{"id":6816,"date":"2018-06-09T06:40:36","date_gmt":"2018-06-09T06:40:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=6816"},"modified":"2018-06-12T20:36:56","modified_gmt":"2018-06-12T20:36:56","slug":"soldaten-sind-moerder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=6816","title":{"rendered":"SOLDATEN SIND M\u00d6RDER &#8211; der bewachte Kriegsschauplatz"},"content":{"rendered":"<h1 class=\"western\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><strong>Der bewachte Kriegsschauplatz<\/strong> (Kurt Tucholsky)<\/span><\/span><\/h1>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Im n\u00e4chsten letzten Krieg wird das ja anders sein . . . Aber der vorige Kriegsschauplatz war polizeilich abgesperrt, das vergi\u00dft man so h\u00e4ufig. N\u00e4mlich: Hinter dem Gewirr der Ackergr\u00e4ben, in denen die Arbeiter und Angestellten sich abschossen, w\u00e4hrend ihre Chefs daran gut verdienten, stand und ritt ununterbrochen, auf allen Kriegsschaupl\u00e4tzen, eine Kette von Feldgendarmen. Sehr beliebt sind die Herren nicht gewesen; vorn waren sie nicht zu sehen, und hinten taten sie sich dicke. Der Soldat mochte sie nicht; sie erinnerten ihn an jenen b\u00fcrgerlichen Drill, den er in falscher Hoffnung gegen den milit\u00e4rischen eingetauscht hatte.<\/span><\/span><!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Die Feldgendarmen sperrten den Kriegsschauplatz nicht nur von hinten nach vorn ab, das w\u00e4re ja noch verst\u00e4ndlich gewesen; sie pa\u00dften keineswegs nur auf, dass niemand von den Zivilisten in einen Tod lief, der nicht f\u00fcr sie bestimmt war. Der Kriegsschauplatz war auch von vorn nach hinten abgesperrt.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">&gt;Von welchem Truppenteil sind Sie?&lt; fragte der Gendarm, wenn er auf einen einzelnen Soldaten stie\u00df, der versprengt war. &gt;Sie&lt;, sagte er. Sonst war der Soldat \u203adu\u2039 und in der Menge &gt;ihr&lt; \u2013 hier aber verwandelte er sich pl\u00f6tzlich in ein steuerzahlendes Subjekt, das der b\u00fcrgerlichen Obrigkeit untertan war. Der Feldgendarm wachte dar\u00fcber, dass vorn richtig gestorben wurde.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">F\u00fcr viele war das gar nicht n\u00f6tig. Die Hammel trappelten mit der Herde mit, meist wu\u00dften sie gar keine Wege und M\u00f6glichkeiten, um nach hinten zu kommen, und was h\u00e4tten sie da auch tun sollen! Sie w\u00e4ren ja doch geklappt worden, und dann: Untersuchungshaft, Kriegsgericht, Zuchthaus, oder, das schlimmste von allem: Strafkompanie. In diesen deutschen Strafkompanien sind Grausamkeiten vorgekommen, deren Schilderung, spielten sie in der franz\u00f6sischen Fremdenlegion, gut und gern einen ganzen Verlag ern\u00e4hren k\u00f6nnte. Manche Nationen jagten ihre Zwangsabonnenten auch mit den Maschinengewehren in die Maschinengewehre.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">So k\u00e4mpften sie.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, w\u00e4hrend er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Nat\u00fcrlich Mord. <b>Soldaten sind M\u00f6rder. <\/b>Es ist ungemein bezeichnend, dass sich neulich ein sicherlich anst\u00e4ndig empfindender protestantischer Geistlicher gegen den Vorwurf gewehrt hat, die Soldaten M\u00f6rder genannt zu haben, denn in seinen Kreisen gilt das als Vorwurf. Und die Hetze gegen den Professor Gumbel fu\u00dft darauf, dass er einmal die Abdeckerei des Krieges \u00bbdas Feld der Unehre\u00ab genannt hat. Ich wei\u00df nicht, ob die randalierenden Studenten in Heidelberg lesen k\u00f6nnen. Wenn ja: vielleicht bem\u00fchen sie sich einmal in eine ihrer Bibliotheken und schlagen dort jene Exhortatio Benedikts XV. nach, der den Krieg \u00bbein entehrendes Gemetzel\u00ab genannt hat und das mitten im Kriege! Die Exhortatio ist in dieser Nummer nachzulesen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Die Gendarmen aller L\u00e4nder h\u00e4tten und haben Deserteure niedergeschossen. Sie mordeten also, weil einer sich weigerte, weiterhin zu morden. Und sperrten den Kriegsschauplatz ab, denn Ordnung mu\u00df sein, Ruhe, Ordnung und die Zivilisation der christlichen Staaten.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">(I.W.) Ignaz Wrobel (Kurt Tucholsky), Tucholsky Gesamtausgabe in drei B\u00e4nden. D\u00fcnndruck. Band III. (1929 \u2013 1932). Seite 905. Erste Ver\u00f6ffentlichung in W.B. (Die Weltb\u00fchne) vom 4. August 1931.<a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Nilpferd7.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-5638 alignleft\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Nilpferd7-1024x717.jpg\" alt=\"Nilpferd7\" width=\"170\" height=\"119\" \/><\/a><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der bewachte Kriegsschauplatz (Kurt Tucholsky) Im n\u00e4chsten letzten Krieg wird das ja anders sein . . . Aber der vorige Kriegsschauplatz war polizeilich abgesperrt, das vergi\u00dft man so h\u00e4ufig. 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