{"id":7188,"date":"2018-06-14T22:08:20","date_gmt":"2018-06-14T22:08:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=7188"},"modified":"2018-06-16T19:33:23","modified_gmt":"2018-06-16T19:33:23","slug":"die-basis-jeder-gesunden-ordnung-ist-ein-grosser-papierkorb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=7188","title":{"rendered":"Es sind ja wohl die herzigtausigen Amerikaner von Peter Panter"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">DAS KANN MAN NOCH GEBRAUCHEN -!<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Es sind ja wohl die herztausigen Amerikaner, die die verschiedenen &gt;Wochen&lt; erfunden haben: die Bade-Woche, die Unfallverh\u00fctungs-Woche und die Mutter-Woche und die Z\u00e4hnefletsch-Woche . . . und was man so hat. Und einmal war auch die &gt;Bodenaufr\u00e4umungs-Woche&lt; dabei. Gar kein schlechter Gedanke . . .<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Denn nur bei einem Umzug oder, was dem nahe kommt, bei einem Brandungl\u00fcck entdeckt die Familie, was sie alles besitzt, was sich da alles angesammelt hat, wieviel man &gt;aussortieren&lt; mu\u00df, m\u00fcsse, m\u00fc\u00dfte &#8230;<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Auf dem Boden, im Keller und in heimt\u00fcckisch verklemmten Schubladen ruht der irdische Tand. Als da ist:<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> F\u00fcnf Handschuhe (St\u00fcck, nicht Paar, und immer eine ungerade Zahl); acht Bleistiftstummel; ein Tintenwischer, unbenutzt (Geschenk von Fritzchen \u2013 &gt;Wirf das nicht weg, man kann das noch gebrauchen!&lt;); ein Porzellansch\u00e4fer ohne Kopf; ein Kopf ohne Porzellansch\u00e4fer; ein Bohrer; ein Haufen Flicken; 40 Prozent alte Kaffeemaschine; eine durchl\u00f6cherte Blechbadewanne; siebzehn Holzknebel, f\u00fcr zum Paketetragen; Emaillet\u00f6pfe mit ohne Emaille; ein F\u00fcllfederhalter; noch ein F\u00fcllfederhalter; eine wacklige Petroleumlampe; Flicken.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Manchmal sucht die Hausfrau etwas \u2013 dann st\u00f6\u00dft sie auf einen Haufen Ungl\u00fcck. Sie verliert sich darin, taucht unter, kommt erst sp\u00e4t zu Mittag wieder hervorgekrochen, staubbedeckt, mit rotem Kopf und abwesenden Augen, wie von einer Reise in fremde L\u00e4nder . . . &gt;Denk mal, was ich da gefunden habe! Paulchens ersten Schuh!&lt;<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Wie kommt das \u2013? Warum ist das so \u2013? <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Warum heben die Leute das alles auf \u2013?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Sie heben es gar nicht auf. Sie k\u00f6nnen nur nicht \u00fcbers Herz bringen, es wegzuwerfen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Wenn es so weit ist: wenn der F\u00fcllfederhalter zerbricht, wenn der Porzellansch\u00e4fer den Kopf verliert, wenn die Handschuhe nicht mehr sch\u00f6n sind \u2013: dann wiegen die Menschen einen Augenblick den Kopf nachdenklich hin und her. Da steht der Papierkorb und sperrt h\u00f6hnisch das Maul auf, hier sieht ihn der oft gebrauchte Gegenstand traurig an, der Invalide \u2013 was nun? Da kann er sich nicht entschlie\u00dfen \u2013 vor allem: da kann sie sich nicht entschlie\u00dfen. M\u00e4nner sind rohe Gesch\u00f6pfe (wenn sie nicht gerade den Schnupfen haben \u2013 da benehmen sie sich wehleidiger als eine Frau, die ein Kind kriegt), M\u00e4nner sind roh und werfen wohl manches fort. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Aber Frauen . . .<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Der Amerikaner wirft alles fort: Tradition, alte Autos, sein Geburtshaus, Staubsauger und alte Stiefel. Warum? \u2013 Weil das neue nicht gar so viel kostet; weil dort kein Mensch und kein Unternehmen auf langwierige Reparaturen eingerichtet ist \u2013 weil das niemand verst\u00e4nde, dass man einen Gegenstand um seiner selbst willen konserviert, wenn an der n\u00e4chsten Ecke schon ein anderer steht. Fort mit Schaden. Der Europ\u00e4er aber ist anh\u00e4nglichen Gem\u00fctes und bewahrt sich alles auf. Zum Beispiel in der Politik . . . hoppla \u2013 det jeht mir jar nischt an. Aber in der Wirtschaft hebt er und hebt sie alles auf.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> &gt;Gib das mal her! Schmei\u00df das nicht weg! Immer schmei\u00dft du alles weg! Was ich damit noch will? Das ist gar keine alte faule Kiste! Was die soll? Da kann man alte Handschuhe drin aufbewahren! Nat\u00fcrlich habe ich alte Handschuhe! Na, im Moment nicht \u2013 aber man hat doch alte Handschuhe! Wozu ich alte Handschuhe aufbewahre? Na, du bist aber komisch! Wenn man mal . . . also f\u00fcr aufgesprungene H\u00e4nde . . . eben . . . \u00fcberhaupt braucht man in der Wirtschaft immer alte Handschuhe . . .! &lt; Und wenn nachher umgezogen wird, dann steigt dieses Reich des Moders ans Licht, und Gott der Herr verh\u00fcllt sein Antlitz, wenn er das mitansehen mu\u00df . . . <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Viele unter uns sind noch gar sehr sentimental; wenn sie mit einem Gegenstand eine Zeitlang gelebt haben, dann haben sie mit ihm kein Verh\u00e4ltnis gehabt, sondern sie sind mit ihm verheiratet gewesen \u2013 und da trennt man sich doch nicht so eins, zwei, drei . . . Jedenfalls schwerer als in einer wirklichen Ehe. Das sch\u00f6ne Tintenfa\u00df . . . Na, ja, es hat einen kleinen Knacks . . . aber vielleicht . . . als zweite Garnitur . . . Und dann bewahren sie es auf. Und da liegt es und fri\u00dft Staub.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Merk:<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Was nicht griffbereit ist, was man nicht nachts um zwei Uhr finden kann \u2013: das besitzt man nicht. Das liegt blo\u00df da. Es ist so, wie wenn man es weggeworfen h\u00e4tte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Merk:<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> In neunundneunzig F\u00e4llen von hundert lohnt es sich nicht, ein Ding aufzubewahren. Es nimmt nur Raum fort, belastet dich; hast du schon gemerkt, dass du nicht die Sachen besitzt, sondern dass sie dich besitzen? Ja, so ist das.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Merk:<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Ein einziges billiges und brauchbares Rasiern\u00e4pfchen ist mehr wert als drei teure, die verstaubt auf dem Boden liegen, weil man sie doch noch mal gebrauchen kann. Wozu? Der Aufbewahrende konstruiert sich dann gern Situationen, die niemals eintreten. &gt;Man k\u00f6nnte doch mal . . . also wenn wir zum Beispiel mit Flatows einen Ausflug nach dem St\u00f6lpchensee machen, und die Kinder wollen sich mal im See Fr\u00f6sche fangen und die Fr\u00f6sche mit nach Hause nehmen \u2013 dann ist der Rasiernapf noch sehr sch\u00f6n!&lt;<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Aber die Kinder von Flatows fangen keine Fr\u00f6sche, denn sie haben selber einen zu Hause, und noch dazu einen, der bei schlechtem Wetter singt . . . und dann hat diese Familie auch ihrerseits gen\u00fcgend Gef\u00e4\u00dfe, und \u00fcberhaupt, was geht dich das an? Du meinst das auch gar nicht. Es ist eine <strong>atavistische Hochachtung (*)<\/strong> vor dem Ding, stammend aus der Zeit, wo ein Gegenstand noch mit der Hand hergestellt wurde . . . Heute speien ihn die Maschinen aus \u2013 wirf ihn weg! wirf ihn weg!<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Glatt soll es um dich aussehen, griffnah und ordentlich. Hinter den Kulissen deines Daseins soll kein <i>Moderkram <\/i>von <i>Ding-Leichen <\/i>liegen: psychoanalysiere dein Besitztum und la\u00df nicht in verstaubten Ecken dein altes Leben g\u00e4ren. Es lohnt nicht; es lastet nur. Wie weit du damit gehen willst, ist Geschmackssache und Alterssache. Gewi\u00df, es gibt moderne M\u00f6bel, von denen ein witziger Frankfurtammainer gesagt hat, sie seien f\u00fcr die Wohnung nur konstruiert, damit man sich beim Zahnarzt wie zu Hause f\u00fchle . . . aber la\u00df Licht in alle deine Ecken. Und h\u00f6re nicht auf die Stimme deiner Frau, die dir sonst so gut r\u00e4t; wenn sie aber sagt: &gt;Man kann das noch gebrauchen!&lt; \u2013 dann denk an den gro\u00dfen Kasten mit alten Schl\u00fcsseln, die du immer, immer noch aufbewahrst, Schl\u00fcssel, zu denen die Schl\u00f6sser verloren gegangen sind . . . Kann man das noch gebrauchen? Das kann man nicht mehr gebrauchen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Die Basis jeder gesunden Ordnung ist ein gro\u00dfer Papierkorb.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">P.P. (Peter Panter). Erstver\u00f6ffentlichung am 19. August 1930 in der N.Lpz. (Neue Leipziger Zeitung). Zitiert nach der Gesamtausgabe Kurt Tucholsky. Drei B\u00e4nde. D\u00fcnndruck. Band III. 1929 \u2013 1932. Seite 498 \u2013 500.<a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Tieresehendichan12.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7186 alignleft\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Tieresehendichan12-1024x725.jpg\" alt=\"Tieresehendichan1\" width=\"102\" height=\"72\" \/><\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Ps: (*) <\/b>Da wu\u00dfte ich nicht weiter und habe ins Fremdw\u00f6rterbuch des Dudens gesehen. Den aus Mannheim. (7. Auflage)\u00a0 und gefunden: &#8222;<strong>atavistisch:<\/strong> 1. den Atavismus betreffend. 2. (abwertend) in Gef\u00fchlen, Gedanken usw. einem fr\u00fcheren, primitiven Menschheitsstadium entsprechend.&#8220; Dabei f\u00e4llt mir ein. Ich hatte mal die Tucholsky Taschenbuch Ausgabe von Rowohlt. Zehn B\u00e4nde in einem Schuber. Die war leider so schlecht geklebt, dass sie \u00fcberall auseinander fiel. Ich hatte irgendwann keine Lust mehr (zu Lesen). Aber dann habe ich diese Tucholsky D\u00fcnndruckausgabe gefunden (Drei B\u00e4nde) . . . Und dann habe ich die zehn Taschenb\u00fccher in \u201cdie thermische Entsorgung\u201c gegeben. Das ist mir sehr schwer gefallen.<a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Tieresehendichan31.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7184 alignright\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Tieresehendichan31-1024x780.jpg\" alt=\"Tieresehendichan3\" width=\"123\" height=\"94\" \/><\/a><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DAS KANN MAN NOCH GEBRAUCHEN -! Es sind ja wohl die herztausigen Amerikaner, die die verschiedenen &gt;Wochen&lt; erfunden haben: die Bade-Woche, die Unfallverh\u00fctungs-Woche und die Mutter-Woche und die Z\u00e4hnefletsch-Woche . . . und was man so hat. 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