{"id":23575,"date":"2023-08-05T07:39:15","date_gmt":"2023-08-05T07:39:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=23575"},"modified":"2025-05-08T12:01:31","modified_gmt":"2025-05-08T12:01:31","slug":"apropos-hans-bernd-gisevius-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=23575","title":{"rendered":"Apropos  Hans Bernd Gisevius (II)"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image is-resized\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Gisevius-Nuernberg.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"210\" height=\"156\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Gisevius-Nuernberg.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-23478\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Hans Bernd Gisevius als Zeuge im N\u00fcrnberger Prozess<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n<div class=\"wp-block-image is-resized\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Hans-Bernd-Gisevius.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"270\" height=\"338\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Hans-Bernd-Gisevius.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-23591\" srcset=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Hans-Bernd-Gisevius.jpg 270w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Hans-Bernd-Gisevius-240x300.jpg 240w\" sizes=\"auto, (max-width: 270px) 85vw, 270px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">H.B. Gisevius<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>(Zeichen 4.141)<\/p>\n\n\n\n<p>Apropos Hans Bernd Gisevius (II)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Abschrift Seite 100\/101\/102:<\/strong><\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/PDF-Apropos-Hans-Bernd-Gisevius-II.pdf\">PDF Apropos Hans Bernd Gisevius (II)<\/a><\/p>\n\n\n<p><em>&#8222;Am Brandtage hatten sie <\/em>[Adolf Rall, Heini Gewehr genannt Pistolen Heini und Will<em>i Schmidt genannt Schweinebacke u. a<\/em>.] <em>sich sp\u00e4tnachmittags in Bewegung gesetzt. Erstes Ziel war eine Drogerie im Norden der Stadt. Der Drogist war ein alter Parteigenosse, ein hingebungsvoller SA-Mann, das sagt in diesem Falle alles.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><\/em><em>Zugleich verstand er sich auf sein Gesch\u00e4ft, auf das technische wie auf das kassenm\u00e4\u00dfige. Diesen Abend war auch er <\/em><em>\u00ab<\/em><em>ganz gro\u00df<\/em><em>\u00bb<\/em><em>. Hinwiederum war die Mixtur, die sie abholten, gar nicht so viel, wie sie sich ausgemalt hatten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><\/em><em>F\u00fcr jeden gab es von <\/em><em>dieser kostbaren Fl\u00fcssigkeit nicht mehr als ein w\u00fcrfelf\u00f6rmiges Gef\u00e4\u00df, das sie gut in gro\u00dfen Rucks\u00e4cken, wie sie zum Tragen von Zeitungen gebraucht wurden, verstauen konnten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><\/em><em>Sie staunten ein wenig, da\u00df das gen\u00fcgen sollte, aber der Drogist mu\u00dfte es wissen. Gegen sechs Uhr fuhren sie vor dem Palais des Reichstagspr\u00e4sidenten vor, das gegen\u00fcber dem Hauptgeb\u00e4ude lag und durch einen unterirdischen Gang mit diesem verbunden war.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><\/em><em>Es standen dort so viele Autos herum, da\u00df ihre Ankunft \u00fcberhaupt nicht auffiel, ebenfalls nicht die komischen Akten, die sie in das G<\/em><em>e<\/em><em>b\u00e4ude hineintrugen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ob der Pf\u00f6rtner mit im Spiel war, ob er zu jenem Zeitpunkt in seiner Loge sa\u00df, ob er grade \u00abdienstlich\u00bb abberufen war, konnte <\/em>[Adolf]<em> Rall nicht sagen, er hatte nicht darauf geachtet. Sofort gingen sie in den Keller hinunter. Dort mu\u00dften sie eine ziemliche Weile warten. irgendein verabredetes Zeichen fehlte noch.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>( . . . )<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Als sie sich in strammer Haltung bei Karl Ernst zur\u00fcckmeldeten, bekamen sie diesmal keine Fl\u00fcche, sondern Worte w\u00e4rmster Anerkennung zu h\u00f6ren. Nochmals wurden sie zur Verschwiegenheit angemahnt und \u2015 das war f\u00fcr unseren Strolch die Hauptsache \u2015 eine beachtliche Belohnung wurde ihnen in Aussicht gestellt. Aber gerade damit fing Ralls Elend an! Dieser Narr glaubte tats\u00e4chlich, man w\u00fcrde ihnen die Belohnung auszahlen.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>( . . . )<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Log Rall? Nein, er log nicht. Alles was er sagte, ist in sich glaubw\u00fcrdig. Und selbst wenn uns hier und da ein Zweifel aufk\u00e4me: den besten Beweis f\u00fcr den Wahrheitsgehalt seiner Schilderung lieferten seine fr\u00fcheren SA-F\u00fchrer mit der f\u00fcr ihn so fatalen Schlu\u00dffolgerung, da\u00df sie ihn umbrachten.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Abschrift Seite 104\/105<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Das f\u00fcr uns Sensationellste \u2014 nur z\u00f6gernd lie\u00dfen wir uns \u00fcberzeugen \u2015 war, da\u00df nicht G\u00f6ring, sondern Goebbels der eigentliche Reichstagsbrandstifter war.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Goebbels hatte den ersten Gedanken gehabt. Goebbels hatte die Vorbesprechungen mit Karl Ernst gef\u00fchrt. Goebbels hatte die Auslese der Kolonne \u00fcberwacht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Goebbels hatte die R\u00e4ume bezeichnet,<\/em><em> <\/em><em>wo es am schnellsten brennen w\u00fcrde. Goebbels hat<\/em><em>te<\/em><em> die Durchf\u00fchrung der Tat \u00abvereinfacht\u00bb, indem er darau<\/em><em>f<\/em><em> bestand, etwaige Tatzeugen<\/em><em> <\/em><em>sollten kurzerhand nieder<\/em><em>geknallt werden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><\/em><em>Goebbels hatte sich verb\u00fcrgt, im Gruppenhauptquartier oder im Reichstagspr\u00e4sidentenpalais werde niemand Haussuchung halten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><\/em><em>Goebbels hat<\/em><em>te <\/em><em>sich stark gemacht, jede<\/em><em>s<\/em><em> Vorgehen gegen die eigenen Leute w\u00fcrde als verleumderischer Anschlag gegen die Bewegung gebrandmarkt werden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><\/em><em>Goebbels hatte folgerichtig die Idee vertreten, bei dieser \u00abRechtslage\u00bb brauche man nicht blo\u00df die Kommunisten zu beschuldigen, ebenso gro\u00dfm\u00fctig k\u00f6nne man die Aufkl\u00e4rung des Verbrechens der Polizei \u00fcbergeben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><\/em><em>Goebbels hatte klar erkann<\/em><em>t<\/em><em>, was in diesem Zusammenhang die Mundtotmachung der gesamten Linkspresse bedeutete. Goebbels hatt<\/em><em>e<\/em><em> deshalb schroff auf diese scharfen Notverordnungen gedrungen. Goebbels hatte hier\u00fcber eingehend mit G\u00f6ring verhandelt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><\/em><em>Goebbels hatte dabei geheimnisvoll angedeutet, der F\u00fchrer sehe ein, es m\u00fcsse irgend etwas Durchschlagendes geschehen, vielleicht ein Attentatsversuch, vielleicht ein Bran<\/em><em>d, doch Hitler w\u00fcnsche \u00fcberrascht zu werden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Und Goebbel<\/em><em>s<\/em><em> hatte es alsdann \u00fcbernommen, seinen F\u00fchrer f\u00fcr diese Posse \u00abfertigzumachen\u00bb, ihn f\u00fcr seinen Tobsuchtsanfall in der Brandnacht gut zu pr\u00e4parieren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><\/em><em>Erinnern wir uns, da\u00df man gerade bei Goebbels zu Abendessen sa\u00df, als die Nachricht von dem Brande den Reichskanzler \u00fcberraschte? G\u00f6ring hatte zu alledem lediglich sein Plazet gegeben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Vorschlag des Reichspropagandaleiters hatte ihm eingeleuchtetw. Am meisten hatte ihm gefallen, da\u00df von ihm so gut wie keine Mitwirkung erwartet wurde.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><\/em><em>Das Palais samt Durchgang wollte er gerne zur Verf\u00fcgung stellen, aber wenn im \u00fcbrigen Goebbels und Karl Ernst das Ding allein drehen wollten, um so angenehmer f\u00fcr ihn.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><\/em><em>Auf diese Weise konnte er Hitlers oder Hindenburgs Reaktion abwarten. Und da\u00df er ohne Wimperzucken jeden, auch den verlogensten,<\/em> <em>Anla\u00df benutzen w\u00fcrde, um auf die Marxisten loszupr\u00fcgel<\/em><em>n<\/em><em>, nun darauf konnt<\/em><em>e <\/em><em>sich Goebbels ohnehin verlassen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Gewi\u00df G\u00f6ring ging<\/em><em> auf das ihm angetragene Spiel ein; er bespr<\/em><em>a<\/em><em>ch sich vorsorglich mit Diel, ein paar Andeutungen machte er Daluege. Im gro\u00dfen ganzen aber lie\u00df er die Dinge auf sich zukommen.&#8220;<\/em> In seinem Text schreibt Gisevius auf Seite 101 von acht Personen, die die  &#8222;kostbare Fl\u00fcssigkeit&#8220;  im Reichstagsgeb\u00e4ude verteilten: Vier Personen im Sitzungssaal, zwei Personen im Restaurant und zwei Personen in den Wandelhallen: &#8222;Sie splitterten sich in drei verschiedene Gruppen auf.&#8220; Die befohle Arbeit war nach &#8222;ungef\u00e4hr zehn Minuten&#8220; beendet, schreibt Gisevius auf Seite  101.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-resized\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Tunnel-Reichstag-010.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Tunnel-Reichstag-010-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-23618\" srcset=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Tunnel-Reichstag-010-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Tunnel-Reichstag-010-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Tunnel-Reichstag-010-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Tunnel-Reichstag-010-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Tunnel-Reichstag-010-1200x900.jpg 1200w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Tunnel-Reichstag-010.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ein Teilst\u00fcck hat es bis ins Museum geschafft.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><strong>Brandstiftung in Berlin<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Heyne Verlag ist 2023 ein neues Buch \u00fcber den Reichstagsbrand erschienen. Mein Neffe hat es entdeckt und weil er wu\u00dfte, da\u00df dies ein Thema von mir ist, mir zum Geschenk gemacht. Der Name des Autors, Uwe Soukup, war mir bereits aus einem anderen Zusammenhang positiv bekannt geworden. Ich habe sein Buch \u00fcber den Reichstagsbrand mit gro\u00dfem Interesse gelesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Buch besch\u00e4ftigt sich in der Hauptsache mit den Erfindern der \u00bbAlleint\u00e4terthese\u00ab: Fritz Tobias und Hans Mommsen und gelangt zu dem Ergebnis, da\u00df ihre sog. Erkenntnisse mit Wissenschaft nichts zu haben. Merkw\u00fcrdig finde ich, das er bei seiner Untersuchung nicht auf die Erkenntnisse der Fachleute von Brandursachen und Brandverl\u00e4ufen zurueckgreift. Auch der im Museum ausgestellte Tunnel kommt hier nicht zum Einsatz, J.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><u>Abschrift<\/u><\/strong><strong><u> <\/u><\/strong><strong>des <\/strong><strong>Interview<\/strong><strong>s<\/strong><strong> in der Abendzeitung (AZ) in M\u00fcnchen mit <\/strong><strong><u>Uwe Soukup<\/u><\/strong><strong> von <\/strong><strong><u>Martina Scheffler<\/u><\/strong><strong> erschienen in der AZ vom 27. Februar 2023.<\/strong><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-resized\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/uwe-Soukup-Buchumschlag.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"979\" height=\"870\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/uwe-Soukup-Buchumschlag.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-24989\" style=\"width:320px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/uwe-Soukup-Buchumschlag.jpg 979w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/uwe-Soukup-Buchumschlag-300x267.jpg 300w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/uwe-Soukup-Buchumschlag-768x682.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Uwe Soukup vor dem Objekt der Begierde<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><u>Martina Scheffler:<\/u> Herr Soukup, um die Frage, wer den Reichstag in Brand gesteckt hat, gibt es eine jahrzehntelange Debatte. Warum ist es Ihnen pers\u00f6nlich wichtig, diese zu f\u00fchren?                                                                                      <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Uwe Soukup: Es geht mir darum, zu kl\u00e4ren, was damals wirklich passiert ist. So wie es sich in der Geschichtswissenschaft weitgehend durchgesetzt hat &#8211; also die Nazis haben mit der Brandstiftung nichts zu tun -, kann es nicht gewesen sein. Ich bin gespannt, ob es m\u00f6glich ist, eine falsche Theorie endlich, nach Jahrzehnten, in Frage zu stellen und ob man andere Sichtweisen endlich akzeptiert. Das haben schon viele versucht, vielleicht klappt es diesmal. Wobei ich ganz klar sagen muss, dass es meinen Versuch ohne die fr\u00fcheren Versuche nicht geben k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><u>Martina Scheffler<\/u>: Die Reichstagsbrand-Akten: Genaueste Untersuchungen wurden ignoriert? Warum?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Uwe Soukup: Ich profitiere von den Pionieren, die teilweise seit Jahrzehnten, seit die Reichstagsbrand-Akten zur Verf\u00fcgung standen, geforscht haben und die Ergebnisse ihrer Untersuchungen publiziert haben. Als ich feststellte, dass selbst die genauesten Untersuchungen ignoriert oder unfair abqualifiziert wurden, hat es mich noch mehr gereizt, es vielleicht mal auf einem anderen Weg zu probieren. Es geht ja hier nicht um eine Kleinigkeit. Wie die Nazis das Volk \u00fcberrumpelten und in die Knie zwangen &#8211; es sind ja nicht alle den Nazis hinterhergelaufen -, um ihre bis bis heute unvorstellbaren Verbrechen zu begehen, ist ein Vorgang, \u00fcber den man doch etwas besser Bescheid wissen sollte &#8222;Marinus van der Lubbe kann es alleine nicht getan haben&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><u>Martina Scheffler:<\/u> Die verbreitete Auffassung, es habe nur einen T\u00e4ter &#8211; Marinus van der Lubbe &#8211; gegeben, beruht auf Forschungen des nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzbeamten Fritz Tobias. Wie muss man seine Schlussfolgerung, nicht die Nazis, sondern der Niederl\u00e4nder habe den Reichstag angez\u00fcndet, sowie die Art und Weise, wie er diese belegt, bewerten? Ist nichts davon haltbar?                                                                                                                                         <\/p>\n\n\n\n<p>Uwe Soukup: Es ist ja nicht so, dass Marinus van der Lubbe den Reichstag nicht angez\u00fcndet h\u00e4tte. Er wurde im brennenden Reichstag verhaftet und hat alles gestanden, warum auch immer. Das Problem ist nur: Er kann es alleine nicht getan haben. Er hatte keine wirklichen Brandbeschleuniger &#8211; Kohlenanz\u00fcnder kann man bei so einem Gro\u00dfbrand vergessen &#8211; und er hatte zu wenig Zeit, um ein derartiges Riesenfeuer im Plenarsaal des Reichstages zu entfachen. Um diese rein naturwissenschaftliche Frage hat sich Tobias nie gek\u00fcmmert. Die damaligen Brandsachverst\u00e4ndigen hat er abqualifiziert. Von der Theorie des Fritz Tobias ist im Grunde nichts haltbar, nein. Dennoch wurde sein Buch mit wissenschaftlichen Weihen versehen &#8211; vom Institut f\u00fcr Zeitgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<p><u>Martina Scheffler:<\/u> Was spricht gegen die Alleint\u00e4terschaftsthese? Was ist f\u00fcr Sie der entscheidende Punkt, die Alleint\u00e4terschaftsthese anwzuzweifeln?<\/p>\n\n\n\n<p>Uwe Soukup: Zuallererst die Zeit-Problematik. Es gibt keinerlei M\u00f6glichkeit, innerhalb weniger Minuten ein derartiges Gro\u00dffeuer zu entfachen &#8211; mit nichts. Vor f\u00fcnfzehn Jahren hat der &#8222;Welt&#8220;-Redakteur Sven Felix Kellerhoff versucht, diese L\u00fccke in der Theorie von Fritz Tobias zu schlie\u00dfen, indem er das Ph\u00e4nomen des &#8222;back draft&#8220; ins Spiel brachte, also eine Ansammlung gef\u00e4hrlicher Gase in einem geschlossenen Raum infolge eines Feuers, dem Sauerstoff fehlt. Wird frischer Sauerstoff in den Raum hereingelassen, etwa durch das \u00d6ffnen einer T\u00fcr, kommt es zu einer schwerwiegenden Ausbreitung des Feuers, ja, zu einer Explosion. Das klingt gut, kann sich aber so nicht abgespielt haben, wie Brandexperten versichern, denn f\u00fcr dieses Ph\u00e4nomen h\u00e4tte es stundenlang brennen und schwelen m\u00fcssen. Wir reden hier aber \u00fcber einige wenige Minuten.<\/p>\n\n\n\n<p><u>Martina Scheffler:<\/u> Ihr Buch enth\u00e4lt unz\u00e4hlige Hinweise darauf, dass ein Einzelt\u00e4ter diesen enormen Brand nicht entfacht haben kann, sowie auf eine Beteiligung von NS-Seite. Warum werden diese offenbar von vielen Historikern bis heute ignoriert &#8211; sind sie nicht bekannt, gibt es kein Interesse an ihnen?                        <\/p>\n\n\n\n<p><strong><u>Uwe Soukup:<\/u> <\/strong>Schwer zu sagen. Ich f\u00fcrchte, niemand hat die Gr\u00f6\u00dfe, aus den alten Sch\u00fctzengraben herauszukommen. Es w\u00e4re besser gewesen, sich da gar nicht erst hineinzubegeben, ohne die Sache selbst zu \u00fcberpr\u00fcfen. Andererseits: Wenn das Institut f\u00fcr Zeitgeschichte begutachtete, dass Fritz Tobias Recht hat, dann verl\u00e4sst man sich als Historiker darauf. Historiker sind ja keine Naturwissenschaftler oder gar Brandexperten. Der Kampf um die Alleint\u00e4ter-Theorie ist immer auch ein ideologischer Kampf gewesen. Tobias, das ist jetzt w\u00f6rtlich zitiert, wollte mit seiner These &#8222;die kommunistische Propagandaflut aus dem Osten&#8220; stoppen. So kann man aber nicht wissenschaftlich arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p><u>Martina Scheffler:<\/u> Welches Interesse kann es umgekehrt heute daran geben, an der Einzelt\u00e4terthese festzuhalten?                                                                                           <\/p>\n\n\n\n<p><strong><u>Uwe Soukup: <\/u><\/strong>M\u00f6glicherweise das Problem, einzugestehen, dass man sich geirrt hat. Das ist bedauerlich. Dass es einem seri\u00f6sen Wissenschaftler darauf ankommen k\u00f6nnte, die Nazis ausgerechnet von dieser Tat, dem Ur-Verbrechen der Nazis, zu entlasten, vermag ich mir nicht vorzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><u>Martina Scheffler:<\/u> <\/strong>Der &#8222;Spiegel&#8220; verteidigt die Alleint\u00e4terthese. Sie sehen die Debatte um den Reichstagsbrand auch als Medienskandal &#8211; warum?   <strong>                                      <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><u>Uwe Soukup:<\/u> <\/strong>Vor allem wegen der Rolle, die der &#8222;Spiegel&#8220; seit Jahrzehnten in der Sache spielt. Er hat 1959 die Alleint\u00e4terthese in die Welt gesetzt und seither immer verteidigt. Vor einigen Jahren wurden im &#8222;Spiegel&#8220; Zweifel an der Alleint\u00e4terthese in den Bereich des Obskurantismus verwiesen, laut Duden das &#8222;Bestreben, die Menschen in Unwissenheit zu halten, selbstst\u00e4ndiges Denken zu verhindern und sie an \u00dcbernat\u00fcrliches glauben zu lassen&#8220;. Das ist absurd. Obskur ist es doch vielmehr, den Menschen zu erz\u00e4hlen, dass ein Mensch allein ohne Hilfsmittel, nur mit seiner brennenden Kleidung, in wenigen Minuten ein flammendes Inferno erzeugen kann.<\/p>\n\n\n\n<p><u>Martina Scheffler:<\/u> Sie erheben Vorw\u00fcrfe gegen das Institut f\u00fcr Zeitgeschichte in M\u00fcnchen, es wolle die Chance nicht nutzen, um falsche Erkenntnisse geradezur\u00fccken. Was w\u00fcrden Sie sich vom IfZ w\u00fcnschen unwd haben Sie zuletzt noch etwas von dort geh\u00f6rt?<\/p>\n\n\n\n<p>Uwe Soukup: Das Institut f\u00fcr Zeitgeschichte beziehungsweise der damalige Direktor Helmut Krausnick wurde von Tobias mit seiner, also Krausnicks, &#8222;Nazi-Vergangenheit&#8220; erpresst, damit das Institut Tobias den Segen erteilt. So geschah es. Eigentlich hatte man sich im Institut \u00fcber Tobias eher am\u00fcsiert gezeigt. Hans Mommsen spottete in einer langen Rezension 1962 geradezu \u00fcber Tobias&#8216; Buch. Doch 1964 winkte er es durch. Das ist merkw\u00fcrdig. 2001 hat sich das Institut f\u00fcr Zeitgeschichte von den damaligen Methoden Hans Mommsens scharf distanziert &#8211; da ging es darum, wie Mommsen 1962 einen anderen Autor, der das Buch von Tobias im Auftrag des IfZ ersch\u00fcttern sollte, verdr\u00e4ngt hat &#8211; aber das Institut unterschl\u00e4gt dabei, dass Hans Mommsen das ja nicht alleine getan hat, sondern mit R\u00fcckendeckung des Instituts, ja sogar in dessen Auftrag. Noch schwerer wiegt aber etwas anderes: Das Institut hat die Alleint\u00e4terthese damals abgesegnet, sich aber niemals von diesem durch Tobias erzwungenen &#8222;Irrtum&#8220; distanziert. Ich hatte das Institut gebeten, dieses Problem zu &#8222;heilen&#8220;, indem es sich auch von der Begutachtung Mommsens, nicht nur von dessen Methoden, die das Institut ja damals mittrug, distanziert. Leider bekomme ich da die immer gleichen Antworten. Es herrsche im IfZ Meinungspluralismus, was ja zumindest damals nicht der Fall gewesen sein kann. Ich h\u00e4tte mir vom IfZ etwas mehr davon gew\u00fcnscht, was man heute Fehlerkultur nennt.                                                                                                                       <u>Martina Scheffler: <\/u>Was erhoffen Sie sich vom Erscheinen Ihres Buches?<\/p>\n\n\n\n<p>Uwe Soukup: Dass die ganze Angelegenheit endlich neu und vorurteilsfrei angeschaut wird. Am besten interdisziplin\u00e4r, warum nicht durch den Bundestag? Also dass Brandexperten, die \u00fcber die Entstehung eines Gro\u00dffeuers Bescheid wissen, sich dazu \u00e4u\u00dfern, Historiker sich mit van der Lubbe besch\u00e4ftigen, mit der Berliner Gemengelage im Jahr 1933, in der es m\u00f6glich gewesen war, dass van der Lubbe mit Anarchisten in Kontakt kam, die auf dem Absprung zu den Nazis waren. Es muss eine Erkl\u00e4rung geben, vielleicht nicht mehr f\u00fcr jedes Detail, aber doch eine ganze Menge weitergehende Ergebnisse. Ich bin gespannt, ob jetzt vielleicht doch noch Bewegung in die Sache kommt.<\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/PDF-Brandstiftung-Interview-Soukup.pdf\">PDF Brandstiftung Interview Soukup<\/a><\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image is-resized\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/By-nc-sa_color.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"720\" height=\"486\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/By-nc-sa_color.png\" alt=\"Creative commons.org\" class=\"wp-image-1755\" style=\"width:196px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/By-nc-sa_color.png 720w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/By-nc-sa_color-300x202.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n<div class=\"wp-block-image is-resized\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Uwe-Soukup-Foto-von-Fridolin-Freudenfett.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"600\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Uwe-Soukup-Foto-von-Fridolin-Freudenfett.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-25035\" srcset=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Uwe-Soukup-Foto-von-Fridolin-Freudenfett.jpg 800w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Uwe-Soukup-Foto-von-Fridolin-Freudenfett-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Uwe-Soukup-Foto-von-Fridolin-Freudenfett-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Uwe Soukup Foto von  Fridolin Freudenfett 2. Juni 2017 in Berlin<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Nilpferdeinauge-e1573081339392.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"786\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Nilpferdeinauge-1024x786.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5635\" style=\"width:159px;height:auto\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Zeichnung Helga Bachmann<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Zeichen 4.141) Apropos Hans Bernd Gisevius (II) Abschrift Seite 100\/101\/102: PDF Apropos Hans Bernd Gisevius (II) &#8222;Am Brandtage hatten sie [Adolf Rall, Heini Gewehr genannt Pistolen Heini und Willi Schmidt genannt Schweinebacke u. a.] sich sp\u00e4tnachmittags in Bewegung gesetzt. Erstes Ziel war eine Drogerie im Norden der Stadt. 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