{"id":11252,"date":"2020-04-10T10:58:21","date_gmt":"2020-04-10T10:58:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=11252"},"modified":"2025-05-14T14:02:36","modified_gmt":"2025-05-14T14:02:36","slug":"liebeserklaerung-an-hamburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=11252","title":{"rendered":"Liebeserkl\u00e4rung an Hamburg"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image is-resized\">\n<figure class=\"alignright size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"602\" height=\"1021\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/HannsBrodnitz.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-11324\" style=\"width:131px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/HannsBrodnitz.png 602w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/HannsBrodnitz-177x300.png 177w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von\nHanns Brodnitz<\/p>\n\n\n\n<p>Abschrift: Aus Film Kurier (16. August 1930)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\"> Als mich die Ufa im Oktober des vergangenen Jahres mit der k\u00fcnstlerischen Oberleitung des im Bau befindlichen Ufa-Palastes betraute, flitzte ich mit dem n\u00e4chsten FD-Zug nach Hamburg, um die Psyche des Publikums zu analysieren. Ich war auf schreckliches vorbereitet: so hatte man mir es geschildert: steif bis zum Exze\u00df, abhold jeder Belebung des Tempos, eingefroren in eine Tradition  einer konservativen Kunstanschauung, die beinahe reaktion\u00e4r sein mochte, dickh\u00e4utig, applausfeindlich, unempf\u00e4nglich f\u00fcr Weltstadtrhythmus  und sonstige Manifestationen des Zeitgeistes. Nur Oliver<strong>*<\/strong>, der Chefkonstrukteur, Finanzier und Erbauer des ganzen Komplexes, glaubte im Kampf gegen ein Heer von Miesmachern an die Existenzberechtigung seines ungew\u00f6hnlich k\u00fchnen Projektes. Sollte sein sonst so sicherer Instinkt f\u00fcr neuzuschaffende Konzentrationspunkte in Gro\u00dfst\u00e4dten diesmal auf falscher F\u00e4hrte sein? Olivers Fanatismus steckte mich an. Diese Stadt mit dem Januskopf, in der Innenstadt harmonisch ged\u00e4mpft, im Hafen brodelnd   von Unruhe, diese Mischung aus stolzer Abgekl\u00e4rtheit, lautloser Soigniertheit (*) und dem sich \u00fcberall \u00fcberschlagenden Temperament der Reeperbahn, dieses grandiose Menschenarsenal aller Klassen, Zonen, Nationen, immer in Bewegung, immer im Wechel (Wechsel?), immer im Schwung, Menschen auszuspeien, zu verladen irgendwohin wie die unz\u00e4hligen Tonnagen  der Frachtdampfer, diese Stadt, besessen von dem Ehrgeiz, sich erneut an die Spitze der europ\u00e4ischen H\u00e4fen zu stellen, schien mir die rechte Folie f\u00fcr ein Haus, das heute auf dem europ\u00e4ischen Festlande au\u00dfer dem Paramount-Paris, keine ebenb\u00fcrtige Konkurrenz hat. Das Hamburger Publikum, herrlich diszipliniert, ein Muster an demokratischer Gesinnung und urbaner Weltanschauung,   ist mit unserer Absicht bewundernswert mitgegangen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Als ich vor der Er\u00f6ffnung die 6000 Zuschauer und die 10 000 Zaung\u00e4ste sah, den Kommandeur  der Schutzpolizei um ein gr\u00f6\u00dferes Aufgebot bat, lachte er mich glatt aus. \u201cSie sind hier nicht in Berlin . . . \u201c   Nachher dirigierten 2 Beamte den ganzen enormen Verkehr ohne Schwierigkeiten. Die Hanseaten sind viel zu stolz, um eine besondere Organisation f\u00fcr eine reibungslose Abwicklung des Verkehrs zu ben\u00f6tigen, sie sind verdammt gut erzogen. Ich habe oft auf der drei\u00dfigsten Reihe des Ranges gesessen, vor mir 3000 Menschen, Kopf an Kopf. Wenn unter auf der B\u00fchne die gro\u00dfen Stars des Welt-Vari\u00e9t\u00e9s auftraten, die oft, ohne nach Berlin zu kommen, zwischen London und New York einen Abstecher nach Hamburg machten, donnerten Applaussalven durch die Luft, ersch\u00fctterte ein Gel\u00e4chter seltenster Vehemenz die Grundfesten des Hauses. Die sollten steif sein?  Ich habe kein dankbareres Publikum gefunden bei meinen Wanderungen durch die internationalen N\u00f6rgler-Verb\u00e4nde.  Wenn der B\u00fchnenboden unter 72 Tillerbeinen  zitterte, sprangen die Funken des elektrisierenden Rhythmus von Reihe zu Reihe bis unters Dach; als \u201eDer Liebeswalzer\u201c vorbei war, trug man Fritsch und die Harvey auf Schultern durch die Stra\u00dfen, und die gro\u00dfen Exzentriks aller Regionen fanden sich nie so belacht wie an der Alster. An einem tr\u00fcben, verschlafenen Sonntag vormittag steigerte sich der Beifall f\u00fcr Lud Gluskin zur Raserei. Letzte Station vor Amerika. Erster Abend in Deutschland.  Wie Alkaza geh\u00f6rt heute der Ufa-Palast zu dem Gesicht dieser Stadt. Auch er ein Bindeglied zwischen Europa und der Welt der Roxys und Capitole, ein Monument der Schaukunst gr\u00f6\u00dften Stils. M\u00f6ge der unbezwingliche Lebenswille dieser sich immer noch ins Gewaltige reckenden Stadt mitschwingen bei der Tagung des Reichsverbandes der deutschen Lichtpieltheaterbesitzer!  Wenn wir so tapfer, so unersch\u00fctterlich im Vertrauen auf unsere Zukunft sind, wie die Bewohner dieser Stadt, werden wir \u00fcber alle Krisen hinweg das Banner des Filmes tragen, wie die Hansestadt Hamburg ihre Flagge \u00fcber alle Meere der Erde.   <\/p>\n\n\n\n<p> <strong>*David Oliver (Generaldirektor der Grundwert AG Berlin)<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Hanns Brodnitz bei der Ufa.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Hanns Brodnitz, der neue Direktor der Ufa-Urauff\u00fchrungstheater kommt von der Literatur her zum Film. \u201eLeicht ist es nicht gewesen, vor f\u00fcnf Jahren, als ich anfing. Da hatte ich gerade den Anfang einer journalistischen Laufbahn hinter mir, am \u201eB\u00f6rsen-Courier\u201c, wo ich unter der Aegide von Herbert Ihering geschriftstellert hatte. Mit dem Mozartsaal von Meinhardt und Bernauer fing ich an. Den sollte ich nach einem Umbau herausbringen, nahezu ohne Geld. Ein Streik kam dazwischen \u2013 ich habe immer Gl\u00fcck mit Streiks \u2013 was war zu tun? Da hatte ich mir einen Kapellmeister angeheuert, das war Schmidt-Gentner, der damals in der Alhambra mit Begeisterung dem Kinopublikum klassische Sachen vorspielte. Mit dem raste ich in die Laubenkolonie und suchte Leute zusammen, die als Streikbrecher dienen sollten. Nach einer halben Stunde wurden mir die Arbeitswilligen vom Streikposten weggeholt. Noch in der Premiere war die Pechstr\u00e4hne da. Die erste Vorstellung konnte nicht stattfinden, weil die Projektion nicht in Ordnung war. Wir mu\u00dften sogar das Geld zur\u00fcckzahlen. Alle f\u00fcnf Minuten wurde die Vorf\u00fchrung unterbrochen. Aber es ging. Von Anfang an habe ich mich darauf eingestellt mit der Tradition, das Kinopublikum sei bescheiden, aufzur\u00e4umen. Die Konkurrenz der Gro\u00dfstadtvergn\u00fcgungen ist gro\u00df. Wer den Leuten nicht viel bietet, hat gar keine Aussicht, \u00e0 la longue Gesch\u00e4fte zu machen. Das Beste ist gerade gut genug, sonst kommt der Film ins Hintertreffen. Hauptsache ist eine gerade Linie. Die habe ich im Mozartsaal gehalten und im Capitol bis zuletzt. Filme von Qualit\u00e4t in erstklassiger Aufmachung, gute Ware f\u00fcr gutes Geld. Die Leitung der Urauff\u00fchrungstheater der Ufa ist eine dankbare und schwierige Aufgabe. Mir erscheint vor allem wichtig, in den einzelnen H\u00e4usern die individuelle Linie herauszuarbeiten. Jedes dieser Theater mu\u00df ein eigenes Profil zeigen. Wie das im einzelnen aussieht, kann man heute nat\u00fcrlich noch nicht sagen. Noch steht uns ein schwieriger Sommer bevor, der zu \u00fcberwinden ist. Ob B\u00fchnenschau oder nicht, literarisch oder long run, das sind Prinzipienfragen, und mein Prinzip ist es bisher gewesen, keins zu haben. Ich habe immer Wert darauf gelegt, mein Publikum vom psychologischen Standpunkt aus zu sehen und habe die Erfahrung gemacht, da\u00df man auf die Dauer nur mit guten Sachen wirklich Gesch\u00e4fte macht.\u201c Anonym (d. i. Hans Feld) Film-Kurier Nr. 76, 28.3.1928. Freundlicher Weise abgeschrieben von Eva Orbanz, (weil die Fotokopien von den Mikrofilmen schlecht lesbar sind.)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Hanns Brodnitz Abschrift: Aus Film Kurier (16. August 1930) Als mich die Ufa im Oktober des vergangenen Jahres mit der k\u00fcnstlerischen Oberleitung des im Bau befindlichen Ufa-Palastes betraute, flitzte ich mit dem n\u00e4chsten FD-Zug nach Hamburg, um die Psyche des Publikums zu analysieren. 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