{"id":18999,"date":"2022-08-15T07:44:09","date_gmt":"2022-08-15T07:44:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=18999"},"modified":"2022-08-15T18:50:08","modified_gmt":"2022-08-15T18:50:08","slug":"apropos-zensur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=18999","title":{"rendered":"Apropos Zensur (von Fritz Lang)"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Die Freiheit der Leinwand<\/strong><\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/PDF-Fritz-Lang-ueber-Zensur.pdf\">PDF Fritz Lang \u00fcber Zensur<\/a><\/p>\n\n\n<p>Diese erstaunlich aktuellen Bemerkungen zur Filmzensur in Amerika ver\u00f6ffentlichte Fritz Lang, der morgen 100 Jahre alt geworden w\u00e4re, im Dezember 1947 \u2009\u2009von Fritz Lang<\/p>\n\n\n\n<p>(Wieder ver\u00f6ffentlicht in der Taz am 04.12.1990)<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cVor etwa zwanzig Jahren machte ich einen Film. Er hie\u00df <em>Frau im Mond<\/em> und sollte den Flug einer gro\u00dfen Rakete durch den Weltraum, ihre Landung auf dem Mond und die anschlie\u00dfenden Abenteuer der Mannschaft bei der ersten Erkundung der Mondoberfl\u00e4che zeigen. Es war ein Film \u00fcber die K\u00fchnheit des Menschen im Angesicht des Unbekannten. Er wurde von den Nazis aus dem Verkehr gezogen, und die Gestapo konfiszierte die Modelle meines Raumschiffs.<\/p>\n\n\n\n<p>Willi Ley, einer meiner technischen Berater, fl\u00fcchtete aus Deutschland, um in den Vereinigten Staaten Raketenexperte zu werden; Professor Oberth hingegen blieb und benutzte die Entw\u00fcrfe bei der Entwicklung der teuflischen V2 &#8211; Bomben. Nicht immer sind die Folgen der Zensur so spektakul\u00e4r.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube nicht an Zensur. Es gibt Zeiten, zum Beispiel w\u00e4hrend eines Krieges, in denen sie geboten scheint, aber bestenfalls ist sie ein notwendiges \u00dcbel. Versuche einer Mehrheit oder einer Minderheit, der Masse des Volkes ein Denkmuster aufzuzwingen, f\u00fchren nur zu allgemeiner Unwissenheit, Mi\u00dfverst\u00e4ndnissen und einem Desaster f\u00fcr alle, sowohl f\u00fcr die M\u00f6chtegernlehrer als auch die falsch belehrte \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Freie Diskussion, die Hitze der Auseinandersetzung und die weite Verbreitung von Informationen sind das Lebenselixier einer Demokratie. Wir m\u00fcssen stets auf der Hut sein, diese Freiheiten und Privilegien nicht in fremde H\u00e4nde zu geben. Keine Gruppe kann das Denken f\u00fcr uns erledigen. Um mit Lord Acton zu sprechen: Macht korrumpiert, und totale Macht korrumpiert total.<\/p>\n\n\n\n<p>Es scheint selbstverst\u00e4ndlich, m\u00fcndigen und gebildeten B\u00fcrgern die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Vielfalt von Erfahrungen und Meinungen zu gew\u00e4hren. Nur durch die Darstellung neuer Ideen kann unsere Zivilisation sich weiterentwickeln. Doch es liegt in der Natur der Sache, da\u00df die Zensur das Unbekannte ablehnt. Zensoren gehen auf Nummer sicher. Im Namen von Gesetz und Ordnung und Moral weisen sie neuer diee Ideen als subversiv zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir alle haben, in unterschiedlichem Ausma\u00df, eine bestimmte Antipathie gegen\u00fcber Ver\u00e4nderungen, die dem tiefsten aller Instinkte entspringt: dem Selbsterhaltungstrieb. Das trifft besonders auf \u00e4ltere Menschen &#8211; sowohl konservative als auch liberale &#8211; zu. Ihre Ansichten, zu denen sie in fr\u00fcheren Jahren gekommen sind, als sie f\u00fcr Eindr\u00fccke besonders empf\u00e4nglich waren, verh\u00e4rten sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie sagte Michael Blankfort in einem seiner Romane: \u201eReform ist der Traum der Jugend und der Alptraum des Alters.\u201c Der Weg wahrer Sicherheit und echten Fortschritts liegt weder im blinden Annehmen noch in der uneingeschr\u00e4nkten Ablehnung neuer Ideen; diese m\u00fcssen genau gepr\u00fcft, auf die Probe gestellt und, wenn sie es wert sind, \u00fcbernommen werden. Die Zensoren w\u00fcrden uns das Recht verweigern, das Neue zu erforschen. Zensur &#8211; sei es nun von B\u00fcchern, Theaterst\u00fccken oder Filmen &#8211; ist niemals ein wirkungsvolles Mittel im Kampf gegen soziale Mi\u00dfst\u00e4nde, es sei denn im negativen Sinne.<\/p>\n\n\n\n<p>In begrenztem Ma\u00dfe und f\u00fcr eine kurze Zeit verhindert sie vielleicht die Verbreitung von Ideen oder Pl\u00e4nen, die zu gef\u00e4hrlichen Reaktionen unter den Unm\u00fcndigen, Ungebildeten oder Verantwortungslosen f\u00fchren k\u00f6nnten. Doch die Menschen begegnen solchen Ideen nicht allein in Literatur, Theater und Film; sie sind ihnen im t\u00e4glichen Leben st\u00e4ndig ausgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man behauptet, da\u00df solche Gedanken nicht existieren, und der Kunst die ehrliche Auseinandersetzung damit verwehrt, behandelt man die Zuschauer wie Kinder. Aber vielleicht ist das die Idee, die hinter der steht: das Publikum in einem Zustand der Unreife zu halten, damit es leichter zu beeinflussen und zu beeindrucken ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Zensur hat noch kein gesellschaftliches \u00dcbel behoben. Verbrechen sind verboten (zensiert!), aber sie verschwinden nicht aus dem Leben unserer Nation. Auch Krankheit oder Armut lassen sich nicht dadurch abschaffen, da\u00df man wegschaut. Solche \u00dcbel sind zur\u00fcckzuf\u00fchren auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedingungen; die Vorstellung, da\u00df Menschen arm sind, weil sie faul sind, oder da\u00df sie einfach aufgrund von Charakterschw\u00e4chen kriminell werden, ist so \u00fcberholt wie die Lehre von der Erbs\u00fcnde, der sie entstammt.<\/p>\n\n\n\n<p>Kriminalit\u00e4t l\u00e4\u00dft sich nicht bek\u00e4mpfen, indem man sie verschweigt; vielmehr mu\u00df man ihre Ursachen erforschen und, wenn sie offengelegt sind, beseitigen. Das ist seit Urzeiten die Funktion des Theaters, das von den Konflikten zwischen Charakteren sowie zwischen Charakter und Umwelt lebt. Theater ist nur dann \u00fcberzeugend, wenn die Motive des Handelns wirklich begriffen und gezeigt werden. Suchen wir also nach Motiven, und wenn wir ihnen nachgehen, werden wir die dringenden Probleme unserer Zeit und unserer Gesellschaft erhellen k\u00f6nnen. Hat der Filmproduzent mehr statt weniger Freiheit, wird er in der Lage sein, die Ursachen der Kriminalit\u00e4t zu beleuchten und den Weg f\u00fcr Reform und Fortschritt zu ebnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Angeblich mit der Absicht, das Publikum vor Obsz\u00f6nit\u00e4ten zu bewahren, erschweren Zensoren h\u00e4ufig die offene Auseinandersetzung mit Sexualit\u00e4t; allzu oft besteht ihr Erfolg blo\u00df darin, Sex l\u00e4cherlich zu machen, indem sie ihn auf eine schmusige Angelegenheit zwischen Erwachsenen reduzieren. Zur Zeit werden die Kinder in der Schule offener und direkter mit sexuellen Themen konfrontiert als erwachsene Kinozuschauer.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Klassenzimmer hat man erkannt, da\u00df Sexualit\u00e4t mehr ist als eine Anz\u00fcglichkeit; sie ist ein essentieller Bestandteil des gesunden Lebens einer Nation. Wie immer liegt die Gefahr nicht darin, die Wahrheit zu sagen, sondern Halbwahrheiten zu verbreiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal wird gesagt, Filme &#8211; als eine Form der Unterhaltung &#8211; sollten ernsthaftere Themen meiden. Wie Hollywood jedoch aussah, als das geschah, beschrieb der Kritiker Otis Ferguson folgenderma\u00dfen: \u201cWitzemacher eilten herbei und bombardierten das Publikum mit Wortspielen und Situationskom\u00f6dien, die nicht mehr waren als der clevere Abklatsch des ged\u00e4mpften Lachens im Variet\u00e9.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Echte, entspannende Unterhaltung kann niemals in einem Vakuum gedeihen; die Kunst Dostojewskis, Zolas, Dickens\u2018, Shaws und Hunderter anderer beweist das genaue Gegenteil. Filme m\u00fcssen ihre Kraft aus dem Leben ziehen, denn nur als Abbild der sich st\u00e4ndig verschiebenden gesellschaftlichen Strukturen und Konflikte bleiben sie interessant, stimulierend und k\u00f6nnen, durch die Darstellung sozialer Probleme, L\u00f6sungen andeuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Anh\u00e4nger der Zensur sind der Ansicht, die Masse des Volkes sei unm\u00fcndig. Sie meinen, da\u00df die Menschen aufgrund mangelnder Bildung in Bereichen wie Politik, Gesellschaft oder Sexualit\u00e4t nicht in der Lage sind, sich dem sch\u00e4dlichen Einflu\u00df von B\u00fcchern, Theaterst\u00fccken etc. zu entziehen, die mit politischen oder einfach pornographischen und kommerziellen Hintergedanken geschrieben wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist pure Heuchelei zu behaupten, da\u00df die Allgemeinheit unreifer sei als jene, von denen sie regiert wird &#8211; insbesondere diejenigen, die ohne jedes \u00f6ffentliche Mandat ihren Weg in die Zensurbeh\u00f6rden finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die von einer Minderheit diktierte Zensur von Ideen ist etwas ganz anderes als die von der Mehrheit des Volkes getragenen Gesetze gegen Obsz\u00f6nit\u00e4t; und es mu\u00df betont werden, da\u00df Unsittlichkeit und Pornographie im Film denselben gesetzlichen Verboten unterliegen wie Cartoons, B\u00fccher, B\u00fchnenshows und Zeitschriften.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo der Geschmack oder die Moral verletzt werden, hat die Polizei die Macht einzuschreiten, und das Publikum wird von den Gerichten ausreichend gesch\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt eine Gruppe in der Gesellschaft, die f\u00fcr die Einfl\u00fcsse von Kinofilmen besonders empf\u00e4nglich ist, n\u00e4mlich die Kinder und Jugendlichen, deren Status eine genauere Betrachtung erfordert.<\/p>\n\n\n\n<p>Kinder sind sehr phantasievoll, offen f\u00fcr neue Ideen und haben wenig R\u00fcstzeug, um die tiefere Bedeutung des Gesehenen zu verstehen. Darum brechen die Zensoren nur allzu gerne eine Lanze f\u00fcr sie; mit billigen Phrasen wie \u201eGift f\u00fcr die Gedanken der Jugend\u201c verunklaren sie die ganze Angelegenheit. Untersuchungen von Psychologen und Sozialarbeitern haben gezeigt, da\u00df die Bef\u00fcrworter der Zensur die m\u00f6glichen Gefahren f\u00fcr Kinder bei gew\u00f6hnlichen Filmvorf\u00fchrungen \u00fcberbewerten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie belegen, da\u00df Kinder im Kino vor allem das aufnehmen, was ihnen aus ihrer Umgebung bereits bekannt ist. Die Studien zeigen auch, da\u00df der gef\u00e4hrlichste Effekt von Filmen mit den Aspekten der gegenw\u00e4rtigen Zensur gar nichts zu tun hat. Das Gef\u00e4hrlichste an ihnen ist vielmehr die Schaffung einer Traumwelt, in der es Belohnungen ohne die entsprechenden Anstrengungen gibt und angesichts derer die Kinder den wirklichen Lebenskampf nicht begreifen lernen. Sexuelle Anspielungen sind f\u00fcr sie eher langweilig als aufregend, erst f\u00fcr Jugendliche wird die sexer dieuelle Komponente wichtig.<\/p>\n\n\n\n<p>In einigen L\u00e4ndern, wie zum Beispiel in England, l\u00f6st man das Problem, indem man Filme als f\u00fcr Kinder geeignet oder ungeeignet kategorisiert. Gegen ein solches Schema spricht der unterschiedliche Reifegrad von Kindern desselben Alters, so da\u00df die Festlegung eines bestimmten Alters, etwa von 16 Jahren, h\u00f6chst willk\u00fcrlich erscheint. Kontrolle durch die Eltern, auch eine Art Zensur, erfordert eine ausreichende Betreuung der Familien. Die Crux der Sache liegt darin, das Bildungs- und soziale Niveau so zu heben, da\u00df die Kinder in einem aufgekl\u00e4rten Zuhause aufwachsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kann nur katastrophal ausgehen, wenn wir wirklich eine Generation heranziehen, die mit den Realit\u00e4ten des Lebens nicht vertraut ist; die, irregef\u00fchrt von verlogenen Heile-Welt-Filmen und -B\u00fcchern, glaubt, da\u00df die Welt ein Rosengarten sei, in dem alle Menschen entweder gut und vertrauensw\u00fcrdig sind oder andernfalls ein b\u00f6ses Ende nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wort \u201cZensor\u201c stammt von den R\u00f6mern, aber Zensur gab es schon in vorr\u00f6mischen Zeiten. Sokrates wurde ihr Opfer, bevor der R\u00f6mische Senat zwei Zensoren ernannte, die \u00fcber Sitten und Moral des Volkes zu wachen und Verst\u00f6\u00dfe zu ahnden hatten. Damals war kein Einspruch m\u00f6glich; die Zensoren hatten absolute Macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein altes lateinisches Sprichwort mag uns heute als Warnung dienen: \u201eQuis custodiet ipsos custodes?\u201c &#8211; Wer soll \u00fcber diejenigen wachen, die uns \u00fcberwachen? Die Antwort mu\u00df lauten, da\u00df wir als die sp\u00e4tere Generation \u00fcber sie wachen. Wir sahen, wie sie Milton knebelten; wir sahen, wie sie Kopernikus denunzierten und Galilei einsperrten; wir sahen, wie all die Eiferer von Savonarola bis Hitler Verunstaltungen und Verst\u00fcmmelungen vornahmen und Freudenfeuer aus B\u00fcchern entfachten. Den Qualm dieser Feuer haben wir immer noch in der Nase.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube nicht an Zensur. Die gesamte Geschichte spricht gegen sie, jeder gesunde Menschenverstand straft sie L\u00fcgen. Als Amerikaner und aktiver Filmschaffender habe ich ein besonderes pers\u00f6nliches Interesse an der Entwicklung der Filmzensur in den Vereinigten Staaten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgehend vom unvollkommenen Zustand der Welt, w\u00e4re es unsinnig zu behaupten, da\u00df unsere Zuschauer alle gleicherma\u00dfen vern\u00fcnftig oder gebildet sind oder da\u00df Filmemacher immer kreative K\u00fcnstler w\u00e4ren. Nach dem Krieg von 1914 entstand &#8211; vielleicht durch die kurzsichtigen Aktivit\u00e4ten von Hollywoods \u00d6ffentlichkeitsarbeitern &#8211; der Eindruck, da\u00df das Leben dort eine einzige ununterbrochene trunkene Orgie sei und da\u00df sich Hollywoods Lebensstil in seinen Filmen wiederspiegele.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Sturm des Protestes ging durch das Land. Ausgel\u00f6st wurde er durch unz\u00e4hlige Beschwerden, Verbote und Resolutionen von Frauenvereinigungen, Jugendbewegungen, kirchlichen Organisationen, Veteranenverb\u00e4nden und dem Senat der Vereinigten Staaten.<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts des spektakul\u00e4ren R\u00fcckgangs der Einnahmen und der Aussicht auf eine einengende staatliche Zensur schlossen sich die f\u00fchrenden Gr\u00f6\u00dfen der Filmindustrie zusammen und engagierten Will H. Hays als Verantwortlichen f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Im Rahmen seines Reformprogramms entwickelte er den \u201eProduction Code\u201c, eine Form der Selbstzensur, die &#8211; mehrfach \u00fcberarbeitet &#8211; das Gesch\u00e4ft bis heute bestimmt; daraufhin konnten die verschiedenen Vereinigungen und Insitutionen dazu bewegt werden, ihre Forderungen nach \u00f6ffentlicher Zensur fallenzulassen. Die Krise konnte gerade noch verhindert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen hat der Konflikt sich gelegt. Offensichtlich kommt es zu solch \u00f6ffentlicher Emp\u00f6rung nicht immer nur dann, wenn der gemeine B\u00fcrger Ansto\u00df nimmt. Genausogut k\u00f6nnen die Proteste einer lautstarken, engstirnigen Minderheit am Anfang stehen &#8211; \u00c4u\u00dferungen derjenigen, die nur allzu bereit sind, die Zensurbeh\u00f6rden zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6glicherweise ist die selbstauferlegte Disziplin der Filmindustrie derzeit notwendig, um den komplexen Anspr\u00fcchen der Gesellschaft gerecht zu werden, aber selbst eine solche Regelung sollte flexibel bleiben, da Auffassungsgabe und Geschmack des Publikums sich immer wieder \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dementsprechend sollte die Johnston-Breen-Beh\u00f6rde, die Nachfolgeorganisation der alten Hays-Beh\u00f6rde, dazu gebracht werden, auf die derzeitige Filmzensur &#8211; die nicht so bezeichnet wird, aber dieselben Auswirkungen hat &#8211; zu verzichten: Im Moment werden Filme ohne Zertifikat in Theatern, die sich dem Code verpflichtet haben, nicht vorgef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die Zensur aufgehoben ist, kann die Beh\u00f6rde die Produzenten weiterhin auf die zu erwartenden Reaktionen des nationalen und internationalen Publikums aufmerksam machen und den Filmemachern die Entscheidung \u00fcber ihre Inhalte selbst \u00fcberlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Abgesehen vom Production Code gibt es keine Rechtfertigung f\u00fcr zwangsweise und rigide Zensur, wie sie heutzutage von bestimmten staatlichen und lokalen Institutionen praktiziert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine derartige Zensur \u00fcberschreitet die juristischen Zust\u00e4ndigkeiten dieser Beh\u00f6rden, denn in ihrem nat\u00fcrlichen Bestreben, ein m\u00f6glichst gro\u00dfes Publikum zu erreichen, ber\u00fccksichtigen die Produktionsfirmen bei der Planung ihrer Projekte bereits die Tendenzen der Zensoren. Das Verbot eines Films zum Beispiel im Staat New York hat ernsthafte finanzielle Verluste zur Folge. Mein Film <em>Scarlet Street<\/em> war urspr\u00fcnglich im Staat New York, in Milwaukee und Memphis verboten, und in allen F\u00e4llen wurde das Verbot erst nach Verhandlungen aufgehoben, obwohl der Film sonst \u00fcberall zu sehen war.<\/p>\n\n\n\n<p>In Amerika gibt es heute um die 56 Millionen Kinobesucher, und was sie sehen oder nicht sehen, h\u00e4ngt von den Launen und Vorurteilen der sieben staatlichen Zensurbeh\u00f6rden in Kansas, Maryland, Massachussetts, New York, Ohio, Pennsylvania und Virginia sowie von etwa 74 Zensoren in gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten ab. Die politischen Kr\u00e4fte des S\u00fcdens beispielsweise haben, indem sie auf einer eingeschr\u00e4nkten filmischen Darstellung von Schwarzen in ihren Staaten bestanden, dem gesamten Land dieses Schwarzen-Image aufgedr\u00e4ngt. Inzwischen sind wir soweit, da\u00df die Produktionsgesellschaften &#8211; wegen des Drucks von S\u00fcdstaatenpolitikern einerseits und der Kritik an der unangemessenen Darstellung andererseits &#8211; Schwarze bewu\u00dft aus ihren Filmen ausklammern.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie k\u00f6nnen es sich nicht leisten, unterschiedliche Versionen f\u00fcr die verschiedenen Bev\u00f6lkerungsgruppen herauszubringen. Zensur ist ein unberechtigter Eingriff in die b\u00fcrgerlichen Freiheiten einer gro\u00dfen Nation.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Volk, das sich durch jahrelange Bem\u00fchungen und Widerstand gegen\u00fcber gro\u00dfen und kleinen Demagogen das Recht erk\u00e4mpft hat, sein eigenes Schicksal zu bestimmen, wird behandelt wie ein Haufen von Minderj\u00e4hrigen oder staatlichen M\u00fcndeln, die gesch\u00fctzt, gelenkt und get\u00e4uscht werden m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund welcher Verordnung kann denen, die Europa wegen politischer oder religi\u00f6ser Verfolgung verlie\u00dfen, oder denen, die sich vor zweihundert Jahren gegen die englische Herrschaft zur Wehr setzten, nun vorgeschrieben werden, was sie denken d\u00fcrfen und was nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Zeitalter, in dem alles vorfabriziert wird, kann kein Volk &#8211; am wenigsten das amerikanische &#8211; es sich leisten, sich die ehrliche Meinung abgepackt, gepr\u00fcft, f\u00fcr gut befunden und versiegelt servieren zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kino behindern solche verkehrten Bestrebungen nur die einzig legitime Zensur: die durch das Publikum. Wie jeder Produzent wei\u00df, sch\u00f6pfen die Zuschauer ihre M\u00f6glichkeiten zur Zensur vollst\u00e4ndig aus: Ihre Reaktionen werden an den Kinokassen registriert.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Amerikanischen von Annette Schlichter<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Text ist zuerst im Dezember 1947 in der amerikanischen Zeitschrift \u201aTheatre Arts\u2018 erschienen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Modell-Metropolis.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Modell-Metropolis.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-19055\" width=\"298\" height=\"147\"\/><\/a><figcaption>&#8222;Metropolis&#8220;\nStadt mit Turm\nEntwurf: Erich Kettelhut\nGouache: 30&#215;39 cm<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Fritz-Lang-bei-den-Dreharbeiten.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Fritz-Lang-bei-den-Dreharbeiten.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-19056\" width=\"225\" height=\"175\"\/><\/a><figcaption>Fritz Lang bei den Dreharbeiten Frau im Mond <\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Freiheit der Leinwand PDF Fritz Lang \u00fcber Zensur Diese erstaunlich aktuellen Bemerkungen zur Filmzensur in Amerika ver\u00f6ffentlichte Fritz Lang, der morgen 100 Jahre alt geworden w\u00e4re, im Dezember 1947 \u2009\u2009von Fritz Lang (Wieder ver\u00f6ffentlicht in der Taz am 04.12.1990) \u201cVor etwa zwanzig Jahren machte ich einen Film. Er hie\u00df Frau im Mond und sollte &hellip; <a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=18999\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eApropos Zensur (von Fritz Lang)\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1988,4679,5875,2449,2455,5665,5750,2359,1607,2680,4220,1606,6275,6278,199,452,756,2948,650,298,8,7772,6,10,7773,2321,7703,45,4304,1687,1,2378,4206,7253,6170,7422],"tags":[7771,7798,7758,5737,7763,486,7770,7769,7762,764,7761,7764,7801,7767,7760,7795,7768,196,7803,7794,7800,7797,7799,7766,7757,7765,7796,7756],"class_list":["post-18999","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-1988","category-4679","category-5875","category-2449","category-2455","category-5665","category-5750","category-2359","category-1607","category-2680","category-4220","category-1606","category-35-mm-film","category-35-mm-projektoren","category-berlin","category-berlinale","category-beverly-hills","category-deutsche","category-deutsche-filme","category-deutscher-film","category-filmkritik","category-fritz-lang","category-im-kino","category-kinogeschichte","category-metropolis","category-metropolis-kino","category-nazis","category-nsdap","category-taz","category-ufa-2","category-uncategorized","category-universal-film-studios","category-verboten","category-zensur","category-zweispaeltiges-hollywood","category-zwiespaeltiges-hollywood","tag-breen","tag-filmzensur","tag-frau-im-mond","tag-fritz-lang","tag-fsk","tag-gestapo","tag-johnstone","tag-johnstone-breen-behoerde","tag-michael-blankfort","tag-nazis","tag-oberth","tag-otis-ferguson","tag-pennsylvania","tag-production-code","tag-professor-hermann-oberth","tag-roemer","tag-selbstzensur","tag-taz","tag-theatre-arts","tag-v-2","tag-virginia","tag-wer-soll-ueber-diejenigen-wachen-die-uns-ueberwachen","tag-will-h-hays","tag-will-hays","tag-willi-ley","tag-zensor","tag-zensoren","tag-zensur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18999","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18999"}],"version-history":[{"count":24,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18999\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":19064,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18999\/revisions\/19064"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18999"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18999"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18999"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}