{"id":8036,"date":"2018-10-24T14:43:12","date_gmt":"2018-10-24T14:43:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=8036"},"modified":"2018-10-24T20:35:19","modified_gmt":"2018-10-24T20:35:19","slug":"das-buch-vom-kaiser-von-ignaz-wrobel-1925","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=8036","title":{"rendered":"Das Buch vom Kaiser von Ignaz Wrobel 1925"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Das Buch vom Kaiser von Ignaz Wrobel. <\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Emil Ludwigs Buch \u00fcber Wilhelm II. (erschienen bei Ernst Rowohlt) ist einzig nach seiner Wirkung zu beurteilen. <\/span><\/span><!--more--><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Hier ist zum ersten Mal eines aus der Opposition, das an indifferente Intellektuelle der Provinz herankommt, an Schichten, die wir niemals erreichen, und die unsre Bestrebungen nur aus den Verleumdungen ihrer schlecht besoldeten, also \u00fcberzahlten Redakteure kennen. Die hundert Auflagen, die das Werk voraussichtlich haben wird, tun gute Arbeit.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Die bis dahin vers\u00e4umt worden war. Sie kommt ein bi\u00dfchen sp\u00e4t. Die bed\u00e4chtig schlafenden Demokraten, die \u00fcbervorsichtigen Sozialdemokraten, der d\u00fcmmsten Einw\u00e4nde voll, wenn es galt, aufzukl\u00e4ren \u2013 die oppositionelle Presse mit Ausnahme ganz weniger Organe hat die entscheidenden Monate nach dem Kriege nicht ausgen\u00fctzt. Damals war das Eisen hei\u00df: da war zu sagen, was das Volk im Kriege gef\u00fchlt hat, da war auszusprechen, was gelitten und heruntergeschluckt worden war . . . nichts. Wenn ich bei dieser Gelegenheit immer wieder an Felix St\u00f6ssingers &gt;Freie Welt&lt; erinnere, so zeigt das, wie allein sie stand. Der Rest verpa\u00dfte den psychologischen Augenblick.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Die fast schon zu einer fixen Idee ausartende Besch\u00e4ftigung mit den vergangenen Dingen setzte erst ein, als die geschlagenen Milit\u00e4rs die Frechheit hatten, aus ihrer Niederlage, Flucht und Desertion einen Sieg zu konstruieren \u2013 was heute republikanisch in Deutschland ist, steht in der Abwehr. Dieses Buch Emil Ludwigs aber ist eine Attacke und ein voller Sieg. Es ist die schwerste Niederlage, die der Kaiser jemals erlitten hat \u2013 und das will etwas hei\u00dfen. Im Buch finden sich elf Fotografien des Kaisers \u2013 die f\u00fcr den Kenner jeden Text fast \u00fcberfl\u00fcssig machen. Sie sind vernichtend. &gt;Als Admiral&lt; steht unter einer, und &gt;Als . . . &lt; k\u00f6nnte unter jeder stehen. Es sind Aufnahmen eines m\u00e4\u00dfigen Provinzschauspielers in seinen Rollen. Das Schlimmste freilich ist das Bild: &gt;In Zivil&lt;. Der sauber gewaschene Inhaber eines W\u00e4schegesch\u00e4fts der Mark Brandenburg, Reserve-Offizier, ordentlich verheiratet, respektabel rasiert \u2013 zum Heulen. Es ist im \u00fcbrigen aus diesem Bild zu lernen, wie der Typus die Nation verseucht hat, und wie sehr er der Ausdruck seiner Epoche gewesen ist. Ein Tyrann? Eine bemusterte Offerte.<\/span><\/span><\/p>\n<div id=\"text\" dir=\"ltr\">\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Der Text fa\u00dft schlicht und scharf zusammen, was Eulenburg, Eckardstein, Hohenlohe, Moltke, Tirpitz, Waldersee und andre Freunde des Kaisers ausgesagt haben \u2013 also nichts Neues? F\u00fcr die Hunderttausende von Lesern ist es neu \u2013 weil sie nicht Geld und Zeit hatten, diese Memoiren zu lesen, und weil man nicht genug f\u00fcr ihre Verbreitung getan hat. Das Bild, das sich ergibt, ist klar und sieht so aus:<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Ein innerlich haltloser, selbst zum Schlechten zu schwacher Mensch wird die Katastrophe seines Volkes, weil alle seine schlimmen Eigenschaften den verborgenen und offenen Nationallastern entgegenkommen: Repr\u00e4sentationssucht, Parven\u00fctum, Lautheit, Betriebsamkeit, hinter der sich Faulheit verbirgt \u2013 Organisation ist, wenn die andern arbeiten \u2013, ma\u00dflose Herrschsucht, ohne dass er zum Herrschen legitimiert gewesen w\u00e4re . . . und eben jene Umgebung.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Hier scheint mir das Hauptverdienst des Buches: mit welchem Takt Ludwig diesen tr\u00fcben Morast passieren l\u00e4\u00dft. Die d\u00fcnne Stelle \u2013 der Grund des Einflusses von Holstein \u2013 wird kaum ber\u00fchrt, wahrscheinlich h\u00e4tte man mit Gasmasken lesen m\u00fcssen. Hier hat sich Ludwig jedes pers\u00f6nlichen Angriffs enthalten und nur die Tatsachen sprechen lassen.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Ob das Seelenbild des Kaisers ganz gegl\u00fcckt ist, l\u00e4\u00dft sich schwer sagen. Man tut Emil Ludwig keinen Gefallen, wenn man ihn &gt;den Plutarch seiner Zeit&lt; nennt \u2013 davon ist gar keine Rede. Aber erstens mu\u00dfte dieses Buch kommen \u2013 sp\u00e4t kommt ihr, doch ihr kommt! \u2013, und zweitens scheint mir die Gestalt des Kaisers nicht so interessant, dass man alle psychologischen K\u00fcnste daran \u00fcben sollte. W\u00e4re der Mann nicht zuf\u00e4llig auf diesen Platz gelangt, er w\u00e4re gewi\u00df kein Stoff f\u00fcr einen Seelenforscher. Er ist nicht einfach \u2013 aber seine Kompliziertheit reizt nicht, man wendet sich schlie\u00dflich gelangweilt von so viel Fahrigkeit, Haltlosigkeit, Oberfl\u00e4chlichkeit ab.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Ich habe viele Briefe bekommen, die mir gezeigt haben, wer dieses Buch liest: Leute, die sonst an solche Fragen \u00fcberhaupt nicht mehr herangingen, und denen die au\u00dferordentlich geschickte Formulierung, diese unterhaltsame Prosa, die Gl\u00e4tte der Darstellung einging wie \u00d6l. Das Buch wird \u2013 f\u00fcr deutsche Verh\u00e4ltnisse gewi\u00df Anla\u00df zum Tadel \u2013 auch von Frauen gelesen.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Die Mitwirkung und Mitschuld des deutschen Volkes an diesem St\u00fcck Ungl\u00fcck geht aus dem Werk unzweifelhaft hervor. Sie haben alle mitgetan, alle V\u00f6gel, alle: und es ist besch\u00e4mend zu sehen, dass dieselben B\u00fcrger, die damals an der Hoftafel ihren Kotau machten, heute \u00fcber Republik sprechen d\u00fcrfen, als seien sie mit ihr aufgewachsen. Maximilian Harden, der diesen Kaiser schon bek\u00e4mpfte, als noch Festung drauf stand (und zweimal verh\u00e4ngt wurde), hatte nicht viele Bundesgenossen. Das B\u00fcrgertum \u2013 auch Walther Rathenau \u2013 war f\u00fcr ihn. Solange er an der Macht war.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Das Buch mu\u00dfte geschrieben werden. Nur die vollendetste Instinktlosigkeit wird verkennen, wie n\u00f6tig, wie n\u00fctzlich, wie au\u00dferordentlich dankenswert ein solches Buch ist. Es gibt keinen Leser, der nicht zum mindesten zum Nachdenken veranla\u00dft wird \u2013 und das ist viel f\u00fcr viele.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Ich glaube nicht, dass die dem Autor imputierte Formel: &gt;Der Kaiser hat den Krieg verloren, weil er einen zu kurzen Arm hatte&lt;, dem Buch gerecht wird. So einfach hat sichs Ludwig nicht gemacht \u2013 obgleich er sichs gewi\u00df nicht schwer gemacht hat. Aber die deutsche Demokratie hat viel zu wenig f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung breiter Massen getan, als dass sie heute das Recht h\u00e4tte, mit Besserwisserei und \u00e4sthetisch-psychologischer Splitterrichterei an einer Leistung herumzun\u00f6rgeln, die an Wirkung die zweite Heirat des Kaisers noch \u00fcbertrifft. Kein Hund wird heute mehr von dem ein St\u00fcck Brot nehmen. Au\u00dfer den Redakteuren der &gt;Kreuzzeitung&lt;.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Das Umschlagbild enth\u00fcllt eine ganze Epoche. Da sitzt er, bei Bieber von der Schokoladenseite aufgenommen, mit allem beh\u00e4ngt, was ein Kaiser so auf der B\u00fchne zu haben pflegt, geschm\u00fcckt wie ein Indianerh\u00e4uptling zur Hochzeit. Lassen wir ihn sitzen. Aber dahinter, die graue Atelierwand: das ist das Land, das ihn bejaht hat. Das Land, das ihm zujubelte, in seiner Verehrung die eigne Nationaleitelkeit ehrte, den Lokalehrgeiz pflegte, die kleinen Beamten, die ihre Herrschsucht mit diesem Bild drapierten, die Klassen, die ihn vor sich her trugen, um hinter ihm ihre Gesch\u00e4fte und vor allem ihre politischen Machinationen zu betreiben. Er ist schuld. Vielleicht mildernde Umst\u00e4nde. Dem Lande k\u00f6nnen sie nicht gew\u00e4hrt werden.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Und wenn dieses Buch eine Wirkung haben kann, so ist es eine, die sich nicht nur r\u00fcckw\u00e4rts erstrecken sollte.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Der Mann ist geflohen, wie ein K\u00f6ter auskneift. Kein Wachtposten an einem Pulvermagazin im Frieden hat jemals so erb\u00e4rmlich gehandelt wie Wilhelm der Zweite, der davonlief, als zum ersten Mal in seinem Leben die Lage f\u00fcr ihn brenzlig wurde. Was zw\u00f6lf Millionen vier Jahre lang ertragen mu\u00dften (weil sie es so wollten) \u2013 f\u00fcr ihn war es zu viel.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Und diesem Mann zahlt die Kaiserlich Deutsche Republik 50000 Mark monatlich, also 600000 Mark j\u00e4hrlich. Ein Proze\u00df, den die wei\u00dfen Juden in Doorn gegen den Fiskus angestrengt haben, wird wahrscheinlich zu einem Vergleich f\u00fchren, der dem da noch mehr in den Rachen fallen l\u00e4\u00dft, als er schon \u00fcber die Grenzen hat schieben lassen.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Hier kann eine Wirkung des Buches liegen.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Jeder Pfennig, der diesem Kaiser weiterhin ausbezahlt wird, ist ein Verbrechen, dem deutschen Volk zugef\u00fcgt. Er hat Anspruch auf nichts. Es gibt keine juristische Trennung zwischen &gt;Privat-Eigentum&lt; und &gt;Hohenzollern-Eigentum&lt; \u2013 denn die Hohenzollern sind niemals Privatleute gewesen, und der Thron war keine Gesellschaft mit beschr\u00e4nkter Haftung und kein Sondergut. Die politische Verblendung, mit der sogar die Unabh\u00e4ngigen sich auf die juristische Ebene haben locken lassen, die l\u00e4cherliche Ordnungssucht, das Bestreben, &gt;gerecht&lt; zu sein, wo ein politisches Exempel zu statuieren war \u2013 das hat zur schlimmsten Ungerechtigkeit gef\u00fchrt. Zur Ungerechtigkeit an seinen Opfern.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Es gibt in Deutschland Hunderttausende von Invaliden, die bittern Hunger leiden, die hinken, sich in Kr\u00e4mpfen winden, blind sind, das Geh\u00f6r verloren haben. Die besch\u00e4menden Verhandlungen vor den Renten\u00e4mtern zeigen, wie mit diesen Leuten umgegangen wird \u2013 nicht nur ungeh\u00f6rig im Ton, sondern herzlos in der Sache. F\u00fcr sie ist kein Geld da.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Es ist f\u00fcr sie Geld da.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Die Marksummen, die allmonatlich nach Doorn gehen, sind ein Diebstahl an der deutschen Nation und an ihren wehrlosesten und \u00e4rmsten Gliedern: an den armen, betrogenen, zerschossenen und verkr\u00fcppelten Soldaten.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"> Emil Ludwigs Buch hat uns eine Erkenntnis vermittelt. Wenn es nicht bei der Erkenntnis bleibt, hat es den sch\u00f6nsten aller Erfolge davongetragen.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Ignaz Wrobel, Zuerst erschienen in Die Weltb\u00fchne (WB) am 29. 12. 1925, Zitiert nach der Gesamtausgabe Kurt Tucholsky Werke, Drei B\u00e4nde, D\u00fcnndruck, Band II, Seite 298 &#8211; 301<a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/?attachment_id=7996\" rel=\"attachment wp-att-7996\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7996 alignright\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Tieresehendichan1klein.jpg\" alt=\"\" width=\"121\" height=\"86\" \/><\/a><br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Buch vom Kaiser von Ignaz Wrobel. Emil Ludwigs Buch \u00fcber Wilhelm II. 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