{"id":7801,"date":"2018-08-27T12:40:47","date_gmt":"2018-08-27T12:40:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=7801"},"modified":"2018-09-06T09:11:17","modified_gmt":"2018-09-06T09:11:17","slug":"proteste-gegen-die-dreigroschenoper-von-peter-panter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=7801","title":{"rendered":"PROTESTE GEGEN DIE DREIGROSCHENOPER von Peter Panter"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: medium;\">Warum pfeifen in vielen Provinzst\u00e4dten die Leute wie toll, wenn die &gt;<i>Dreigroschenoper<\/i><i>&lt; <\/i>oder ein andres St\u00fcck von Brecht und Weill aufgef\u00fchrt wird? Irre ich nicht, so wird da an der B\u00fchne vorbeigepfiffen.<\/span><\/span><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Wer Radau macht, ist gew\u00f6hnlich die &gt;rechte&lt; Seite der Stadt. Diese Theaterskandale sind ein dumpfes Aufbegehren, jenem nicht un\u00e4hnlich, in dem die Leute wild applaudieren, wenn nach einem Jazz ein &gt;guter, alter Walzer&lt; gespielt wird. Es ist die Freude f\u00fcnfzigj\u00e4hriger M\u00e4nner und ihrer etwas j\u00fcngeren Frauen, wieder in die gewohnten Gleise zu kommen \u2013 das kennen sie, das ist die gute alte Zeit, bravo! Das andre?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Das andre ist f\u00fcr sie das Neue schlechthin, alles, was sie verabscheuen: Sozialismus, Juden, Ru\u00dfland, Pazifismus, die Abschaffung des Paragraphen 218. St\u00f6rung ihrer Moral und St\u00f6rung der Gesch\u00e4fte, das Volk, das Gemeine . . . Pfui! Unerh\u00f6rt! Aufh\u00f6ren!<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Die Nazis immer feste mit. Deren Kunstanschauungen sehen nicht den Leib eines Kunstwerks sondern nur seine Vorhaut \u2013 diese Stinkbombenwerfer funktionieren bei allem, was ihnen fremdartig erscheint und was nicht von einem Parteimitglied verfa\u00dft ist, und da geht es bunt durcheinander: Magnus Hirschfeld oder moderne Musik oder ein amerikanischer Kriegsfilm . . . das kommt nicht so genau drauf an.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Es ist nun ungemein lustig zu sehen, mit welcher Vehemenz dieser verdr\u00e4ngte Kampf auf einem ihm eigentlich nicht ad\u00e4quaten Gebiet gef\u00fchrt wird. Der Krach geh\u00f6rte von Rechts wegen in den Magistrat, in die politische Versammlung, an die Stammtische . . . in diesen Auff\u00fchrungen hat er gar nichts zu suchen. Die Brecht-Spektakel sind Anla\u00df, das St\u00fcck ist nur ganz selten die Ursache.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: medium;\">Nun geht der Skandal aber auch noch an der B\u00fchne vorbei.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Brecht ist kein Jude. Brecht hat \u2013 mit wenigen Ausnahmen \u2013 nur unpolitische Gedichte geschrieben. Brecht plakatiert keine \u00dcberzeugung; es w\u00fcrde ihm wohl schwer fallen, denn die seine ist schwer zu eruieren. Was die Pfeifer reizt, ist unter anderm etwas, was sie &gt;Roheit&lt; nennen, und die ist lange nicht mehr echt, die ist gemacht. Das knallt, das stinkt, das knufft und das schie\u00dft; das jagt auf Mustangs durch die W\u00fcste, das s\u00e4uft und spielt, das flucht und das hurt . . . aber so sch\u00f6n weit weg, in Indianien, in wo es gar nicht gibt . . . Das ist grade das Feine an dieser Kunst. Freiligrath, Freiligrath . . . <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Lebte ich in Leipzig oder Kassel, so w\u00e4re ich wohl gen\u00f6tigt, die Krachmacher sch\u00e4rfstens zu bek\u00e4mpfen und den Applaudierenden zu sekundieren \u2013 aber in Wahrheit haben beide unrecht. Sie haben unrecht, wenn sie mit ihrem Geschrei die Opern meinen. Sie haben recht, wenn sie ihre Welt meinen und jene, die sie hinter dem Kunstwerk zu sehen glauben. Dann allerdings ist der Kampf berechtigt: dann ist es der gro\u00dfe Kampf, der diese Zeit durchzieht. Aber wieviel Energie wird hier verschwendet! Ist das ein Ersatz f\u00fcr politischen Kampf, sich auf der Galerie die H\u00e4nde rot zu klatschen und denen im Parkett ordentlich eines zu besorgen? Selbst ein Sieg w\u00e4re keiner: es \u00e4ndert sich nichts, wenn die k\u00f6lner oder die darmst\u00e4dter B\u00fcrger dem h\u00f6chst ungef\u00e4hrlichen Brecht zujubeln. Dadurch werden die Arbeitslosen auch nicht weniger.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Mir will scheinen, als ob der L\u00e4rm um diese St\u00fccke zur Bedeutung der opera operata Brechts, der trotz allem eine gro\u00dfe Begabung bleibt, in keinem rechten Verh\u00e4ltnis steht. Diese Dreigroschen-Philosophie: &gt;Wie man sich bettet, so liegt man&lt;, diese sorgsam panierte Roheit, diese messerscharf berechneten Goldgr\u00e4berfl\u00fcche . . . so ist das Leben ja gar nicht. Nicht einmal das in Klondyke von gestern, bestimmt nicht das in Amerika von heute . . . auch die Beziehung zu Deutschland 1930 bleibt flau. Es ist stilisiertes Bayern.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Was der Dichter da treibt, sieht aus, wie wenn sich einer an einem Hausbrand Suppe kocht. Aber das Haus brennt nicht seinetwegen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: medium;\">P. P. (Peter Panter). <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: medium;\">Erstver\u00f6ffentlichung in der W.B. (Die Weltb\u00fchne) am 8. April 1930. Abgeschrieben in der\u00a0 dreib\u00e4ndigen\u00a0 D\u00fcnndruckausgabe: Kurt Tucholsky &#8211; Gesammelte Werke.\u00a0 Band III, 1929 \u2013 1932, Seite 415 \u2013 416.<a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/?attachment_id=7681\" rel=\"attachment wp-att-7681\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7681 alignleft\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/nilpferd_tumb-1024x816.png\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"97\" \/><\/a><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum pfeifen in vielen Provinzst\u00e4dten die Leute wie toll, wenn die &gt;Dreigroschenoper&lt; oder ein andres St\u00fcck von Brecht und Weill aufgef\u00fchrt wird? 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