{"id":14100,"date":"2021-02-12T14:01:51","date_gmt":"2021-02-12T14:01:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=14100"},"modified":"2025-03-19T17:15:05","modified_gmt":"2025-03-19T17:15:05","slug":"in-erinnerung-an-renate-holland-moritz-ii-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=14100","title":{"rendered":"In Erinnerung an Renate Holland Moritz (II) Interview mit Andreas Kurtz"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"602\" height=\"446\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/RenateHollandMoritzSpiegel.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-14094\" style=\"width:625px;height:463px\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Renate Holland-Moritz <strong>(R.H.M.)<\/strong> schreibt seit 50 Jahren in der Satire-Zeitschrift Eulenspiegel ihre Filmkritiken. Sie waren zu DDR-Zeiten Kult: Die Kinoeule. <strong>Interview mit Andreas Kurtz<\/strong> <strong>(A.K.)<\/strong><\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/InterviewRHMAndreasKurtz.pdf\">InterviewRHMAndreasKurtz<\/a><\/p>\n\n\n<p><strong>Zur Person:<\/strong> Renate Holland-Moritz <strong>(R.H.M.)<\/strong> wurde in Berlin-Wedding geboren, wuchs aber in S\u00fcdth\u00fcringen auf. Nach nicht abgeschlossenem Oberschulbesuch begann sie als Volont\u00e4rin und Assistentin bei verschiedenen Berliner Tageszeitungen. Seit 1956 ist sie freiberufliche Mitarbeiterin der Satirezeitschrift &#8222;Eulenspiegel&#8220;. Seit 1960 ver\u00f6ffentlicht sie dort unter dem Titel &#8222;Kino-Eule&#8220; Filmkritiken. Sie hat eine Vielzahl satirischer Erz\u00e4hlungen im &#8222;Eulenspiegel&#8220; und in B\u00fcchern ver\u00f6ffentlicht, von denen zwei vom DDR-Fernsehen und der Defa auch verfilmt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>(A.K.)<\/strong>: Vor f\u00fcnfzig Jahren erschien im Satiremagazin Eulenspiegel zum ersten Mal die Autorenzeile Renate Holland-Moritz. Wie kam es dazu? <strong>(R.H.M.)<\/strong>: Die Phase des Ausprobierens hatte ich damals mit einundzwanzig schon hinter mir. Das war wie Heimkehr. Das war genau der Ort, an den ich wollte, ohne begr\u00fcndete Hoffnung, dass die Eulen-Leute auch mich wollten. Ich h\u00e4tte denen von mir aus nichts angeboten. <strong>A.K<\/strong> Wer hat Sie dazu angestiftet? <strong>(R.H.M.)<\/strong> Mein v\u00e4terlicher Freund Rudolf Hirsch, der legend\u00e4re Gerichtsreporter der Wochenpost. Der war dabei, als ich am Stammtisch der Gerichtsreporter erz\u00e4hlte, wie ich dauernd mit anderen jungen M\u00e4dchen verwechselt wurde und dadurch in die peinlichsten Situationen geriet. &#8222;Schreib das auf!&#8220; sagte er, und nachdem er meine allererste Geschichte &#8222;Ich habe ein Dutzendgesicht&#8220; gelesen hatte, wollte er, dass ich sie dem Eulenspiegel schicke. Eigentlich habe ich mich immer wie ein Preu\u00dfe benommen, der Befehle ausf\u00fchrt. Es mussten nur Befehlsgeber sein, die ich mochte und ernst nehmen konnte. <strong>(A.K.)<\/strong> Sind Sie es noch? <strong>(R.H.M.)<\/strong> Ich werde immer preu\u00dfischer. Zum Beispiel bei Lieferterminen. Mittlerweile ist f\u00fcr mich p\u00fcnktlich, wenn ich \u00fcberp\u00fcnktlich liefere, ein oder zwei Tage vorher. Es wird schlimmer. Im Alter versch\u00e4rfen sich eben alle Wesensz\u00fcge. Besonders die unangenehmen. <strong>(A.K.)<\/strong> Das mit den Gerichtsreportagen war ein Umweg? <strong>(R.H.M.)<\/strong> Gewisserma\u00dfen. Ich hatte im Schweinsgalopp eine zweij\u00e4hrige Lehrzeit in verschiedenen Ost-Berliner Redaktionen durchlaufen. Das fing bei der Vierteljahreszeitschrift &#8222;Sowjetwissenschaft&#8220; an. Also, da war ich so was von falsch! Ich konnte ja noch nicht einmal ordentlich russisch. Dann kam ich in die Monatszeitschrift &#8222;Neue Gesellschaft&#8220;, danach in die &#8222;Friedenspost&#8220; und von dort zur &#8222;BZ am Abend&#8220;, heute der Berliner Kurier. Aus der &#8222;BZ am Abend&#8220; bin ich rausgeschmissen worden. <strong>(A.K.)<\/strong> Wie kam es dazu? <strong>(R.H.M.)<\/strong> Der stellvertretende Chefredakteur war hinter mir her. Aber der war mir hochgradig unsympathisch. Als er mitkriegte, dass ich einen anderen Kollegen favorisierte, hat er mich fristlos entlassen. Wegen unmoralischen Verhaltens. Eine typische Nummer aus den 1950er- Jahren: Verh\u00e4ltnisse am Arbeitsplatz waren unerw\u00fcnscht, und das Verdikt traf immer die Frau. <strong>(A.K.)<\/strong> Hat Sie das aus der Bahn geworfen? <strong>(R.H.M.)<\/strong> Nee. Ich kannte ja gen\u00fcgend Leute in anderen Redaktionen, die alle sagten: Kommste eben zu uns. Sobald sie aber meine Kaderakte gelesen hatten, gab es pl\u00f6tzlich keine Vakanz mehr. Ich war 19 und habe keine Festanstellung mehr gekriegt. Musste also zusehen, wie ich mich freiberuflich durchschlage. <strong>(A.K.)<\/strong>  So gerieten Sie unter die Gerichtsreporter? <strong>(R.H.M.)<\/strong> Genau. Rudolf Hirsch sagte: &#8222;Schreib Gerichtsberichte, das kann n\u00e4mlich jeder. Aber sag&#8217;s nicht weiter.&#8220; Sp\u00e4ter fand er, ich sei bei den Satirikern doch besser aufgehoben. <strong>(A.K.)<\/strong> Hat nie wieder eine Festanstellung gelockt? <strong>(R.H.M.)<\/strong>  Im Eulenspiegel musste ich mal zwei Jahre als Humor-Redakteurin arbeiten, weil mein Freund John Stave gek\u00fcndigt hatte. Erst wollte ich nicht, weil die ja schon um acht Uhr anfingen. Um die Zeit kann ich noch nicht klar denken. Also bin ich so gegen zehne, elfe eingetrudelt. Nach einem Riesenkrach mit Chefredakteur Peter Nelken kam ich dann p\u00fcnktlich, h\u00e4ngte allerdings ein &#8222;Bitte nicht st\u00f6ren&#8220;-Schild an die T\u00fcrklinke und packte mich erst mal f\u00fcr zwei St\u00fcndchen auf die Couch. Da hatte der Chef ein Einsehen und lie\u00df mich zu Hause ausschlafen, zumal ich die gesamte Post in der S-Bahn zwischen Gr\u00fcnau und Friedrichstra\u00dfe erledigte. Nelken sagte immer: &#8222;Ich bezahle meine Leute nicht f\u00fcr ihren Hintern, sondern f\u00fcr geleistete Arbeit.&#8220; <strong>(A.K.)<\/strong> Haben Sie eigentlich jemals ihre Kaderakte zu Gesicht bekommen? <strong>(R.H.M.)<\/strong> Beim Eulenspiegel hatten wir eine Kader-Instrukteurin, eine ungeheuer nette, junge Frau. Wir haben immer mal in ihrem Zimmer zusammengesessen und Kaffee getrunken. Eines Tages stand der Safe offen, und ich fragte: &#8222;Was sind denn da f\u00fcr furchtbar geheime Dinger drin?&#8220; &#8211; Darauf sie: &#8222;Zum Beispiel die Kaderakten. Willste mal in deine reinschauen?&#8220;<strong>(A.K.)<\/strong> Sie wollten nat\u00fcrlich? <strong>(R.H.M.)<\/strong> Na klar! Und ich fand die Aktennotiz von diesem stellvertretenden Chefredakteur der BZA, in der stand, meine fristlose Entlassung erfolge wegen politischer Unreife und zweifelhafter Moral. Die zweifelhafte Moral hat mich nicht um weitere Festanstellungen gebracht, nur die politische Unreife! Mit solchen denunziatorischen Eintragungen konnte man einem Menschen die Zukunft versauen. Mir ist es allerdings zum Segen ausgeschlagen.<strong> (A.K.)<\/strong> Ihre Klatschgeschichten, die 1986 unter dem Titel &#8222;Die tote Else &#8211; Ein wahrhaftiges Klatschbuch&#8220; erschienen, sind eine geschickt getarnte Autobiografie. Wie kam es dazu? <strong>(R.H.M.)<\/strong> 1974 hatte ich eine Einladung von der Reichsbahn in West-Berlin zu einer Lesung. Ich habe mich nat\u00fcrlich wahnsinnig gefreut. Den Pass daf\u00fcr durfte ich mir im B\u00fcro des Schriftstellerverbandes abholen. Ein paar Wochen sp\u00e4ter kriegte ich wieder eine Einladung zur West-Berliner Reichsbahn. Als ich mir erneut den Pass abholte, kam ich mit der zust\u00e4ndigen Kollegin ins Gespr\u00e4ch. Sie sagte, sie habe den sch\u00f6nsten Posten im ganzen Schriftstellerverband, denn zu ihr k\u00e4men nur gut gelaunte Leute. Wegen der bevorstehenden Westreisen. <strong>(A.K.)<\/strong> Kamen denn viele? <strong>(R.H.M.)<\/strong> Mehr und mehr, behauptete die Verbands-Kollegin. Dann gab sie mir den Tipp mit dem Vierteljahresvisum. F\u00fcr den Antrag brauchte ich nur eine halbwegs glaubw\u00fcrdige Recherche-Idee. Nach einem Blick in meine Unterlagen sagte sie: &#8222;Mensch, du bist ja in West-Berlin geboren! F\u00fcr eine Autobiografie musst du an Ort und Stelle nach deinen Wurzeln suchen!&#8220; <strong>(A.K.)<\/strong> Damals waren Sie noch nicht einmal 40. Bisschen fr\u00fch f\u00fcr eine Autobiografie, oder? <strong>(R.H.M.)<\/strong> Das war auch mein Einwand. Den lie\u00df sie aber nicht gelten: &#8222;Mit dem Suchen kann man gar nicht fr\u00fch genug anfangen!&#8220; So kam ich zu meinem ersten Vierteljahresvisum. Ab 1975 durfte ich dann auch jedes Jahr zur Berlinale. Klatsch galt in der DDR als besonders unappetitliche Erscheinungsform der b\u00fcrgerlichen Publizistik. <strong>(A.K.)<\/strong> Wieso durften Sie trotzdem ein Klatschbuch schreiben? <strong>(R.H.M.)<\/strong> Erz\u00e4hlt habe ich Klatschgeschichten ja schon immer. Und irgendwann sagte Wolfgang Sellin, der damalige Chef vom Eulenspiegel-Buchverlag: &#8222;Du solltest das langsam mal aufschreiben! Damit man sagen kann: Steht auf Seite soundso, hast du schon erz\u00e4hlt!&#8220; <strong>(A.K.)<\/strong> In diesen Geschichten geht es vordergr\u00fcndig immer um nationale und internationale Prominente. <strong>(A.K.)<\/strong> Wie viele Klatschb\u00fccher haben sich verkauft? <strong>(R.H.M.)<\/strong> In zwei Jahren erschienen drei Auflagen mit jeweils 20 000 Exemplaren. So schnell konnte man gar nicht gucken, wie die weg waren. Aber dann war die DDR weg und vor\u00fcbergehend auch das Interesse an hausgemachten B\u00fcchern. Als es wieder erwachte, druckte der Eulenspiegel Verlag die Fortsetzung &#8222;Die tote Else lebt&#8220;, wovon es bereits die 4. Auflage gibt. <strong>(A.K.)<\/strong> Verkauften sich zu DDR-Zeiten alle Ihre B\u00fccher so schnell? <strong>(R.H.M.)<\/strong> Ich hatte da mal ein Schockerlebnis. &#8222;Die Eule im Kino&#8220;, meine allererste Sammlung von Filmkritiken aus den Jahren 1960 bis 1980, stand drei Wochen in den Regalen der Buchhandlungen. Ich hatte das Gef\u00fchl: Nun ist alles vorbei! Eines meiner B\u00fccher oberhalb des Ladentisches hei\u00dft: Kein Mensch will mehr etwas von mir wissen!  Inzwischen gibt es &#8222;Die Eule im Kino&#8220; Band I und Band II (1980-1990) nur noch antiquarisch, w\u00e4hrend Band III (1991-2005) im Handel ist. <strong>(A.K.)<\/strong> Warum durften Sie sich in der DDR mehr als andere Filmkritiker erlauben? Weil Sie bei einem Satireblatt waren? <strong>(R.H.M.)<\/strong> Das war nur am Anfang so. Da hat man gesagt, Satire braucht eine etwas l\u00e4ngere Leine, sonst funktioniert sie nicht. Dann hatte dieser entsetzliche Joachim Herrmann als SED-Agitationschef den Ehrgeiz, aus Fernsehen und Defa eine Firma zu machen, die er zu leiten gedachte. Das wiederum hat SED-Kulturchef Kurt Hager nicht zugelassen, denn f\u00fcr ihn, den hochgebildeten Zyniker, war Joachim Herrmann ein indiskutabler Empork\u00f6mmling. Von da an war es dem Herrmann egal, wie mit der Defa in den Medien umgegangen wurde, folglich waren auch die Kritiken sch\u00e4rfer. <strong>(A.K.)<\/strong> Heutzutage gibt es Pressevorf\u00fchrungen, wenn neue Filme herauskommen. Wie war das damals? <strong>(R.H.M.)<\/strong> Da gab es die nat\u00fcrlich auch, und nach den Vorf\u00fchrungen der Defa-Filme zus\u00e4tzlich Pressekonferenzen, bei denen sich die Sch\u00f6pfer den Fragen und nicht seltenen Zornesausbr\u00fcchen der Kritiker stellen mussten. Da wurde wirklich mit harten Bandagen gearbeitet. Am meisten gef\u00fcrchtet waren \u00fcbrigens meine Kolleginnen Rosemarie Rehahn von der Wochenpost und Margit Vo\u00df vom Berliner Rundfunk. Die eine k\u00e4mpfte mit dem Florett, die andere mit dem Degen, w\u00e4hrend ich die Dampframme bevorzugte. <strong>(A.K.)<\/strong> Stimmt es, dass ein Regisseur Ihnen mal Pr\u00fcgel angedroht hat? <strong>(R.H.M.)<\/strong> Ja, aber den Namen sage ich nicht. Schlie\u00dflich lebt der Mann noch. F\u00fcr welche Filmkritik? <strong>(R.H.M.)<\/strong> Das wei\u00df ich nicht mehr. Aber seine Filme habe ich alle verrissen. Er konnte also zuschlagen, wann immer er wollte, er h\u00e4tte immer recht gehabt. Dankenswerterweise verzichtete er darauf. <strong>(A.K.)<\/strong> In den 1960ern hat f\u00fcr anderthalb Jahre jemand anderes die Kino-Eule geschrieben. Warum? <strong>(R.H.M.)<\/strong> Weil ich einen Riesenknatsch mit der Redaktion hatte und ungeheuer stur war. So entkam ich der auch f\u00fcr Filmkritiker entsetzlichen Zeit des 11. ZK-Plenums, dem fast eine ganze Jahresproduktion der Defa zum Opfer fiel. Und ich h\u00e4tte ohne diese Pause m\u00f6glicherweise nie &#8222;Das Durchgangszimmer&#8220; geschrieben. <strong>(A.K.)<\/strong> Wie fanden Sie den Film &#8222;Florentiner 73&#8220;, den das DDR-Fernsehen daraus gemacht hat? <strong>(R.H.M.)<\/strong> Ganz nett, aber Agnes Kraus war hervorragend. <strong>(A.K.)<\/strong> Haben Sie das auch geschrieben? <strong>(R.H.M.)<\/strong> Nein, das war ja ein Fernsehfilm. Aber auch \u00fcber den Kinofilm &#8222;Der Mann der nach der Oma kam&#8220; nach meiner Erz\u00e4hlung &#8222;Graffunda r\u00e4umt auf&#8220; habe ich nicht geschrieben. Das hat ein Kollege gemacht, nicht ganz so kritisch, wie ich es getan h\u00e4tte. Trotzdem war es einer der erfolgreichsten Defa-Filme aller Zeiten. <strong>(A.K.)<\/strong> Ist Ihnen oft in Ihre Filmauswahl reingeredet worden? <strong>(A.K.)<\/strong> Von der Redaktion nie, weder damals noch heute. Im Jahre 1984 w\u00fcnschte sich die ZK-Abteilung Agitation und Propaganda Lob f\u00fcr den misslungenen Clara-Zetkin-Film &#8222;Wo andere schweigen&#8220; und Tadel f\u00fcr den sehr kritischen Gegenwartsfilm &#8222;Erscheinen Pflicht&#8220;. In beiden F\u00e4llen war ich anderer Meinung, und die durfte ich dann f\u00fcr mich behalten. <strong>(A.K.)<\/strong> Einmal haben Sie ein Bestechungsgeschenk angenommen. <strong>(R.H.M.)<\/strong> Eine sehr dekorative Eule f\u00fcr Ihre gro\u00dfe Eulensammlung. <strong>(A.K.)<\/strong> Von Dean Reed, dessen Filme Sie bis dahin immer verrissen hatten. Und als Gegenleistung verlangte er eine positive Kritik f\u00fcr seinen n\u00e4chsten Film. <strong>(R.H.M.)<\/strong> Weil es sich dabei um &#8222;Sing, Cowboy, sing&#8220; handelte, konnte ich mich nicht an den Deal halten. Deshalb bat ich Freunde, die im Kulturmagazin des DDR-Fernsehens arbeiteten, mich unter irgendeinem Vorwand zu interviewen, um bei der Gelegenheit auf meine Eulensammlung zu sprechen zu kommen und die Herkunft des Prachtst\u00fccks zu erkl\u00e4ren. Da habe ich dann einger\u00e4umt, mich als korrupt erwiesen zu haben, aber nicht als korrumpierbar. Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nne Dean sein Eigentum wieder abholen &#8211; wenn er das Gesicht verlieren wolle. Dieser Halbsatz hat mir die Eule gerettet. <strong>(A.K.)<\/strong> Sie wohnen mit Ihrem Mann, Tausenden von B\u00fcchern und ungez\u00e4hlten Eulen aus allen denkbaren Materialien in einer gro\u00dfen Wohnung in der Leipziger Stra\u00dfe. Hatten Sie nie Lust, diese Hochhauswohnung gegen ein H\u00e4uschen im Gr\u00fcnen zu tauschen? <strong>(R.H.M.)<\/strong> Das lief genau umgekehrt. Wir haben in Bohnsdorf gewohnt, am s\u00fcdlichsten Zipfel Berlins in einem Reihenhaus der \u00fcber 100 Jahre alten Arbeiterbaugenossenschaft Paradies. Wir hatten so ein Eckgrundst\u00fcck, mit Garten dran und Garage drauf. Uns hat die Entfernung zur Stadt genervt. Mein Mann fuhr jeden Tag eine halbe Stunde rein und ein halbe Stunde wieder heim. Und ich musste wegen Zeitmangels dauernd Taxis nehmen. Vor dem endg\u00fcltigen finanziellen Ruin haben wir lieber getauscht. <strong>(A.K.)<\/strong> Wann haben Sie sich zuletzt richtig \u00fcber einen Film ge\u00e4rgert?<strong>(R.H.M.)<\/strong> Dauernd. Jedenfalls mehrmals w\u00f6chentlich. Zu DDR-Zeiten dachte ich oft, alle Schrecken, die ein Mensch im Kino erleben k\u00f6nnte, h\u00e4tte ich bereits erlebt. Das war ein Irrtum. <strong>(A.K.)<\/strong> \u00dcber welchen Film haben Sie sich zuletzt gefreut? <strong>(R.H.M.)<\/strong> \u00dcber den wunderbaren &#8222;Volver&#8220; des Spaniers Pedro Almod\u00f3var. Und \u00fcber die deutschen Produktionen &#8222;Wer fr\u00fcher stirbt, ist l\u00e4nger tot&#8220; und &#8222;Die K\u00f6nige der Nutzholzgewinnung&#8220;. Und wer immer noch nicht meine Lieblingsfilme &#8222;Alles auf Zucker&#8220; von Dani Levy und &#8222;Sommer vorm Balkon&#8220; von Andreas Dresen gesehen hat, der schere sich gef\u00e4lligst hin. Darum m\u00f6chte ich h\u00f6flichst bitten. <strong>(A.K.)<\/strong>  Was bereuen Sie im R\u00fcckblick auf Ihre Arbeit? <strong>(R.H.M.)<\/strong> Dass ich einen Rat von Friedrich Luft zu sp\u00e4t erhalten habe. Der sagte, Kritiker d\u00fcrften mit den zu Kritisierenden nicht auf dem Duzfu\u00df stehen.  <strong>(A.K.)<\/strong> Hat Sie das schon mal in die Bredouille gebracht? <strong>(R.H.M.)<\/strong> Einmal. Es ging um Werner Bergmann, den langj\u00e4hrigen Kameramann von Konrad Wolf. Sein erster eigener, also von ihm auch geschriebener und inszenierter Film hie\u00df &#8222;Nachtspiele&#8220;. Ich fand ihn misslungen und wollte eigentlich den Mantel des Schweigens dar\u00fcber breiten. Aber dann h\u00e4tten die bei der Defa mit Fug und Recht sagen k\u00f6nnen, mit der Eule muss man sich nur anfreunden, dann h\u00e4lt sie im Zweifelsfall die Klappe. Und deshalb habe ich geschrieben. Unter Qualen. Mit Tr\u00e4nenerg\u00fcssen. Reichlich zwei Wochen sp\u00e4ter kam ein Brief von Werner Bergmann. Darin schrieb er, er habe die Zeit gebraucht, um mit dem Schlag in die Magengrube fertig zu werden. Nun aber wolle er sagen, was w\u00e4re Freundschaft, wenn sie Wahrheit nicht vertr\u00fcge. Das fand ich gro\u00df. <strong>(A.K.)<\/strong> Haben Sie verstanden, warum Ihre Rubrik im Eulenspiegel nach Jahrzehnten vom sehr markanten &#8222;Kino-Eule&#8220; in ein nichts sagendes &#8222;Kino&#8220; umbenannt wurde? Nein. <strong>(A.K.)<\/strong> Was raten Sie jungen Filmkritikern? <strong>(R.H.M.) &#8222;Immer deutlich sein. Die Anzahl der Fremdw\u00f6rter auf ein vertretbares Ma\u00df reduzieren. Die Leser, unter denen es ja auch Nichtakademiker geben soll, m\u00fcssen erkennen k\u00f6nnen, ob ihnen der Film empfohlen oder ob vor ihm gewarnt wird. Ein Kritiker muss von wiedererkennbarer Gesinnung sein. Fr\u00fcher kriegte ich manchmal Briefe, in denen stand: Wir gehen in jeden Film, den Sie verrei\u00dfen, und es war noch immer ein gelungener Abend. Auch so entsteht Verl\u00e4sslichkeit.&#8220;  <\/strong>Renate Holland Moritz. Vielleicht sollten wir uns ein paar Scheiben davon abschneiden,. meint Wessi J.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Nilpferdzwinkert.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"993\" height=\"756\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Nilpferdzwinkert.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-17341\" style=\"width:177px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Nilpferdzwinkert.jpg 993w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Nilpferdzwinkert-300x228.jpg 300w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Nilpferdzwinkert-768x585.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Zeichnung Helga Bachmann<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Renate Holland-Moritz (R.H.M.) schreibt seit 50 Jahren in der Satire-Zeitschrift Eulenspiegel ihre Filmkritiken. Sie waren zu DDR-Zeiten Kult: Die Kinoeule. Interview mit Andreas Kurtz (A.K.) InterviewRHMAndreasKurtz Zur Person: Renate Holland-Moritz (R.H.M.) wurde in Berlin-Wedding geboren, wuchs aber in S\u00fcdth\u00fcringen auf. Nach nicht abgeschlossenem Oberschulbesuch begann sie als Volont\u00e4rin und Assistentin bei verschiedenen Berliner Tageszeitungen. 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