Die lebendigen Bilder von Friderike und James

Die lebendigen Bilder von Friderike und James

Von Friderike Blumenthal und James Henschel wissen wir nicht viel. Nicht einmal die richtige Schreibweise ihrer Namen. Und das, was andere und ich herausgefunden haben, das haben wir zufällig herausgefunden. So wie ein Bauer beim Pflügen auch Steine an die Oberfläche bringt, die lange in der Erde verborgen waren. Eine systematische Suche sieht anders aus. Wo waren eigentlich die ganzen studierten Historiker die letzten neunzig Jahre-frage ich mich. Warum muß die Arbeit von Laien und Dilettanten, wie wir es sind, erledigt werden?

Hindenburghaus
Eingang Großer Burstah 31 Foto Jens Meyer
Stadthaus
Stadthaus Foto Jens Meyer

Das Ehepaar Henschel war sehr reich. Millionäre würde man heute sagen. Am Ende hatte man ihnen in Hamburg alles weggenommen. Zwei Behörden in der Hamburger Innenstadt, nicht weit entfernt vom Rathaus und voneinander, hatten bei dieser Enteignung zusammengearbeitet. Am Großen Burstah 31-Hindenburghaus (das heisst heute noch so) die eine, an der Stadthausbrücke 8 (GeStapo/das heisst heute nicht mehr so) die andere. Zu Fuss braucht man ungefähr fünf Minuten, wenn man von dem einen zum anderen Gebäude gelangen will. Und sie haben gut zusammengearbeitet. Die Beamten beider Behörden. Wer die Beweise für ihre Tätigkeit findet, der hat schon viel Zeit verbracht. Die Beweise sind gut versteckt. Das hat viele Varianten. Manchmal nennen sie es Datenschutz. Manchmal heisst es schlicht Gebührenordnung. Als ich anfing zu suchen, wußte ich von allem nichts.

Bei mir hat es begonnen mit meinem Studium an der dffb in Berlin. Ich hatte „auf der Arbeiterwelle“ einen dieser begehrten 15 Studienplätze erhalten, um drei Jahre lang das „Filmemachen“ zu lernen. Das war 1969. Ich war 23 Jahre alt, hatte eine 3½ jährige Ausbildung zum Maschinenschlosser hinter mir, war zur See gefahren und hatte mich drei Semester lang auf einer Ingenieurschule gequält. Die Perspektive, mein Leben lang Getriebe für VW Motoren zeichnen zu müssen, trieb mich aus Hamburg nach Berlin. Arbeitskräfte waren in Berlin gesucht und ich ließ mich als Schlosser anwerben. Es gab eine Lohnsteuerermäßigung – Berlin Zuschlag- genannt. Auf diese Weise konnte ich gleich noch der lästigen Bundeswehr eine Nase machen, während ich mich heimlich bei dieser Schule bewarb. Filmemachen, das schien mir viel besser als Getriebe zu zeichnen. Jedes Jahr bewarben sich über 200 Menschen, um einen der fünfzehn Studienplätze zu erlangen. Da mußte man (so wie ich) schon viel Glück haben, wenn man zur Aufnahmeprüfung eingeladen wurde. Die dauerte mehrere Tage und es waren 56 Kandidaten, die zur Aufnahmprüfung für einen Studienplatz eingeladen wurden. Die Kommission war mir gesonnen: Mit dem Proletenbonus – so habe ich es später genannt-schwappte ich in die Filmakademie: dffb.

Am 25. 08. 1970 unterzeichnete ich meinen Vertrag für das erste Studienjahr. Und war recht schnell in Konfrontation. Ich wollte weg vom Proletariat und die anderen StudentInnen (diese Schreibweise benutzte man damals noch nicht) wollten dahin. Und dann wollten sie mir auch noch erzählen, wie das Proletariat so ist und wie man es auf den rechten, linken Weg bringen könne. Ich dagegen wollte alle Möglichkeiten dieser Akademie so schnell wie möglich nutzen. Die hatten Schneidetische, Kameras, eine große Filmbibliothek und jede Menge Menschen mit Ahnung. Ich wollte viel und schnell lernen. Regelmäßig hielt ich mich auch in der Bibliothek auf. Eine freundliche Bibliothekarin führte mich in die unbekannten Schätze der gesammelten Texte ein. Renate Wilhelmi sei Dank.

Darunter waren auch so banale Sachen wie alte Adressbücher, Reichskinoadressbücher. Darin gesammelt die Anschriften und Inhaberan-gaben aller Kinos aus ganz Deutschland, als es groß war, was immer das auch meint. Das war mein erster Kontakt. Doch zunächst sollten mal Filme entstehen. Neue Filme, die das Bewusstsein verändern sollten. Die Verbesserung der Welt war von uns vorgesehen. Dazu mußte der Zustand der Welt genau untersucht werden.

Damit meine ich: Ich, genauer: wir waren es gewohnt, daß niemand dabei gewesen war, niemand etwas bemerkt hatte und niemand schuldig an irgendwas war. Alles war passiert irgendwie. Goebbels, Göring und Hitler hatten fast alles alleine gemacht. Ich traf niemanden, der dabei gewesen war. Eine ganze Generation hatte diese und ähnliche Erfahrungen gemacht. Wir haben dann nur noch zum Schein gefragt, weil wir wussten, wir werden sowieso angeschwiegen oder angelogen. Ein Gefühl wie bei der Mafia in Sizilien. Irgend wann hat dann eine ganze Generation aufgehört zu fragen. So kam es mir jedenfalls damals vor.

Gier nach Neuem steckte bei mir dahinter. Erst 1984 habe ich mich dann in meiner Heimatstadt Hamburg wieder an die alten Reichskinoadressbücher von 1930 erinnert. Und habe begonnen zu suchen. Lebende Zeugen. Dokumente. Die Ergebnisse mit den noch lebenden Zeugen waren wie immer. Aus den Reichskinoadressbüchern ging hervor: Es gab in Hamburg zwischen 1926 und 1940 eine Firma mit Namen „Henschel Film- & Theaterkonzern“. So begann meine Suche nach der Kinobesitzerfamilie von Friderika und James Henschel, von denen ich damals noch nicht einmal die Namen kannte. Für eine systematische Suche gab es keine Möglichkeit. Es gab niemand, der eine solche Suche mit ungewissem Ergebnis über längere Zeit finanziert hätte.

Auf dieser Grundlage sind alle Ergebnisse zufällig entstanden. In Hamburg gab es die entscheidenden Zeitungen, in denen man etwas hätte finden können, 1984 nicht. Weder als Papierversion noch als Mikro Film. Also kehrte ich zurück in die Bibliothek der Filmakademie in Berlin. Dort gab es damals nur ein Mikrofilmlesegerät. Aber im Gegensatz zu der Zeit als ich dort war, schien der Wissensdurst der Studenten in andere Richtung organisiert zu sein, als zu meiner Zeit. Man gewährte mir Zugang zum Mikrofilmlesegerät. Ich begann mit meiner Suche bei der „Licht Bild Bühne“. Eine „Tageszeitung des Films“. Der „Kinematograph“ war mir wegen des Eigentümers Alfred Hugenberg, der mit Hitler in einer großen Koalition war, suspekt. Die Licht Bild Bühne kam mit sechs Ausgaben in der Woche.

Zeitung lesen ist ja an sich keine Arbeit. Aber wenn man etwas bestimmtes sucht und nicht weiss, was es sein könnte und wann es passiert sein könnte, dann ist es doch anstrengende Arbeit. Nach einigen Tagen war ich immer noch erfolglos, ohne Mut und wußte nicht mehr, wo ich noch suchen sollte. Der Zufall mußte mir helfen. Mein Versuch begann mit Jahrestagen von der Qualität: Kaisers Geburtstag, Führers Geburtstag, Bismarcks Ernennung, Bismarcks Ablösung, der „Ausbruch des Krieges“, Kaiserabdankung und Flucht nach Holland, Ausrufung der Republik, Beginn des zweiten Weltkrieges, Beginn der Weltwirtschaftskrise, der Hamburger Aufstand und was die deutsche Geschichte sonst noch so an Katastrophen zu bieten hat.

Ich wollte die Suche schon aufgeben, da kam ich auf jenen Montag, an dem der Reichspräsident Paul von Hindenburg um 12.40 Uhr bekannt gegeben hatte:

„Der Reichspräsident hat Herrn Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt und auf dessen Vorschlag die Reichsregierung wie folgt gebildet: Adolf Hitler Reichskanzler, Stellvertreter des Reichskanzlers v. Papen, Freiherr v. Neurath Reichsaußenminister, Dr. Frick Reichsinnenminister, General Blomberg Reichswehrminister, Graf Schwerin von Krosigk Reichsfinanzminister, Dr. Hugenberg Reichswirtschaftsminister, Franz Seldte Reichsarbeitsminister, Freiherr von Eltz-Rübenach Reichspost und Reichsverkehrsminister, Reichstagspräsident Göring, Reichskommissar für Luftverkehr und Preußischer Innenminister. Reichskommissar für Arbeits-beschaffung Dr. Gereke wird in seinem Amte bestätigt. Die Besetzung des Reichsjustizministeriums bleibt vorbehalten….“ (Zitat aus: Deutsche Allgemeine Zeitung vom 31. Januar 1933)

In der „Licht Bild Bühne“ fand ich in der Ausgabe vom Sonnabend, d. 28. Januar 1933 diese Meldung von dreizehn Zeilen: „Nach Redaktionsschluß erreicht uns die furchtbare Nachricht, die wir wenigstens noch dem größeren Teil unserer heutigen Auflage beifügen möchten, daß gestern gegen Abend in Hamburg Hermann Urich-Saß, einer der führenden Köpfe des deutschen Lichtspielgewerbes und leitende Persönlichkeit im Henschel Konzern, an einem Herzschlag im frühen Alter von 45 Jahren gestorben ist. Seit kurzer Zeit hatte sich bei ihm ein Herzleiden bemerkbar gemacht. Man steht tief erschüttert vor diesem tragischen Fall.“

In der Ausgabe vom Montag, d. 30. Januar 1933 folgten Einzelheiten: „Hermann Urich-Saß zum Gedenken. Wie im größten Teil unserer Sonnabend Ausgabe mitgeteilt, ist Hermann Urich-Sass am Freitag abend im blühenden Alter von 45 Jahren einem Herzschlag erlegen. Seine Beerdigung findet heute, Montag, den 30. Januar, 3 Uhr nachmittags, in Hamburg Ohlsdorf auf dem Israelitischen Friedhof statt.“

Endlich wußte ich, wonach ich die ganze Zeit gesucht hatte. Ohne diesen „geschichtlichen Zeitpunkt“ und den Hinweis auf die Beerdigungsstätte hätte ich niemals die Spur nach dem Verschwinden des Henschel Konzerns aufnehmen können. Schließlich sind nicht alle Betriebe, die während der Nazizeit verschwunden sind, Opfer der rassistischen Enteignungen geworden. Erst zwanzig Jahre später erlange ich Kenntnisse, daß die Machtübergabe an Adolf Hitler und der Todeszeitpunkt von Hermann Urich-Sass durchaus einen logischen Zusammenhang haben, den ich damals aber noch nicht ahnte.

Für meine Recherche stellt sich heraus: Die jüdischen Beerdigungsriten sind für mich besser als die Beerdigungsriten der Christen, die nach 25 oder 50 Jahren ihre Gräber einebnen lassen. Bei den Juden -so lernte ich-ist das anders, die werden für die Ewigkeit beerdigt. So verlangt es der Brauch. Auf dem Israelitischen Teil des Hamburger Friedhofs Ohlsdorf (der streng getrennt von dem christlichen Teil des Friedhofs ist) beginne ich meine Suche und finde mit Hilfe von Friedhofswärter Horst Deggert den Grabstein von: Hermann Urich-Saß. Geb. 18. JUNI 1887-5647, Gest. 27. JAN. 1933-5693. Als Horst Deggert das Datum der Beerdigung liest, kommentiert er nur trocken: „Dann mußte er ja die ganze Scheisse nicht mehr mit erleben“. Ich fand, der Mann hat recht. Das Grab war gepflegt. Die Goldschrift des Grabsteines war vor kurzem erneuert worden. Nach deutschem Brauch muß für Grabpflege bezahlt werden. Es gab also Jemanden, der für die Pflege dieses Grabes bezahlt. Das war meine Vermutung.

Einen Entwurf (15 Seiten) für einen Dokumentarfilm unter dem Titel „Auf der Suche nach Henschel“ der meine Vermutungen über das Verschwinden der Henschel Kinos zusammenfasst und ein Anschreiben an die Angehörigen von Hermann Urich-Saß übergebe ich der jüdischen Gemeinde und bitte sie, beides an die Angehörigen weiter zu reichen, deren Namen und Aufenthaltsorte ich damals nicht kannte.

So wie diese Menschen in Deutschland von unseren Eltern und Großeltern behandelt wurden, würde es mich nicht wundern, wenn sie keine Kontakte mit jemandem aus Deutschland haben wollen. Damit wäre dann die Suche nach den Henschels mit ihren Kinos zu Ende gewesen.

Aber einige Wochen später kommt erst ein Telegramm und dann Post aus Mexiko und Brasilien. Im August 1989. Verwunderung auf der anderen Seite des großen Teiches. Seit sechzig Jahren hat niemand nach dem Verschwinden des Henschel Film und Theater Konzerns gefragt. Warum jetzt?

Es schreiben die Söhne der damaligen Besitzer. Horst Urich-Saß ist die Flucht nach Mexiko gelungen. Er ist am 1. Februar 1914 in Hamburg geboren. Als sein Vater starb und Hitler an die Macht gebracht wurde, war er 19 Jahre alt. Als er 22 Jahre alt ist, muß er aus Deutschland fliehen. Die Gestapo sucht ihn.

In seinem Brief schreibt er: “Gestern kam ich aus den USA und fand ihren Brief vom 17. Mai, den ich sofort beantworte. James Henschel war mein Großvater, Hugo Streit mein Onkel. Hermann Urich-Sass mein Vater. . . . Ich habe keine Absichten nach Europa zu kommen: Ich habe keine Beziehung zu Deutschland. Dass sie einen Dokumentarfilm “Auf der Suche nach Henschel“ beabsichtigen, erscheint mir unverständlich. Wer interessiert sich heute noch für das Schicksal von Menschen, die vor 56 Jahren derart gedemütigt wurden, dennoch verspreche ich Ihnen, sicherlich auch im Namen meiner Verwandten, volle Mitarbeit. Wir verloren das Vaterland, etwas, was schmerzhaft ist und materielle Dinge, solche kann man und haben wir in reichlichem Mass in unseren neuen Heimaten errungen ohne Antisemitismus, den ich schon lange vor der Hitlerzeit erleben musste und habe meine Zweifel, wenn man behauptet diese negative Gefühlsstimmung sei plötzlich verschwunden.“

Der Brief von Horst Urich Sass ist auf Firmenpapier geschrieben.“BACO. S.A.“ Links oben sind zwei Gebäude abgebildet, die aussehen wie Fabrikgebäude. Der Luftpostumschlag ist mit Namen und der Anschrift des Absenders bedruckt und hat, wenn man dem Stempel glauben kann, eine Reise von Mexico 10, D. F. über die USA (L. A. Beverly Hills) nach Hamburg 50 gemacht. Die Vermutung, daß es sich bei Horst Urich-Sass um den Besitzer dieser Fabrik handelt, löst bei mir gemischte Gefühle aus, war mein Leben bisher immer von der Erkenntnis geprägt, daß die Guten immer unten und die Bösen immer oben sind. Und das, obwohl ich auch unten schon viele Böse getroffen hatte. Aber einen deutschen Emigranten, der in Mexiko eine Fabrik und einen zweiten Wohnsitz in Beverly Hills in Los Angeles hat, das brachte mich damals ins Grübeln.

Den Söhnen von Hugo Streit, Rolf Arno Streit und Carl Heinz Streit ist die Flucht nach Brasilien gelungen. Sie waren dort auch im Filmgeschäft tätig und schreiben aus Belo Horizonte am 17. August 1989. Rolf Arno Streit ergänzt meine Recherchen zur Geschichte des Henschel Film und Theaterkonzerns, den sein Vater und sein Onkel in Hamburg betrieben haben. Er schreibt von einem Mann namens Adam, der bei der Enteignung seines Vaters eine wichtige Rolle hatte. Leider kennt er seinen Vornamen nicht.

Falls ich diesen Film über das Verschwinden der Henschel Kinos tatsächlich machen wollte, dann mußte zunächst einmal Geld für die Produktion und für die Reise besorgt werden. Einzige Möglichkeit: Ein Antrag bei der Hamburger Filmförderung: Das Hamburger Filmbüro e. V.. Frisch gegründet und selbstverwaltet. Leider ist Jens Meyer dort schon mehrfach als obstinat aufgefallen. Mein Filmemacherkollege Wolfgang Morell (Gründungsmitglied des Filmbüros) stellte dort jedes Jahr Anträge und hatte noch nie eine müde Mark für die Produktion eines Filmes von ihnen bekommen. Auch er konnte seine Schnauze immer nicht halten und hatte wiederholt offen seine Meinung über die sich entwickelnde Filmbürokratie vorgetragen.

Also, dachte ich mir, müssen mir meine Eltern helfen. Geld konnten sie mir leider nicht mehr geben. Dafür war es zu spät. Aber schließlich haben sie mir drei Vornamen gegeben und das muß ja irgendwie von Nutzen sein. Der Antrag auf Förderung wird nicht von Jens sondern von der Otto Meyer Filmproduktion gestellt. Und Otto Meyer hat Glück. Bekommt ein Darlehen von 75.000,– DM auszahlbar in drei Raten.

Wir (Der Kameramann Dietmar Bruns, Dorothea Koch und meine beiden Söhne Hannes und Fiete und ich) fahren in die USA nach Beverly Hills und nach Belo Horizonte in Brasilien. Und weil wir kein Geld hatten um eine U-Matic Kamera für diesen Zeitraum zu leihen (fragen sich jetzt alle, was war das noch mal?), kaufen wir eine S-VHS Kamera von JVC für 5.000,00 DM. Damals das beste, was es im semiprofessionellen Bereich gab. Horst Urich-Sass, der Sohn von Hermann Urich-Sass, den wir am 20. Juli 1990 in Beverly Hills in Los Angeles befragen, ist am 1. Februar 1914 in Hamburg geboren. Er ist 76 Jahre alt und ein reicher Mann. Geld konnte er bei seiner Flucht nach Mexiko keins mitnehmen und in Mexiko hat er sich mit dem Handel von Stoffen über Wasser gehalten. Und das ging so: Da er Spanisch weder sprechen, noch lesen oder schreiben konnte und nur einige Brocken Englisch kannte war das eine schwierige Veranstaltung, für Jemanden, der etwas verkaufen will. Aber die mit denen er gehandelt hat, sprachen Jiddisch und so konnte er sich mit Ihnen mit Deutsch verständlich machen. Die beiden Sprachen sind offenbar miteinander kompatibel.

Wenn Horst Urich Sass von Hamburg spricht, dann spricht er von der Angst, die er immer gehabt hat. Zu Recht, wie sich herausstellt. Er wird angezeigt, denunziert. Wegen „Rassenschande“. Seine Schwester Vera ist schon vor ihm nach Mexiko geflüchtet. Über die Besitzer, die die Kinos „übernommen haben“ wie er sich ausdrückt, mag er nichts schlechtes sagen: Die haben ja durch den Krieg auch alles verloren. Die waren nach dem Krieg besiegt und lagen am Boden. Und man tritt nicht auf den, der am Boden liegt.“

Ich denke bei mir, vielleicht wäre es doch mal ganz gut gewesen, wenn nach dem Kriege mal getreten worden wäre. Aber wer bin ich denn, daß ich sowas sagen kann?

In Belo Horizonte treffen wir (Der Kameramann Dietmar Bruns und ich) die Söhne des Kinobesitzers von Hugo Streit. Rolf Arno Streit ist am 9. August 1912 Hamburg geboren, sein Bruder Carl Heinz ist ein Jahr älter. Er ist am 26. August 1911 in Hamburg geboren. Als wir mit ihnen am 30. und 31. Juli 1990 sprechen sind sie 78 und 79 Jahre alt.

Als sie 1936 aus Deutschland geflüchtet sind, um ihr Leben zu retten, waren sie 24 und 25 Jahre alt. Jetzt sind sie seit 54 Jahren in Brasilien. Sie haben die deutsche Sprache nur wenig benutzt. Aber langsam kommen doch viele vergessene Worte zurück.

Die Nazis hatten sie ausgebürgert aus Deutschland, doch nach dem Krieg haben Rolf Arno und seine Frau Hilde Streit wieder die deutsche Staatsangehörigkeit beantragt und bekommen. Sogar ihre Tochter Anja Streit-Daibert hat einen deutschen Pass. Sein Bruder Carl Heinz Streit wollte keinen deutschen Pass mehr haben.

Bei der Eröffnung unseres Kinos (3001-Kino) am 1. Mai 1991 bringe ich im Foyer ein Messingschild an. Dort ist zu lesen:

ZUM ANDENKEN AN DIE HAMBURGER KINO-PIONIERE JEREMIAS (genannt James) HENSCHEL HERMANN URICH-SASS HUGO STREIT GRÜNDER DER ERSTEN HAMBURGER GROSS-KINOS BESITZER DER LEGENDÄREN „SCHAUBURG“ KINOS VON HAMBURGER BÜRGERN WÄHREND DER NAZI-ZEIT VERFOLGT, ENTEIGNET UND AUS DEUTSCHLAND VERTRIEBEN Hamburg, d. 1. Mai 1991. (Da steht jetzt ein Kühlschrank vor)

Im Oktober 1994 ist der Film fertig. (63 Minuten). Für ein Fernsehfeature ist er zu lang (Die Normlänge ist zu dieser Zeit 45 Min.), für einen Kinofilm zu kurz. Der Arbeitstitel „Auf der Suche nach Henschel“ wird dem Film nicht gerecht.

Die Anfangszeile eines Werbeliedes, das damals für die Schauburg Kinos komponiert wurde, wird mein Filmtitel: „Leute seid vernünftig, lasst die Frau durch, denn sie will noch schnell mal in die Schauburg“. Ich versuche eine Kinoauswertung und einen Fernsehverkauf. Aber das Interesse bei den Sendern ist gering. Der Tenor lautet: das Thema Juden und Kino, das hatten wir schon mal. Er läuft ein paar mal bei uns im Kino in Hamburg und ich verschicke mehrere Jahre lang Ansichtskassetten an Fernsehstationen. Erfolglos.

Vielleicht ist es einfach nur ein schlechter Film geworden, denke ich manchmal. Andrerseits gibt es natürlich Gründe, warum sechzig Jahre lang niemand gefragt hat, wo die ehemaligen Besitzer der Schauburg Kinos geblieben sind.

Mein Freund Reinhold Sögtrop stellt einen Antrag bei den Grünen, um Gelder für eine Fotoausstellung zusammen zu bringen. Wir hatten viele Fotos aus Brasilien und einige aus den USA mitgebracht. Wir durften auch Blicke in die Fotoalben der „neuen Kinobesitzer“ in Hamburg, so nenne ich mal die Söhne und Töchter derer, die nach 1933 Kinobesitzer wurden, tun und einige sogar abfotografieren für unsere Ausstellung „Auf der Suche nach Henschel“. Das wir in Hamburg angelogen wurden, das waren wir schließlich gewöhnt und so war ich auch nicht traurig, das einer der Söhne, der damals noch lebte, Tim Schümann, uns kein Interview geben wollte.

Aber wie das manchmal so ist, wenn man mit einer Videokamera Fotos aufnimmt. Da stellt man beim Umblättern der Seiten des Fotoalbums manchmal Fragen und erhält Antworten und vergißt dabei schnell, daß die Kamera ja auch ein Mikrophon hat. Einige Jahre später habe ich mir dann den Ton noch einmal angehört und darüber gestaunt, was Söhne so manchmal veranstalten, um die braunen und die Blutflecken von der Jacken ihrer Väter zu entfernen.

Da entstehen sonderbare Mischungen. Noch Jahre nach dem Tod, werden so aus überzeugten Nazis und SA Männern, die freudig Zeitungsanzeigen aufgeben, daß das Kino jetzt endlich in »arischem« Besitz sei, Männer des (inneren) Widerstands. Mit der Fotoausstellung bei uns im Kino wollten wir eine größere Öffentlichkeit ansprechen und neue Informationen bekommen. Fehlanzeige. Wenn man mal von der Magisterarbeit von Gerti Keller und der Hausarbeit der Studentin Stephanie Baecker absieht.

Viele Fragen waren damals ungeklärt und so liess mich das Thema nicht mehr los. Wem gehörten die Kinogrundstücke? Warum wurden die zerstörten Kinos nicht wieder aufgebaut? Warum wurden so hervorragende Grundstücke, wie das vorne an der Reeperbahn, Ecke Zirkusweg nicht wieder bebaut oder verkauft?

Warum wurde das Grundstück am Gänsemarkt, später mit einem sog.“Ufa Palast“ bebaut, nicht zurückerstattet? Das waren nur einige dieser offenen Fragen. Und viele Auskünfte bekommt man nur, wenn man ein sog.“berechtigtes Interesse“ nachweisen kann. Geschichtsaufarbeitung gehört meist nicht dazu. Anschließend habe ich meine Hobbyforschung Heimatkunde genannt.

Im Laufe der Jahre entwickelt sich so eine Art Sammelleidenschaft bei mir. So wie andere Briefmarken sammeln, sammle ich seit 1984 Naziverbrecher und Naziopfer. So kommt es mir jedenfalls manchmal vor. In meiner Sammelleidenschaft traf ich auf den Kameramann Sven. Der schaute sich das Material an und ermunterte mich – laß uns ein Buch aus diesem zusätzlichen Material machen.

Manchmal nimmt man eben doch den Mund zu voll, jedenfalls war meine damalige an Antwort, das sei überhaupt kein Problem, das sei ja alles da und müsse nur noch kurz zusammengefügt werden. Pustekuchen. Sven brachte mich dann mit dem Geschichtsstudenten Jan Johannsen zusammen, der ein Thema für seine Diplomarbeit suchte und sich gleichzeitig noch als Fotograf betätigte. Ein wunderbare Kombination für die bevorstehenden Sucharbeiten.

Von Rolf Arno Streit hatte ich erfahren, daß ein maßgeblicher Mann in Hamburg bei der Enteignung der Kinobesitzer, ein Obernazi namens Adam gewesen sei. Leider wußten die Streit Brüder nicht viel von diesem Mann. Nicht einmal den Vornamen. Sie hatten erfahren, daß dieser Mann zusammen mit den beiden Nazis, die den Henschel Konzern „übernommen hatten“ ein Kino in Kiel hatte. Einen ganzen Tag habe ich damals in Kiel im Stadtarchiv verbracht, aber nichts herausgebracht.

Und die Zeugen waren wie immer sprachlos oder gestorben. Erst 1993 brachte die Studentin Gerti Keller, der ich meine Unterlagen zur Verfügung stellte, den Vornamen und eine Kurzbiografie dieses Obernazis Adam heraus.

Der Mann hiess Richard Adam und war Leiter der Landesfilmstelle in Hamburg. Im Laufe der weiteren Suche stellte sich heraus: Der Mann war Goebbels direkt unterstellt. Wieder begann die Suche. Ich schrieb über mehrere Jahre immer wieder an das Hamburger Landgericht, an die sog. Wiedergutmachungs-kammer.

Und irgendwann im Jahre 2005 rief mich dann Richter Dr. Lothar Weyhe vom Landgericht Hamburg an, und teilte mir mit, wenn ich von einem Beteiligten eine Vollmacht zur Akteneinsicht beibringen könne, dann hätte er noch so verschiedene interessante Akten.

Wieder schrieb ich nach Brasilien, in der Hoffnung, daß die Kinder des Kinobesitzers vom Waterloo Kino in der Dammtorstrasse 14 mir antworten würden. Und tatsächlich kam Post aus Sao Paulo von Günther Harald Hirschel, dem Sohn des Kinobesitzers Manfred Hirschel, dem die Flucht aus Deutschland gelungen war.

Günther Harald Hirschel stellte eine Vollmacht aus. Und so konnten wir (Jan Johannsen und ich) das erste Mal die Prozessakten aus dem Prozess Hirschel gegen Esslen ansehen und fotografieren, die vor uns noch niemand gesehen hatte. Die Entwicklung der Fototechnik war seit Beginn meiner Nach-forschungen inzwischen vorangegangen.

Während Reinhold Sögtrop und ich noch umständlich mit einer Kleinbild-kamera im Staatsarchiv waren, konnten wir (Jan Johannsen und ich) mit seiner Digitalkamera alle Akten, von denen wir Kenntnis erhielten, fotografieren. Mit der vorgelegten Vollmacht von Günther Harald Hirschel durften wir die Akten des „Wiedergutmachungsprozeß“ (schon diese Wortschöpfung stellt eine Verhöhnung der Opfer dar) um das Waterloo Theater in der Dammtorstrasse 14 fotografieren. Die Prozessakte Hirschel gegen Esslen hat 246 MB und passt auf eine CD Rom. Zum Lesen vor Ort hatten wir keine Zeit.

Das war das Gefühl, das vermutlich Touristen aus Asien bei Europareisen haben. Alles wird auf Speicherchips gebracht. Erst zuhause werden die Objekte dann angesehen. Und dort fielen mir dann fast die Augen aus dem Kopf. Der Obernazi Richard Adam, der die Enteignung der jüdischen Kinobesitzer maßgeblich im Sinne der NSDAP vorangetrieben hatte, tritt in dem Rückerstattungsprozeß Waterloo Theater als Zeuge der „Arisierer“ (Clara Esslen und Heinz Heisig) auf und wird nicht (natürlich nicht) im Gerichtssaal sofort festgenommen.

Er darf dagegen vor Gericht ausführen, daß der jüdische Kinobesitzer Manfred Hirschel schon vor der Enteignung durch Klara Esslen und Heinz B. Heisig (der nach dem Kriege damit punkten konnte, der einzige Hamburger Kinobetreiber gewesen zu sein, der nicht Mitglied der NSDAP war) pleite gewesen sei und dass er oder die Partei, der er angehörte keinerlei Einfluß auf die Enteignung des jüdischen Kinobesitzers Manfred Hirschel genommen habe. Doch zurück an den Anfang der Hamburger Kinogeschichte. Die eigentliche Kinogeschichte der Henschels beginnt schon viel früher mit der Eröffnung des „Helios Theaters“ von Friderika und James Henschel im Dezember 1905. Der Enkel Rolf Arno Streit, der seine Großeltern noch kennengelernt hatte, beschreibt, wie seine Großeltern darauf gekommen sind, Kinos zu machen.: „In Paris, so hat er (James) gehört, gibt es einen Grammophon Laden, dass heißt die Leute konnten in den Laden gehen sich Telefone an die Ohren legen und konnten dann eine Musik wählen. Das wollte er in Hamburg auch machen. Auf dem Weg dorthin sind sie (Friderika und James) stehengeblieben vor einer riesigen Schlange von Menschen, die alle in ein sogenanntes Cine gehen wollten. Das war eine Neuigkeit für meine Großeltern. Da wurden die ersten Filme vorgeführt. Nachher sind sie ins Hotel gegangen und meine Großmutter Frida Henschel hat zu meinem Großvater gesagt, James ich habe es mir überlegt. Wir machen nicht Grammophon. Wir machen Kinos.“

Wann Friderika und James diese Reise nach Paris gemacht haben, weiß ich nicht. Vielleicht waren sie in Paris, als dort die Weltausstellung stattfand. Dort führten die Brüder Lumiere zum ersten Mal ihren „Cinematographe Geant“ vom 15. April bis 31. Oktober vor. Das war ein Breitwandverfahren für eine Leinwand von 25 x 15 Metern.

Fünf Jahre später (Im Dezember 1905) eröffnen Friderika und James Henschel ihr erstes Kino in Hamburg Altona. Es ist das „Helios Theater“ in der Bergstrasse 11. Das Kino hat 500 Plätze. James ist zu diesem Zeitpunkt 42 Jahre alt. Aus einem Zeitungsbericht erfahre ich, dass Anfang 1906 das Ehepaar Henschel ihr zweites Kino, das „Belle-Alliance-Theater“ in der Eimsbütteler Strasse 2 /Ecke Schulterblatt 115 eröffnen. „Es fasste 1.400 Personen, für die damalige Zeit eine unerhörte Zahl, und hat Zeit seines Bestehens nur einen „schwarzen Tag“ erlebt: den Tag, an dem die Michaelis Kirche niederbrannte und die gesamte Tageskasse-bei 1.400 Plätzen-nur 56 Mark aufwies“. steht in der Licht Bild Bühne vom 16. August 1930. (Der Tag an dem der Michel brannte war der 3. Juli 1906). Vergleicht man die Größe des „Belle Alliance“ mit heutigen Kinos, dann schneidet die Gegenwart schlecht ab. Das größte Kino Deutschlands steht heute in Essen. Die Lichtburg: Die hat 200 Sitzplätze weniger (1.200 Sitzplätze). Hamburgs größtes Kino im Cinemaxx hat mal grade 1.001 Sitzplätze. Es scheint mir dringend an der Zeit, eine Art Biografie dieser ersten Kinounternehmer zu versuchen. Eigentlich wäre das Aufgabe jener gewesen, die sich Historiker nennen. Warum müssen das Amateure und Dilettanten machen, so wie ich einer bin? Auf jeden Fall, finde ich, ist es höchste Zeit diese Lücke endlich zu schließen.

Die Frau, die James Henschel dazu brachte, Cine zu machen war: Friderike (Friderika) Blumenthal, geb. am 17. Oktober 1865 in Lübeck. Sie flüchtete 1939 aus Deutschland nach Mexiko und starb am 16. April 1945 in Manhattan, New York im Alter von 79 Jahren. Sie hatten fünf Kinder. Rolf Arno Streit berichtet von seiner Großmutter Friderika, dass diese eine sehr religiöse Jüdin gewesen sei. Sie habe einen koscheren Haushalt geführt. Der Opa James habe es dagegen nicht so genau genommen. Einmal im Jahr, wenn Friderika in der Synagoge zum Beten gewesen sei, dann sei er heimlich Schweinefleisch essen gegangen.

Mark (Hermann) Lissauer (der kleine Junge auf dem Balkon des Fotos vom Thalia Kinos in der Grindelallee 116) berichtet in einer E Mail vom 22. Dezember 2005: „Von meiner Mutter hörte ich, daß Oma Frida an der Kasse saß und sie und James mit einer Waschbalje voll mit 10 Pfennigstücken per Droschke nach Hause fuhren.“

Die biografischen Angaben über James Henschel sind auch nicht grade üppig: Geboren wurde er am 5. Februar 1863 in Hamburg. Er erlangte am 18. Dezember 1901 das Hamburger Bürgerrecht. Als Berufsangabe wird genannt: Kaufmann und Agent. Am 22. April 1897 wird seine Firma James Henschel ins Handelsregister eingetragen. Nach einem Zeitungsbericht kam er von der „Konfektion“, was vermutlich heissen soll, daß er sich mit dem“ Handel von Fertigkleidung“ (Duden Fremdwörterbuch) beschäftigte.

Er war Mitglied der Hugenberg Partei (DNVP). Was immer man davon hält. Für den Enkel von James Henschel war diese Parteimitgliedschaft lebensrettend. James erhielt von einem Parteifreund Nachricht, das sein Enkel Horst Urich-Sass von der Gestapo gesucht werde. Aus gleicher Quelle konnte er auch seinen Schwiegersohn Hugo Streit vor der Verhaftung durch die Gestapo warnen.

Hermann Lobbes von der Licht Bild Bühne schreibt in dem einzigen Bericht, den ich gefunden habe, über die Arbeit von James Henschel: „Die Sommersaison 1907 bedeutete dann den einzigen größeren Rückschlag für die junge Firma, wenn man von den beiden ersten Kriegsjahren absieht, deren Überwindung nur durch fortgesetzte und beträchtliche Zuschüsse aus den Reserven möglich war.

Aber als James Henschel im Herbst 1907 mit dem „Hauptmann von Köpenick“ (Buderus, Hannover) herauskam und diesem Sensationsfilm wenig später die nicht minder spannende und aufregende Tragödie vom „Untergang Messinas“ (Ambrosio) folgen ließ, war die Situation mit einem Schlage gerettet. Beide Filme schlugen wie eine Bombe ein. Hunderte warteten täglich in langen Ketten vor der Kasse.

Hunderte fanden keinen Einlass. In Altona gab es damals kaum irgendwelche regulierenden Polizeivorschriften, und so spielte man ununterbrochen von 3 Uhr nachmittags bis 1 Uhr nachts. An manchen Sonntagen wurde das Theater von mehr als 8.000 Personen besucht! Diese erfreuliche Konjunktur ließ die Kasse anschwellen und schaffte die Möglichkeit ein weiteres Theater in Betrieb zu nehmen. Ein günstiger Bauplatz fand sich an der Wandsbeker Chaussee und hier errichte Henschel nun, nach einer kurzen Entreprise in Lübeck, das erste Theater der Welt, das ausschließlich für Kinozwecke bestimmt war. Aufgeführt mit einem Kostenaufwand von 550.000 Mark wurde das Palast-Theater, heute gleich den übrigen Großtheatern Henschels im Besitz der Ufa, einer der gewaltigsten Saalbauten seiner Zeit.“

Als James Henschel 55 Jahre alt ist, macht die neugegründete UFA (gegründet am 18. Dezember 1917) ihm ein Angebot für den Kauf seiner Kinos. James Henschel verkauft an die UFA. Da die UFA offenbar daran interessiert ist, nicht mit eigenem Namen in Hamburg als Kinobesitzerin aufzutreten, wird eine „J. Henschel GmbH“ gegründet. Viele fallen darauf herein. Ich auch. Bis mein Sohn Hannes eines Tages im Bundesarchiv in Berlin zwei Ordner mit den Bilanzen der J. Henschel GmbH findet, die dort nur deshalb aufbewahrt worden waren, weil die Nazis die UFA verstaatlicht hatten. Es stellte heraus, daß die Firma zu 100 % der UFA gehörte. James Henschel hatte mit der Gründung dieser Firma alle seine Anteile und auch die ihm gehörenden Grundstücke an die UFA verkauft.

Mit dem Erlös aus den verkauften Kinos kauft sich James Henschel 1919 – 14 Wohnhäuser mit über hundert Wohnungen und übersteht dadurch die Inflation von 1923 und die Weltwirtschaftskrise von 1929.

Das Ehepaar Henschel flüchtet 1938 aus Deutschland zunächst zur Tochter Bianca Kahn, geb. Henschel, nach Holland. Bianca Henschel hatte dort den portugiesischen Konsul Isidor Kahn geheiratet. James Henschel stirbt am 26. August 1939 im Alter von 76 Jahren in Den Haag. Nach seinem Tode gab der Reichsminister am 16. 09. 1939 im Reichsanzeiger bekannt, daß James und Friderika Henschel „ausgebürgert“ wurden. Sie waren nun keine Deutschen mehr.

Gleichzeitig wurde bekannt gegeben, das das gesamte inländische Vermögen von James und Friderika Henschel beschlagnahmt sei. Das darf als Hinweis darauf gelten, daß die Nazis auch gerne das ausländische Vermögen gehabt hätten. Friderika ist zu diesem Zeitpunkt 74 Jahre alt, als sie mit falschen Papieren über Portugal nach Mexiko entkommt.

James Henschel hat mit seinem Tode den Nazi Juristen noch eine Nase gemacht. Zwischen Gestapo, Oberfinanzpräsident und anderen deutschen Nazibehörden gibt es einen längeren Schriftwechsel in den Unterlagen, ob sie nicht den richtigen Zeitpunkt der Enteignung, bzw. der Ausbürgerung verpasst hätten. Auch die Grundstücke der J. Henschel GmbH konnten nicht mehr enteignet werden. Denn die hatte er bereits 1918 an „seine“ GmbH verkauft.

Der Enkel Horst Urich-Sass berichtete von seinem Vater Hermann Urich-Saß, der große Lust hatte, Kinos zu bauen. Immer wenn sein Vater mal zu aggressiv gebaut hatte und das Geld ausging, dann sind sie (Hugo Streit und Hermann Urich-Sass) nach Monte Carlo gefahren und James mußte mal mit Geld aushelfen, was er auch getan hat. Das Ehepaar Henschel hatte fünf Kinder:

Hanns Henschel ist der Älteste. Ich finde sein Grab auf dem jüdischen Friedhof in Ohlsdorf. Dort steht bei den Toten aus dem ersten Weltkrieg ein Stein: Unteroffizier Hanns Henschel geb. am 21. September 1893 – 5654. Gef. 31. Oktober 1916- 5677. Der Stein vermerkt: Inhaber des eisernen Kreuzes und des hanseatischen Kreuzes. Er ist 23 Jahre alt, als sein Vaterland ihm das Leben nimmt.

Hedwig Henschel wird am 4. Juni 1888 in Hamburg geboren. Mutter Friderika ist damals 22 Jahre alt. Vater Jeremias 25 Jahre alt. Sie heiratet Hermann Urich-Saß. (Henschel Film und Theaterkonzern) und stirbt am 24. Januar 1960 im Alter von 71 Jahren in Mexiko.

Sophie Henschel wird am 07. April 1889 in Hamburg geboren. Mutter Friderika ist 23 Jahre alt, der Vater James ist 26 Jahre alt. Sie heiratet Hugo Streit. (Henschel Film und Theaterkonzern), flüchtet im Dezember 1938 aus Deutschland und stirbt am 14. November 1968 im Alter von 79 Jahren in Belo Horizonte, Brasilien.

Bianca Henschel wird am 8. März 1890 in Hamburg geboren. Mutter Friderika ist 24 Jahre alt, Vater James ist 27 Jahre alt. Bianca heiratet am 5. Mai 1931 den portugiesischen Konsul Dr. Isidor Kahn in Den Haag und zieht nach Holland. Sie stirbt nach Kriegsende in Manhattan, New York.

Grethe (Gretl) Henschel. Ich finde ihr Geburtsdatum auf dem jüdischen Friedhof in Ohlsdorf. Geb. am 8. April 1895 in Hamburg. Gestorben am 4. August 1921. (5655-5681 steht auf dem Grabstein). Mutter Friderika ist bei ihrer Geburt 29 Jahre alt.

Gretl (wie sie auf dem Grabstein genannt wird) ist verheiratet mit Hermann Lissauer. geb. am 5. November 1893 in Hamburg. Gestorben am 29. August 1922. (5654-5682). Sie hat einen Sohn: Hans Adolf Lissauer, der am 08.01. 1920 in Hamburg geboren wird, in die USA flüchtet und sich dort Henry Anthony Lissauer nennt.

Die Suche in den Akten des Staatsarchives ist zeitaufwendig. Eigentlich nur Menschen möglich, die jede Menge Zeit und viel Geduld haben. In den Bestandsverzeichnissen des Oberfinanzpräsidenten (so nennt sich die Ausplünderungsbehörde in dieser Zeit) sind die Akten aufgelistet, die im Archiv vorhanden sind. In den ersten Jahren nach Namen sortiert, später nicht mehr.

Die Nummern der Akten werden in Bestelllisten eingetragen, die bis 11.30 Uhr abgegeben werden müssen. Ab 13.30 Uhr werden diese dann im Lesesaal bereit gestellt. Um 16.00 Uhr wird der Lesesaal geschlossen. 150 Minuten sind nicht viel Zeit, um dem Fleiß der nationalsozialistischen deutschen Beamten gerecht zu werden.

Und langsam, beim Sammeln der vielen neuen Informationen stellt sich heraus, daß der Film von 1994 nur die halbe Wahrheit war. Damals ging ich davon aus, daß von den 50.000 Sitzplätzen in Hamburger Kinos ungefähr 30 % im Besitz von Menschen waren, die von den Nazis als Juden bezeichnet wurden und die sich selbst doch nur als Deutsche- als Hamburger- bezeichneten. (Zum Vergleich hatte Hamburg 1990 ca. 12.000 Sitzplätze in Kinos zur Verfügung).

Die neuen Tatsachen zeigen: Wenn jemand zwischen 1933 und 1945 in Hamburg Kinobesitzer geworden ist, dann nur durch die Enteignung, die die deutschen Nazis durchgeführt haben. Von den 50.000 Sitzplätzen, die 1930 in Hamburg vorhanden waren, wechselten 30.000 den Besitzer, wenn man es denn so ausdrücken will.

Der Tarnausdruck der Nazis heisst „arisieren“. Sie hatten auch noch andere Tarnausdrücke, die viele Menschen heute nicht mehr kennen: Für Mord hatten sie den Tarnausdruck „Sonderbehandlung“, um nur ein Beispiel zu nennen.

Geld ist bei dieser Enteignung keins geflossen, jedenfalls nicht an die, denen es zugestanden hätte. Und noch in dritter Generation halten die Enkel die Legenden von damals aufrecht: Die Schümanns, die Romahns, die Adams, die Meiningers, die Esslens, die Heisigs und wie die neuen Kinobesitzer von Führers Gnaden in Hamburg alle hießen. Und noch eine Information ist wichtig zum Verständnis. Würde ich heute meine Suche nach den „Verschwundenen Kinobesitzern“ von damals beginnen, dann würden 75.000 DM nicht einmal ausreichen, die Fotokopierkosten zu bezahlen, die laut Gebührenordnung des Hamburger Senats und anderer Bundesbehörden (Bundesarchiv) dafür fällig würden.

Die Archive sind inzwischen zu uneinnehmbaren Endlagern geworden. Das bettet sich nahtlos in die Schweigepolitik der Bundesrepublik ein. Nach heutigem Kurs sind meine zehn mit Dokumenten gefüllten Leitz Aktenordner inzwischen ein kleines Vermögen wert. Jede Din A 4 Kopie würde mit 0,60 € laut Gebührenordnung berechnet werden (inkl. Mehrwertsteuer). Mehrwertsteuer für die Ausplünderungsakten der deutschen Verwaltung?

Für jede Melderegisterauskunft werden in Hamburg 22,00 € fällig. Wer den Wohnsitz des Mannes herausfinden will, der in Hamburg die Kinobesitzer enteignet hat, dem kann es passieren (ich kenne das), dass sowohl die Gemeinde Blankenese, als auch die Gemeinde Kampen auf Sylt sich über mehrere Jahre weigern, eine Melderegisterauskunft zu geben und das obwohl Kampen auf Sylt am 31. 12. 2008 nur insgesamt 601 Einwohner hatte.

Dort hat sich Richard Franz Wilhem Adam, geb. am 30.09. 1893 in Hamburg Altona bis zu seinem Todestag am 26. November 1967 aufgehalten. Gegen ihn wurde niemals ermittelt.

Paradieschen
Alte Postkarte Lerchenweg 5 Kampen auf Sylt, Wohnsitz von Richard Adam bis zu seinem Tode (Villa Paradieschen)

Seinen letzten Wohnsitz erfahre 2005 bei Einsicht in eine sog. „Wiedergutmachungsakte“. Darin ist ein Brief enthalten, den er aus Kampen (Sylt) an das Hamburger Landgericht schreibt. Gerne tritt er als Zeuge auf, aber die Fahrt nach Hamburg kostet 54,20 DM. Das Geld möge man ihm bitte vorher schicken. Nur vier Personen aus dieser Kinobesitzerfamilie konnten in Deutschland bleiben. Sie liegen auf dem Jüdischen Friedhof in Hamburg Ohlsdorf. Sie starben vor der Zeit. Und einer von Ihnen hat sich das Leben genommen, als Hitler die Macht übergeben wurde. Nur dieser Stein konnte die Brücken zu den Überlebenden im Ausland finden. Und das ist das eigentlich Erschreckende.

Jens Meyer Hamburg, d. 14. Mai 2026

Apropos Kaiserkrone Kiel

Apropos Kaiserkrone Kiel

PDF Apropos Kaiserkrone (Zeichen 2.270)

(Zeichen 2.270) Die Landeshauptstadt Kiel schreibt: Ein Stolperstein für Josef Ehrlich Kiel, Breiter Weg 4-6, ehemals Breiter Weg 5.

Josef Ehrlich, geb. am 10.10.1875 in Grodek, Polen, war Sohn von Nachum Meyer Ehrlich und Minna Ehrlich, geb. Weissberg. Er hatte drei Schwestern: Helene, verh. Hurtig, Lina, verh. Friedmann, und Else, verh. Jonas. Letztere überlebte das KZ Theresienstadt. Seit 1898 lebte Josef Ehrlich in Kiel, 1914 trat er in die israelitische Gemeinde ein. Nach dem 1. Weltkrieg, an dem er aktiv teilnahm, heiratete er Anna Struck, die nach der Heirat zum Judentum übertrat. Die sogenannte Mischehe blieb kinderlos und endete am 25.5.1939, als Anna verstarb. 1923 wurde Josef Ehrlich Direktor der „Kaiserkrone“, die sowohl ein Theater als auch ein erfolgreiches Kino und Restaurant sowie der Treffpunkt des „Jüdischen Kegelclubs“ war.

Josef Ehrlich war nicht nur ein anerkanntes Mitglied des „Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten“, sondern galt in ganz Kiel als eine wohlhabende und angesehene Person, auch bei Nichtjuden. Im Zuge der nationalsozialistischen Maßnahmen zur Entrechtung und Ausgrenzung der Juden aus dem Wirtschaftsleben wurde am 31.12.1935 Ehrlichs Besitztum „arisiert“, das heißt, Ehrlich wurde enteignet und sein Besitz an den Parteigenossen Scepanik [August G. Scepanik] gegeben, seinen ehemaligen Oberkellner.

Nach dem Novemberpogrom vom 9.11.1938 kam Ehrlich für einen Tag in sog. Schutzhaft und anschließend ins Gerichtsgefängnis, aus dem er von einem Offizier der Gestapo heraus geholt wurde. Er bekam zwar 1938 im Zuge der sog. Polenaktion, bei der alle aus Polen stammenden Juden in ihr Herkunftsland geschoben werden sollten, den Ausweisungsbefehl, brauchte diesem aber nicht nachzukommen, vermutlich geschützt durch Verbindungen zur Gestapo.

1941, als dieser Schutz offensichtlich versagte, musste er seine Eigentumswohnung im Breiten Weg verlassen und wurde gezwungen, in eine deutlich kleinere Wohnung zu ziehen, in die Flämische Straße 22a, in ein Haus, das die Stadt zum sog. Judenhaus erklärt hatte. Am 4.12.1941 wurde Ehrlich zusammen mit 40 anderen Kieler Juden, unter ihnen auch seine Schwester Lina, im Rathausbunker festgehalten und zwei Tage später mit fast 1.000 weiteren Juden von Hamburg aus nach Riga deportiert.

Am 5.1.1942 kam er dort im Lager Jungfernhof ums Leben – ob durch die katastrophalen Lebensbedingungen oder durch wilde Erschießungen, ist ungeklärt.

Nilpferd
Zeichnung Helga Bachmann

Briefe an Eugen (LV-55) Louis Segall

Hallo Eugen,

Römische Zahlen

es ist doch erschreckend wie schnell das manchmal geht. Wie aus einer Vermutung eine Tatsache wird. In dem Buch aus dem Wallstein Verlag aus Göttingen, 2016 erschienen, ist er auf Seite 71 vermerkt (Die Hamburger Juden im NS Staat 1933-1938/39 Band XLV von Andreas Brämer und Miriam Rürup) ISBN 0178-3-8353-1811-3). Firma: Photogeschäft Louis Segall. bish. Inhaber: Louis Segall, Hamburg. Erwerber: Paul Waiher. Es ist jetzt nur noch die Frage: Handelt es sich um einen Übertragungsfehler oder nicht? Im Adressbuch heißt der sog. Erwerber Paul Waibel. Quelle ist das Staatsarchiv Hamburg, 314-15, Oberfinanzpräsident, Devisenstelle und Vermögensstelle (15. Oktober 1938) . J.

Hallo Eugen, im Netz habe ich jetzt endlich die Daten von Louis Segall und seiner Frau gefunden. Die hat sein Sohn Jay Jay French, ein Musiker, hochgelanden. Sein Vater Louis Segall ist am 20. Juni 1910 geboren. Seine Mutter Evaline French ist am 17. Juni 1918 geboren. Er hat auch ein Foto (siehe unten) von seinen Eltern ins Netz hochgeladen. Den Eltern scheint die Flucht aus Deutschland gelungen zu sein. Das ergibt sich aus seinen Angaben. Und nun kommst wieder Du, J.

Louis Segall Fotograf
Foto von Louis Segall.. 1. Mai 1936 Schauburg am Hauptbahnhof. Mönckebergstraße 8
Hindenburghaus
Hindenburghaus, Großer Burstah 31, damals Sitz des Oberfinanzpräsidenten (Die Ausplünderungsbehörde der Nazis) Foto Jens Meyer
Mönckebergstraße 8 (1936)

Branchen Telefonbuch Hamburg 1929
Branchen Telefonbuch Hamburg 1930

le

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Tier
Zeichnung Helga Bachmann

Briefe an Eugen (XLVI-46) Frühling + Sommer der Anarchie

Briefe an Eugen (XLVI)

Römische Zahlen

Frühling + Sommer der Anarchie

Hallo Eugen, das trifft sich gut. Hier kommt noch ein Fundstück und kein Rundstück. Gefunden nach dem Motto, man soll keinen Kalauer, der sich bietet, auslassen. Ebenfalls aus bereits genanntem Buch »Fallobst« von Hans Magnus Enzensberger auf den Seiten 57 + 58 + 59. Die Überschrift darf Dich nicht verwirren. Das Buch und der Film haben andere Titel.

PDF 3 Briefe an Eugen (XLV) (Zeichen ) Frühling und Sommer

Ach uebrigens Eugen, hier ist noch etwas, was Du sicher gar nicht wissen wolltest. Die Uebersetzung aus dem Duden aus Leipzig von 1984. Da war die Duden Redaktion noch in den Haenden des Volkes = VEB (Volkseigener Betrieb) auf Seite 51: Anarchismus=, der _, (jede staatl. Organisation ablehnende, kleinbürgerl., antimarxist. Ideologie) (grch-lat) . Hab ich doch gewußt, daß Du das gar nicht wissen wolltest! J.

Packard 904 Sedan 1932

Hallo Eugen, seit Montag weiß ich, auch in „Tote schlafen fest“, gibt es einen Packard. Nicht nur in Barcelona. Aber diesen Packard sieht man nur ganz kurz, als er bei Tagesanbruch aus dem Fluß gefischt wird. Und der Fahrer ist noch drin, aber das wird nur gesagt und nicht gezeigt, J.

In dem Film von Hans Magnus Enzensberger „Der kurze Sommer der Anarchie“ gibt es ein Interview mit einem namentlich nicht genannten Zeugen, der Durutti begleitet hatte. Er ist so fotografiert (Gegenlicht), daß man ihn nicht erkennen kann. Das hat der Kameramann Carlos Bustamante damals gut hinbekommen. Inzwischen steht der Name dieses Zeugen „Ramón Gacia López“ bei Wikipedia. Leider ist der Name des Kameramanns im Abspann des Filmes falsch geschrieben. Dort steht statt Carlos Bustamante, Carlos Bustemante. Aber das scheint bisher niemanden gestört zu haben. Leider hat bis heute niemand herausgefunden, wie der Taxifahrer in Spanien hieß, der jeden Abend die belichteten Filmnegative und die Tonaufnahmen am Zoll und an Francos Geheimpolizei vorbei zum Flughafen und damit in Sicherheit gebracht hat. Auch Carlos Bustamante, der in Berlin lebt, konnte sich leider an seinen Namen nicht erinnern. Der Tonmann der Ṕroduktion Christoph Busse hat sich leider auch nicht seinen Namen gemerkt. Ohne diesen Menschen waere der Film von Hans Magnus Enzensberger gar nicht zustande gekommen, wie sich am Ende der Dreharbeiten herausstellte. Ein Lob dem unbekannten Taxifahrer!
Der Zeuge „Ramón Gacia López“ (Kopiert aus dem letzten Bild der Videokassette des Filmes von Hans Magnus Enzensberger)
Tier Nilpferd
Zeichnung Helga Bachmann
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Briefe an Eugen (XXVIII-28) Behutsam ergänzt

(Zeichen 4.844) Briefe an Eugen

Die Fakten behutsam ergaenzt (XXVIII)

Römische Zahlen

Hallo Eugen,

Christian Geissler am 12. 03. 2007. Foto von Sven

in meinem Buechersortiment befinden sich drei Ausgaben des Buches von Christian Geissler: »Wird Zeit, daß wir leben«. Zwei Auflagen aus der Zeit als Christian Geissler noch lebte und und eine aus der Zeit als er nicht mehr lebte. Erstmals war das Buch 1976 im Rotbuch Verlag Berlin erschienen. Meine Exemplare sind aus den Jahren 1976 und 1979. Taschenbuecher. Das von 1979 mit der Auflagenennung 11.-13. Tausend. 236 Seiten. Die Ausgabe von 2013 ist gebunden, hat 316 Seiten und ist im Verbrecher Verlag Berlin erschienen. Hinzugefuegt ist ein Nachwort von Detlef Grumbach und eine „Editorische Notiz“ auf Seite 317.

In dieser heißt es u. a.: »Das Glossar war bereits Bestandteil der Erstausgabe, geprägt von einer pointierten Mischung aus Fakten und Standpunkten. Für heutige Leser wurden hier und da die Fakten behutsam ergänzt, die typische Diktion Geisslers wurde aber so weit wie möglich beibehalten«.

Das entspricht leider nicht den Tatsachen. In der ersten und in der von mir 1979 erstandenen Ausgabe dieses Buches gibt es kein »Glossar«. Christian Geissler hat dieses Wort vermieden. Er hat den sieben Seiten am Ende des Buches die Ueberschrift »Anmerkungen« gegeben. Es handelt sich um 61 Anmerkungen. Die Anzahl ist in der Auflage von 2013 gleich geblieben. Verteilt auf zehn Seiten, während es in den ersten Auflagen sieben Seiten waren.

Apropos: Fakten behutsam ergaenzt. Die neuen Anmerkungen sind nicht nur laenger oder kuerzer geworden, sondern auch anders. Los gehts mit den Hungerdachluken. Bei Christian Geissler einfach und klar: (9) „Hungerdachluken. Beim Hamburger Aufstand im Oktober 1923, als die arbeitenden Massen hungerten, kämpften die Revolutionäre zum Schrecken der Weißen klug aus dem Hinterhalt, z. B. aus barmbeker Dachluken.“

Dem Behutsamergaenzer der Ausgabe von 2013 ist das nicht genug und er oder sie fügt deshalb an: „Der Hamburger Aufstand war eine von der militanten Sektion der KPD in Hamburg am 23. Oktober 1923 begonnene Revolte. Ziel war der bewaffnete Umsturz in Deutschland nach dem Vorbild der russischen Oktoberrevolution 1917. Im Laufe des Aufstands wurden in Hamburg und Schleswig-Holstein insgesamt 24 Polizeireviere besetzt.“ (Liest sich wie bei Wikipedia abgeschrieben. Und siehe da: ist es auch. Nur der zweite abgeschriebene Satz wurde ein wenig veraendert, oder sollte es etwa umgekehrt sein?)

Besonders auffaellig ist es bei der Anmerkung 10 auf Seite 230. Im Original (1976 und 1979) von Christian Geissler steht:

„rede Genosse Mauser! vgl. Majakowski, linker Marsch: Entrollt euren Marsch / Burschen von Bord / Schluß mit dem Zank und Gezauder / still da, ihr Redner / du hast das Wort / rede, Genosse Mauser . . . . Die Rede ist hier von der C 96, einem der beliebtesten Modelle aus dem Hause von Paul v. Mauser, die erste wirklich brauchbare Pistole mit verriegeltem Verschluß und mit einem 10- und später auch 20- Schuß-Magazin, das vor dem Abzug liegt. Zusätzlicher Vorteil: Die Waffe hatte eine Einrichtung zur Anbringung eines Anschlagschaftes. Im revolutionären Rußland nannte man die diese Waffe auch »Bolo-Mauser«. Bolo war der in der Umgangssprache entstandene Ausdruck für Bolschewik. Eine spanische Version dieser Pistole war bei den chinesischen Genossen der zwanziger Jahre als Maschinenpistole recht verbreitet. Wenn die Mauser auch bei uns jetzt durch andere, handlichere Konstruktionen ersetzt ist, erfreut sie sich doch in manchen Länder noch eines außerordentlichen Zuspruchs.“

In der Neuausgabe von 2013 wird daraus: „rede Genosse Mauser! Zitat aus dem Gedicht »Linker Marsch« von Wladimir Majakowski, später vertont von Hanns Eisler: »Entrollt euren Marsch / Burschen von Bord / Die Rede ist hier von der Mauser C 96, einer der ersten Selbstladepistole.“

Zwei Revolutionen sind verschwunden. Stattdessen erfaehrt der »Leser von heute«, wer die Musik dazu gemacht hat. Naechstes Beispiel: hauptvollblut und wasistdas Während es bei Christian Geissler kurz und buendig heißt: »Kurzfassung der Schwerpunkte lutherischer Glaubenslehre« schwafelt der Faktenbehutsamergaenzereditor vom Verbrecherverlag von Paul Gerhard, Johann Krüger, Martin Luther und dem Kleinen Katechismus.

Auch das Stichwort »im Krieg in Kiel« erfaehrt eine erstaunliche Veraenderung. Während Christian Geissler schreibt: »Die November Revolution 1918 begann am 3.11. mit dem bewaffneten Aufstand der Matrosen in Kiel. Als auf den Schiffen des III. Geschwaders umfangreiche Verhaftungen vorgenommen wurden, erhoben sich die Matrosen und begannen den Kampf um die Befreiung ihrer Kameraden.«

Daraus macht der Faktenbehutsamergaenzer des Verbrecherverlags (natuerlich ohne Namensnennung und Begruendung): »Der Kieler Matrosenaufstand fand Anfang November 1918 – gegen Ende des Ersten Weltkrieges – statt. Auch der Rest dieses geaenderten Textes ist nicht besser. Da mutiert die Revolution zu einem »Impuls der Ausbreitung der Unruhen«. Auch die EK –Offiziere von Christian Geissler werden von dem Faktenbehutsamergaenzer umgearbeitet. Bei Christian Geissler steht unter Nr. 160: EK-Offiziere Offiziere mit dem sog. Eisernen Kreuz, also mit Praxis aus dem ersten Weltkrieg, vgl. BGS-Offiziere mit Nazikriegspraxis. Daraus wird: (213) EK-Offiziere, die mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet waren, also im Ersten Weltkrieg gedient hatten. Geissler vergleicht sie mit Offizieren des Bundesgrenzschutzes »mit Nazikriegspraxis«.

Verschwunden ist das Wort sog. und sie wurden mit Eisernen Kreuz „ausgezeichnet, weil sie also im Ersten Weltkrieg gedient hatten“ und nicht schnöde mit dem EK ausgezeichnet. Christian haette sicher gefragt: Wem gedient?

Alles eher aergerlich, wie ich finde. Aber natuerlich kein Grund, diese Ausgabe nicht zu kaufen und zu lesen. Vielleicht kann der Verlag ja eine Beilage mit den Originalanmerkungen von Christian Geissler beilegen, so liesse sich der entstandene Schaden begrenzen, J.

PDF Anmerkungen 1979

Wird Zeit, daß wir leben 2013 U1

Wird Zeit, dass wir leben 2013 U 4

Wird Zeit, dass wir leben Seite 317

PDF Briefe an Eugen (XXIV) Gruesse vom Editor

Wird Zeit,daß wir leben U1

Wird Zeit, daß wir leben U4

Hallo Eugen, es gibt in dem Buch von Christian Geissler nur einen Fehler.  Der befindet sich auf Seite 150 der zweiten Auflage.  Mal sehn, ob Du den findest. Hier ist der Ausschnitt,  J.

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cc

pdf feder und pauli kalamatta

Hallo Eugen, heute ist Sonntag, der zweite Juni. Ein Schreiben vom Verleger (Verbrecherverlag) oder von dem ersten Vorsitzenden der Christian Geissler Gesellschaft e. V. ist bisher nicht angekommen. Es ging um die Frage, wer da in dem Text von Christian Geissler (Wird Zeit, dass wir leben) rumgepfuscht hat und noch nicht einmal dazu steht, J.

Briefe an Eugen (XLIX-49) Schirmmeister bei Blohm & Voss

(Zeichen: 3.779)

Römische Zahlen am BUG
Römische Zahlen

PDF 6 Dezember 1997 HA Wolf Biermann

Briefe an Eugen (XLVIII) Schirmmeister bei Blohm & Voss

Hallo Eugen, jetzt habe ich mal wieder was gefunden, was Dich vielleicht interessiert. Gefunden habe ich die Beilage in einem Schallplatten Doppelalbum, das ich beim Antiquariat Pabel gekauft hatte: Elektrola: Heinrich Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen. Sprecher Richard Münch und Hannelore Schroth. Zwei Schallplatten. Der Vorbesitzer hatte dem Doppelalbum noch zwei Zeitungsseiten beigelegt. Ein Text von Wolf Biermann. Immerhin zwei große Zeitungsseiten.

Das war für ne PDf zu groß und auch nicht so wichtig. Abgeschrieben habe ich Dir nur den kleinen Kasten. Das Hamburger Abendblatt stellt den Autor des Artikels der Leserschaft vor:

Hier ist die Abschrift: Ein Zeitungsausschnitt aus dem Hamburger Abendblatt vom Sonnabend, d. 6. Dezember 1997. Unter der Überschrift „Die Liebe ist eine subversive Waffe“ erscheint ein umfangreicher Text von Wolf Biermann. Immerhin zwei Seiten im Wochend-Journal des Hamburger Abendblattes. In einem Kasten unter der Überschrift „Ein ausgezeichneter Unbequemer“ wird der Autor den Lesern vorgestellt.

„Wolf Biermann wurde am 15.11.1936 in Hamburg geboren. Vater Dagobert war Schirmmeister bei Blohm & Voss; er wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Mutter Emma starb 90jährig im Jahre 1994. Wolf Biermann besuchte bis zur 10. Klasse das Heinrich-Hertz-Gymnasium und wechselte 1953 auf ein Internat bei Schwerin. Er studierte Politische Ökonomie. Philosophie und Mathematik in Ostberlin und wurde SED-Kandidat. Von 1957 bis 1959 arbeitete er als Regieassistent am Berliner Ensemble. 1960 begann seine Karriere als Liedermacher. 1963 beschloss die SED, ihn nicht als Mitglied aufzunehmen. 1964 folgte die erste Konzertreise im Westen Deutschlands.

Nach der Veröffentlichung des Gedichtbandes „Die Drahtharfe“ in der Bundesrepublik erteilten die DDR-Behörden 1965 ein Auftritts- und Ausreiseverbot. Biermann veröffentlichte zahlreiche Langspielplatten in der Bundesrepublik. Das SED-Regime nahm eine genehmigte West-Tournee zum Anlaß, ihn 1976 auszubürgern.

Biermann wurde mit dem Hölderlin-Preis (1989), dem Büchner-Preis (1991) und dem Heine-Preis (1993) ausgezeichnet. 1994 übersetzte er „Der große Gesang des Jizchak Katzenelson vom ausgerotteten jüdischen Volk“. Das Manuskript wurde im KZ Vittel in Flaschen vergraben und später gefunden.

„Vielleicht das Wichtigste, das ich im Leben gemacht habe“, sagte er 1996 im Journal Interview. Biermann lebt seit 1977 in Altona. Der vorliegende Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors gekürzt.“ (siehe pdf)

Hallo Eugen, ja richtig. Da könnte man rumkritteln: „Biermann veröffentlichte zahlreiche Langspielplatten in der Bundesrepublik.“ So zahlreich dann doch wieder nicht. Es waren fünf LPs: 1965 Wolf Biermann bei Wolfgang Neuss und (Philips Twen) (die hatte ich mal, hab sie aber verschenkt) (habe mir dann später in der Plattenrille eine Nachpressung gekauft, ohne Twen.) 1968 Chausseestraße 131 bei Wagenbach. (die hatte ich mal, hab sie aber verschenktt und mir später noch mal eine Nachpressung in der Plattenrille erstanden.) 1973 Warte nicht auf bessre Zeiten CBS 1975 Liebeslieder CBS 1976 Es gibt ein Leben vor dem Tod CBS (die hab ich sogar doppelt)

(Ausgebürgert aus der DDR am 16. November 1976. In welchem Monat des Jahres 1976 die Firma CBS die Platte herausgebracht hatte, konnte ich nicht herausfinden. (CBS-81259-A)

Aber nein. Ich bin über den »Schirmmeister«, den Beruf des Vaters, gestolpert. Ich finde dieses Wort nicht in meinem Wörterbuch. Auch mein VEB Duden von 1984 aus Leipzig und der Kluge aus Berlin und New York von 1995 geben keine Auskunft über diesen Beruf.

Erst im deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (DWB) gibt es einen Hinweis auf die Wortbedeutung: »Schirmmeister« kommt aus dem Mittelalter und meint einen »Fechtmeister«.

Das ließ mich dann doch stutzen. Dagobert Biermann ein Fechtmeister? Kaum zu glauben. Meine Vermutung: Ein Druckfehler des Hamburger Abendblattes.

Meine Vermutung, es handelt sich um einen Schirrmeister, führt ebenfalls in die Irre.

Er deutet in Richtung Militär.: Als Schirrmeister bin ich für die Wartung und Instandsetzung der Fahrzeuge, Waffen und Funkgeräte zuständig. Ersatzteile werden aus Deutschland geliefert oder entsprechend dezentral vor Ort beschafft“, erklärt Hauptfeldwebel Max T. von der Bundeswehr. Auch eher unwahrscheinlich.

Dagobert Biermann

Aber: Es gibt den Schirrmeister auch anderswo. Zum Beispiel beim THW.

In einigen Veröffentlichungen hat Dagobert Biermann die Berufsbezeichnung Schlosser, oder auch Maschinenschlosser bekommen. Maschinenschlosser bei Blohm & Voss.

Nilpferd
Zeichnung Helga Bachmann

Als Dagobert Biermann ermordet wurde, war Wolf Biermann erst sieben Jahre alt, J.

Briefe an Eugen (XVI-16) Neue Filmkunst Walter Kirchner + VEB Progress Film Verleih

(Zeichen 5.654) Briefe an Eugen (XVI) Neue Filmkunst Walter Kirchner

Römische Zahlen am BUG
Römische Zahlen

PDF Briefe an Eugen (XVI) Neue Filmkunst

Bremen Foto RHM

Hallo Eugen, der Film »Titanic« wurde 1942-43 hergestellt. Geplante Dreharbeiten vom 12. 03. 1942 – Oktober 1942. Im April 1963 brachte ihn der Verleih: »Neue Filmkunst Walter Kirchner« aus Göttingen ins Kino.

Zu jedem Film dieses Verleihs wurde ein Programmheft erstellt: »Kleine Filmkunstreihe Nr. 30«. Die Redaktion dieser Hefte hatte Fritz Puhl. Die Zusammenstellung und der Text stammt von Wolfgang R. Langenbucher. Die Graphik stammt von Hans Hillmann und Isolde Baumgart. Leider habe ich das Programmheft nicht einzeln, sondern nur in der gebundenen Fassung. Deswegen kommt hier eine Abschrift aus selbigem Heft Nummer 30:

Abschrift: „Mehrmals in der Geschichte des Films hat die Tragödie des Ozeanriesen TITANIC vor der Kamera ihre Nachgestaltung erfahren. Zum erstenmal bereits im Jahre 1913 in Dänemark durch Augustus Blom (unter dem Titel „Atlantis“, nach dem gleichnamigen Roman von Gerhard Hauptmann); zum bisher letztenmal in Amerika durch Jean Negulesco („Der Untergang der Titanic“, 1953).

Der deutsche Film TITANIC entstand 1942/43. Er hat ein so bewegtes Schicksal gehabt, daß er selbst Gegenstand eines Filmes oder eines Romans werden könnte, nicht zuletzt, weil er der Anlaß war für die persönliche Tragödie des Regisseurs Herbert Selpin.

Es begann bei den Außenaufnahmen auf dem im Hafen von Gdingen liegenden deutschen Luxusdampfer CAP ARCONA. Schon während der ersten Drehtage kam es zu erheblichen Differenzen zwischen dem Regisseur und einigen Offizieren der in Gdingen stationierten Verbände der deutschen Kriegsmarine.

Sie störten bei Tage die Dreharbeiten, funkten nachts mit ihren Blinklichtern dazwischen und unternahmen am Tage wie bei Nacht schneidige Kaperfahrten auf die Herzen der Statistinnen. Im Kasino von Zoppot ließ Selpin seinem Zorn freien Lauf und nahm, was seine Meinung über das Verhalten des Militärs betraf, kein Blatt vor den Mund.

Ein Kollege und ehemals persönlicher Freund [Walter Zerlett-Olfenius] denunzierte ihn bei dem Präsidenten der Reichskulturkammer, SS-Obergruppenführer [Hans] Hinkel. Nur mit Mühe und Not konnte verhindert werden, daß man Selpin bereits vor Abschluß der Außenaufnahmen verhaftete.

Kaum waren jedoch die Aufnahmen in Gdingen beendet, mußte Selpin — die übrigen Arbeiten an dem Film waren noch im vollen Gange ― vor einem Ehrengericht erscheinen. Er lehnte es ab, seine Äußerungen zu widerrufen.

Damit war sein Schicksal entschieden. Seine Verhaftung erfolgte am 30. Juli 1942. Zwei Tage später, am Morgen des 1. August, fand man ihn tot in seiner Zelle. Alles war so arrangiert, daß man auf Selbstmord schließen sollte. Fotos des Ermordeten erwiesen später jedoch, das man ihn erwürgt hatte.

Selpins Freunde glaubten keinen Augenblick an die Selbstmord-Version. Es kam zu Sympathiekundgebungen, den ersten öffentlichen Protesten der „Kulturschaffenden“ gegen die Gewaltmethoden des Dritten Reiches. Mitarbeiter, die als Selpin-Gegner bekannt waren, wurden offen boykottiert ― bis Goebbels durch Anschläge in den Ateliers mit allem Nachdruck vor weiteren ähnlichen Kundgebungen warnen ließ.

Am Vorabend des Tages, an dem trotz der „Affaire Selpin“ der Film uraufgeführt werden sollte, zerstörte ein Bombenangriff in Berlin das Kino und die bereitliegende Uraufführungskopie. Das war für Goebbels eine willkommene Gelegenheit, den Film endgültig „bis nach dem Kriege“ zu verbieten — angeblich, um die Nerven der Kinobesucher zu schonen.

Die noch vorhandenen Kopien und das Negativ wurden unter Verschluss getan und galten seitdem als verschollen. Erst im Jahre 1949 fand man eine Kopie des Films wieder und ließ ein neues Negativ anfertigen. Der Film lief an — und mußte schon nach kurzer Zeit wieder abgesetzt werden.

Die Engländer hatten, obwohl der Film von dem damaligen amerikanischen und französischen Film-Kontroll-Organen freigegeben worden war, die Aufführung gesperrt und die Zurückziehung der Vorführgenehmigung verlangt. Ihrer Ansicht nach war der Film eine Verunglimpfung der White-Star-Linie wie überhaupt ein Werk von allgemein antibritischer Tendenz.

Erst nachdem die Amerikaner selbst einen Titanic-Film herausgebracht hatten, wurde der Film endgültig freigegeben und konnte nun — im Jahre 1955 ― ungehindert gezeigt werden.

Für die heutigen Betrachter ist die Frage, welcher Nation Reederei und Besatzung der TITANIC angehörten bedeutungslos geworden. Die Ursachen der Tragödie — skrupelloses Gewinnstreben und blinde Rekordsucht ― haben keine Nationalität. Gewiß hätte Goebbels keine Millionen für den Film aufgewendet, wenn er in dem Stoff nicht Möglichkeiten gesehen hätte, den rücksichtslosen Geschäftsgeist in den „westlichen Plutokratien“ darzustellen.

Andrerseits: die Vorgänge, die der Film schilderte, haben sich ja in der Tat abgespielt. Börsenspekulationen standen durchaus — wenn sie auch nicht die einzigen Antriebsmomente für die Rekordfahrt waren — im Hintergrund der Ereignisse.

Ebenso gab es an Bord ― wenn auch die verschiedenen privaten Schicksale frei erfunden sind ― einen 1. Offizier mit Namen Petersen und einige andere, die den Kapitän wiederholt vor den Gefahren des eingeschlagenen Kurses warnten. Auch die Darstellung der Verhaltensweise des Kapitäns und des massiven Druckes, der auf ihn ausgeübt wurde, entspricht den Tatsachen.

Der Grund dafür lag letzten Endes, neben den Finanzspekulationen, in dem damals gerade zwischen englischen und und deutschen Reedereien geführten Wettstreit um die Vorherrschaft im Personenverkehr über den Atlantischen Ozean.

Der Prestigekampf zwischen den Großmächten hätte — wäre es Selpin und seinen Mitarbeitern um einen reinen „Gott-strafe-England-Film“ nationalsozialistischer Prägung gegangen ― ganz andere Möglichkeiten geboten, als die Vorgänge, die sie in dem Film zeigten.

Doch diese Dinge sind 50 Jahre nach der Katastrophe ohne Belang. Wir sehen heute in dem Untergang der TITANIC mehr als nur einen von bestimmten Menschen verursachten Unglücksfall. Wir sehen in ihm — unabhängig davon, unter welcher Flagge das Schiff fuhr ― ein allgemeingültiges Sinnbild für das Scheitern des Menschen mitsamt seiner Technik an den Gewalten der Natur.

Und gleichzeitig ein eindringliches Beispiel für die Folgen menschlicher Vermessenheit, wie sie sich in den Worten eines Angehörigen der Besatzung ausdrückt, der kurz vor dem Auslauf des angeblich unsinkbaren Ozeanriesen erklärt hatte: „Dieses Schiff könnte selbst Gott nicht versenken!“ Da gibts natürlich noch mehr Texte, aber da hatte ich keine Lust, die alle abzuschreiben, J.

Hallo Eugen, ja, zu Deiner Nachfrage. Vor einigen Jahren habe ich mir mal eine DVD von der Deutschen Fassung von Titanic angesehen. Die war in einem grauenhaften Zustand. Wenn Friedrich Wilhelm Murnau das gesehen hätte. Nicht auszudenken. So konnte er sich nur im Grabe umdrehen, als ich ihm davon berichtete, J.

Hallo Eugen, inzwischen habe ich noch herausgefunden, daß der Film auch in der DDR ins Kino gekommen ist. Der Progress Film Verleih hat ihn 1961 als Reprise herausgebracht. (Heft 102/61). Sogar ein eigenes Plakat wurde dafür gedruckt. Wenn man bedenkt, daß Herbert Selpin bei Friedrich Wilhelm Murnau Hilfsassistent des Aufnahmeleiters beim »Faust« Film gewesen ist, also der Lehrling, dann wundert man sich schon darüber, über die grottenschlechte DVD Kopie, die diese Murnau Stiftung von Selpins Film (war er das überhaupt noch?) auf den Markt gebracht hatte, J.

Kameramann Friedl Behn-Grund

Hallo Eugen, ja es sollte sich mal jemand, so ähnlich wie Enno Patalas um den Film »Metropolis« von Fritz Lang, mal daran machen und den Film »Titanic« so wiederherstellen, wie er eigentlich hätte werden sollen. Davon, das der Kameramann, Friedl Behn-Grund, ein Talent gewesen sein soll, sieht man bei der Wiedergabe der DVD von der Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung , kurz geschrieben: nichts.

Herbert Selpin
Regisseur Herbert Selpin

Hallo Eugen, nur um Deine Neugier zu befriedigen. Ja, Selpin hat es bis in die Seite imdb geschafft. Dort findet sich: Text bei IMDB.com: Herbert Selpin (29 May 1904 – 1 August 1942) was a German film director and screenwriter of light entertainment during the 1930s and 1940s. He is best known for his final film, the partly suppressed Titanic, during the production of which he was arrested by Propaganda Minister Joseph Goebbels. He was later found dead in his prison cell. Died under mysterious circumstances, was quite possibly killed by the Gestapo. Dissatisfied with the scenario of the film Titanic (1943), Selpin openly criticized its writer Walter Zerlett-Olfenius and the whole German Navy. Goebbels had him arrested by the Gestapo. Selpin was found hung in his cell the following day. Suicide or murder.

Die Suchmaschine übersetzt: Unter mysteriösen Umständen gestorben, wurde möglicherweise von der Gestapo getötet. Unzufrieden mit dem Szenario des Films Titanic (1943) kritisierte Selpin offen dessen Autor Walter Zerlett-Olfenius und die gesamte deutsche Marine. Goebbels ließ ihn von der Gestapo verhaften. Selpin wurde am folgenden Tag erhängt in seiner Zelle aufgefunden. Selbstmord oder Mord.

Hallo Eugen, das mit dem RMS der Titanic stimmt auch. RMS ist die Abkürzung für: Royal Mail Ship / Royal Mail Steamer = Königlicher Postdampfer. So schreibt das Heft aus dem Hause Walter Kirchner: „In Southhampton, Cherbourg und Queenstown hatte die TITANIC Post aufgenommen; insgesamt lagerten bei der Überfahrt mehr als 3000 Postsäcke in ihren Laderäumen.“

Hallo Eugen, auch das schreibt das Heft aus dem Hause Kirchner: „Die offizielle Totenliste des englischen Handelsministeriums registrierte: von den 323 Passagieren der 1. Klasse wurden 202 gerettet, von den 277 der 2. Klasse 115, aber von den 709 Passagieren der 3. Klassse entgingen nur 176 dem Tod; von der Mannschaft wurden 4 Offiziere und weitere 206 Menschen bei einem Personal von insgesamt 900 Mann Besatzung gerettet.“ Was lernen wir daraus? Nie bei der Besatzung sein und wenn schon mit einem Schiff nach Amerika, dann immer 1. Klassse fahren, J.

Hallo Eugen, nur um Deine Neugier zu befriedigen. Ja. Seit 14. März 1933 war er Mitglied der NSDAP, J.

Hallo Eugen, über die Deutsche Erstaufführung gibt es unterschiedliche Informationen. Zum Beispiel die, dass eine Premiere in Berlin stattfinden sollte. Leider wurde das Kino am Tage der Aufführung mitsamt der bereit gestellten Kopie bombardiert. Der Name des Kinos wird in diesem Zusammenhang nicht genannt. Nun wurden im fraglichen Zeitraum (September – November 1943) eine ganze Reihe von Kinos in Berlin bombardiert. Eine andere Information lautet: Am 17. Dezember 1942 fand im Reichspropagandaminitsterium eine Vorführung statt.J.

Hallo Eugen, ja im Ausland war »Titanic« ein großer, auch finanzieller Erfolg. Premiere in Prag am 12. September 1943 (vermutlich eine untertitelte Version?), am 10. November 1943 in Paris (vermutlich eine französische Synchronisation), am 12. November 1943 in Finnland (Untertitel ?), am 28. Januar 1944 in Schweden (Untertitel ?). Am Ende des Filmes gibt es in der ursprünglichen Fassung eine Gerichtsverhandlung in Hallo Eugen,New York, die in der Version, die die Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung vertreibt, fehlt. Die Längenangabe von FWMS ist 2467 m. Noch Fragen? J.

Achso, ja, In der SU kam der Film am 27. August 1949 ins Kino, J.

Hallo Eugen, Du bist ja wirklich unendlich neugierig. Ja, ich habe was über den Kameramann von Titanic, Friedl Behn-Grund gefunden. Bei Hans Helmut Prinzler in seinem Buch: »Chronik des deutschen Films« auf Seite 15 + Seite 385 schreibt er:

„Friedl Behn-Grund, geb. am 26. August 1906 in Bad Bolzin, tgest. am 2. August 1989 in West-Berlin. Kameramann. Zwischen 1925 und 1969 hat er an die 170 Filme photographiert. Sein Faible waren die Hell-Dunkel-Kontraste des Schwarzweiß-Films. »In den 30er und 40er Jahren gehört er zum Kamerastab der Ufa und Tobis. Er gilt als solider Handwerker, dessen Arbeit weniger auf Virtuosität einzelner Einstellungen als auf die Geschlossenheit der Filmdramaturgie zielt. Seine Lichtsetzung orientiert sich an den Standards der realistischen Malerei.« (Michael Esser, Gleißende Schatten, Mannheim 1994), Da hast Du es. Jedenfalls sehen die Fotos bei Alamy und Imago viel besser aus, als die Bilder auf der DVD von FWMS, J.

Hallo Eugen, da hab ich noch was gefunden. Bei Ernst Klee auf Seite 567 seines »Kulturlexikon zum Dritten Reich« und das ist vermutlich kein Witz von ihm. Danach hieß Herbert Selpin eigentlich Herbert Pinsel. Er hat das nur umgedreht, J.

Selpins Titanic
Casino Hotel in Zoppot
Titanic Modell
Ronald Hirte mit seinem Titanic Modell

Nilpferd kneift ein Auge zu
Zeichnung Helga Bachmann

Apropos Hans Bernd Gisevius (III)

(Zeichen 2.973)

Apropos Hans Bernd Gisevius (III)

Hans Bernd Gisevius als Zeuge in Nürnberg

PDF Apropos Hans Bernd Gisevius (III)

Auf Seite 86 seines Buches »Bis zum bittern Ende« [1946] schreibt Hans Bernd Gisevius:

„In der Tat war besagter [Adolf] Rall auf Geheiß der Gestapo nach Berlin beordert und eingehend verhört worden. Diese Vernehmungen hatten sich in [Hubert] Geißels [Kriminalrat] Zimmer abgespielt. Nach ihrer Beendigung wurde der Häftling eines Nachts aus dem Polizeipräsidium geholt. Angeblich sollte es sich um eine kurze Gegenüberstellung handeln. In Wirklichkeit mußte er sich in der Prinz-Albrecht-Straße bis aufs Hemd ausziehen.

Dann fuhren sie zu viert, den vor Kälte und Todesangst zitternden [Adolf] Rall unten ins Auto gepfercht, zur Stadt hinaus. Dort, wo die Gelegenheit günstig schien, machten sie halt, und was sich dann ereignete, wußte jener unbekannte SA-Mann, er hieß [Karl] Reineking, scheußlich plastisch zu berichten.

Sie sahen an einem Waldesrande ein freies Feld liegen, und in der Nähe erspähten sie eine Aussichtsbank. Auf diese mußte sich [Adolf] Rall setzen, worauf sie ihn gemeinsam erwürgten. Nach [Karl] Reinekings Schilderung soll es eine endlose Zeit gedauert haben, bis ihr Opfer tot war: zumindest scheinen den Mördern bei diesem üblen Geschäft die Minuten zu Stunden geworden zu sein.

Darauf ließen sie die Leiche auf der Bank lehnen und machten sich am nahen Acker daran, ein Grab zu schaufeln. Doch wer beschrieb ihren Schrecken, als sie plötzlich ein Geräusch hörten, sich umdrehten und von weitem die Leiche weglaufen sahen.

Der Anblick des im hellen Mondschein und mit dem flatternden Hemde davonspringenden Toten war selbst für die abgebrühten Totschläger der SA grauenerregend.

Noch größer war indessen die Angst der Mordbuben, alles könne entdeckt werden. Eilig rannten sie hinter der Leiche her, und jetzt würgten sie so gründlich, bis ihr wirklich das Atmen verging. Hastig wurde sie verscharrt. Man konnte es [Karl] Reineking glauben, daß ihm und seinen Kumpanen sehr unbehaglich wurde, als sie bereits am nächsten Mittag auf diesen peinlichen Zwischenfall angesprochen wurden.

Es gibt Jugendeindrücke, die man niemals vergißt. Ähnlich geht es mir mit dieser Schilderung der Ermordung des [Adolf] Rall. Wenngleich ich späterhin tausenderlei schlimmere Sachen gehört habe, so steht dieses gespenstische Bild immer wieder vor meinen Augen.

Die sausende Autofahrt, die Mondscheinnacht, der Mann im Hemd, die Würgerei, der Tote auf der Bank, die Leiche, die fortläuft — ich gebrauche diese Ausdrucksweise, weil sich [Karl] Reineking ihrer bediente ―, nicht zu vergessen dieses hastige, unzulängliche Verbuddeln, so daß das Verbrechen nach wenigen Stunden offenkundig ist: ich finde dieses trostlose Gemälde in seiner Plastik so eindringlich, daß ich es aus Chronistenpflicht festhalten muß, wenn ich über die Geschichte des Reichstagsbrandes schreibe. Aber welchen Verbrechens hatte sich besagter [Adolf] Rall schuldig gemacht, daß er zunächst tagelang in der Gestapo vernommen und daran anschließend im Nachtdunkel ermordet werden mußte? Und wer war dieser [Karl] Reineking, der so plötzlich in unserem Blickfeld erschien? Nun, jetzt war es nicht mehr schwer die weiteren Ermittlungen zu tätigen. Wir erkannten, wo wir anzusetzen hatten. [Hubert] Geißel mochte schweigen, so viel er wollte, [Karl] Reineking war ein um so größerer Schwätzer. Neuling auf gestapistischen Boden, fühlte er sich hochgeehrt, als [Arthur] Nebe sich mehrfach seiner annahm, mit ihm eine Konferenz unter vier Augen abzuhalten.“

(Seite 86-87)

Anmerkung 2023: Der Kriminalrat Hubert Geißel hat sich am 26. September 1938 umgebracht. Weil über diesen „öffentlichen“ Selbstmord wenig bekannt ist, hat Jens Dobler im Dezember 2022 einen Artikel geschrieben.

Dort schreibt er: „Am Montag, den 26. September 1938 gegen 22.15 Uhr erschießt Hubert Geißel zunächst seine Frau und dann sich selbst. Die Tat findet öffentlich, unmittelbar am Polizeipräsidium Neukölln in der Wildenbruchstraße 4 statt.“

Ein ausführlicher Bericht findet sich im „Archiv für Polizeigeschichte Nr. 47, Heft 2/2021“. Im Netz: file:///home/jens/old/Downloads/Historiker-Nr78-3.pdf, abgerufen am 7. August 2023

Nilpferd Auge zu
Zeichnung Helga Bachmann

Apropos Hans Bernd Gisevius (II)

Hans Bernd Gisevius als Zeuge im Nürnberger Prozess
H.B. Gisevius

(Zeichen 4.141)

Apropos Hans Bernd Gisevius (II)

Abschrift Seite 100/101/102:

PDF Apropos Hans Bernd Gisevius (II)

„Am Brandtage hatten sie [Adolf Rall, Heini Gewehr genannt Pistolen Heini und Willi Schmidt genannt Schweinebacke u. a.] sich spätnachmittags in Bewegung gesetzt. Erstes Ziel war eine Drogerie im Norden der Stadt. Der Drogist war ein alter Parteigenosse, ein hingebungsvoller SA-Mann, das sagt in diesem Falle alles.

Zugleich verstand er sich auf sein Geschäft, auf das technische wie auf das kassenmäßige. Diesen Abend war auch er «ganz groß». Hinwiederum war die Mixtur, die sie abholten, gar nicht so viel, wie sie sich ausgemalt hatten.

Für jeden gab es von dieser kostbaren Flüssigkeit nicht mehr als ein würfelförmiges Gefäß, das sie gut in großen Rucksäcken, wie sie zum Tragen von Zeitungen gebraucht wurden, verstauen konnten.

Sie staunten ein wenig, daß das genügen sollte, aber der Drogist mußte es wissen. Gegen sechs Uhr fuhren sie vor dem Palais des Reichstagspräsidenten vor, das gegenüber dem Hauptgebäude lag und durch einen unterirdischen Gang mit diesem verbunden war.

Es standen dort so viele Autos herum, daß ihre Ankunft überhaupt nicht auffiel, ebenfalls nicht die komischen Akten, die sie in das Gebäude hineintrugen.

Ob der Pförtner mit im Spiel war, ob er zu jenem Zeitpunkt in seiner Loge saß, ob er grade «dienstlich» abberufen war, konnte [Adolf] Rall nicht sagen, er hatte nicht darauf geachtet. Sofort gingen sie in den Keller hinunter. Dort mußten sie eine ziemliche Weile warten. irgendein verabredetes Zeichen fehlte noch.“

( . . . )

„Als sie sich in strammer Haltung bei Karl Ernst zurückmeldeten, bekamen sie diesmal keine Flüche, sondern Worte wärmster Anerkennung zu hören. Nochmals wurden sie zur Verschwiegenheit angemahnt und ― das war für unseren Strolch die Hauptsache ― eine beachtliche Belohnung wurde ihnen in Aussicht gestellt. Aber gerade damit fing Ralls Elend an! Dieser Narr glaubte tatsächlich, man würde ihnen die Belohnung auszahlen.“

( . . . )

„Log Rall? Nein, er log nicht. Alles was er sagte, ist in sich glaubwürdig. Und selbst wenn uns hier und da ein Zweifel aufkäme: den besten Beweis für den Wahrheitsgehalt seiner Schilderung lieferten seine früheren SA-Führer mit der für ihn so fatalen Schlußfolgerung, daß sie ihn umbrachten.“

Abschrift Seite 104/105

„Das für uns Sensationellste — nur zögernd ließen wir uns überzeugen ― war, daß nicht Göring, sondern Goebbels der eigentliche Reichstagsbrandstifter war.

Goebbels hatte den ersten Gedanken gehabt. Goebbels hatte die Vorbesprechungen mit Karl Ernst geführt. Goebbels hatte die Auslese der Kolonne überwacht.

Goebbels hatte die Räume bezeichnet, wo es am schnellsten brennen würde. Goebbels hatte die Durchführung der Tat «vereinfacht», indem er darauf bestand, etwaige Tatzeugen sollten kurzerhand niedergeknallt werden.

Goebbels hatte sich verbürgt, im Gruppenhauptquartier oder im Reichstagspräsidentenpalais werde niemand Haussuchung halten.

Goebbels hatte sich stark gemacht, jedes Vorgehen gegen die eigenen Leute würde als verleumderischer Anschlag gegen die Bewegung gebrandmarkt werden.

Goebbels hatte folgerichtig die Idee vertreten, bei dieser «Rechtslage» brauche man nicht bloß die Kommunisten zu beschuldigen, ebenso großmütig könne man die Aufklärung des Verbrechens der Polizei übergeben.

Goebbels hatte klar erkannt, was in diesem Zusammenhang die Mundtotmachung der gesamten Linkspresse bedeutete. Goebbels hatte deshalb schroff auf diese scharfen Notverordnungen gedrungen. Goebbels hatte hierüber eingehend mit Göring verhandelt.

Goebbels hatte dabei geheimnisvoll angedeutet, der Führer sehe ein, es müsse irgend etwas Durchschlagendes geschehen, vielleicht ein Attentatsversuch, vielleicht ein Brand, doch Hitler wünsche überrascht zu werden.

Und Goebbels hatte es alsdann übernommen, seinen Führer für diese Posse «fertigzumachen», ihn für seinen Tobsuchtsanfall in der Brandnacht gut zu präparieren.

Erinnern wir uns, daß man gerade bei Goebbels zu Abendessen saß, als die Nachricht von dem Brande den Reichskanzler überraschte? Göring hatte zu alledem lediglich sein Plazet gegeben.

Der Vorschlag des Reichspropagandaleiters hatte ihm eingeleuchtetw. Am meisten hatte ihm gefallen, daß von ihm so gut wie keine Mitwirkung erwartet wurde.

Das Palais samt Durchgang wollte er gerne zur Verfügung stellen, aber wenn im übrigen Goebbels und Karl Ernst das Ding allein drehen wollten, um so angenehmer für ihn.

Auf diese Weise konnte er Hitlers oder Hindenburgs Reaktion abwarten. Und daß er ohne Wimperzucken jeden, auch den verlogensten, Anlaß benutzen würde, um auf die Marxisten loszuprügeln, nun darauf konnte sich Goebbels ohnehin verlassen.

Gewiß Göring ging auf das ihm angetragene Spiel ein; er besprach sich vorsorglich mit Diel, ein paar Andeutungen machte er Daluege. Im großen ganzen aber ließ er die Dinge auf sich zukommen.“ In seinem Text schreibt Gisevius auf Seite 101 von acht Personen, die die „kostbare Flüssigkeit“ im Reichstagsgebäude verteilten: Vier Personen im Sitzungssaal, zwei Personen im Restaurant und zwei Personen in den Wandelhallen: „Sie splitterten sich in drei verschiedene Gruppen auf.“ Die befohle Arbeit war nach „ungefähr zehn Minuten“ beendet, schreibt Gisevius auf Seite 101.

Ein Teilstück hat es bis ins Museum geschafft.

Brandstiftung in Berlin

Im Heyne Verlag ist 2023 ein neues Buch über den Reichstagsbrand erschienen. Mein Neffe hat es entdeckt und weil er wußte, daß dies ein Thema von mir ist, mir zum Geschenk gemacht. Der Name des Autors, Uwe Soukup, war mir bereits aus einem anderen Zusammenhang positiv bekannt geworden. Ich habe sein Buch über den Reichstagsbrand mit großem Interesse gelesen.

Sein Buch beschäftigt sich in der Hauptsache mit den Erfindern der »Alleintäterthese«: Fritz Tobias und Hans Mommsen und gelangt zu dem Ergebnis, daß ihre sog. Erkenntnisse mit Wissenschaft nichts zu haben. Merkwürdig finde ich, das er bei seiner Untersuchung nicht auf die Erkenntnisse der Fachleute von Brandursachen und Brandverläufen zurueckgreift. Auch der im Museum ausgestellte Tunnel kommt hier nicht zum Einsatz, J.

Abschrift des Interviews in der Abendzeitung (AZ) in München mit Uwe Soukup von Martina Scheffler erschienen in der AZ vom 27. Februar 2023.

Uwe Soukup vor dem Objekt der Begierde

Martina Scheffler: Herr Soukup, um die Frage, wer den Reichstag in Brand gesteckt hat, gibt es eine jahrzehntelange Debatte. Warum ist es Ihnen persönlich wichtig, diese zu führen?

Uwe Soukup: Es geht mir darum, zu klären, was damals wirklich passiert ist. So wie es sich in der Geschichtswissenschaft weitgehend durchgesetzt hat – also die Nazis haben mit der Brandstiftung nichts zu tun -, kann es nicht gewesen sein. Ich bin gespannt, ob es möglich ist, eine falsche Theorie endlich, nach Jahrzehnten, in Frage zu stellen und ob man andere Sichtweisen endlich akzeptiert. Das haben schon viele versucht, vielleicht klappt es diesmal. Wobei ich ganz klar sagen muss, dass es meinen Versuch ohne die früheren Versuche nicht geben könnte.

Martina Scheffler: Die Reichstagsbrand-Akten: Genaueste Untersuchungen wurden ignoriert? Warum?

Uwe Soukup: Ich profitiere von den Pionieren, die teilweise seit Jahrzehnten, seit die Reichstagsbrand-Akten zur Verfügung standen, geforscht haben und die Ergebnisse ihrer Untersuchungen publiziert haben. Als ich feststellte, dass selbst die genauesten Untersuchungen ignoriert oder unfair abqualifiziert wurden, hat es mich noch mehr gereizt, es vielleicht mal auf einem anderen Weg zu probieren. Es geht ja hier nicht um eine Kleinigkeit. Wie die Nazis das Volk überrumpelten und in die Knie zwangen – es sind ja nicht alle den Nazis hinterhergelaufen -, um ihre bis bis heute unvorstellbaren Verbrechen zu begehen, ist ein Vorgang, über den man doch etwas besser Bescheid wissen sollte „Marinus van der Lubbe kann es alleine nicht getan haben“

Martina Scheffler: Die verbreitete Auffassung, es habe nur einen Täter – Marinus van der Lubbe – gegeben, beruht auf Forschungen des niedersächsischen Verfassungsschutzbeamten Fritz Tobias. Wie muss man seine Schlussfolgerung, nicht die Nazis, sondern der Niederländer habe den Reichstag angezündet, sowie die Art und Weise, wie er diese belegt, bewerten? Ist nichts davon haltbar?

Uwe Soukup: Es ist ja nicht so, dass Marinus van der Lubbe den Reichstag nicht angezündet hätte. Er wurde im brennenden Reichstag verhaftet und hat alles gestanden, warum auch immer. Das Problem ist nur: Er kann es alleine nicht getan haben. Er hatte keine wirklichen Brandbeschleuniger – Kohlenanzünder kann man bei so einem Großbrand vergessen – und er hatte zu wenig Zeit, um ein derartiges Riesenfeuer im Plenarsaal des Reichstages zu entfachen. Um diese rein naturwissenschaftliche Frage hat sich Tobias nie gekümmert. Die damaligen Brandsachverständigen hat er abqualifiziert. Von der Theorie des Fritz Tobias ist im Grunde nichts haltbar, nein. Dennoch wurde sein Buch mit wissenschaftlichen Weihen versehen – vom Institut für Zeitgeschichte.

Martina Scheffler: Was spricht gegen die Alleintäterschaftsthese? Was ist für Sie der entscheidende Punkt, die Alleintäterschaftsthese anwzuzweifeln?

Uwe Soukup: Zuallererst die Zeit-Problematik. Es gibt keinerlei Möglichkeit, innerhalb weniger Minuten ein derartiges Großfeuer zu entfachen – mit nichts. Vor fünfzehn Jahren hat der „Welt“-Redakteur Sven Felix Kellerhoff versucht, diese Lücke in der Theorie von Fritz Tobias zu schließen, indem er das Phänomen des „back draft“ ins Spiel brachte, also eine Ansammlung gefährlicher Gase in einem geschlossenen Raum infolge eines Feuers, dem Sauerstoff fehlt. Wird frischer Sauerstoff in den Raum hereingelassen, etwa durch das Öffnen einer Tür, kommt es zu einer schwerwiegenden Ausbreitung des Feuers, ja, zu einer Explosion. Das klingt gut, kann sich aber so nicht abgespielt haben, wie Brandexperten versichern, denn für dieses Phänomen hätte es stundenlang brennen und schwelen müssen. Wir reden hier aber über einige wenige Minuten.

Martina Scheffler: Ihr Buch enthält unzählige Hinweise darauf, dass ein Einzeltäter diesen enormen Brand nicht entfacht haben kann, sowie auf eine Beteiligung von NS-Seite. Warum werden diese offenbar von vielen Historikern bis heute ignoriert – sind sie nicht bekannt, gibt es kein Interesse an ihnen?

Uwe Soukup: Schwer zu sagen. Ich fürchte, niemand hat die Größe, aus den alten Schützengraben herauszukommen. Es wäre besser gewesen, sich da gar nicht erst hineinzubegeben, ohne die Sache selbst zu überprüfen. Andererseits: Wenn das Institut für Zeitgeschichte begutachtete, dass Fritz Tobias Recht hat, dann verlässt man sich als Historiker darauf. Historiker sind ja keine Naturwissenschaftler oder gar Brandexperten. Der Kampf um die Alleintäter-Theorie ist immer auch ein ideologischer Kampf gewesen. Tobias, das ist jetzt wörtlich zitiert, wollte mit seiner These „die kommunistische Propagandaflut aus dem Osten“ stoppen. So kann man aber nicht wissenschaftlich arbeiten.

Martina Scheffler: Welches Interesse kann es umgekehrt heute daran geben, an der Einzeltäterthese festzuhalten?

Uwe Soukup: Möglicherweise das Problem, einzugestehen, dass man sich geirrt hat. Das ist bedauerlich. Dass es einem seriösen Wissenschaftler darauf ankommen könnte, die Nazis ausgerechnet von dieser Tat, dem Ur-Verbrechen der Nazis, zu entlasten, vermag ich mir nicht vorzustellen.

Martina Scheffler: Der „Spiegel“ verteidigt die Alleintäterthese. Sie sehen die Debatte um den Reichstagsbrand auch als Medienskandal – warum?

Uwe Soukup: Vor allem wegen der Rolle, die der „Spiegel“ seit Jahrzehnten in der Sache spielt. Er hat 1959 die Alleintäterthese in die Welt gesetzt und seither immer verteidigt. Vor einigen Jahren wurden im „Spiegel“ Zweifel an der Alleintäterthese in den Bereich des Obskurantismus verwiesen, laut Duden das „Bestreben, die Menschen in Unwissenheit zu halten, selbstständiges Denken zu verhindern und sie an Übernatürliches glauben zu lassen“. Das ist absurd. Obskur ist es doch vielmehr, den Menschen zu erzählen, dass ein Mensch allein ohne Hilfsmittel, nur mit seiner brennenden Kleidung, in wenigen Minuten ein flammendes Inferno erzeugen kann.

Martina Scheffler: Sie erheben Vorwürfe gegen das Institut für Zeitgeschichte in München, es wolle die Chance nicht nutzen, um falsche Erkenntnisse geradezurücken. Was würden Sie sich vom IfZ wünschen unwd haben Sie zuletzt noch etwas von dort gehört?

Uwe Soukup: Das Institut für Zeitgeschichte beziehungsweise der damalige Direktor Helmut Krausnick wurde von Tobias mit seiner, also Krausnicks, „Nazi-Vergangenheit“ erpresst, damit das Institut Tobias den Segen erteilt. So geschah es. Eigentlich hatte man sich im Institut über Tobias eher amüsiert gezeigt. Hans Mommsen spottete in einer langen Rezension 1962 geradezu über Tobias‘ Buch. Doch 1964 winkte er es durch. Das ist merkwürdig. 2001 hat sich das Institut für Zeitgeschichte von den damaligen Methoden Hans Mommsens scharf distanziert – da ging es darum, wie Mommsen 1962 einen anderen Autor, der das Buch von Tobias im Auftrag des IfZ erschüttern sollte, verdrängt hat – aber das Institut unterschlägt dabei, dass Hans Mommsen das ja nicht alleine getan hat, sondern mit Rückendeckung des Instituts, ja sogar in dessen Auftrag. Noch schwerer wiegt aber etwas anderes: Das Institut hat die Alleintäterthese damals abgesegnet, sich aber niemals von diesem durch Tobias erzwungenen „Irrtum“ distanziert. Ich hatte das Institut gebeten, dieses Problem zu „heilen“, indem es sich auch von der Begutachtung Mommsens, nicht nur von dessen Methoden, die das Institut ja damals mittrug, distanziert. Leider bekomme ich da die immer gleichen Antworten. Es herrsche im IfZ Meinungspluralismus, was ja zumindest damals nicht der Fall gewesen sein kann. Ich hätte mir vom IfZ etwas mehr davon gewünscht, was man heute Fehlerkultur nennt. Martina Scheffler: Was erhoffen Sie sich vom Erscheinen Ihres Buches?

Uwe Soukup: Dass die ganze Angelegenheit endlich neu und vorurteilsfrei angeschaut wird. Am besten interdisziplinär, warum nicht durch den Bundestag? Also dass Brandexperten, die über die Entstehung eines Großfeuers Bescheid wissen, sich dazu äußern, Historiker sich mit van der Lubbe beschäftigen, mit der Berliner Gemengelage im Jahr 1933, in der es möglich gewesen war, dass van der Lubbe mit Anarchisten in Kontakt kam, die auf dem Absprung zu den Nazis waren. Es muss eine Erklärung geben, vielleicht nicht mehr für jedes Detail, aber doch eine ganze Menge weitergehende Ergebnisse. Ich bin gespannt, ob jetzt vielleicht doch noch Bewegung in die Sache kommt.

PDF Brandstiftung Interview Soukup

Creative commons.org
Uwe Soukup Foto von Fridolin Freudenfett 2. Juni 2017 in Berlin
Zeichnung Helga Bachmann

Briefe an Eugen (IX-9) Reine Zeitverschwendung

Romische Zahlen am BUG

PDF Briefe an Eugen (IX) Reine Zeitverschwendung

Hallo Eugen,

but don‘t look back cause that‘s a waste of time [Die Suchmaschine übersetzt: Aber schau nicht zurück, denn es ist Zeitverschwendung] hat zwar Grace Slick [Fünfte Strophe von Freedom] gesungen, aber Du weißt: ich höre ihr zwar gern zu, aber ich folge ihren Ratschlägen nicht immer. Vielleicht kennst Du die Platte nicht, die ist ja schon von 1989. Also laß uns die Zeit mit Dr. jur. Hans Bernd Gisevius verschwenden. Daher kommen jetzt einige Zitate aus seinem Buch — Bis zum bittern Ende —, das ich aufgestöbert habe. Das Buch wird oft zitiert und dann hat es den Titel: »Bis zum bitteren Ende«. Ordnung muß sein.

Hans Bernd Gisevius: Zeuge in Nürnberg

Die Ausgabe, die vor mir liegt, ist 1946 im Verlag Fretz & Wasmuth Verlag AG. Zürich erschienen: »Bis zum bittern Ende. I. Band. Vom Reichstagsbrand zur Fritsch-Krise«, lautet der Untertitel. Dr. jur. Hans Bernd Gisevius nimmt einen langen Anlauf, bevor er auf Seite 55 seines Buches endlich zur Sache kommt:

Lubbe [Marinus van der Lubbe] hat sich totgeschwiegen. Aber die ihn verstummen ließen, damit er sein Geheimnis nicht preisgebe, haben selber ihren Mund nicht halten können. Bevor ich mich nun den Hintergründen dieser ersten braunen Kriminalaffäre zuwende, muß ich einige Zeilen vorausschicken, sozusagen die Zuständigkeitsfrage betreffend, wieso ich eine solche Schilderung wagen darf.

Und da läßt es sich nicht vermeiden, daß ich mit der erschreckenden Beichte beginne, daß meine berufliche Laufbahn in der Gestapo angefangen hat. Allerdings hört sich das schlimmer an, als es in Wirklichkeit war. Denn erstens war es noch nicht die Gestapo des Herrn Himmler, der Name Gestapo war den meisten überhaupt noch nicht geläufig, und zweitens kam ich in dieses Institut im Zuge eines beinahe normalen Berufsganges.

Juli 1933 machte ich mein juristisches Assessorexamen. Anschließend meldete ich mich zum Dienst in der preußischen Verwaltung. An sich war es dort sowieso üblich, daß neuernannte Assessoren, die aus irgendeinem Grunde qualifiziert waren, ihre Laufbahn bei der politischen Polizei begannen.

Insoweit brauchte ich mich gar nicht sonderlich zu bemühen. Weiterhin kam mir das Glück oder Unglück hinzu, daß sich Görings damaliger engster Mitarbeiter im Preußischen Innenministerium, Staatssekretär Grauert, meiner erinnerte, weil ich als Referendar 1929 wegen meiner politischen Betätigung nach Düsseldorf strafversetzt worden war, was seinerzeit einiges Aufsehen erregt hatte.

Grauert war Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie gewesen. Als solcher hatte er sich einen Namen durch rücksichtslose Streikbekämpfung gemacht, und es mochte recht zweifelhaft erscheinen, wie sich die sozialistischen Nazis jemals mit ihm abfinden würden.

Indessen hatte der Schlauberger längst den Zug der Zeit erkannt. Gebefreudig, wie die Industriekapitäne waren, sobald es sich um die Gelder ihrer Aktionäre und um den Kampf gegen die Gewerkschaften handelte, hatte Grauert sich zusammen mit Fritz Thysssen in ein geradezu tollkühnes Finanzierungsunternehmen gestürzt.

Ohne den dafür zuständigen Ausschuß auch nur zu unterrichten, geschweige denn ihn beschließen zu lassen, hatten die beiden aus dem ― von Grauert verwalteten ― Korruptionsfonds jene entscheidenden fünfhunderttausend Mark entnommen, die Hitler 1932 aus seiner Finanzkatastrophe retteten. Das war fürwahr eine Hilfsaktion, die sich sehen lassen konnte. Deshalb durfte sich Grauert bei den Führern des Dritten Reiches bestens rückversichert fühlen.“ (Seite 56) ( . . . ) Auf Seite 97 fährt Gisevius fort: “Daneben gab es auch andere Zwischenfälle, weit harmlosere, manchmal sogar humoristische, die diese SA-Rabauken inszenieren mußten.

Eine von diesen Volksbelustigungen war das Anstecken der Litfaßsäulen. Diese brannten dann lichterloh in der Nacht, es sah wunderschön aus, die Masse gaffte, die Feuerwehr mußte herbeieilen, die Polizisten schimpften, und zeigte man ein wenig Geschick, so endete das Freudenfeuer in einem wüsten Volkstumult. Was konnte sich die Reichspropagandaleitung Besseres wünschen, als das zu guter Letzt die Gummiknüppel der Polizei in Aktion traten?“

Ja, hätte man 1932, als diese ersten kleinen «Flächenbrände» plötzlich Mode wurden, nur ein wenig besser aufgepasst, hätte die Polizei ein bißchen diskreter nachgeforscht, warum die Litfaßsäulen gleich so hell brannten, wer weiß, womöglich wäre sie nicht nur der wahlkarnevalistischen Anwendung einer allen Feuerwerkern wohlbekannten Tinktur auf die Spur gekommen.

Statt dessen schützte man Berlins Litfaßsäulen, diese Symbole einer längst auseinandergeprügelten demokratischen Meinungsäußerung, durch Polizeistreifen.

Oder man stellte Spitzel auf, die aufpassen sollten, wer in den letzten Minuten vor dem Brande an den Plakaten zu schaffen gemacht hatte. Da es gar nicht so einfach war, derartig fest aufeinandergeklebte Papiermassen zum Brennen zu bringen, wähnte man, die lästigen Pyromanen mit Geduld und Umsicht fassen zu können. Aber ärgerlicherweise griff man stets die falschen.

Je dicker die Vernehmungsprotokolle wurden, desto dünner blieben die polizeilichen Ergebnisse. Selbst wenn man die Technik des Feuerzaubers in Erfahrung gebracht hätte, wäre die Polizei noch nicht am Ziel gewesen. Man konnte jene entzündbare Flüssigkeit so zusammenbrauen, daß ein Spielraum von ein bis zwei Stunden blieb, bis die Selbstentzündung erfolgte.

Es kam für die Täter lediglich darauf an, unbeachtet das Gift zu verspritzen. Und wer sollte unter Hunderten von harmlosen Passanten stundenlang zuvor jene Bösewichter herausfinden, die in ihrer Aktentasche einen kleinen Kanister versteckt trugen? Das aber war das wirklich Neue, womit Ralls Bericht anfing, interessant zu werden.“

(Seite 97)

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Eine eigentliche Generalprobe fand nicht statt. Hingegen veranstaltete man so etwas wie ein Planspiel. Die Skizzen vom Reichstagsgebäude wurden ausgelegt, und auf dem Papier marschierten die Brandstifter hinter Heini Gewehr her, der als einziger mit Karl Ernst am Tatort beriet. Karl Ernst war Reichstagsabgeordneter, konnte also ohne Schwierigkeiten einen Rundmarsch durchs Gebäude antreten.“ (Seite 99)

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„Log Rall? [Adolf Rall] Nein er log nicht. Alles, was er sagte, ist in sich glaubwürdig. Und selbst wenn uns hier ein Zweifel aufkäme: den besten Beweis für den Wahrheitsgehalt seiner Schilderung lieferten seine früheren SA-Führer mit der für ihn so fatalen Schlußfolgerung, daß sie ihn umbrachten. (Seite 102)

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Rall tat nur was ihm befohlen war, mehr nicht. Rall wußte nur, so viel er unbedingt wissen mußte, mehr nicht. Er konnte also nur ausplaudern, woran er selber mitgewirkt hatte. Allenfalls konnte er noch die zehn Namen seiner Kumpane angeben, er tat es auch, doch habe ich sie nicht sämtlich erfahren.

Übrigens, was könnten wir schon viel damit anfangen Karl Ernst, Heini Gewehr [Hans Georg Gewehr] , [Adolf] Rall, meines Wissen war auch Schweinebacke [Willi Schmidt, geb. 2. Mai 1907] darunter: die restlichen Burschen dürfen wir uns mit einiger Phantasie getrost hinzudenken.

«Abholen» wird sie sowieso keine Polizei mehr, weil sie inzwischen alle tot sind. Die meisten überlebten nicht den 30. Juni [1934]. Der letzte, der über Bord ging, war Heini Gewehr. Er fiel im Osten ― als Polizeioffizier.“ (Seite 103)

Doch darin hat sich Gisevius geirrt. »Pistolen-Heini«, wie er auch genannt wurde, war wohlauf. Er hatte sich nach dem Krieg zwei neue Namen ausgedacht. Aus Heini Gewehr wurde erst Peter Jäger und dann Peter Schäfer. Bis er nicht mehr gesucht wurde.

Und so kehrte »Pistolen Heini« zu seinem alten Namen zurück und betrieb zusammen mit einem Teilhaber (Morisse) 1960 in Düsseldorf ein Baugeschäft.

Und weil der Staatsanwalt ein Ermittlungsverfahren gegen Hans Georg Gewehr anstrengen wollte, wurde auch die Stadtverwaltung tätig und schloß die Baufirma von Hans-Georg Gewehr von öffentlichen Aufträgen aus. Da blieb »Pistolen-Heini« gar nichts anderes übrig. Eine Privatklage für die Wiederherstellung eines guten Rufes, den er nie hatte.

Wenn er also weiter Aufträge von der Stadt bekommen wollte, mußte er seinen Ruf reparieren lassen. Das hat auch vorzüglich geklappt. Und hat ihm sogar noch 30 Tausend Mark eingebracht.

Sorry Eugen, ist schon wieder mal zu lang geworden, aber Du kennst mich ja, kurze Abschreibetexte liegen mir nicht so, J. Wie? Du weißt nicht wer das ist? Das war die gut aussehende Sängerin von Jeffersen Airplane. Da nich für. Ach da hab ich noch was gefunden für Dich. Der Tunnel ist jetzt im Museum. Da staunste wa? J.

Im Museum Der Tunnel
Nachforschungen im Keller des ausgebrannten Reichstages. Im Vordergrund Oberbranddirektor Walter Gempp. 3. von vorn (mit Brille) Hans von Dohnanyi, der spätere Widerstandskämpfer, als Mitarbeiter des Reichsjustizministeriums
Zeichnung Helga Bachmann
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