{"id":6962,"date":"2018-06-11T11:02:34","date_gmt":"2018-06-11T11:02:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=6962"},"modified":"2018-06-16T19:43:28","modified_gmt":"2018-06-16T19:43:28","slug":"larissa-reissner-von-kurt-tucholsky","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=6962","title":{"rendered":"LARISSA REISSNER von Kurt Tucholsky (Ignaz Wrobel)"},"content":{"rendered":"<p><b><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Larissa Reissner<\/span><\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">D<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">ie ist in ihrem eignen Saft gekocht. Wir haben so viel alte Weiber unter den Journalisten \u2013 eine so kluge, eine so kr\u00e4ftige war noch nicht dabei. <\/span><\/span><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Ihre ausgew\u00e4hlten Schriften liegen nun unter dem Titel <\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">&gt;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Oktober<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>&lt; <\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">im Neuen Deutschen Verlag zu Berlin vor.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Im Inhaltsverzeichnis fehlt zun\u00e4chst &gt;<i>Hamburg auf den Barrikaden<\/i><i>&lt;<\/i>, das ein ungerechtfertigtes und politisches Edikt der Republik unter Zuhilfenahme einer sogenannten Justiz dem legalen Verkauf entzogen hat. Ich besitze das Buch und sch\u00e4tze es als eins der besten Revolutionsdokumente, das so ganz nebenbei eine Meisterschilderung Hamburgs enth\u00e4lt, das Paradigma eines St\u00e4dtebildes, etwas ganz und gar Einzigartiges. Die Konfiskation dieser Brosch\u00fcre n\u00fctzt nat\u00fcrlich, wie alle derartigen Kindereien, zum Gl\u00fcck wenig. Und im \u203a<i>Oktober\u2039<\/i> bleibt noch reichlich genug Sch\u00f6nes.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Nach einer sehr guten Vorrede Radeks f\u00e4ngt es mit der <\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">&gt;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Roten Front<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>&lt; <\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">an, einer Schilderung der russischen Revolution aus den Jahren 1918 und 1919. Schon hier f\u00e4llt etwas auf, das so selten anzutreffen ist: Larissa Reissner sah zugleich das Nahe und das Ferne. Ihre aus dem Kampf mitgebrachten Fotos sind ganz klar, scharf bis in die letzte Baumspitze (<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">&gt;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Der Kommandeur spuckt \u00e4rgerlich in seine verwundete Handfl\u00e4che<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">&lt;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">); es ist jener Naturalismus Tolstois, der noch in Todeskr\u00e4mpfen sehen l\u00e4\u00dft, da\u00df der operierende Arzt sein Zigarrenstummelchen, um es nicht mit Blut zu beflecken, zwischen dem Daumen und dem Ringfinger geklemmt h\u00e4lt. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> So nahe kriecht die Reissner an die Gegenst\u00e4nde heran, saugt sie in sich auf und f\u00fchlt besonders das dynamische Spiel scheinbar toten Materials. <\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">&gt;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Einzelne Wagen stehn zu zweit, zu dritt, weit voneinander entfernt. Es ist, als wenn sie miteinander spielten. Als wenn man sich nur abzuwenden brauchte, damit sie wieder weiterlaufen, um dann, beim ersten Blick, den man ihnen zuwirft, wie \u00fcberrascht in ungeschickten Stellungen stehn zu bleiben.<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">&lt;<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Da ist die Szene, wo sie aus Zufall, aus unversch\u00e4mtem Gl\u00fcck einem wei\u00dfen Offizier entwischt. Das ist in seinem dramatischen Aufbau gro\u00dfartig. Sie spielt alle Register: so, wenn sie von den wei\u00dfen Offizieren sagt: &gt;Mein Gott, wie gut war das wei\u00dfe Regime am dritten Tage seiner Sch\u00f6pfung! Wie wohltuend wirken die bescheiden zur Schau getragnen Merkmale der Geisteskultur auf dem Tuche der Beamten und Milit\u00e4rs; Merkmale der wahren Aufkl\u00e4rung und Bildung. Wie kokett schimmern seine akademischen Abzeichen, wie wohltuend wirken sie auf die allgemeine Atmosph\u00e4re!&lt; Solcher Bilder gibt es Hunderte, und was wichtiger ist: man versteht Heroismus, Pathos und Gr\u00f6\u00dfe jener einzigartigen Epoche. Nat\u00fcrlich kann man einwenden, da\u00df ja auch auf der andern Seite solche Soldaten, solche Kerls und solche M\u00e4nner standen \u2013 aber ich glaube nicht, da\u00df die so von einer Idee durchblutet waren, wie diese hier.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Die Skizzen aus Afghanistan, im Jahre 1920 entstanden, zeigen das gro\u00dfe Format einer Internationale, wie sie in amsterdamer Gewerkschaftskreisen weniger bekannt sein d\u00fcrfte. Folgen die Schilderungen aus russischen Bergwerken &gt;<i>Im Lande des Platins<\/i><i>&lt;<\/i>, aus denen man nun einmal wirklich lernen kann, wieviel Opfermut, wieviel K\u00fchnheit und wieviel Gr\u00f6\u00dfe in jenem Lande vorhanden war, von dem der gepflegte Kulturdichter Rudolf G. Binding im Kriege geschrieben hat: &gt;Ru\u00dfland bietet in diesen Tagen ein Bild, das sich immer wiederholen wird. P\u00f6bel ist immer arrogant. Er bem\u00e4chtigt sich der Herrschaft ohne das geringste Bedenken, aber auch ohne die leiseste F\u00e4higkeit zu herrschen. Winkelanw\u00e4lte, Winkeladvokaten, Bankrotteure auf allen Gebieten sind die F\u00fchrer, und Unwissenheit, D\u00fcnkel und Gr\u00f6\u00dfenwahn sitzen zusammen zu Tisch.&lt; So weit der verhinderte Generalstabsoffizier mit der geb\u00fcgelten Seele. Ach, wie w\u00e4re jener heute mit den Russen zufrieden! Ich w\u00fcnschte, er w\u00e4re es nicht.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Eine wie gro\u00dfe Journalistin aber die Reissner gewesen ist, k\u00f6nnen wir Deutsche ganz genau beurteilen, weil wirs n\u00e4mlich kontrollieren k\u00f6nnen. &gt;<i>I<\/i><i>m Lande Hindenburgs<\/i><i>&lt;<\/i> spielt bei uns. Hier sind wir sachverst\u00e4ndig, hier leben wir, sie ist eine Fremde, nun soll sie zeigen, was sie kann. Sie kann.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Die gro\u00dfe Arbeit \u00fcber <\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">&gt;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Junkers<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>&lt; <\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">ist in diesen Bl\u00e4ttern erschienen und noch gut in Erinnerung; wie da positives Material, Zeitnotizen, Indiskretion und pr\u00e4gnante Beobachtung ineinander verbunden sind, das macht dieser Frau keiner nach. Dann das st\u00e4rkste Kapitel aus diesem Werk <\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">&gt;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Im Lager der Armut<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>&lt;<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">. Das ist nun allerdings ein gro\u00dfer \u00dcberlandmotor, der da l\u00e4uft, ein gigantisches Kraftwerk von Ha\u00df gegen die Unterdr\u00fccker und Liebe zu den Unterdr\u00fcckten.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Von Armen, die in einer alten Kaserne biwakieren d\u00fcrfen: &gt;Aus Angst und im Bestreben, das feindselige Haus, dessen W\u00e4nde jedes Wort, jeden Schritt laut und ausdruckslos wiederholen, zu bestechen, w\u00e4scht die Frau des Schusters jeden Tag den endlos langen Korridor auf. Sie tut es, um mit dieser Wohnung in gute Beziehung zu treten; sie gibt der Kaserne einen Vorschu\u00df menschlicher W\u00e4rme, die diese Mauern gleichg\u00fcltig hinnehmen, wie ein Unteroffizier das Geschenk eines Rekruten. Nachts lassen sich die gemalten Adler von der Decke herunter, schleichen sich in den Hof und durchw\u00fchlen die M\u00fcllgrube nach \u00dcberresten, die die H\u00fchner des Schusters \u00fcbersehn haben. Sie tauchen ihre rissigen, mit dem sp\u00e4rlichen Gefieder des Kaiserreichs geschm\u00fcckten Glatzen tief in den schmutzigen Abfall hinein.&lt;<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Folgt Frau Fritzke, eine Frau, die in Ermanglung eines andern sich selbst verkauft hat. So; <\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">&gt;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Die Liebeserfahrung hat auf ihrem Gesicht gro\u00dfe, graue S\u00e4cke abgelagert. W\u00e4hrend des Krieges verlor Frau Fritzke ihren Mann. Jeder verkauft, was er hat. Hunderte von H\u00e4nden knutschten und rissen seit der Witwenschaft ihre Br\u00fcste, wie man an dem Sp\u00fclhahn in der Toilette rei\u00dft. Das trug nicht zu ihrer Sch\u00f6nheit bei.<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">&lt;<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Davon wei\u00df K\u00fclz wieder nichts. Aber diese zwei Druckseiten sind eine ersch\u00fctternde Schilderung proletarischer Prostitution. Folgt <\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">&gt;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Das eiserne Kreuz<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>&lt;<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">, folgen <\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">&gt;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Die Pantoffeln<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>&lt;<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">, und dann etwas, von dem ich nie begriffen habe, wie ein Fremder es hat schreiben k\u00f6nnen. Aber es ist eben kein Fremder, der es geschrieben hat, es ist die Freundin des internationalen Proletariats, gleich ausgebeutet in allen L\u00e4ndern, gleich belogen von den Aktuaren und Brillenmenschen der aus ihm entstiegnen kleinen Bourgeoisie, gleich verraten und verkauft von den Hermann M\u00fcllers an die wahren M\u00e4chte dieser Erde. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Das Kapitel, von dem ich hier spreche, hei\u00dft: <\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">&gt;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Er, Kommunist \u2013 Sie, Katholikin<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>&lt;<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">. Es schildert das Leben einer kleinen Familie, deren Ern\u00e4hrer arbeitslos wird. Die Frau macht die Aufwartung in einem wohlhabenden Hause, und er mu\u00df nun zu Hause ihre Hausarbeit tun. Er wird Tagel\u00f6hner und Waschfrau bei ihr, er darf noch bei ihr schlafen, f\u00fchlt sich schon als Zuh\u00e4lter, die Familienperspektive liegt schief. Nun ist er schon drei Jahre ohne Arbeit, und das Aas, die Frau, l\u00e4\u00dft ihn doch nicht los. \u00dcbrigens hat er auch in Bezug auf die Kinder zu tun, was sie will: Die werden katholisch erzogen, denn so hats der Pfaffe die Frau gelehrt. Seine alten kommunistischen Anschauungen b\u00e4umen sich dagegen auf, vergeblich: sie hat das Essen und das Geld. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Er kneift aus, er kehrt wieder. <\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">&gt;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Das Allerschlimmste beginnt, wenn die Kinder schlafen, wenn die T\u00fcren verschlossen, die Fenster verh\u00e4ngt sind, wenn das ganze kleinb\u00fcrgerliche Haus t\u00fcckisch schweigt. Sie zieht sich schon aus. Das eiserne Korsett wird abgelegt, \u00fcber ihr Gesicht huschen feindselige Gedanken, die jedes seiner Gef\u00fchle, jedes Buch auf seinem Tisch hassen. Der Mann wei\u00df es: die Frau freut sich \u00fcber seine Niederlage, ist gl\u00fccklich mit seinen Feinden, aber schamlos im Bett, geil, wie es eine Stra\u00dfendirne nicht sein kann. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Keine Prostituierte ist so erfinderisch, wie diese fromme, tugendhafte Frau, die sich hinter verh\u00e4ngten Fenstern ausleben will, die sich auf das Gesetz st\u00fctzt und von ihrem Mann verlangt, da\u00df er sie wenigstens liebe und befriedige, wenn er seiner idiotischen kommunistischen Ideen wegen zu nichts anderm taugt! Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Je z\u00fcgelloser der Bettkampf, desto gr\u00f6\u00dfer die Niederlage. Wie eine ges\u00e4ttigte Milbe f\u00e4llt die befriedigte Frau auf ihre Kissen zur\u00fcck. Um sofort, noch ehe sie sich das Haar und die verkn\u00fcllten R\u00f6cke geordnet, unzweideutig zu verstehn zu geben, da\u00df dies in ihren Beziehungen nat\u00fcrlich nichts zu andern vermag. Alles bleibt beim alten. <\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">&gt;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Erinnre mich morgen daran, Hans, da\u00df ich die Bibel f\u00fcr Lieschen kaufe! H\u00f6rst du? Das alte und das neue Testament . . .<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">&lt;<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Und nun will ich euch einmal etwas sagen.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Diese fast genialen Enth\u00fcllungen, die uns die Frau \u00fcber Krupp und \u00fcber Junkers, \u00fcber die Russen und die Afghanen hinterlassen hat, sind schon selten genug. Dies hier aber, diese Schilderungen aus dem Lager der Armut, liefert in Deutschland keiner, weil es bei uns kaum Ans\u00e4tze einer gro\u00dfen gesinnungsvollen und scharfen Reportage gibt.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Die gro\u00dfen Zeitungen k\u00f6nnen das nicht riskieren, und man solls von ihnen auch nicht verlangen. Dazu sind sie gar nicht da. Der <\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">&gt;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Vorw\u00e4rts<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>&lt;<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> schl\u00e4ft wie gew\u00f6hnlich, druckt lieber Essays \u00fcber die Entstehung der Ameiseneier und wei\u00df nicht, wo Gott wohnt. Die kleinere sozialistische Presse im Lande, die in Betracht k\u00e4me, m\u00f6chte schon, soweit sie nicht unter dem b\u00fcrokratischen Diktat des erblich eingesetzten Parteivorstandes \u00e4chzt; sie hat aber keine Mittel. Denn solche Reportage kostet zun\u00e4chst einmal Geld. Dazu mu\u00df man herumgehn, horchen, im zu beschreibenden Milieu eine Zeitlang leben . . . Aber ich glaube, da\u00df sich solches Geld schon f\u00e4nde, wenn auch nur der Ansatz von Begabung dazu zu finden w\u00e4re. Es ist ja nicht wahr, da\u00df man, um gedruckt zu werden, gro\u00dfer Protektion bedarf. Alle Kollegen, die um mich herum im Bau t\u00e4tig sind, Freunde und Gegner, wissen, da\u00df nichts an Trostlosigkeit dem Posteingang einer Redaktion gleicht: diesem Gemisch von Makulatur, Eitelkeit, verkappter Gesch\u00e4ftsstreberei und belanglosem Geschmier. Es sind, neben den Vielzuvielen, immer dieselben sechzig oder achtzig guten Literaten, die nach Farbe, Politik und Gruppenzugeh\u00f6rigkeit jeweils die Tagesbl\u00e4tter und Zeitschriften beliefern, und selbst aus denen einen neuen Funken herauszuschlagen, ist au\u00dferordentlich schwer. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Wie seltsam von der Zeit abgewandt ist diese Literatur! Ich will gar nicht einmal von der Narretei der historischen St\u00fccke und B\u00fccher sprechen, die, sch\u00f6n wie Scheffel, edel wie Ebers und doof wie Dahn, mit Napolium prahlen. Jeder tr\u00e4gt heute gern alt auf neu. Aber ist denn keiner da, der ein Ohr hat zu h\u00f6ren und ein Auge zu sehn \u2013?<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Die gro\u00dfen Bucherfolge in den angels\u00e4chsischen L\u00e4ndern beruhn fast alle darauf, da\u00df ein soziales Milieu beschwingt und exakt wiedergegeben ist. Nat\u00fcrlich gen\u00fcgte der fotografische Naturalismus nicht. Demgegen\u00fcber kann der Leser wirklich sagen, er habe das ja nicht n\u00f6tig, denn wenn er das wolle, gehe er in sein B\u00fcro. Bekommt er aber diese Schilderung so naturgetreu, wie etwa im &gt;<i>Babbitt<\/i><i>&lt;<\/i>, versehn mit einem Schu\u00df Ironie; so spiegelnd wie im &gt;<i>Gentlemen prefer Blonds<\/i><i>&lt;<strong>*<\/strong><\/i>, versehn mit einem unterirdisch gluckernden Gel\u00e4chter; mit solcher Freude am \u203aNachmachen\u2039, wie sie etwa Sch\u00fcler empfinden, denen der Klassenaugust den Direx kopiert \u2013: wenn so etwas geboten wird, fressen es die Leute. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Wir haben hunderterlei Arten deutsch: keiner h\u00f6rt sie. Wir haben zwar kein Cockney und kein Argot, aber tats\u00e4chlich spricht ja die blonde Gutsbesitzersfrau anders als deine dicke Tante Jenny und beide wieder nicht so wie ein hamburgischer Reeder. Sie sprechen nicht nur verschieden \u2013 sie denken auch verschieden. In den Romanen beflei\u00dfigt sich das alles einer albernen, nie und nirgends sonst verwandten Allerweltsgrammatik, gespickt mit Lokalausrufen, die doppelt deplaciert wirken. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> H\u00f6ren die Leute nicht? Da\u00df in Berlin St\u00fccke mit Erfolg aufgef\u00fchrt werden, in denen falsch berlinisch gesprochen wird, wollen wir noch gar nicht einmal anf\u00fchren. Aber da\u00df unter den jungen Literaten keiner ist, der statt uhl\u00e4ndischer Lyrik und aufgew\u00e4rmtem Kraus-Pathos nicht die Augen aufmacht, nicht herausgeht, um zu sehn und zu h\u00f6ren: das f\u00e4llt auf. Ich wei\u00df, aus dem \u00c4rmel gesch\u00fcttelt, zwanzig Themen, die alle Leute wirklich interessieren und die uns niemand schreibt.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Nun haben wir in Deutschland Pech: wer wirklich Bescheid wei\u00df, kann nicht schreiben. Ich sehe hier ganz von der Frage des Mutes ab, von der M\u00f6glichkeit, da\u00df ein vielbesch\u00e4ftigter Arzt sich einmal, sagen wir, mit der kitzligen Frage der \u00e4rztlichen Verschwiegenheit besch\u00e4ftigen will, wie denn \u00fcberhaupt der Fetisch des Standes, der Gruppenkoller und die Vereinsw\u00fcrde jeden Schwung d\u00e4mpfen. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Der Au\u00dfenstehende wieder m\u00f6chte schreiben, versteht aber nichts von der Materie, in die sich einzuarbeiten er meist zu faul und zu unf\u00e4hig ist. Hinterher stimmts nicht, und der Kritisierte kann ein gro\u00dfes Geschrei machen, weil der Kritiker nicht wei\u00df, da\u00df die Preu\u00dfische Gesindeordnung aufgehoben ist. Mit wiener Literaturschmus ist die Sache nicht zu machen. Wissen, Beobachtungsgabe und Stil zusammen: das ist selten. Denn hier liegen die wirklichen Aufgaben unsrer Zeit, und was Egon Erwin Kisch angefangen hat, ist ein Anfang. Diese Stra\u00dfe sollte man weiter gehn.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Die Ministerialb\u00fcrokratie hat ihre eignen Gesetze: wird schon dar\u00fcber geschrieben, so kann man darauf schw\u00f6ren, da\u00df ein kleiner Ressortst\u00e4nker dahinter steckt, der seinen B\u00fcronachbar \u00e4rgern will. Was in den Schulen geschieht, kommt nur verzerrt und vereinzelt ans Tageslicht. Die Kundigen schweigen, die Unkundigen leitartikeln. In den Institutionen des Roten Kreuzes tobt sich ein Frauentypus aus, den man mit einem Waschlappen erschlagen sollte: niemand malt ihn uns. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> In den F\u00fcrsorge\u00e4mtern werden Kriegsverletzte gequ\u00e4lt und im Aktengang um ihren letzten Rest Nerven gebracht: niemand schildert uns das. Geschiehts einmal, dann so langweilig, so unpers\u00f6nlich, so dumm-individuell, da\u00df man es nicht drucken kann. Da ist der Tag eines Banklehrlings, wie er nun aber wirklich verl\u00e4uft; der Tag des Herrn Stresemann, wie er wirklich ist; die Nacht eines Barkellners; die Morgen-Telefongespr\u00e4che einer Kupplerin; die am\u00fcsanten Geldgesch\u00e4fte eines geachteten demokratischen Grundst\u00fccksschiebers: niemand schreibt uns das. Und jeder ist verwundert, da\u00df uns allen die &gt;Problematik der europ\u00e4ischen Mentalit\u00e4t&lt; zum Halse herausw\u00e4chst. Wir bekommen unser Leben und unsre Zeit stilisiert und schlecht stilisiert, umlogen von Interessenten, oder wir bekommen gar nichts, verschwiegen von Feiglingen.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Larissa Reissner: Du bist f\u00fcr Ru\u00dfland zu fr\u00fch gestorben. So eine wie Dich haben wir nie gehabt. So eine wie Dich m\u00f6chten wir so gerne haben. Eine, die liebt und ha\u00dft und in dem Papierkram das sieht, was er wirklich ist: Handwerkszeug. Wir gr\u00fc\u00dfen Dich, Larissa Reissner. Du bist eine Erf\u00fcllung gewesen und eine Sehnsucht. Die Sehnsucht nach einem, der den Garten Gottes bis zu den Mistbeeten herunter durchwandert, scharf abmalt, die Gem\u00e4lde voller Liebe aufh\u00e4ngt oder den Betrachtern um die Ohren schl\u00e4gt. Einer, der Bescheid wei\u00df und nicht damit prahlt. Einer, der aus seinem Wissen eine Waffe macht f\u00fcr uns und f\u00fcr die Millionen Stummer, deren Stimmen nicht geh\u00f6rt werden. Ein Landsknecht des Geistes.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">I.W. (Ignaz Wrobel). Erstver\u00f6ffentlichung in der W.B. (Die Weltb\u00fchne) am 22. Februar 1922. Zitiert nach der Gesamtausgabe Kurt Tucholsky. D\u00fcnndruck. Drei B\u00e4nde. Band II. 1925 \u2013 1928. Seite 725 \u2013 730. <a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Tieresehendichan3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6877 alignright\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Tieresehendichan3-1024x780.jpg\" alt=\"Tieresehendichan3\" width=\"169\" height=\"129\" \/><\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><strong>*<\/strong>Tucholsky meint hier ein Buch. Nicht den Film von Howard Hawks. Den hat er und Larissa Reissner leider nicht mehr kennengelernt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Larissa Reissner Die ist in ihrem eignen Saft gekocht. 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