{"id":6957,"date":"2018-06-11T09:47:28","date_gmt":"2018-06-11T09:47:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=6957"},"modified":"2026-03-13T16:29:01","modified_gmt":"2026-03-13T16:29:01","slug":"auf-der-reeperbahn-nachts-um-halb-eins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=6957","title":{"rendered":"AUF DER REEPERBAHN NACHTS UM HALB EINS von Peter Panter"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/IMG_1273klein.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/IMG_1273klein.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-31525\" style=\"width:192px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/IMG_1273klein.jpg 800w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/IMG_1273klein-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/IMG_1273klein-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/IMG_1273klein-768x768.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Hans Albers in Metall Foto Jens Meyer 13. M\u00e4rz 2026<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">AUF DER REEPERBAHN NACHTS UM HALB EINS <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Nein. Nicht der Film mit Hans Albers. Sondern der Text von Peter Panter alias Kurt Tucholsky. <\/i><\/span><\/span>I<span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">m &gt;Grenzfa\u00df&lt;, da, wo Preu\u00dfen an Hamburg st\u00f6\u00dft, gibt es morgens um halb f\u00fcnf eine herrliche H\u00fchnerbr\u00fche, <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">die gut tut, und nun tanzen sie nicht mehr, nirgends \u2013 nun hat es sich ausgetanzt. In der &gt;Finkenbude&lt; d\u00fcrfen sie auch nicht schlafen \u2013 sie d\u00fcrfen \u00fcberhaupt nicht mehr in den fr\u00fcheren Logierh\u00e4usern schlafen, fast nirgends mehr \u2013 die Kommunalbeh\u00f6rden haben das aufgehoben, Gott wei\u00df, warum. In der &gt;Finkenbude&lt; (Finkenstra\u00dfe) war, als wir eintraten, jener schnelle k\u00fchle Luftzug durch das Lokal geflitzt, der immer hindurchzuziehen pflegt, wenn Leute eintreten, die da nichts zu suchen haben \u2013 telepathisch geht ein unh\u00f6rbares Klingelzeichen durch den Raum: &gt;Achtung! Polente!&lt; Und dann sehen die Leute so unbefangen drein, und die Kartenspieler spielen so eifrig und so harmlos, und alle sind so besch\u00e4ftigt . . . Mit vielen &gt;H\u00e4h\u00e4s&lt; setzte uns ein langer Berliner auseinander, dass er nun bald wieder Arbeit auf einem Schiff annehmen w\u00fcrde . . . &gt;Denn, nicha, Herr Wachtmeister \u2013 sch\u00f6ne Aussicht hier \u2013 was?&lt; Gott wei\u00df, was sie da kochten . . .<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Im chinesischen Restaurant sangen sie beim Tanzen, die ganze Belegschaft, einstimmig und brausend \u2013 eine kleine Blonde hatte eine Kehle aus Blech \u2013 es klang wie aus einer Kindertrompete. S\u00fcdamerikaner tanzten da und Siamesen und Neger. Die l\u00e4chelten, wenn die kleinen M\u00e4dchen kreischten. Ich suchte, ob die Somali von Hagenbeck Vertreter entsandt h\u00e4tten \u2013 aber so sch\u00f6n war hier niemand . . .<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Im &gt;Hippodrom&lt; trabten die Pferde f\u00fcr zwanzig Pfennig, und wenn man eine Mark aufwendete, durfte man sie galoppieren lassen; der Stallmeister drehte sich unentwegt um sich selbst, als st\u00e4nde er auf einer rotierenden Scheibe, und wippte mit der Peitschenschnur, die er manchmal aufknallen lie\u00df . . . Die Pferde hatten m\u00fcde, traurige Augen, weil sie nachts hier unten, ein paar Kellerstufen unter dem Trottoirpegel, herumlaufen mu\u00dften, ohne jemals ans Ziel zu kommen . . . Es waren nicht nur Nachtbr\u00e4ute da, auch Tagesdamen und Familien mit Schw\u00e4gerin, Tante und Gro\u00dfmama, denn es war Sonnabend.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Da, an der Ecke, wollte uns der Portier hineinlocken \u2013 die Damen seien alle in Schwimmhosen, versicherte er. Aber das konnten wir uns gar nicht vorstellen . . .<br \/>Und in der rechteckig gewinkelten kleinen Gasse, die auf beiden Seiten durch Tore abgeriegelt war, standen und latschten viele junge Leute; und vor dem Eingang, an der Kleinen Freiheit, stand ein Zettelverteiler von der Deutschen Mitternachts-Mission und sprach die jungen Leute an: Hier, in den H\u00e4usern mit den verschlossenen Fensterl\u00e4den h\u00e4tten sie nichts zu suchen . . . &gt;Was suchen Sie hier?&lt; stand auf seinen Traktaten. Um den Redner herum standen zwanzig Menschen, und wenn sie ihn angeh\u00f6rt hatten, gingen sie alle, einer nach dem andern, durch das Tor.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">So leid es mir tut:<br \/>Sankt Pauli ist sehr brav und fast gut b\u00fcrgerlich geworden. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Der st\u00f6hnende Trubel der Inflation ist dahin; und es gibt keine &gt;Sailors&lt; mehr, die vier Monate auf dem Meer mit dem Schiffszwieback und den Ratten und dem Kapit\u00e4n allein waren, und vier salzige Monate lang keine Frau mehr gesehen hatten; und es gibt nicht mehr diese tobenden N\u00e4chte und nicht die bunten Verbrechen . . . Oder liegt es an uns, an unsern Augen \u2013?<br \/>Menschen sind romantisch. Gegenst\u00e4nde sind es nicht. Die Romantik liegt im Auge des Beschauers.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Sieh die jungen Leute an, die da mit ihren M\u00e4dchen Sankt Pauli durchziehen \u2013 es ist ganz unleugbar, dass der Sport auch hier Wellen schl\u00e4gt. Das sind neue Leute, unromantisch auch sie. Die \u00e4lteren haben den Krieg gesehen, und alle die Inflation, und sie wundern sich so leicht nicht mehr. Bei aller Naivit\u00e4t: es wundert sie so leicht nichts mehr. Der Schauer vor dem &gt;Laster&lt; ist dahin, und die Geheimnisse und vieles andere noch. K\u00fchler sind die Augen, h\u00e4rter die Falten um den Mund, k\u00e4lter und glatter die Gesichter. Die Polizeirapporte sind n\u00fcchterner \u2013. Und es ist gut so.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Denn ich w\u00fcnschte, dass wir die Reeperbahn, nachts um halb eins, so ansehen, wie man gesellschaftliche Vorg\u00e4nge jeder Art nun einmal ansehen soll: sachlich, k\u00fchl, m\u00f6glichst unromantisch \u2013 klar. Mit den Geschlechtskrankheiten ist es erst besser geworden, seitdem man ohne Schauer, ohne dummes Grinsen, ohne moraltriefendes Gew\u00e4sch davon und dar\u00fcber sprechen darf \u2013 das ist m\u00fchsam erk\u00e4mpft worden, aber es hat gen\u00fctzt. Tausende sind so bewahrt worden \u2013 Hunderttausende leichter geheilt. So soll man auch soziologische Vorg\u00e4nge: Prostitution, Arbeitslosigkeit von Angeh\u00f6rigen der Handelsmarine; Konzessionsentziehungen; Zwistigkeiten zwischen Leuten, die unter Polizeiaufsicht stehen, und der Polizei; Wohnungsnot; Alkoholkonsum; Vergn\u00fcgungsbetrieb \u2013: kurz, Sankt Pauli \u2013 so soll man auch dies sachlich betrachten. Man kommt weiter damit. (Und das ist mit dem Nationalismus nicht anders.)<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">L\u00e4ngst bin ich aus Altona fort \u2013 ich stehe auf dem n\u00e4chtlich leeren G\u00e4nsemarkt zu Hamburg und sehe eine kleine enge Gasse herunter, die brav und bieder geworden ist, seitdem sie die \u00f6ffentlichen H\u00e4user hier geschlossen haben. Niemand steht dort mehr in den Haust\u00fcren und winkt; wenn man herunterging, plapperte die ganze Gasse mit einem Male. &gt;Na Kleiner! Komm! Dich kenn ich doch noch aus Honolulu!&lt; Ich war niemals in Honolulu . . . es mu\u00df eine Personenverwechslung vorliegen . . . In meinen Ohren klingt noch wirre Musik von der Reeperbahn, nachts um halb eins.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">P.P. (Peter Panter). Erstver\u00f6ffentlichung in der Voss. (Vossische Zeitung, Verlag Ullstein) am 19. August 1927. Zitiert nach Gesamtausgabe Kurt Tucholsky. D\u00fcnndruck. Drei B\u00e4nde. Band II. 1925 \u2013 1928. Seite 852 \u2013 854.<\/span><\/span><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Tieresehendichan3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6877 alignright\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Tieresehendichan3-1024x780.jpg\" alt=\"Tieresehendichan3\" width=\"110\" height=\"84\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 class=\"western\">\u00a0<\/h2>\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/By-nc-sa_color.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"720\" height=\"486\" src=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/By-nc-sa_color.png\" alt=\"Creative commons.org\" class=\"wp-image-1755\" style=\"aspect-ratio:1.481443907844218;width:237px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/By-nc-sa_color.png 720w, https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/By-nc-sa_color-300x202.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">cc<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>AUF DER REEPERBAHN NACHTS UM HALB EINS Nein. 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