{"id":6077,"date":"2018-03-19T11:13:46","date_gmt":"2018-03-19T11:13:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=6077"},"modified":"2018-06-10T17:33:05","modified_gmt":"2018-06-10T17:33:05","slug":"nachruf-werner-esser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=6077","title":{"rendered":"Nachruf Werner Esser Geb. 1948"},"content":{"rendered":"<div class=\"feature-obituaries-details-published\">\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Erschienen im Tagesspiegel vom 16.10.2015 Nachruf auf Werner Esser (Geb. 1948)<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Er h\u00e4tte wohl gesagt:<\/span><\/span><strong>\u201e<\/strong><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><strong>Die letzten f\u00fcnf Monate war ich gl\u00fccklich.\u201c<\/strong><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">von Tatjana Wulfert<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u201c<\/strong><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><strong>Wir bleiben drin.\u201c<\/strong> Der Spruch zieht sich \u00fcber die Fassade, schwarze Buchstaben auf wei\u00dfem Banner in den \u00c4sten eines vom Sockel bis unters Dach gemalten Baumes . 1974 hatten Studenten das Haus in der Waldemarstra\u00dfe 81 in Kreuzberg besetzt und ihre Losung auf die Vorderfront gepinselt. 2015 gibt es Baum und Banner immer noch: Sie blieben drin, die einst wilden und inzwischen etablierten Intellektuellen.<br \/>\nWerner geh\u00f6rte dazu, einerseits. Andererseits hatte er nie in einer Vorlesung gesessen. Aber er kannte sich mit Wohngemeinschaften aus. Hatte damals in D\u00fcsseldorf, wo er aufgewachsen, zur Schule und in die Lehre gegangen war, fluchtartig sein Elternhaus verlassen, um in die erste WG der Stadt zu ziehen. \u201eDu hast psychische Probleme\u201c, war ihm wieder und wieder an den Kopf geworfen worden von seinem pr\u00fcgelnden Vater, seiner kalten Mutter, die w\u00fctend zu dem \u201elinken Pack\u201c gelaufen war, um ihn da herauszuholen.<br \/>\nDaraufhin, und um nicht zum Bund zu m\u00fcssen, zog er nach Berlin und entdeckte die Waldemarstra\u00dfe: das riesige Wohnzimmer, die Gemeinschaftsk\u00fcche, seine neue Familie. Bei der er aber nie eingezogen ist. Jeden Freitag kam er vorbei und bewachte das einzige Telefon. Nahm den H\u00f6rer ab, wenn es klingelte und rief den Verlangten, auch hoch bis in den vierten Stock. Oder er sa\u00df mit den Kindern der Bewohner auf einem Sofa und guckte die Sesamstra\u00dfe. Oder zapfte, wenn gefeiert wurde, Bier f\u00fcr alle. Tags\u00fcber half er in der Tankstelle um die Ecke aus, zog Reifen auf, wusch die Wagen, begann Unmengen zu essen. Und zu trinken. Er schlang, er soff, er verlor seinen Job und stand eines Tages vor der T\u00fcr einer Freundin. Sie fuhr ihn sofort ins Krankenhaus. \u201eEr muss einen Entzug machen\u201c, sagte der Arzt, \u201eauf der Stelle.\u201c<br \/>\nWerner r\u00fchrte keinen Tropfen mehr an, nie wieder. Rauchte daf\u00fcr wie ein Schlot, sch\u00fcttete literweise Kaffee in sich hinein und fand Arbeit in einem Abrissunternehmen. Er mochte die Arbeit, und er hatte Gl\u00fcck, Gl\u00fcck im Spiel, gewann beim \u201eB.Z.\u201c-Bingo 10 000 Mark, reiste damit nach Schweden, Norwegen, Finnland. Er liebte die kalten L\u00e4nder, und wenn er gekonnt h\u00e4tte, w\u00e4re er bis zum Nordkap gefahren.<br \/>\nAber das Abrissunternehmen ging pleite. Es blieben der Hartz-IV- Satz und die Flaschen, die er einsammelte, die Feste in der Waldemarstra\u00dfe, auf denen er noch immer das Bier zapfte, das Fr\u00fchst\u00fcck einmal im Monat und die Geburtstagsessen mit seiner Freundin. Er dachte an seinen Bruder, den von den Eltern geliebten Sohn, der schon tot war und den er vermisste. Sein Knie schmerzte, er kam kaum noch die Treppen hoch, wurde operiert, aber es wurde nicht besser. Er fiel hin, mitten auf dem B\u00fcrgersteig. Zwei Frauen kamen vor\u00fcber. \u201eGuck mal\u201c, sagte eine, \u201edas besoffene Schwein.\u201c Zwei t\u00fcrkische M\u00e4nner halfen ihm auf und gaben ihm Wasser. Und als Werner glaubte, es k\u00f6nne nicht mehr schlimmer werden, stellten die \u00c4rzte den Lungenkrebs fest.<br \/>\nH\u00e4tte ihn jemand \u00fcber das Gl\u00fcck befragt, h\u00e4tte er wohl gesagt: \u201eDie letzten f\u00fcnf Monate war ich gl\u00fccklich.\u201c<br \/>\nDie letzten f\u00fcnf Monate lebte Werner im Pflegewohnheim \u201eAm Kreuzberg\u201c. Er wohnte in einem hellen Zimmer, er h\u00f6rte seine Jennifer-Rush- und Klassikplatten. Er wurde vom m\u00fcrrischen Einzelg\u00e4nger zu einem beschwingten Mitmenschen. Die Pfleger und Schwestern wandten sich ihm zu, wann immer er Schmerzen hatte, wann immer Angst.<br \/>\nSeit dem 1. Januar 2015 gibt es f\u00fcr Sozialhilfeempf\u00e4nger, deren Bestattung das Amt bezahlt, keine Namenstafel mehr und keinen Trauerraum f\u00fcr die Abschiednehmenden. Werner starb am 1. Januar. W\u00e4hrend seine Urne zusammen mit 20 anderen in das Grab gelassen wurde, z\u00fcndeten das Pflegepersonal und alte Freunde im Heim eine Kerze f\u00fcr ihn an bei Kaffee und Kuchen und Jennifer Rush. Die alten Freunde lie\u00dfen ein Schild f\u00fcr ihn anfertigen und schraubten es neben die T\u00fcr in der Waldemarstra\u00dfe 81: \u201eHier zapfte Werner Esser, er hat uns immer gut eingeschenkt.\u201c <\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Tatjana Wulfert<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><strong>Anmerkung 2018:<\/strong> Es ist nicht alles richtig, was Tatjana Wulfert da im Tagesspiegel geschrieben hat, aber so falsch auch wieder nicht, das man es nicht ver\u00f6ffentlichen k\u00f6nnte. Zwei Nachrufe: Rainer Graff und Werner Esser auf Personen, die mit der Walde 81 etwas zu tun hatten.<a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/WernerWaldemarstrasse4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-6082\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/WernerWaldemarstrasse4-614x1024.jpg\" alt=\"WernerWaldemarstrasse4\" width=\"614\" height=\"1024\" \/><\/a><a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Tieresehendichan1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6874 alignright\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Tieresehendichan1-1024x725.jpg\" alt=\"Tieresehendichan1\" width=\"161\" height=\"114\" \/><\/a><br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen im Tagesspiegel vom 16.10.2015 Nachruf auf Werner Esser (Geb. 1948)Er h\u00e4tte wohl gesagt:\u201eDie letzten f\u00fcnf Monate war ich gl\u00fccklich.\u201c von Tatjana Wulfert \u201cWir bleiben drin.\u201c Der Spruch zieht sich \u00fcber die Fassade, schwarze Buchstaben auf wei\u00dfem Banner in den \u00c4sten eines vom Sockel bis unters Dach gemalten Baumes . 1974 hatten Studenten das Haus &hellip; <a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=6077\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eNachruf Werner Esser Geb. 1948\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2049,199,1231,1890,2097,1929],"tags":[3804,2098,2391,1084],"class_list":["post-6077","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-2049","category-berlin","category-berlin-kreuzberg","category-kreuzberg","category-rainer-graff","category-waldemarstrasse","tag-rainer-graff","tag-walde-81","tag-werner-esser","tag-wir-bleiben-drin"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6077","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6077"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6077\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6911,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6077\/revisions\/6911"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6077"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6077"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6077"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}