{"id":5533,"date":"2018-02-04T13:11:01","date_gmt":"2018-02-04T13:11:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=5533"},"modified":"2021-06-25T10:35:47","modified_gmt":"2021-06-25T10:35:47","slug":"der-heldentod-ist-immer-noch-modern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=5533","title":{"rendered":"Christian Geissler Kampagne f\u00fcr Abr\u00fcstung 1964"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\"><b><a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Heldentodgro\u00df.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-5534\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Heldentodgro\u00df-724x1024.jpg\" alt=\"Heldentodgro\u00df\" width=\"640\" height=\"905\"><\/a><\/b>Foto Rudolf Heinrich Meyer<a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Nilpferd7.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-5638 alignleft\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Nilpferd7-1024x717.jpg\" alt=\"Nilpferd7\" width=\"70\" height=\"49\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/By-nc-sa_color.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-5796 alignright\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/By-nc-sa_color.png\" alt=\"By-nc-sa_color\" width=\"125\" height=\"84\" srcset=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/By-nc-sa_color.png 720w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/By-nc-sa_color-300x202.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 125px) 85vw, 125px\" \/><\/a><b> <\/b><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\"><b>Abschrift: aus dem<\/b><\/span><b> Buch von Christian Geissler ENDE DER ANFRAGE<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>R\u00dcTTEN + LOENING VERLAG M\u00dcNCHEN <\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><b><span lang=\"de-DE\">Vorwort <\/span><\/b><span lang=\"de-DE\">(Seite 9)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Zum Titel dieses Buches:<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Mein erstes Buch hei\u00dft ANFRAGE.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Als ich es schrieb, war ich erstaunt dar\u00fcber, da\u00df bei uns in der Bundesrepublik aus der Erfahrung mit dem Nationalsozialismus keine vern\u00fcnftige, d. h. politisch wirksame Konsequenz gezogen worden ist. Heute bin ich nicht mehr erstaunt.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Ich halte das, was in unserer Gesellschaft an Mi\u00dfst\u00e4nden aufkommt und sich verfestigt und was so viel <\/span><span lang=\"de-DE\">\u00c4<\/span><span lang=\"de-DE\">hnlichkeit hat mit dem, was wir schon mal erlebt haben, f\u00fcr eine Folge der bei uns herrschenden politischen, d. h. \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse. Man kann auf alten Fundamenten kein neues Haus bauen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Das ist das ENDE DER ANFRAGE.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Und das ist nicht Resignation, sondern der Ausgangspunkt f\u00fcr die Herstellung von Antworten.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Christian Geissler<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Christian Geissler<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Rede in der Kampagne f\u00fcr Abr\u00fcstung, <\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Frankfurt 1964 <\/b>(Seite 81 &#8211; 99)<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Meine Damen und Herren, <\/span><span lang=\"de-DE\">(Seite 81)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">zun\u00e4chst drei Vorbemerkungen:<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\"><b>1.<\/b><\/span><span lang=\"de-DE\"> Das Referat wird etwa 40 Minuten in Anspruch nehmen. Es w\u00e4re mir selbst lieb, wenn es k\u00fcrzer geraten w\u00e4re. Aber die gesellschaftlichen Bedingungen f\u00fcr Krieg und Gewalt sind kompliziert.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\"><b>2.<\/b><\/span><span lang=\"de-DE\"> Konrad Adenauer hat unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg, hinter dem R\u00fccken eines bis fast zur physischen Vernichtung geschlagenen Volkes, den westlichen Alliierten neues deutsches Milit\u00e4r gegen den Kommunismus angeboten. Er hat damit gehandelt als ein Mann mit einem uralten Sinn f\u00fcr Macht. Die au\u00dfenpolitischen Folgen dieser Machtaus\u00fcbung sind inzwischen deutlich. Es gibt jetzt bis auf weiteres zwei deutsche Staaten. Die innenpolitischen Folgen stellen sich von Jahr zu Jahr klarer heraus. Demn\u00e4chst wird es Notstandsgesetze geben. Das alles ist bekannt. Mich interessiert hier heute etwas anderes. Mich interessiert die Frage: Was ist das f\u00fcr eine Gesellschaft, was sind das denn eigentlich f\u00fcr Leute, die sich nach zw\u00f6lf Jahren Nationalsozialismus und f\u00fcnf Jahren Krieg eine derartige Entwicklung nahezu tatenlos bieten lassen? <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\"><b>3.<\/b><\/span><span lang=\"de-DE\"> Es wird von Krieg und von der Vorbereitung eines Krieges die Rede sein. Diese Rede wird, wie man sic<\/span><span lang=\"de-DE\">h <\/span><span lang=\"de-DE\">denken kann, vergleichsweise hart ausfallen. Deshalb bitte ich Sie dringend, folgendes genau zu beachten und im Kopf zu behalten: Krieg wird von Menschen gemacht. Das ist ein Erfahrungssatz, um den heute so leicht niemand mehr herumkommt. Es erhebt sich aber immer wieder die Frage: Wer ist denn das nun genau, der den Krieg macht? Will der Politiker, der Bischof, der Panzerproduzent, der Zeitungschef \u2014 wollen denn diese Leute tats\u00e4chlich subjektiv klar bei Verstand aktiv den Krieg?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\"> (Seite 82)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Ich behaupte, nein. Das macht die Situation indessen keineswegs harmloser. Denn ich behaupte gleichzeitig, da\u00df die ebengenannten \u00f6ffentlich M\u00e4chtigen hier in unserem Land \u2014 nicht zuletzt mit Hilfe unser aller politischer Nachl\u00e4ssigkeit und Dummheit \u2014 ein gesellschaftliches Verhaltenschema, vor allem eine wirtschaftliche Basis aufgebaut und geheiligt haben, die hochexplosive Elemente enth\u00e4lt, in der Gewalttendenzen stecken, unter deren Wirkung wir alle und die M\u00e4chtigen obendrein sehr pl\u00f6tzlich zu Opfern eines totalen letzten Krieges werden k\u00f6nnten. Die M\u00e4chtigen hier bei uns sind also nicht als denkende Einzelpersonen, nicht in ihrem pers\u00f6nlichen Bewu\u00dftsein f\u00fcr Kriegsgewalt, aber \u2014 und das ist entscheidend, und darum m\u00fcssen wir sie so scharf angreifen \u2014 sie sind als machtaus\u00fcbende Hersteller eines bestimmten gewaltt\u00e4tigen wirtschaftlichen und ideologischen Systems verantwortlich und haftbar zu machen f\u00fcr die unmenschlichen Zust\u00e4nde kriegerischer Gewalt, die uns bedrohen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Meine Damen und Herren, wir haben uns hier heute versammelt in einer gemeinsamen Sorge und, wie ich denke, auch in einer gemeinsamen Hoffnung. Unsere Sorge richtet sich auf eine Gesellschaft, die in einer f\u00fcrchterlichen Verge\u00dflichkeit sich daran gew\u00f6hnt hat, L\u00fcgen f\u00fcr Wahrheit zu nehmen; die sich Tag f\u00fcr Tag zum Beispiel das Wort Krieg und damit die Wirklichkeit des Krieges umf\u00e4lschen l\u00e4\u00dft in das Gerede vom Verteidigungsfall. So, als h\u00e4tten wir nicht die Erfahrung gemacht, wie leicht man einen Raub\u00fcberfall in Vergeltung und Verteidigung \u00f6ffentlich umm\u00fcnzen kann. Die Verge\u00dflichkeit geht inzwischen so weit und die Verf\u00e4lschungen nehmen inzwischen so selbstverst\u00e4ndliche Formen an, da\u00df eine gro\u00dfe Hamburger <\/span><span lang=\"de-DE\">(Seite 83)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Zeitung vor vierzehn Tagen zum amerikanischen Angriff auf Nordvietnam auf Seite 1 die Schlagzeile bringen kann: \u00bbSeit heute fr\u00fch wird zur\u00fcckges<\/span><span lang=\"de-DE\">ch<\/span><span lang=\"de-DE\">ossen.\u00ab Ganz so, als habe nicht Hitler mit eben diesen Worten den zweiten Weltkrieg er\u00f6ffnet. Das nenne ich eine f\u00fcrchterliche Verge\u00dflichkeit.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Aber Krieg bleibt Krieg, gleichg\u00fcltig wie die Machthabenden das nennen, Mord bleibt Mord, L\u00fcge bleibt L\u00fcge. Da\u00df das vergessen werden k\u00f6nnte, macht uns Sorge. Vergessen werden k\u00f6nnte von Leuten, mit denen wir doch leben wollen und nicht sterben. Und was macht uns Hoffnung? Tats\u00e4chlich der Mensch, Der lebendige Mensch kann n\u00e4mlich lernen. Er kann lernen, wie man bisher Falsches zuk\u00fcnftig richtiger macht.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Der hier gezeigte Film \u00bbKirmes\u00ab ist ein sehr guter Film. In der Kernszene des Filmes steckt allerdings eine Frage, die noch klarer beantwortet werden mu\u00df. Ich meine die Frage: Wie kommt es denn, da\u00df unter Menschen ein junger Mann, der endlich leben will und nicht gewaltt\u00e4tig sterben, eben deshalb, weil er das will, sein Leben verliert, ja sogar das Leben verliert unter der stillschweigenden beziehungsweise ausdr\u00fccklichen Billigung seiner n\u00e4chsten Mitmenschen. Welches ist die Herkunft von derma\u00dfen miserablen Zust\u00e4nden? Auf was f\u00fcr einem Boden wachsen menschliche beziehungsweise so unmenschliche Gesellschaften, in denen ganze Generationen von Eltern stolz trauern, wenn ihr Sohn gehorsam totgeschlagen wird wie ein Hund, sich aber \u00e4ngsten und sch\u00e4men, wenn der Sohn ungehorsam sein Leben behalten m\u00f6chte wie ein erwachsener Mensch?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Wer oder was hat unter Menschen immer wieder die Macht, M\u00fctter und V\u00e4ter dergestalt zu pervertieren, sie krank und verkehrt zu machen gegen alle einfache Liebe und Vernunft? <\/span><span lang=\"de-DE\">(Seite 84)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Der Film von Staudte gibt \u00fcber die Herkunft dieser menschlichen Verkehrtheiten nur wenig Auskunft. Oder liegt es etwa in eines Menschen Charakter, ob er versagt oder siegt, ob er lebt oder stirbt? Was ist denn das \u00fcberhaupt: Charakter? Der Film zeigt uns das, was uns bedroht, anhand von bestimmten unangenehmen menschlichen Typen. Er zeigt uns den verhurten Parteifunktion\u00e4r mit miesen Texten im Mund, und \u00fcberm Hals, wo andere ein Gesicht haben, hat er einen Schweinekopf. Kann man denn aber etwa am Schweinekopf, an der Hurerei, den Gegner erkennen, die Gefahr, den Krieg, den Mord? <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Meine Damen und Herren, ich selbst habe jahrelang in unmittelbarer N\u00e4he mit Nationalsozialisten gelebt. Weder haben diese Leute besonders herumgehurt noch hatten sie ekelhafte Gesichter. Es waren, wie man so sagt, aufrichtige, saubere, anst\u00e4ndige deutsche Menschen. Aber sie waren f\u00fcr den deutschen Krieg. Sie waren f\u00fcr den Tod derer, die gegen den Krieg k\u00e4mpften. Sie waren mit schmalen Lippen und feiner Bildung f\u00fcr Pflichterf\u00fcllung und Gehorsam bis hin zu Totschlag und Mord. Nein, meine Damen und Herren, was uns bedroht an Leib und Leben, das ist weder mit physiognomischen noch mit moralischen Vorurteilen zu packen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Es sind nicht die Charaktere, die die Welt mi\u00dfraten lassen. Was aber sonst? Hat irgendein Gott diese Welt so bestellt, wie sie ist? Sind etwa all das Elend und die Gemeinheit, in der Menschen im Krieg sich vorfinden, gedeckt von einem gro\u00dfen lebendigen Vater-Gott? Ich sehe in dieser Welt keinen Anla\u00df, solches zu glauben. Ich sehe in dieser Welt aber etwas anderes, n\u00e4mlich dies: Es gibt \u2014 auch in allerletzter Instanz nicht \u2014 keinen Fluchtwinkel, in welchem es dem Menschen erlaubt werden k\u00f6nnte, seine Pl\u00e4ne und seine Taten, seinen <\/span><span lang=\"de-DE\">(Seite 85)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Kopf und seine H\u00e4nde in die \u00dcberh\u00e4nde irgendeines Vaters zu legen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Wir sind unter uns hier auf der Erde, soweit ich wei\u00df, wir alle zusammen, allein.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Das ist die Gefahr.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Das ist aber auch die Chance.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Nun wird es Leute geben, die solches Reden anma\u00dfend und frivol finden, die uns beibringen wollen: Das B\u00f6se, das Leid, Mord und Totschlag und Menschenschinden \u2014 das alles liegt am Ende bei Gott. Wir sollen Geduld haben mit dem Elend und an die Erl\u00f6sung glauben. Wer im Ernst solches glaubt, der mag, ich wei\u00df es nicht, irgendwo Frieden finden in sich selbst. Der Welt aber wird er, soweit mich das historische Zeugnis nicht tr\u00fcgt, den Frieden nicht finden, ja nicht einmal finden k\u00f6nnen. Denn, soweit wir mit menschlichen Augen sehen k\u00f6nnen, meine Damen und Herren, funktionieren Krieg und Frieden in dieser Welt nun einmal zuallererst nach materiellen, greifbaren, daher auch angreifbaren Gesetzen, nach Gesetzen der \u00f6konomischen Macht. Ob Frieden passiert oder Krieg in dieser Welt, das liegt, meine ich, nicht bei einem Gott, sondern das liegt bei bestimmten Menschen, und zwar bei denen, die Macht haben, Macht \u00fcber ein gesellschaftliches Bewu\u00dftsein mit Hilfe von Macht \u00fcber Geld und Maschinen. Darum ist es ja auch so wichtig zu pr\u00fcfen, wer in einem Land Macht hat \u00fcber Geld und Maschinen: die friedlichen Leute oder die unfriedlichen. Darum eben ist es so wichtig, da\u00df die friedlichen Leute sich endlich die Macht nehmen, das hei\u00dft k\u00e4mpfen, um den Frieden dauerhaft herzustellen. Und keiner sollte den friedlichen Leuten einreden, sie seien \u00f6ffentlich ohnm\u00e4chtig und schwach von Natur, von Gott her.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Kriege werden nun einmal einzig und allein, wenn <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> (Seite 86)<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">\u00fcberhaupt, dann von m\u00e4chtigen, selbstbewu\u00dften Massen verhindert, und nur von Minderheiten werden sie angezettelt mit Hilfe der Ohnmacht und der Selbstmi\u00dfachtung von vielen. Nein, meine Damen und Herren, es ist, soweit ich sehen kann, kein Gott da, der uns die Welt, so, wie sie uns von Mal zu Mal m<\/span><span lang=\"de-DE\">i\u00df<\/span><span lang=\"de-DE\">r\u00e4t, abnimmt und tragen hilft, der uns vergibt, in Liebe und Geduld. Und g\u00e4be es ihn, dann sollten wir ihn vergessen, bis wir gelernt haben, da\u00df alle b\u00f6sen und besten M\u00f6glichkeiten dieser Welt von unseren H\u00e4nden verwirklicht beziehungsweise vertan werden, von uns allen zusammen, ganz allein. Gehen wir aber noch einmal zur\u00fcck auf die Kernszene des Filmes.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Wenn es nun so ist, da\u00df diese menschenfeindliche Szenerie, in der ein lebendiger Bursche, weil er leben will, sterben mu\u00df \u2014 wenn diese Szene weder mit psychologischen Charakterstudien noch mit religi\u00f6sen Hoffnungen zu packen und beim Namen zu nennen ist \u2014 geht es dann vielleicht mit dem schon bei vielen Leuten zur Gewohnheit gewordenen Zynismus besser, diesem Zynismus, der selbstver\u00e4chtlich sagt: Der Mensch, das ist nun mal ein unter sinnlosen Mutationen sich st\u00e4ndig selbst pervertierendes mi\u00dfratenes Tier? Meine Damen und Herren, was den Krieg mehr f\u00f6rdert als alle psychologischen Klischees, was schlimmer f\u00fcr die Vorbereitung von Kriegen sorgt als alle religi\u00f6sen Ohnmachtsbehauptungen \u2014 was das Kommen eines Krieges meines Erachtens mehr beschleunigen wird als alles andere, das ist, abgesehen von der \u00f6konomischen Situation, die Selbstmi\u00dfachtung des Menschen en masse.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Den Menschen lachend zur\u00fccksto\u00dfen \u00fcber Jahrtausende in primitive biologische Zwangsverkettungen, ihn als eine biologische Verzerrung und als eine sich fortpflanzende Degenerationserscheinung von fr\u00fcher einmal <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> (Seite 87)<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">dumpf intakten Affen auffassen, den Menschen heute so beschreiben, das nenne ich Zynismus, das ist Selbstmi\u00dfachtung, und aus beiden kommt Lust am Tod, kommt schlie\u00dflich dann auch Lust am Krieg. Von dieser Selbstmi\u00dfachtung des Menschen, von der Verzerrung des menschlichen Gesichtes hinab in nur noch Hohn und \u00d6de und Ekel und Fatalit\u00e4t m\u00fcssen wir, meine ich, reden, wenn wir Mittel finden wollen, den Krieg zu bek\u00e4mpfen. Denn Massen von lebendigen Menschen, die ihr Selbstbewu\u00dftsein, ihre Selbstachtung verloren haben oder verlachen, solche ersch\u00f6pften Leute k\u00f6nnen nicht k\u00e4mpfen gegen Machthaber, die mit irgendwelchen Kanonenbooten zu beliebiger Zeit den Krieg von irgendwelchen fernen K\u00fcsten auf uns alle herunterzuschie\u00dfen imstande sind.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Leute, die gelernt haben, sich selbst, ihren Kopf und ihre H\u00e4nde, ihren Schmerz und ihren Traum zu mi\u00dfachten, solche Leute werden, f\u00fcrchte ich, eines Tages lachend sterben wollen. Menschen dieser Schadensklasse werden dunkel den letzten gro\u00dfen Krieg suchen wie einen endg\u00fcltigen schwarzen Frieden.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Reden wir also von der massenhaften Selbstmi\u00dfachtung des Menschen. Was hei\u00dft es aber, davon reden?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Von der Selbstmi\u00dfachtung des Menschen reden, das hei\u00dft, den Raum bestimmen, den Boden genau in Augenschein nehmen, in welchem lebendige Menschen hier bei uns langsam aber sicher bis in ein m\u00f6rderisches Gel\u00e4chter hinein vollkommen verbl\u00f6den. Raum und Boden, was hei\u00dft das? Das hei\u00dft: Der gesellschaftliche Raum hier, und die gesellschaftliche Basis, die \u00f6konomische Basis hier, m\u00fcssen gepr\u00fcft, in Frage gestellt, wohlm\u00f6glich sch\u00e4rfstens attackiert werden. Fragt sich nur, wer sich findet, diese Attacke zu reiten. Um offen zu sein: Ich habe Angst, das zu tun. Ich werde es zwar tun, <\/span><span lang=\"de-DE\">(Seite 88)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">aber mit einer gewissen Angst um mein k\u00fcnftiges Wohlbefinden. F\u00fcr den Frieden reden, wird hier bei uns allzu leicht umgef\u00e4lscht in ein Reden gegen die freiheitlich-demokratischen Grundrechte, und solches Reden kann bestraft werden. Aber ich glaube in allein Ernst, da\u00df wir endlich laut und b\u00f6se und m\u00f6glichst genau in der Sache und an m\u00f6glichst vielen Pl\u00e4tzen m\u00f6glichst bald reden sollten von den menschenver\u00e4chtlichen Verbl\u00f6dungsstadien, die auf uns zukommen, wenn wir nicht endlich wieder Achtung und Zutrauen zu uns selbst, unserem Kopf und unseren H\u00e4nden entwickeln. Verbl\u00f6dungsstadien sind im Kommen, die uns ummauern werden wie einen Gefangenen das Haus ohne Fenster, die uns \u00fcberst\u00fclpen und unkenntlich machen werden, so wie der Henker und das Opfer unkenntlich werden unter schwarzen Kopfs\u00e4cken.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Aber ich habe Angst. Was ist da zu machen?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Was ist das \u00fcberhaupt f\u00fcr ein Land, in dem man schon wieder Angst haben mu\u00df, f\u00fcr den Frieden zu reden?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Als im letzten Kriegsjahr einmal nachts unser Batterief\u00fchrer, ein Oberleutnant, zu mir in die Telefonbaracke kam und sagte: Halten Sie Ihr Maul, Geissler, Sie reden sich mit Ihrem Bl\u00f6dsinn um Kopf und Kragen, da fand ich dieses Land widerlich.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Und als sechs Monate sp\u00e4ter die Engl\u00e4nder kamen, mu\u00dfte ich lachen und winkte ihnen zu. Ich dachte: Jetzt gehts los, jetzt sind wir frei, jetzt sagt dir keiner mehr \u00bbHalts Maul!\u00ab auf Sachen, die dir lieb und teuer sind, zum Beispiel langes Leben, Spa\u00df und Frieden unter den Leuten. Jetzt fangen wir einfach an, dachte ich.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Und heute? Was haben wir denn angefangen? Warum denn schon wieder Angst, wenn frei nachgedacht und geredet wird? Wir haben nicht aufgepa\u00dft! Wir sind im Sentimentalen, im Verschw\u00e4rmten, im Idealischen steckengeblieben. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">(Seite 89)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Unsere Hoffnungen und Pl\u00e4ne sind aus dem Bauch und aus dem Herzen nicht vorw\u00e4rtsgekommen bis in den Kopf. Wir haben, so scheint mir heute, die realen Bedingungen nicht rechtzeitig begriffen, nach denen gesellschaftliche Wirklichkeit sich entweder vern\u00fcnftig entwickelt oder bl\u00f6de verdirbt. Jetzt m\u00fcssen wir laut, auch wenn wir schon wieder Angst haben, laut gegen Krieg und gegen die Pl\u00e4ne der Gewalt reden und rufen. Wir m\u00fcssen jetzt nach Frieden und freundlichen Zeiten schreien wie ein Mann in der W\u00fcste nach Wasser. Und wir m\u00fcssen schreien, bevor die Notstandsgesetze in den H\u00e4nden der M\u00e4chtigen zu Lappen werden, mit denen man uns das Maul stopfen kann. Ich f\u00fcrchte, wir haben nicht mehr viel Zeit. Unter pausen<\/span><span lang=\"de-DE\">l<\/span><span lang=\"de-DE\">osen und gr\u00f6lenden Hinweisen auf die Unwahrheiten dr\u00fcben im Osten wird man uns hier mehr und mehr unsere eigene Wahrheit zerschlagen. Denn haben wir erst einmal die Gesetze, dann wird es k\u00fcnftigen, m\u00f6glicherweise unfriedlichen Machthabern ein leichtes sein, den brauchbaren Notstand zu erfinden, der es zul\u00e4\u00dft, das Sagen der Wahrheit, das laute Schreien nach Frieden, legal zu ersticken.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Nutzen wir also die Zeit; noch sind wir ziemlich freie Leute in einem ziemlich freien Land. Vielleicht klingen manchem vern\u00fcnftigen Mann hier solche S\u00e4tze ein bi\u00dfchen zu pathetisch. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Meine Damen und Herren, ich bin f\u00fcr Pathos, wo gelitten wird. Und es wird gelitten in unserer Gesellschaft. In unserer Gesellschaft leiden Menschen an bohrender Ratlosigkeit, an Angst und Dummheit. Und diejenigen, die diesen Zustand bek\u00e4mpfen, erleiden Drohungen und Diffamierungen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Stimmt das?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Ich nenne ein Beispiel f\u00fcr viele: <\/span><span lang=\"de-DE\">(Seite 90)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Gegen den Krieg, das hei\u00dft gegen die Aufr\u00fcstung organisiert reden und handeln ist hier in unserem Land bereits wieder derartig verp\u00f6nt, da\u00df man den, der ausdr\u00fccklich f\u00fcr den Frieden und gegen den Krieg arbeitet, mit dem Titel bewirft, den man, aus einer uralten Begriffsstutzigkeit heraus, f\u00fcr den schmutzigsten aller B<\/span><span lang=\"de-DE\">e<\/span><span lang=\"de-DE\">griffe h\u00e4lt. Man nennt M\u00e4nner und Frauen, die offen gegen Krieg und seine Kalkulation auftreten, Kommunisten.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Meine Damen und Herren, machen wir uns nichts vor: <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Dieser Titel ist in der Bundesrepublik eine angsteintreibende Drohung.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Leute, die den Frieden zu ihrer Sache machen, Kommunisten zu nennen, das ist durchaus nicht l\u00e4cherlich, auch nicht nur irgendein Trick \u2014 das ist, mindestens auf oberster Ebene, auch nicht nur einfach dummes Gew\u00e4sch. Das ist eine Drohung. Eine massive N\u00f6tigung von friedfertigen Leuten Tag f\u00fcr Tag. Denn jedermann wei\u00df doch, da\u00df aktive Kommunisten hier bei uns Gef\u00e4ngniskandidaten sind, und so macht man dann hier blitzschnell ganz allgemein die Leute, die sich aktiv um den Frieden in der Welt k\u00fcmmern, gef\u00e4ngnisreif. Das nenne ich eine freche legalisierte N\u00f6tigung von vern\u00fcnftigen Leuten. Und ich protestiere deshalb an dieser Stelle ausdr\u00fccklich \u00f6ffentlich, da\u00df man mir Angst macht, weil ich frei nachdenken und frei reden will.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Angst tut weh und kostet Kraft.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Gut.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Noch sind wir frei. Und mit den \u00c4ngsten kann man ja fertig werden. Lassen Sie uns also zusammen nachdenken, damit uns Vern\u00fcnftiges in den Kopf kommt: Ein Bursche will also leben, und weil er das will, wird er mit dem Tode bestraft. Genau das ist Krieg; eine verbrech<\/span><span lang=\"de-DE\">e<\/span><span lang=\"de-DE\">rische Wirklichkeit, in der Menschen verderben. Eine<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> (Seite 91)<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Wirklichkeit, in der der lebendige Mensch verzerrt wird in sein Gegenteil, in stumpfe Abt\u00f6tung, in einen Rest aus Blut und Dreck. Und ich schlage vor, da\u00df wir in Zukunft, jeder an seinem Platz, aus Respekt vor den zahllosen Kriegsopfern, scharf protestieren, wenn man, wie bisher, der kriegerischen Wirklichkeit auch nur irgendeinen einzigen menschlichen Wert glaubt unterschieben zu d\u00fcrfen, etwa Tapferkeit, M\u00e4nnlichkeit, Mut. Da\u00df solche Dinge im Krieg vorkommen, sagt nichts \u00fcber den Krieg selbst. So wenig, wie ja ein Verbrechen dadurch besser wird, da\u00df die Beteiligten in der verbrecherischen Aktion selbst Mut und Tapferkeit und M\u00e4nnlichkeit zeigen. Man hat mir oft gesagt, ich z\u00f6ge mit meinen Texten vom betrogenen krepierten Soldaten die Toten in den Dreck. Ich will jetzt klipp und klar auf diesen Vorwurf antworten: Man zieht tote Soldaten in den Dreck, indem man ihr Elend in Heldentod uml\u00fcgt. Man ehrt die Toten auf eine einzige Weise: indem man, an ihrer Statt, eingedenk ihrer Qualen und ihres vertanen Lebens, nur noch die Wahrheit sagt \u00fcber den Krieg und wie er gemacht wird. Aber Schweigen ringsum und Kranzniederlegungen und stupide Trauermusik, und kaum irgendwo wirksamer Kampf gegen den Krieg. Wie kommt das?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Erstens: weil \u00f6ffentlich gelogen wird.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Zweitens: weil \u00f6ffentlich verdummt wird.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Drittens: weil mit Hilfe eines wirtschaftlichen Systems Gewalt und Angst unter die Haut der Leute gebracht werden.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Ganz genauso wie in der Kernszene des Films passiert es ja auch heute: L\u00fcge, Dummheit und Angst irritieren das Selbstbewu\u00dftsein des Menschen, machen ihn unf\u00e4hig in den einfachsten, wichtigsten menschlichen Dingen. <\/span><span lang=\"de-DE\">(Seit<\/span><span lang=\"de-DE\">e<\/span><span lang=\"de-DE\"> 92)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Reden wir aber der Reihe nach.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Wieso \u00f6ffentliche L\u00fcge?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Meine Damen und Herren, das ist ein weites Feld. Mit den offiziellen Sprachregelungen f\u00e4ngt es an. Man redet zum Beispiel nicht von Krieg. Man redet von Vorw\u00e4rtsverteidigung oder vom Verteidigungsfall.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Bei uns \u00bbf\u00e4llt\u00ab ein Soldat; er wird nicht totgeschlagen. Er f\u00e4llt \u00bbauf dem Felde der Ehre\u00ab; er blutet nicht aus in irgendeinem Keller; verbrennt nicht unter Geschrei in einem Panzer aus Kassel; erstickt nicht in einem U-Boot aus Kiel.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Bei uns steht auf gro\u00dfen Steinen \u00fcberall in Stadt und Land etwas von \u00bbunseren Helden\u00ab; nichts von unseren armen, betrogenen, verratenen Br\u00fcdern. Steht etwas von \u00bbDankbarkeit\u00ab der \u00dcberlebenden, nichts vom Zorn und vom Ha\u00df der \u00dcberlebenden auf die, die das Massensterben ausgedacht und befohlen haben. Bei uns in Hamburg zum Beispiel findet man auf den beiden <\/span><span lang=\"de-DE\">zen<\/span><span lang=\"de-DE\">tralen Pl\u00e4tzen der Stadt, dem Stephansplatz und dem Rathausmarkt, die folgenden L\u00fcgen zum Thema Krieg, in Stein gehauen wie f\u00fcr alle Zeit:<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">\u00bbSie lie\u00dfen ihr Leben f\u00fcr euch. Deutschland mu\u00df leben, und wenn wir sterben m\u00fcssen. Die Gro\u00dftaten der Vergangenheit sind Br\u00fcckenpfeiler der Zukunft.\u00ab<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Es gibt in Hamburg keinen einzigen Stein, auf den man geschrieben hat: Millionen sind unfrei einen gemeinen Tod gestorben, nach dem Willen und zum Nutzen und unter dem Befehl und mit dem Segen von Wenigen. Holt die Schuldigen aus der Macht, zur Ehre der Toten, zur Rettung der Lebendigen. Soviel zum Thema: die \u00f6ffentliche L\u00fcge vom Krieg. Wo eine Gesellschaft sich derma\u00dfen um Realit\u00e4ten he<\/span><span lang=\"de-DE\">r<\/span><span lang=\"de-DE\">uml\u00fcgt, beziehungsweise sich heruml\u00fcgen l\u00e4\u00dft, da wird <\/span><span lang=\"de-DE\">(Seite 93)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">sie im Laufe der Zeit zwangsl\u00e4ufig unglaubw\u00fcrdig werden. Zweitens: Weil \u00f6ffentlich verdummt wird, wei\u00df unsere Gesellschaft auf die Realit\u00e4t Krieg keine angemessene Antwort mehr. Was hei\u00dft aber \u00f6ffentliche Verdummung?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Ich kann hier nur andeuten, was \u00fcberall im Bundesgebiet auf breitester Ebene stattfindet. In Kriegsdingen den Menschen \u00f6ffentlich verdummen, hei\u00dft, ihm sagen, da\u00df im Atomkrieg jeder eine Chance hat zu \u00fcberleben. Richtig mu\u00df es hei\u00dfen: Die Waffen, die produziert werden, werden produziert zum Zwecke der Massenvernichtung. H\u00e4tte jeder eine Chance zu \u00fcberleben, dann w\u00fcrden die Waffen nichts taugen; dann w\u00fcrde die Kalkulation der Generale nichts taugen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">In Kriegsdingen \u00f6ffentlich verdummen, hei\u00dft, Leuten bunte Postwurfsendungen in den Briefkasten werfen, auf denen Hinweise gegeben werden zur Bevorratung der Haushalte, denn, so hei\u00dft es auf den bunten Zettelchen, sehr leicht k\u00f6nnen Krieg und Katastrophe die Versorgung des Menschen st\u00f6ren. Richtig mu\u00df es hei\u00dfen: Diejenigen, die Macht haben, solche Postwurfsendungen zu bezahlen und zu verteilen, haben auch die Macht, Kriege und Katastrophen zu verhindern. Um diese Macht auszu\u00fcben, haben wir diese Leute gew\u00e4hlt. Sollten die Machthabenden sich als ohnm\u00e4chtig erachten in Sachen Krieg und Katastrophen, dann sollen sie verschwinden aus dem Bereich der Macht; dann haben wir falsch gew\u00e4hlt. \u00d6ffentlich verdummen in der Kenntnis vom Krieg nenne ich es, wenn es in einer Gesellschaft zugelassen wird, da\u00df ungef\u00e4hr acht Millionen Landserhefte pro Jahr ausgedruckt und verkauft werden. Ich habe etliche <\/span><span lang=\"de-DE\">(Seite 94)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Hefte gelesen. Mir fehlt die Zeit zu zitieren. Ich behaupte aus Kenntnis: Diese Hefte verherrlichen den Krieg als eine Form der m\u00e4nnlichen Selbstverwirklichung.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Dabei f\u00e4llt \u00fcbrigens etwas auf: Mord vom Maschinengewehr aus als einen m\u00e4nnlichen Sport beschreiben und diese Meinung in Traditionsgruppen pflegen, das ist bei uns erlaubt. Die Verkettung der Massen an wenige M\u00e4chtige als ein Unrecht und eine Gefahr beschreiben und diese Meinung politisch organisieren, das ist bei uns verboten. \u00d6ffentlich in Kriegsdingen den Dummen spielen, nenne ich es, wenn verantwortlicherseits so getan wird, als seien Wildwestfilme der \u00fcblichen Machart uninteressant in Sachen Vorbereitung und Massenein\u00fcbung auf Kriegsabenteuer. Will man denn nicht sehen, da\u00df die Westernmoral gegebenenfalls sehr schnell und sehr real nutzbar gemacht werden kann in einer passenden Umwelt, zum Beispiel in einer \u00bbGoldwater\u00ab-Umwelt? Diese Filme, zusammen mit den \u2014 gez\u00e4hlt \u2014 737 Kriegsfilmen der letzten zehn Jahre, machen in der Bundesrepublik das Gros der gezeigten Filme aus. Ihre unmenschliche Tendenz pr\u00e4gt, wenn noch nicht das Bewu\u00dftsein, dann das Unterbewu\u00dftsein der Mehrzahl der Bundesb\u00fcrger. Wer das leugnet, betreibt planm\u00e4\u00dfig oder fahrl\u00e4ssig die bundesdeutsche Verdummung und damit die Herstellung einer willk\u00fcrlich handhabbaren Ha\u00df- und Aggressionsbereitschaft. \u00d6ffentlich verdummen, freilich auf verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig feine Weise, nenne ich schlie\u00dflich das, was neuerdings auch in den intelligenteren Presseerzeugnissen betrieben wird. Ich denke an Texte, in denen bestimmte menschliche Hoffnungen, witzig verpackt, einem wegwerfenden Gel\u00e4chter preisgegeben werden. Ich greife einen typischen Fall heraus: Der amerikanische Bomberpilot Eatherley galt jahrelang <\/span><span lang=\"de-DE\">(Seite 95)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">bestimmten Leuten als ein tragisches Zeugnis f\u00fcr ein \u00fcberaus empfindliches menschliches Gewissen. Da nun ein derartiges Gewissen z. Z. \u00fcberall knapp ist, gab es ein verst\u00e4ndliches Bed\u00fcrfnis, auf diesen Mann zu hoffen. Jetzt hat sich herausgestellt, da\u00df dieser Pilot wahrscheinlich das, was wir sein Gewissen nannten, zu seinem privaten, neurotischen Vergn\u00fcgen nur hochgespielt hat.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Mag das stimmen. Dann, finde ich, ist das kein Grund zur Freude. Freude und Hohn steckten aber in den Texten seri\u00f6ser Bl\u00e4tter, in denen ich \u00fcber diesen Fall gelesen habe. Freude und Hohn hier\u00fcber verbreiten, das nenne ich eine feinnervige Art der Verdummung. Richtiger w\u00e4re in einem solchen Fall, klar die Entt\u00e4uschung beschreiben dar\u00fcber, da\u00df der einzige Zeuge f\u00fcr ein in Sachen Hiroshima noch irgendwie moralisch intaktes Amerika nun wertlos geworden ist. Wieviel menschliche Selbstmi\u00dfachtung kommt zum Vorschein, wenn Vergn\u00fcgen ausbricht, wo ein wichtiger Zeuge im Kampf gegen Massenvernichtung sich als ein Kranker oder gar als ein L\u00fcgner erweist. Wen verspottet denn dieser Spott, wenn nicht die Hoffnung des Menschen auf bessere Zeiten?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Soviel zum zweiten Punkt: Verdummung in Sachen Krieg.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">So wird also gelogen \u00fcber den Krieg. So wird verdummt bis zur zynischen Selbstmi\u00dfachtung. Die Mechanismen und die Machttr\u00e4ger der L\u00fcge \u2014 und die Mechanismen und die Machttr\u00e4ger der Verdummung m\u00fcssen bek\u00e4mpft werden, wenn Krieg und Kriegsvorbereitungen bek\u00e4mpft werden sollen. Drittens mu\u00df jetzt gesprochen werden von Herkunf<\/span><span lang=\"de-DE\">t <\/span><span lang=\"de-DE\">und Wirkung der Gewalt und der Angst in unserer Gesellschaft. Ich behaupte: Gewalt und Angst beherrschen <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> (Seite 96)<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">bis unter die Haut des einzelnen die ganze Gesellschaft. Die meisten Gesten sind von unerh\u00f6rter Ohnm\u00e4chtigkeit und Ratlosigkeit; die meisten Gesichter von einer tiefen Resignation und Selbstmi\u00dfachtung, oft schon bei jungen Leuten von Zynismus gezeichnet. Eine gespenstische Herrschaft der Klischees wird beobachtet, ob nun gelacht, geweint, geliebt oder gestorben wird. Kaum noch irgendwo Ahnung, was Leben und Lebendigkeit unter Menschen tats\u00e4chlich sein k\u00f6nnten; nirgendwo Stolz und Freude und K\u00fchnheit; nirgendwo gelassenes und unverlogenes Vergn\u00fcgen an Bauch, Kopf und H\u00e4nden! Alle Spielarten der Aggression kommen vor, kreischende \u00d6denei, massenhaft Kopflosigkeit \u2014die miserable Physiognomie einer verdorbenen Gesellschaft.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Wer die gl\u00e4nzende Oberfl\u00e4che f\u00fcr das Ganze nimmt, \u00fcbersieht das Grunds\u00e4tzliche: Den unmenschlichen, aus Angst und Gewalt kommenden und in Angst und Gewalt auslaufenden Kampf aller gegen alle hinter jeder Fassade, hinter fast jedem Auge. <\/span><span lang=\"de-DE\">U<\/span><span lang=\"de-DE\">nd wieso das? Woher dieser Mi\u00dfstand? Wer erzeugt diese hochkomplizierte gl\u00e4nzende Verelendung der Massen?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Dieser gemeine Zustand kommt aus einem System der Angst und der Gewalt, nach welchem unsere Wirtschaft, also die Basisereignisse in unserer Gesellschaft, funktio\u00adnieren.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Von was f\u00fcr einer Angst ist die Rede? Von welcher Gewalt?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Ich rede von der nach hiesigen Wirtschaftsgesetzen legalisierten \u2014 und nach der kirchlichen Privateigentumslehre sanktionierten! \u2014 Gewalt, nach der der St\u00e4rkere recht hat. Und ich rede von der \u00fcberall vorherrschenden Angst, dem Nebenmann zu unterliegen \u2014 auf der <\/span><span lang=\"de-DE\">(Seite 97)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Autobahn, am Arbeitsplatz, im Bett. Lesen Sie Werbetexte. Diese Texte leben von versteckten Drohungen und kaum noch verheimlichten \u00c4ngsten des Menschen. Was hat das alles aber mit Krieg zu tun? Meine Damen und Herren, der herk\u00f6mmliche Krieg einerseits und unser Wirtschaftssystem andererseits haben das wichtigste Gesetz gemeinsam. Gemeinsam ist den Kriegsvorg\u00e4ngen wie den hiesigen Wirtschaftsvorg\u00e4ngen ein ganz bestimmtes, primitives Grundgesetz praktischen Verhaltens. Das primitive Grundgesetz des Krieges wie das primitive Grundgesetz unserer Wirtschaft hei\u00dft:<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">\u00bbDer St\u00e4rkere hat recht.\u00ab<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Ist das so gef\u00e4hrlich?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Ja.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Denn das ist ein den Menschen in Primitivzust\u00e4nde zur\u00fcckzwingendes Gesetz aus der Welt der Vorfahren, aus der Welt der Affen und W\u00f6lfe. Ein Gesetz aus uralten Tagen ist das, ein Gesetz aus der Zeit, als die Natur noch mehr galt als die vom Menschen begriffene und also ver\u00e4nderte Welt. Ein Gesetz ist das, das die vern\u00fcnftigen Chancen des Menschen leugnet und zerst\u00f6rt, das jeden vern\u00fcnftigen Menschen in seinem Selbstbewu\u00dftsein beleidigen mu\u00df.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Denn aus der Zeit, in der ein Affe aus Prestigegr\u00fcnden seinem Nebenmann zeigen mu\u00dfte, wie vielen Kollegen er schon das Fressen weggebissen hat, aus dieser Phase sind wir Menschen unserer M\u00f6glichkeit nach l\u00e4ngst heraus. Davon allerdings scheinen die, die uns unser Wirtschaftssystem eingerichtet haben, bisher kaum etwas geh\u00f6rt zu haben. Wider alle besseren M\u00f6glichkeiten des Menschen haben sie ein Wirtschaftssystem beibehalten, das uns wie W\u00f6lfe, wie hastige Affen hantieren hei\u00dft von morgens bis abends. Wer sich unter dieses Gesetz nicht beugen will, wer sich <\/span><span lang=\"de-DE\">(Seite 98)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">nicht zur\u00fcckzwingen lassen will in brutale Verhaltensweisen, der geht hier bei uns \u00fcber kurz oder lang vor die Hunde. Er wird weggebissen werden vom st\u00e4rkeren M\u00e4nnchen in der Herde. Wer aber nach dem Gesetz, der St\u00e4rkere hat recht, leben will, der mu\u00df bereit sein \u2014 und das scheint mir sehr bedeutungsvoll und wichtig \u2014 der mu\u00df bereit sein, t\u00e4glich seine eigentlich menschlichen M\u00f6glichkeiten zu verleugnen und zu knebeln. Nun ist es aber so, meine Damen und Herren: Jeder Mensch, auch der bl\u00f6deste, hat eine eigenartig hartn\u00e4ckige Ahnung von sich \u2014 von dem, was das sein k\u00f6nnte und eines Tages auch sein wird: ein Mensch. Jeder \u2014 ich mache diese Erfahrung, sooft zum Beispiel fremde Leute als Anhalter in meinem Auto sitzen und wir Zeit haben zu reden und zu fragen, wies so geht und steht jeder von uns, sage ich, hat irgendwo versch\u00fcttet noch eine Ahnung herumliegen von dem, was Sch\u00f6nheit ist und Freundlichkeit unter Menschen und Freiheit. Wenn das aber so ist mit der Ahnung von dem, was der Mensch irgendwann mit allen anderen zusammen mal sein k\u00f6nnte, dann ergibt sich doch folgendes hier bei uns: Man zwingt den Menschen pausenlos von sich selbst weg, zwingt ihn mit Hilfe wirtschaftlicher Druckmittel weg von seinen sch\u00f6nen und vern\u00fcnftigen Ahnungen, abw\u00e4rts ins Tierische, zur\u00fcck ins Hauen und Stechen und Bei\u00dfen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Und was folgt?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Man erzeugt in einem derart zur\u00fcckgeworfenen Menschen einen gef\u00e4hrlichen Notwehrakt, eine tief sich einfressende Mi\u00dfachtung gegen\u00fcber der gro\u00dfartigen eigenen Ahnung; man erzeugt die Selbstmi\u00dfachtung des Menschen. Denn nur unter Absehung von seiner Hoffnung auf menschliche Zukunft und menschlichen<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> (Seite 99)<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"de-DE\">Fortschritt kann er schlie\u00dflich in die Wolfsmoral hier sich zur\u00fcckfinden; kann er den Primitivgesetzen dieser Wirtschaft folgen und Eigentum sammeln, wie der Bischof und der Kanzler es w\u00fcnschen. Hat man aber einmal mit Hilfe der wirtschaftlichen Zw\u00e4nge die gr\u00fcndliche Selbstmi\u00dfachtung der Massen erreicht, dann hat man diese lebendigen Massen auch schon bestens pr\u00e4pariert f\u00fcr den n\u00e4chsten Krieg. Denn wenn in einem n\u00e4chsten Krieg irgend etwas Bedingung sein wird, dann die Selbstmi\u00dfachtung der Massen. So bereitet unser Wirtschaftsverhalten k\u00fcnftiges Kriegsverhalten unmittelbar vor. Und so kommt es, da\u00df, wer den Krieg bek\u00e4mpfen will, dieses Wirtschaftssystem bek\u00e4mpfen mu\u00df.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Christian Geissler <\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><i><span lang=\"de-DE\">Kampagne f\u00fcr Abr\u00fcstung, Frankfurt 1964<\/span><\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><i><span lang=\"de-DE\"><a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/By-nc-sa_color.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-5212 alignleft\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/By-nc-sa_color.png\" alt=\"By-nc-sa_color\" width=\"222\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/By-nc-sa_color.png 720w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/By-nc-sa_color-300x202.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 222px) 85vw, 222px\" \/><\/a><\/span><\/i><\/span><\/span><a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/milpferd_einauge1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4354 alignright\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/milpferd_einauge1-1024x686.jpg\" alt=\"milpferd_einauge1\" width=\"158\" height=\"106\"><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/soldatenfriedhofStQuentin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-5802\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/soldatenfriedhofStQuentin-1024x630.jpg\" alt=\"soldatenfriedhofStQuentin\" width=\"640\" height=\"393\"><\/a>Soldatenfriedhof in Nordfrankreich (St. Quentin) Juli 1963<a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/st2Quentin193.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-5805\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/st2Quentin193-1024x748.jpg\" alt=\"st2Quentin193\" width=\"640\" height=\"467\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/StQuentin3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-5806\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/StQuentin3-1024x742.jpg\" alt=\"StQuentin3\" width=\"640\" height=\"463\"><\/a>Fotos St. Quentin Nordfrankreich 1963&nbsp; Jens Meyer <\/p>\n<p>,<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/BeinhausvonDouaumontHolgerWeinandt2014wikipediaklein.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15254\"\/><figcaption>Douaumont Beinhaus. Fotografie von Holger Weinandt. Wikipedia. Gemeinfrei<\/figcaption><\/figure><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Foto Rudolf Heinrich Meyer Abschrift: aus dem Buch von Christian Geissler ENDE DER ANFRAGE R\u00dcTTEN + LOENING VERLAG M\u00dcNCHEN Vorwort (Seite 9) Zum Titel dieses Buches: Mein erstes Buch hei\u00dft ANFRAGE. Als ich es schrieb, war ich erstaunt dar\u00fcber, da\u00df bei uns in der Bundesrepublik aus der Erfahrung mit dem Nationalsozialismus keine vern\u00fcnftige, d. h. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=5533\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eChristian Geissler Kampagne f\u00fcr Abr\u00fcstung 1964\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1988,1607,1606,1204,2277,1288,2275,1245,2354,1618,945,2352,2356,2202,2276,1610,1817,2351,2355,1],"tags":[2278,3860,2357,3824,2283,1841,2281,1752,2279,2282,2284,2280,2285,2286,3730],"class_list":["post-5533","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-1988","category-1607","category-1606","category-1204","category-2277","category-bezirk-hamburg-mitte","category-christian-geissler-2","category-fotoarchiv-jens-meyer","category-fotograf-hanns-abigt","category-fotografen","category-fotos","category-frankreich","category-grodnow","category-heldentod","category-kampagne-gegen-aufruestung","category-rudolf-heinrich-meyer","category-rudolf-heinrich-meyer-fotograf","category-st-quentin","category-udssr","category-uncategorized","tag-anfrage","tag-grodnow","tag-hanns-abigt","tag-heldentod","tag-kirmes","tag-konrad-adenauer","tag-krieg","tag-kriegsministerium","tag-maechtigen","tag-mord","tag-oberleutnant","tag-vergesslichkeit","tag-verteidigungsfalls","tag-verteidigungsministerin","tag-wolfgang-staudte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5533","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5533"}],"version-history":[{"count":24,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5533\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15258,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5533\/revisions\/15258"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5533"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5533"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5533"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}