{"id":6679,"date":"2018-06-04T22:21:26","date_gmt":"2018-06-04T22:21:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=6679"},"modified":"2018-06-12T20:42:31","modified_gmt":"2018-06-12T20:42:31","slug":"die-hochtrabenden-fremdwoerter-von-kurt-tucholsky","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=6679","title":{"rendered":"Die hochtrabenden Fremdw\u00f6rter von Kurt Tucholsky"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\">Die hochtrabenden Fremdw\u00f6rter (Aus einem Brief an die Leserin Erna G.) von Kurt Tucholsky, Gesamtausgabe Band III, (1929 -1932), Seite 418. (1930) zuerst erschienen in der Zeitschrift &#8222;Die Weltb\u00fchne&#8220; (WB)\u00a0 vom 15. April 1930.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\">Tucholskys Antwort&#8230;&#8230;.Hm. H\u00f6r mal zu- die Sache ist so. Etwa die gute H\u00e4lfte aller Fremdw\u00f6rter kann man vermeiden, man solls auch tun\u2026.Soweit hast du ganz recht. <\/span><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\">Aber nun sieh auch einmal die andere Seite. Es gibt in Deutschland einen Snobismus der schwieligen Faust, das Fremdwort &gt;Snobismus&lt; wollen wir gleich heraushaben. Es gibt da also Leute, die, aus Unf\u00e4higkeit, aus Faulheit, aus Wichtigtuerei, sich pl\u00f6tzlich, weil sie glauben, da sei etwas zu holen, den Arbeitern zugesellen, Leute, die selber niemals mit ihrer H\u00e4nde Arbeit Geld verdient haben, verkrachte Intellektuelle, entlaufene Volksschullehrer, Leute die haltlos zwischen dem Proletariat der Arme und dem des Kopfes, zwischen Werkstatt und B\u00fcro hin- und herschwanken &#8211; und denen nun pl\u00f6tzlich nichts volkst\u00fcmlich genug ist. Maskenball der Kleinb\u00fcrger; Kost\u00fcm: Monteurjacke. Nein, du geh\u00f6rst nicht dazu \u2013 ich erz\u00e4hle dir nur davon. Und da hat nun eine Welle von &gt;Arbeiterfreundlichkeit&lt; eingesetzt, die verlogen ist bis ins Mark.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\">Man mu\u00df scharf unterscheiden: Schreibt einer f\u00fcr Arbeiter, f\u00fcr eine Leserschaft von Proletariern, so schreibe er allgemeinverst\u00e4ndlich. Das ist viel schwerer als dunkel und gelehrt zu schreiben \u2013 aber man kann vom Schriftsteller verlangen, da\u00df er gef\u00e4lligst f\u00fcr die schreibe, die sein Werk lesen sollen. Der Proletarier, der abends m\u00fcde aus dem Betrieb nach Hause kommt, kann zun\u00e4chst mit so einem Satz nichts anfangen: &gt;Die vier gr\u00f6\u00dften Banken besitzen nicht ein relatives sondern ein absolutes Monopol bei der Emission von Wertpapieren.&lt; <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\">Dieser Satz aber ist von Lenin<i> (Der Imperialismus als j\u00fcngste Etappe des Kapitalismus), <\/i>und der Satz ist, bei aller Klarheit des Gedankens nicht f\u00fcr die Stra\u00dfenpropaganda geschrieben. Denn hier l\u00e4uft die Grenzlinie: Die einen betreiben Klassenkampf, in dem sie mit wissenschaftlichem R\u00fcstzeug der Philosophie, der Geschichte, der Wirtschaft zun\u00e4chst theoretisch abhandeln, wie es mit der Sache steht. Lenin hat beides getan; der Fall ist selten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\">Die zweite Art Schriftstellerei kann nun nicht umhin, sich der W\u00f6rter und Ausdr\u00fccke zu bedienen, die bereits vorhanden sind. Ich habe mich stets \u00fcber die Liebhaber der Fachausdr\u00fccke lustig gemacht, jene Affen des Wortes, die da herumgehen und glauben, wer wei\u00df was getan zu haben, wenn sie &gt;Akkumulation des Finanzkapitals&gt; sagen, und denen das Maul sch\u00e4umt, wen sie von &gt;Pr\u00e4ponderanz der innern Sekretion&lt; sprechen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\">\u00dcber die wollen wir nur lachen. Vergi\u00df aber nicht, da\u00df W\u00f6rter Abk\u00fcrzungen f\u00fcr alte Denkvorg\u00e4nge sind; sie rufen Gedankenverbindungen hervor, die bereits in den Menschen gleicher Klasse und gleicher Vorbildung schlummern und auf Anruf anmarschiert kommen \u2013 daher sich denn auch Juristen oder Kleriker oder Kommunisten untereinander viel leichter und schneller verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen als Angeh\u00f6rige verschiedener Gruppen untereinander. Es ist nun f\u00fcr den Schriftsteller einfach unm\u00f6glich, alles, aber auch alles, was er schreibt, auf eine Formel zu bringen, die jedem, ohne Bildung oder aber mit nur wenig Bildung, verst\u00e4ndlich ist. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\">Man kann das tun. Dann sinkt das Durchschnittsma\u00df des Geschriebenen tief herunter; es erinnert das an den Stand der amerikanischen Tagesliteratur, die ihren Ehrgeiz daran setzt, auch in B\u00fcrgerfamilien gelesen werden zu k\u00f6nnen, bei denen kein Ansto\u00df erregt werden darf. Und so sieht diese Literatur ja auch aus. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\">Will man aber verwickelte Gedanken, die auf bereits vorhandenen fu\u00dfen, weil keiner von ganz von vorn anfangen kann, darstellen, so mu\u00df man sich, wenn nicht zwingende Gr\u00fcnde der Propaganda vorliegen, der Fachsprache bedienen. Keiner kommt darum herum. Auch Lenin hat das so gehalten&#8230;&#8230;&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\">&#8222;&#8230;.Es ist kein Verdienst der S\u00f6hne, wenn ihre V\u00e4ter so viel Geld hatten, da\u00df sie ihre S\u00f6hne aufs Gymnasium schicken konnten, gewi\u00df nicht. Und was in den meisten F\u00e4llen dabei herauskommt, wissen wir ja auch. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\">Aber unterscheide gut, Erna, zwischen den beiden Gattungen, die da Fremdw\u00f6rter gebrauchen: den Bildungprotzen, die sich damit dicke tun wollen, und den Schriftstellern, die zwischen &gt;induktiv&lt; und &gt;deduktiv&lt; unterscheiden wollen und diesen Denkvorgang mit Worten bezeichnen, die geschichtlich stets dieser Bezeichnung gedient haben. Die Intellektuellen eines Volkes sollen nicht auf dem Niveau von schnapsdumpfen Gutsknechten stehn \u2013 sondern der Arbeiter soll in Stand gesetzt werden, die intellektuellen Leistungen einer Gemeinschaft zu verfolgen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\">Nicht: reinlich gewaschene K\u00f6rper sind ein Abzeichen vom Verrat am Klassenkampf \u2013 sondern: alle sollen in die Lage gesetzt werden, sich zu pflegen. Den K\u00f6rper, Erna und den Geist.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\">Kurt Tucholsky, Gesamtausgabe. D\u00fcnndruck. Drei B\u00e4nde, Band III, 1929 \u2013 1932 (Aus: DIE HOCHTRABENDEN FREMDW\u00d6RTER) Seite 418 \u2013 421 (Ich hab nicht alles abgeschrieben, der Text ist wesentlich l\u00e4nger) zu erst erschienen in &#8222;Die Weltb\u00fchne&#8220;(WB)\u00a0 vom 15. April 1930<a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Nilpferd7.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-5638 alignleft\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Nilpferd7-1024x717.jpg\" alt=\"Nilpferd7\" width=\"113\" height=\"79\" \/><\/a><br \/>\n<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die hochtrabenden Fremdw\u00f6rter (Aus einem Brief an die Leserin Erna G.) von Kurt Tucholsky, Gesamtausgabe Band III, (1929 -1932), Seite 418. (1930) zuerst erschienen in der Zeitschrift &#8222;Die Weltb\u00fchne&#8220; (WB)\u00a0 vom 15. April 1930. Tucholskys Antwort&#8230;&#8230;.Hm. H\u00f6r mal zu- die Sache ist so. Etwa die gute H\u00e4lfte aller Fremdw\u00f6rter kann man vermeiden, man solls auch &hellip; <a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=6679\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDie hochtrabenden Fremdw\u00f6rter von Kurt Tucholsky\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2626,2329,199,1050,2649,2577],"tags":[2650,3908,1387,2651,1192],"class_list":["post-6679","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-2626","category-2329","category-berlin","category-briefe","category-fremdwoerter","category-kurt-tucholsky","tag-entlaufene-volksschullehrer","tag-fremdwoerter","tag-lenin","tag-leute-die-selber-niemals-gearbeitet-haben","tag-tucholsky"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6679","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6679"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6679\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7047,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6679\/revisions\/7047"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6679"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6679"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6679"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}