{"id":16268,"date":"2021-09-25T15:01:26","date_gmt":"2021-09-25T15:01:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=16268"},"modified":"2022-07-05T13:12:46","modified_gmt":"2022-07-05T13:12:46","slug":"toluol-wechselschicht-und-rotationsmaschinen-von-gaston-kirsche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=16268","title":{"rendered":"Toluol, Wechselschicht und Rotationsdruckmaschinen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>von Gaston Kirsche<\/strong><\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/pdf-Toluol-Wechselschicht-Rotationsdruckmaschinen.pdf\">pdf-Toluol-Wechselschicht-Rotationsdruckmaschinen<\/a><\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2020\/45\/monotonie-und-rotation\">https:\/\/jungle.world\/artikel\/2020\/45\/monotonie-und-rotation<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Toluol,\nWechselschicht und Rotationsdruckmaschinen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">1984\nbegann ich eine Ausbildung zum Tiefdrucker, nach der Lehre wurde ich\nbei Broschek \u00fcbernommen. Das Arbeiten mit krebserregenden Farben,\nNachtschichten f\u00fcr die schnellere Akkumulation der kapitalintensiven\ngro\u00dfen Rotationsdruckmaschinen, aber auch die Hilfsbereitschaft der\nKollegen haben mich gepr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Der\nTiefpunkt war meistens so zwischen zwei und drei Uhr morgens. Der\nK\u00f6rper will schlafen und versteht nicht, warum er hier an der\nRotation steht. Die Papierbahn rast durch die zehn Druckwerke,\n\u00fcberall Papierstaub, trotz der Ohrst\u00f6psel ist es laut. Der\nMaschinenkontrollstand ist au\u00dferhalb der Box, in der die\ndreist\u00f6ckige Druckmaschine l\u00e4uft. Aber f\u00fcr jeden Arbeitsschritt\ndirekt an der Maschine wird die T\u00fcr der Box ge\u00f6ffnet, ran an die\nvibrierenden Druckwerke, es ist stickig und warm, eine Verst\u00e4ndigung\nist hier nur durch Br\u00fcllen m\u00f6glich. Im Sommer l\u00e4uft der Schwei\u00df.\nDie tonnenschweren Druckzylinder rotieren, auf der\nDruckmaschinenverkleidung klebt ein d\u00fcnner Film. Eine Verbindung aus\ndem Schmier\u00f6l, das bei der hohen Laufgeschwindigkeit zwischen den\nAchsen der Druckzylinder und den Lagern verdunstet, Metallabrieb von\nden Rakelmessern, mit welchen die \u00fcbersch\u00fcssige Farbe vom\nDruckzylinder abgezogen wird, unz\u00e4hligen kleinsten Papierfasern und\nL\u00f6semitteld\u00e4mpfen. Wenn es einen Rei\u00dfer gibt, m\u00fcssen alle Drucker\nrein und die \u00fcber drei Meter sechzig breite Papierbahn \u00fcber die\nLaufstangen wieder durch die zehn Druckwerke&nbsp;f\u00fchren. F\u00fcnf f\u00fcr\nden Sch\u00f6ndruck, f\u00fcnf f\u00fcr den Widerdruck. In den Farbwannen\nschwimmt die d\u00fcnnfl\u00fcssige Druckfarbe auf Toluolbasis. Toluol stand\nda schon lange im Verdacht, krebserregend zu sein. Dass wurde durch\ndie Studie \u0084Toluol in Tiefdruckereien* des Instituts f\u00fcr\nArbeitsphysiologie an der Universit\u00e4t Dortmund aus dem Jahr 2001\naber nicht best\u00e4tigt. Allerdings wurden Gesundheitssch\u00e4den im\nAllgemeinen durch Toluol in der Studie auch nicht ausgeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Toluol\nverdunstet bei niedrigeren Temperaturen als Wasser, etwa bei 80 Grad\nCelsius. Im menschlichen K\u00f6rper reichert es sich leicht an. Dass\nmeiste verdunstete Toluol aus den Farbwannen wird \u00fcber riesige Rohre\nmit Trichterf\u00f6rmigen \u00d6ffnungen abgesaugt, aber nicht alles.\nGearbeitet wird ohne Handschuhe, Farbreste werden mit in Toluol\ngetr\u00e4nkten Lappen abgewischt. Andere, nicht gesundheitsgef\u00e4hrdende\nL\u00f6sungsmittel f\u00fcr die Tiefdruckfarben sind teurer. Also Toluol.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">In einem Artikel stand 1994 in drei Abs\u00e4tzen etwas \u00fcber die sch\u00e4dliche Wirkung von Toluol auf Menschen: M\u00fcnchner Wissenschaftler hatten das Blut von Druckereiarbeitern aus Baden-W\u00fcrttemberg analysiert. \u0084Bei Besch\u00e4ftigten, die l\u00e4nger als 16 Jahre im Tiefdruck arbeiteten, war die Anzahl von deformierten Erbinformationstr\u00e4gern in den Zellen wesentlich h\u00f6her als bei den Kollegen, die erst k\u00fcrzer dabei waren. Da gab es Br\u00fcche in den Chromosomen\u00e4rmchen, winzig kleine Verbindungsteilchen fehlten oder waren vertauscht. Solcherart Fehler in der genetischen Information k\u00f6nnen vermehrt entstehen, wenn die Reparaturmechanismen in der Zelle nicht mehr richtig funktionieren, hie\u00df es unter der \u00dcberschrift: \u0084Wir lassen sie sterben\u0093: \u0084Bei ersten Gesundheitsuntersuchungen hatten die Drucker sich \u00fcber st\u00e4ndig trockene Schleimh\u00e4ute in Mund, Nase und Rachen beklagt. Sonst war nichts weiter aufgefallen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\"> Durchhalten, keine Schw\u00e4che zeigen: \u0084Als die Forscher sie jedoch einige Jahre sp\u00e4ter zur Nachuntersuchung baten, gab es eine b\u00f6se \u00dcberraschung: 4 der insgesamt 60 untersuchten Tiefdrucker waren mittlerweile an Krebs gestorben\u0093. Der nicht namentlich gezeichnete Artikel erschien am 7. M\u00e4rz 1994 in der Ausgabe 10\/1994 von \u0084Der Spiegel\u0093. Gedruckt wurde auch diese Ausgabe in der Tiefdruckerei des Axel-Springer-Konzerns in Ahrensburg bei Hamburg  wie \u00fcblich mit Farben auf Toluolbasis. Eine Umweltschutzorganisation, meiner Erinnerung nach Greenpeace, lie\u00df in den 80iger Jahren Exemplare von \u0084Der Spiegel\u0093 in einer einmaligen Aktion ohne Toluolfarben nachdrucken und verteilen. Die Leser*innen sollten sich nicht mit den R\u00fcckst\u00e4nden der toluolhaltigen Farben vergiften, war der Tenor der Aktion. \u00dcber die in der Druckerei Arbeitenden, die am meisten unter der Schadstoffbelastung litten, wurde bei der Aktion geschwiegen. Selten wurde mir deutlicher, wie falsch es ist, \u00f6kologische Forderungen ohne gleichzeitige Kritik an den Produktionsbedingungen und dem Dogma der Kapitalverwertung zu stellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Zur\u00fcck\nzur Nachtschicht an der Tiefdruckrotationsmaschine. Gedruckt wird der\nj\u00e4hrliche IKEA-Katalog, in Millionenauflage. Heute ist der\nDruckbogen mit den Betten dran, die ganze Nacht durch: 32\nKatalogseiten mit Betten, Matratzen, Decken, Bez\u00fcgen. Aber anstatt\nim Bett zu liegen, achte ich auf den Passer beim Fortdruck. Die\ngesamte Maschinenbesetzung reagiert nachts um zwei fahriger als\nsonst, wenn beim Rollenwechsel die Papierbahn rei\u00dft, der Passer\nnicht mehr stimmt oder Dreck an einem Rakelmesser ist. Es arbeiten\nmehr Drucker an den Maschinen als der Verband der Druckindustrie\nm\u00f6chte. Einer kann immer Pause machen. Tarifvertraglich geregelt,\ndurch Streiks erk\u00e4mpft: Der Manteltarifvertrag mit genauen Angaben\nzur Maschinenbesetzung. Gilt und galt aber nur in tarifgebundenen\nBetrieben. Die Druckerei Broschek, in der ich arbeitete, war f\u00fcr\nihren hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad und einen\nk\u00e4mpferischen Betriebsrat bekannt. In der Belegschaft wurde auf die\nEinhaltung der tariflichen Vereinbarungen seitens der\nGesch\u00e4ftsleitung und der Vorgensetzen geachtet. Zwei von der\nMaschinenbesetzung, ein Drucker und ein Helfer, waren im Pausenraum\nneben dem Drucksaal, wie die unwirtliche, rein funktional\neingerichtete Fabrikhalle genannt wurde. Wenn sie nach 30 Minuten aus\nder Pause zur\u00fcckkamen, konnten die n\u00e4chsten gehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">\nNoch\nweit entfernt war in den 80iger Jahren eine Besserung bei den\ngesundheitssch\u00e4dlichen Arbeitsbedingungen. Denn: der L\u00e4rm, die\nToluold\u00e4mpfe  all das musste nicht sein. Erst im Laufe der 1990er\nJahre wurde Toluol als L\u00f6sungsmittel in den Farbrezepturen ersetzt.\nMa\u00dfgeblich hierf\u00fcr waren Kampagnen von Seiten der damaligen\nIndustriegewerkschaft Druck und Papier und ihrer\nSchwesterorganisationen in Europa. Tats\u00e4chlich ist die\nDruckindustrie seitdem, was Gesundheitsschutz und dann auch\nUmweltschutz betrifft, ziemlich weit vorne  es hat viel Einsatz der\nDrucker und ihrer Gewerkschaften erfordert. Was erstmal blieb, war\ndie Kontaminierung der B\u00f6den. Broschek war eine der ersten\nIndustriedruckereien, die saniert wurden. Am 30. August 2019 erkl\u00e4rte\nder Hamburger Senat als Antwort auf die Schriftliche Kleine Anfrage\neines Abgeordneten der CDU in der Drucksache 21\/18127: Im Jahr 1992\nwurden auf dem Gel\u00e4nde der Firma Broschek Bodenuntersuchungen\ndurchgef\u00fchrt, bei denen gro\u00dffl\u00e4chig Bodenverunreinigungen mit dem\neingesetzten L\u00f6sungsmittel Toluol festgestellt wurden. Danach\nerfolgten umfangreiche Sanierungsma\u00dfnahmen, die im Jahr 1996\nabgeschlossen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Neben dem L\u00f6sungsmittel Toluol waren auch der L\u00e4rm und der Schichtbetrieb an den gro\u00dfen Rotationsmaschinen gesundheitlich stark belastend. Gearbeitet wurde in drei Schichten rund um die Uhr. Im w\u00f6chentlichen Wechsel, Fr\u00fchschicht, Sp\u00e4tschicht  und die Nachtschicht: Um 22 Uhr f\u00e4ngt die Arbeit an, um sechs Uhr morgens ist Feierabend. Freitagabends um 22 Uhr zum Schichtbeginn an der Rotationsdruckmaschine anzutreten war surreal. Klar gibt es gesellschaftlich notwendige Arbeit, die rund um die Uhr erledigt werden muss. Drucken geh\u00f6rt nicht dazu. Die gro\u00dfen Rotationsmaschinen sind teure Investitionen  damit sie sich schneller amortisieren, laufen sie rund um die Uhr. Nachtschicht, Gesundheitsgef\u00e4hrdung f\u00fcr den Profit. Die starke Vernutzung durch Arbeit hat ihren Preis. Nicht alle erreichen \u00fcberhaupt das Rentenalter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\"> F\u00fcr Frauen war Nachtarbeit im produktiven Gewerbe aus Arbeitsschutz bis 1992 verboten &#8211; f\u00fcr M\u00e4nner nicht. Dementsprechend war der Drucksaal eine absolute M\u00e4nnerdom\u00e4ne, selbst die weiblichen Betriebsr\u00e4tinnen aus anderen Abteilungen trauten sich kaum in den Drucksaal. In der Verwaltung arbeiteten viele Frauen, auch in der Buchbinderei. Die Druckvorstufe, wo die Druckvorlagen und die Druckformen in einer kleineren Abteilung hergestellt wurden  die schweren Kupferzylinder mit Stahlkern arbeitete auch in Dreischicht und war eine M\u00e4nnerdom\u00e4ne. In der Buchbinderei in einer weiteren Fabrikhalle wurden die an der Druckmaschine bereits gefalzten Vorprodukte durch Heftung oder Klebebindung zu Zeitschriften oder Katalogen weiterverarbeitet. Hier arbeiteten viele Frauen. Im Zweischichtbetrieb,  keine Nachtschicht. Die Arbeitsbereiche waren strikt voneinander getrennt, wer in der Buchbinderei arbeitete sollte nicht in den Drucksaal gehen und umgekehrt  man hatte auch genug mit der eigenen Arbeit zu tun und in den Pausen blieb man unter sich im eigenen Pausenraum der Abteilung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Durch\ndas Arbeiten nur unter M\u00e4nnern, durch die gegenseitige\nSelbstbest\u00e4tigung im Lebensmittelpunkt Drucksaal wurden patriarchale\nMuster reproduziert: Frauen sieht man Zuhause oder in der Freizeit.\nAn der L\u00e4ngsseite des Drucksaals standen verbeulte Metallschr\u00e4nke.\nIn diesen pers\u00f6nlichen Spinden f\u00fcr Essen und Trinken hingen meist\nFotos von nackten Frauen. Broschek war eine Akzidenzdruckerei  das\nhei\u00dft, sie war nicht an einen Verlag gebunden, sondern es wurden\nalle m\u00f6glichen Auftr\u00e4ge angenommen  interessant fand ich die\nAngebotskataloge der gro\u00dfen Supermarktkette Kmart aus den USA und\ndie Unterschiede in der Pr\u00e4sentation f\u00fcr das dortige Publikum. \u00dcber\neinen gro\u00dfen Auftrag wurde im Drucksaal schon Tage vor dem Andruck\nbegeistert gesprochen, Kollegen hatten schon Teile davon in der\nDruckvorstufe gesehen: Ein dickes Sonderheft vom Playboy mit\nKlebebindung, es hie\u00df Best-Of oder so. Einige Kollegen wollten f\u00fcr\nsich ein Heft mitnehmen, die Anderen schwiegen dazu. Als an der\nAndruckmaschine die \u00fcblichen Proben hergestellt wurden, um zu\npr\u00fcfen, ob die Druckzylinder richtig graviert waren, der Passer\nstimmte, die verschiedenen Farben passend \u00fcbereinander gedruckt\nwurden und die Farbdichte, die Farbt\u00f6ne und die Brillanz okay waren,\nkamen wesentlich mehr Kollegen als sonst von den Fortdruckmaschinen\nmal zum Schauen in die Hallenecke, wo die Andruckmaschine stand. Die\nnackten Frauen auf den Abbildungen werden ausf\u00fchrlich bewertet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Patriarchat\nund Rassismus pr\u00e4gen auch die Lohnarbeit und finden durch die\nRangordnung an den Arbeitspl\u00e4tzen scheinbar Best\u00e4tigung, werden im\nBewusstsein reproduziert. Die qualifizierten Drucker am Maschinenpult\nsind meist wei\u00df und einsprachig, die Hilfsarbeiter im Papierkeller\nund an den Maschinenauslagen, wo die gedruckten und gefalzten\nProdukte abgelegt werden, sind in der Regel schwarzhaarig und\nmehrsprachig. Wenn bei Stoppern Alle anpacken, um die Rotation wieder\nins Laufen zu bringen, oder beim Wechsel der Druckzylinder, beim\nWechsel der Rakelmesser immer haben der Maschinenf\u00fchrer und die\nanderen Drucker das Kommando. Die anspruchsvollsten Arbeiten, etwa\ndie Farbdichtemessung mit dem Densitometer, um die Volltondichte, die\noptische Dichte der Farben zu kontrollieren, erledigen\nMaschinenf\u00fchrer und Drucker. Eine pr\u00e4gende Hierarchisierung.\nTypisch f\u00fcr die traditionell verstandene Klasse aus wei\u00dfen,\nm\u00e4nnlichen Facharbeitern. Frauen und Migrant*innen waren in der\nklassischen Vorstellung von der Arbeiterklasse unsichtbar, der\nArbeiterstolz wurde von M\u00e4nnlichkeit und St\u00e4rke gepr\u00e4gt, das\nk\u00f6rperliche Leiden an den Arbeitsbedingungen ignoriert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">W\u00e4hrend\nder Lehre zum Drucker Tiefdruck\/Offset liefen der andere\nAuszubildende und ich an den Maschinen mit, wir sollten in der\nlaufenden Produktion lernen. Eine Lehrwerkstatt gab es 1984 bei\nBroschek nicht mehr  wir versuchten uns m\u00f6glichst viel abzugucken.\nEinen Maschinenleitstand selbst zu dirigieren, habe ich erst zwei\nTage vor meiner praktischen Abschlusspr\u00fcfung l\u00e4nger \u00fcben k\u00f6nnen.\nDie gro\u00dfe, dreist\u00f6ckige Rotation selbst hochzufahren war eine tolle\nErfahrung. Aber in der laufenden Produktion war meine T\u00e4tigkeit ich\nin der Regel auf das Erledigen kleinerer Arbeiten auf Zuruf\nbeschr\u00e4nkt. Und es gab Zuarbeiten, welche die Maschinenf\u00fchrer an\nuns Auszubildende delegierten: Den \u00d6lstand der Motorenbl\u00f6cke der\nDruckmaschinenmotoren im Papierkeller zu kontrollieren, oder neue\nRakelmesser in die Halterungen zu spannen. Die Rakelmesser nutzten\nsich ab, sp\u00e4testens wenn ein Druckzylinder sich eine halbe Million\nMal gedreht hatte, war die Schneide runter. Sie waren unverzichtbar,\ndenn an ihnen wurde die \u00fcbersch\u00fcssige Farbe abgestreift, wenn\nnachdem ein Druckzylinder durch die Farbwanne gelaufen war: Nur in\nden napff\u00f6rmigen Vertiefungen, in den mikroskopisch klein\neingravierten L\u00f6chern in der Kupferbeschichtung der Druckzylinder\nsollte die Farbe verbleiben, um auf die Papierbahn gedruckt zu\nwerden. Durch die unterschiedliche Tiefe der L\u00f6cher wurde\nunterschiedlich viel Farbe auf das Papier gedruckt, so entstand die\nfeine Farbbrillanz, f\u00fcr die der Illustrationstiefdruck bekannt ist.\nDie Rakelmesser waren d\u00fcnne Stahlb\u00e4nder, so lang wie die\nDruckzylinder breit waren  etwa 2, 64 Meter, wenn ich mich richtig\nerinnere  mit einer superscharfen feinen Schneide: dem Rakel, das\nsich an den Druckzylinder andr\u00fcckte. Beim Einsetzen der Rakelmesser\nin die Halterungen brauchte man eigentlich Handschuhe, um sich nicht\nzu schneiden  aber dann h\u00e4tte man nicht genug Feingef\u00fchl in den\nFingern, um das Blech millimetergenau und ohne Wellen zu justieren.\nDie Narben an den H\u00e4nden von den Schnitten, wenn mal was schiefging,\nsind mir geblieben. Da wir Auszubildenden nur zwei Pausen hatten,\nentzog ich mich dem L\u00e4rm, den Tolould\u00e4mpfen und der Monotonie an\nder Rotation manchmal in eine Toilette. Die meisten Kollegen deckten\nes hilfsbereit, wenn wir Azubis mal raus wollten. Wenn ich dort ein\npaar Minuten sa\u00df, sp\u00fcrte ich, wie ich mich in meinem eigenen K\u00f6rper\nins Innerste verkrochen hatte. Die \u00e4u\u00dfere H\u00fclle meines K\u00f6rpers\nwar mir fremd, schmutzig, Farb- und L\u00f6semittelr\u00fcckst\u00e4nde bis in\ndie Haarspitzen. Die Gemeinschaftsduschen waren zum Feierabend der\nOrt des Auflebens.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Diese Erfahrung von mir liegt \u00fcber drei\u00dfig Jahre zur\u00fcck, meine erste Erfahrung mit Lohnarbeit. Die Tiefdruckerei Broschek, in der ich in den 80igern arbeitete, hatte einen links dominierten Betriebsrat  dessen damalige stellvertretende Vorsitzende der Zeitschrift Konkret ein Interview zum Thema \u0084Sexismus im Betrieb\u0093 gegeben hatte, woraufhin sie fristlos gek\u00fcndigt wurde. Es waren vor allem die Chefs mit Schlips in der Verwaltung, deren sexistisches Verhalten, deren Spr\u00fcche sie im Interview pr\u00e4gnant kritisiert hatte. Die engagierte Betriebsr\u00e4tin gewann aber die Prozesse auf Wiedereinstellung. Mehrere Betriebsr\u00e4te  auch sie &#8211; waren erst wieder in die Industriegewerkschaft (IG) Druck und Papier aufgenommen worden, nachdem sie infolge der \u0084Unvereinbarkeitsbeschl\u00fcsse der DGB-Gewerkschaften als Mitglieder des Kommunistischen Bundes (KB) in den 1970iger Jahren ausgeschlossen worden waren. In der IG Druck und Papier hie\u00df die entsprechende Ma\u00dfgabe zwar \u0084Abgrenzungsbeschluss\u0094, aber es ging um das gleiche: Den Ausschluss gewerkschaftsoppositioneller radikaler Linker, vor allem von betrieblich aktiven Mitgliedern von \u0084K-Gruppen &#8211; kommunistischen Vereinigungen links von der DKP.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Bei Warnstreiks in den Tarifrunden war Broschek immer vorneweg dabei: Mehr Lohn, bessere Arbeitsbedingungen  daf\u00fcr stand eine Mehrheit der Besch\u00e4ftigten ein. Wenn es n\u00f6tig war, was alle zwei, drei Jahre vorkam, lie\u00df sich die Belegschaft in Tarifrunden innerhalb weniger Stunden zum Warnstreik vor das Fabriktor am Bargkoppelweg 61 rufen, um einer Gewerkschaftsforderung Nachdruck zu verleihen. Als Auszubildender und danach habe ich im Drucksaal viel kollegiale Unterst\u00fctzung erleben k\u00f6nnen. Trotzdem war das Klassenbewusstsein durchwachsen. Klar f\u00fcr mehr Lohn, f\u00fcr einen starken Betriebsrat. Aber schon beim Einsatz f\u00fcr eine k\u00e4mpferische Gewerkschaft war den meisten das eigene kleine Gl\u00fcck wichtiger. Es gab Konkurrenz, es gab Sexismus, Rassismus. Ein Kollege schw\u00e4rmte davon, nach S\u00fcdafrika auswandern zu wollen, das damals noch ein Apartheidsstaat war. Und der eigene Hausbau war wichtiger als Politik. Sicher hing dass auch mit Entt\u00e4uschungen zusammen, mit Resignation. Aber das Bewusstsein, sich als Klasse formieren zu wollen, politisch k\u00e4mpfen zu wollen, \u00fcber den eigenen Tellerrand hinaus  dass war eher randst\u00e4ndig.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Die\nDruckindustrie hatte in den 80igern schon die technologische\nUmw\u00e4lzung durch elektronische Daten- und Textverarbeitung und den\nEinsatz von Mikroprozessoren hinter sich der Bleisatz etwa war\nGeschichte. W\u00e4hrend die Streiks 1973 und 1976 noch vorrangig\nLohnstreiks gewesen waren, versuchte die IG Druck und Papier danach,\ndie durch Digitalisierung neu m\u00f6gliche Rationalisierung zu\nentschleunigen und sozial zu gestalten. Auch der Arbeitsschutz\nspielte schon eine Rolle. Bei den Streiks 1978 ging es um den\nRationalisierungsschutz f\u00fcr Setzer. So gab es einen von beiden\nSeiten hart gef\u00fchrten Arbeitskampf in der Druckindustrie: Die im DGB\ndamals Linksau\u00dfen stehende IG Druck und Papier forderte einen\nAusgleich f\u00fcr Rationalisierungen, sichere Arbeitspl\u00e4tze und\nmenschenw\u00fcrdige Arbeitsbedingungen. Der Streik endete mit der\nVereinbarung des als RTS-Vertrag in die Gewerkschaftsgeschichte\neingegangenen Vereinbarung: Den Tarifvertrag \u00fcber die Einf\u00fchrung\nund Anwendung rechnergest\u00fctzter Textsysteme. Auch wenn die\nBerufsgruppe der Schriftsetzer trotzdem verschwand: Der\nArbeitsplatzabbau konnte zum einen verlangsamt werden, zum anderen\nwurden viele Setzer zu Angestellten in den Redaktionen. Beim Streik\n1984 ging es um die 35-Stundenwoche, nach 12 langen und harten Wochen\nStreik konnte deren stufenweise Einf\u00fchrung bis im Jahr 1996 im\nTarifvertrag erreicht werden allerdings war der Unternehmerverband\nder Druckindustrie nur um den Preis der Zustimmung der IG Druck und\nPapier zu weitgehenden Flexibilisierungsm\u00f6glichkeiten zu Lasten der\nBesch\u00e4ftigten dazu bereit. Die Zustimmung zur Flexibilisierung hat\nbis heute negative Folgen f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten der Druckindustrie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Nicht nur der Beruf des Setzers ist verschwunden  aus sieben Berufen der Druckvorstufe, von der Reprofotografie \u00fcber Elektronische Bildbearbeitung bis hin zur Tiefdruckretusche, ist mittlerweile ein einziger geworden: Die Mediengestalterin print\/digital. 2018 arbeiteten nur noch 131.700 Menschen in der Druckindustrie in sozialversicherungspflichtigen Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen. Die Zahl der Besch\u00e4ftigten ist seit 1975 r\u00fcckl\u00e4ufig. Gegen\u00fcber dem Stand von 1980 (223.864) ist die Zahl der Besch\u00e4ftigten um rund 41 Prozent gesunken (Zahlen des Bundesverbandes Druck und Medien). Der Umsatz ist dabei bis 2000 stark angestiegen und stagniert seitdem bei etwa 20 Milliarden Euro. Seit 2001 nahm die Zahl der Druck-Betriebe innerhalb von etwas mehr als 10 Jahren bundesweit um 30 Prozent ab, ebenfalls die Zahl der Besch\u00e4ftigten\u0094, so Martin Dieckmann, der fr\u00fchere Leiter des Fachbereichs Medien in der Gewerkschaft ver.di in Hamburg und Nord&nbsp;einen guten \u00dcberblick erworben hat: Besonders hart traf es die Betriebe mit mehr als 500 Besch\u00e4ftigten, mit einem Niedergang um 60 Prozent und der Besch\u00e4ftigten dort ebenfalls um 60 Prozent, teils durch Schlie\u00dfungen, teils durch reines Schrumpfen\u0094&nbsp;Hier wurde am st\u00e4rksten rationalisiert: \u0084Bei den Zahlen spielt auch die dramatische Schrumpfung des Personals durch neue Maschinengenerationen eine Rolle: Seit Anfang der 200er Jahre  kamen etwa&nbsp;im Zeitungs-Druck und auch in der Weiterverarbeitung auf den Markt, die teilweise zur Halbierung nicht nur des Drucksaals sondern auch der Weiterverarbeitung f\u00fchrten\u0094, so Martin Dieckmann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Insbesondere\nim Tiefdruck gab und gibt es europaweit gro\u00dfe \u00dcberkapazit\u00e4ten.\nSeit 2005 hat sich die Konkurrenz versch\u00e4rft, infolge der\nkapitalintensiven Konzentration\nauf zwei Konzerne: 2002 weitete sich die s\u00fcddeutsche\nSchlott-Firmengruppe zum Konzern aus, gab Aktien aus und kaufte\nmassiv zu; 2002 auch Broschek. Dagegen formierte sich mit Prinovis\ndie EU-weit gr\u00f6\u00dfte Zusammenschluss von Tiefdruckereien der Konzerne\nSpringer, Bertelsmann und Gruner + Jahr. \u00dcberkapazit\u00e4ten und der\nfolgende \u0084brutale Preiskampf\u0093, wie Martin Dieckmann es auf den\nPunkt bringt, f\u00fchrten zu einer Serie von Betriebsschlie\u00dfungen,\ndarunter Prinovis Darmstadt, Bauer-Druck in K\u00f6ln und 2011 zur\nInsolvenz der Schlott AG. W\u00e4hrend sich f\u00fcr f\u00fcnf s\u00fcddeutsche\nSchlott-Betriebe neue Besitzer fanden, wurde die Hamburger Druckerei\nBroschek nicht verkauft, sondern geschlossen. Seri\u00f6se Kaufangebote\ngab es nicht, stattdessen hatten Betriebsrat, Gewerkschaft und Stadt\neinige M\u00fche, ein windiges Angebot eines branchenweit bekannten\nAbenteurers abzuwehren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">In\nder Nacht vom 12. auf den 13. April 2011 wurden die Druckmaschinen\nbei Broschek eine nach der anderen ein letztes Mal runtergefahren.\nStille im Drucksaal.&nbsp;Im Dezember, einen Tag vor Weihnachten,\nverlie\u00df der Betriebsratsvorsitzende Kai Schliemann als Letzter den\nBetrieb. Broschek war Geschichte.&nbsp;Heute gibt es nur noch wenige\nTiefdruckereien, selbst der Ikea-Katalog erscheint nicht mehr\ngedruckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Die Schrumpfung und Konzentration im Tiefdruck gingen weiter: Am 2. Mai 2014 verlie\u00df die letzte Schicht die seitdem geschlossene Tiefdruckerei von Prinovis in Itzehoe. Anders als bei Broschek konnte die Belegschaft in Itzehoe mit ihren in der Stadt breit unterst\u00fctzten Aktionen immerhin einen sehr guten Sozialplan mit hohen Abfindungen und einer Transfergesellschaft erreichen. Denn die Schlie\u00dfung von Prinovis Itzehoe wurde anderthalb Jahre zuvor angek\u00fcndigt und der Bertelsmann-Konzern kam am Ende f\u00fcr die Kosten des gesamten Sozialplans auf. Bei Broschek war es schwieriger. Hier lie\u00df die Insolvenz der gesamten Schlott AG keinen Spielraum f\u00fcr Verhandlungen \u00fcber einen guten Sozialplan zu: Es war kein Geld mehr f\u00fcr Abfindungen vorhanden, geschweige denn f\u00fcr eine zus\u00e4tzliche Transfergesellschaft. Die modernen Tiefdruckaggregate bei Broschek wurden an andere Druckereien verkauft. Das Gel\u00e4nde von Broschek liegt heute brach, die Geb\u00e4ude wurden vorletztes Jahr abgerissen. Gaston Kirsche<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">*Die\nStudie \u00bbToluol in Tiefdruckereien\u00ab war vom Hauptverband der\ngewerblichen Berufsgenossenschaften beauftragt und u.a. vom\nBundesverband Druck und Medien sowie ver.di unterst\u00fctzt worden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der\nNiedergang des Tiefdrucks<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Komplett\ngeschlossen wurden<\/p>\n\n\n\n<p>-1997:\nBurda, Darmstadt (600 Besch\u00e4ftigte)<\/p>\n\n\n\n<p>-2008:\nPrinovis in Darmstadt (fast 300)<\/p>\n\n\n\n<p>-2008:\nMetz, Aachen (40)<\/p>\n\n\n\n<p>-2010:\nBauer Druck, K\u00f6ln (knapp 400)<\/p>\n\n\n\n<p>-2011:\nBroschek in Hamburg (200)<\/p>\n\n\n\n<p>-2011:\nSchlott in Freudenstadt (300)<\/p>\n\n\n\n<p>-2013:\nBadenia in Karlsruhe (100)<\/p>\n\n\n\n<p>-2014:\nPrinovis in Itzehoe (750 plus 250*)<\/p>\n\n\n\n<p>-2015:\nBruckmann, Oberschlei\u00dfheim (130)<\/p>\n\n\n\n<p>-2021:\nPrinovis in N\u00fcrnberg (zuletzt 460)<\/p>\n\n\n\n<p>*Werkvertrags-\nund Leiharbeitskr\u00e4fte<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Innerhalb von 24 Jahren haben alleine durch Betriebsschlie\u00dfungen \u00fcber 3.500 Menschen ihre Arbeit im Tiefdruck verloren. Insgesamt wurden viel mehr Leute entlassen: Viele gingen vorzeitig in Rente, schieden per Freiwilligenprogramm aus, bei der Fluktuation im Betrieb freiwerdende Stellen wurden nicht wieder besetzt. Auch in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern sind komplette Tiefdruckereien geschlossen worden. Quelle: ver.di\/Fachbereich 8 Auf den Fotos sind Proteste gegen die Schlie\u00dfung von Prinovis Itzehoe 2013 zu sehen. Nachweis: verdi\/Fachbereich 8<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Interview\nmit Olaf Berg \u00fcber seine dreij\u00e4hrige Ausbildung in der Druckerei\nder Axel Springer Verlag AG in Ahrensburg.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">In\nden 80iger Jahren wurde in der Druckindustrie stark rationalisiert\nund Arbeit verdichtet. Durch Flexibilisierung und Auslagerung von\nBetriebsteilen wurden ehemals k\u00e4mpferische Belegschaften\nverkleinert, Abteilungen gegeneinander Konkurrenz gesetzt. So wurden\ndie Lohnarbeitenden der Branche, welche 1984 erfolgreich als erste\ndie Arbeitszeitverk\u00fcrzung zur 35-Stundenwoche erstreikt hatten\nnachhaltig verunsichert.\n(Gaston\nKirsche)<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Du hast 1987 in der Druckerei von Springer in Ahrensburg eine Lehre als Druckvorlagenhersteller begonnen? <\/em> <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Ja, als ich 1987 bei Springer angefangen habe, war der gro\u00dfe Druckerstreik von 1984 schon Geschichte. Aber es gab noch eine grunds\u00e4tzliche Kampf- und Streikbereitschaft und das Bewusstsein, etwas durchsetzen zu k\u00f6nnen. Es gab aber keine systematische Ansprache von uns neuen Azubis auf Mitgliedschaft in der Gewerkschaft. Ich musste da von mir aus aktiv werden und geriet auf das Treffen der IG Druck &amp; Papier Jugend, auf dem diese sich gerade aufl\u00f6sen wollte, weil sich die Teilnehmenden alle als zu alt empfanden. Den Ortsverein in Ahrensburg, fast identisch mit der Betriebsgruppe von Springer in Ahrensburg, habe ich als ziemlich verschnarchte Versammlung \u00e4lterer M\u00e4nner empfunden. Gewerkschaftsarbeit war da weitestgehend kooptiertes Mitregulieren von Kleinigkeiten im Betriebsablauf und Umsetzen von Ansagen der Gewerkschaftsleitung.  <\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Aber die&nbsp;Auswirkungen des&nbsp;12-w\u00f6chigen Erzwingungsstreiks von 1984&nbsp;waren f\u00fcr dich sp\u00fcrbar?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Ja,\nauf mehreren Ebenen war der zu sp\u00fcren. Ganz deutlich durch den\nerreichten Einstieg in die 35- Stundenwoche, der w\u00e4hrend meiner\nLehre stattfand. Die 37-Stundenwoche wurde jedenfalls in der Zeit\nmeiner Ausbildung in Stufen eingef\u00fchrt. Auch wenn wir die\n35-Stundenwoche da noch nicht erreicht haben, war die halbe Stunde\nweniger arbeiten am Tag f\u00fcr mich sehr deutlich zu sp\u00fcren. Es war\nnicht nur die halbe Stunde mehr Zeit, ich war auch einfach weniger\nkaputt, um mit der Freizeit sinnvolles anzufangen.Die\nForderung nach der 35-Stundenwoche war in der Gewerkschaft nicht\nunumstritten. Als gemeinsamer Nenner hat sie sich letztlich\ndurchgesetzt, weil diejenigen, die lieber mehr Lohn als mehr Zeit\nhaben wollten, darin das Potential f\u00fcr mehr \u00dcberstunden mit\nentsprechendem Zuschlag entdeckten.&nbsp;Aber Jugendarbeitslosigkeit\nwar damals ein gro\u00dfes Thema.&nbsp;Die offiziellen Argumente waren\nselbstverst\u00e4ndlich gerechtere Verteilung der vorhandenen Arbeit auf\nalle Arbeitenden und mehr Lebensqualit\u00e4t.&nbsp;Aus&nbsp;Klassenperspektive\nh\u00e4tte&nbsp;es besser&nbsp;gerechtere Verteilung&nbsp;der\ngesellschaftlich notwendigen Arbeit hei\u00dfen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>War noch etwas von der Erfahrung von 1984 zu sp\u00fcren, durch einen harten Streik eine Arbeitszeitverk\u00fcrzung erzwungen zu haben?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Es\ngab\neine Grundstimmung im Betrieb, gemeinsam etwas erreichen zu k\u00f6nnen.\nIch w\u00fcrde das nicht als Klassenbewusstsein \u00fcbersch\u00e4tzen. Es war\neher die Erfahrung, \u00fcber die Gewerkschaft Lohnerh\u00f6hungen und\nArbeitsverbesserungen durchzusetzen. Daf\u00fcr gab es eingespielte\nRituale der Eskalationsstufen, bei denen die gro\u00dfe Mehrheit der\nArbeitenden mitmachte.&nbsp;Dass lernte ich als drei Stufen\nkennen:Zuerst&nbsp;spontane\nBetriebsversammlungen, wenn die Tarifrunde angelaufen war und in den\nAbteilungen die Ansage die Runde machte, sich um 13 Uhr in der\nKantine zu versammeln, um sich vom Betriebsrat \u00fcber den Stand der\nVerhandlungen informieren&nbsp;zu lassen.Zweite\nStufe waren Warnstreiks\nvon ein paar Stunden, zu denen w\u00e4hrend der\nlaufenden&nbsp;Tarifverhandlungen aufgerufen wurde. Irgendwann wurde\nes dann ernst &nbsp;die dritte Stufe &nbsp;und es gab ein oder zwei\nWochen Streik.Den Streik habe ich nur sehr bedingt mitbekommen, weil\nder in meinen Berufsschulblock&nbsp;fiel und es die Absprache gab,\ndas es keinen Sinn macht, den Unterricht zu bestreiken. Auch die\nAzubis im Betrieb sollten weiter zur Ausbildung gehen. Sie durften\nnur in der Lehrwerkstatt arbeiten und konnten so auch die\nArbeitskraft der Ausbilder binden, damit die nicht in der Produktion\neingesetzt werden konnten. Das klappte soweit ich das mitbekommen\nhabe, ganz gut, aber die Gewerkschaft insgesamt war da nicht sehr\nkampflustig und hat sich recht schnell geeinigt.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Wie reagierte die Kapitalseite?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Die&nbsp;Unternehmer&nbsp;reagierten&nbsp;auf\ndie durchgesetzten Verbesserungen der Arbeitsbedingungen mit\nTarifflucht und Auslagerung. Als ich bei Springer anfing, hatte\nGruner &amp; Jahr mit seiner Druckerei in Itzehoe gerade den Austritt\naus dem Tarif erkl\u00e4rt und ein flexibilisiertes 4-Schicht-Modell\neingef\u00fchrt,\nmit dem die Maschinen 24\/7 liefen, ohne angemessene Nacht- und\nWochenend-Zuschl\u00e4ge zu zahlen. Zusammen mit technologischem\nFortschritt&nbsp;bei verbesserten&nbsp;Offset-&nbsp;und&nbsp;Tiefdruckverfahren\nwurde dadurch die Produktionskapazit\u00e4t erh\u00f6ht und Gruner &amp; Jahr\nzog die einige Jahre zuvor erworbene Option, den Druckauftrag des\n\u0084Spiegel\u0093 an sich zu ziehen. Darum wurde mir zur Einstellung als\nerstes gesagt:&nbsp;Wenn ihr ausgelernt habt, geht der \u0084Spiegel\u0093 an\nGruner &amp; Jahr und ihr Azubis werdet nicht \u00fcbernommen. So kam es\ndann auch. Wobei der \u0084Spiegel\u0093-Auftrag nur ein Teil des Grundes\nwar, man kann sogar sagen, nur ein Vorwand.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Springer hatte genug Arbeit?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Ja,\nin den&nbsp;drei&nbsp;Jahren&nbsp;meiner Ausbildung&nbsp;hat Springer\ndurchaus neue Auftr\u00e4ge akquiriert. Aber&nbsp;in den drei\nJahren&nbsp;wurden ganz viele Arbeiten in der Druckvorstufe, wo ich\nausgebildet wurde, rationalisiert  Stichwort&nbsp;OT-Verfahren\n und vor allem an Kleinstbetriebe, die oft von ehemaligen\nMitarbeiter*innen gef\u00fchrt wurden, ausgelagert. Die aktuellen Teile,\ndie sehr genau in die redaktionellen Abl\u00e4ufe eingebunden produziert\nwerden mussten, blieben im Haus, alles andere, wie&nbsp;etwa&nbsp;die\nin der Produktion aufw\u00e4ndigen Werbeanzeigen, wurden&nbsp;als\nWerkauftr\u00e4ge&nbsp;extern vergeben.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Rationalisierung und Auslagerung um den Profit zu erh\u00f6hen?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Als\nich ausgelernt hatte, wurde rund&nbsp;ein Drittel&nbsp;der\nBelegschaft entlassen&nbsp;beziehungsweise&nbsp;mit Abfindungen und\nVorruhestandsregelungen aus dem Arbeitsleben gedr\u00e4ngt.\nDer\nBetriebsrat rechnete damals vor, dass alle gehalten werden k\u00f6nnten,\nwenn die externen Auftr\u00e4ge wieder ins Haus geholt werden, aber die\nwaren halt billiger, weil dort keine Tarifl\u00f6hne galten und die\nBetriebe oft auf einer Abrufbasis arbeiteten. Einige meiner\nMit-Azubis waren nach der Ausbildung bei solchen Betrieben auf der\nListe. Im Betrieb stand das Ger\u00e4t, wenn es einen Auftrag gab, wurden\nsie angerufen und auf&nbsp;Stundenbasis\nbezahlt.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Und die Belegschaft hat sich dagegen nicht offen gewehrt?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Der\nWiderstand im Betrieb gegen die Entlassungen war ziemlich handzahm.\nWie das mit dem Betriebsrat&nbsp;rechtlich&nbsp;so ist. Das\nUnternehmen entscheidet, wie viele gehen m\u00fcssen, der Betriebsrat\ndarf mitreden, nach welchen sozialen Kriterien ausgew\u00e4hlt wird, wer\ngehen muss. Gelingt es ihm, die&nbsp;\u00c4lteren mit Abfindungen und\nVorruhestandsregelungen zufrieden zu stellen und den j\u00fcngeren eine\nWeiterbesch\u00e4ftigungsperspektive zu bieten, ist der Betriebsrat\nzufrieden. Auf eine echte Konfrontation wollten sie sich nicht\neinlassen und ich vermute, die Belegschaft war daf\u00fcr auch nicht\ngeschlossen genug. Entsprechend angespannt waren die freigestellten\nBetriebsr\u00e4te und meine Auseinandersetzung mit dem Personalchef \u00fcber\nmeine \u00dcbernahme musste ich vor Ort&nbsp;nahezu&nbsp;alleine\naustragen.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Hattest du einen Rechtsanspruch auf \u00dcbernahme?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Als\nMitglied der Auszubildenden- und Jugendvertretung, der an\nBetriebsratssitzungen teilgenommen hat,&nbsp;h\u00e4tte&nbsp;der Betrieb\nmich eigentlich auf mein Verlangen \u00fcbernehmen&nbsp;m\u00fcssen. Aber der\nf\u00fcr mich zust\u00e4ndige Freigestellte weigerte sich offen, an dem\nGespr\u00e4ch als Zeuge teilzunehmen, weil er nicht ins offene Messer\nlaufen wollte. Der f\u00fcr Drucker zust\u00e4ndige&nbsp;Freigestellte&nbsp;ging\ndann doch noch mit. Unter den Bedingungen, keinen R\u00fcckhalt zu haben,\nhabe ich mich dann letztlich auch\nmit Geld abfinden lassen aber\ndabei immerhin den\nPreis von zuerstangebotenen 2.500 auf 10.000 DM hochgetrieben.\nInsgesamt\nherrschte beim Springer Verlag, nachdem der Gr\u00fcnderchef Axel\nSpringer gestorben war und das ganze zur Aktiengesellschaft&nbsp;geworden\nwar, bei vielen die Vorstellung&nbsp;vom guten alten Springer, der\nfamili\u00e4r-patriarchal f\u00fcr das Wohl seiner Arbeiter gesorgt habe. Der\nneue neoliberale Ton im Betrieb wurde dem Wandel zur\nAktiengesellschaft&nbsp;zugeschrieben:&nbsp;Die buchhalterische\nAufteilung in Crop-Center,&nbsp;also jeweils f\u00fcr sich\nprofitabel&nbsp;arbeiten m\u00fcssende&nbsp;Abteilungen, gerade auch in\nKonkurrenz zu anderen Abteilungen gerechnet, setzte jede Abteilung\nunter&nbsp;Druck,\nf\u00fcr sich Gewinn abzuwerfen, sonst wurde ausgelagert,&nbsp;wie ich es\nschon geschildert habe.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Keine guten Aussichten f\u00fcr Gegenwehr<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Klassenbewusstsein\ngab es nur noch vereinzelt. Das hing sehr von der Abteilung und dort\nauch noch der Schicht ab. Ich erinnere mich, dass es&nbsp;eine\nSchicht in der Montage&nbsp;gab, der Abteilung,&nbsp;wo Text und Bild\nzur Vorlage f\u00fcr den fertigen Druckbogen zusammengef\u00fcgt werden, wo\nes Mitglieder&nbsp;der DKP, der Deutschen Kommunistischen\nPartei,&nbsp;gab, die mit mir als Lehrling politische Gespr\u00e4che\nanfingen. Und es gab eine Schicht in der Elektronischen\nBildverarbeitung, die k\u00e4mpferisch war und mich bei meinem Kampf um\ndie \u00dcbernahme unterst\u00fctzte.&nbsp;In\nder Elektronischen Bildverarbeitung&nbsp;war\nes vor allem eine Genossin, die auch Betriebsr\u00e4tin&nbsp;war, aber\nnicht freigestellt,&nbsp;die&nbsp;mir mal erz\u00e4hlte, dass sie\nfr\u00fcher&nbsp;als sie&nbsp;bei Broschek&nbsp;Druck gearbeitet\nhat,&nbsp;Mitglied im KB, dem Kommunistischen Bund war,&nbsp;deswegen&nbsp;sie\nzuerst&nbsp;aus der Gewerkschaft ausgeschlossen und&nbsp;dann&nbsp;vom\nBetrieb entlassen&nbsp;worden war.&nbsp;Aber&nbsp;dann konnte sie&nbsp;bei\nSpringer anfangen&nbsp;zu Arbeiten. Im KB war sie zu dem Zeitpunkt\naber nicht mehr. Jedenfalls war das eine Schicht wo alle dahinter\nstanden, dass alle Azubis zumindest f\u00fcr&nbsp;drei&nbsp;Monate\n\u00fcbernommen werden sollten, um einen ordentlichen Start ins\nBerufsleben zu haben und die sich trotz Produktionsdruck nicht davon\nabbringen lie\u00dfen, den Azubis was zu zeigen und beizubringen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Gedanken\nzu Klasse und Kampf<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p><strong>Die\nKlassenverh\u00e4ltnisse sind nicht verschwunden, sondern entrechteter\nund flexibilisierter worden. Dass es kaum kollektiven Klassenkampf\nvon unten gibt ist kein Grund, den antagonistischen Widerspruch\nzwischen Kapital und Arbeit zu \u00fcbersehen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Sicher\nhabe ich einiges vergessen von den fr\u00fchen Einf\u00fchrungen in die\nKritik der politischen \u00d6konomie, von den Schulungstexten \u0084Lohn,\nPreis, Profit\u0093 und \u0084Lohnarbeit und Kapital von Karl Marx, die wir\nin den Jugendgruppen des Kommunistischen Bundes gemeinsam gelesen\nhaben, aber die eigene Erfahrung nicht. In der Grafischen Jugend\nhaben wir w\u00e4hrend meiner Lehre und sp\u00e4ter der Arbeit als\nausgelernter Drucker \u00fcber ein Verbot der Nachtarbeit in der\nDruckindustrie gesprochen. Die Studierenden in meiner WG haben die\nProbleme durch die Dreischichtarbeit nur ansatzweise verstanden. Wenn\nsie lange fr\u00fchst\u00fccken wollten, war an Schlaf nicht zu denken. F\u00fcr\nsie waren meine Arbeitsbedingungen einfach au\u00dferhalb ihrer\nVorstellungswelt. Dabei kellnerten oder jobbten sie selbst auch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Meine\nLehre und Arbeit als Drucker war das eigent\u00fcmliche Gegenst\u00fcck zu\nmeinen sp\u00e4teren Arbeitserfahrungen in linken Verlagen und Zeitungen.\nW\u00e4hrend in der Druckerei darauf geachtet wurde, die Arbeitskraft\nm\u00f6glichst teuer zu verkaufen und politische Fragen dar\u00fcber hinaus\nkaum eine Rolle spielten, so ging es in den alternativen Betrieben\nnur um politische Fragen, ohne den Verkauf der Arbeitskraft zu\nthematisieren. Eine Hinterfragung der durch die Besitzverh\u00e4ltnisse\ndeterminierten Entscheidungsstrukturen habe ich bisher nicht erlebt.\nMeine Lohnarbeit begann in einer Phase des Rollbacks in fast allen\nBereichen, nachdem es in den 60iger Jahren in der Hochphase der\nfordistischen Massenproduktion gerade an den Flie\u00dfb\u00e4ndern eine\nPhase der Revolte und der harten, auch wilden Streiks quer durch\nWesteuropa gab. Und parallel Aufbr\u00fcche im Gender, im universit\u00e4ren,\n(sub-) kulturellen Bereich und in der Reproduktion. Die Lohnquote am\ngesellschaftlichen Eigentum stieg, es gab eine Umverteilung von oben\nnach unten. Auch deswegen forcierten die Kapitalbesitzenden den durch\ndie Entwicklung der Mikroprozessoren technisch pl\u00f6tzlich m\u00f6glichen\nUmbau weg von der fordistischen Gro\u00dfserienproduktion f\u00fcr\nStandardmilieus hin zur postfordistischen Kleinserienproduktion f\u00fcr\nsich auch dadurch im Konsum ausdifferenzierende Submilieus: Weg vom\nreinen Taylorismus, hin zur Kombination von Flie\u00dfband und\nGruppenarbeit. Weg vom tarifvertraglich regulierten\nNormalarbeitsverh\u00e4ltnis hin zur Spannbreite vom prek\u00e4ren\nTeilzeitjob bis zur ausgebauten privilegierten\nInnovationsmittelschicht. Die Klassenverh\u00e4ltnisse sind dabei nicht\nverschwunden, sondern entrechtet und flexibilisiert worden. Weg vom\nnationalen Markt hin zum globalisierten kapitalistischen Weltsystem,\nmit seinen immer schon existierenden, mittlerweile aber stark\nausgebauten Produktions- und Wertsch\u00f6pfungsketten \u00fcber Grenzen\nhinweg. Klassenkampf macht so nationalstaatsbezogen keinen Sinn mehr,\nsowohl das Zusammenflie\u00dfen der Klassenkerne als auch der K\u00e4mpfe hat\nimmer auch eine transnationale Ebene. Durch die technologische\nEntwicklung wurde eine Internationalisierung von Produktionsabl\u00e4ufen\nm\u00f6glich, mit der von den Besitzenden der Produktionsanlagen eine\nextreme Zunahme von entgrenzter Konkurrenz durchgesetzt wurde: Mit\nder zunehmenden weltweiten Standortkonkurrenz zwischen den nationalen\nWettbewerbsstaaten wurden funktionierende nationale Absatzm\u00e4rkte und\nderen Stabilisierung durch garantierte Lohnquoten und Sozialstaat\n\u00fcberfl\u00fcssig. Austerit\u00e4tspolitik und Deregulierung erm\u00f6glichten\nauch in den kapitalistischen Metropolen den Ausschluss ganzer\nBev\u00f6lkerungsgruppen aus der gesellschaftlichen Teilhabe, wie sie bis\ndahin nur in den Staaten der Peripherie im S\u00fcden \u00fcblich war. Durch\ndie Entgarantierung traditioneller Lohnarbeitsverh\u00e4ltnisse in\nVollzeit brach auch die Rolle des Familienern\u00e4hrers auf. So kam es\nnicht nur zur materiellen Verunsicherung der m\u00e4nnlichen wei\u00dfen\nFacharbeiter, sondern auch zu neuen flexiblen Chancen f\u00fcr Frauen,\nEingewanderte, Minderheiten, niedrig wie h\u00f6her Qualifizierte im\nBereich der Lohnarbeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Dass\ndiese Chancen genutzt werden, ist nicht die Ursache der Abwertung der\nm\u00e4nnlichen wei\u00dfen Arbeiter. Ebenso wenig wie ein nebul\u00f6ser\n\u0084Neoliberalismus\u0093: Ein Begriff wie ein Feindbild, der nicht\npolit\u00f6konomisch hergeleitet wird, sondern mit Ressentiments gegen\n\u0084die da oben gegen die \u0084ein Prozent, die \u0084Eliten einhergeht. Und\nvon einer ideologisch motivierten Trennung von produktivem Industrie-\nversus spekulativem Finanzkapital ausgeht, die es in der grausamen\npolit\u00f6konomischen Realit\u00e4t nicht gibt. Charakteristisch sind die\nflie\u00dfenden \u00dcberg\u00e4nge zwischen Industrie- und Finanzkapital.\nAntikapitalismus braucht eine radikale Kritik der politischen\n\u00d6konomie, die auf der Ablehnung der Lohnarbeit und des stummen\nZwanges in sie basiert. Es gilt, Verteilungsk\u00e4mpfe innerhalb des\nKapitalismus, darum, sich m\u00f6glichst teuer zu verkaufen, nicht als\nden ganzen Klassenkampf zu verstehen. Es ist bestenfalls der Halbe \nund wird erst dann eine runde Sache, wenn in die Verteilungsk\u00e4mpfe\ndas Aufbegehren gegen die Lohnarbeit, gegen Ausbeutung, Entfremdung\nund Zwang eingeschrieben ist. Sonst sind es legitime, notwendige,\naber nicht an den notwendigen Bruch mit dem Kapitalverh\u00e4ltnis\nanschlussf\u00e4hige Verteilungs-, gegenw\u00e4rtig meist Abwehrk\u00e4mpfe.\nKlassenkampf ist nicht denkbar ohne die Absicht, die\nKlassenverh\u00e4ltnisse positiv in einer ausbeutungsfreien Gesellschaft\naufzuheben. Dies im Bewusstsein darum, dass die Arbeiterklasse in\nDeutschland im Nationalsozialismus negativ in die Volksgemeinschaft\nder T\u00e4ter*innen der Shoah \u00fcberf\u00fchrt wurde. Die Arbeiterklasse f\u00fcr\nsich oder Fragmente von ihr kann und k\u00f6nnen sich nach dieser\nGeschichte nur als sozialer Prozess neu konstituieren, mit einer\ntransnationalen, antideutschen und antiherrschaftlichen Ausrichtung.\nDie Vorstellung einer statischen Klasse, wie sie im\nArbeiterbewegungsmarxismus verstanden wird, ist obsolet.\nTraditionelle Linke behaupten gerne die Existenz \u0084der\u0093 Klasse f\u00fcr\nsich, um etwas zum vertreten zu haben, eine Legitimation f\u00fcr ihre\nStellvertreterpolitik. Eine Arbeiterklasse f\u00fcr sich, als politisches\nSubjekt der Befreiung, als Selbsterm\u00e4chtigung, ist aber nur\npunktuell als verdichtetes Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis m\u00f6glich, nicht als\nquasi institutionalisierte soziale Einheit. Arbeiterklasse als\npolitisches Subjekt hat und ist keine unver\u00e4nderliche Essenz,\nsondern kann im Moment des Ausbruchs, des widerst\u00e4ndigen sich\nFindens zusammenkommen, eine kritische Masse werden. Hilfreich k\u00f6nnen\ndaf\u00fcr Organisationen sein, Tr\u00e4ger*innen von Flaschenpost voller\nErfahrungen aus K\u00e4mpfen und der marxistischen Kritik der politischen\n\u00d6konomie &#8211; antagonistischer Theorie. \n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Klassenkampf\nist nicht mit einer kapitalismusimmanenten Zielvorstellung denkbar.\nDurch die Perspektive des Bruchs mit der Kapitalverwertung an sich,\ndurch sein revolution\u00e4res Moment ist Klassenkampf an den Bruch mit\ndem umweltzerst\u00f6rerischen Wachstumsfetischismus der\nKapitalverwertung anschlussf\u00e4hig. Der Kampf gegen die Lohnarbeit\nkann mit dem Kampf gegen die Klimazerst\u00f6rung zusammengehen, wenn\nbeides radikal gedacht wird. Sonst nicht. Gegen die Vernutzung der\nNatur, gegen die Vernutzung der Lohnarbeitenden. Das Eine macht ohne\ndass Andere auch keinen Sinn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Wichtig\nist dabei, Befreiung von der Lohnarbeit und der Naturzerst\u00f6rung von\nunten heranzugehen. Nicht \u00fcber die Apparate von Wahlparteien, welche\ndurch die Parlamentsarbeit dominiert werden, sondern \u00fcber soziale\nBewegungen von unten, \u00fcber radikale, organisierte Kerne in ihnen.\n<em>Gaston\nKirsche<\/em><\/p>\n\n\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Gaston Kirsche pdf-Toluol-Wechselschicht-Rotationsdruckmaschinen https:\/\/jungle.world\/artikel\/2020\/45\/monotonie-und-rotation Toluol, Wechselschicht und Rotationsdruckmaschinen 1984 begann ich eine Ausbildung zum Tiefdrucker, nach der Lehre wurde ich bei Broschek \u00fcbernommen. Das Arbeiten mit krebserregenden Farben, Nachtschichten f\u00fcr die schnellere Akkumulation der kapitalintensiven gro\u00dfen Rotationsdruckmaschinen, aber auch die Hilfsbereitschaft der Kollegen haben mich gepr\u00e4gt. Der Tiefpunkt war meistens so zwischen zwei und &hellip; <a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=16268\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eToluol, Wechselschicht und Rotationsdruckmaschinen\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7100,2720,2790,3420,2920,540,7012,7102,16,2156,412,5600,7101,7103,5133,1],"tags":[7090,7076,7085,7080,7079,7001,7081,7095,7071,7096,7097,1235,7083,7088,7087,7106,7073,7089,7070,7099,7104,7082,7077,7105,7092,7075,7068,4721,7067,7074,7086,387,7084,7091,7069,7072,7094,7078,7093],"class_list":["post-16268","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-7100","category-2720","category-arbeiter","category-arbeiterin","category-arbeiterklasse","category-axel-springer","category-broschek","category-dschungelworld","category-hamburg","category-hamburg-abendblatt","category-hamburger-abendblatt","category-hamburger-fremdenblatt","category-jungleworlds","category-kb","category-organisieren-oder-organisiert-werden","category-uncategorized","tag-akkumulation","tag-auszubildende","tag-bauer-druck","tag-betriebsrat","tag-betriebsraete","tag-broschek","tag-druckindustrie","tag-druckwerke","tag-druckzylinder","tag-farbwannen","tag-greenpeace","tag-ikea","tag-itzehoe","tag-lehre","tag-lehrling","tag-lohnarbeit","tag-loesemitteldaempfe","tag-nachtschicht","tag-papierstaub","tag-passer","tag-patriarchat","tag-prinovis","tag-rakelmesser","tag-rassismus","tag-reisser","tag-rentenalter","tag-rotatationsdruckmaschine","tag-rotation","tag-rotationsmaschine","tag-schleimhaut","tag-schlott","tag-spiegel","tag-tiefddruck","tag-tiefpunkt","tag-toluol","tag-toluol-loesemittel","tag-toluolbasis","tag-warnstreik","tag-widerdruck"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16268","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16268"}],"version-history":[{"count":29,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16268\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18172,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16268\/revisions\/18172"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16268"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16268"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16268"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}