{"id":6952,"date":"2018-06-11T09:03:35","date_gmt":"2018-06-11T09:03:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=6952"},"modified":"2018-06-16T19:48:18","modified_gmt":"2018-06-16T19:48:18","slug":"tucholsky-ein-aelterer-aber-leicht-besoffener-herr-zwei-versionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=6952","title":{"rendered":"EIN \u00c4LTERER, ABER LEICHT BESOFFENER HERR von Kaspar Hauser"},"content":{"rendered":"<h1 class=\"western\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><strong>Ein \u00e4lterer, aber leicht besoffener Herr<\/strong><\/span><\/span><\/h1>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 <span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Wie Sie mich hier sehn, bin ick n\u00e4mlich aust Fensta jefalln. Wir wohn Hochpachterr, da kann sowat vorkomm. Es ist wejn den Jleichjewicht. Bleihm Se ruhich stehn, lieber Herr, ick tu Sie nischt \u2013 wenn Se mir wolln mah aufhehm . . . so . . . hopla . . . na, nu jeht et ja schon. Ick wees jahnich, wat mir is: ick mu\u00df wat jejessen ham . . . !<\/span><\/span><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Jetrunken? Ja, det auch . . . aber mit Ma\u00dfen, immer mit Ma\u00dfen. Es wah \u2013 ham Sie &#8217;n Auhrenblick Sseit? \u2013 es handelt sich n\u00e4mlich bess\u00fcchlich der Wahlen. Hips . . . ick bin sossusahrn ein Opfer von unse Parteisserrissenheit. Deutschland kann nich untajehn; solange es einich is, wird es nie bebesiecht! Ach, di\u00df wah ausn vorjn Kriech . . . na, is aber auch janz sch\u00f6n! Wenn ick Sie &#8217;n Sticksken bejleiten d\u00fcrf . . . st\u00fctzen Sie Ihnen ruhig auf mir, denn jehn Sie sicherer!<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Jestern morjen sach ick zu Elfriede, wat meine Jattin is, ick sahre: <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">&gt;Elfriede!&lt; sahr ick, &gt;heute is Sonntach, ick wer man bi\u00dfken rumh\u00f6rn, wat die Leite so w\u00e4hlen dhun, man mu\u00df sich auf den laufenden halten&lt;, sahr ick \u2013 \u00bbes is eine patt . . . patriotische Flicht!&lt; sahr ick. Ick ha n\u00e4mlich &#8217;n selbst\u00e4ndjen Jemieseladn. Jut. Sie packt ma &#8217;n paar Stulln in, und ick \u00dfottel los.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Es w\u00fccht ein ja viel jebotn, ssur Sseit . . . so ville Vasammlungen! Erscht war ich bei die Nazzenahlsosjalisten. Feine Leute. Mensch, die sind valleicht uffn Kien! Die janze Stra\u00dfe wah schwarz . . . un jrien . . . von de Schupo . . . un denn hatten da manche vabotene Hemden an . . . dies d\u00fcrfen die doch nich! &gt;Runta mit det braune Hemde!&lt; sachte der Wachtmeister zu ein, &gt;Di\u00df iss ein wei\u00dfes Hemde!&lt; sachte der. &gt;Det is braun!&lt; sachte der Jriene. Der Mann hat ja um sich jejampelt mit H\u00e4nde und Fie\u00dfe; er sacht, seine wei\u00dfen Hemden sehn imma so aus, saubrer kann a nich, sacht a. Da ham sen denn laufen lassen. Na, nu ick rin in den Saal. Da jabs Brauselimmenade mit Schnaps. Da ham se erscht je\u00fcbt: Aufstehn! Hinsetzn! Aufstehn! Hinsetzn! weil sie denn n\u00e4mlich M\u00e4rsche jespielt ham, und die F\u00fchrers sind rinjekomm \u2013 un der J\u00f6bbels ooch. Kenn Sie J\u00f6bbels? Sie! Son Mann is det! Knorke. Da ham die jerufen: &gt;Juden raus!&lt; un da habe ick jerufen: &gt;Den Anwesenden nadhierlich ausjenomm!&lt; un denn jing det los: Freiheit und Brot! ham die jesacht. Die Freiheit konnte man jleich mitnehm \u2013 det Brot hatten se noch nich da, det kommt erscht, wenn die ihr drittes Reich uffjemacht ham. Ja. Und scheene Lieda ham die \u2013!<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Als die liebe Morjensonne<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">schien auf Muttans J\u00e4nseklein,<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">zoch ein Rejiment von Hitla<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">in ein kleines St\u00e4dtchen ein . . . !<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Na, wat denn, wat denn . . . man witt doch noch singen d\u00fcrfn! Ick bin ja schon stille \u2013 ja doch. Und der J\u00f6bbels, der hat ja nich schlecht jedonnert! Un der hat eine Wut auf den Th\u00e4lmann! &gt;Is denn kein Haufen da?&lt; sacht er \u2013 &gt;ick willn iebern Haufn schie\u00dfen!&lt; Und wir sind alle younge Schklavn, hat der jesacht, und da hat er ooch janz recht. Und da war ooch een Kommenist, den ham se Redefreiheit jejehm. Ja. Wie sen nachher vabundn ham, war det linke Oohre wech. Nee, alles wat recht is: ick werde die Leute wahrscheinlich w\u00e4hln. Wie ick rauskam, sachte ick mir: Anton, sachte ick zu mir, du w\u00e4hlst nazzenahlsosjalistisch. Heil!<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Denn bin ick bei die Katholschen jewesn. Da wollt ick erscht jahnich rin . . . ick wee\u00df nich, wie ick da rinjekomm bin. Da hat son fromma Mann am Einjang jestandn, der hatte sich vor lauter Fremmichkeit den Krahrn vakehrt rum umjebunden, der sacht zu mir: &gt;Sind Sie katholischen Jlaubens?&lt; sacht er. Ick sahre: &gt;Nich, dass ick w\u00fc\u00dfte . . . &lt; \u2013 &gt;Na&lt;, sacht der, &gt;wat wollen Sie denn hier?&lt; \u2013 &gt;Jott&lt;, sahre ick, &gt;ick will mir mal informieren&lt;, sahre ick. &gt;Di\u00df is meine Flicht des Staatsbirjers.&lt; Ick sahre: &gt;Einmal, alle vier Jahre, da tun wa so, als ob wa t\u00e4ten . . . di\u00df is ein scheenet Jefiehl!&lt; \u2013 &gt;Na ja&lt;, sacht der fromme Mann, &gt;di\u00df is ja alles jut und scheen . . . aber wir brauchen Sie hier nich!&lt; \u2013 &gt;Nanu . . . !&lt; sahre ick, &gt;sammeln Sie denn keene Stimm? W\u00f6rben Sie denn nich um die Stimm der Stimmberechtichten?&lt; sahre ick. Da sacht er: &gt;Wir sind blo\u00df eine bescheidene katholische Minderheit&lt;, sacht er. &gt;Und ob Sie w\u00e4hln oder nich&lt;, sacht er, &gt;desderwejn wird Deutschland doch von uns rejiert. In Rom&lt;, sacht er, &gt;is et ja schwierijer . . . aber in Deutschland . . . &lt; sacht er. Ick raus. Vier Molln hak uff den Schreck jetrunken.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Denn wak bei die Demokratn. Nee, also . . . ick hab se jesucht . . . durch janz Berlin hak se jesucht. &gt;Jibbs denn hier keene Demokraten?&lt; frahr ick eenen. &gt;Mensch!&lt; sacht der, &gt;Du lebst wohl uffn Mond! Die hats doch nie jejehm! Und nu jippse iebahaupt nich mehr! Jeh mal hier rin&lt;, sacht er, &gt;da tacht die Deutsche Staatspachtei \u2013 da is et richtich.&lt; Ick rin. Da wah ja so viel Jugend . . . wie ick det jesehn habe, mu\u00dft ick vor Schreck erscht mal &#8217;n Asbach Uralt trinken. Aber die Leute sinn richtich. Sie \u2013 det wa jro\u00dfachtich! An Einjang hattn se lauter Projamms zu liejn . . . da konnt sich jeder eins aussuchen. Ick sahre: &gt;Jehm Sie mir . . . jehm Se mia ein scheenet Projamm f\u00fcr einen selbst\u00e4ndigen Jemieseladen, fier die Interessen des arbeitenden Volkes&lt;, sahre ick, &gt;mit etwas Juden raus, aber hinten wieder rin, und fier die Aufrechterhaltung der wohlerworbenen Steuern!&lt; \u2013 &gt;B\u00fctte sehr&lt;, sacht det Frollein, wat da stand, &gt;da nehm Sie unsa Projramm Numma siemundf\u00fcrrssich \u2013 da is det allens drin. Wenn et Sie nicht jef\u00e4llt&lt;, sacht se, &gt;denn kenn Siet ja umtauschn. Wir sind jahnich so!&lt; Di\u00df is eine kulante Pachtei, sahre ick Ihn! Ick werde die Leute wahrscheinlich w\u00e4hln. Falls et sie bei der Wahl noch jibbt.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Denn wak bei die Sozis. Na, also ick bin ja eijentlich, bei Licht besehn, ein alter, jeiebter Sosjaldemokrat. Sehn Se mah, mein Vata war aktiva Untroffssier . . . da liecht die Disseplin in de Familie. Ja. Ick rin in de Vasammlung. Lauta klassenbewu\u00dfte Arbeita wahn da: Fr\u00e4ser un Maschinenschlosser un denn ooch der alte Schwei\u00dfer, der Rudi Breitscheid. Der is so lang, der kann aus de Dachrinne saufn. Det hat er aba nich jetan \u2013 er hat eine Rede jehalten. W\u00e4hrenddem dass die Leute schliefen, sahr ick zu ein Pachteigenossn, ick sahre: &gt;Jenosse&lt;, sahre ick, &gt;woso w\u00e4hlst du eijentlich SPD \u2013?&lt; Ick dachte, der Mann kippt mir vom Stuhl! &gt;Donnerwetter&lt;, sacht er, &gt;nu w\u00e4hl ick schon ssweiunsswanssich Jahre lang diese Pachtei&lt;, sacht er, &gt;aber warum det ick det dhue, det hak ma noch nie iebalecht! \u2013 Sieh mal&lt;, sachte der, &gt;ick bin in mein Bessirk ssweita Schriftfiehra, un uff unse Ssahlahmde is det imma so jemietlich; wir kenn nu schon die Kneipe, un det Bier is auch jut, un am erschten Mai, da machen wir denn &#8217;n Ausfluch mit Kind und Kejel und den janzen Vaein . . . und denn ahms is Fackelssuch . . . es is alles so scheen einjeschaukelt&lt;, sacht er. &gt;Wat brauchst du Jrunds\u00e4tze&lt;, sacht er, &gt;wenn dun Apparat hast!&lt; Und da hat der Mann janz recht. Ick werde wahrscheinlich diese Pachtei w\u00e4hln \u2013 es is so ein beruhjendes Jefiehl. Man tut wat for de Revolutzjon, aber man wee\u00df janz jenau: mit diese Pachtei kommt se nich. Und das is sehr wichtig fier einen selbst\u00e4ndjen Jemieseladen!<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Denn wah ick bei Huchenberjn. Sie . . . det hat ma nich jefalln. Wer den Pachteisplitter nich ehrt, is det Janze nich wert \u2013 sahr ick doch imma. Huchenberch perseenlich konnte nich komm . . . der hat sich jrade jespaltn. Da hak inzwischen &#8217;n Kimmel jetrunken.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Denn wak noch bei die kleinern Pachteien. Ick wah bei den Alljemeinen Deutschen Mietabund, da jabs hellet Bia; und denn bei den Tannenberchbund, wo Ludendorff mitmacht, da jabs Schwedenpunsch; und denn bei die H\u00e4u\u00dferpachtei, die w\u00e4hln blo\u00df in Badehosn, un da wah ooch Justaf Nahrl, der is nat\u00fcrlicher Naturmensch von Beruf; und denn wak bei die W\u00fcchtschaftspachtei, die sind fier die Aufrechterhaltung der pollnschen W\u00fcchtschaft \u2013 und denn wark blau . . . blau wien Ritter. Ick wollt noch bei de Kommenistn jehn . . . aber ick konnte blo\u00df noch von eene Laterne zur andern Laterne . . . Na, so bink denn nach Hause jekomm.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Sie \u2013 Mutta hat valleicht &#8217;n Theater jemacht! &gt;Besoffn wie son oller liiijel \u2013!\u00ab&lt; Hat se jesacht. Ick sahre: &gt;Muttacken&lt;, sahre ick, &gt;ick ha det deutsche Volk bei de Wahlvorbereitung studiert.&lt; \u2013 &gt;Besoffn biste!&lt; sacht se. Ick sahre: &gt;Det auch . . . &lt; sahre ick. &gt;Aber nur nehmbei. Ick ha staatspolitische Einsichten jewonn!&lt; sahre ick. &gt;Wat wi\u00dfte denn nu w\u00e4hln, du oller Suffkopp?&lt; sacht se. Ich sahre: &gt;Ick w\u00e4hle eine Pachtei, die uns den schtarkn Mann jibt, sowie unsan jeliebtn Kaiser und auch den Pr\u00e4sidenten Hindenburch!&lt; sahr ick. &gt;Sowie bei aller Aufrechterhaltung der verfassungsjem\u00e4\u00dfichten Rechte&lt;, sahr ick. &gt;Wir brauchen einen Diktator wie Maxe Schmeling oder unsan Eckner&lt;, sahre ick. &gt;Nieda mit den Millet\u00e4r!&lt;sahre ick, &gt;un hoch mit de Reichswehr! Und der Korridor witt ooch abjeschafft&lt;, sahre ick. &gt;So?&lt; sacht se. &gt;Der Korridor witt abjeschafft? Wie wi\u00dfte denn denn int Schlafzimmer komm, du oller S\u00fcffel?&lt; sacht se. Ick sahre: &gt;Der Reichstach mu\u00df uffjel\u00f6st wem, das Volk mu\u00df rejiern, denn alle Rechte jehn vom Volke aus. Na, un wenn eener ausjejang is, denn kommt a ja sobald nich wieda!&lt; sahre ick. &gt;Wir brauchen eine Zoffjett-Republik mit ein unumschr\u00e4nkten Offsier an die Spitze&lt;, sahre ick. &gt;Und in diesen Sinne werk ick w\u00e4hln.&lt; Und denn bin ick aust Fensta jefalln.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Mutta hat ohm jestanden und hat jeschimpft . . . ! &gt;Komm du mir man ruff&lt;, hat se jebrillt.&gt;Dir wer ick! Du krist noch mal Ausjang! Eine Schande is es \u2013! Komm man ja ruff!&lt; Ick bin aba nich ruff. Ick als selbst\u00e4njdja Jemieseladen wee\u00df, wat ick mir schuldich bin. Wollen wa noch ne kleene Molle nehm? Nee? Na ja . . . Sie missn jewi\u00df ooch ze Hause \u2013 die Fraun sind ja komisch mit uns M\u00e4nna! Denn winsch ick Sie ooch ne vajniechte Wahl! Halten Sie die Fahne hoch! Hie alleweje! Un ick wer Sie mal wat sahrn: Uffjel\u00f6st wern wa doch . . . rejiert wern wa doch . . .<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Die Wahl is der Rummelplatz des kleinen Mannes! Det sacht Ihn ein Mann, der det Lehm kennt! Jute Nacht \u2013!<\/span><\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">K.H. (Kaspar Hauser). Erstver\u00f6ffentlichung in W.B. (Die Weltb\u00fchne) vom 9. September 1930. Zitiert nach Gesamtausgabe. D\u00fcnndruck. Drei B\u00e4nde. Band III. 1929 &#8211; 1932. Seite 522 \u2013 525.<\/span><\/span><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Tieresehendichan3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6877 alignright\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Tieresehendichan3-1024x780.jpg\" alt=\"Tieresehendichan3\" width=\"126\" height=\"96\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Version Zwei. Abgeschrieben von einer Amiga Schallplatt. Angeblich VEB. <\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Zu der Zeit durfte man Kurt Tucholsky noch nicht abschreiben und ver\u00f6ffentlichen. Deswegen ist die Schreibweise auch so, wie ich sie damals geh\u00f6rt habe. Die Version auf der Schallplatte ist ver\u00e4ndert und gek\u00fcrzt. Das wu\u00dfte ich damals bei der \u00dcbertragung des Textes der Schallplatte in den Schrifttext nicht.<\/span><\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Ein \u00e4lterer, aber leicht besoffener Herr<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Wie se mir hier sehen, bin ik n\u00e4mlich aus fenster jefallen. wir wohnen hochpaterterre, da kann sowat vorkommen. Et is wegen det Gleichgewicht. Ham se einen Augenblick Zeit? Ja?<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Es handelt sich n\u00e4mlich bez\u00fcglich der Wahlen. Ik bin sozusagen ein Opfer von unsere Parteizerissenheit. Deutschland kann ja janich unterjehen. Ich glaube, ik mu\u00df wat komisches jejessen habn. Jetrunken nat\u00fcrlich och, he he, aba mit massen.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Also, det war so, jestern morgen sah ik su meine gattin. ik sa je elfriede sa ik, heut is sonntag, ik wer mal n bisschen rumh\u00f6ren, wat die Leute so w\u00e4hlen tun, man muss sich ja auf den laufenden halten, des is eine patologische Flicht. Ik hab n\u00e4mlich, ik hab n\u00e4mlich einen selbst\u00e4ndigen jem\u00fcseladen. Also sie packt mir ein paar Stullen ein und ik zottel los. zuerst war ik bei di nazis. es jab brauselimminade mit schnaps. Und denn ham se je\u00fcbt, uffstehen, hinsetzen, uffstehen, hinsetzen, weil se n\u00e4mlich M\u00e4rsche gespielt ham und denn sind die ganzen f\u00fchrers in den saal jekommen, j\u00f6bbels ooch und denn ham se jebr\u00fcllt freiheit und brot. Die Freiheit konnten wir jleich mitnehm, det brot hatten se noch nich da.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">(Schrifttext: det kommt erscht, wenn die ihr drittes Reich uffjemacht ham)<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Aba, aba scheene lieder ham die jesungen&#8230;&#8230;Als die liebe Morjensonne, fack, schien auf Muttans J\u00e4nseklein, zwei, drei, vier, zoch ein Rejiment von Hitla&#8230;&#8230;.wat denn wat denn man wird doch wohl noch singen d\u00fcrfen.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Also, also wi ik aus det lokal rauskomme, ha ik mir jesacht, anton ha ik mir jesacht, anton, du w\u00e4hlst nazionalsozialistisch. Und denn wa ik, und denn wa ik bei de demokraten. Ne also ..det heisst, ik hab se jesucht. wa? Jibs denn hier keine demokraten frag ich den eenen. Mensch sacht der, lebst du auf dem Mond? Die hats noch nie jejeben un nun jibs sie \u00fcberhaupt nich mehr. Je mal hier rin, da tagt die deutsche Staatspartei, h\u00e4 h\u00e4&#8230;.also sie, sie dat war jro\u00dfartig, lauter projramme, jeder konnt sich eins aussuchen. Jeben se mir, sach ik zu dat Frollein, wat da stand, jeben sie mir ein sch\u00f6net projramm f\u00fcr einen selbstst\u00e4ndigen Jem\u00fcseladen und f\u00fcr die Aufrechterhaltung der wohlerworbenen Steuern.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Bitte sehr, sacht det Frollein, nem sie unser Projramm siebundversich und wenn es ihnen nicht gef\u00e4llt, k\u00f6nnse es ja umtauschen, wir sind ga nich so. Also ik hab dann erstma vier Asbach getrunken. Die Leute wer ik wahrscheinlich w\u00e4hlen, det heisst also, wenns die bei de n\u00e4chste wahl noch jibt. Und denn wa ik de nee&#8230;nee&#8230;. denn war ik bei de Sozis. Ik bin n\u00e4mlich&#8230;. bei Lichte besehen&#8230;.ein alter je\u00fcbter Sozialdemokrat&#8230;mein Vater war aktiver Unteroffizier&#8230;.h\u00e4&#8230;h\u00e4&#8230; da licht de Disziplin so inne familie&#8230;.h\u00e4&#8230;h\u00e4&#8230; also \u2026..also wie ik in den Saal komme \u2026.da hat auch grade einer so sch\u00f6n geredet. Und w\u00e4hrend die Leute schliefen, da sach ik zu den eenen, der neben mir sass, jenosse, sach ik, jenosse, sa ma wiso<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">w\u00e4hlst du eigentlich spd?&#8230;ik dachte, der mann kippt mir von stuhl.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Donnerwetter sacht er, nu w\u00e4hl ik schon zweeundzwanzig Jahre diese Partei, aba warum ik det tue, det ha ik mer noch nich \u00fcberlegt. Kik ma, ik bin in meinem bez\u00fcrk zweeter Schriftf\u00fchrer, ob unsere Saalabende is et imma so jem\u00fctlich. ik kenn die Kneipe, det bier is ooch jut, an ersten mai machen wer unseren ausfluch und abens is fakelzug, et hat sich alles so scheen einjeschaukelt&#8230;&#8230;Wat brauchste Jrunds\u00e4tze wenn de een Apparat hast&#8230;&#8230;Un da hat der Mann recht. Wahrscheinlich wer ik dise Patei w\u00e4hlen, naja det is so ein beruhigendes Jef\u00fchl. Man tut wat for de Revolution und wees janz jenau mit dise Partei, kommt se ganz bestimmt nicht. Und des is sehr wichtig f\u00fcr einen selbstst\u00e4ndigen Jem\u00fcseladen. Wo wa ik denn stehenjeblieben?&#8230;. Also ah ja hier&#8230;. denn hab ik erstmal een Kimmel getrunken und denn wa ik noch bei die kleinen Parteien. Bei den deutschen Mieterbund, da jabs hellet Bier, bei den Tannenbergbund, jabs Schwedenpunsch, bei de H\u00e4userpartei jabs wieda Kimmel, bei de Wirtschaftspartei &#8230;&#8230;.h\u00e4&#8230;&#8230;h\u00e4&#8230;und den wa ik bl\u00f6&#8230;.. (im Original und denn wark blau&#8230;blau wien Ritter)&#8230;.Ik wollt ja noch bei de Kommunisten gehn, aber ik konnte blo\u00df noch von eene Laterne zur anderen&#8230;..Und so bin ik denn nach haus jekommen. Mutterchen, ha ik jesacht, Mutterken ik ha dat deutsche Volk bei seine Wahlvorbereitungen studiert. Besoffen biste, sacht see. Det ook, sa ik aba, det nur nebenbei. Na wat wisste nun w\u00e4hlen du Suffkopp sachse&#8230;..Momang sach ik Monang. ik w\u00e4hle eine Partei, die uns einen starken Mann jibt, wie unsan jeliebten Kaiser Willem un ooch den ollen Hindenburch, sa ik, so wie bei aller Aufrechterhaltung unsa verfassungsm\u00e4ssigen Rechten, einen Diktator wie Maxe Schmeling, sa ik, nieder mit Milit\u00e4r sa ik und hoch die Reichswehr, sa ik, der Reichstag muss uffjel\u00f6st wern, det volk muss rejiren, denn alle rechte jehen von volke aus. Und wenn eener ausjejangen is, kommt er ja so bald nicht wida, sa ik. Wir brauchen eine Zoffjettrepublik mit einen unumschr\u00e4nkten Offizier an de Spitze&#8230;..und denn bin ich aus Fenster jefallen&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;Nem wir noch ne kleene Molle? Wa? Sie m\u00fcssen ja auch zu hause. Off alle F\u00e4lle w\u00fcnsch ik sie eine vaniechte Wahl. Halten se de Fahne hoch&#8230;..Denn sehn se mal. Die Wahl, die Wahl ist der Rummelplatz det kleinen Mannes. Einmal, alle vier Jahre, da tun wa so, als ob wir t\u00e4ten, aber uffjel\u00f6st und rejiert wern wa doch, Nacht.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Bei Tucholsky sieht der Text etwas anders aus und er endet auch anders:<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Die Wahl ist der Rummelplatz des kleinen Mannes. Det sacht ihn ein Mann, der det Lehm kennt. Jute Nacht. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Die Schlu\u00dfs\u00e4tze der Amiga Platte sind zusammengekn\u00fcttelt. Aus der Mitte des Textes, als der Jem\u00fcseh\u00e4ndler bei den Katholiken ist, die ihn aber nicht reinlassen&#8230;sagt er zu dem<b> <\/b>Katholiken: Einmal, alle vier Jahre, da tun wir so, als ob wir t\u00e4ten&#8230;..di\u00df is ein scheenet Jefiehl. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Tieresehendichan3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6877 alignright\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Tieresehendichan3-1024x780.jpg\" alt=\"Tieresehendichan3\" width=\"154\" height=\"118\" \/><\/a><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein \u00e4lterer, aber leicht besoffener Herr \u2013 Wie Sie mich hier sehn, bin ick n\u00e4mlich aust Fensta jefalln. Wir wohn Hochpachterr, da kann sowat vorkomm. Es ist wejn den Jleichjewicht. 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