Fallobst

Aus dem Buch: Fallobst, Suhrkamp, von H.M.E. Seite 19. Ein Text, der es wert ist, dass er abgeschrieben wird: Abgeschrieben von G. Klaut.

>Ich spreche von der lasterhaften Gewohnheit, andern die eigenen Schriften vorzulesen oder zu rezitieren. Zwar geht sie auf die ältesten Zeiten zurück; doch war dieses Elend in den vergangenen Jahrhunderten noch zu ertragen, weil es seltener vorkam, während heute, da das Schreiben Allgemeingut geworden ist, schwerlich jemand zu finden ist, der nicht irgend etwas verfaßt hätte. So ist die neue Plage, eine Heimsuchung, eine Geißel der Menschheit daraus geworden.

Das ist kein Scherz, sondern die reine Wahrheit. Denn inzwischen muß man deshalb bereits vor Bekanntschaften auf der Hut sein und der Freundschaft aus dem Weg gehen; denn an keinem Ort und zu keiner Stunde kann ein unschuldiger Mensch sich sicher sein, daß man ihn nicht überfällt und entweder auf der Stelle quält oder dorthin verschleppt, wo er endlose Prosaschriften oder Tausende von Versen über sich ergehen lassen muß.

[ . . . ]

Obwohl jeder Verfasser die unsägliche Belästigung kennt, unter der er selber leidet, wenn er die Sachen andrer anhören muß; obwohl er merkt, wie seine Gäste erbleichen, sich räkeln und gähnen; obwohl er weiß, daß sie alle möglichen Ausreden vorbringen oder gleich die Flucht ergreifen, um sich vor ihm zu verstecken, verfolgt er mit eiserner Stirn und unbegreiflicher Hartnäckigkeit wie ein hungriger Bär seine Opfer, und wenn er sie überrascht, zerrt er sie dorthin, wo er sie haben will. Und während der Lesung sieht er zwar, wie sich die Todesangst des unglücklichen Zuhörers darin äußert, daß er sich windet, daß er gähnt, daß er sich am liebsten gleich hinlegen würde. Aber er gibt keine Ruhe. Im Gegenteil, nur noch wilder und verbissener tönt und schreit er stundenlang weiter, während der Hörer längst der Ohnmacht nahe ist, so lange, bis ihn die Heiserkeit übermannt und seine Kräfte schwinden. Nicht, als gäbe er sich damit zufrieden! Denn eben das, was er seinem Nächsten antut, erfüllt ihn mit seiner paradiesischen, quasi übermenschlichen Lust. Siehe, so einer vergißt alle anderen Lüste, verzichtet ganz auf Schlaf und Essen und verliert das Leben und die ganze Welt aus den Augen, nur weil er fest davon überzeugt ist, daß das Publikum an seinen Lippen hängt und ihn bewundert. Sonst nämlich würde er uns verschonen und lieber in der Wüste predigen.<

Giacomo Lepardi, Pensieri XX, übersetzt von H. M. E.

Dieser Beitrag wurde unter Buchkritik, Uncategorized abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.