{"id":28169,"date":"2025-02-19T17:45:51","date_gmt":"2025-02-19T17:45:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=28169"},"modified":"2025-05-23T20:02:15","modified_gmt":"2025-05-23T20:02:15","slug":"schnitt-montage-renate-merck-ein-persoenlicher-nachruf-von-moritz-herbst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=28169","title":{"rendered":"Schnitt \/ Montage: Renate Merck- Ein pers\u00f6nlicher Nachruf von Moritz Herbst."},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Schnitt\/Montage: Renate Merck<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein pers\u00f6nlicher Nachruf<\/strong><\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Nachruf-Renat-Merck-von-Moritz-Herbst.odt\">PDF Nachruf Renate Merck von Moritz Herbst<\/a><\/p>\n\n\n<p>\u201eDie Beiden waren vom Packen so k.o., die haben mich beim Umzug 1986 gebeten, dass ich sie in den Odenwald fahre\u201c, erinnert sich die Trickfilmerin und Autorin Elke L\u00f6we beim Zusammensein nach der Urnenbeisetzung im Familiengrab. Renate Merck ist im Tod zur\u00fcckgekehrt nach Hamburg-Nienstedten. 37 Jahre hat sie mitten im s\u00fcdhessischen Brombachtal gewohnt, in dem kleinen Dorf Birkert. Die l\u00e4ngste Zeit davon zusammen mit ihrem Mann Helmut Herbst und vielen Katzen. Am 4. Juli 1951 wurde sie geboren, als Tochter von Edith Merck und Walther Merck, der die Professur f\u00fcr Vergleichende P\u00e4dagogik an der Universit\u00e4t Hamburg bis zu seinem Tod 1964 inne hatte. Seit der Pubert\u00e4t wurde Renate Merck von ihrer Mutter alleine erzogen, in einem sch\u00f6nen Haus mit Garten mitten in Nienstedten. Die Elbe ist nah, Blankenese ist der Nachbarstadtteil, hier l\u00e4sst es sich leben. Germanistik und Ethnologie studierte Renate Merck an der Universit\u00e4t Hamburg, wollte Lehrerin werden. Neben dem Studium jobbte sie im Grindelviertel in einem Caf\u00e9, dass Studierende in Selbstverwaltung als Kollektiv betrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber Germanistikseminare entstanden Kontakte in die Hamburger und Berliner Filmszene. Die war nichtkommerziell, viele lebten prek\u00e4r von Film zu Film, mit anderen Jobs nebenher. Vieles war im Fluss, und es gab dadurch M\u00f6glichkeiten, mitzuwirken, einzusteigen in kreative Filmprojekte. Wenig war formal geregelt, und so begann Renate Merck als Schnittassistentin zu arbeiten, lernte die Grundlagen, das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Filmmontage von Helmut Herbst. Sie kamen 1979 zusammen. Klar ist, selbst beim Essen, beim Spazierengehen wurde viel \u00fcber Film geredet &#8211; oder \u00fcber Theater, Bilder \u2013 Kunst, Kultur, Politik. Da sa\u00dfen schon mal die franz\u00f6sischen Regisseur*innen Jean-Marie Straub und Dani\u00e8le Huillet am K\u00fcchentisch beim Teetrinken, wenn ich unangek\u00fcndigt in der Wohnung \u00fcber der Cinegrafik vorbei kam, im ehemaligen Fabrikgeb\u00e4ude in einem abgerockten Hinterhof in Hamburg-Barmbek. Jean-Marie Straub und Dani\u00e8le Huillet drehten da, 1984, gerade in der Speicherstadt den Spielfilm \u201eKlassenverh\u00e4ltnisse\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Filmszene war tats\u00e4chlich eine, in der es viele Freundschaften und wenige Feindschaften untereinander gab. Vielleicht lag es daran, dass man darauf angewiesen war, miteinander arbeiten, kooperieren zu k\u00f6nnen. So auch beim Schnitt eines ethnologischen Filmprojekts zusammen mit Manfred Sch\u00e4fer und Ingrid Kummels nach deren Reise in das Amazonasgebiet Perus zu den Ash\u00e1ninca. \u201eUns brachte Bernd Fiedler, der als Mentor stets eine gro\u00dfe Hilfe war, Ende 1988 zusammen\u201c erinnert sich Ingrid Kummels, die Rohschnittabnahme ihres ersten Films war im Februar 1989: \u201eManfred und ich lebten in Amorbach und die Herbsts nur 30 Kilometer entfernt in Birkert. Es funkte gleich, weil Manfred, ich und Renate \u00fcber die Ethnologie-Schiene uns gut verstanden\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Sicher war es hilfreich, dass alle vier \u00e4hnliche Vorstellungen vom Leben und Arbeiten hatten: Voll reinh\u00e4ngen in die Forschung, in den Film, aber selbstbestimmt, kritisch gegen\u00fcber Ausbeutung und Herrschaft. Diese Freundschaft hielt, bis zum Tod von Manfred Sch\u00e4fer 2003 trafen sich die vier auf dem Grundst\u00fcck von ihm und Ingrid Kummels in Amorbach, um Apfelwein zu machen. Alltagskultur kennenzulernen, Fertigkeiten daf\u00fcr zu erlernen \u2013 daf\u00fcr war Renate Merck immer aufgeschlossen. Nicht als Ablehnung von Hochkultur, nein, im Gegenteil: F\u00fcr kulturelle Vielfalt und Toleranz gegen\u00fcber Anderem und Genie\u00dfen des Sch\u00f6nen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSehr gut erinnern kann ich mich an Manfreds und meine gro\u00dfe Freude an den t\u00e4glichen Fahrten nach Birkert und an der Arbeit dort, die in der Tat oft mit einem gemeinsamen Abendessen in dem gastfreundlichen Haus mit gro\u00dfer Filmgeschichte endeten\u201c, so Ingrid Kummels: \u201eManfred, der schon Fotoingenieurwesen in K\u00f6ln studiert hatte, und ich, Laiin, lernten von Renate viel \u00fcber die Kunst der Filmerz\u00e4hlung und 16mm-Schnitttechnik, so dass wir im Laufe der Jahre diesbez\u00fcglich unabh\u00e4ngig wurden und uns einen eigenen Schneidetisch in Amorbach zulegten\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Haus von Renate Merck und Helmut Herbst mitten in Birkert gab es immer eine Kiste Apfelwein, falls mal Besuch kommt. Rotwein auch, dazu guten K\u00e4se, und es wurde gerne und aufwendig gekocht und gespeist. Das Haus in Birkert war der R\u00fcckzugsort, der aber gleichzeitig bis oben hin angef\u00fcllt war mit Trickfilmtechnik \u2013 und mehreren Schneidetischen f\u00fcr den analogen Filmschnitt, so wie ihn Renate Merck \u00fcber Jahrzehnte perfektioniert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Elfi Mikesch hat sie 1979 w\u00e4hrend des Filmschnitts von \u201eWas soll\u2019n wir denn machen ohne den Tod\u201c auf einem Hochbett in der Wohnung der Regisseurin, die auch selbst ihre Filme geschnitten hat, in Berlin direkt \u00fcber dem Schneidetisch gewohnt. Die wei\u00dfen feinen Handschuhe angezogen, am Galgen die dort h\u00e4ngenden Filmstreifen sortiert, die Bobbys mit den aufgespulten Filmsequenzen, Szenen, Tonspuren auf die Drehscheiben gelegt, die Schnitt- und Klebeapparate parat. Ton und Bild mussten getrennt geschnitten genau parallel ablaufen, wenn der Schnitt fertig war.<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammen mit Helmut Herbst schnitt Renate Merck dessen Dokumentationen \u201eHappening \u2013 Kunst und Protest\u201c und \u201eZwischen den Bildern\u201c sowie 1981 den in Nordhessen gedrehten Spielfilm \u00fcber das Leben von Georg B\u00fcchner: \u201eEine deutsche Revolution\u201c. Renate Merck hat viele Filme geschnitten, die ein eher cineastisches Publikum fanden, die aber Wegmarken f\u00fcr das andere Kino seit den 80iger Jahren sind: \u201e40 qm Deutschland\u201c von Tefik Baser, \u201eDrachenfutter\u201c und \u201eAbschied. Brechts letzter Sommer\u201c von Jan Sch\u00fctte, \u201eDie Jungfrauenmaschine\u201c und \u201eVerf\u00fchrung: Die grausame Frau\u201c von Monika Treut, \u201eScherbentanz\u201c von Chris Kraus, \u201eDer zynische K\u00f6rper\u201c von Heinz Emigholz. Aus ihrem Studium der Ethnologie und Germanistik konnte sie immer wieder etwas einbringen in die Montage von Filmen, sie setzte sich mit dem Filmstoff auseinander. So stand Bruce Chatwins Buch \u201eIn Patagonien: Reise in ein fernes Land\u201c in einem ihrer B\u00fccherregale \u2013 sie las es, bevor sie den Film \u201eIn Patagonien\u201c von Jan Sch\u00fctte schnitt, in dem es um dieses Buch geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es um den Spannungsbogen ging, um inhaltliche Nebenstr\u00e4nge, die zu viel und verwirrend waren und raus mussten aus dem Film, war dies \u00e4hnlich wie bei einem Buch; wenn die Bildersprache herausgearbeitet werden konnte, der Rhythmus stimmiger und der Erz\u00e4hlfluss klarer. Die Montage von Filmen, der Schnitt, ist ein unverzichtbares Stadium im Entstehungsprozess. Aber f\u00fcr die Zuschauenden nahezu unsichtbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Umstieg von analogem zu digitalem Film und Schnitt hat Renate Merck mit durchlebt, einen Avid-Schnittcomputer gab es auch im Haus in Birkert im Odenwald. Jahrelang wechselten sich die Arbeitsphasen in Hamburg und Berlin beim Schnitt am Ort der Filmproduktion ab mit Phasen der Ruhe, des privaten Lebens und der Gartenarbeit in Birkert. Wobei \u2013 so richtig privat ging es in Birkert selten zu. Die Katzen waren es schon gewohnt, dass immer wieder Besuch kam, ab und an auch andere Filmschaffende im G\u00e4stezimmer wohnten, und im Haus Filme geschnitten, gedanklich zerlegt und neu wieder montiert wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Studierende von der Hochschule f\u00fcr Gestaltung in Offenbach waren gerne und h\u00e4ufig zu Gast. Helmut Herbst hatte dort bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2000 eine Professur f\u00fcr Film inne.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAn Manfreds und meinen ersten Dokumentarfilmen arbeiteten auch Studenten von Helmut Herbst von der Hochschule f\u00fcr Gestaltung in Offenbach am Main mit zum Beispiel Radka Stan\u011bk und Norbert Schliewe\u201c, erinnert sich Ingrid Kummels: \u201eHelmut und Renate f\u00f6rderten die Studierenden, indem sie uns ihre Mitarbeit an Schnittassistenz und Animation bei unseren Dokumentarfilmen herantrugen. Renate gab uns nebenher bei der Arbeit unz\u00e4hlige wertvolle Ratschl\u00e4ge was das Schreiben von Expos\u00e9s, Drehb\u00fccher, potentielle Fernsehredaktionen und \u00c4hnliches anbelangte. Diese Ratschl\u00e4ge waren ein Bestandteil von unseren schier endlosen Plaudereien w\u00e4hrend des Filmschneidens. Diese Art von Gespr\u00e4chen l\u00e4sst nur das analoge Filmschneiden zu, so mein Eindruck &#8211; digital erlebe ich das anders, auch wenn ich mich mit dem Cutter, mit dem ich aktuell zusammenarbeite, auch seit Jahren gut verstehe\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Renate Merck stand den Studierenden von der Hochschule f\u00fcr Gestaltung in Offenbach gerne mit kunsthandwerklichem Rat und Tat zur Seite. Und half mit, Filme fertigzustellen, die als Projekt schon vor dem Scheitern standen. Als Dozentin hat sie an der Filmakademie Ludwigsburg jahrelang im Studiengang Montage\/Schnitt unterrichtet und gerne ihr Wissen weitergegeben. Monika Preischl, Archive Researcherin in der Landesfilmsammlung Baden-W\u00fcrttemberg bringt es auf den Punkt: \u201eIch habe bei meiner Editorin Renate Merck sehr viel \u00fcber Bildsprache gelernt und dabei festgestellt, wie viel Energie, Liebe und Leben in Archivmaterial stecken kann\u201c. So hat Renate Merck fast drei Jahre lang nach dem Tod von Helmut Herbst daf\u00fcr gesorgt, dass alle Filme, alles Material, die ganze Filmtechnik, Fachliteratur an verschiedenen Orten archiviert, inventarisiert, weitergenutzt wird. Als sie damit fertig war, mit ihrer Berufst\u00e4tigkeit abgeschlossen hatte und in eine kleine Wohnung in Eckernf\u00f6rde nahe am von ihr geliebten Meer gezogen war, kam eine schwere Krankheit durch, die sie schon lange in sich hatte. Am 24. Dezember ist sie gestorben, jetzt wurde sie beerdigt. Der letzte Cut der Renate Merck. Und der tiefste.<\/p>\n\n\n\n<p>Moritz Herbst<\/p>\n\n\n\n<p><em>Moritz Herbst ist der Sohn von Helmut Herbst aus erster Ehe.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schnitt\/Montage: Renate Merck Ein pers\u00f6nlicher Nachruf PDF Nachruf Renate Merck von Moritz Herbst \u201eDie Beiden waren vom Packen so k.o., die haben mich beim Umzug 1986 gebeten, dass ich sie in den Odenwald fahre\u201c, erinnert sich die Trickfilmerin und Autorin Elke L\u00f6we beim Zusammensein nach der Urnenbeisetzung im Familiengrab. 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