{"id":14057,"date":"2021-02-11T14:47:50","date_gmt":"2021-02-11T14:47:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=14057"},"modified":"2021-02-11T17:39:58","modified_gmt":"2021-02-11T17:39:58","slug":"in-erinnerung-an-renate-holland-moritz-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=14057","title":{"rendered":"In Erinnerung an Renate Holland-Moritz (III)"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-file\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/RHMAuszug-aus-Tote-Else.pdf\">RHMAuszug-aus-Tote-Else<\/a><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/RHMAuszug-aus-Tote-Else.pdf\" class=\"wp-block-file__button\" download>Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\"><strong>Auszug aus <\/strong> \u201c<strong>Die tote Else\u201c Renate Holland-Moritz:<\/strong> \u201cAus ihnen wird wohl nichts werden, es sei denn, Sie gingen zum Film oder zur Presse.\u201c Dieser Sto\u00dfseufzer eines geplagten Studienrates, den meine geringen Kenntnisse im Fach Chemie tief ersch\u00fcttert hatten, war als Beleidigung gedacht; ich aber hielt ihn f\u00fcr eine Art vern\u00fcnftiger Berufsberatung. Also k\u00fcndigte ich meiner K\u00f6penicker Oberschule unmittelbar nach Absolvierung der 10. Klasse und begab mich auf Stellungssuche. Der Verlag Kultur und Fortschritt leistete sich Mai 1952 den Luxus, einen ahnungslosen 17 j\u00e4hrigen Teenager als Redaktionsvolont\u00e4r einzustellen. Ich begann in einer wissenschaftlichen Vierteljahreszeitschrift und wurde mangels andrer F\u00e4higkeiten mit der Zusammenstellung des Sachregisters f\u00fcr ein enzyklop\u00e4disches Werk betraut. \u201cDas Alphabet werden Sie ja wohl beherrschen\u201c, sagte der Chefredakteur. Damit irrte er. Zumindest war mir nicht gel\u00e4ufig, da\u00df auch die jeweils n\u00e4chstfolgenden Buchstaben der alphabetischen Ordnung bedurften. Als nach wenigen Wochen ruchbar wurde, da\u00df bei mir \u201cArbeiterklasse\u201c den Vorrang vor \u201cAkademie der Wissenschaften\u201c hatte, mu\u00dfte ein f\u00fcnfk\u00f6pfiges Team von Slawistikstudenten engagiert werden, um die von mir gestiftete Konfusion zu entwirren. Einige der inzwischen gestandenen Professoren und Doktoren erinnern sich noch heute gern der so unverhofften wie betr\u00e4chtlichen Nebeneinnahme.                                                                                              <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Nach diesem Desaster \u00fcbernahm mich Harald Hauser, Chefredakteur der im selben Verlag erscheinenden popul\u00e4rwissenschaftlichen Monatszeitschrift \u201cDie neue Gesellschaft\u201c. Hauser war ein guter Journalist und ein gro\u00dfer Mutmacher. Junge Leute, die viel lasen und respektvoll mit der Muttersprache umgingen, hatten seine Symphatie. Die allerdings verscherzte ich mir weitgehend, als ich eines Tages daranging, Gorki zu redigieren. Der Satz \u201cEin Mensch \u2013 wie stolz das klingt\u201c, kam mir doch ein wenig d\u00fcrftig vor, so da\u00df ich \u00e4nderte: \u201cEin Mensch zu sein \u2013 wie stolz das klingt!\u201c Danach gab mich Hauser ohne erkennbares Herzdr\u00fccken an die Wochenzeitschrift \u201cFriedenspost\u201c weiter.  <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Hier stand ich unter der Obhut des stellvertretenden Chefredakteurs Heinz Stern, sp\u00e4ter langj\u00e4hriger Chefreporter des \u201cNeuen Deutschland\u201c und der mit Recht so beliebten Gazette \u201cDas Magazin\u201c. An die \u201cFriedenspost\u201c werden sich heute h\u00f6chstens noch einige \u00e4ltere Mitglieder der Gesellschaft f\u00fcr Deutsch-Sowjetische Freundschaft erinnern, deren Zentralorgan das Bl\u00e4ttchen darstellte. Eine gewisse dogmatische Kopflastigkeit und der f\u00fcr damalige Zeiten charakteristische h\u00f6lzerne Stil hielten die Verkaufszahlen in Grenzen. Ich erinnere mich, da\u00df vor allem die Zehnerkassierer der Freundschaftsgesellschaft hartn\u00e4ckigen Beitragsschuldnern die Zeitschrift als eine Art Abla\u00dfbrief aufschwatzten. Mir wurde die ehrenvolle Aufgabe zuteil, die letzte Seite redaktionell zu betreuen.Sie war zu zwei Dritteln dem Sport vorbehalten, w\u00e4hrend der sogenannte Keller dem R\u00e4tsel geh\u00f6rte. Vom Sport verstand ich nun nachweisbar weniger als nichts. Das fiel zun\u00e4chst gar nicht auf, denn mein st\u00e4ndiger Mitarbeiter Heinz Machatschek, der sich inzwischen einen Namen als popul\u00e4rwissenschaftlicher Autor seiner Hobbygebiete Schach, Weltraumfahrt und Heraldik gemacht hat, lieferte jede Woche druckreife Artikel zum Thema Sowjet-Sport. Aber eines unverge\u00dflichen Tages im Oktober 1953 kam die Wahrheit \u00fcber mein sportliches Unverm\u00f6gen an den Tag. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Ein gro\u00dfes internationales Fu\u00dfballspiel war angesagt, n\u00e4mlich das Freundschaftstreffen \u201cTorpedo Moskau\u2013ZSK Vorw\u00e4rts. \u201cVorw\u00e4rts\u201c, die Mannschaft der Kasernierten Volkspolizei, geh\u00f6rte, wie ich dem Agenturmaterial entnahm, der Liga an. \u201cTorpedo\u201c hingegen stellte die drittbeste Mannschaft der Sowjetunion. Und das erschien mir nun mehr als ein Frevel. Also schrieb ich einen Brand-Artikel, in dem die Organisatoren des Spiels beschimpfte, weil sie den sowjetischen Meistern einen minderen Gegner zumuteten. Er endete mit den apodiktischen Worten: \u201cDas Publikum erwartet mit Recht ein Spiel gleichwertiger Mannschaften, und dazu m\u00fc\u00dfte man \u201cTorpedo\u201c eine DDR Auswahl gegen\u00fcberstellen. Eine andere M\u00f6glichkeit gibt es nicht\u201c. Leider vermochte ich trotz aller Emp\u00f6rung nicht mehr als eine Druckspalte zu f\u00fcllen. Deshalb besorgte ich mir die Fotos der elf sowjetischen Spieler und plazierte sie sch\u00f6n gro\u00df auf der Seite. Die ungen\u00fcgenden \u201cVorw\u00e4rts\u201c Kicker mu\u00dften sich mit einer namentlichen Aufstellung begn\u00fcgen. Am 29. Oktober 1953 marschierte ich wie Zehntausende andere Berliner ins Walter-Ulbricht-Stadion. Zu meinem Entz\u00fccken sah ich, da\u00df viele Fu\u00dfballfans die \u201cFriedenspost\u201c in der Hand hielten und mit weit aufgerissenen Augen meinen Beitrag lasen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Zum erstenmal stand ich dem Ph\u00e4nomen gegen\u00fcber, gelesen und \u2013 wie mir schien \u2013 verstanden zu werden. Ich fieberte dem Beginn des Spiels vor allem seinem unvermeidlichem Ausgang entgegen. Pl\u00f6tzlich kam einer der gestandenen Sportjournalisten auf mich zu und sagte v\u00e4terlich: \u201cAlso Kleene, am besten, du jehst janz schnell nach Hause. Wenns sein mu\u00df, schie\u00df ick dir den Weg frei!\u201c Obwohl ich der dunklen Rede Sinn nicht verstand, gehorchte ich aufs Wort. Beim Verlassen des Stadions befragte ich immerhin noch den Zeitungsverk\u00e4ufer am Kiosk, womit denn der sensationelle Verkaufserfolg der \u201cFriedenspost\u201c zu erkl\u00e4ren sei. Der Mann kicherte. \u201cEs war wejen die Fotos von die Russen. Daf\u00fcr hatten die richtijen Zeitungen wohl keenen Platz\u201c. Zu Hause kroch ich fast ins Radio, wie sp\u00e4ter nur noch zu Zeiten der Friedensfahrt-Berichterstattung. Aber meine Niederlage war so total wie die der sowjetischen G\u00e4ste \u201cTorpedo\u201c Moskau verlor gegen ZSK \u201cVorw\u00e4rts\u201c mit 4:2 Toren. Ein Grund f\u00fcr mich, an dem viel zitierten Satz \u201cVon der Sowjetion lernen, hei\u00dft siegen lernen\u201czu zweifeln. Ich wei\u00df nicht, ob ein kausaler Zusammenhang zwischen meiner journalistischen Fehlleistung und dem Ableben der \u201cFriedenspost\u201c bestand, jedenfalls wurde das Bl\u00e4ttchen noch im November 1953 eingestellt&#8220; .<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Renate Holland-Moritz, in \u201cDie tote Else &#8211; Ein wahrhaftiges Klatschbuch\u201c, Eulenspiegel Verlag Berlin. 2. Auflage 1988. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Tieresehendichan1klein.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13767\" width=\"165\" height=\"117\" srcset=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Tieresehendichan1klein.jpg 500w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Tieresehendichan1klein-300x212.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 165px) 85vw, 165px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auszug aus \u201cDie tote Else\u201c Renate Holland-Moritz: \u201cAus ihnen wird wohl nichts werden, es sei denn, Sie gingen zum Film oder zur Presse.\u201c Dieser Sto\u00dfseufzer eines geplagten Studienrates, den meine geringen Kenntnisse im Fach Chemie tief ersch\u00fcttert hatten, war als Beleidigung gedacht; ich aber hielt ihn f\u00fcr eine Art vern\u00fcnftiger Berufsberatung. 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