{"id":6826,"date":"2018-06-10T11:48:48","date_gmt":"2018-06-10T11:48:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=6826"},"modified":"2018-06-16T19:58:12","modified_gmt":"2018-06-16T19:58:12","slug":"die-verraeter-von-kurt-tucholsky","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=6826","title":{"rendered":"DIE VERR\u00c4TER von Ignaz Wrobel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Die Verr\u00e4ter<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">\u00a0\u00a0 Na, Verr\u00e4ter eigentlich nicht. Ein Verr\u00e4ter, das ist doch ein Mann, der hingeht und seine Freunde dem Gegner ausliefert, sei es, indem er dort Geheimnisse ausplaudert, Verstecke aufzeigt, Losungsworte preisgibt <\/span><\/span><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">. . . und das alles bewu\u00dft . . . nein, Verr\u00e4ter sind diese da nicht. Die Wirkung aber ist so, als seien sie welche, doch sind sie anders, ganz anders.<br \/>\nDa wird man vom Vertrauen der Parteigenossen ausgesandt, mit dem b\u00f6sen Feind zu unterhandeln, sozusagen die Arbeiter zu vertreten, die ja inzwischen weiterarbeiten m\u00fcssen. Und die erste Zeit geht das auch ganz gut. Geld . . . ach, Geld . . . wenn die Welt so einfach w\u00e4re. Geld ist zun\u00e4chst gar nicht zu holen. Der Arbeiterf\u00fchrer bleibt Arbeiterf\u00fchrer; leicht gemieden von den Arbeitgebern, merkw\u00fcrdiges Wort, \u00fcbrigens. Nein, nein, man bleibt ein aufrechter Mann.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">\u00a0\u00a0\u00a0 Aber im Laufe der Jahre, nicht wahr, da sind so die langen Stunden der gemeinschaftlichen Verhandlungen an den langen Tischen: man kennt einander, die Gemeinsamkeit des Klatsches eint, und es wird ja \u00fcberall so viel geklatscht. Nun, und da stellt sich so eine Art vertraulicher Feindschaft heraus.<br \/>\nKitt ist eine Sache, die bindet nicht nur; sie h\u00e4lt auch die Steine auseinander. Zehn Jahre Gewerkschaftsf\u00fchrer; zehn Jahre Reichstagsabgeordneter; zehn Jahre Betriebsratsvorsitzender \u2013 das wird dann fast ein Beruf. Man bewirkt etwas. Man erreicht dies und jenes. Man bildet sich ein, noch mehr zu verh\u00fcten. Und man kommt mit den Herren Feinden ganz gut aus, und eines Tages sind es eigentlich gar keine Feinde mehr. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">\u00a0\u00a0\u00a0 Nein. Ganz leise geht das, unmerklich. Bis jener Satz f\u00e4llt, der ganze Reihen voller Arbeiterf\u00fchrer dahingem\u00e4ht hat, dieser infame, kleine Satz: &gt;Ich wende mich an Sie, lieber Brennecke, weil Sie der einzige sind, mit dem man zusammenarbeiten kann. Wir stehen in verschiedenen Lagern \u2013 aber Sie sind und bleiben ein objektiver Mann . . . &lt; <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">\u00a0\u00a0\u00a0 Da steckt die kleine gelbe Blume des Verrats ihr K\u00f6pfchen aus dem Gras \u2013 hier, an dieser Stelle und in dieser Stunde. Da beginnt es. Der kleine Finger ist schon dr\u00fcben; der Rest l\u00e4\u00dft nicht mehr lange auf sich warten, &gt;Genossen&lt;, sagt der Geschmeichelte,&gt; man mu\u00df die Lage von zwei Seiten ansehn . . . <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">\u00a0\u00a0 &gt;Aber die Genossen verstehen nicht recht und murren: sie sehn die Lage nur von einer Seite an, n\u00e4mlich von der Hungerseite. Und was alles Geld der Welt nicht bewirkt h\u00e4tte, das bewirkt jene perfide, kleine Spekulation auf die Eitelkeit des Menschen: er kann doch die vertrauensvollen Erwartungen des Feindes nicht entt\u00e4uschen. Wie? <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">\u00a0\u00a0 Pl\u00f6tzlich hingehn und sagen: Ja, die Kollegen billigen das nicht, Krieg mu\u00df zwischen uns sein, Krieg und Kampf der Klassen, weil wir uns ausgebeutet f\u00fchlen . . . Unm\u00f6glich. Man kann das unm\u00f6glich sagen. Es ist zu sp\u00e4t.<br \/>\nUnd dann geht es ganz schnell bergab. Dann k\u00f6nnen es Einladungen sein oder Posten, aber sie m\u00fcssen es nicht sein \u2013 die schlimmsten Verr\u00e4terein auf dieser Welt werden gratis begangen. Dann wird man Oberpr\u00e4sident, Minister, Vizek\u00f6nig oder Polizeipr\u00e4fekt \u2013 das geht dann ganz schnell. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Und nun ist man auch den grollenden Zur\u00fcckgebliebenen, die man einmal vertreten hat und nun blo\u00df noch tritt, so entfremdet \u2013 sie verstehen nichts von Realpolitik, die Armen. Nun sitzt er oben, geh\u00f6rt beinah ganz zu jenen, und nur dieses kleine Restchen, dass sie ihn eben doch nicht so ganz zu den Ihren z\u00e4hlen wollen, das schmerzt ihn. Aber sonst ist er gesund und munter, danke der Nachfrage.<br \/>\nUnd ist h\u00f6chst erstaunt, wenn man ihn einen Verr\u00e4ter schilt, Verr\u00e4ter? Er hat doch nichts verraten! Nichts \u2013 nur sich selbst und eine Klasse, die z\u00e4hneknirschend dieselben Erfahrungen mit einem neuen beginnt.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">I.W. (Ignaz Wrobel). <\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Zuerst erschienen in der W.B.. Die Weltb\u00fchne am 10. November 1931. Zitiert nach der Gesamtausgabe. D\u00fcnndruck. Drei B\u00e4nde. 1929 \u2013 1932. Band III. Seite 963. <a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Nilpferd7.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-5638 alignleft\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Nilpferd7-1024x717.jpg\" alt=\"Nilpferd7\" width=\"87\" height=\"61\" \/><\/a><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Verr\u00e4ter \u00a0\u00a0 Na, Verr\u00e4ter eigentlich nicht. 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