{"id":8199,"date":"2018-12-11T16:01:16","date_gmt":"2018-12-11T16:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=8199"},"modified":"2022-07-31T19:47:18","modified_gmt":"2022-07-31T19:47:18","slug":"heinrich-heines-brief-an-varnhagen-von-ense","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienberatungev.org\/?p=8199","title":{"rendered":"Heinrich Heines Brief an Varnhagen von Ense"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Ein Brief Heinrich Heine&#8217;s<br \/>\nan Varnhagen von Ense \u00fcber Ferdinand Lassalle.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Paris, 3. Januar 1845.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Theuerster Varnhagen! <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Es ist dies der erste Brief, den ich in diesem neuen Jahre schreibe und ich beginne ihn mit dem herzlichsten Gl\u00fcckwunsch. M\u00f6ge in diesem Jahre leibliches und geistiges Wohlsein Sie begl\u00fccken. Da\u00df Sie von k\u00f6rperlichen Leiden so oft niedergedr\u00fcckt, h\u00f6re ich mit gr\u00f6\u00dfter Betr\u00fcbni\u00df. Ich h\u00e4tte Ihnen gern zuweilen ein tr\u00f6stendes Wort zugerufen, aber Hekuba ist eine schlechte Tr\u00f6sterin. Mir ging es n\u00e4mlich in der letzten Zeit spottschlecht und das Schreiben erinnert mich best\u00e4ndig an mein k\u00f6rperliches Mi\u00dfgeschick: ich kann kaum meine eigenen Schriftz\u00fcge sehen, indem ich ein ganz geschlossenes und ein bereits sich schlie\u00dfendes Auge habe und jeder Brief mir nur neue Pein verursacht.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Ich ergreife daher mit innigster Freude die Gelegenheit, Ihnen durch einen Freund m\u00fcndlich Nachrichten von mir zukommen zu lassen und da dieser Freund in alle meine N\u00f6the eingeweiht ist, so kann er Ihnen umst\u00e4ndlich mittheilen, wie entsetzlich mir von meinen n\u00e4chsten Sippen mitgespielt worden und was etwa in dieser Beziehung noch f\u00fcr mich zu thun w\u00e4re.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Herr Lassalle, der Ihnen diesen Brief bringt, ist ein junger Mann von den ausgezeichnetsten Geistesgaben, mit der gr\u00fcndlichsten Gelehrsamkeit, mit dem weitesten Wissen, mit dem gr\u00f6\u00dfesten Scharfsinn, der mir je vorgekommen. Mit der reichsten Begabni\u00df der Darstellung verbindet er eine Energie des Willens, eine Habilit\u00e9 im Handeln, die mich wahrhaft in Erstaunen setzen, und wenn seine Sympathie f\u00fcr mich nicht erl\u00f6scht, so erwarte ich von ihm den th\u00e4tigsten Vorschub. Jedenfalls war diese Vereinigung von Wissen und K\u00f6nnen, von Talent und Charakter f\u00fcr mich eine freudige Erscheinung und Sie bei Ihrer Vielseitigkeit im Anerkennen werden gewi\u00df ihm volle Gerechtigkeit wiederfahren lassen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Herr Lassalle ist nun einmal so ein ausgezeichneter Sohn der neuen Zeit, der nichts von jener Entsagung und Bescheidenheit wissen will, womit wir uns mehr oder minder in unserer Zeit hindurchgelungert und hindurchgefaselt. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Dieses neue Geschlecht will genie\u00dfen und sich geltend machen im Sichtbaren; wir, die Alten, beugten uns dem\u00fcthig vor dem Unsichtbaren, fischten nach Schattenk\u00fcssen und blauen Blumenger\u00fcchen, entsagten und flennten und waren doch vielleicht gl\u00fccklicher, als jene harten Gladiatoren, die so stolz dem Kampftode entgegengehen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Das tausendj\u00e4hrige Reich der Romantik hat ein Ende und ich selbst war sein letzter und abgedankter Fabelk\u00f6nig. H\u00e4tte ich nicht die Krone vom Haupte fortgeschmissen, sie h\u00e4tten mich richtig gek\u00f6pft \u2014 \u2014<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Vor vier Jahren hatte ich, ehe ich abtr\u00fcnnig wurde von mir selber, noch ein Gel\u00fcste mit den alten Traumgestalten herumzutummeln im Mondschein, und ich schrieb Atta Troll, den Schwanengesang der untergehenden Periode und Ihnen habe ich ihn gewidmet. Das geb\u00fchrte Ihnen, denn Sie sind immer mein wahlverwandtester Waffenbruder gewesen, in Spiel und Ernst. Sie haben gleich mir die alte Zeit begraben helfen und bei der neuen Hebammendienst geleistet \u2014 ja, wir haben sie zu Tage gef\u00f6rdert unter Schrecken \u2014 es geht uns wie dem armen Huhn, das Enten-Eier ausgebr\u00fctet hat und mit Entsetzen sieht, wie die junge Brut sich in&#8217;s Wasser st\u00fcrzt und wohlgef\u00e4llig schwimmt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Ich bin durch Buchh\u00e4ndlerkontrakt verpflichtet, den Atta Troll herauszugeben; das soll in einigen Monaten geschehen \u2014 mit Vorsicht, damit man mir nicht den Proze\u00df macht und mich k\u00f6pft.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Sie merken, theurer Freund, wie vag&#8216;, wie ungewi\u00df mir zu Muthe ist. Solche schwachmatische Stimmung ist jedoch zumeist in meiner Kr\u00e4nklichkeit begr\u00fcndet. Schwindet der L\u00e4hmungsdruck, der gleich einem eisernen Reifen mir die Brust einklemmt, so wird auch die alte Energie wieder fl\u00fcgge werden. Ich f\u00fcrchte jedoch, das wird noch lange dauern. Der Verrath, der im Schoo\u00dfe der Familie, wo ich waffenlos und vertrauend war, an mir ver\u00fcbt wurde, hat mich wie ein Blitz aus heiterer Luft getroffen, und fast t\u00f6dlich getroffen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Wer die Umst\u00e4nde erw\u00e4gt, wird hierin einen Meuchelmords-Versuch sehen. Die schleichende Mittelm\u00e4\u00dfigkeit, die 20 Jahre lang harrte, ingrimmig neidisch gegen den Genius, hatte endlich ihre Siegesstunde erreicht. Im Grunde ist auch das eine alte Geschichte, die sich immer erneut.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Ja, ich bin sehr k\u00f6rperkrank, aber die Seele hat wenig gelitten. Eine m\u00fcde Blume, ist sie ein bischen gebeugt, aber keineswegs welk und wurzelt noch fest in Wahrheit und Liebe.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Und nun leben Sie wohl, theuerster Varnhagen. Mein Freund Lassalle wird Ihnen sagen, wie viel und wie unaufh\u00f6rlich ich an Sie denke, was um so begreiflicher, da ich jetzt gar nicht lesen kann und bei den langen Winterabenden nur von Erinnerungen mich erheitere.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Heinrich Heine<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/pdfHeinrichHeineBriefanVarnhagen.pdf\">pdfHeinrichHeineBriefanVarnhagen<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\u201c<span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Ja, Madame, dort bin ich geboren, und ich bemerke dieses ausdr\u00fccklich f\u00fcr den Fall, da\u00df etwa nach meinem Tode sieben St\u00e4dte \u2013 Schilda, Kr\u00e4hwinkel, Polkwitz, Bochum, D\u00fclken, G\u00f6ttingen und Sch\u00f6ppenstedt \u2013 sich um die Ehre streite<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">n<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">, meine Vaterstadt zu sein. <\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">D\u00fcsseldorf ist eine Stadt am Rhein, es leben da sechzehntausend Menschen, und viele hunderttausend Menschen liegen noch au\u00dferdem da begraben. <\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Und darunter sich manche, von denen meine Mutter sagt, es w\u00e4re besser sie lebten noch, z. B. mein Gro\u00dfvater und mein Oheim, der alte Herr v. Geldern und der junge Herr v. Geldern, die beide <\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">so ber\u00fchmte Doktoren waren, und so viele Menschen vom Tode kuriert, und doch selber sterben mu\u00dften.\u201c (<\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Heinrich Heine <\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">s\u00e4mtliche Werke, <\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">F\u00fcnfter Band Kapitel VI, <\/span><\/span><span style=\"font-family: Ubuntu;\"><span style=\"font-size: large;\">Seite 95)<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><a href=\"https:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/PDF-Heine-Geburtsort.pdf\">PDF Heine Geburtsort<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/?attachment_id=7994\" rel=\"attachment wp-att-7994\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7994 alignright\" src=\"http:\/\/www.medienberatungev.org\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Tieresehendichan3klein.jpg\" alt=\"\" width=\"169\" height=\"129\"><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Brief Heinrich Heine&#8217;s an Varnhagen von Ense \u00fcber Ferdinand Lassalle. 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