{"id":7216,"date":"2018-06-16T13:18:45","date_gmt":"2018-06-16T13:18:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=7216"},"modified":"2018-06-19T09:16:48","modified_gmt":"2018-06-19T09:16:48","slug":"hepp-hepp-hurra-i-bier-und-antisemitismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=7216","title":{"rendered":"HEPP HEPP HURRA (I) Bier und Antisemitismus von Ignaz Wrobel"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">HEPP HEPP HURRA! (I) &gt;Das deutsche Volk&lt;, hat einmal einer gesagt, &gt;besitzt zwei Leidenschaften: das <\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Bier und den Antisemitismus.&lt; <\/span><\/span><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Wenn man die Vorbereitungen zu den preu\u00dfischen Wahlen mitansieht, mu\u00df man sagen, dass das Bier zwar achtprozentig, der Antisemitismus aber hundertprozentig ist. Die blinde Wut, mit der in Wahlparolen und an Stammtischen auf die Juden geschimpft wird, schmeckt verd\u00e4chtig fatal. Was wird hier gespielt?<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Die Unzufriedenheit eines \u00fcberv\u00f6lkerten und geistig blockierten Landes ist allgemein. Die deutschnationale Wahlparole &gt;Schlagt die Juden tot!&lt; ist deshalb nicht ungeschickt, weil sie sich auf vorhandene Volksinstinkte verlassen kann, und weil sie gewandt von den wahren Urhebern des nationalen Elends ablenkt. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Die Judenriecherei der nationalen Gesellschaft in Deutschland erinnert an die romantische Aufgeregtheit franz\u00f6sischer Nationalisten, die hinter allem Unheil der Welt den boche und seine Spione wittern. Hierzulande kann nichts schief gehen, ohne dass Monokelgesichter, die man sich besser in der Hose denkt, den Juden die Schuld geben. Die Filme sind schlecht, weil sie von Juden hergestellt werden, die Lebensmittel sind teuer, weil die Juden wuchern, die Presse ist verjudet, die Regierung ist verjudet (vom lieben Gott verlautet noch nichts N\u00e4heres), und den Krieg haben wir verloren, weil Juden heimt\u00fcckisch die Front unterh\u00f6hlten. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Nun war der besiegte Milit\u00e4rbeamte Ludendorff kein Jude, und ich w\u00fc\u00dfte nicht, dass in der deutschen Diplomatie, die in den Krieg hineingeschlittert ist, sehr viel Juden t\u00e4tig gewesen w\u00e4ren. Die ganz Strammen haben sich sogar ausgerechnet, dass Wilhelm II. in seiner Blutzusammensetzung verjudet sei, und so, in anmutiger Mischung von schnarrendem Offiziersget\u00f6n und Biergebr\u00fcll gegen die Juden, zieht ein Gesindel in den Wahlkampf, das eine Welt ins Ungl\u00fcck gest\u00fcrzt hat. Hepp hepp Hurra!<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> \u00dcber den Antisemitismus ist, wie \u00fcber jede Abneigung einer Rasse gegen die andre, wohl zu reden. Was aber hier getrieben wird, ist Volksverdummung schlimmster Art, und das alte Wort Roda Rodas pa\u00dft wie gehauen hierher: &gt;Der Antisemitismus . . . eine ganz nette Sache. Aber er wird wohl erst etwas werden, wenn ihn die Juden in die Hand nehmen!&lt; Das ist ganz richtig, denn jeder kluge Jude, der die Nachteile seiner Rasse durchschaut hat, k\u00f6nnte viel bessere und schlagendere Dinge gegen das Judentum anf\u00fchren, als alle deutschnationalen Vollb\u00e4rte zusammen.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Was diese Ritter von der traurigen Gestalt anfingen, wenn sie keine Juden h\u00e4tten, ist nicht auszudenken. Sie leben geradezu von ihnen. Und kaum ein Argument stimmt.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Ein typisches Mischvolk wie die Deutschen, das besonders in seiner \u00f6stlichen Zusammensetzung von Wenden, Kaschuben, Polen und einem Schu\u00df Niedersachsen niemals eine einheitliche germanische Rasse bildete, hat keinen Grund, \u00fcber Rassenvermischung zu schelten. Und das vor allem deshalb, weil die Deutschen weniger die Fehler der Juden, als die assimilierten Juden germanische Untugenden angenommen haben.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Nichts stimmt. Der Vorwurf, dass das \u00f6ffentliche Leben verjudet sei, ist ein Eingest\u00e4ndnis germanischer Schw\u00e4che. Der franz\u00f6sische Zeichner Caran d&#8217;Ache zeichnete einmal eine Landstra\u00dfe, auf der ein Jude und ein Franzose sich begegnen. In der Mitte zwischen ihnen liegt ein Frankst\u00fcck. Beide b\u00fccken sich gleichzeitig danach. &gt;Mais c&#8217;est le juif que aura le franc!&lt; (&gt;Aber der Jude fa\u00dft das Geld!&lt;) Der Vorwurf des Wuchers dem Juden gegen\u00fcber ist bei dem Verhalten der deutschen Landwirtschaft, die die Gro\u00dfstadt systematisch sabotiert, ein Unding. Auf einen Schmuhl kommen zehn Piesekes, und was die Grenadierstra\u00dfe im Kleinen kann, das kann Herr Stinnes im Gro\u00dfen schon lange.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Politisch lenkt die Wahlparole gegen die Juden die Aufmerksamkeit eines schwer d\u00fcpierten Volkes von seinen eigentlichen Verbrechern ab: von den Diplomaten, die zu dumm waren, bei einem fremden Volk mehr als den Smokingschnitt zu studieren, von einer preu\u00dfischen Verwaltungskaste, die auf dem &gt;Untertan&lt; herumregierte und sich f\u00fcr eine eingebildete T\u00e4tigkeit bezahlen lie\u00df, von den Richtern, deren F\u00fcnfm\u00e4nnerskat der Justitia dem wahren Volksempfinden dauernd ins Gesicht schlug, von den Offizieren, die mit Christus auf einem schlechten Fu\u00df standen, weil der nur g. v. Heimat war \u2013 kurz, von den Repr\u00e4sentanten eines schlechten Deutschtums, das einen zweifeln lie\u00df, ob es ein besseres gab. Ohne Juden macht dem Deutschnationalen der Wahlkampf \u00fcberhaupt keinen Spa\u00df. Ohne Juden k\u00f6nnte er ihn nicht f\u00fchren.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Er f\u00fchrt ihn aber, weil es leider eine gro\u00dfe Menge Leute gibt, die sich vom Papagei nur dadurch unterscheiden, dass sie nicht so h\u00fcbsch anzusehen sind. Die Hausfrau des kleinen Mittelstandes, viele mittlere Beamte, die Honoratioren der kleinen Stadt \u2013 all das hat eine dumpfe Wut gegen den geistig flinkeren Juden und benutzt mit Wonne die Gelegenheit, dem l\u00e4stigen Konkurrenten eins auszuwischen. Keiner ahnt, wie er sein Vaterland blamiert, wenn er zugibt, dass ein verheerender Einflu\u00df seiner Juden ein ganzes Land ruinieren k\u00f6nne. Die \u00e4rgsten Durchhalteschreier im Kriege waren nicht Juden, sondern interessierte Offiziere und Beamte, teutonische Professoren und evangelische Frauen, die durch ihre Maulfertigkeit das Land ins Ungl\u00fcck gehetzt haben. In ein Ungl\u00fcck, das man nun den Juden zuschreiben will.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Deren Haltung ist nicht einwandfrei. Unter den deutschen Juden gibt es bekanntlich (und ganz besonders in Berlin) eine gro\u00dfe Anzahl von Leuten, die sich ihres Judentums wie einer Krankheit sch\u00e4men, und die ihren Kindern bei Tisch in Gegenwart der Dienstboten mit einem \u00e4ngstlichen &gt;Stike!&lt; &gt;das Wort Synagoge&lt; verbieten. Diese guten Kaufleute und schlechten Musikanten waren gern bereit, dem Kaiser ihre S\u00f6hne hinzugeben \u2013 aber sie sind gar nicht bereit, der konkursverwaltenden Regierung, die das Abenteuer des schlechten kaiserlichen Deutschlands auszul\u00f6ffeln hat, ihre Steuern hinzugeben. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Und aus einer sinnlosen Angst vor einem Bolschewismus, den sie immer gef\u00fcrchtet und niemals gef\u00f6rdert haben, sind sie bereit, mit jeder Ordnungsst\u00fctze Halbpart zu machen. W\u00e4re die Deutschnationale Partei nicht so hirnlos dumm, antisemitisch zu sein, so w\u00fcrde sich ihr ein gro\u00dfer Teil der von Natur aus konservativen Judenschaft zuwenden; ja, ich kenne sogar F\u00e4lle von Juden, die so ehrvergessen sind, deutschnational zu w\u00e4hlen. Der gr\u00f6\u00dfte Teil rettet sich in die zu nichts verpflichtende Demokratische Partei, weil die, wie alles, so auch die j\u00fcdische Frage h\u00fcbsch vertuscht. (Gibt es doch sogar gro\u00dfe demokratische Tageszeitungen, f\u00fcr die das zionistische Problem nicht existiert.)<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Aber so tief dringen v\u00f6lkische Hochsch\u00fcler, Oberf\u00f6rster und Turnlehrer nicht. Da wogt unentwegt die deutsche Mannesbrust, da weht der linsenbesetzte Vollbart im Winde, da schmettert deutscher Heldengesang Lieder in die Luft, die Welsche, Juden und Neger auf eine Stufe stellen, nur, weil sie nicht deutsch sind. \u00dcberm\u00e4\u00dfiges Betonen der nationalen Eigenart ist noch stets eine Schw\u00e4che gewesen.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">&gt;Kauft nicht bei Juden!&lt; \u2013 Das ist nun eine Wahlparole f\u00fcr denkende Menschen, dadurch ist auf einmal eine trauliche Einheitsfront geschaffen, und der bayerische Bierphilister, der ostpreu\u00dfische Schnapsbrenner, der rheinische Gro\u00dfindustrielle \u2013 hier k\u00e4mpfen sie auf einmal getreulich Schulter an Schulter. Ich habe gar nichts gegen Kollektivurteile, die immer ungerecht und doch oft gerecht sind. &gt;Der Jude&lt;. . . Das ist richtig und falsch, weil man nicht den einzelnen meint, sondern den Typ. Es ist ein Urteil \u00fcber eine Gesamtheit wie zum Beispiel diese: Der deutsche Offizier hat im Kriege nichts getaugt; der deutsche Richter genie\u00dft in politischen Strafprozessen nicht das Vertrauen des Volkes; der preu\u00dfische Verwaltungsbeamte neigt dazu, auf Kosten der Allgemeinheit seinen Schreibapparat zu \u00fcbersch\u00e4tzen.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> &gt;Kauft nicht bei Juden!&lt; Sie kaufen doch. Der ganze Antisemitismus ist wie zerblasen, wenn es ans Gesch\u00e4ftemachen geht, und kein deutschnationaler Schieber geniert sich, mit irgendeinem lodzer Juden in Ausfuhrbewilligungen ein Ding zu drehen. Genierte sich im Kriege der Offizier, seine dreihundert Eier als &gt;Funkerger\u00e4t&lt; mit Hilfe der Einwohnerschaft galizischer St\u00e4dte so in die Heimat zu verschieben, dass die ehrfurchterschauernde Judenschaft noch etwas von ihm lernen konnte? Er genierte sich nicht.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Das hat einen Krieg verloren. Das wei\u00df heute noch nicht, dass eine Welt \u00fcber Eigenschaften, die man hierzulande den Kindern als Tugenden aufpfropft, einst mit Ha\u00df und nun mit achselzuckender Verachtung hinweggeschritten ist. Und wei\u00df diese bittere Wahrheit nicht, die einmal Georg Metzler in der &gt;<i>Weltb\u00fchne&lt; <\/i>gesagt hat: &gt;Was die Juden unter den Deutschen, das sind die Deutschen unter den Nationen!&lt;<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Und wenn Ludendorff einmal vor seinen himmlischen, nicht aus Preu\u00dfen stammenden, also unbefangenen Richter tritt, dann wird der das Flammenschwert heben und wird sprechen: &gt;Erich! Zwei Millionen Tote! Was hast du getan?&lt;<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Und der ergraute Kadett wird die Hornbrille abnehmen, sich den Kragen zurechtr\u00fccken und in preu\u00dfischer Tonart, stramm und doof, antworten: &gt;Lieber Gott, es waren die Juden!&lt;<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><strong>I. W<\/strong>. (Ignaz Wrobel). <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Erstver\u00f6ffentlichung <\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">in WaM (Die Welt am Montag- Unabh\u00e4ngige Zeitung Berlin) vom 14. Februar 1921. Zitiert nach der Gesamtausgabe Kurt Tucholsky. D\u00fcnndruck. Drei B\u00e4nde. Band I. 1907 \u2013 1924. Seite 788 \u2013 791.Im Register im dritten Band der D\u00fcnndruckausgabe befinden sich zwei Artikel mit der gleichen \u00dcberschrift &gt;Hepp hepp hurra&lt;.<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Der Text des zweiten Artikels beginnt mit den Worten . . . &gt;Der berliner Arzt Doktor Magnus Hirschfeld . . . und ist am 15. Oktober 1920 in der Frei (Freiheit) (Berliner Organ der Unabh\u00e4ngigen Sozialdemokraten Deutschlands) erschienen.<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>HEPP HEPP HURRA! 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