{"id":14289,"date":"2021-03-02T11:04:21","date_gmt":"2021-03-02T11:04:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=14289"},"modified":"2021-03-26T11:10:53","modified_gmt":"2021-03-26T11:10:53","slug":"leute-seid-vernuenftig-lasst-die-frau-durch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=14289","title":{"rendered":"Leute seid vern\u00fcnftig lasst die Frau durch"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Leute seid vern\u00fcnftig, lasst die Frau durch, denn sie will noch schnell mal in Schauburg &#8211; Zur Geschichte eines j\u00fcdischen Kinokonzerns in Hamburg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Video von Jens Meyer, BRD \/ USA \/ Brasilien 1994, Kamera: Dietmar Bruns, Recherchen:  Reinhold S\u00f6gtrop, Jens Meyer, Reinhard Saloch, Geschichtswerkstatt Barmbek; Schnitt: Echtzeit Video Christian Lempp; Produktion: Otto Meyer Filmproduktion  mit Unterst\u00fctzung des Hamburger Filmb\u00fcro e. V. S-VHS, 68 Min. Farbe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\"><strong>Vom 22. April 1897 bis zum 27. Januar 1933 <\/strong>dauerte die Geschichte der Kinobesitzer Familie Henschel in Hamburg, Berlin, Kiel und L\u00fcbeck. Als den deutschen Nazis die Macht \u00fcbergeben wird, werden den Partei &#8211; und Volksgenossen viele Geschenke versprochen. Ein Geschenk davon sind die Kinos des Henschel Film &#8211; &amp; Theaterkonzerns. Doch auch Deutsche wissen, was man verschenken will, mu\u00df man erst haben. Die Besitzer werden enteignet und mit dem Tode bedroht.  Die neuen Herren haben keine lange Freude an den Geschenken ihres F\u00fchrers. Englische und amerikanische Bomberpiloten machen 1943 &#8211; 44 elf Kinos des Henschel Konzerns dem Erdboden gleich. Nur ein Kino wird nicht bombardiert. Die Bomben haben Spuren im Ged\u00e4chtnis der Beschenkten hinterlassen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\"><strong>Als ich 1987<\/strong> mit den Recherchen zu diesem Film beginne, finde ich zun\u00e4chst nichts. Nicht in den Archiven, nicht in den K\u00f6pfen der Beteiligten, nichts bei ihren S\u00f6hnen und T\u00f6chtern. Alles verdr\u00e4ngt, vergessen, verbrannt. Nicht allen der enteigneten &#8222;arisierten&#8220; Kinobesitzern gl\u00fcckte die Flucht ins Ausland.  Und nur wenige \u00dcberlebende kamen nach dem Krieg zur\u00fcck. Die Richter von damals, die die Enteignungen &#8222;begleitet&#8220; hatten,  waren schon wieder in Amt und W\u00fcrden. Keine guten Voraussetzungen f\u00fcr eine <strong>Wiedergutmachung<\/strong>. Eines wu\u00dften die (neuen) Besitzer genau.  Besser ist, wenn \u00fcber ihre Rolle in jener Zeit nichts geschrieben, gedruckt oder im Fernsehen gezeigt wird. Meine Vermutung, dass die ehemaligen Besitzer Juden waren, best\u00e4tigt sich bald. Nur der Zufall hilft uns dann bei der Suche.  Eine dreizehn Zeilen Meldung in der Tageszeitung  Licht Bild B\u00fchne (LBB) ist so ein Zufall. In der<strong> Samstag Ausgabe vom 28. Januar 1933<\/strong>  der <strong>(LBB)<\/strong> steht, da\u00df ein Herr &#8222;<strong>Urich-Sa\u00df<\/strong>,<strong> eine leitende Pers\u00f6nlichkeit im Henschel Konzern in Hamburg, am 27. Januar, im Alter von 45 Jahren, einem Herzversagen erlegen ist&#8220;<\/strong>. Am<strong> 30. 1.,<\/strong> am Montag dann die Erg\u00e4nzung:<strong> &#8222;Seine Beerdigung findet heute um 3 Uhr statt&#8220;.<\/strong> Auf dem J\u00fcdischen Friedhof in Hamburg Ohlsdorf, der durch einen Zaun vom Friedhof von Hamburg Ohlsdorf getrennt ist.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/husass-e1572984346645.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-305\" width=\"342\" height=\"513\"\/><figcaption>Grabstein auf dem j\u00fcdischen Friedhof in Hamburg Ohlsdorf<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Hier finde ich mit Hilfe des Friedhofsw\u00e4rters den Grabstein von Hermann Urich-Sass, <strong>geb. am 18. Juni 1887 (5647), gestorben am 27. Januar 1933 (5693)<\/strong>. Der Stein ist gut erhalten. Das Grab wird gepflegt. Die j\u00fcdische Gemeinde hat viele  Erfahrungen in Deutschland gemacht und h\u00e4lt Namen und Anschriften der Angeh\u00f6rigen der Toten geheim. Aber die J\u00fcdische Gemeinde verspricht, meinen Brief an die Angeh\u00f6rigen des Toten weiterzuleiten. Nach einiger Zeit bekomme ich tats\u00e4chlich Ant-wort. Aus Mexiko, den USA und Brasilien. Verwunderung \u00fcber den verr\u00fcckten Hamburger, der nach 60 Jahren nach dem Verbleib des Henschel &#8211; Film und Theaterkonzerns sucht. Vor mir hatte noch keiner gefragt.  <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Ich danke Horst Urich-Sass, Beverly Hills \/ Mexico City, Norbert J. Kobler, Los Angeles, Rolf Arno Streit, Hilde Streit und Carl Heinz Streit, Belo Horizonte Brasilien d. 18. Oktober 1994.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Bundesarchiv_Bild_102-15347_Berlin_Ernennung_Adolf_Hitlers_zum_Reichskanzler.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-14335\" width=\"439\" height=\"638\"\/><figcaption>Adolf Hitler verl\u00e4\u00dft um 12 Uhr 40 die Reichskanzlei dem damaligen Sitz des Reichspr\u00e4sidenten in der Wilhelmstrasse.in Berlin.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Jetzt &#8211; zehn  Jahre sp\u00e4ter- im August 2004 &#8211; nehme ich die Kontakte wieder auf. Meine damaligen Gespr\u00e4chspartner: Norbert Kobler (Sohn des Hamburger Schauspielers Julius Kobler), Horst Urich-Sass (Sohn des Hamburger Kinobesitzers Hermann Urich-Sass), Rolf-Arno Streit (Sohn des Hamburger Kinobesitzers Hugo Streit, Carl Heinz Streit (ebenfalls Sohn des Hamburger Kinobesitzers Hugo Streit) sind verstorben. Damit bin ich auch von meinem Versprechen entbunden, das ich dem Sohn des Kinobesitzers Horst Urich Sass in Beverly Hills gegeben hatte. \u00dcber den Selbstmord seines Vaters nichts zur ver\u00f6ffentlichen, so lange, bis er und seine Frau Ciedra Urich Sass verstorben sind. An dieses Versprechen habe ich mich gehalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Hermann Urich Sass mu\u00df 1933 geahnt haben, was passieren wird. Er hat sich am <strong>27. Januar 1933<\/strong> das Leben genommen. Als er am Montag, den<strong> 30. Januar 1933  um 3 Uhr<\/strong>  auf dem J\u00fcdischen Friedhof in Hamburg Ohlsdorf beerdigt wird, hat der Reichspr\u00e4sident Paul von Hindenburg um <strong>12.30 Uhr die Macht an Adolf Hitler \u00fcbergeben<\/strong> und ihn zum Reichskanzler ernannt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Doch jetzt gibt es Zugang zu den damals verschlossenen Archiven. Die zutage kommenden Dokumente, beweisen, was schon immer vermutet wurde. 1938 wurden viele Juden beraubt. In einer bisher nicht genannten Dimension. 1930 gab es in Hamburg viele Kinos. Allein die Firma Henschel hatte 12 Kinos mit durchschnittlich 1200 Sitzpl\u00e4tzen pro Kino. 1930  betrug die Gesamtanzahl der Sitzpl\u00e4tze  50 Tausend. Die Enteignung im gro\u00dfen Stil begann 1933 mit der Macht\u00fcbergabe an die Nazis.  Nur rund 20 Tausend Sitzpl\u00e4tze verblieben bei Kinounternehmern, die schon vor 1932 aktiv gewesen waren. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Tieresehendichan1klein.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13767\" width=\"182\" height=\"129\" srcset=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Tieresehendichan1klein.jpg 500w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Tieresehendichan1klein-300x212.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 182px) 85vw, 182px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\"> <strong>Der Text des Schauburg Schlagers <\/strong>  (gemacht f\u00fcr Werbezwecke 1925)                                                     <em><strong>&#8222;Kinder seid vern\u00fcnftig lasst die Frau durch, denn sie will noch schnell mal in die Schauburg, das Fr\u00e4ulein Tochter, der Herr Sohn und der Papa und all die anderen Verwandten sind schon da.&#8220; <\/strong><\/em>                                                                                                       Der Text wird 3 x wiederholt. Die Schallplatte mit dem Lied hat Reinhard Saloch  von der Geschichtswerkstatt   Barmbek 1990 gefunden. Gespielt von Paul Godwin mit seinen Jazz Symphonikern (1925)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leute seid vern\u00fcnftig, lasst die Frau durch, denn sie will noch schnell mal in Schauburg &#8211; Zur Geschichte eines j\u00fcdischen Kinokonzerns in Hamburg. 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