{"id":14607,"date":"2021-04-01T20:25:48","date_gmt":"2021-04-01T20:25:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=14607"},"modified":"2022-08-05T18:32:29","modified_gmt":"2022-08-05T18:32:29","slug":"kurt-tucholsky-so-verschieden-ist-es-im-menschlichen-leben-14-april-1931","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=14607","title":{"rendered":"Kurt Tucholsky. SO VERSCHIEDEN IST ES IM MENSCHLICHEN LEBEN (I) (14. April 1931)"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>\u00abDas Englische ist eine einfache, aber schwere Sprache. Es besteht aus lauter Fremdw\u00f6rtern, die falsch ausgesprochen werden\u00bb. <\/strong>(Kurt Tucholsky, Seite 833, Dritter Band der Gesamtausgabe)<\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/PDF-Tucholsky-So-einfach-ist-es.pdf\">PDF Tucholsky So verschieden ist es <\/a><\/p>\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\"><strong>SO VERSCHIEDEN IST ES IM MENSCHLICHEN LEBEN!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Neulich\nhabe ich alte Jahrg\u00e4nge des <em>&lt;<\/em><em>Brenner<\/em><em>&gt;<\/em>\ngelesen, einer Zeitschrift, die in Innsbruck erschienen ist und wohl\nnoch erscheint . . .  Das war eine merkw\u00fcrdige Lekt\u00fcre.<\/p>\n\n\n\n<p>Es\ngibt eine Menge verhinderter Katholiken, meist sind es Juden, denen\nist die katholische Kirche nicht katholisch genug, oder sie erscheint\nihnen \u00fcberhaupt nicht als katholisch. Ich mag mich nicht\ngern mit der\nKirche  auseinandersetzen; es hat ja keinen Sinn, mit einer\nAnschauungsweise zu diskutieren, die sich\nstrafrechtlich hat sch\u00fctzen\nlassen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Mit\nso unhonorigen Gegnern trete ich nicht gern an. Was aber jene\nverhinderten Katholiken angeht, die es gern sein m\u00f6chten, es aber\nnicht sein k\u00f6nnen und die darunter leiden, wie nur ein Mensch leiden\nkann: es sind das nicht nur die forschen Konvertiten, die da toben.\nEs ist noch etwas andres. \n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Da\nist eine ganze Literaturgattung, die schl\u00e4gt der Welt ununterbrochen\ndas &lt;<em>Neue\nTestament<\/em>&gt;\nauf den Kopf und wundert sich, da\u00df es nicht gut klingt. Das h\u00f6chste\nPathos bl\u00fcht hier; kaum einer kann gewaltigere T\u00f6ne finden als der,\nder aufzeigt: Siehe, die Welt lebt nicht,\nwie Christus es gelehrt hat. Es gibt nur noch ein Pathos, das h\u00f6her\nist: das ist das Pathos \u00fcber Christus hinweg. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Im\n<em>&lt;<\/em><em>Brenner<\/em><em>&gt;<\/em> nun, dessen Sauberkeit,\nTapferkeit und Reinheit nicht bezweifelt werden kann, gehts hoch her.\nUnd dabei ist mir etwas aufgefallen. \n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Da\nist zum Beispiel Theodor Haecker, ein Schriftsteller von beachtlichem\nFormat, wenn man nicht genau hinsieht. Wenn man aber genauer\nhinsieht, dann zeigt sich unter dem L\u00e4rm der donnernden Moralpauken\nein kleiner Mann, der es dem Hermann Bahr aber ordentlich gibt, und,\nauf einmal, Hosianna, Amen und Ite missa est, sind wir mitten im\nfr\u00f6hlichen Gez\u00e4nk eines Literaturcaf\u00e9s. Frommer Schwannecke. Es\nscheint, als ob diese Sorte Literaten sich erst religi\u00f6s sichern\nm\u00fcssen, bevor sie loshacken. \n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Sie\nhaben nie begriffen, da\u00df es christlich, mehr: da\u00df es philosophisch\nw\u00e4re, zu schweigen und vor\u00fcberzugehn. Ja, wenn ein Gl\u00e4ubiger\naufschreit und dem Wahnwitz der Welt einen Spiegel entgegenh\u00e4lt, von\ndem jene nachher sagt, es sei ein Zerrspiegel, weil sie nicht glauben\nkann, da\u00df sie so gemein auss\u00e4he! Wer dieses aber allmonatlich,\nregelm\u00e4\u00dfig und mit hitziger Wonne tut: der ist kein Christ, und\nwenn er zehnmal den ganzen Kierkegaard \u00fcbersetzt hat. Der ist genau\ndasselbe wie Hermann Bahr, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. \n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Und\nschlie\u00dflich ist psychopathische Lebensunt\u00fcchtigkeit noch kein\nChristentum, und &lt;das B\u00f6se&gt; ist kein Schimpfwort. Wenn einer\nmit seinem Leben und nun gar mit dem Leben nicht fertig wird, so wird\nsolch ein Anblick dadurch nicht sch\u00f6ner, da\u00df er sich auf die Bibel\nberuft. \n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Die\ngeheime Wonne, dem andern aber ordentlich eins zu versetzen, wird\nhier durch Moralins\u00e4ure legalisiert und durch eine verf\u00e4lschte\nHimmelss\u00fc\u00dfigkeit, die nach Sacharin schmeckt und durchaus von\ndieser Erde stammt. Das Ziel ist vielleicht gut; die K\u00e4mpfer sind es\nmitnichten. Und die H\u00e4lfte ihrer Religion besteht in der Verachtung\nder Ungl\u00e4ubigen; das h\u00e4lt warm und ist ein sch\u00f6nes seelisches\nUnterfutter. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Viel\nRauch um diesen Brenner. Schade um die reine Flamme. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nZustand der gesamten menschlichen Moral l\u00e4\u00dft sich in zwei S\u00e4tzen\nzusammenfassen: We ought to. But we don\u2019t. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn\nStefan Zweig einen erk\u00e4lteten Magen hat \u2013: schreibt er sich dann\netwas auf die eigne Bauchbinde \u2013? \n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">D<strong>as Englische ist eine einfache, aber schwere Sprache. Es besteht aus lauter Fremdw\u00f6rtern, die falsch ausgesprochen werden.  <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Scharfe Sozialkritiker sind in ihren Nicht-Vaterl\u00e4ndern sehr beliebt, nur d\u00fcrfen es grade keine Kommunisten sein. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Sonst aber hat es der Deutsche gern, wenn der Amerikaner die amerikanische Kultur demoliert; wir haben uns immer sehr f\u00fcr die Freiheit der andern interessiert.  <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Man\nkann jeden schreibenden Menschen bis ins Mark daran erkennen, wie er\ndas Wort &lt;ich&gt; setzt. Manche sollten es lieber nicht setzen.\nHitler setzt es. \u00abWenn ich in Deutschland spreche, so str\u00f6men mir\ndie Menschen zu  . . . \u00bb Der Ton ist vom Kaiser entlehnt, und das\nGanze hat etwas Gespenstisches: denn dieses &lt;ich&gt; ist \u00fcberhaupt\nnicht da. Den Mann gibt es gar nicht; er ist nur der L\u00e4rm, den er\nverursacht. \n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Die einen haben nichts zu essen und machen sich dar\u00fcber Gedanken, das kann zur Erkenntnis ihrer Lage f\u00fchren: und das ist dann Marxismus; die andern haben zu essen und machen sich keine Gedanken dar\u00fcber: und das ist dann die offizielle Religion. So verschieden ist es im menschlichen Leben!                                                                                        (Peter Panter, Die Weltb\u00fchne, 14. April 1931, erste Buchver\u00f6ffentlichung in LL=Lerne Lachen ohne zu weinen)<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nSuchmaschine \u00fcbersetzt: We ought to. But we don\u2019t. = Wir sollen.\nAber wir tun es nicht.\nWikipedia\nschreibt:\n<strong>Ite\nmissa est<\/strong>\n=\nsp\u00e4tlatteinisch\nf\u00fcr Gehet hin,\nihr seid gesandt, w\u00f6rtlich\ngeht, das ist\ndie Entlassung\nbzw. Geht, sie\nist gesandt.\nIn\nder deutschsprachigen Fassung Gehet\nhin in Frieden,\nist es der\nEntlassungsruf\nam Ende der\nheiligen Messe\nim r\u00f6mischen\nRitus. Er wird\nvom Diakon\noder Zelebranten\ngerufen, die\nGl\u00e4ubigen antworten mit Deo\ngratias. Dank\nsei Gott,\nbzw.\nDank sei Gott dem Herrn. \n<\/p>\n\n\n\n<p>(Die beiden S\u00e4tze (<strong>Das Englische ist eine einfache, aber schwere Sprache. Es besteht aus lauter Fremdw\u00f6rtern, die falsch ausgesprochen werden.)  <\/strong>sind herausgerissen aus dem Text: So verschieden ist es im menschlichen Leben. Aus Kurt Tucholsky. Gesammelte Werke, Band III, 1929- 1932, D\u00fcnndruckausgabe, Seite 832-834. Zuerst erschienen unter dem Namen Peter Panter, Die Weltb\u00fchne, vom 14. April 1931.)<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/NilpferdAugenzu-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/NilpferdAugenzu-1-1024x833.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-17277\" width=\"149\" height=\"121\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abDas Englische ist eine einfache, aber schwere Sprache. Es besteht aus lauter Fremdw\u00f6rtern, die falsch ausgesprochen werden\u00bb. (Kurt Tucholsky, Seite 833, Dritter Band der Gesamtausgabe) PDF Tucholsky So verschieden ist es SO VERSCHIEDEN IST ES IM MENSCHLICHEN LEBEN! 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