{"id":12834,"date":"2020-10-10T14:20:50","date_gmt":"2020-10-10T14:20:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=12834"},"modified":"2023-12-25T08:13:20","modified_gmt":"2023-12-25T08:13:20","slug":"drei-oder-vier-dinge-die-ich-von-ihnen-weiss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=12834","title":{"rendered":"Drei oder vier Dinge, die ich von ihnen weiss"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Drei-oder-vier-Dinge-die-ich-von-ihnen-weiss-2-Zeichen19.825.pdf\">PDF&nbsp; Drei oder vier Dinge, die ich von ihnen wei\u00df 2 (Zeichen19.825)<\/a><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/BergedorfWentorferStrasse-1024x691.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12777\" width=\"300\" height=\"201\"\/><figcaption>Wentorferstrasse 19-21<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Meine\nMutter:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\"> Annelise, Maria, Elsa Meyer, geb. Hirte geboren am 27. Oktober 1904,   gestorben am 20. Oktober 1987. Letzte Wohnanschrift: H\u00fctten\/Ecke Peterstrasse.<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Mein\nVater: <\/strong>\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\"> Rudolf Heinrich Meyer,  geboren am 24. Januar 1904 in Hamburg Bergedorf, gestorben am 27. August 1979 in Hamburg. Letzte Wohnanschrift:  Dorotheenstr. 184 a in 2000 Hamburg 39, Winterhude.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Oma (1) <\/strong>(die Mutter von Annelise): Dora, Charlotta, Amalie Hirte geb. Eikens, geb. am 19. Juli 1862 in Hannover, gest. am 10. Mai 1907 an den Folgen eines Unfalls in Hamburg. Letzte Wohnanschrift: Steinstrassen Passage 1, Nummer 29, Haus 8.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mein Opa (1)<\/strong> (der Vater von Annelise): Eduard, Ernst, Hermann Hirte, geb. am 12. Mai 1861 in Hannover. Gest. am 16. August 1934 in Hamburg. Von Beruf: Maurer. Sp\u00e4ter Maurermeister. Noch sp\u00e4ter: Architekt. Letzte Wohnanschrift: Bethesdastrasse 36 (Hamburg Borgfelde). (Die Angaben stammen aus den Adressb\u00fcchern von Hamburg).<\/p>\n\n\n\n<p>\nDas\nEhepaar Hirte hatte zehn Kinder.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Annelise-Hirte-imKinderwagenklein.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12863\"\/><figcaption>Foto 1905 Familie Hirte (Im Kinderwagen Annelise)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Meine Mutter:<\/strong> Annelise, Maria, Else Hirte war die j\u00fcngste Tochter der Familie Hirte. Die \u00e4lteste Tochter hie\u00df Maria, Anna, Sofie, Louise  Hirte. (Annelise ist das Kind im Kinderwagen. Aufnahme 1905. Die anderen vier Kinder sind bereits \u00e4lter)<\/p>\n\n\n\n<p>\n(Viele\nKinder, viele Vornamen). Maria ist am 30. Januar 1884 geboren,\ngestorben am 03. Januar 1974. \n<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/P1110248Steinwegpassage1-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12884\" width=\"222\" height=\"296\" srcset=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/P1110248Steinwegpassage1-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/P1110248Steinwegpassage1-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/P1110248Steinwegpassage1.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 222px) 85vw, 222px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/IMG_8119Steinwegpassage1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12882\" width=\"373\" height=\"373\"\/><figcaption>Steinwegpassage Ecke Alter Steinweg. Im Keller der Cotton Club.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Die Namen der restlichen Hirte Kinder und die Reihenfolge ihres Erscheinens sind unsicher. Nur eine zehn Jahre \u00e4ltere Schwester ist sicher. Sie hat nur zwei Vornamen: <strong>Leoni, Dorothea<\/strong> Hirte ist geboren am 10. Januar 1894 und  gestorben am 28. Juli 1943 um 1.00 Uhr und 40 Minuten in Hamburg, <em>\u201edaselbst in Folge Fliegerangriffe gefallen.\u201c <\/em>wie ich der Todesurkunde entnehmen konnte.  <\/p>\n\n\n\n<p> Letzte Wohnanschrift von Leonie Eikens, geb. Hirte: Eiffestrasse 505.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei S\u00f6hne von ihr habe ich noch kennengelernt: Ihren Sohn Wolfgang (W\u00f6lfi) Eikens und seinen Bruder Karl Hermann Eikens. W\u00f6lfi war gerade 17 geworden und machte eine Lehre zum Autoschlosser, als ihn 1942 der F\u00fchrer nach Russland schickte. Als seine Mutter 1943 \u201c<em>in ihrer Wohnung gegrillt wurde\u201c<\/em>, wie W\u00f6lfi sich auszudr\u00fccken pflegte, <em>\u201csind mir bei Stalingrad die F\u00fc\u00dfe abgefroren\u201c<\/em> (Seine F\u00fc\u00dfe hatten eine ganz glatte Haut). Der F\u00fchrer hatte vergessen, seinen Kindersoldaten (vollj\u00e4hrig wurde man erst mit 21 Jahren) Winterkleidung mitzugeben. Hatte sich was mit Blitzkrieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kindheit meiner Mutter Annelise war schwierig. Wie schwierig, hat sie ihren Kindern oder Enkelkindern nie erz\u00e4hlt. Ihre Mutter war schwanger und ist beim Gardinenaufh\u00e4ngen in der Wohnung von der Leiter gefallen. Sie hatte eine Fehlgeburt. Sie soll im Krankenhaus verblutet sein. Annelise ist zwei Jahre alt, als ihre Mutter stirbt.  Ihr Vater, mein Opa, war ein Hallodri. Darunter konnte ich mir als Kind nichts vorstellen. Was sie damit meinte, erfuhren wir erst viel, viel sp\u00e4ter. Es stellte sich heraus, dass mein Opa (1) (ihr Vater) schon lange eine Geliebte hatte, der er erz\u00e4hlt hatte, er habe drei vollj\u00e4hrige Kinder. Das Gegenteil ist der Fall. Sieben seiner Kinder sind unter 21 Jahre alt, als seine Frau von der Leiter f\u00e4llt. Die \u00e4lteste Schwester von Annelise, Maria Else Hirte, ist bei dem Tod der Mutter dreiundzwanzig Jahre alt. Wir nannten sie Tante Ria. Tante Ria hat ihrem Enkel erz\u00e4hlt, dass die Familie Hirte oft umgezogen ist. Damals gab es das Ritual, dass neue H\u00e4user zun\u00e4chst von armen Familien \u201ctrocken gewohnt wurden\u201c. Hermann war Maurer. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/P1110246Steinwegpassage1-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12888\" width=\"231\" height=\"308\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Immer, wenn ein Haus fertig war, zog die Familie in eine dieser feuchten Wohnungen zum \u201cTrocken wohnen.\u201c Die Trocken-Wohn-Miete war g\u00fcnstig. Wenn die Wohnung nach zw\u00f6lf Monaten trocken war, zogen sie in die n\u00e4chste Feucht-Wohnung um. Als meine Mutter 1904 geboren wurde, wohnte die Familie Hirte in der Steinstra\u00dfe 129. Die Anschrift f\u00fchrt leicht zur Verwirrung. Es gibt sie nicht, die Steinstra\u00dfe 129. Vielmehr handelt es sich um die Strasse: Steinstrassenpassage Nr. 1, Haus Nummer 29, im Hinterhof Haus 8. Die Steinstrassen Passage ist heute an der selben Stelle wie 1904. In der N\u00e4he vom Gro\u00dfneumarkt. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/IMG_8120Steinwegpassage1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12886\" width=\"221\" height=\"221\" srcset=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/IMG_8120Steinwegpassage1.jpg 800w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/IMG_8120Steinwegpassage1-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/IMG_8120Steinwegpassage1-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/IMG_8120Steinwegpassage1-768x768.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 221px) 85vw, 221px\" \/><figcaption>Steinwegpassage\/ Ecke Alter Steinweg (Foto von 2020)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Das Vorderhaus Nummer eins steht noch. Die Hinterh\u00e4user sind bombardiert oder abgerissen worden. Als Annelise 1904 geboren wird, wohnt Familie Hirte die Wohnung im ersten Stock \u201ctrocken\u201c. Berufsangabe von Hermann Hirte im Adressbuch: \u201cMauermeister\u201c. 1909 wird eine andere Wohnung \u201ctrocken\u201c gewohnt: In der Barmbeckerstr. 191. Ein Neubau, dicht am Winterhuder Marktplatz.  <\/p>\n\n\n\n<p>\nOpa (1)\nHermann gibt die kleinen Hirte Kinder in Pflegefamilien. Annelise ist\ndie j\u00fcngste. Dort geht es ihr nicht gut. Die Pflegefamilien nehmen\ndie Kinder nur, weil sie das Geld, das daf\u00fcr gezahlt wird, dringend\nbrauchen. Die Kinder finanzieren den armen Familien den\nLebensunterhalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 30. M\u00e4rz 1912 heiratet Annelises Vater wieder und zieht in die neue Wohnung Eilbecker Weg 204. Die Auserw\u00e4hlte hei\u00dft Auguste Bieling. Als Auguste Bieling &#8211; Auguste Hirte &#8211; wird, ist sie ein Jahr und einen Monat j\u00fcnger als Hermanns \u00e4lteste Tochter Maria. Auguste Bieling ist am 23. Februar 1883 geboren. Maria Hirte ist am 30. Januar 1884 geboren. In der neuen Ehe werden von 1912-1920 vier weitere Kinder gezeugt. 1913 zieht die Familie Hirte (die Zusammensetzung dieser Familie ist unklar) in die neue (feuchte) Wohnung in der Himmelstrasse 26. Ob Annelise in dieser Zeit Kontakt zu ihrem Vater hatte, blieb ihr Geheimnis.  <\/p>\n\n\n\n<p>Sie spricht dar\u00fcber nie. Auch zu den Enkelkindern kein Wort. Es scheint so, als sei der Kontakt abgebrochen oder gar nicht erst entstanden. Auch Tante Ria verliert kein Wort dar\u00fcber.  <\/p>\n\n\n\n<p>Maria Hirte ist Verk\u00e4uferin in einem Schokoladengesch\u00e4ft. 1910 gibt es das Chocoladengesch\u00e4ft von Reese &amp; Wichmann am Jungfernstieg 12. Das  w\u00e4re so eine M\u00f6glichkeit. Passend in der Hamburger Innenstadt. Da gibt es einen jungen Mann, der sehr oft Chocolade kauft. Maria merkt bald, der Mann kommt gar nicht wegen der Schokolade, sondern wegen ihr. So viel Schokolade kann ein Mensch alleine gar nicht essen.  <\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann heisst Otto Averdieck. Otto ist Rechtsanwalt. Seine Kanzlei betreibt er in der M\u00f6nckebergstrasse 18. Flei\u00dfig ist er auch. Die Sprechzeiten seiner Kanzlei sind im Adressbuch angegeben. Werktags von 9.00 bis 5.00 Uhr und Sonntags von 9.00 &#8211; 2.00 Uhr.  <\/p>\n\n\n\n<p>Ob es Liebe auf den ersten Blick ist und bei wem, ist nicht \u00fcberliefert. Otto ist am 16. Februar 1881 geboren und wohnt in einer Wohnung in dem Haus seiner Eltern in der Bassinstrasse 12 in Uhlenhorst. 1912 verkaufen die Eltern das Haus in der Bassinstrasse 12, um eines in der Petkumstrasse 17 zu kaufen. Das ist eine Ecke weiter. Das Haus gibt es nicht mehr. Es wurde im Krieg zerst\u00f6rt. (nicht im ersten, sondern im zweiten)  <\/p>\n\n\n\n<p>Als im August 1914 der Erste Weltkrieg beginnt, den man erst nach dem Beginn des zweiten Weltkrieges nummeriert, ist Otto 33 Jahre alt. Otto ist kriegsbegeistert wie alle anderen. Seine Eltern leben ihren Standesd\u00fcnkel. Sie halten sich f\u00fcr etwas Besseres und sind gegen die Verbindung ihres Sohnes mit Maria Hirte. Sie ist ja nur die Tochter eines Maurermeisters.  <\/p>\n\n\n\n<p>\nOtto ist\ndas offensichtlich Wumpe. \n<\/p>\n\n\n\n<p>1916 ist Maria Hirte schwanger und Otto \u00fcberl\u00e4sst ihr seine Wohnung in der Petkumstrasse 17, w\u00e4hrend er in Frankreich flei\u00dfig Franzosen abschie\u00dft.  Seine Eltern, denen das Haus in der Petkumstrasse 17 geh\u00f6rt, wohnen im selben Haus. Jeden Tag wird Maria von ihnen daran erinnert, das der Sohn etwas Besseres, als die Tochter eines Maurers verdient h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 8. April 1916 wird Otto, Leonhard geboren. Wie alle unehelichen Kinder erh\u00e4lt das Kind den Nachnamen der Mutter: Hirte. Selbst der Bruder, Rudolf Averdieck, der am 21. M\u00e4rz 1920 geboren wird, wei\u00df davon lange Zeit nichts. Der kleine Otto erh\u00e4lt den Nachnamen Averdieck erst, nachdem das Paar 1918 offiziell beim Standesamt geheiratet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter &#8211; Annelise &#8211; ist dreizehn Jahre alt, als ihre Schwester Maria sie zu sich nach Hause holt. Bis 1926 wohnen die Averdiecks in der Allee 239 in Altona. In der Strasse Allee 239 steht ein h\u00e4sslicher schwarzer Kasten, in dem sie ihre erste Wohnung hatten, erz\u00e4hlt Tante Ria ihrem Enkel Ulrich Graumann, und der erz\u00e4hlt es mir nach ihrem Tod am 30.01.1974- Jahrzehnte sp\u00e4ter.  <\/p>\n\n\n\n<p>1980 bekommt die Strasse <strong>Allee<\/strong> einen neuen Vor- und Nachnamen und heisst jetzt <strong>Max Brauer Allee<\/strong>. Die Max-Brauer-Allee wird bis zum Altonaer Rathaus verl\u00e4ngert. Sicher ein Grund, warum ich den h\u00e4sslichen schwarzen Kasten in der Max Brauer Allee nicht gefunden habe. Tante Ria meidet nach dem 2. Krieg die Viertel, in denen sie fr\u00fcher einmal gewohnt hatte. Vor allem, weil sie nichts mehr wiedererkennt, wie sie mir erz\u00e4hlt hatte. Es ist alles anders, als es fr\u00fcher einmal war. Nur Bergedorf ist irgendwie gleich geblieben.  <\/p>\n\n\n\n<p>Stolz berichten Erwachsene uns Kindern, das in Bergedorf nur eine einzige Bombe gefallen ist. Einige glauben sogar zu wissen, dass es so ist, weil in Bergedorf das Eisenwerk &#8211; Bergedorfer Eisenwerk &#8211; einem schwedischen Besitzer geh\u00f6rt. Und mit den Schweden m\u00f6chten es sich weder die Engl\u00e4nder noch die Amerikaner verderben, so behaupten die Erwachsenen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls taucht mein Opa (1) Hermann ab und niemand hat Kontakt mit ihm. In der Familiengeschichte ist er wie ein schwarzer Fleck, den man am liebsten wegradieren w\u00fcrde. G\u00e4be es doch einen Opa Radierer, man w\u00fcrde ihn sofort nutzen. Manchmal ist er, wenn sein Name \u00fcberhaupt genannt wird, nur Opa (1) -das Schwein- . Ein bisschen Neid ist bei den M\u00e4nnern auch dabei. Dass eine 23 j\u00e4hrige Frau sich mit einem 45 j\u00e4hrigen, einem uralten Mann, einl\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>1927 zieht die Familie Otto Averdieck nach Bergedorf, wo sie im Schlebuschweg 28 ein Haus gekauft haben. Im Grundbuch eingetragen ist Averdieck, Otto. Zwei Jahre wohnt auch meine andere Oma (2), Marie Meyer, in diesem Haus im Schlebuschweg 28. Ein Haus mit drei Stockwerken, in dem vier Familien und einige Einzelpersonen wohnen. Das Haus hat die Jahrzehnte \u00fcberstanden. Eine der ausgebombten Familien, die hier zwangsweise untergebracht wurde, will nach dem Krieg gar nicht wieder ausziehen. Aber kein Problem. Otto ist Anwalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im obersten Geschoss, in der Mansarde im Dach, wohnte in einem Zimmer noch eine Schwester meiner Mutter. Wir nannten sie Tante Buddy. Sie verlie\u00df selten das Bett. Und wenn, dann nur um neue Zeitschriften zu kaufen. Den Eindruck hatte ich. Die neuen Zeitschriften mochten alle Jungs gern. Eine hie\u00df Praline. Die erinnere ich noch. Dort wurden Frauen abgebildet, meist wenig bekleidet. Manchmal konnte man auf halb verdeckte Busen gucken. Ich erinnere noch, dass es immer etwas streng in ihrem Zimmer roch. Das mag daran gelegen haben, dass das Zimmer im Dachgeschoss keinen Wasseranschluss hatte. Tante Buddy hatte nur eine Sch\u00fcssel, in der sie sich waschen konnte. Aber wegen der vielen Vorteile hat uns Kinder das nicht weiter gest\u00f6rt. Es ging immer die Legende, dass sie einen Mann geheiratet h\u00e4tte, der ziemlich fr\u00fch im ersten Weltkrieg gefallen war und um den sie immer noch trauerte. Vermutlich ist die Geschichte ganz anders gewesen. Vielleicht hat er auch nur die Flucht vor ihr ergriffen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich sie jemals auf der Stra\u00dfe getroffen habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Tante Ria hat mir oft f\u00fcnf Mark St\u00fccke als Taschengeld zugesteckt. Sie sprach dann immer von einem Taler. Sie hatte auch ganz viele verschiedene M\u00fcnzen aus der Vergangenheit, die alle nichts mehr wert waren. Ich habe sie oft sortiert. Nach Gr\u00f6\u00dfen, nach aufgedruckten Werten, nach eingepr\u00e4gten Jahreszahlen. Sie hatte auch ein Grammophon, mit dem man mit Stahlnadeln die Schellack Platten abspielen konnte, die leicht zerbrachen. Zum Gl\u00fcck ist mir keine zerbrochen. Um das Haus herum war ein kleiner Garten, in dem wir oft Versteck gespielt haben. Onkel Otto, wie wir ihn nannten, war im Vorstand des Bergedorfer Briefmarkenvereins. In der Vergangenheit wusste er gut Bescheid. Er war der einzige Erwachsene, den ich kannte, der sich dazu bekannte, dass er fr\u00fcher, in der Nazizeit selber Nazi gewesen war.  <\/p>\n\n\n\n<p> Mein  Vater.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Milchh\u00e4ndlerklein4.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-12896\" width=\"296\" height=\"398\" srcset=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Milchh\u00e4ndlerklein4.png 500w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Milchh\u00e4ndlerklein4-223x300.png 223w\" sizes=\"auto, (max-width: 296px) 85vw, 296px\" \/><figcaption>Milchh\u00e4ndler Richard Schultz<br><br><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Die Geschichte dieses Familienzweigs beginnt mit den Eltern meiner Oma (2) Meyer. Meine Oma (2) ist die Tochter von Paul und Margarethe Schumacher, die in Bergedorf in der Wentorferstrasse 19 wohnten. Das Haus gibt es noch. Ich habe ein Foto davon. Es ist ein kleines Haus. Eine Art Doppelhaush\u00e4lfte mit zwei Eing\u00e4ngen. Wentorferstrasse 19 und 21. Wann der Vater von meiner Oma (2), Paul Schumacher, geboren ist, wei\u00df ich nicht. Auch der M\u00e4dchenname von Margarethe Schumacher, meiner Uroma, und ihr Geburtsdatum ist mir unbekannt. Von Beruf ist mein Uropa, Paul Schumacher, Fuhrmann. Im Adressbuch steht, dass er 1875 in das Haus in der Wentorferstrasse 19 eingezogen ist. Dort wohnte er bis zu seinem Tode 1914. Wann er Margarete, seine Frau, kennenlernt hat, ist nicht bekannt. Nach der Heirat zieht sie bei ihm ein. Sie bekommen eine Tochter und nennen sie Marie.  <\/p>\n\n\n\n<p>Marie bleibt ein Einzelkind. Irgendwann lernt meine Oma Marie (2) meinen Opa Heinrich Meyer kennen. Der Opa war ein Fan von August Bebel, erz\u00e4hlt mir die Oma sp\u00e4ter. Zu dem Gespr\u00e4ch mit meiner Oma \u00fcber August Bebel kommt es, weil sie selbst 1957 in dieser Strasse August Bebelstrasse Nr. 25 wohnt. Ich bin elf Jahre alt und interessiere mich nicht die Bohne f\u00fcr den Held eines Opas, den ich noch nie gesehen habe. 2020 bin ich f\u00fcr die Neugier alt genug und suche die Spuren dieses Opas.  Unsicher. Nur eine zehn Jahre \u00e4ltere Schwester ist sicher. <strong>Nachtrag: Gefunden die Daten von Oma und Opa Zwei:<\/strong>  <strong>Opa (2)<\/strong>, Heinrich Meyer (Opa) geboren am 15. Oktober 1867, gestorben am 21. Juni 1930, im Hamburg. Heinrich Meyer wird 62 Jahre alt. <strong>Oma (2)<\/strong>, Marie Meyer, geb. Schumacher. geboren am 17. September 1877, gestorben am 21. Januar 1958, in Hamburg. Marie Meyer wird 80 Jahre alt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Spur finde ich im Adressbuch von Bergedorf f\u00fcr das Jahr 1889. Der Eintrag lautet: Meyer, J. H. H., von Beruf: Arb., was vermutlich Arbeiter heisst. Von 1890 -1895 ist der Eintrag gleich: Meyer, J. H. H., Bleichertwiete 16, Postbote. Von 1911 an ist im Adressbuch eingetragen: Meyer, H. Postschaffner. Opa Heinrich steigt auf. 1914 zum Oberpostschaffner. Von 1922 bis 1929 ist er \u201cPost-Betr.&#8211;Assist\u201c, so lautet die Abk\u00fcrzung im Bergedorfer Adressbuch. 1929 beendet er seine Karriere bei der Post. Ein Beamter im Ruhestand.  <\/p>\n\n\n\n<p>Mein Vater wird 1904  geboren. Sie nennen ihn Rudolf Heinrich. Auch Rudolf bleibt, wie seine Mutter ein Einzelkind. Bis 1910 wohnt Familie Meyer in Bergedorf in der Bleichertwiete 16. 1911 ziehen sie in den Kirchhofsweg Nr. 4. Rudolf ist jetzt ein Schulkind. Der Neubau der Schule Spieringstrasse 1, der ganz in der N\u00e4he ist, wurde 1910 er\u00f6ffnet. Schon m\u00f6glich, dass Rudolf in die gleiche Schule gegangen ist, die auch ich sp\u00e4ter (ab 1953) besuche. Ich habe ihn nicht gefragt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Bergedorf1-e1573089326959.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Bergedorf1-1024x744.jpg\" alt=\"Schumacher und Schultz\" class=\"wp-image-4166\" width=\"631\" height=\"458\"\/><\/a><figcaption>Wentorferstra\u00dfe 19 &#8211; 21. v.l.n.r. Paul Schumacher, Fuhrmann, Margarethe Schumacher, Johanna Schultz, Richard Schultz, Milchh\u00e4ndler, Vater von Richard Schultz . 1918 (?)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als\ndie\nMutter meiner Oma, Margarethe\nSchumacher, 1922 stirbt, zieht Familie Meyer in das Haus in der\nWentorferstrasse 19 ein.\nDas Haus Nr. 19 ist zwischenzeitlich an den Milchh\u00e4ndler von nebenan\nverkauft worden und geh\u00f6rt\nnun der\nWitwe des\nMilchh\u00e4ndlers Richard Schultz, Johanna\nSchultz, die in Nummer 21 wohnt.\n\n<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Wentorfer_Strasse_19.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12894\" width=\"276\" height=\"207\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Rudolf\nist jetzt 17 Jahre alt. Vollj\u00e4hrig wird man in dieser\nZeit mit 21 Jahren. 1930 stirbt mein Opa Heinrich. Meine Oma\nist nun die Witwe eines Beamten und der Eintrag im Adressbuch lautet\n1931: Meyer, Wwe. Marie, Bergedorf, Wentorferstrasse 19. Bis 1935\nwohnt meine Oma mit ihrem\nSohn Rudolf in der Wentorferstrasse 19. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Zeit freundet sich mein Vater mit Walther Kellinghusen an. Einem Photograph, der zwei H\u00e4user weiter, in der Wentorferstrasse 23 wohnt. Walther hat das Hobby meines Vaters, die Photographie, zu seinem Beruf gemacht. Gemeinsam \u00fcben sie sich in Portr\u00e4t- und Landschaftsphotographie.  <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/WalterKellinghusen1928RHM-739x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10785\" width=\"200\" height=\"277\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Der Vater von Walther ist Rechtsanwalt und Notar. Die Kellinghusens sind eine gro\u00dfe Familie und wohnen seit 1886 in diesem Haus. In dem Nachlass meiner Eltern finde ich Aufnahmen beider Photographen. Sie fotografieren auf Filmen und auf Glasplatten. Die Glasplattenkameras haben die Formate 9 x 12 und 13 x 18. Auch Rudolf bestreitet seinen Lebensunterhalt mit Auftragsarbeiten und fertigt Portr\u00e4ts von jungen Frauen und M\u00e4nnern an. Bewerbungsfotos geh\u00f6ren auch dazu. Seine Mutter dringt darauf, das Rudolf noch einen \u201canst\u00e4ndigen\u201c Beruf lernen soll. Das ist 1920 nicht ganz einfach.  <\/p>\n\n\n\n<p>Eine Lehrstelle bei einem Gew\u00fcrzimporteur wird angeboten. Apkar Dilsizian, Import und Export GmbH. Sein B\u00fcro ist gegen\u00fcber dem Freihafen, Hohe Br\u00fccke 4, Handelsspanisch und Stenografie sind Voraussetzung f\u00fcr eine Einstellung. Rudolf behauptet beides zu k\u00f6nnen, was keiner \u00fcberpr\u00fcft und drei Monate sp\u00e4ter kann er anfangen. Die Zwischenzeit nutzt er, sich die geforderten F\u00e4higkeiten anzueignen. Damit kommt er durch. Rudolf verdient 1921 sein erstes Geld und tr\u00e4gt das Gehalt in ein kleines DIN A 5 B\u00fcchlein ein. Im August 1923 ist er Million\u00e4r, im September Miliard\u00e4r und in November 1923 bekommt er f\u00fcr den ganzen Monat Arbeit 12,50. Die W\u00e4hrung nennt sich Rentenmark. Bald kann er ein Foto aus dem B\u00fcrofenster, Hohe Br\u00fccke Nr. 4 machen.  <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/P1110238HoheBr\u00fccke1klein.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12912\" width=\"218\" height=\"291\"\/><figcaption>Haus daneben: Hohe Br\u00fccke Nr. 1 (Foto vom Oktober 2020)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/BlickausdemBuerofenster-1024x755.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12880\" width=\"541\" height=\"398\"\/><figcaption>Blick aus dem B\u00fcrofenster Hohe Br\u00fccke Nr. 4 (Das Haus gibt es nicht mehr.)<br><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/VerstecktesFoto-1024x802.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12862\" width=\"267\" height=\"208\"\/><figcaption>links mein Vater Rudolf Meyer. Die anderen Personen sind mir nicht bekannt.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/P1110242Figurklein.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12913\" width=\"311\" height=\"233\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Am\n5. Juni 1935 heiraten meine Eltern. Der\nStandesbeamte \u00fcberreicht als Geschenk das\nBuch \u201cMein\nKampf\u201c von Adolf Hitler. Die\nerste gemeinsame\nWohnung meiner\nEltern\nist in der Wentorferstrasse 84. Die Wohnung hat Zentral\nHeizung, was offenbar so wichtig ist,\ndass es in Adressb\u00fcchern eingetragen wird.\n\n<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/P1110243Fassadeklein.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12916\" width=\"280\" height=\"210\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>1936 wird der Freund meines Vaters, der Photograph Walther Kellinghusen, verhaftet und kommt in die Untersuchungshaft ins Bergedorfer Gef\u00e4ngnis. Der Vorwurf lautet, er habe gegen den \u00a7 175 versto\u00dfen.  <\/p>\n\n\n\n<p>Annelise ist schwanger. In Bergedorf in der Brauerstrasse 163 entsteht ein Neubau. Bei der Belegung des Neubaus werden Parteigenossen der NSDAP bevorzugt behandelt. Mein Vater wird Parteigenosse und erh\u00e4lt den Zuschlag. Eine Wohnung zum \u201cTrocken Wohnen\u201c in der  Brauerstrasse 163. Annelise kennt das schon. Hat sie doch ihre Kindheit mit dem \u201cTrocken Wohnen\u201c verbracht. Am 11. August 1937 bringt Annelise meine Schwester Roswitha zur Welt. Im Elim. In Eimsb\u00fcttel. Vierzig Autominuten von der Brauerstrasse entfernt.<\/p>\n\n\n\n<p>1945, beim Einmarsch der Engl\u00e4nder, verschwindet das Hochzeitsgeschenk des Standesbeamten im Heizungskessel im Glindersweg 47. Gottseidank gibt es keinen Koks im Mai 1945. Bis auf einen kleinen Wasserschaden, der den Buchr\u00fccken aufgel\u00f6st hat, ist dem Buch weiter nichts passiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Schwester berichtete mir sp\u00e4ter, unsere Mutter hatte  ihr erz\u00e4hlt, der Vater von Walther, der ein angesehener Rechtsanwalt in Bergedorf gewesen sei, habe seinen Sohn Walther Kellinghusen im Gef\u00e4ngnis besucht und ihm ein Handtuch oder ein Tuch gebracht. Dieses Tuch sei eine Art Code gewesen. Das Signal daf\u00fcr, das man Walther nicht helfen k\u00f6nne. Darauf hin hat sich Walther im Gef\u00e4ngnis das Leben genommen.  <\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte geisterte seit Jahren durch unsere Familie. Es wurde aber niemals gekl\u00e4rt, ob es  tats\u00e4chlich so passiert ist. Auff\u00e4llig ist, das mein Vater ein Reihe von Fotos aufgehoben hat, die von Walther Kellinghusen hergestellt worden sind oder ihn abbilden. So sind diese Aufnahmen nach dem Tode meiner Eltern in meinen Besitz gekommen.  <\/p>\n\n\n\n<p>Erst vor einigen Jahren habe ich mit der Recherchen zu Walther Kellinghusen begonnen. Ich stellte ich fest. Es ist noch viel schlimmer, als bisher bekannt. Im Staatsarchiv finde ich einen Mitarbeiter, der sich speziell mit der Verfolgung der Schwulen in Hamburg jahrelang besch\u00e4ftigt hat. Uwe Bollmann.  Zusammen mit einem Kollegen hatte er Reihe von Ver\u00f6ffentlichungen gemacht. Auch die beiden F\u00e4lle Kellinghusen haben sie bearbeitet. Der Fall Walther Kellinghusen, der sich im Bergedorfer Gef\u00e4ngnis das Leben genommen hat. Und der Fall seines siebzehn Jahre \u00e4lteren Bruders Hans-Adolf Kellinghusen, der 1933 zum Professor und stellvertretender Direktor des Staatsarchives ernannt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Lange sinne ich dar\u00fcber nach, warum meine Eltern, warum mein Vater nach dem Tode seines Freundes Walther Kellinghusen niemals mehr Kontakt mit einem Familienangeh\u00f6rigen der Kellinghusens aufgenommen hat. Schlie\u00dflich haben wir bis 1963 in Bergedorf im Glindersweg 47 gewohnt. Ich komme zu keinem Ergebnis. Aber zu einer Entscheidung.  <\/p>\n\n\n\n<p>Walther Kellinghusen ist es wert, dass man \u00fcber seine Person stolpert, so wie ich \u00fcber ihn gestolpert bin. Ich nehme Kontakt mit Peter Hess auf. Es soll ein Stolperstein f\u00fcr Walther Kellinghusen werden. Verlegt an seiner letzten Wohnanschrift in der Wentorferstrasse 23.   <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Suche nach Angeh\u00f6rigen von Walther Kellinghusen ist Peter Hess erfolgreicher als ich. Ich hatte es telefonisch probiert, ohne Erfolg. Kein Verwandter dabei, der mit Walther verwandt war oder von seiner Geschichte wusste. Peter Hess hat es mit kleinen Zetteln an den B\u00e4umen in der Wentorferstrasse in Bergedorf versucht. Er hat einen Kellinghusen gefunden und mir seine Telefonnummer gegeben.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-full\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/RHMWalterKellinghusen12klein.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"258\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/RHMWalterKellinghusen12klein.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8496\"\/><\/a><figcaption>Walther Kellinghusen Fotograf  Das Foto hat Rudolf Heinrich Meyer von ihm gemacht.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Hans-Adolf-Kellinghusen-e1702563916644.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Hans-Adolf-Kellinghusen-e1702563916644.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12567\" width=\"185\" height=\"257\"\/><\/a><figcaption>Hans Adolf Kellinghusen Das Foto hat sein Bruder Walther Kellinghusen gemacht<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Ich habe dann anschlie\u00dfend drei\u00dfig Minuten mit diesem Kellinghusen  telefoniert. Er ist Jahrgang 1937. Die Villa des Vaters hat er nach dem Krieg abrei\u00dfen lassen und auf dem Grundst\u00fcck, das bis zur Strasse Am Baum 8 reicht, neu gebaut. Ein gro\u00dfes Grundst\u00fcck. Das Haus in der Mitte. Weg von der lauten Wentorferstrasse.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach diesem Telefonat habe ich endlich verstanden, warum meine Eltern mit dem Rest der Familie Kellinghusen nach dem Tode von Walther nichts mehr zu tun haben wollten. Merkw\u00fcrdige Formulierungen lassen mich stutzen.  Hinterher denke ich: Wenn dieser Kellinghusen k\u00f6nnte, wie er wollte, aber das kann er nicht, dann w\u00fcrde er diesen Stolperstein verhindern.  Er spricht von der Schande, die Walther \u00fcber die Familie gebracht hat. Sprachlosigkeit \u00fcberf\u00e4llt mich. Ein Blick in den Kalender macht die Sache nur noch schlimmer. Die Gef\u00e4ngnisakten sind inzwischen vernichtet.  <\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walther-Kellinghusen-Zelle-5.pdf\">PDF Walther Kellinghusen Zelle 5<\/a><\/p>\n\n\n<p>Es steht zu vermuten, dass die Vernichtung dieser Akten dem \u00e4lteren Bruder, der 1933 zu stellvertretenden Direktor und Professor des Staatsarchives ernannt wurde, Hans-Adolf Kellinghusen sehr gelegen kam, wenn er die Vernichtung der Akten nicht selber initiiert hat, was zu vermuten ist. Einen Satz sollte ich vielleicht noch einmal wiederholen: Hans-Adolf Kellinghusen, war 1915 \u201c<em>Hilfsarbeiter im Staatsarchiv\u201c<\/em> (Eintrag im Hamburger Adressbuch), 1932 Archivrat im Staatsarchiv und wurde im Jahre der Macht\u00fcbernahme zum Professor und stellvertretenden Direktor des Staatsarchives ernannt. 1979 starb mein Papa. Er wurde 75 Jahre alt. 1987 starb meine Mama. Sie wurde 83 Jahre alt.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/wernerHensel15-19-807x1024.jpg\" alt=\"Gojenberg\" class=\"wp-image-2044\" width=\"324\" height=\"411\"\/><figcaption>Heinrich Meyer (Mein Opa)  auf dem Gojenberg.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/MeinOpaMeyer150dpi-765x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12852\" width=\"262\" height=\"348\"\/><figcaption>Heinrich Meyer geb. 15. Oktober 1867, gest. 21. Juni 1930, Fotografiert von Rudolf Heinrich Meyer <br><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/IMG_3008klein.jpg\" alt=\"Tiere sehen Dich an (1)\" class=\"wp-image-10480\" width=\"214\" height=\"142\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/image.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-10572\" width=\"203\" height=\"137\" srcset=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/image.png 720w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/image-300x203.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 203px) 85vw, 203px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Hamburg, d. 15. Dezember 2023<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>PDF&nbsp; Drei oder vier Dinge, die ich von ihnen wei\u00df 2 (Zeichen19.825) Meine Mutter: Annelise, Maria, Elsa Meyer, geb. Hirte geboren am 27. Oktober 1904, gestorben am 20. Oktober 1987. Letzte Wohnanschrift: H\u00fctten\/Ecke Peterstrasse. Mein Vater: Rudolf Heinrich Meyer, geboren am 24. Januar 1904 in Hamburg Bergedorf, gestorben am 27. August 1979 in Hamburg. 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