{"id":18973,"date":"2022-08-13T08:41:39","date_gmt":"2022-08-13T08:41:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=18973"},"modified":"2022-08-13T09:18:22","modified_gmt":"2022-08-13T09:18:22","slug":"apropos-lubitsch-in-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=18973","title":{"rendered":"Apropos Lubitsch in Wien"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Abschrift:<\/strong>                                                                          <strong>Man hat zu wenig Geld f\u00fcrs Kino!<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>von Ernst Lubitsch (aus \u00bbMein Film\u00ab, Wien, Nr. 364 Seite3-4) 1932<\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Lubitsch-Artikel-364.pdf\">PDF Lubitsch Artikel 364<\/a><\/p>\n\n\n<p>Am Freitag morgens ist Ernst Lubitsch, der ber\u00fchmte Filmregisseur, in Wien eingetroffen. Er hatte nur ein paar Freunde von seiner Ankunft verst\u00e4ndigt. Die kamen auf den Bahnhof, so auch Emil Jannings. Im Hotel sa\u00df man dann gem\u00fctlich beisammen, zu Sechs blo\u00df und Ernst Lubitsch erz\u00e4hlte viel Interessantes und sprach in seiner lebendigen Art Kluges und Geistreiches. Ehrlich und unb\u00e4ndig freute sich Lubitsch auf das Wiedersehen mit Wien, in dem er vor f\u00fcnfeinhalb Jahren zuletzt weilte. Er erinnert sich gerne und mit Genugtuung daran, wie die Wiener ihn feierten und wie er damals im Mittelpunkt einer von \u201eMein Film\u201c veranstalteten Begr\u00fc\u00dfungsfeier stand. Diesmal betont Lubitsch den privaten Charakter seines Wiener Besuchs, der \u00fcbrigens leider blo\u00df kurz bemessen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Europafahrt tr\u00e4gt wirklich nur privaten Charakter. Es war mir ein Bed\u00fcrfnis, wieder einmal nach Mitteleuropa zu kommen und meine lieben Freunde in London, in Berlin, in Wien und in Paris zu sehen. Da\u00df ich dabei mich auch nach St\u00fccken, nach Schauspielern umsehe und Eindr\u00fccke sammle, ist selbstverst\u00e4ndlich. Aber das soll nur so nebenbei geschehen. In Wien habe ich allerdings auch mit meinem Freund Emil Jannings manches zu besprechen. Es gibt einiges f\u00fcr die Zeit, da Jannings wieder nach Hollywood kommt . . .<\/p>\n\n\n\n<p>Nun bin ich schon wochenlang unterwegs. Von Hollywood nach London. Von London (im Flugzeug) nach Berlin. Von Berlin nach Kopenhagen und retour. Und von Berlin nach Wien. Dann geht es nach Budapest. Und wieder nach Berlin. Und sp\u00e4terhin nach Paris. Mitte J\u00e4nner mu\u00df ich bereits in New York sein, um neue Arbeit vorzubereiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Fest steht aber eigentlich nur, da\u00df ich den n\u00e4chsten Film mit Maurice Chevalier mache. Welcher Art das Sujet sein wird, wei\u00df ich heute noch nicht. M\u00f6glicherweise wird man mir, wenn ich nach dr\u00fcben komme, diesbez\u00fcgliche Vorschl\u00e4ge machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke an ein Volksst\u00fcck, das ich mit Chevalier in der Hauptrolle inszenieren m\u00f6chte. Doch will ich mich gar nicht auf ein Genre festlegen. Meine Neigung \u00e4ndert sich da oft. Ich bin zum Beispiel von der Tonfilmoperette zum ernsten hochdramatischen Film (\u201eDer fremde Sohn\u201c) \u00fcbergegangen, um dann neuerlich eine leichte Kom\u00f6die mit unterlegter Musik zu schaffen. Sie hei\u00dft \u201eTrouble in Paradise\u201c (\u201eRummel im Paradies\u201c) und ist mein j\u00fcngster Film, der in den Kinotheatern Amerikas und England bereits zu sehen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist wahrhaftig nicht leicht, jetzt mit einem Film das Richtige zu treffen und vor allem: damit Erfolg, in Besuchsziffern ausgedr\u00fcckt, zu haben. Denn man t\u00e4usche sich nicht dar\u00fcber hinweg: in der ganzen Welt ist ein rapider R\u00fcckgang der Besucherzahl an den Vergn\u00fcgungsst\u00e4tten zu verzeichnen. Die Wirtschaftsnot ist schuld daran.<\/p>\n\n\n\n<p>Man hat auch f\u00fcrs Kino zu wenig Geld. Und so kommt es, da\u00df in Amerika, speziell in New York, auch gute Filme nur wenig Zulauf haben und die Einnahmeziffern der Kinotheater um mehr als sechzig Prozent gesunken sind. In einem der gr\u00f6\u00dften Kinos von Los Angeles habe ich in der Abendvorstellung &#8211; an einem Wochentag- hundert Besucher gez\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Theatern geht es freilich auch nicht besser. Das Theaterviertel von New York ist gegen das Getriebe, das fr\u00fcher dort an den Abenden stets herrschte, als ausgestorben zu bezeichnen. Nur jene Theater, die das Allerbeste, die neue Inszenierungen, die Sensationen an St\u00fcck und Darstellung bieten, haben einigerma\u00dfen auf Kassenerfolge zu rechnen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Regel ist es so, da\u00df ein Theater, das heute mit einer neuen Revue etwa, er\u00f6ffnet, ein paar Tage sp\u00e4ter seine Pforten bereits schlie\u00dfen mu\u00df. Nur wenige Theater k\u00f6nnen sich halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei mu\u00df ich hervorheben, da\u00df die New Yorker Theater sich sehr bem\u00fchen, ein abwechslungsreiches Programm zu bieten, das 97 Prozent aus neuen B\u00fchnenwerken besteht.<\/p>\n\n\n\n<p>In Berlin mu\u00dfte ich jetzt leider die Erfahrung machen, da\u00df es an den dortigen Theatern umgekehrt ist: man f\u00fchrt drei Prozent neue St\u00fccke auf und 97 Prozent alte. Das ist meiner Meinung nach ein Fehler.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Filmproduzent mu\u00df sich nat\u00fcrlich bem\u00fchen, m\u00f6glichst Neues zu bringen, um das Interesse des Publikums, das noch die Kinos besucht, wachzuerhalten. Obgleich es doch so ist, da\u00df \u00fcberall das Publikum die Qualit\u00e4t des Films diktiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind bestrebt, gute Filme zu machen. Jedoch die guten und originellen finden nicht immer das Gefallen der Kinobesucher. Und dann richtet sich der Produzent nach dem \u201eGeschmack der Menge\u201c. Und l\u00e4\u00dft die gangbaren Filme herstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem mu\u00df man stetig auf der Suche nach neuen Stoffen f\u00fcr den Film sein. Und eigenartige Stoffe interessieren immer. Es kommt auch auf das Milieu an, in dem der Film spielt. Er soll farbig und symphatisch sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer noch haben die Amerikaner zum Beispiel ein Faible f\u00fcr Wienerisches und Pariserisches Milieu. Oder besser gesagt: f\u00fcr Wiener und Pariser Atmosph\u00e4re. Der amerikanische Kinobesucher f\u00fchlt sie von der Lichtspielb\u00fchne her und erquickt sich an ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr ihn bedeutet wienerische Atmosph\u00e4re Fr\u00f6hlichkeit und pariserische \u201eglamour\u201c das hei\u00dft Glanz. Und Fr\u00f6hlichkeit und Glanz, das sind ja Dinge, nach denen sich die Menschen in dieser traurigen und tr\u00fcben Zeit besonders sehnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist auch wichtig, die Filmdarstellerschaft zeitweise zu erneuern, das Ensemble um den Star zu variieren. Als eine neue Darstellerin in meinen Filmen habe ich Miriam Hopkins, als neuentdeckten Bonviant Herbert Marshall herangezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den amerikanischen Filmateliers wird \u00fcbrigens trotz der Wirtschaftskrise sehr eifrig und viel gearbeitet. In allen Studios ist Gro\u00dfbetrieb. Man sorgt auch daf\u00fcr, da\u00df die Qualit\u00e4t der Quantit\u00e4t die Waage h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Man ist auch willens, dem Tonfilm eine m\u00f6glichst internationale Note zu verleihen, ihn allgemein verst\u00e4ndlich zu gestalten, so da\u00df es nicht n\u00f6tig wird, einen amerikanischen Film in deutsch gesprochenem Dialog unterlegen zu lassen, was immer eine Verf\u00e4lschung der Leistungen der Originaldarsteller, aber auch der Arbeit des Regisseurs bedeutet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tonfilmtechnik ist so ausgezeichnet und so vollendet, da\u00df mit allerlei besonderen Nuancen gearbeitet werden kann, auch was die Photographie des Tones und Tonfalles der Sprachgebung der Schauspieler betrifft. Jede k\u00fcnstliche Sprechunterlage sch\u00e4digt da die urspr\u00fcngliche Wirkung.<\/p>\n\n\n\n<p>Was die Technik des Films in allgemeinen belangt, so glaubt man in Amerika, da\u00df sich der Tonfilm in seiner jetzigen Form noch ein paar Jahre erhalten wird. Die Versuche mit dem Fernsehkino scheinen noch nicht so weit zu sein, da\u00df man in absehbarer Zeit von einer allgemeinen Einf\u00fchrung des Fernsehkinos also von einer Umw\u00e4lzung auf dem Gebiet der Darbietung t\u00f6nender, lebender Bilder sprechen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Soweit ich derzeit in Europa herumkomme, kann ich selbstredend \u00fcberall erkennen, wie schwierig auch hier die wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnisse geworden sind. Aber sie erscheinen mir keineswegs schlechter als in Amerika. Ich finde sogar, da\u00df der Kino- und Theaterbesuch verh\u00e4tnism\u00e4\u00dfig besser ist als dr\u00fcben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sollte in New Yorck demn\u00e4chst eine Theaterinszenierung besorgen. Jedoch ich nehme vorl\u00e4ufig davon Abstand und will abwarten, bis die Zeiten g\u00fcnstigere Aussichten f\u00fcr ein derartiges Unternehmen bieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Somit bleibe ich zun\u00e4chst beim Film und setze den neuen Chevalier-Film und bald darauffolgend einen zweiten Film in Szene. Inzwischen wird wieder ein Herbst angebrochen sein, der f\u00fcr das Wirtschaftsleben der Welt vielleicht eine Wendung zum Vorteilhafteren bringen wird, was wir doch alle innigst w\u00fcnschen und ersehnen!<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann wird man auch mit mehr Sicherheit Pl\u00e4ne entwerfen und zur Ausf\u00fchrung bringen k\u00f6nnen, als heute!<\/p>\n\n\n\n<p>Ernst Lubitsch<\/p>\n\n\n\n<p>(abgeschrieben aus: \u00bbMein Film\u00ab, Wien, Nr. 364, Im Januar beginnt es mit der Numme 314, vermutlich erschien \u00bbMein Film\u00ab einmal in der Woche).<\/p>\n\n\n\n<p>Anmerkungen: Der erw\u00e4hnte Film \u201eTrouble in Paradise\u201c kam in \u00d6sterreich und in Deutschland nicht ins Kino. In Deutschland wurde der Film mit dem deutschen Titel \u00bbS\u00fcnde im Paradies\u00ab, von der Firma Paramount-Film produziert, am 3. M\u00e4rz 1933 mit einer fadenscheinigen Begr\u00fcndung verboten. Die Paramount AG Berlin legte Widerspruch ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00bbFilm Oberpr\u00fcfstelle\u00ab in Berlin, bestehend aus: Ministerialrat Dr. Seeger, und den Beisitzern: Emil Lind, Paul Oskar H\u00f6cker, Clara Bohm-Schuch (M.d.R) und Wilhelm Fecht \u00bbbegutachtet\u00ab den Film erneut und weist die Beschwerde der Firma Paramount-Film AG Berlin zur\u00fcck. Paul Reno ist als Vertreter der Firma Paramount anwesend. Der Film bleibt in Deutschland verboten. Erst 36 Jahre sp\u00e4ter, am 4. M\u00e4rz 1969, erlebt er eine Fernsehpremiere.<\/p>\n\n\n\n<p>filmportal beschreibt den Film so:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201c<em>Die gerissenen Gauner Gaston und Lily lernen sich in Venedig auf ungew\u00f6hnliche Weise kennen: N\u00e4mlich bei dem Versuch, sich gegenseitig \u00fcber den Tisch zu ziehen. Aber stattdessen verlieben die beiden sich ineinander und machen k\u00fcnftig als hochstapelndes Betr\u00fcgerp\u00e4rchen gemeinsame Sache. In Paris suchen sie die N\u00e4he der reichen Witwe Mariette Colet und stehlen ihr eine wertvolle Handtasche \u2013 nur um sie ihr wenig sp\u00e4ter gegen einen betr\u00e4chtlichen Finderlohn zur\u00fcckzubringen. Mariette zeigt sich von dem &#8222;ehrlichen Finder&#8220; Gaston so entz\u00fcckt, dass sie ihm sogar eine Stelle als Privatsekret\u00e4r gibt. Durch diese Position kann er auch Lily als Mitarbeiterin einstellen. Neues Ziel der beiden ist Mariettes Safe, in dem sie 100.000 Francs aufbewahrt. Allerdings verliebt Gaston sich \u00fcberraschend in die sch\u00f6ne Mariette und z\u00f6gert deshalb den Diebstahl immer wieder hinaus. W\u00e4hrend Lily zusehends eifers\u00fcchtig reagiert, droht die Maskerade des Diebesduos aufzufliegen\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Aerger-im-Paradies.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Aerger-im-Paradies.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-18975\" width=\"614\" height=\"468\" srcset=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Aerger-im-Paradies.jpg 544w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Aerger-im-Paradies-300x229.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><\/a><figcaption>von links nach rechts: Miriam Hopkins, Herbert Marshall, Kay Francis<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abschrift: Man hat zu wenig Geld f\u00fcrs Kino! von Ernst Lubitsch (aus \u00bbMein Film\u00ab, Wien, Nr. 364 Seite3-4) 1932 PDF Lubitsch Artikel 364 Am Freitag morgens ist Ernst Lubitsch, der ber\u00fchmte Filmregisseur, in Wien eingetroffen. 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