{"id":19135,"date":"2022-08-18T22:32:33","date_gmt":"2022-08-18T22:32:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=19135"},"modified":"2022-08-19T08:58:32","modified_gmt":"2022-08-19T08:58:32","slug":"konjunktur-und-krisen-der-neuen-lustbarkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=19135","title":{"rendered":"Konjunktur und Krisen der neuen  \u00bbLustbarkeit\u00ab"},"content":{"rendered":"\n<p>Leider befindet sich auf der Internet Seite der TAZ nur die \u00dcberschrift des Artikels, nicht aber der Text, den Renate Kemper damals (am 30. 04. 1992) auf Seite 25 der TAZ Hamburg ver\u00f6ffentlicht hatte. Dem, so hatte ich gedacht, m\u00fc\u00dfte doch mal abgeholfen werden und habe den Artikel von der Papier Ausgabe dieser Zeitung abgeschrieben. (Ohne irgend wen zu fragen. Worauf ich aber auch nicht stolz bin.) Die \u00dcberschrift lautete:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Konjunktur und Krisen der neuen \u00bbLustbarkeit\u00ab<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Untertitel stand:<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem H\u00f6hepunkt seines Kinobooms in den 20er und 30er Jahren besa\u00df Hamburg zwar keinerlei Filmindustrie daf\u00fcr aber 72 Lichtspielh\u00e4user \/ Der damals erfolgreichste Hamburger Kinounternehmer, James Henschel, wurde von den Nazis enteignet.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Jahren pr\u00e4sentiert sich Hamburg gerne als gl\u00e4nzender Medien- und Filmstandort. Das war nicht immer so. Im Jahre 1929 beklagte der Hamburger Regisseur Carl Heinz Boese in einem offenen Brief, da\u00df Hamburgs Filmwirtschaft nicht mehr sei als ein \u201eProvinzgesch\u00e4ft\u201c. Was die Filmindustrie betraf war diese Bemerkung mehr als untertrieben: In der Hansestadt existierte nur eine einzige Produktionsst\u00e4tte. Mangels ausreichender Auftr\u00e4ge mu\u00dften die <em>Vera <\/em>&#8211; Filmwerke an der Alsterkrugchaussee zudem 1930 Konkurs anmelden.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Kinostadt konnte sich Hamburg jedoch sehen lassen. Auf dem H\u00f6hepunkt ihres Kinobooms z\u00e4hlte die Hansestadt 72 Kinos, die damals preu\u00dfischen Nachbarbezirke Wandsbek und Altona nicht mitgerechnet. Neben den kleinen Vorstadtkinos pr\u00e4gten vor allem luxeri\u00f6s ausgestattete Lichspielh\u00e4user in den Vergn\u00fcgungsvierteln St. Georg und St. Pauli die Kinowelt. Aber auch die Arbeiterquartiere Barmbek (7 Kinos), Neustadt (6 Kinos) und Eimsb\u00fcttel (5 Kinos) wiesen eine hohe Kinodichte auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Das attraktive Lichtspielgewerbe war in Hamburg zwischen vier Unternehmen aufgeteilt. Dem s\u00fcddeutschen Konzern <em>Emelka <\/em>geh\u00f6rten vier gr\u00f6\u00dfere Filmtheater, darunter das \u00e4lteste Hamburger Kino, <em>Knopfs Lichtspielhaus<\/em> am Spielbudenplatz. Die Hirschel-Gruppe betrieb vier Lichtspiele und die <em>UFA<\/em> als reichsdeutsches Filmflagschiff des rechtskonservativen Medienzars Alfred Hugenberg besa\u00df hier sechs gro\u00dfe Filmpal\u00e4ste.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem am 22. Dezember 1929 er\u00f6ffneten <em>Ufa-Palast<\/em>, Ecke Dammtorstra\u00dfe\/Valentinskamp, erregte der Konzern erhebliches Aufsehen. Das 2667 Pl\u00e4tze Kino integrierte sich in den modernen Geb\u00e4udekomplex des \u201eDeutschlandhauses\u201c zu dem Tanzcafes und B\u00fcros geh\u00f6rten. Die Lokalpresse bejubelte den Bau als \u201egr\u00f6\u00dftes Filmtheater des europ\u00e4ischen Kontinents\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Da\u00df hinter dem glanzvollen Projekt auch ein sozialpolitisch kalkuliertes Sanierungskonzept steckte, offenbarte Oberbaudirektor Gustav Leo bei der Er\u00f6ffnung. Mit dem Kino, so Leo, sei \u201edas R\u00fcckgrat f\u00fcr die Gestaltung eines neuen, an breiten Stra\u00dfen hochragenden Gesch\u00e4ftsgebietes anstelle des hygienisch, baulich und sozial bedenklichen G\u00e4ngeviertel geschaffen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Als f\u00fchrendes Hamburger Kinounternehmen etablierte sich schlie\u00dflich der Henschel-Konzern mit sieben modernen <em>Schauburgen.<\/em> Betreiber waren Hermann Urich-Sa\u00df und Hugo Streit, Schwiegers\u00f6hne des Hamburger Kinopioniers James Henschel. Nachdem Henschel sich 1918 aus dem Gesch\u00e4ft zur\u00fcckgezogen und seinen Kinopark an die UFA verkauft hatte, etablierten seine Schwiegers\u00f6hne Mitte der zwanziger Jahre durch die \u00dcbernahme \u00e4lterer und den Bau moderner Theater ihre eigene Kinokette. In den <em>Schauburgen<\/em> fanden jeden Monat Filmveranstaltungen der Arbeiterbewegung statt. Neben g\u00e4ngiger Kinokost kamen auch sowjetische Filme wie Eisensteins <em>Panzerkreuzer Potemkin<\/em> ins Programm.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz prosperierender Kinobaut\u00e4tigkeit klagten die Betreiber best\u00e4ndig \u00fcber ihre ruin\u00f6se Finanzlage. Die hohen Abgaben der sogenannten Lustbarkeitssteuer belasteten vor allem in den besucherschwachen Sommermonaten die Kassen. Als von st\u00e4dtischer Seite keine Senkung der Steuer in Aussicht gestellt wurde, griffen die Kinobesitzer zu einem drastischen Mittel: Sie traten 1922 in einen Steuerstreik. F\u00fcnf Wochen blieben in Hamburg alle Kinos geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst nachdem der Senat einer geringen Steuersenkung zugestimmt hatte, \u00f6ffneten sich wieder die Pforten. Gerne hatten sich die Stadtoberen zu diesem Kompromi\u00df nicht hergegeben, stellte die Lustbarkeitssteuer doch eine gue Einnahme f\u00fcr das Staatss\u00e4ckel dar.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Weltwirtschaftskrise und der finanziell aufwendigen Einf\u00fchrung des Tonfilmes stand der Kinowirtschaft Ende der zwanziger Jahre ein erneuter Tiefschlag bevor. Gerade das Arbeiterpublikum, dem das Kino zum Theater des kleinen Mannes geworden war, mu\u00dfte in Zeiten harter Rezession und Arbeitslosigkeit auf jeden Pfennig im Haushaltsbudget achten. Da blieb f\u00fcr den Kinobesuch \u2013 Eintrittspreise von 60 Pfennig bis 1,80 Reichsmark- nichts \u00fcbrig. Die Besucherzahlen sanken rapide.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Umstellung auf den Tonfilm wiederum erforderte f\u00fcr viele Kinos eine kostenaufwendige Installation neuer Klangger\u00e4te \u2013 Investitionen, die sich nur die finanziell stabilen Kinokonzerne leisten konnten, nicht jedoch die kleinen Eckkinos der Vororte. Viele dieser oft in Familienregie betriebenen Kleinkinos mu\u00dften Anfang der drei\u00dfiger Jahre schlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ungeachtet aller Krisen und Konjunkturschwankungen \u00fcberdauerte eine andere Hamburger Filminstitution die Jahrzehnte. Mit dem Ziel, den Film als Kultur- und Bildungsmedium zu nutzen, gr\u00fcndeten hanseatische Honorationen die Kulturfilmgesellschaft <em>Urania<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>In ihrem Kino in der Fehlandtstra\u00dfe zeigte die Vereinigung belehrende Filmstreifen wie <em>Schiller \u2013 eine Dichterjugend<\/em> oder <em>Sumatra, das Land der 1000 Freuden<\/em>. Zeichnete sich Hamburgs Filmf\u00f6rderungspolitik jener Zeit dadurch aus, eben keine zu sein, so galt dies nicht im Falle der Urania. Mit Beharrlichkeit umwarb Urania-Leiter Lichtwarck Vertreter st\u00e4dtischen Beh\u00f6rden, um finanzielle Aufbauspritzen f\u00fcr seinen Kulturverein zu erhalten. Von solchen Subventionen konnte der ebenfalls nichtkommerzielle, aber der KPD nahestehenden Volks-Film-Verband nur tr\u00e4umen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wu\u00dfte sich die Urania schnell anzupassen. Bereits eine Woche nach Bildung des neuen Hamburger Senates kam es auf Einladung Lichtwarcks zu freundschaftlichen Gespr\u00e4chen zwischen der Urania und Senatsvertretern. Ein Jahr sp\u00e4ter kooperierte die Vereinigung bereits mit dem nationalsozialistischen Kampfbund f\u00fcr deutsche Kultur.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute f\u00fchrt die Urania als <em>Kulturelle Film- Vortragsgesellschaft<\/em> ein Schattendasein in Hamburgs Filmlandschaft. Das Kino in der Fehlandtstra\u00dfe brannte Mitte der siebziger Jahre ab.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr andere Filmschaffende in der Hansestadt verlief der politische F\u00fchrungswechsel weniger reibungslos. James Henschel, Kinounternehmer der ersten Stunde wurde 1939 aus Hamburg zwangsausgewiesen, weil er Jude war. Den Schauburg-Ring seiner Schwiegers\u00f6hne Urich-Sa\u00df und Streit hatten bereits 1933 zwei ehemalige Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Konzerns \u00fcbernommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Beide traten wenig sp\u00e4ter in die NSDAP ein, der Name Henschel verschwand aus dem Handelsregister. Nachdem sich die sogenannte \u201eArisierung\u201c j\u00fcdischer Betriebe auch auf das lukrative Kinogewerbe erstreckt hatte, errang der Film in den weiteren Jahren als Propagandainstrument ohnehin nur zweifelhafte Verdienste.<\/p>\n\n\n\n<p>Renate Kemper<\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/RenateKemperTazHH.pdf\">PDF RenateKemperTazHH<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/PDF-Abschrift-Taz-Artikel-von-Renate-Kemper.pdf\">PDF Abschrift Taz Artikel von Renate Kemper<\/a><\/p>\n\n\n<p>Ein Dokumentarfilm \u00fcber die Geschichte des Henschel-Unternehmens l\u00e4uft im 3001: Siehe Kinotips<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kinotips:<\/strong> Auf den Spuren von Hamburgs Kinogeschichte fahndeten Reinhold S\u00f6gtrop und Regisseur Otto Mayer. Vom Henschel-Konzern als einstmals gr\u00f6\u00dftem Kinounternehmen (s. Text oben) ist nach seiner \u201eArisierung\u201c 1933 und dem Krieg nichts \u00fcbrig geblieben. Der Video-Film <strong>Leute, seid vern\u00fcnftig, la\u00dft die Frau duch, denn sie will noch schnell mal in die Schauburg, <\/strong>l\u00e4\u00dft nicht nur das Bild vergangener Glanztage neu entstehen. (3001, 6.5. 21 Uhr)<\/p>\n\n\n\n<p>Renate Kemper<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leider befindet sich auf der Internet Seite der TAZ nur die \u00dcberschrift des Artikels, nicht aber der Text, den Renate Kemper damals (am 30. 04. 1992) auf Seite 25 der TAZ Hamburg ver\u00f6ffentlicht hatte. 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