{"id":7224,"date":"2018-06-16T17:50:23","date_gmt":"2018-06-16T17:50:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=7224"},"modified":"2018-06-16T19:36:50","modified_gmt":"2018-06-16T19:36:50","slug":"zehn-prozent-von-ignaz-wrobel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=7224","title":{"rendered":"ZEHN PROZENT von Ignaz Wrobel"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">ZEHN PROZENT<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Jeden Sonnabend hat dir der Mann mit der M\u00fctze die kleine gelbe Lohnt\u00fcte gegeben und du hast dir die zwei blauen Scheine herausgenommen <\/span><\/span><!--more--><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">und noch das \u00fcbrige kleine Geld gez\u00e4hlt, was drin war. Es langte nicht weit, denn wenn du damit nach Hause kamst, bekam die Frau das meiste, und dir blieb nicht allzu viel.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Es ist noch weniger geworden.<br \/>\nJetzt fehlen ein paar Scheine. Und wenn du auf dem Nachhauseweg nachrechnest, so merkst du auf Heller und Pfennig was fehlt. Zehn Prozent.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Und w\u00e4hrend du die lange Stra\u00dfe mit den tr\u00fcben Laternen und dem fahlen Himmel dar\u00fcber heruntergehst, zur Bahn, \u00fcberlegst du dir langsam, was wohl mit den Scheinen da, mit dem Geld, das man dir abgezogen hat, geschieht.<br \/>\n<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Die Gelder werden wohl zusammengerechnet, die abgeknappsten L\u00f6hne von dir und deinen Kameraden, und durch irgendeine Verrechnung wird das Ganze dem Staat \u00fcberwiesen. Nun hat es der Steuerfiskus. Und was macht der damit?<br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Er bezahlt seine Beamten. Er bezahlt seine Soldaten. Und er hat viele Beamte und Soldaten.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Nichts gegen die einzelnen Menschen, die da der Staat angestellt hat. Die haben auch Frau und Kinder und m\u00fcssen leben. Und leben mitunter recht k\u00e4rglich.<br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Aber wen bezahlt er alles davon! Er bezahlt den F\u00fcnfmilliarden-Etat des Reichswehrministeriums, er bezahlt die ungez\u00e4hlten Abwicklungsstellen, die Orden verleihen und auch sonst noch gro\u00dfe Zeit spielen, er bezahlt Organisationen und Organisationen \u2026 Wie kommt das?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Deutschland hat einen \u00dcberflu\u00df von sogenannten gebildeten Menschen, bei denen es zu einer wirklichen nutzbringenden Arbeit nicht langt und die deshalb darauf angewiesen sind, etwas zu tun, was so aussieht, wie wirkliche Arbeit: zu organisieren. Es ist f\u00fcr einen einigerma\u00dfen fixen Kerl eine Kleinigkeit, eine neue Reichsstelle ins Leben zu rufen. Wir wissen doch alle, wie das gemacht wird.<br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Ein Assessor hat einen Freund bei der Regierung, der Regierungsrat ist, und der bem\u00fcht sich nun, seinen Korpsbruder unterzubringen. Ganz einfach ist das nicht, aber schlie\u00dflich gelingt es, nachdem man den bekannten ma\u00dfgebenden Stellen klargemacht hat, es sei unbedingt n\u00f6tig, eine Zentralstelle zur Erforschung der Wasserklosetts in S\u00fcd-Uruguay zu begr\u00fcnden. Geschieht. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Krach mit dem Finanzministerium, wegen der H\u00f6he der Beamtenzahl. Einigung: die H\u00e4lfte (genau die H\u00e4lfte zu viel). Die B\u00fcrofrage wird auf Kosten von privaten Wohnungssuchenden gel\u00f6st, und dann geht es los: Beamtenapparat, Registratur, Sekret\u00e4re, Assessoren, wissenschaftliche Hilfsarbeiter, Tippdamen, Nachtportiers und an der Spitze jener, der es alles unter sich hat.<br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Das bezahlt der Staat nun von deinen Steuern. Und f\u00fcr die sechs Stunden B\u00fcroarbeit, die zu drei Viertel der Krach mit der Konkurrenzstelle ausf\u00fcllt, werden die Leute ganz gut bezahlt.<br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Von deinen paar Lappen zahlt er die &gt;Propaganda&lt;. Ich wei\u00df nicht genau, was das ist, aber jeder zweite Mensch in Deutschland macht heutzutage Propaganda. Weil die Engl\u00e4nder sich bei einer klugen Sache der Propaganda bedienten, glauben diese Hohlk\u00f6pfe, die Propaganda gen\u00fcge, und auf die kluge Sache k\u00e4me es nicht an. Und nun machen sie eine Wirtschaft mit Pressestellen und Flugbl\u00e4ttern und Heften, die kein Mensch liest, und mit Plakaten \u2026 Sie stehen sich ganz gut dabei. Es gibt zum Beispiel eine Zentrale f\u00fcr Heimatdienst; was die macht, wei\u00df kein Mensch. Propaganda? Macht lieber eine deutsche Propaganda in Bayern.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Was der Staat alles von deinen zehn Prozent bezahlt! Er bezahlt den Bundesstaatunfug. Diese entsetzliche Sucht aller deutschen politischen Skatbr\u00fcder, selber, selber, selber Regierungsm\u00e4nner zu spielen, ohne es je zu sein. Es gibt zum Beispiel einen preu\u00dfischen Gesandten in Dresden. Da sitzt nun der arme Mann unter diesem unzivilisierten Indianerstamm der Sachsen, mitten in Feindesland, und vertritt die Interessen seines lieben Heimatstaates. Auf seinem Palais flattert stolz die preu\u00dfische Fahne, und ob er nachts die Tore der Gesandtschaft verrammelt, wei\u00df ich nicht. Ist das nicht eine ganz nutzlose, unfruchtbare, leere Arbeit, die der Mann leistet? <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">(Nebenbei hei\u00dft dieser Legationsclown von Berger und war fr\u00fcher einmal Staatskommissar der \u00f6ffentlichen Ordnung, die jetzt sein Gesinnungsgenosse Weismann, spielend in des Wortes wahrster Bedeutung, h\u00fctet.) Das ist zum Beispiel so ein typischer Fall der Unterbringung: der Mann mu\u00dfte damals nach dem Kapp-Putsch entfernt werden \u2013 aber nur von seinem damaligen Posten. Berger vergeht nicht.<br \/>\nWas der Staat alles so von deinen Steuern bezahlt! <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Auf jeden Kommunisten in Deutschland kommen rund zwei Generalmajore, vier Pferde, ein Maschinengewehr, 19 Oberleutnants und 82 altgediente Unteroffiziere, die treu auf dem auswechselbaren Boden der Regierung stehen. Von den vielen Wehren zu schweigen, den Flursch\u00fctzen, den Selbstschutzwehren, den Stranddetachements \u2013 was ist das alles?<br \/>\n<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Das ist die ausgezeichnete Organisation einer im Kriege schwer blamierten Minderheit, die die alten Formen und damit den alten Geist zu wahren versucht. Es ist ihr gelungen. Es ist ihr so gelungen, dass diese alten Offizierkorps, diese neuen Verb\u00e4nde und all das Geschmei\u00df bewaffneter Militaristen heute so gro\u00df dasteht wie je und das mit finanzieller Unterst\u00fctzung der Regierung. Von deinen Steuergroschen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Das Finanzministerium hat jetzt die Vollmacht erhalten, Kommissionen zur Pr\u00fcfung der Notwendigkeit von Amtsstellen auszuschicken. Seeckt wird lachen, Ge\u00dfler wird stramm stehen und die Finanzkommissionen werden mit hangendem Hosenboden abziehen. Wer regiert bei uns? Der Soldat.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Du zerbrichst dir deinen Kopf, wie du statt wie sonst mit 900 Mark nur mit 810 M. auskommen sollst. Mutter ringt die H\u00e4nde: Anton braucht neue Stiefel, und Ernas Hemden gehen nun aber wirklich nicht mehr. Fr\u00fcher bist du regelm\u00e4\u00dfig ins Theater gegangen und du erinnerst dich noch sehr genau, dass du anfingst, dir ein paar gute wissenschaftliche B\u00fccher hinzustellen. Es war gar nicht so teuer \u2026 Dann kam die gro\u00dfe Zeit. \u2013<br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Und keiner, der sie heraufbeschworen hat, und keiner, der in vier Jahren das Maul so voll genommen hatte von der schweren Verantwortung, die er tr\u00fcge \u2013 keiner von denen ist besch\u00e4digt zur\u00fcckgekehrt. Dem Greis in Amerongen haben sie sein Geld \u00fcber die Grenze geschoben, Ludendorff verdient so viel wie ein Kinoschauspieler, Tirpitz weilt im Hochgebirge zur Jagd, Karlchen Helfferich l\u00e4\u00dft in einem bequemen Lederfauteuil des Reichstags die Sonne durch seine abstehenden Ohren scheinen \u2013 sie leben alle, alle noch! Wer ist gesch\u00e4digt, ruiniert, zerfranst, heruntergebracht, kaputtgeschlagen?<br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Du.<br \/>\nUnd du hast nur einen Wunsch, nur einen. Deine Lust zum Steuerzahlen w\u00e4chst t\u00e4glich. Mit offenen H\u00e4nden bringst du dem Staat das Deine dar, deinen Lohn als Abzahlung f\u00fcr fremde S\u00fcnden. Aber gr\u00f6\u00dfer als deine Freude an diesem Staatswesen ist dein Wunsch:<br \/>\nEinmal denen da alles zu vergelten, was sie angerichtet haben. An dir und am Lande. Alles? Es gen\u00fcgen dir und uns zehn Prozent.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">I.W. (Ignaz Wrobel). Erstver\u00f6ffentlichung in Frei. (Freiheit, Berliner Organ der Unabh\u00e4ngigen Sozialdemokraten Deutschlands) am 6. Oktober 1920. Zitiert nach Gesamtausgabe Kurt Tucholsky. Drei B\u00e4nde. D\u00fcnndruck. Band I. 1907 &#8211; 1924. Seite 739 \u2013 742.<a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Tieresehendichan31.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7184 alignright\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Tieresehendichan31-1024x780.jpg\" alt=\"Tieresehendichan3\" width=\"112\" height=\"86\" \/><\/a><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ZEHN PROZENT Jeden Sonnabend hat dir der Mann mit der M\u00fctze die kleine gelbe Lohnt\u00fcte gegeben und du hast dir die zwei blauen Scheine herausgenommen<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2217,2050,2655,2577,3126,1],"tags":[3162,3150,3164,3161,3151,3147,3167,3159,3145,3148,3156,3158,3165,161,3157,3912,3163,3146,3155,3826,3149,3160,3154,3166,3152],"class_list":["post-7224","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-2217","category-dresden","category-ignaz-wrobel","category-kurt-tucholsky","category-oktober-1920","category-uncategorized","tag-anton-braucht-stiefel","tag-assesor","tag-botschaft","tag-ernas-hemden","tag-finanzministerium","tag-gelbe-lohntuete","tag-gesandtschaft","tag-geschmeiss","tag-hamburger-botschaft","tag-heller-und-pfennig","tag-indianerstamm-der-sachsen","tag-kapp-putsch","tag-kinoschaupieler","tag-kommunisten","tag-legationsclown","tag-ludendorff","tag-n","tag-nachhauseweg","tag-preussischen-gesandten","tag-regierungsrat","tag-reichswehrministerium","tag-seekt","tag-skatbrueder","tag-tirpitz","tag-wasserklosetts-in-sued-urugay"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7224","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7224"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7224\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7255,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7224\/revisions\/7255"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7224"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7224"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7224"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}