleiche Arbeit wie ich verrichteten noch zehn gleichaltrige Burschen, das wurden nun meine Freunde.  Mit ihnen sass ich zusammen w\u00e4hrend dem Fr\u00fchst\u00fcck, Mittag &amp; Vesperbrot. Mit ihnen ging ich nach Hause und brachte sp\u00e4ter die Abende zu. Ihr Verkehr half mir dann auch am meisten, die Sch\u00fcchternheit und die Angst, die ich noch nach Wochen in der Fabrik vor dem ungewohnten Leben und Treiben empfand, zu \u00fcberwinden. Die \u00e4lteren Arbeiter behandelten die j\u00fcngeren, mit wenigen Ausnahmen, grob und brutal. Die meisten verkehrten nicht anders als mit Schimpfw\u00f6rter mit ihnen und manche misshandelten und warfen mit Leisten, Schuhen und anderen Gegenst\u00e4nde. Die Arbeit war nicht schwer, der Lohn im Anfang 4,50 Mark. Das war wenig, sehr wenig. 2 Mark musste ich pro Woche f\u00fcr Logis und Morgenkaffee zahlen, blieben mir noch 2,50 Mark f\u00fcr Nahrung, Kleidung und alle weiteren Ausgaben. Da hiess es sparen, wo dies m\u00f6glich war. Am Morgen nahm ich etwas Kaffee &amp; Brot, am Mittag leistete ich mir ein St\u00fcckchen Wurst dazu. F\u00fcr 20 Pfennig Abfallwurst reicht mitunter f\u00fcr zwei Tage. Das gleiche Men\u00fc am Abend. Von einem Bed\u00fcrfnis nach geistiger Nahrung hatte ich damals zum Gl\u00fcck noch keine Ahnung, sonst h\u00e4tte ich jene Jahre wohl kaum \u00fcberlebt. Die ersten Jahre in der Fabrik verbringe ich wie in einem D\u00e4mmerzustand, ein Tag reiht sich in gleicher Eint\u00f6nigkeit und im gleichen Grau an den anderen. Am Morgen haste ich in Gemeinschaft mit vielen hunderten nach der Fabrik, am Abend m\u00fcde nach Hause. Nie kommt mir der Gedanke,  ja, ich glaube, sogar nie der Wunsch, dass es anders sein k\u00f6nnte, einmal anders werden. Ich sehe weder Fr\u00fchling, Sommer, Herbst, noch Winter, weder gr\u00fcne B\u00e4ume, noch welkes Laub, h\u00f6re kein Vogelsang, geschweige Musik oder Konzert. Ich bin gef\u00fchls- und empfindungslos gleich den Maschinen geworden, die in der Fabrik sausen und und stampfen. Meine Welt ist mein Arbeitsplatz. Mein Einkommen vergr\u00f6sserte sich etwas dadurch, dass ich f\u00fcr die Arbeiter Fr\u00fchst\u00fcck einkaufen  gehe, daf\u00fcr erhalte ich pro Woche 10 oder 15 Pfennig. Mitunter brachte ich es auf \u00fcber 20 Kunden, die ich bedienen durfte. Der Lohn stieg langsam und erst nach mehreren Jahren hatte ich es auf 8 Mark gebracht. In Deutschland besteht der obligatorische Fortbildungsunterricht, den jeder Lehrling und junge Arbeiter bis zum 18. Lebensjahr be-suchen muss. Es wird etwas Rechnen, Schreiben, Buchhaltung und Vaterlandskunde gelehrt. Der Unterricht wir zwei Mal in der Woche nach der Arbeitszeit erteilt. Ich habe dabei wie wohl alle anderen Sch\u00fcler auch, herzlich wenig gelernt. Wir waren zum lernen zu m\u00fcde und bem\u00fchten uns, den Lehrer zu verulken. Die Abende brachte ich mit meinen Arbeitskollegen zu. Wenn wir nicht R\u00e4uberhefte lasen, trieben wir uns in den Strassen herum und trieben lauter Dummheiten. Eine Zeit lang standen wir im Banne ein Schundromanes \u00fcber die Freimauerer. Wir trafen Vorbereitungen, eine \u00e4hnliche geheimnisvolle Gesellschaft zu gr\u00fcnden, hockten in der finstersten Nacht in dunkeln Ecken und Abflusskan\u00e4len, zeichneten Totk\u00f6pfe auf Arm und Brust, beschlos-sen Blutbr\u00fcderschaft zu trinken.  Der Plan scheiterte, da wir kein passendes Getr\u00e4nk fanden, mit dem wir unser Blut trinken konnten. Bier und Limonade war uns doch zu prosaisch und f\u00fcr Wein hatten wir kein Geld. Auch trieben wir uns oft und gern in den Anlagen herum und erschreckten die Leute und belauschten und st\u00f6rten die Liebesp\u00e4\u00e4rchen. Ein nicht geringer Schreck fuhr mir anl\u00e4sslich einer solchen Razzia durch die Glieder als ich im dichtesten Geb\u00fcsch auf eine Dirne stiess, die dort ihr horizontales Gewerbe betrieb und ihr Liebhaber, erbost \u00fcber die St\u00f6rung, mir drohte \u201cdas Messer in den Bauch zu stecken\u201c. Einen Heidenspass machte es uns stets, Streichh\u00f6lzer zu spitzen, diese zwischen den Druckknopf des elektrischen L\u00e4ute-werkes in den Bordells zu stecken. Das H\u00f6lzchen wurde abgebrochen und dann l\u00e4utete die Glocke zum Aerger der Einwohner und der Nachbarschaft stundenlang. Mehrmals besuchten wir auch die Versammlungen des christlichen Vereines junger M\u00e4nner und die Veranstaltung eines vaterl\u00e4ndischen Knabenhortes. Wir waren aber f\u00fcr diese fr\u00f6mmelde Unterhaltung zu gereift oder zu verdorben, wenn man will. Wir \u00e4rgerten den Lehrer und den Pfarrer und brachten Unruhe und stellten  das ganze Programm in Frage. Teils blieben wir dann freiwillig weg, teils warf man uns hinaus. Da versuchten wir es mit der Heilsarmee, die in jenen Tagen ihr erstes Lokal er\u00f6ffnet hatte. Dort sein ein Gaudium, versicherten mir meine Freunde und ich ging mit. Ich gestehe, dass mich die Ges\u00e4nge und Gebete anfangs and\u00e4chtig stimmten und mir recht beklommen zu Mute war. Das dauerte aber nicht lange. Als ich sah, wie die Betenden die schn\u00f6desten Witze unter den B\u00e4nken rissen und dort den M\u00e4dchen in die Beine kniffen, war es mit meiner Andacht vor\u00fcber. Es dauerte nicht lange, bis man uns auch da hinauswarf. Wir beschlossen jetzt, selbst einen Verein zu gr\u00fcnden. Ich wurde Pr\u00e4sident. Was wir eigentlich wollten, wusste keiner. Fidel und lustig sollte es zugehen. Wir spielten Karten, der Gewinn kam in die gemeinsame Kasse und wurde alle vier Wochen in Leberwurst und Bier angelegt. Daraus entwickelte sich dann ein Fu\u00dfballklub. Eine Zeit lang hatten wir f\u00fcr nichts mehr Sinn als f\u00fcr das Fussballspielen. Dann wollte einer noch etwas lustigeres wie die Heilsarmee entdeckt haben, einen Verein, der sich \u201cPropaganda\u201c nannte. Ein Name, den ich nie geh\u00f6rt hatte und den auszusprechen mir im An-fang viel M\u00fche machte. Dabei muss ich bemerken, das ich sehr schwer sprechen gelernt hab und bis zum zw\u00f6lften Jahre stotterte. Ich vermutete hinter dem Namen etwas fremdes, geheimnisvolles und wir beschlossen, zu gehen, um Spass zu haben. Ich ahnte nicht, welche entscheidende Rolle der Verein in meinem Leben spielen sollte. Heute weiss ich, dass ich damals in der kritischen Phase meines Lebens stand, und das sich damals, unbewusst wie fast immer, sich mein Lebensschicksal entschied.  So wechselreich auch sp\u00e4ter mein Leben wurde und so wechselreich es gerade heute zu werden droht, und so grosse und mein Wesen mitbestimmende Einfl\u00fcsse auch in sp\u00e4teren Jahren auf mich einst\u00fcrmten, im Verh\u00e4ltnis zu der damaligen Entscheidung sind sie unbedeutend und untergeordneter Natur. Unbewusst und ahnungslos kam ich durch das Aufsuchen des Vereins \u201cPropaganda\u201cmit jenem Sturm in Ber\u00fchrung, der stark genug war auf dem vollst\u00e4ndig unvorbereiteten Boden sp\u00e4ter doch geistiges und seelisches Leben zu erwecken. Je \u00e4lter wir wurden, umso weniger wollten wir uns damit begn\u00fcgen, die Frauen zu \u00e4rgern und andere zu ihnen gehen zu sehen. Immer st\u00e4rker wurde in uns der Drang, den geheimnisvollen Schleier zu l\u00fcften und jene Herrlichkeiten zu kosten, von den die \u00e4ltern Arbeiter schw\u00e4rmten und erz\u00e4hlten. Dazu kam das Leben in der Fabrik. Der Betrieb der Schuhfabrik bringt es mit sich, dass Frauen &amp; M\u00e4dchen mit M\u00e4nnern und Burschen in einem Saal arbeiten. Die unz\u00fcchtigsten Reden wurden dann tags\u00fcber gewechselt und die Witze waren schon nicht mehr derb, sondern zynisch, frech und gemein. Und die Frauen zahlten mit gleicher M\u00fcnze und im gleichen Jargon heim, wie sie von den M\u00e4nnern behandelt wurden. Die Keuschen galten als Dummk\u00f6pfe &amp; Schw\u00e4chlinge. F\u00fcr uns Jugendlich war die Situation noch dadurch gefahrvoller, dass wir nach dem Gesetz das Fr\u00fchst\u00fcck und Vesperbrot ausserhalb es Arbeitsraumes einnehmen mussten. Bei sch\u00f6nem Wetter sassen wir im Strassengraben, bei schlechtem Wetter mussten wir uns in den Keller fl\u00fcchten, wo stets ein gef\u00e4hrliches Halbdunkel herrschte. M\u00e4dchen und Burschen waren zusammen. Das musste nat\u00fcrlich die reine Treibhaustemperatur f\u00fcr geschlechtliche Reize geben und das Herumzerren und Pressen nahm dann auch kein Ende. Mit 17 Jahren, die meisten schon fr\u00fcher, hatte jeder seinen \u201cSchatz\u201c. Das heisst ein M\u00e4dchen, mit dem er von der Fabrik heimging, der er Samstags ein St\u00fcck Chocolade kaufte und am Sonntag in den Kino zu f\u00fchren, um dann am Abend recht lange bei ihr in der Haust\u00fcre zu stehen und als Entgelt f\u00fcr das Gebotene sie zu k\u00fcssen, zu pressen und wenn m\u00f6glich, zu gebrauchen. Dieses Leben und Treiben ist so stark eingewurzelt, dass Jeder, der daran nicht teilnehmen will oder kann, als ein armer, bedauernswerter Kranker betrachtet und behandelt wird. Und die so leben, sind nicht einmal die niedrig stehensten. An eine Szene erinnere ich mich dabei jetzt, die ich bald nach meinem Eintritt in die Fabrik erlebte und \u00fcber die dabei sich \u00e4ussernde weibliche Roheit ich heute noch staune. Es war an einem Herbstag Abend, obschon nicht allzu sp\u00e4t, doch schon dunkel, als ich f\u00fcr den Meister einen Weg in einen anderen Saal besorgen sollte, dabei musste ich an dem Raum vor\u00fcber, wo die Leder- und Lumpenabf\u00e4lle lagerten. Daraus h\u00f6rt ich ein \u00e4ngstliches Wimmern, ich trat n\u00e4her und sah, wie vier oder f\u00fcnf \u00e4ltere M\u00e4dchen einem 14 j\u00e4hrigen Burschen unter gellendem Lachen an dem Geschlechtsteil zerrten und rissen. &#8211;  Nat\u00fcrlich stand nicht alle auf dieser Stufe, es gab wohl auch Ausnahmen, doch waren diese selten, sehr selten.  Bis dahin, bis zu meiner Bekanntschaft mit dem Verein \u201cPropagangda\u201c hatte mich ein g\u00fctiges Geschick vor dem Aeussersten bewahrt. Nat\u00fcrlich keine moralischen oder sittlichen Ew\u00e4gungen, die waren mir so fremd wie b\u00f6hmische D\u00f6rfer. Viel-leicht das Fehlen der Gelegenheit und die Erschwerung durch meine geringen Mittel, die mir nur kostenlose Vergn\u00fcgen erlaubten. Dazu (auch) hat sich auch meine kleine, verhungerte Gestalt keine besonders grosse Anziehungskraft auf die M\u00e4dchen ausge-\u00fcbt. Aber dar\u00fcber bin ich mir heute klar, dass es so lange nicht mehr gegangen w\u00e4re. Ein Gl\u00fcck, h\u00e4tte ich als satter Arbeiterspiesser geendet, aber bei meinem Temperament und meiner Leidenschaft d\u00fcrfte es kaum glimpflich abgegangen sein.In diese kritischen Tage f\u00e4llt meine erste Bekanntschaft mit dem Arbeiterbildungsverein \u201cPropaganda\u201c und dadurch mit der sozialistischen Arbeiterbewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nerste Zeit in der Bewegung<\/p>\n\n\n\n<p>=========================<\/p>\n\n\n\n<p>Nach langerm Z\u00f6gern und Zauderbn fassten wir, unserer vier oder f\u00fcnf, endlich Mut und machten uns auf, den geheimnisvollen Verein \u201cPropaganda\u201c zu besuchen. Aber am ersten Abend gelangten wir nur bis in die Wirtschaft, in deren oberen R\u00e4umen der Verein seine Versammlungen abhielt, dort sassen wir, klopften Karten und musterten scheu die Besucher, die nach dem oberen Saal stiegen. Nachzufolgen fehlte uns der Mut und wir kehrten  unverrichteter Sache nach Hause zur\u00fcck. Zum zweiten-mal, einige Wochen sp\u00e4ter, begleitete mich nur ein Kollege, den andern war die Lust vergangen. Diesmal nahm sich ein \u00e4lterer Genosse, jedenfalls durch den Wirt aufmerksam gemacht, unserer  an und wir folgten ihm nach oben. Dort waren zirka 15 bis 20 junge M\u00e4nner im  Alter von 23 \u2013 35 Jahren versammelt, wir waren also bei weitem die J\u00fcngsten. Die meisten waren Metall- und Schuhfabrikarbeiter. Was an jenem Abend ging und besprochen wurde, ist mir vollst\u00e4ndig unklar geblieben. Als in heimging wusste ich vom Wesen und den Aufgaben des Vereins genau so viel, als vorher. Zwei oder drei weitere Besuche brachten mich ebenfalls nicht weiter, da verleidete auch mir die Sache und ich beschloss, wie der zu meinen alten Kameraden zur\u00fcckzukehren.  Da wurde ich krank und musste vier Wochen von der Arbeit fernbleiben. W\u00e4hrend dieser Zeit besuchte mich mehrmals ein Mitglied des Vereins, brachte mir B\u00fccher und Brosch\u00fcren und wir plauderten. Jetzt war mein Interesse geweckt und sobald ich das Zimmer verlassen durfte, suchte ich die Genossen wieder auf und vers\u00e4umte fernerhin keine Versammlung. Bald war mir nun auch der Zweck des Vereins klar. Der ungeheure wirtschaftliche Auf-stieg Deutschlands in den neunziger Jahren, der in \u00fcberraschend kurzer Zeit Deutschland zu einem der ersten Industriestaaten und der Weltm\u00e4chte der Erde machte, hatte eine nach Millionen z\u00e4hl-ende Arbeiterschaft geschaffen. Die Fesseln des Sozialistengesetzes waren gefallen und die sozialdemokratischen Organisationen schossen wie Pilze nach einem warmen Regen aus der Er-de. Die Partei eilte von Erfolg zu Erfolg und errang in den St\u00e4dten, an den Landtagen und im Reichstag Mandat um Mandat, die Stimmen ihrer W\u00e4hler z\u00e4hlte schon bei der Wahl 1903 nach Millionen. Diese Riesenerfolge verbl\u00fcfften und die Sozialdemokratie, bis jetzt nur eine Partei der Kritik und der Negation, sah sich pl\u00f6tzlich vor die Aufgabe praktischer Mitarbeit gestellt. Bald wurde in der politischen Tagesarbeit und durch die Gegenwartsforderungen das grosse Endziel, die Vergesellschaftung der Produktionsmittel vergessen. Der Partei str\u00f6mten eine Masse b\u00fcrger-licher Elemente zu, hoffend, durch die schnell erstarkende Macht der Partei Amt und Einfluss zu gewinnen. Der Boden f\u00fcr den Revisionismus war vorbereitet und um die Wende des Jahrhunderts setzte dessen Propaganda kr\u00e4ftig ein. Der Gegenwartser-folg ist alles, der Glauben an eine proletarische Revolution roman-tische Hirngespinnste, das war die Losung.  Da kam die russische Revolution und krachte wie ein Schlag ins [Auslassung in der Abschrift ](ins Kontor? ins Gesicht? ). Der Riesenstreik Millionen unorganisierter, die Eroberung Moskaus, die Meutereien der Schwarzseeflotte u. s. w.  Die revisionistischen Ideen des westeurop\u00e4ischen Proletariats verhinderten, dass dieses sich zu einer Solidarit\u00e4tsaktion erhob und so der volle Sieg der russischen Arbeiter m\u00f6glich machte. Dank der Ruhe der westeurop\u00e4ischen Arbeiter eilte das franz\u00f6sische Kapital dem bedr\u00e4ngten Zarismus zu Hilfe und Wilhelm II. stellte an der russischen Grenze Soldaten bereit, um, wenn n\u00f6tig, mit Kriegsmacht dem bedr\u00e4ngtem Vetter auf dem Zarentron zur Hilfe zu eilen. So wurde die russische Revolution geschlagen. Aber ganz ohne Wirkung auf die Arbeiterbewegung Westeu-ropas sollte die russische Revolution doch nicht bleiben. Die radikalen und revolution\u00e4ren Elemente wurden kr\u00e4ftig gest\u00e4rkt und die J\u00fcngsten unter ihnen in einen Taumel revolution\u00e4rer Begeisterung versetzt. Die Rosa Luxenburg, Karl Liebnecht, Mehring und andere machten Vorstoss um Vorstoss. forderten die Erziehung der Massen zu Massenstreiks und Massenk\u00e4mpfen, die antimilitaristische Propaganda, Steigerung der sozialistische Bildungsarbeit u.s.w.  in zahlreichen St\u00e4dten gr\u00fcndeten sich Bildungsvereine, sowie Diskussionsklubs, wo sich die j\u00fcngste, lebendigsten und tatenlustigsten Arbeiter versammelten, um die Waffen zu schmieden, die sie im Kampfe gegen den b\u00fcrgerlichen Gegner und gegen Revisionisten in der eigenen Partei ben\u00f6tigten. Eine solche Vereinigung war nun auch der Bildungsverein \u201cPropaganda\u201c dessen j\u00fcngstes Mitglied. Die unverf\u00e4nglichen Namen Bildungsvereine wurden gew\u00e4hlt, um der polizeilichen Anmeldung und Aufsicht zu entgehen. Nach dem alten preussischen Vereinsgesetz (aufgehoben 1907 durch das Reichsvereinsgesetz) musste jeder politische und gewerkschaftliche Verein seine Mitgliederliste und seine Statuten einreichen und alle Versammlungen waren polizeilich \u00fcberwacht. Personen unter 18 Jahren durften keinem politischen Verein angeh\u00f6ren. Nat\u00fcrlich wurde in unserem Verein, wie in allen \u00e4hnlichen, fast nur \u00fcber politische und sozialistische Probleme gesprochen. Jedes Mitglied musste einmal einen Vortrag halten und dar\u00fcber wurde dann diskutiert. War einmal ein Referent verhindert zu kommen oder zu sprechen, so wurde \u00fcber irgend eine Frage diskutiert oder aus einem Buch vorgelesen. Das zwang zum Nachdenken und nahm gleichzeitig die Scheu vor einem gr\u00f6sseren Kreis Menschen seine Gedanken zu entwickeln. So war das Leben im Verein, als ich Mitglied wurde. Eine neue Erscheinung der Arbeiterbewegung um die Wende des Jahrhunderts war auch das Aufkommen von Jugendorganisationen. Vereine, die jugendliche Arbeiter und Arbeiterinnen im Alter von 14-20 Jahren zusammen fassten, um sie gegen die wirtschaftliche Ausbeutung zu sch\u00fctzen, sie auf Wanderungen zu f\u00fchren, sie allgemein im speziellen sozialistisch zu bilden. Belgien und Holland besassen die ersten derartigen Organisationen. 1904 wurde der erste \u201cLehrlingsverein\u201c Deutschlands in Berlin und fast zu gleicher Zeit ein \u00e4hnlicher Verein in Mannheim gegr\u00fcndet. In unglaublich kurzer Zeit folgte die Gr\u00fcndung einer Menge Zweigvereine in vielen St\u00e4dten Deutschlands. Auch auf diese junge Bewegung waren die heldenm\u00fctigen K\u00e4mpfe der sozialistischen Revolution\u00e4re von f\u00f6rderlichstem Einfluss. 1906 fand in Stuttgart der erste internationale Kongress der sozialistischen Jugendorganisationen statt, der der ganzen Bewegung das Programm geben sollte. Die holl\u00e4ndische Genossin Roland-Host sprach \u00fcber die Bildungsaufgaben der sozialistischen Jugend und legte ihr Referat in Thesen nieder, die heute noch im Wesentlichsten als Richtschnur der Bildungsarbeit in den Jugendorganisationen dienen. Nach einem Referat des Gen. M\u00fcller, Wien, wurden internationale Forderungen f\u00fcr den wirtschaftlichen Schutz der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter aufgestellt. Liebknecht, der den Kongress als Pr\u00e4sident leitete, sprach \u00fcber \u201cMilitarismus und Antimilitarismus\u201c. Das Referat trug ihm sp\u00e4ter 1\u00bd Jahr Zuchthaus ein. Es wurde beschlossen, eine feste internationale Organisation unter dem Namen \u201cinternationale Verbindung sozialistischer Jugendorganisationen\u201c zu gr\u00fcnden.  Die deutschen Vereine traten wegen dem vorsintflutigen Vereinsgesetz nicht bei. Da die s\u00fcddeutschen Staaten bis 1907 kein Vereinsgesetz kannten, schlossen sich die in Deutschland existierenden Vereine jugendlicher Arbeiter zu zwei gr\u00f6sseren Verb\u00e4nden zusammen, \u201cden Verband jugendlicher Arbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands\u201c mit Sitz in Berlin. Dieser Verband z\u00e4hlt 1907 bereits 6000 Mitglieder und gab eine monatlich er-scheinende Zeitung \u201cDie arbeitende Jugend\u201c aus. Die Vereine be-zeichneten sich als ausdr\u00fccklich politisch neutral, sonst h\u00e4tten sie nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt nicht existieren k\u00f6nnen. Ebenfalls schlossen sich die s\u00fcddeutschen Vereine zu einem Verband mit Sitz in Mannheim zusammen. Diese Vereine aber, nicht gehindert durch ein Vereinsgesetz, bezeichneten sich als so-zialistische Jugendvereine und in diesem Sinne war auch ihr Organ \u201cDie junge Garde\u201c gehalten, deren Redakteur der damals noch jugendliche und stark revolution\u00e4re Dr. Ludwig Frank war. Unser Bildungsverein \u201cPropaganda\u201c stand nur mit Mannheim, nat\u00fcrlich in geheimen, in Verbindung. Wir bezogen regelm\u00e4ssig eine bestimmte Anzahl \u201cJunge Garde\u201c und es macht mir die gr\u00f6sste Freude, diese unter der Hand weiter zu verkaufen. Ueberhaupt war ich wie von einem Propagandafieber \u00fcberfallen und liess nicht nach, bis fast der letzte jugendliche Arbeiter meines Arbeitssaales sich als Mitglied unseres Vereins meldete und an unseren Versammlungen teilnahm. Einige Monate nach meinem Eintritt dominierte das j\u00fcngere Element und die \u00fcber 20 j\u00e4hrigen waren in den Hintergrund gedr\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-file\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/PDFWilli-M\u00fcnzenberg1918Fertig1.pdf\">PDFWilli-M\u00fcnzenberg1918Fertig1<\/a><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/PDFWilli-M\u00fcnzenberg1918Fertig1.pdf\" class=\"wp-block-file__button wp-element-button\" download>Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<p><strong>(Text:\nVermutlich Willi (Wilhelm) M\u00fcnzenberg M\u00e4rz 1918? November 1918-\nM\u00fcnzenberg im Schweizer Zuchthaus ist 29 Jahre alt) Das Dokument hat\n9.742 Zeichen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das\nganze Dokument (mit Umschlagtexten) hat 10.013 Zeichen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\nDer Text\nmuss mit einer Maschine geschrieben worden sein, die \u00fcber keine\nGrossbuchstaben der Umlaute verf\u00fcgte. Das habe ich so gelassen.\nFehler habe ich nicht korrigiert, vielleicht ist es mir stattdessen\ngelungen, einige Fehler neu in dem Text unterzubringen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\n(Der\nnamentlich nicht genannte  Abschreiber 2019)<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nText ist eine Abschrift einer Ver\u00f6ffentlichung des Verlag Detlev\nAuvermann KG, Glash\u00fctten im Taunus 1972. Es handelt sich  um eine\nSchreibmaschinenabschrift, die in einem \u00dcberformat (Nicht DIN A  4- \n210 mm x 297 mm, sondern 339 mm x 206 mm) gedruckt wurde. Der\nUmschlag  wurde ebenfalls auf Karton bedruckt.<\/p>\n\n\n\n<p>U1:\nmit folgendem Text:<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses aus den Akten der schweizerischen Untersuchungsbeh\u00f6rden stammende Schriftst\u00fcck befindet sich unter der Signatur P 23914 Nr. 524.24 im Staatsarchiv des kantons Z\u00fcrich. Der junge Willi M\u00fcnzenberg verfa\u00dfte diese biographische Skizze, die seinen Weg zum Kommunismus bis zum Eintritt in den Erfurter sozialdemokratischen Arbeiterbildungsverein (1906) nachzeichnet, entweder w\u00e4hrend seiner ersten Inhaftierung in der Polizeikaserne Z\u00fcrich, Ende November 1917 bis M\u00e4rz 1918, oder w\u00e4hrend seiner zweiten Zuchthaushaft, die vom Mai 1918 bis zu seiner Ausweisung aus der Schweiz am 10. November 1918 dauerte.<\/p>\n\n\n\n<p>Willi\nM\u00fcnzenberg Lebenslauf<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\ndanken dem Staatsarchiv des Kantons Z\u00fcrich f\u00fcr die Erlaubnis zu\nVer\u00f6ffentlichung und dem Schweizerischen Sozialarchiv f\u00fcr die\nVermittlung des Textes, den wir in er erhaltenen Form reproduzieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nText ist paginiert und hat im Original 29\nSeiten (einseitig bedruckt) \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nUmschlag <strong>U\n2<\/strong>\nist mit folgendem Text bedruckt:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1889\t\t<\/strong>14.\nAugust, wird M. in Erfurt als Sohn eines Dorfgastwirtes \t\t\tgeboren.\nEr besucht unregelm\u00e4\u00dfig die Dorfschulen in \t\t\tFrimar, Eberst\u00e4dt\nund Gotha.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1904-\n1910 <\/strong>\tist\nM. Arbeiter in einer Erfurter Schuhfabrik<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1906<\/strong>\t\ttritt\nM. in den sozialdemokratischen Arbeiterbildungsverein \t\t\u201cPropaganda\u201c\nein und \u00fcbernimmt eine Jahr sp\u00e4ter dessen \t\t\tVorsitz.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1910-1913<\/strong>\tist\nM. Hausbursche in einer Z\u00fcrcher Apotheke. Er wird Mitglied \t\tin dem\nvon Fritz Brupbacher geleiteten Jungburschenverein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1912\t\t<\/strong>Ende\nJuli wird M. Mitglied des Zentralvorstandes der \t\t\tsozialistischen\nJugendorganisation der Schweiz und \u00fcbernimmt \t\tdie Redaktionder\nantirevisionistischen Monatsschrift \u201cDie freie \t\tJugend\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1914\t\t<\/strong>w\u00e4hrend\ndes Krieges konsequenter Internationalist, ger\u00e4t M. \t\tbald unter den\nEinflu\u00df Lenins.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1916\t<\/strong>\tnimmt\nM. an der Internationalen Sozialistischen Konferenz in \t\tKienthal\n(24. &#8211; 30 . April) teil.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1917\t\t<\/strong>am\n19. November, wird M. in Z\u00fcrich verhaftet und<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1918 <\/strong>im M\u00e4rz, gegen Kaution freigelassen, jedoch  im Mai als Mitorganisator eines Generalstreiks in Z\u00fcrich ins Zuchthaus geworfen. In seiner im Mai 1918 ausgelieferten Brosch\u00fcre  \u201cKampf und Sieg der Bolschewiki\u201c bekennt M. sich zur  Oktoberrevolution. Er wird am 10. November aus der Schweiz  ausgewiesen und \u00fcbersiedelt nach Stuttgart, wo er sich der  Spartakusgruppe anschlie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1904-\n1910 <\/strong>\tist\nM. Arbeiter in einer Erfurter Schuhfabrik<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1906<\/strong>\t\ttritt\nM. in den sozialdemokratischen Arbeiterbildungsverein \t\t\u201cPropaganda\u201c\nein und \u00fcbernimmt eine Jahr sp\u00e4ter dessen \t\t\tVorsitz.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1910-1913<\/strong>\tist\nM. Hausbursche in einer Z\u00fcrcher Apotheke. Er wird Mitglied \t\tin dem\nvon Fritz Brupbacher geleiteten Jungburschenverein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1912\t\t<\/strong>Ende\nJuli wird M. Mitglied des Zentralvorstandes der \t\t\tsozialistischen\nJugendorganisation der Schweiz und \u00fcbernimmt \t\tdie Redaktionder\nantirevisionistischen Monatsschrift \u201cDie freie \t\tJugend\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1914\t\t<\/strong>w\u00e4hrend\ndes Krieges konsequenter Internationalist, ger\u00e4t M. \t\tbald unter den\nEinflu\u00df Lenins.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1916\t<\/strong>\tnimmt\nM. an der Internationalen Sozialistischen Konferenz in \t\tKienthal\n(24. &#8211; 30 . April) teil.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1917\t\t<\/strong>am\n19. November, wird M. in Z\u00fcrich verhaftet und<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1918\t\t<\/strong>im\nM\u00e4rz, gegen Kaution freigelassen, jedoch  im Mai als\n\t\t\tMitorganisator eines Generalstreiks in Z\u00fcrich ins Zuchthaus\n\t\tgeworfen. In seiner im Mai 1918 ausgelieferten Brosch\u00fcre \t\t\t\u201cKampf\nund Sieg der Bolschewiki\u201c bekennt M. sich zur \t\t\tOktoberrevolution.\nEr wird am 10. November aus der Schweiz \t\tausgewiesen und \u00fcbersiedelt\nnach Stuttgart, wo er sich der \t\tSpartakusgruppe anschlie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1919\t\t<\/strong>von\nJanuar bis Juni, wird M in der Festung Ulm, sodann im \t\t\tGef\u00e4ngnis\nRothenburg (Neckar) eingekerkert. In der \t\t\tNovemberrevolution\nversucht M. die Arbeit des Internationalen \t\tJugendsekretariats\nweiterzuf\u00fchren. Er referiert auf dem \t\t\tGr\u00fcndungskongre\u00df der\nKommunistische Jugendinternationale \t\tin Berlin (20.- 26. November\n1919) und wird in deren \t\t\tExekutivkomitee gew\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1920\t\t<\/strong>nimmt\nM. als Vorsitzender der Jugendinternationale in \t\t\tMoskau am II.\nWeltkongress der Komintern teil. Ein Jahr sp\u00e4ter, \t\tauf dem II.\nKongre\u00df der Jugendinternationale wird er von \t\t\tSinowjew abgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1921<\/strong>\t\tam\n12. August, gr\u00fcndet M. im Auftrage Lenins die Internationale\n\t\tArbeiterhilfe f\u00fcr die Hungernden in Ru\u00dfland, die sich in den\n\t\tkommenden Jahren unter M. als Generalsekret\u00e4r ihrer\n\t\t\tAuslandskomitees zur gr\u00f6\u00dften proletarischen Hilfsorganisation\n\t\tentwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1924\n\u2013 1933\t<\/strong>ist\nM. ununterbrochen Reichstagsabgeordneter der KPD; auf \t\tdem XI.\nParteitag 1927 wird er ins ZK berufen; 1931\/32 geh\u00f6rt \t\ter der\n\u201cultralinken\u201c Remmle-Neumann Gruppe an. In diesem \t\tJahren baut\nM. den ber\u00fchmten \u201cM\u00fcnzenberg Konzern\u201c auf. \t\t1924 wird er\nInhaber desNeuen deutschen Verlages, welcher die \t\tZeitungen \u201cWelt\nam Abend\u201c, \u201cBerlin am Morgen\u201c, \u201cArbeiter-\t\tIllustrierte\nZeitung\u201c, die Zeitschrift \u201cRoter Aufbau\u201c und die \t\t\u201cUniversum\nBibliothek\u201c herausgibt, sowie das Filmunternehmen \t\t\u201cMeshrabpom\u201c\ngr\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1933<\/strong>\t\temigriert\nM. nach Paris, wo er die Arbeit der Internationalen \t\tArbeiterhilfe\nfortf\u00fchrt. Er wird einer der Leiter des \t\t\t\tneugegr\u00fcndeten\nWelthilfskomitees f\u00fcr die Opfer des deutschen \t\tFaschismus\nund Mitbegr\u00fcnder der \u201cDeutschen \t\t\t\tFreiheitsbibliothek\u201c. Zum\nprogandandistischen Kampf gegen \t\tHitler gr\u00fcndet er wieder Verlage\nund Zeitungen und gibt u.a. \t\tdas\u201cBraunbuch \u00fcber den\nReichstagsbrand\u201c heraus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Umschlag\nSeite 3 (U 3)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>1936\t\t<\/strong>wird\nM. nach Moskau vor die Internationale \t\t\t\t\tKontrollkommission\ngeladen; er wird\u201cwegen Verbreitung \t\t\tparteiinter Information auf\nBeschlu\u00df des Politb\u00fcros und der \t\tLeitung (Walter) Ulbrichts\nger\u00fcgt, erreicht aber, das er wieder \t\tnach Paris zur\u00fcckkehren\nkann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1937\t\t<\/strong>ger\u00e4t\nM. als einer der Initiatoren der Volksfront in \t\t\t\tversch\u00e4rften\nWiderspruch zur Komintern und KPD-F\u00fchrung; die \t\tmehrfache\nAufforderung, nach Moskau zu kommen, ignoriert er.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1938<\/strong>\t\tam\n22. M\u00e4rz, wird er (M.) aus dem ZK, am 6. M\u00e4rz 1939 aus der \t\tKPD\nausgeschlossen. M. wendet sich in der \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1939\/40<\/strong>\n\tvon ihm herausgegebenen Zeitung \u201cDie Zukunft\u201c gegen\nden \t\tStalin-Hitler Pakt und gr\u00fcndet 1939 in Paris die Organisation\n\t\t\u201cFreunde der Sozialistischen Einheit Deutschlands\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1940\t\t<\/strong>im\nMai, wird M. im Lager Chambaran bei Lyon interniert. \t\t\tW\u00e4hrend die\nArmee im Juni 1940 auf Lyon vorr\u00fcckt, flieht M. \t\tzusammen mit drei\nDeutschen. Ende Oktober wird seine stark \t\tverweste Leiche im Wald\nvon Caugnet aufgefunden. \t\t\tM\u00fcnzenbergs Lebengef\u00e4hrtin Babette\nGross schreibt in ihrem \t\tBuch: Willi M\u00fcnzenberg. Eine politische\nBiographie (Stuttgart \t\t1967), ein Selbstmord scheint\nausgeschlossen,\u201cder Verdacht, \t\tda\u00df M\u00fcnzenberg Opfer eines\npolitischen Anschlages geworden \t\tist, scheint mit nahezuliegen. Wer\ndie M\u00f6rder gewesen sein \t\tk\u00f6nnten, ist nur zu vermuten.\u201c \n(Babette Gross)<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"540\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/6195.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10485\" style=\"width:204px;height:276px\" srcset=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/6195.jpg 400w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/6195-222x300.jpg 222w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 85vw, 400px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Willi M\u00fcnzenberg<br><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/IMG_3008klein.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10480\" style=\"width:374px;height:249px\"\/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Willi M\u00fcnzenberg Geschrieben im Schweizer Zuchthaus 1918 Willi M\u00fcnzenberg Lebenslauf Verlag Detlev Auvermann KG Glash\u00fctten im Taunus 1972 Abschrift des Lebenslaufes von Wilhelm M\u00fcnzenberg Die Eltern ======== Das Recht der ersten Nacht ist in Deutschland nach dem Gesetz schon seit langem aufgehoben. Praktisch freilich wird es heute mindest so oft als fr\u00fcher ausge\u00fcbt. 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