{"id":7214,"date":"2018-06-16T08:46:23","date_gmt":"2018-06-16T08:46:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=7214"},"modified":"2018-06-18T09:09:35","modified_gmt":"2018-06-18T09:09:35","slug":"rausch-suff-und-katzenjammer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=7214","title":{"rendered":"RAUSCH, SUFF UND KATZENJAMMER von Ignaz Wrobel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Zehn Tage vor Er\u00f6ffnung der gro\u00dfen Zeit, so um den 20. Juli herum, ahnte noch kein Mensch, <\/span><\/span><!--more--><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">da\u00df Deutschland vom lieben Gott ausersehen sei, den V\u00f6lkern der Erde ein leuchtendes Beispiel zu werden f\u00fcr und f\u00fcr, Amen. Die B\u00fcrger lagen im Seesand am Meer oder krabbelten auf den Bergen umher, der Arbeiter schuftete oder bego\u00df seine Laubenkolonie, die B\u00f6rse machte in gewohnter Ruhe ihre Gesch\u00e4fte \u2013 alles war still. Und nur eine ganz kleine Schar von Menschen in Europa wu\u00dfte, dass dieser ganze Kontinent eine Minute vor dem Untergang stand, und da\u00df zwei Zeiten anbrechen w\u00fcrden: eine kleine f\u00fcr die Proletarier und eine gro\u00dfe f\u00fcr die Verdiener.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Der seit langem gesch\u00fcrte Milit\u00e4rwahnsinn des Keimschen Flottenvereins und der zahllosen milit\u00e4rischen Gruppen und Gr\u00fcppchen, die sich bis in die Schulen hinein erstreckten, trug seine Fr\u00fcchte: der Mob stand auf, der Sturm brach los, der Wilhelm winkte und alle, alle kamen. Kamen, um zu verdienen, um bef\u00f6rdert zu werden, um eine Rolle zu spielen &#8230; und kamen aber auch, im Suff ihres Patriotismus, w\u00e4hrend der allerersten Wochen \u2013 das mu\u00df gesagt werden \u2013: um zu sterben.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Was der General Ilse, &gt;der Kinderm\u00f6rder von Ypern&lt;, bei Langemarck in den Tod jagte, waren gutgl\u00e4ubige, frische deutsche Jungen, die, fanatisiert, nicht wu\u00dften, f\u00fcr welch eine schlechte Sache sie rufend und singend in den Tod gingen. Der Sohn Heinrich Brauns, Otto Braun, ist so ein Beispiel davon. Der Rest war f\u00fcrchterlich.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Ich kannte aus dem Frieden den Sohn eines Generals von Werder, der so dumm war, dass ihm auf Betreiben des Vaters das Einj\u00e4hrige ohne Pr\u00fcfung geschenkt wurde. Ich sehe den Jungen noch wie heute in einem Auto den Kurf\u00fcrstendamm herunterfahren: in voller Kriegsbemalung, auf ein gro\u00dfes Schlachtschwert gest\u00fctzt, strahlend, eitel und in der ganzen Gloriole seiner k\u00f6niglich preu\u00dfischen D\u00e4mlichkeit. Er war ein Sinnbild seiner Epoche.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Denn was so unbeschreiblich an diesen ersten Wochen war, erkannten damals nur wenige und weil heute die Zeit des Rausches fast vergessen ist, wissens auch heute nicht allzuviele: das Schlimme in Deutschland war das v\u00f6llige Fehlen jeder Ethik. F\u00fcr alles, aber auch f\u00fcr alles, auch noch f\u00fcr die letzten Schweinereien war der Rock des Kaisers und das Wort &gt;dienstlich&lt; eine Deckung. Mi\u00dfbrauch von Gefangenen zu Kriegsarbeiten in der Feuerzone, Unterschlagung, Verf\u00fchrung von M\u00e4dchen, Mord an Zivilisten, die man zu diesem Behufe Franktireurs getauft hatte, ekelhafteste Schl\u00e4chterei der Verwundeten \u2013 dies alles und noch viel mehr vollzog sich unter dem fast einm\u00fctigen Gesang von &gt;<i>Deutschland, Deutschland \u00fcber alles<\/i><i>&lt;<\/i><i>, <\/i>und unter den brausenden Akkorden des Liedes versanken Europa, Menschlichkeit, Charakter und Christentum.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Der gro\u00dfe und zum Gl\u00fcck erfolglose Bittgottesdienst, den Wilhelm, kniend inmitten seiner Truppen, auf dem Schlo\u00dfplatz zelebrierte, war f\u00fcr ihn durchaus keine Kom\u00f6die. Er glaubte daran, wie er an die Pickelhaube und damit an sich selbst glaubte. Es gab eine Kommi\u00dffr\u00f6mmigkeit, von der vor allem die Pfaffen befallen wurden, und obgleich nach unserem guten alten Dogma Religion Privatsache ist, mu\u00df doch gesagt werden, dass es kaum etwas Widerw\u00e4rtigeres gab, als die ma\u00dflose Dummheit (zur Verlogenheit langte es kaum), mit der die Priester aller drei Konfessionen ihre Bibeln so lange drehten und wendeten, bis unten der Spruch herausfiel: &gt;Du sollst t\u00f6ten&lt;.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Man log sich gegenseitig einen Landsknechtkrieg vor, indes hinten die gerissenen Kapitalisten bei den schneidigen, aber dummen Milit\u00e4rs in Lederlieferungen und Pferden mogelten und gaunerten. Man tat so, als sei der ganze Krieg von Joseph von Lauft oder von Ganghofer: frumb und mit der Kartaun ger\u00fcstet zog ein F\u00e4hnlein Landsknecht&#8216; mutig und mit frischen deutschen Liedlein ins Feld, nicht wahr? Und die operettenhaften Arrangeure eines blutigen Karnevals wollten nicht sehen, dass geknechtete und ohnm\u00e4chtige Proletarier und Kleinb\u00fcrger zitternd, klagend oder stumpf in der Massensuggestion befangen vor die Maschinengewehre torkelten. Der Kaiser spielte: historisches Ausstattungsst\u00fcck. Die Wirklichkeit spielte: Tobsuchtsanfall Europas bis zum Wei\u00dfbluten.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Aber was wu\u00dfte Berlin, was wu\u00dfte Deutschland damals davon? Vorl\u00e4ufig zogen die Abonnenten des &gt;<i>Berliner Lokalanzeigers&lt; <\/i>(und leider auch andere) von Caf\u00e9 zu Caf\u00e9, verlangten mit Stentorstimme mutig, tapfer und deutsch die Entfernung des welschen Akzents, der Feldwebel auf dem Bezirkskommando sagte nicht mehr Adieu, sondern auf Wiedersehen, und es zeigte sich nach kurzer Zeit, dass man alle Gemeinheiten auch ganz gut ohne Fremdworte in seiner Muttersprache aus\u00fcben konnte. Es war wirklich eine gro\u00dfe Zeit.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Eine Pressemache bis zur Marneschlacht war gar nicht n\u00f6tig. So tobs\u00fcchtig und milit\u00e4rfromm benahmen sich sp\u00e4terhin die reklamiertesten Redakteure nicht, wie das Schreibervolk zu Kriegsbeginn. Wenn ihr nur zur\u00fcckbl\u00e4ttern wolltet! Hat sich denn die Presse seitdem gewandelt? Wie k\u00f6nnt ihr einer Gilde Vertrauen schenken, die solch einen Bockmist prophezeit, zusammengestellt und aufgeschrieben hat? Kaum an irgend einer Stelle haben die Redakteure und Zeitungsleser gewechselt (gefallen sind von den Kriegsbegeisterten nur wenige; man war reklamiert), und heute noch prangen dieselben Namen an denselben Stellen, wo im Jahre 1914 unwiderleglich bewiesen wurde, dass es mit England nun aber endg\u00fcltig zu Ende ginge. Es war wirklich eine Gro\u00dfe Zeit!<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Sch\u00e4men sich die Deutschen der Erinnerung? Sch\u00e4men nicht! Sie denken nur nicht daran, weil man ja unangenehme Lagen seines Lebens leichter zu vergessen geneigt ist, als die sch\u00f6nen Tage. Sie sch\u00e4men sich nicht. Die braven Kriegervereinler denken nur nicht immer an die Zeit, wo sie \u2013 es war im September 1914 \u2013 Balkonpl\u00e4tze f\u00fcr den Einzug Kaiser Wilhelms des Zweiten Unter den Linden durch Zeitungsinserat suchten und ausboten &#8230;<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Lehre? \u2013 Nie wieder Krieg. Mittel? \u2013 Den Heeresdienst auch dann zu verweigern, wenn ihn ein Gesetz vorschreibt. Beginn des Kampfes gegen den Kampf? \u2013 Heute.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Der Mann mit den schwarz-wei\u00df-roten Anzeichen, mit der schwarzwei\u00df-roten Binde um den Arm hatte unter heftigem Gejohle so viel Schnaps aus der schwarz-wei\u00df-roten Flasche zu sich genommen, da\u00df er endlich, leise glucksend, umsank. Da lag er im Rinnstein und schnarchte, beschmutzt, bespritzt \u2013 die Hunde schnupperten an ihm herum und hoben ein Bein \u2013 da lag er, der Preu\u00dfe, in allen Gassen, da lag er. Und als er aufwachte und sich schwankend erhob, stie\u00df er tief auf, zog die Luft ein, ri\u00df die verklebten \u00c4uglein auf und murmelte: &gt;Es war \u2013 hup \u2013 eine Gro\u00dfe Zeit!&lt;<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Wir andern aber wollen uns ihrer erinnern, den Burschen nicht vergessen und sorgsam darauf achten, dass beide nicht wiederkommen.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">I.W. (Ignaz Wrobel). Erstver\u00f6ffentlichung in der Frei. (Freiheit. Berliner Organ der Unabh\u00e4ngigen Sozialdemokraten Deutschlands) am 3. August 1920. Zitiert nach der Gesamtausgabe Kurt Tucholsky. D\u00fcnndruck. Drei B\u00e4nde. Band I. Seite 712 \u2013 715.<\/span><\/span><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/P1050277scharfeMutterinderAbendsonne.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7200 alignleft\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/P1050277scharfeMutterinderAbendsonne.jpg\" alt=\"P1050277scharfeMutterinderAbendsonne\" width=\"89\" height=\"50\" \/><\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Tieresehendichan31.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7184 alignright\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Tieresehendichan31-1024x780.jpg\" alt=\"Tieresehendichan3\" width=\"103\" height=\"79\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zehn Tage vor Er\u00f6ffnung der gro\u00dfen Zeit, so um den 20. Juli herum, ahnte noch kein Mensch,<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2358,2217,2810,199,2974,2948,2822,2489,2654,3078,2655,1489,2577,3084,3253,123],"tags":[3861,3262,3256,3931,3095,3258,3091,3085,3255,3261,3087,3092,3089,3086,3254,3090,3081,3260,3096,3093,3949,3088,3094,3082,3259,3080,3079,3097,3083,3257],"class_list":["post-7214","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-2358","category-2217","category-behufe","category-berlin","category-carl-von-ossietzky","category-deutsche","category-deutsches-chaos","category-deutsches-reich","category-die-verteidigung-des-vaterlandes","category-freiheit","category-ignaz-wrobel","category-kaiser-wilhelm","category-kurt-tucholsky","category-militaerwahnsinn","category-sinnbild-seiner-epoche","category-spd","tag-3861","tag-3-august-1914","tag-august-1914","tag-behufe","tag-berliner-lokalanzeiger","tag-berliner-lokalanzeigers","tag-berliner-volkszeitung","tag-bittgottesdienst","tag-deutschland-deutschland-ueber-alles","tag-die-hunde-schnupperten-an-ihm-herum-und-hoben-ein-bein","tag-du-sollst-toeten","tag-general-ilse","tag-general-von-werder","tag-gerissenen-kapitalisten","tag-gloriole-seiner-koeniglich-preussischen-daemlickeit","tag-heinrich-brauns","tag-katzenjammer","tag-kriegervereinler","tag-marneschlacht","tag-masslose-dummheit","tag-militaerwahnsinn","tag-otto-braun","tag-pressemache","tag-rausch","tag-schreibervolk","tag-suff","tag-suff-ihres-patriotismus","tag-unter-den-linden","tag-woge-von-betrunkenheit","tag-zur-verlogenheit-reichte-es-kaum"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7214","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7214"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7214\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7258,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7214\/revisions\/7258"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7214"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7214"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7214"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}