{"id":11942,"date":"2020-06-21T15:39:32","date_gmt":"2020-06-21T15:39:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=11942"},"modified":"2020-06-26T13:40:25","modified_gmt":"2020-06-26T13:40:25","slug":"abschrift-wolfgang-abendroth-totalitarismus-und-andere-kleinigkeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=11942","title":{"rendered":"Abschrift Wolfgang Abendroth Totalitarismus und andere Kleinigkeiten"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-file\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/pdfFragenanWolfgangAbendroth.pdf\">pdfFragenanWolfgangAbendroth<\/a><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/pdfFragenanWolfgangAbendroth.pdf\" class=\"wp-block-file__button\" download>Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-file\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/pdfAuszugWolfgangAbendrothEinLeben.pdf\">pdfAuszugWolfgangAbendrothEinLeben<\/a><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/pdfAuszugWolfgangAbendrothEinLeben.pdf\" class=\"wp-block-file__button\" download>Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<p>Fragen an Wolfgang Abendroth zum  Deutschland von 1929 \u2013 1932  Abschrift \/Ausz\u00fcge aus den Seiten 116 &#8211; 140 <\/p>\n\n\n\n<p><em>Wie wurde der Faschismus innerhalb der SPD beurteilt? <\/em>(Seite 116)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\"> Innerhalb der SPD gibt es keine einheitliche Analyse; auch nicht in der F\u00fchrungsspitze: Sie beschr\u00e4nkt sich auf verbale Randbemerkungen und verzichtet auf den Kampf gegen Zerfall des b\u00fcrgerlichen Rechtsstaates aus Angst vor dem totalen Faschismus. Die SPD \u00fcbersieht dabei, da\u00df sie, indem sie durch immer neue Kapitulationen auf die aktive Vertretung der Arbeiterinteressen verzichtet, die Randschichten der abh\u00e4ngigen Arbeiter, also einerseits junge Erwerbslose, die noch kein Klassenbewu\u00dftsein haben, andrerseits Angestellte, in eine Verzweiflungssituation hineinst\u00f6\u00dft, in der diese Schichten durch die faschistische Massenbewegung manipulierbar und ihr zugetrieben werden. Die SPD redet zwar immer wieder gegen den Faschismus und gegen diese Massenbewegung, aber sie bildet kein Gegengewicht, da sie in der Praxis auf die energische Verteidigung der Arbeiterinteressen und der demokratischen Verfassungsnormen verzichtet. Im Gegenteil, sie kopiert die Totalitarismustheorien \u2013 sie werden damals noch nicht so bezeichnet, sind dem Inhalt nach aber mit denen der Gegenwart identisch. Die SPD behauptet n\u00e4mlich, da\u00df Kommunismus gleichbedeutend  sei mit Faschismus, da\u00df auch der Kommunismus eine Diktatur gegen die Arbeiter sei und da\u00df die Arbeiter sowohl gegen den Faschismus wie auch gegen den Kommunismus k\u00e4mpfen m\u00fc\u00dften. Dies ist der rechtssozialdemokratische Standpunkt, der Standpunkt des Parteivorstandes und die Position der preu\u00dfischen und hessischen Staatsregierung. In beiden L\u00e4ndern sind ja die Sozialdemokraten immer noch an der Regierung, in Preu\u00dfen bis zum 20. Juli 1932, in Hessen bis zum bitteren Ende. (Seite 117 )<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wurde\ndie Totalitarismustheorie auch in der linken SPD vertreten? <\/em>(Seite\n117)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\"> Auf dem linken Fl\u00fcgel der SPD artikulieren sich sehr verschiedene Positionen, ohne da\u00df es zu einer einheitlichen Theorie kommt. Das reicht von dem linkssozialdemokratischen Theoretiker Arkadij Gurland bis zu Ernst Eckstein (141) usw. Anhand der Zeitschrift <em>Klassenkampf<\/em> kann man die verschiedenen Auffassungen genau verfolgen. Eine Strategie oder eine Konzeption wird nicht entwickelt, weil die klassenpolitische Grundlage des Faschismus nicht analysiert wird. Gelegentlich wird die Politik der UdSSR unterst\u00fctzt; trotzdem wagt es keiner, sich von der antibolschewistischen, wir w\u00fcrden heute sagen: Totalitarismus-Konzeption der rechten Sozialdemokratie zu distanzieren. Das bedeutet &#8211; trotz aller Einheitsfront-Forderungen-, da\u00df man darauf verzichtet, eine (Seite 117) gemeinsame strategische Position mit den Kommunisten zu finden und sich ihnen als m\u00f6glicher ernstlicher B\u00fcndnispartener anzubieten, so da\u00df deren Sozialfaschismus-Theoreme \u00fcberzeugend h\u00e4tten \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen. So widerlegt sich der linkssozialdemokratische Standpunkt, soweit es ihn als eigenst\u00e4ndige Theorie \u00fcberhaupt gibt, in der Praxis selbst. Im Gegensatz zur KPD und zur SPD orientiert sich die KPO an einer sehr realistischen Analyse des Faschismus, die vor allem von August Thalheimer entwickelt worden ist\u201c  . . . (Seite 118)<\/p>\n\n\n\n<p>(Seite\n120)<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cIn der Analyse Thalheimers, das will ich nochmals hervorheben, ist das Problem der faschistischen Massenbewegung jedenfalls richtig entwickelt. Wir haben solche faschistischen Massenbewegungen im Jahre 1923 in der Inflationskrise, als die verschiedenen v\u00f6lkischen Gruppen zur Massenbewegung werden, und auch ab 1929 in der gro\u00dfen Weltwirtschaftskrise, als die NSDAP aufzusteigen beginnt. Die Faschismus-Analyse Thalheimers erm\u00f6glicht es auch, die richtigen politischen Konsequenzen zu ziehen in der Weise, da\u00df gegen eine solche Massenbewegung nur das machtvolle und geschlossene Auftreten der Arbeiterklasse helfen kann, so da\u00df diejenigen Teile der abh\u00e4ngig Arbeitenden, die in ihrer Verzweiflung dazu neigen, zu den Faschisten \u00fcberzugehen, politisch an die Arbeiterklasse gebunden werden und die Arbeiterklasse sich zu einer wirkungsvollen Alternative gegen die monopolkapitalistische Herrschaft entwickelt. Dies erkannt zu haben, ist das Verdienst Thalheimers und sp\u00e4ter auch Trotzkis. Die Richtigkeit von Thalheimers Analyse zeigt sich in Frankreich im Jahre 1934, in Spanien ab 1934\/36, denn dort werden die faschistischen Massenbewegungen durch die Arbeiterklasse , die einheitlich auftritt, zun\u00e4chst zur\u00fcckgeworfen\u201c . . . (Seite 121)<\/p>\n\n\n\n<p>(Seite\n122 Mitte)<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cDie Br\u00fcning-Diktatur ist zwar keine faschistische, sondern eine obrigkeitsstaatliche Diktatur zugunsten des Gro\u00dfkapitals und die SPD ist ganz gewi\u00df nicht sozialfaschistisch, also ganz gewi\u00df nicht der Hauptgegner der Arbeiterklasse. Die Sozialfaschismus-Theorie ist also in jeder Beziehung Unsinn. Sie verhindert, da\u00df die wichtigste Vorbedingung der Einheitsfront erf\u00fcllt wird: Druck der Mitglieder und der Funktion\u00e4re auf die sozialdemo-kratische Parteif\u00fchrung und F\u00fchrung der Gewerkschaften.   Aber man mu\u00df dabei bedenken, da\u00df diese Theorie dem \u00e4u\u00dferen Anschein nach dauernd best\u00e4tigt wird. Die Sozialdemokratische Partei f\u00fchrt den Wahlkampf 1930 noch mit Parolen wie \u00bbVerteidigt die Verfassung gegen die st\u00e4ndige Aush\u00f6lung der Verfassung durch Br\u00fcning; verteidigt den Lebenstandard der Arbeiterklasse gegen die st\u00e4ndige Reduzierung des Lebensstanddards mittels Notverordnungen\u00ab. Und diese gleiche Sozialdemokratie stimmt unmittelbar nach der Einberufung (Seite 123) des Reichstages f\u00fcr die Notverordnungen Br\u00fcnings.   Aus Angst vor dem Ansteigen der faschistischen Stimmen und der drohenden Diktatur kapituliert die sozialdemokratische F\u00fchrung nun v\u00f6llig vor der obrigkeitsstaatlichen Diktatur, die sie soeben noch als ihren Feind bezeichnet hatte. Und in der SPD sind nach dem Wahlerfolg der Nationalsozialisten auf Kosten der b\u00fcrgerlichen Parteien alle so entsetzt, da\u00df selbst in den linken Parteieinheiten und unter den linken sozialdemokratischen Abgeordneten es zun\u00e4chst niemand wagt, gegen die F\u00fchrung aufzutreten. Eben dieser Tatbestand verst\u00e4rkt wiederum innerhalb der KPD die These vom Sozialfaschismus. Allm\u00e4hlich sammeln sich in der SPD &#8211; wenn auch nur vor\u00fcbergehend &#8211; wieder die Kr\u00e4fte, die gegen diesen Kurs opponieren. Daher wird die Zahl der Reichstagsabgeordneten gr\u00f6\u00dfer, die f\u00fcr die Verteidigung der Verfassung gegen ihre st\u00e4ndige Verletzung durch die Regierung Br\u00fcning eintreten. Es werden auf unterer Ebene auch verschiedene Einheitsfront-Aktionen durchgef\u00fchrt, allerdings lokal begrenzt. Insgesamt aber bleiben die Vorbehalte gegeneinander bestehen: es bleibt die sozialdemokratische Kapitulation vor Br\u00fcning, es bleibt die Vorstellung der Kommunisten vom Sozialfaschismus. Das geht schlie\u00dflich so weit, das Reichspr\u00e4sident von Hindemburg einen noch deutlicher obrigkeitsstaatlich orientierten Reichskanzler an die Macht bringt, von Papen, da\u00df von Papen der Sozialdemokratie die letzten Machtpositionen, die sie noch hatte, zerschl\u00e4gt (146) \u2013 und da\u00df auch dann die Sozialdemokratie nichts anderes zu tun wei\u00df, als nach Staatsgerichtshof zu rufen. Das ist l\u00e4cherlich.\u201c . . .  (Seite 123)<\/p>\n\n\n\n<p>(Seite\n125)<em> Wie\nverhielt sich die Studentenschaft in dieser Zeit politisch?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In\nden Jahren 1928\/29 stehen die Studenten  &#8211; auch die j\u00fcdischen  &#8211;\nfast alle rechts, sei es obrigkeitsstaatlich-monarchistisch, sei es\nfaschistoid oder schon faschistisch. Die letzteren sind im\nNationalsozialistischen Deutschen Studentenbund organisiert.\nDie Studenten, die sich f\u00fcr Demokratie und Marxismus entscheiden,\nbilden bis 1928\/29 eine extrem kleine Minderheit; Zentren dieser\nGruppen sind damals Frankfurt und Berlin.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>(Seite 128)\u201c. . . Wir alle (Walter Fisch, Oskar M\u00fcller, Emil Carlebach, Anton D\u00f6ring u .a.) sehen, da\u00df der Staatsstreich in Preu\u00dfen unmittelbar bevorsteht. Welchen Sinn konnte der Regierungswechsel von Br\u00fcning zu Papen haben, wenn nicht den, die SPD v\u00f6llig auszuschalten? Aber uns ist auch klar, was diese Entwicklung f\u00fcr die Arbeiterbewegung zu bedeuten hat \u2013 und also wollen wir Aktionen vorbereiten. Es kommt der 20. Juli 1932; Die SPD hat in Frankfurt im Hippodrom zu einer Versammlung aufgerufen. Anton D\u00f6ring, der Chef der sozialdemokratischen milit\u00e4rischen Organisationen, will ebenso k\u00e4mpfen wie die kommunistischen Genossen. Auf beiden Seiten besteht der Wille zum gemeinsamen Kampf. Wir sitzen mit den Genossen von den milit\u00e4rischen Organisationen, mit denen wir noch aus der Studentenbewegung verbunden sind, zusammen in der Wohnung der sozialdemokratischen Stadtverordneten Elsa Bauer, die der gesellschaftliche Mittelpunkt der sozialdemokratischen Intellektuellen war. Dorthin kamen oft Sinzheimer, Paul Tillich und andere. Auch Kommunisten sind an diesem Abend dort versammelt. Wir alle hoffen, da\u00df jetzt losgeschlagen wird. Wir nehmen an, da\u00df sich die Frankfurter Polizei neutral verhalten wird, und hoffen, da\u00df die Darmst\u00e4dter Polizei bei diesen K\u00e4mpfen auf unserer Seite steht. Bei allen herrscht ein entschlossener Wille zur Einheitsfront-Aktion. Die KPD macht der SPD zentral, d. h. nicht nur in unserem Bezirk, das Angebot, einen gemeinsamen Generalstreik und Abwehrkampf zu organisieren. Die F\u00fchrung der SPD lehnt ab; sie sagt, sie werde sich streng legal verhalten und den Staatsgerichtshof anrufen; im \u00fcbrigen m\u00fcsse die richtige Antwort bei den n\u00e4chsten Wahlen am 31. Juli gegeben werden. Auf der Versammlung im Hippodrom gibt es Pfeifkonzerte, als die Entscheidung der SPD-F\u00fchrung bekannt wird. Bei uns macht sich Verzweiflung breit, D\u00f6ring ist v\u00f6llig resigniert. Denn spontan war zun\u00e4chst eine Einheitsfront entstanden, nicht nur in Frankfurt, sondern in vielen St\u00e4dten. Sie war nun wieder zerst\u00f6rt.\u201c . . . (Seite 129)  <\/p>\n\n\n\n<p>(Seite\n129)<em>Wenn aber die Arbeiter am 20. Juli 1932 bereit\nwaren, eine Einheitsfront zu bilden und zu k\u00e4mpfen, wie es es dann\nzu erkl\u00e4ren, da\u00df sie der Parteif\u00fchrung der SPD folgten?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201cAm 20. Juli sind die Arbeiter in den Milit\u00e4rorganisationen beider Parteien, in der Antifaschistischen Aktion und in der Eisernen Front, zum bewaffneten Kampf entschlossen. Auch D\u00f6ring, Chef der Eisernen Front, will k\u00e4mpfen, weil er wei\u00df, da\u00df seine Arbeiter hinter ihm stehen. Doch dann kommt der Befehl von oben, da\u00df nicht gek\u00e4mpft werden darf. Dieser Befehl setzt sich sofort durch, weil die Arbeiter nach der langen Periode vorher glauben, da\u00df sie ohne ihre F\u00fchrungen und ohne ihre Organisationen nicht mehr handeln, geschweige denn die bestehenden Organisationen sprengen und andere an ihre Stelle setzen k\u00f6nnen. Das unterscheidet diese Situation v\u00f6llig von der der Jahre 1918, 1919\/20 sowie von der Lage der Jahre 1922\/23. Und so wird in der SPD-Veranstaltung im Hippodrom zwar gebr\u00fcllt und gepfiffen, als die sozialdemokratischen Abgeordneten sagen, da\u00df die Parole \u00bbKampf gegen den Staatsstreich\u00ab unsinnig sei und fallen gelassen werden m\u00fcsse und da\u00df die Wahlen das Entscheidende seien. aber das Schimpfen und Pfeifen bleibt folgenlos. (Seite 130 Mitte)<\/p>\n\n\n\n<p>\tMan\nsieht, es existieren Ans\u00e4tze von Gegenbewegungen, aber sie waren\nnicht autonom. Es waren keine revolution\u00e4ren Bestrebungen. Man mu\u00dfte\naus der Verteidigung heraus k\u00e4mpfen, das\nentsprach der Stimmung unter den Arbeitern. Der Ausgang der\nReichstagswahlen im Juli 1932 zeigt einen Tiefpunkt des\nStimmenanteils der Arbeiterbewegung und den H\u00f6hepunkt des Einflusses\nder NSDAP vor der Machtergreifung . Denn nun schwillt das\nSelbstbewu\u00dftsein der Nationalsozialisten an, und also laufen ihnen\ndie kleinb\u00fcrgerlichen Massen\nzu \u2013 das Selbstbewu\u00dftsein der Arbeiterbewegung ist im Vergleich\ndazu gering. Zwar gehen die Stimmen der Kommunisten nicht zur\u00fcck,\nsondern wachsen sogar noch, w\u00e4hrend die Zahl der SPD-W\u00e4hler leicht\nzur\u00fcckgeht. Aber die Mobilisierung der W\u00e4hler zur Wahlbeteiligung\nist sehr gro\u00df, und die neuen W\u00e4hler engagieren sich nicht zugunsten\nder fr\u00fcheren Partei Papens, also des Zentrums, erst recht\nnicht zugunsten der liberalen b\u00fcrgerlichen Parteien, der\nStaatspartei oder der DVP. Diese Parteien sind im Bewu\u00dftsein der\nW\u00e4hler \u00fcberholt, deshalb stimmen sie f\u00fcr die NSDAP. (153) \n<\/p>\n\n\n\n<p>(Seite\n131) Nach den Reichstagswahlen bleibt von\nder Einheitsfront-Bewegung nichts \u00fcbrig. Das Urteil, das der\nStaatsgerichtshof in Sachen \u00bbPreu\u00dfen gegen Reich\u00ab  f\u00e4llt, ist ein\nKompromi\u00df ohne praktische Bedeutung. (154)\nMit der Ablehnung des\nEinheitsfront-Angebotes der KPD durch die SPD war die\nEntscheidungsschlacht verloren. Da\u00df die KPD ein solches Angebot\nmachte, war ein gro\u00dfer, aber nur vor\u00fcbergehender Fortschritt.\nDa\u00df dieses Angebot abgelehnt wurde, hatte einen deutlichen\nR\u00fcckschlag in der Stimmung der kommunistischen Parteimitglieder zur\nFolge. Die Sozialfaschismus-Theorie schien abermals best\u00e4tigt zu\nsein und lebte wieder auf. Umgekehrt hatte die Sozialfaschismus\nTheorie der Kommunisten f\u00fcr die Sozialdemokratie die Funktion, eine\ngemeinsame Arbeit mit den Kommunisten ablehnen zu k\u00f6nnen. Dieser\nganze negative Mechanismus versch\u00e4rft sich in der folgenden Zeit.\nDer kommunistische Funktion\u00e4r, der den gemeinsamen Abwehrkampf\ngewollt hat und meist arbeitslos ist, sagt sich, die SPD f\u00f6rdere den\nFaschismus sogar dann noch, wenn sie selbst betroffen sei. Inzwischen\nist die KPD zu einer Partei\nder Arbeitslosen\ngeworden, denn parallel zu ihrer Sozialfaschismus-Theorie praktiziert\nsie weiter die RGO-Politik.\u201c (S. 131) .\n. . \n<\/p>\n\n\n\n<p>(Seite\n137 Mitte) \u201cIch war damals\nGerichtsreferendar am Oberlandesgericht Frankfurt in der letzten\nStation vor dem 2. Staatsexamen. Ich kannte sehr viele Referendare,\ndie Mitglieder\nder NSDAP waren und nach den Wahlen im November 1932 aus der Partei\naustraten. Sie hatten darauf gesetzt, da\u00df die Nationalsozialisten an\ndie Macht kommen w\u00fcrden. Und da es nur ein sehr kleines Angebot an\nJuristenstellen gab, hatten sie gedacht, da\u00df sie rasch aufsteigen\nk\u00f6nnten, wenn sie in der NSDAP seien. Nun verlie\u00dfen sie die Partei\nauf dem schnellsten\nWege. Ein f\u00fcr kleinb\u00fcrgerliche Massen typisches Verhalten: sie\nschwankten wie ein Rohr im Winde. Kaum\nwar der 30. Januar 1933 da, waren nat\u00fcrlich alle wieder in der\nNSDAP. Und noch viele andere kamen\ndazu. Die Stimmenr\u00fcckg\u00e4nge in der Zwischenphase waren ein\nZersetzungselement, denn eine faschistische Partei lebt vom\ndauerhaften Aufstieg; sie hat ja sonst nicht zu bieten. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\tAn\nden Kommunalwahlen in Th\u00fcrigen Anfang Dezember 1932 l\u00e4\u00dft sich\ndasselbe beobachten. Hier verloren die Nationalsozialisten sogar im\nVergleich zu den Novemberwahlen erheblich an Stimmen. Vom\nMonopolkapital her gesehen war es somit nur folgerichtig, eine\nPetition an Hindenburg zu richten und zu verlangen, er m\u00f6ge Hitler\nzum Kanzler machen. Die Petition wurde von Schacht. Thyssen usw.\nunterzeichnet; nur wenige hielten sich fern und schlossen sich erst\n(Seite 137) sp\u00e4ter\nan (165). \n<\/p>\n\n\n\n<p>\tDieser\nDruck der Monopolherren war notwendig, denn wer konnte garantieren,\nda\u00df die kommunistische F\u00fchrung eines Tage nicht doch lernen w\u00fcrde,\ndie Einheitsfront-Politik systematisch und\nkonsequent zu handhaben? Hier kann man noch einmal an einem konkreten\nBeispiel die Grenzen der Faschismus-Analyse Thalheimers zeigen. Die\nNSDAP ist nicht aus eigener Kraft \u2013 wenngleich toleriert von der\nherrschenden Klasse \u2013 zur Macht gelangt, sondern\nsie kommt <em>mit Hilfe<\/em>\nder herrrschenden Klasse, die Druck auf die Spitze des\nStaatsapparates aus\u00fcbt, an die Macht. Und zwar zu einem Zeitpunkt,\nda ihr Einflu\u00df zur\u00fcckgeht.\u201c  (Seite\n138)<\/p>\n\n\n\n<p>(Seite\n138 unten) \n<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cDann kommt der 30. Januar 1933, an dem Hitler die Macht an sich rei\u00dft, und alles ist aus. Es ergeht wieder ein Einheitsfront-Angebot der KPD, und die SPD lehnt abermals ab. Die KPD verfolgt diese Politik \u2013 allerdings schwankend \u2013 bis zur Notverordnung weiter, die nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 erlassen wird (167) und die Verhaftung Tausender Kommunisten zur Folge hat. Und dann gibt es wieder einen totalen R\u00fcckschlag nach ultralinks, als die Gewerkschaftsf\u00fchrung ab M\u00e4rz 1933 in Etappen vor den Nationalsozialisten kapituliert und schlie\u00dflich zu ihnen \u00fcberl\u00e4uft: Der 1. Mai 1933 ist nur der Schlu\u00dfpunkt hinter der ganzen Entwicklung, die bereits im M\u00e4rz 1933 begonnen hat. Die Gewerkschaften erkl\u00e4ren zun\u00e4chst, sie wollten mit den Sozialdemokraten nichts mehr zu tun haben, sie hielten sich nicht mehr f\u00fcr eine klassenk\u00e4mpferische Organisation, sondern wollten mit der NSBO verhandeln und die Regierung Hitler unterst\u00fctzen. Am 14. April ruft die F\u00fchrung des ADGB die Arbeiter auf, am 1. Mai, dem \u00bbTage der nationalen Arbeit\u00ab nicht klassenk\u00e4mpferisch und nicht im Namen der internationalen Arbeiterbewegung zu demonstrieren, sondern die Rede Adolf Hitlers anzuh\u00f6ren und die \u00bbnationale Erhebung\u00ab zu unterst\u00fctzen. (168). (Seite 139)<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die F\u00fchrung der Sozialdemokraten leistet nur halbherzig Widerstand. Als n\u00e4mlich der Reichstag zusammentritt, um \u00fcber das Erm\u00e4chtigungsgesetz (169) zu beraten, das immerhin von der SPD abgelehnt wurde, wagt der sozialdemokratische Abgeordnete Otto Wels nicht, daran zu erinnern, da\u00df 81 gew\u00e4hlte Abgeordnete der Kommunistischen Partei das Parlament nicht betreten d\u00fcrfen und  &#8211; soweit sie nicht der Polizei und der SA entkommen konnten \u2013 in  \u00bbSchutzhaft\u00ab sind. er erw\u00e4hnt diesen Tatbestand mit keinem Wort. Er erw\u00e4hnt nur ganz am Rande, da\u00df es besser w\u00e4re, wenn die  &#8211; etwa 12- sozialdemokratischen Abgeordneten, die inzwischen verhaftet und ins KZ gebracht wurden, im Reichstag anwsend w\u00e4ren. Da\u00df fast alle kommunistischen Abgeordneten ebenfalls im KZ sa\u00dfen, interessierte ihn nicht. Dem war vorausgegangen, da\u00df der Versuch der Berliner Sozialistischen Arbeiterjugend, illegale Organisationen vorzubereiten, von ihrem damaligen Reichsleiter Erich Ollenhauer verboten worden war.  <\/p>\n\n\n\n<p>(Seite\n140) Es wurde sogar mit dem Ausschlu\u00df aus\nder SPD gedroht f\u00fcr den Fall, da\u00df solche Versuche weiter\nvorangetrieben w\u00fcrden. Der Parteivorstand der SPD forderte\nschlie\u00dflich von der SAJ, ihre Organisationst\u00e4tigkeit so lange\neinzustellen, wie dies der Polizeipr\u00e4sident von Berlin verlange.\nAu\u00dferdem beschlo\u00df der Parteivorstand der SPD aus der\nSozialisitischen Internationale auszutreten, weil dieser die\nUnwahrheit sage, wenn sie behaupte, es g\u00e4be in Deutschland so etwas\nwie\nKonzentrationslager.(170) Die R\u00fcckwirkung dieser Politik der\nParteif\u00fchrung der SPD auf kommunistische Arbeiter und Funktion\u00e4re\nkann man sich leicht vorstellen. Als dann am 2. Mai 1933 die\nGewerkschaftsf\u00fchrung abgesetzt wird, h\u00e4tte man trotz allem selbst\nf\u00fcr sie k\u00e4mpfen m\u00fcssen. (171). Aber konnte man das von einem\nsozialdemokratischen Arbeiter erwarten, dem die Gewerkschaftsf\u00fchrer\ntags zuvor noch erz\u00e4hlt haben, der m\u00fcsse f\u00fcr Hitler demonstrieren\nund nicht nur die Kommunisten, sondern auch die Sozialdemokraten\npreisgeben?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Anmerkungen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>(141)<\/strong>\nErnst Eckstein war Rechtsanwalt in Breslau und zun\u00e4chst f\u00fchrendes\nMitglied der Breslauer SPD; 1931 wurde er Mitbegr\u00fcnder der SAP und\nkam in deren Parteivorstand. 1933 wurde er verhaftet und im Mai 1933\nzu Tode gefoltert; vgl. Hanno Drechsler, a.a.O., S 363(<\/p>\n\n\n\n<p><strong>(146)<\/strong>\nGemeint ist von Papens Staatstreich in Preu\u00dfen vom 20. Juli 1932;\nvgl. Karl Dietrich Bracher, a. a. O., S. 582 ff.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>(153<\/strong>)\nDie NSDAP erlangte 13,75 Mio. Stimmern und hatte somit ihren\nStimmenanteil in knapp zwei Jahren von 18,2 % auf 37,5 % erh\u00f6ht. Der\nStimmenanteil der SPD sank von 24,5 % auf 21,6 %.  F\u00fcr die KPD\nstimmten 5,3 Mio. W\u00e4hler, ihr Stimmenanteil erh\u00f6hte sich somit von\n13,1 auf 14,3 % ; vgl. Alfred Milatz, a.a.O., S. 142 f.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>(154)<\/strong> In dem Urteil des Staatsgerichtshofes vom 25.10.1932 wurde die endg\u00fcltige Absetzung der SPD-Regierung in Preu\u00dfen zwar f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rt, die vor\u00fcbergehende Verschiebung der sachlichen Zust\u00e4ndigkeiten auf den Reichskommissar aber als zul\u00e4sssig anerkannt; vgl. Karl Dietrich Bracher, a.a.O.., S. 637 ff.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>(165)\n<\/strong>Vgl.George F. W. Hallgarten,\nHitler, Reichswehr und Industrie. Zur Geschichte der Jahre 1918-1933,\nFrankfurt\/Main 1962, S. 108 f.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>(166) <\/strong>Kurt von Schleicher l\u00f6ste am 3. Dezember1932 von Papen als Reichskanzler ab. Zum Kabinett Schleicher vgl. Karl Dietrich Bracher, a.a.O., S. 677 ff.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>(167)\n<\/strong>Notverordnung zum Schutze von\nVolk und Staat vom 28. 2.1933 \n<\/p>\n\n\n\n<p>\n(RGBlI S.\n141)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>(168)\n<\/strong>Vgl. Hans-Gerd Schumann,\na.a.O., S. 58 f<\/p>\n\n\n\n<p><strong>(169)<\/strong> Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich vom 24.3.1933 (RGBlI S. 141)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>(170)\n<\/strong>Vgl.\nf\u00fcr dieser Periode der sozialdemokratischen Politik: Erich Matthias\nund Rudolf Morsey, Das Ende der Parteien 1933, D\u00fcsseldorf 1960. S.\n151 ff.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>(171) <\/strong>Am 2. Mai 1933 st\u00fcrmten SA und SS die H\u00e4user der Freien Gewerkschaften und die Redaktionsb\u00fcros der freigewerkschaftlichen Presse. F\u00fchrende Gewerkschaftsfunktion\u00e4re und Redakteure der Gewerkschaftspresse wurden in Schutzhaft genommen; vgl. Hans Gerd Schumann, a.a.O., S. 70 ff.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fragen an Wolfgang Abendroth zum Deutschland von 1929 \u2013 1932 Abschrift \/Ausz\u00fcge aus den Seiten 116 &#8211; 140 Wie wurde der Faschismus innerhalb der SPD beurteilt? 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