“Die
Habgier ist weniger Ausdruck einer vorgesellschaftlichen
menschlichen Natur als eines Mangels an Menschlichkeit.”
(Zitat aus: Unsichtbares Komitee. An unsere Freunde. Edition
Nautilus. April 2015).
Kurt
Tucholsky hat in seinem Sudelbuch schon alles über die derzeitigen
Spekulanten geschrieben: Text 340: ”Danke – wir lügen selber! wie
die Dänen sagen.”
Das erste Konzept für die Umnutzung des Montblanc Simplo Geländes stammt vom Februar 1987. Geschrieben von Peter Jorzick für die Lawaetz Stiftung, bei der er damals beschäftigt war. Die Förderung örtlicher Beschäftigungsinitiativen. Vierzehn Seiten mit einer Kostenschätzung. Sechs DM pro qm sollten die Flächen kosten. Als Nettonutzfläche gibt das Konzept 5.000 qm an. Fünf Häuser zwischen Schanzenstrasse und Bartelsstrasse. Das Gelände war verschlossen. Wer es besichtigen wollte, mußte an einem Pförtner in der Bartelsstrasse vorbei. An dem kamen nur die Arbeiterinnen und Arbeiter vorbei, die hier arbeiteten. In der Schanzenstrasse war noch ein Eingang. Da durften nur die Angestellten von Montblanc rein. Es brodelte im Viertel. Herr Kurz hatte bekundet, er wolle sein Phantom der Oper auf dem Gelände unterbringen, wo bis dahin der Laden von 1000 Töpfe untergebracht war.
Das gehörte der Stadt und wurde von der Sprinkenhof verwaltet. Das konnte man dem Gebäude auch ansehen. Ich kramte meinen schwarzen Hochzeitsanzug heraus mit den spitzen schwarzen Schuhen und wir verabredeten uns vor 1000 Töpfe zum Sektumtrunk, um den anderen Bewohnern zu zeigen, wie es wäre, wenn hier bald das Phantom der Oper gespielt würde. Jedenfalls entstand ein ordentlicher Trubel anschließend. Dieser hatte zur Folge, dass auch im Rathaus Unruhe einkehrte. Ein Wegzug von Montblanc würde den Druck zusätzlich verstärken. Besetzungsgerüchte breiteten sich aus. Die Stadt entschloß sich für die Ausgabe von Beruhigungspillen an die Bevölkerung.
Wir vom Kino kamen zur rechten Zeit und waren am rechten Ort. In der Oelkersallee hatten wir in einem Nebenraum des Oelkerscafes mit dem Duckenfeld im Oelkerscafe angefangen. Jeweils Sonnabends, Sonntags und Montags zeigten wir dort mit 21 Sitzplätzen seit 1983 Filme. Filme, die im örtlichen Kinoprogramm keine Plätze gefunden hatten. Sechzehn Millimeter war unser Format. Ich arbeitete als Maschinenschlosser bei Blohm & Voss.
Damals konnte man schon absehen, daß dies nicht mehr lange gehen würde. Der Neubau von Schiffen bei Blohm & Voss. Wir bauten nur noch Kriegsschiffe. Und das, so beschloss ich, macht auf Dauer keinen Spass. Ein Kino macht da viel mehr Spass. Wir waren erst zu zweit. Der Maschinenschlosser ohne Perspektive und der Pförtner vom Bodelschwinghaus. Um an die örtlichen Fördertöpfe für öffentliche Mittel zu kommen, brauchten wir noch einen Dritten. Den wir fanden. Ein ehemaliger Sozialpädagoge, der sich auf Kinderbetreuung auf dem Land spezialisiert hatte. Montblanc war für uns der richtige Ort. Ein Kino mitten in der Stadt. Am Mittwoch, d. 29. März 1989 trafen wir uns beim Planerkollektiv mit Joachim Reinig in der Paulinenallee 32. In 2000 Hamburg 50. Von 15.00 – 18.00 Uhr.
Peter Jorzick wollte zunächst nur seinen Freund Ulf von Kieseritzky mit der Umbauplanung von Montblanc beauftragen. Doch wir hatten schon schlechte Erfahrungen mit ihm gemacht. Beim Umbau des Bürogebäudes der Zeise Propeller Fabrik zu einem Filmhaus. Mit dem Planerkollektiv hatten wir keine schlechten Erfahrungen gemacht. Also wurde das Vorderhaus in der Schanzenstrasse von der Gemo K geplant (Haus 1), und die Häuser 2/3/4/ und 5 vom Planerkollektiv. Joachim Reinig schied vorher aus. Und unsere Ansprechpartnerin war Elinor Schuees und später (während ihrer Schwangerschaft) Karin Hänisch. Eine erste Besichtigung des Geländes fand im März 1988 statt. Ich zeichnete mir einen Übersichtsplan in mein Notizbuch. Für ein Kino kam nur das Gebäude zwei in Frage. Hätte man es abgerissen, dann würde man dort keinen Neubau genehmigt bekommen. Also wurde beschlossen, das Gebäude zu entkernen, die Aussenwände mit Zugankern zu versehen, damit sie während der Bauarbeiten nicht umfielen.
Von der oberen Etage solte nur die Fassade stehen bleiben. Dann sollte das neue Betondach auf eine verlorene Schalung gegossen werden. Nach der sog. “Anhandgabe” an Peter Jorzick wurde der Komplex am 5. Januar 1990 gekauft, habe ich meinem Notizbuch anvertraut. Ein Bauausschuss wurde gegründet, der sich am 4. April 1990 beim Planerkollektiv traf. Mit dabei GEMO K (Ulf von Kieseritzky), Elinor Schües und Karin Hänisch (Planerkollektiv) Rainer Zwanzleitner (Satz und Repro), Edith Mandelkow (Hotel), Wolfgang Meins (Rechtsanwälte), Andreas (Hapkido) und ich vom Kino.
Unsere Themen: Baufortschritt, Freimessung Asbest, Ausschreibungen, Auftragsvergabe, Antrag auf Fördermittel (ASE), Gift im Anbau, Mittelspannungsanschluß, Auflagen des Amtes für Denkmalschutz, Auftrag für Heizungsanlage vergeben (200.000,00 DM ohne neuen Kessel an Heiner Farchau vergeben.)
Der erste Tag im Kino war der erste Mai 1991. Noch im April wußten wir nicht so recht, ob bis dahin alles fertig würde. Doch dann erblickte die Leinwand das Licht des Projektors. Drei Tage war freier Eintritt. Das Hotel und die Gaststätte wurden schon im März eröffnet. Die Verwaltung wurde von einer neugegründeten GmbH übernommen, die zu 50 % der Stadt und zu 50 % der Handswerkskammer gehörte. Das lief mehr oder weniger gut.
Wir gründeten den Verein der Nutzer, den Schanzenhof e. V., in der alle Mieter Mitglied wurden. Auch die Volkshochschule. Eine bunte Mischung aus allem Möglichen. Im Gebäude eins (Später auch Haus A genannt), die Volkshochschule, die Rechtsanwälte, die Gruppe Arbeit und Gesundheit, das Satz und Repro Kollektiv, das Institut für Sozialgeschichte, Aktiv Reisen, die Wissenschaftliche Stiftung.
Im Haus 2 (später auch Haus B genannt) das Stadtteilkino mit 98 Sitzplätzen. Im Haus 3 (später auch Haus C genannt) der Jugendclub-Kinderzentrum KIZ, die Stadtteiletage mit ihrem Versammlungsraum, der Meditationsraum von Hapkido. In Haus drei die Ambulante Drogentherapie – Palette, Das Atelier von Serena Kahnert, die Freie Ambulante Pflegegruppe. Im Haus 5 (später auch Haus E genannt) in der Bartelsstrasse das Hotel Schanzenstern und die Gaststätte Schanzenstern, die Journalisten, Filmer und die Heilpraktikerinnen von Alchemilla.
Etwas am Rande der Legalität: Der Baugenehmigungsbescheid erfolgte am 21.01.1991. Grundbuchbezirk St. Pauli Nord Gemarkung Flurstück 2. 807, 836 Bauliche Anlage Nutzungsänderung und Umbau der ehemaligen Mont Blanc Produktions- und Verwaltungsgebäude in der Schanzenstr. 75 und Bartelsstrasse 12, Haus A – E, Abriß von Holzschuppen auf Flurstück 836, Unterschrift Kurpierz.
Über die Zeit als es uns gut ging, ist wenig zu berichten. Es hat mal durch die Betondecke des Kinos durchgeregnet und es hat eine Weile gedauert, bis der Schaden in der Dachfolie gefunden wurde. Aber das ist längst vergessen. Wann der Ärger genau begann?
Genau genommen mit dem Finanzsenator Herrn Wolfgang Peiner von der CDU. Aber das haben wir leider erst später begriffen. Es gab den zaghaften Versuch, das Anwesen selbst zu kaufen. Aber die Herren des Portfolios Schanzenhof haben uns nicht einmal geantwortet. Heute wissen wir auch warum.
Genau genommen ist es nur Werner Grassmann vom Abaton Kino gelungen, das Gebäude aus dem Portfolio von Wolfgang Peiner herauszulösen und es selber zu kaufen. Und das nur mit tätiger Unterstützung der Kulturbehörde. Werner Grassmann war dann selber bei Ole von Beust und hat ihn letztlich überzeugt, daß ein solcher Verkauf des Abatons kontraproduktiv ist.
In der Kulturbehörde gab es eine Referentin, Juana Bienenfeld, die geahnt hatte, welche Zukunft Kulturbetriebe unter der Spekulation haben würden: Keine. Sie hatte dafür gesorgt, dass vor dem Grundstücksverkauf das 3001 Kino einen Vertrag bekam, wo die Spekulanten erst im Jahre 2021 die Miete so erhöhen können, wie sie es jetzt schon mit den Kündigungen des Hotels und des Restaurantes Schanzenstern, der Drogenberatung Palette und der Künstleretage vormachen.
Vollmundig belügen sie Presse: Das Kino wollen sie erhalten. Nur gut, dass sie im Moment nicht können, was sie wollen. Gnade uns Gott, haben wir uns im Kino gesagt. Wenn wir es jetzt nicht schaffen, dass die Stadt das Gebäude zurückkauft, dann sind wir verratzt, wie alle anderen, die schon gegangen oder ausgezogen sind.
Es gab 2006 noch einen Gewerbehof an der Stresemannstrasse, wo ein Handwerksbetrieb ebenfalls versucht hatte, das Gebäude zu kaufen. Auch die sind gescheitert. Dann kamen diese neuen Mietverträge von der DIC aus Frankfurt. Nicht mehr 13 Seiten, wie die mit HaGG, sondern welche mit 35 Seiten, in denen stand nur, was sich alles nicht machen. Und heute wissen wir es. Fast zehn Jahre später ganz genau.
Sie unterscheiden sich in keiner Weise. Sie entscheiden, was sie reparieren und was nicht. Das Wort Instandhaltung fehlt in ihrem Wortschatz. Es ist ihnen kurz gesagt, alles scheissegal. Sie vermehren nur ihr Geld. Geld das sie uns aus der Tasche ziehen. Wenn die Steine aus den Fensterstürzen auf den Hof fallen, dann nageln sie Holzlatten davor, damit die Fenster und die Steine den Leuten nicht auf den Kopf fallen.
Wenn der Heizkessel im Alter von 35 Jahren seinen Geist aufgibt und nicht mehr elektronisch zu regeln ist, dann erzeugen sie Wärme eben ohne Regelung. Wenn die Regenwasserzisternen im Wege sind, dann werden sie einfach zerkloppt. Wenn in der Folge der fehlenden Regenwassernutzung für die Toilettenspülung die Wasserkosten unermeßlich steigen, dann überbürden sie diese einfach komplett auf die Mieter, die sie ohnehin los werden wollten. 6.000 oder 7.000 Euro kümmern sie nicht. Bent Jensen von der Schanze 75 GmbH: “Das macht wirtschaftlich keinen Sinn.“ (Die Wiederherstellung der Regenwasseranlage). Und doch wäre es mit wenig Geld so leicht zu machen gewesen. Zuerst wird das Kinderzentrum von der Jugendbehörde zum Umzug gezwungen. Es sei angeblich sinnvoll, wenn das Kiz geschlossen wird und in das Haus der Jugend am Pferdemarkt umzieht. Noch ein weiteres Projekt aus der Beckstrasse wird von der Behörde zu einem solchen Umzug gezwungen. Dann verschwindet die Heilprakterinnen Schule Alchemilla.
Die Kursteilnehmerinnen sind nicht besonders zahlungsfreudig und der Schuldenberg führt zu einem kurzfristigen Auszug. Die Umstellung in der Druckindustrie ist gewaltig und macht auch vor der Firma Satz und Repro keinen Halt. Rainer Zwanzleitner und seine Kolleginnen sind die Opfer dieser Entwicklung. Zuletzt verschwinden auch noch die Anwälte aus dem Schanzenhof. Und wenn jetzt keine Umkehr erreicht wird, dann verfällt das Gebäude weiter, während die Mieten immer weiter steigen. 30. Oktober 2015. Jens Meyer
Vielen Dank für das Paket mit dem Büchern. Besonders neugierig bin ich auf das Buch mit diesem genialen Titel: “Denken mit dem eigenen Kopf“. Man könnte vermuten, Peter Schneider, obwohl gerade achtzig geworden, hat sich den Titel des Buches selber ausgedacht. Die Fähigkeiten hatte er. Damals. In meiner Büchersammlung befindet sich – aus alten Zeiten – noch ein Rotbuch mit Kurzgeschichten von ihm. Diese Rotbücher haben in meinem Regal einen besonderen Platz. Da gibt es viele Erinnerungen. Die alten Sachen von Peter Schneider haben einen Vorzugsplatz. Allerdings muß ich bemerken, dass die Rotbücher, die das Regal bebüchern – mit wenigen Ausnahmen, wie z. B. die Texte von Berni Kelb, Christian Geissler und einigen anderen – (Peter Schneider gehört nicht dazu)- nicht erneut von mir gelesen wurden. Insofern weiss ich eigentlich gar nicht, wie seine Texte heute auf mich wirken. Merkwürdiger Weise stelle ich beim Lesen der Kurzgeschichten von Peter Schneider fest, die Geschichten erinnere ich nicht, was mich zu der Vermutung führt, dass ich dieses Buch noch nie gelesen habe. Es stand immer nur im Regal, weil es sich so gut machte – zusammen mit den anderen roten Büchern. Vielleicht habe ich es nur wegen der roten Farbe gekauft. Auch den roten Kalender aus diesem Verlag habe ich jedes Jahr gekauft und erinnere sogar noch, dass unter dem 17. Juni immer der Eintrag stand: Aufstand in der DDR, Kein Aufstand in der BRD, seither Tag der deutschen Einheit. Aber das Buch von Peter Schneider wurde – auch Wiederholungen sind manchmal hilfreich – nie von mir gelesen, und auch jetzt – beim ersten Mal Lesen – finde ich keinen Grund, warum man dieses Buch haben muss. Dagegen: Denken mit dem eigenen Kopf. Ein wunderbarer Einband, der sich sehr gut anfühlt und gut aussieht. Ja. So müssen Bücher sein. Zwei Tage, dann bin ich durch. Und ich bin – ehrlich geschrieben – enttäuscht. Vielleicht – so vermute ich – liegt es an meinen Erwartungen, die dieser geniale Titel in mir ausgelöst hatte. Diese Haltung, sich von niemanden etwas vorschreiben zu lassen, keine Kirche, keine Partei, kein dies, kein das, was ich von Peter Schneider in Erinnerung behalten habe. Das find ich klasse. Aber hier hatte ich doch zunehmend das Gefühl, ein geschickter Buchmacher hat sich diesen Titel ausgedacht und ich bin nur darauf reingefallen. Denn der Titel hat wenig mit dem Inhalt des Buches zu tun. Eher so: Peter Schneider hat zuhause in seinen Schubladen gewühlt und überlegt, wie er seine alten Sachen, die Artikel, die in Zeitungen erschienen und kaum noch präsent sind – höchstens mal auf Mikrofilmen in Archiven- , kurz wie er diese alten Artikel noch mal receyceln könnte. Das Gefühl ist mir nicht fremd. Man sucht dann nach Gründen, warum es grade jetzt so wichtig ist, was man vor dreissig Jahren geschrieben hat, noch mal in die Öffentlichkeit zu bringen. Aber es ist wie so oft: Was vor dreissig Jahren keine Aufmerksamkeit erregt hat, erregt auch jetzt keine, und nur die paar Trottel, so wie ich, fallen darauf rein. In einem Artikel des Receycling Buches, so will ich das jetzt mal nennen, schreibt er, wie überlegen uns doch die Amis mit ihrer Kultur sind, immer alles gut zu finden und in den höchsten Tönen zu loben. Umständlich kommen sie in die neue Küche, die sowohl hässlich, wie auch unpraktisch ist, die aber viel Geld gekostet hat. Insgesamt ziemliche Scheisse und was sagen sie: Sie loben das Ding über den grünen Klee. Und erst, wenn sie den Ort verlassen haben, geben sie ihre wahre Meinung über das Produkt preis. Daran nehme ich mir jetzt ein Beispiel und verfahre mit meiner Meinung über das Buch von Peter Schneider genau so. Wir wollen alle bei den Siegern sein. Zuerst hatte ich einen Brief auf dem Rechner, der das Buch von Peter Schneider so beschreibt, wie es auf mich gewirkt hat. Ein Autor receycelt seine alten Sachen, die damals nicht besonders gut ankamen. Den Text habe ich weggeschmissen (das geht schön schnell) und habe lieber kurz telefoniert und den Leihgeber schnell angelogen, dass mir das Buch sehr gefallen hat. (Obwohl das Plakat mit der Katze immer noch bei mir an der Wand hängt, auf der darunter steht: wer nein sagt, muß weniger lügen). Und dann habe ich die Texte von Peter Schneider herausgesucht, die das Lob wert waren, natürlich nur die, die mir noch in Erinnerung waren. Die Frauen bei Bosch gehören dazu. Dem Buchempfehler, so will ich ihn jetzt mal nennen, habe ich dann ein paar der alten Sachen von Peter Schneider als pdf geschickt, die ich sehr viel gelungener finde, als das Buch mit dem wunderbaren Titel und der wunderbaren Ausstattung. Wo man immer so viel lügen muss. Auch hier noch mal: Wiederholungen kann man gar nicht oft genug schreiben. Das prägt sich ein. Kennen wir ja! Gewundert hat mich dagegen sein Hinweis auf das Buch zum Schlussessay, das Buch von Christopher Browning, das in New York 2017 erschienen ist, wo ich die deutsche Übersetzung dieses Buches doch schon seit 1996 in meinem Regal habe, sollte Peter Schneider so lange weg gewesen sein? Oder hat sich da die Lektorin einen Scherz erlaubt? Der Ruhm, den Peter Schneider sich bei mir erarbeitet hat, hat eher mit Texten zu tun, die er bereits vor 50 Jahren geschrieben hat, so im Kursbuch Nummer 21 September 1970 hat Peter Schneider den Text: Die Frauen bei Bosch. Selbst heute beim Wiederlesen geht es mir fast so wie damals. Da geht ein Intellektueller – anders als alle anderen los – um herauszufinden, wie das ist: In der Fabrik zu arbeiten. Wie sieht er aus, der Kapitalismus? Und wie ernsthaft kann es sein, ob aus diesen Fabriken wirklich die Änderung der Gesellschaft kommen kann. Die Frage wird gestellt und ist bis heute nicht beantwortet. Aber er hat mit seinen Untersuchungen einen ernsthaften Ansatz probiert. Und die Sätze, die am Ende seines Textes stehen, haben immer noch Gültigkeit: “Viele Intellektuelle, da sie sich den Sozialismus lesend angeeignet haben, können dieses händlerische Element des proletarischen Bewußtseinsprozesses nicht verstehen. Womöglich fühlen sie sich noch geschmeichelt, wenn eine Arbeiterin ihnen am Ende einer umfassenden Analyse der Klassengesellschaft versichert: »Sie haben völlig recht.« Daß jemand recht hat, begeistert die Arbeiter erst dann, wenn er den Unterdrückern Niederlagen beibringt.“ (Peter Schneider)
Brief an eine ältere Freundin
Lange nichts mehr gehört. Die Pandemie bringt ja merkwürdige Sachen zu stande: Ich hab eine Sammlung von Büchern der Edition Suhrkamp. Manchmal habe ich die Bücher nur gekauft, weil sie farblich so gut zueinander passten, oder weil sie – wie in diesem Falle- heruntergesetzt waren. So ein Buch habe ich jetzt mal hervorgezogen, daß ich aus dem einfachen Grunde nicht gelesen habe, weil ich es für völlig langweilig -weil wissenschaftlich – hielt. Nun (während ich zuhause auf dem Balkon sitze) habe ich es doch mal zu Hand genommen und festgestellt, daß es durchaus nicht langweilig wissenschaftlich, sondern im Gegenteil, sehr amüsant und kurzweilig ist. Unter anderem habe ich jetzt endlich verstanden, warum es bei der Machtübergabe an Herrn Hitler so friedlich und völlig ohne Widerstand abgegangen ist. Das hat mich überzeugt. Du kennst das Buch vermutlich. Es handelt sich um den Band 820 der Edition Suhrkamp, Wolfgang Abendroth Ein Leben in der Arbeiterbewegung von Barbara Dietrich und Joachim Perels. Eigentlich kenne ich ja Deinen Geschmack gar nicht, nur den von Heinz ein wenig. Und deswegen weiss ich auch nicht, ob Dir meine Empfehlungen von Nutzen sind. Da kann man ja manch mal schwer daneben greifen. Eine Freudin hatte mir ein Buch angedient, das ich zunächst aufgrund des Titels abgelehnt hatte. Aber dann hatte sie erklärt, dass dort die Kindheit eines Diplomatenkindes von dem Kind beschrieben wird. Das Buch heißt: „DER GUTE STALIN“ein Roman von Viktor Jerofejew, erschienen im Berlin Verlag. Ein sehr komisches Buch, das man gar nicht gut beschreiben kann. Ich hatte so das Gefühl beim Lesen, dieses Buch hätte Heinz sicher gut gefallen, ich hab mal drei Seiten kopiert, weil ich das Buch nach dem Lesen leider zurückgeben muss. Vielleicht ist ja Deine Neugierde geweckt. Von dem Abendroth habe ich ein paar Seiten abgeschrieben. Für die Zeit, wo alle Antiquariate verschwunden sein werden,
Wie
wurde der Faschismus innerhalb der SPD beurteilt? (Seite
116)
Innerhalb der SPD gibt es keine einheitliche Analyse; auch nicht in der Führungsspitze: Sie beschränkt sich auf verbale Randbemerkungen und verzichtet auf den Kampf gegen Zerfall des bürgerlichen Rechtsstaates aus Angst vor dem totalen Faschismus. Die SPD übersieht dabei, daß sie, indem sie durch immer neue Kapitulationen auf die aktive Vertretung der Arbeiterinteressen verzichtet, die Randschichten der abhängigen Arbeiter, also einerseits junge Erwerbslose, die noch kein Klassenbewußtsein haben, andrerseits Angestellte, in eine Verzweiflungssituation hineinstößt, in der diese Schichten durch die faschistische Massenbewegung manipulierbar und ihr zugetrieben werden. Die SPD redet zwar immer wieder gegen den Faschismus und gegen diese Massenbewegung, aber sie bildet kein Gegengewicht, da sie in der Praxis auf die energische Verteidigung der Arbeiter-interessen und der demokratischen Verfassungsnormen verzichtet. Im Gegenteil, sie kopiert die Totalitarismustheorien – sie werden damals noch nicht so bezeichnet, sind dem Inhalt nach aber mit denen der Gegenwart identisch. Die SPD behauptet nämlich, daß Kommunismus gleichbedeutend sei mit Faschismus, daß auch der Kommunismus eine Diktatur gegen die Arbeiter sei und daß die Arbeiter sowohl gegen den Faschismus wie auch gegen den Kommunismus kämpfen müßten. Dies ist der rechtssozialdemokratische Standpunkt, der Standpunkt des Parteivorstandes und die Position der preußischen und hessischen Staatsregierung. In beiden Ländern sind ja die Sozialdemokraten immer noch an der Regierung, in Preußen bis zum 20. Juli 1932, in Hessen bis zum bitteren Ende. (Seite 117 )
Wurde
die Totalitarismustheorie auch in der linken SPD vertreten? (Seite
117)
Auf dem linken Flügel der SPD artikulieren sich sehr verschiedene Positionen, ohne daß es zu einer einheitlichen Theorie kommt. Das reicht von dem linkssozialdemokratischen Theoretiker Arkadij Gurland bis zu Ernst Eckstein (141) usw. Anhand der Zeitschrift Klassenkampf kann man die verschiedenen Auffassungen genau verfolgen. Eine Strategie oder eine Konzeption wird nicht entwickelt, weil die klassenpolitische Grundlage des Faschismus nicht analysiert wird. Gelegentlich wird die Politik der UdSSR unterstützt; trotzdem wagt es keiner, sich von der antibolschewistischen, wir würden heute sagen: Totalitarismus-Konzeption der rechten Sozialdemokratie zu distanzieren. Das bedeutet – trotz aller Einheitsfront-Forderungen-, daß man darauf verzichtet, eine (Seite 117)
gemeinsame strategische Position mit den Kommunisten zu finden und sich ihnen als möglicher ernstlicher Bündnispartener anzubieten, so daß deren Sozialfaschismus-Theoreme überzeugend hätten überwunden werden können. So widerlegt sich der linkssozialdemokratische Standpunkt, soweit es ihn als eigenständige Theorie überhaupt gibt, in der Praxis selbst. Im Gegensatz zur KPD und zur SPD orientiert sich die KPO an einer sehr realistischen Analyse des Faschismus, die vor allem von August Thalheimer entwickelt worden ist“ . . . (Seite 118)
(Seite
120)
“In der Analyse Thalheimers, das will ich nochmals hervorheben, ist das Problem der faschistischen Massenbewegung jedenfalls richtig entwickelt. Wir haben solche faschistischen Massenbewegungen im Jahre 1923 in der Inflationskrise, als die verschiedenen völkischen Gruppen zur Massenbewegung werden, und auch ab 1929 in der großen Weltwirtschaftskrise, als die NSDAP aufzusteigen beginnt. Die Faschismus-Analyse Thalheimers ermöglicht es auch, die richtigen politischen Konsequenzen zu ziehen in der Weise, daß gegen eine solche Massenbewegung nur das machtvolle und geschlossene Auftreten der Arbeiter-klasse helfen kann, so daß diejenigen Teile der abhängig Arbeitenden, die in ihrer Verzweiflung dazu neigen, zu den Faschisten überzugehen, politisch an die Arbeiterklasse gebunden werden und die Arbeiterklasse sich zu einer wirkungsvollen Alternative gegen die monopolkapitalistische Herrschaft entwickelt. Dies erkannt zu haben, ist das Verdienst Thalheimers und später auch Trotzkis. Die Richtigkeit von Thalheimers Analyse zeigt sich in Frankreich im Jahre 1934, in Spanien ab 1934/36, denn dort werden die faschistischen Massenbewegungen durch die Arbeiterklasse, die einheitlich auftritt, zunächst zurückgeworfen“ . . . (Seite 121)
(Seite
122 Mitte)
“Die Brüning-Diktatur ist zwar keine faschsistische, sondern eine obrigkeits-staatliche Diktatur zugunsten des Großkapitals und die SPD ist ganz gewiß nicht sozialfaschistisch, also ganz gewiß nicht der Hauptgegner der Arbeiterklasse. Die Sozialfaschismus-Theorie ist also in jeder Beziehung Un-sinn. Sie verhindert, daß die wichtigste Vorbedingung der Einheitsfront erfüllt wird: Druck der Mitglieder und der Funktionäre auf die sozialdemokratische Parteiführung und Führung der Gewerkschaften.
Aber man muß dabei bedenken, daß diese Theorie dem äußeren Anschein nach dauernd bestätigt wird. Die Sozialdemokratische Partei führt den Wahlkampf 1930 noch mit Parolen wie »Verteidigt die Verfassung gegen die ständige Aushölung der Verfassung durch Brüning; verteidigt den Lebenstandard der Arbeiterklasse gegen die ständige Reduzierung des Lebensstanddards mittels Notverordnungen«. Und diese gleiche Sozialdemokratie stimmt unmittelbar nach der Einberufung (Seite 123) des Reichstages für die Notverordnungen Brünings.
Aus Angst vor dem Ansteigen der faschistischen Stimmen und der drohenden Diktatur kapituliert die sozialdemokratische Führung nun völlig vor der obrigkeitsstaatlichen Diktatur, die sie soeben noch als ihren Feind bezeichnet hatte. Und in der SPD sind nach dem Wahlerfolg der Nationalsozialisten auf Kosten der bürgerlichen Parteien alle so entsetzt, daß selbst in den linken Parteieinheiten und unter den linken sozialdemokratischen Abgeordneten es zunächst niemand wagt, gegen die Führung aufzutreten. Eben dieser Tatbestand verstärkt wiederum innerhalb der KPD die These vom Sozialfaschismus. Allmählich sammeln sich in der SPD – wenn auch nur vorübergehend – wieder die Kräfte, die gegen diesen Kurs opponieren. Daher wird die Zahl der Reichstagsabgeordneten größer, die für die Verteidigung der Verfassung gegen ihre ständige Verletzung durch die Regierung Brüning eintreten. Es werden auf unterer Ebene auch verschiedene Einheitsfront-Aktionen durchgeführt, allerdings lokal begrenzt. Insgesamt aber bleiben die Vorbehalte gegeneinander bestehen: es bleibt die sozialdemokratische Kapitulation vor Brüning, es bleibt die Vorstellung der Kommunisten vom Sozialfaschismus. Das geht schließlich so weit, das Reichspräsident von Hindemburg einen noch deutlicher obrigkeitsstaatlich orientierten Reichskanzler an die Macht bringt, von Papen, daß von Papen der Sozialdemokratie die letzten Machtpositionen, die sie noch hatte, zerschlägt (146) – und daß auch dann die Sozialdemokratie nichts anderes zu tun weiß, als nach Staatsgerichtshof zu rufen. Das ist lächerlich.“ . . . (Seite 123)
(Seite
125) Wie
verhielt sich die Studentenschaft in dieser Zeit politisch?
In
den Jahren 1928/29 stehen die Studenten – auch die jüdischen –
fast alle rechts, sei es obrigkeitsstaatlich-monarchistisch, sei es
faschistoid oder schon faschistisch. Die letzteren sind im
Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund organisiert.
Die Studenten, die sich für Demokratie und Marxismus entscheiden,
bilden bis 1928/29 eine extrem kleine Minderheit; Zentren dieser
Gruppen sind damals Frankfurt und Berlin.“
(Seite 128)“. . . Wir alle (Walter Fisch, Oskar Müller, Emil Carlebach, Anton Döring u .a.) sehen, daß der Staatsstreich in Preußen unmittelbar bevorsteht. Welchen Sinn konnte der Regierungswechsel von Brüning zu Papen haben, wenn nicht den, die SPD völlig auszuschalten? Aber uns ist auch klar, was diese Entwicklung für die Arbeiterbewegung zu bedeuten hat – und also wollen wir Aktionen vorbereiten. Es kommt der 20. Juli 1932; Die SPD hat in Frankfurt im Hippodrom zu einer Versammlung aufgerufen. Anton Döring, der Chef der sozialdemokratischen militärischen Organsationen, will ebenso kämpfen wie die kommunistischen Genossen. Auf beiden Seiten besteht der Wille zum gemeinsamen Kampf. Wir sitzen mit den Genossen von den militärischen Organisationen, mit denen wir noch aus der Studentenbewegung verbunden sind, zusammen in der Wohnung der sozialdemokratischen Stadtverordneten Elsa Bauer, die der gesellschaftliche Mittelpunkt der sozialdemokratischen Intellektuellen war. Dorthin kamen oft Sinzheimer, Paul Tillich und andere. Auch Kommunisten sind an diesem Abend dort versammelt. Wir alle hoffen, daß jetzt losgeschlagen wird. Wir nehmen an, daß sich die Frankfurter Polizei neutral verhalten wird, und hoffen, daß die Darmstädter Polizei bei diesen Kämpfen auf unserer Seite steht. Bei allen herrscht ein entschlossener Wille zur Einheitsfront-Aktion. Die KPD macht der SPD zentral, d. h. nicht nur in unserem Bezirk, das Angebot, einen gemeinsamen Generalstreik und Abwehrkampf zu organisieren. Die Führung der SPD lehnt ab; sie sagt, sie werde sich streng legal verhalten und den Staatsgerichtshof anrufen; im übrigen müsse die richtige Antwort bei den nächsten Wahlen am 31. Juli gegeben werden. Auf der Versammlung im Hippodrom gibt es Pfeifkonzerte, als die Entscheidung der SPD-Führung bekannt wird. Bei uns macht sich Verzweiflung breit, Döring ist völlig resigniert. Denn spontan war zunächst eine Einheitsfront entstanden, nicht nur in Frankfurt, sondern in vielen Städten. Sie war nun wieder zerstört.“ . . . (Seite 129)
(Seite 129) Wenn aber die Arbeiter am 20. Juli 1932 bereit waren, eine Einheitsfront zu bilden und zu kämpfen, wie es es dann zu erklären, daß sie der Parteiführung der SPD folgten?
“Am 20. Juli sind die Arbeiter in den Militärorganisationen beider Parteien, in der Antifaschistischen Aktion und in der Eisernern Front, zum bewaffneten Kampf entschlossen. Auch Döring, Chef der Eisernen Front, will kämpfen, weil er weiß, daß seine Arbeiter hinter ihm stehen. Doch dann kommt der Befehl von oben, daß nicht gekämpft werden darf. Dieser Befehl setzt sich sofort durch, weil die Arbeiter nach der langen Periode vorher glauben, daß sie ohne ihre Führungen und ohne ihre Organisationen nicht mehr handeln, geschweige denn die bestehenden Organisationen sprengen und andere an ihre Stelle setzen können. Das unterscheidet diese Situation völlig von der der Jahre 1918, 1919/20 sowie von der Lage der Jahre 1922/23. Und so wird in der SPD-Veranstaltung im Hippodrom zwar gebrüllt und gepfiffen, als die sozialdemokratischen Abgeordneten sagen, daß die Parole »Kampf gegen den Staatsstreich« unsinnig sei und fallen gelassen werden müsse und daß die Wahlen das Entscheidende seien, aber das Schimpfen und Pfeifen bleibt folgenlos. (Seite 130 Mitte)
Man sieht, es existieren Ansätze von Gegenbewegungen, aber sie waren nicht autonom. Es waren keine revolutionären Bestrebungen. Man mußte aus der Verteidigung heraus kämpfen, das entsprach der Stimmung unter den Arbeitern. Der Ausgang der Reichstagswahlen im Juli 1932 zeigt einen Tiefpunkt des Stimmenanteils der Arbeiterbewegung und den Höhepunkt des Einflusses der NSDAP vor der Machtergreifung. Denn nun schwillt das Selbstbewußtsein der Nationalsozialisten an, und also laufen ihnen die kleinbürgerlichen Massen zu – das Selbstbewußtsein der Arbeiterbewegung ist im Vergleich dazu gering. Zwar gehen die Stimmen der Kommunisten nicht zurück, sondern wachsen sogar noch, während die Zahl der SPD-Wähler leicht zurückgeht. Aber die Mobilisierung der Wähler zur Wahlbeteiligung ist sehr groß, und die neuen Wähler engagieren sich nicht zugunsten der früheren Partei Papens, also des Zentrums, erst recht nicht zugunsten der liberalen bürgerlichen Parteien, der Staatspartei oder der DVP. Diese Parteien sind im Bewußtsein der Wähler überholt, deshalb stimmen sie für die NSDAP. (153)
(Seite
131) Nach den Reichstagswahlen bleibt von
der Einheitsfront-Bewegung nichts übrig. Das Urteil, das der
Staatsgerichtshof in Sachen »Preußen gegen Reich« fällt, ist ein
Kompromiß ohne praktische Bedeutung. (154)
Mit der Ablehnung des
Einheitsfront-Angebotes der KPD durch die SPD war die
Entscheidungsschlacht verloren. Daß die KPD ein solches Angebot
machte, war ein großer, aber nur vorübergehender Fortschritt.
Daß dieses Angebot abgelehnt wurde, hatte einen deutlichen
Rückschlag in der Stimmung der kommunistischen Parteimitglieder zur
Folge. Die Sozialfaschismus-Theorie schien abermals bestätigt zu
sein und lebte wieder auf. Umgekehrt hatte die Sozialfaschismus
Theorie der Kommunisten für die Sozialdemokratie die Funktion, eine
gemeinsame Arbeit mit den Kommunisten ablehnen zu können. Dieser
ganze negative Mechanismus verschärft sich in der folgenden Zeit.
Der kommunistische Funktionär, der den gemeinsamen Abwehrkampf
gewollt hat und meist arbeitslos ist, sagt sich, die SPD fördere den
Faschismus sogar dann noch, wenn sie selbst betroffen sei. Inzwischen
ist die KPD zu einer Partei
der Arbeitslosen
geworden, denn parallel zu ihrer Sozialfaschismus-Theorie praktiziert
sie weiter die RGO-Politik.“ (S. 131) .
. .
(Seite 137 Mitte) “Ich war damals Gerichtsreferendar am Oberlandesgericht Frankfurt in der letzten Station vor dem 2. Staatsexamen. Ich kannte sehr viele Referendare, die Mitglieder der NSDAP waren und nach den Wahlen im November 1932 aus der Partei austraten. Sie hatten darauf gesetzt, daß die Nationalsozialisten an die Macht kommen würden. Und da es nur ein sehr kleines Angebot an Juristenstellen gab, hatten sie gedacht, daß sie rasch aufsteigen könnten, wenn sie in der NSDAP seien. Nun verließen sie die Partei auf dem schnellsten Wege. Ein für kleinbürgerliche Massen typisches Verhalten: sie schwankten wie ein Rohr im Winde. Kaum war der 30. Januar 1933 da, waren natürlich alle wieder in der NSDAP. Und noch viele andere kamen dazu. Die Stimmenrückgänge in der Zwischenphase waren ein Zersetzungselement, denn eine faschistische Partei lebt vom dauerhaften Aufstieg; sie hat ja sonst nichts zu bieten.
An den Kommunalwahlen in Thüringen Anfang Dezember 1932 läßt sich dasselbe beobachten. Hier verloren die Nationalsozialisten sogar im Vergleich zu den Novemberwahlen erheblich an Stimmen. Vom Monopolkapital her gesehen war es somit nur folgerichtig, eine Petition an Hindenburg zu richten und zu verlangen, er möge Hitler zum Kanzler machen. Die Petition wurde von Schacht, Thyssen usw. unterzeichnet; nur wenige hielten sich fern und schlossen sich erst (Seite 137) später an (165).
Dieser
Druck der Monopolherren war notwendig, denn wer konnte garantieren,
daß die kommunistische Führung eines Tage nicht doch lernen würde,
die Einheitsfront-Politik systematisch und
konsequent zu handhaben? Hier kann man noch einmal an einem konkreten
Beispiel die Grenzen der Faschismus-Analyse Thalheimers zeigen. Die
NSDAP ist nicht aus eigener Kraft – wenngleich toleriert von der
herrschenden Klasse – zur Macht gelangt, sondern
sie kommt mit Hilfe
der herrrschenden Klasse, die Druck auf die Spitze des
Staatsapparates ausübt, an die Macht. Und zwar zu einem Zeitpunkt,
da ihr Einfluß zurückgeht.“ (Seite
138)
“Dann kommt der 30. Januar 1933, an dem Hitler die Macht an sich reißt, und alles ist aus. Es ergeht wieder ein Einheitsfront-Angebot der KPD, und die SPD lehnt abermals ab. Die KPD verfolgt diese Politik – allerdings schwankend – bis zur Notverordnung weiter, die nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 erlassen wird (167) und die Verhaftung Tausender Kommunisten zur Folge hat. Und dann gibt es wieder einen totalen Rückschlag nach ultralinks, als die Gewerkschaftsführung ab März 1933 in Etappen vor den Nationalsozialisten kapituliert und schließlich zu ihnen überläuft: Der 1. Mai 1933 ist nur der Schlußpunkt hinter der ganzen Entwicklung, die bereits im März 1933 begonnen hat.
Die
Gewerkschaften erklären zunächst, sie wollten mit den
Sozialdemokraten nichts mehr zu tun haben, sie hielten sich nicht
mehr für eine klassenkämpferische Organisation, sondern wollten mit
der NSBO verhandeln und die Regierung Hitler unterstützen. Am 14.
April ruft die Führung des ADGB die Arbeiter auf, am 1. Mai, dem
»Tage der nationalen Arbeit« nicht
klassenkämpferisch und nicht im Namen der internationalen
Arbeiterbewegung zu demonstrieren, sondern die Rede Adolf Hitlers
anzuhören und die »nationale Erhebung« zu unterstützen. (168).
(Seite 139)
Auch die Führung der Sozialdemokraten leistet nur halbherzig Widerstand. Als nämlich der Reichstag zusammentritt, um über das Ermächtigungsgesetz (169) zu beraten, das immerhin von der SPD abgelehnt wurde, wagt der sozialdemokratische Abgeordnete Otto Wels nicht, daran zu erinnern, daß 81 gewählte Abgeordnete der Kommunisitischen Partei das Parlament nicht betreten dürfen und – soweit sie nicht der Polizei und der SA entkommen konnten – in »Schutzhaft« sind. Er erwähnt diesen Tatbestand mit keinem Wort. Er erwähnt nur ganz am Rande, daß es besser wäre, wenn die – etwa 12- sozialdemokratischen Abgeordneten, die inzwischen verhaftet und ins KZ gebracht wurden, im Reichstag anwsend wären. Daß fast alle kommunistischen Abgeordneten ebenfalls im KZ saßen, interessierte ihn nicht. Dem war vorausgegangen, daß der Versuch der Berliner Sozialistischen Arbeiterjugend, illegale Organisationen vorzubereiten, von ihrem damaligen Reichsleiter Erich Ollenhauer verboten worden war.
(Seite
140) Es wurde sogar mit dem Ausschluß aus
der SPD gedroht für den Fall, daß solche Versuche weiter
vorangetrieben würden. Der Parteivorstand der SPD forderte
schließlich von der SAJ, ihre Organisationstätigkeit so lange
einzustellen, wie dies der Polizeipräsident von Berlin verlange.
Außerdem beschloß der Parteivorstand der SPD aus der
Sozialisitischen Internationale auszutreten, weil dieser die
Unwahrheit sage, wenn sie behaupte, es gäbe in Deutschland so etwas
wie
Konzentrationslager.(170) Die Rückwirkung dieser Politik der
Parteiführung der SPD auf kommunistische Arbeiter und Funktionäre
kann man sich leicht vorstellen. Als dann am 2. Mai 1933 die
Gewerkschaftsführung abgesetzt wird, hätte man trotz allem selbst
für sie kämpfen müssen. (171). Aber konnte man das von einem
sozialdemokratischen Arbeiter erwarten, dem die Gewerkschaftsführer
tags zuvor noch erzählt haben, der müsse für Hitler demonstrieren
und nicht nur die Kommunisten, sondern auch die Sozialdemokraten
preisgeben?“
Anmerkungen:
(141)
Ernst Eckstein war Rechtsanwalt in Breslau und zunächst führendes
Mitglied der Breslauer SPD; 1931 wurde er Mitbegründer der SAP und
kam in deren Parteivorstand. 1933 wurde er verhaftet und im Mai 1933
zu Tode gefoltert; vgl. Hanno Drechsler, a.a.O., S 363(
(146)
Gemeint ist von Papens Staatstreich in Preußen vom 20. Juli 1932;
vgl. Karl Dietrich Bracher, a. a. O., S. 582 ff.
(153)
Die NSDAP erlangte 13,75 Mio. Stimmern und hatte somit ihren
Stimmenanteil in knapp zwei Jahren von 18,2 % auf 37,5 % erhöht. Der
Stimmenanteil der SPD sank von 24,5 % auf 21,6 %. Für die KPD
stimmten 5,3 Mio. Wähler, ihr Stimmenanteil erhöhte sich somit von
13,1 auf 14,3 % ; vgl. Alfred Milatz, a.a.O., S. 142 f.
(154)
In dem Urteil des Staatsgerichtshofes vom 25.10.1932 wurde die
endgültige Arbsetzung der SPD-Regierung in Preußen zwar für
ungültig erklärt, die vorübergehende Verschiebung der sachlichen
Zuständigkeiten auf den Reichskommissar aber als zulässsig
anerkannt; vgl. Karl Dietrich Bracher, a.a.O.., S. 637 ff.
(165)
Vgl.George F. W. Hallgarten,
Hitler, Reichswehr und Industrie. Zur Geschichte der Jahre 1918-1933,
Frankfurt/Main 1962, S. 108 f.
(166) Kurt von Schleicher löste am 3. Dezember1932 von Papen als Reichskanzler ab. Zum Kabinett Schleicher vgl. Karl Dietrich Bracher, a.a.O., S. 677 ff.
(167)
Notverordnung zum Schutze von
Volk und Staat vom 28. 2.1933
(RGBlI S.
141)
(168)
Vgl. Hans-Gerd Schumann,
a.a.O., S. 58 f
(169) Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich vom 24.3.1933 (RGBlI S. 141)
(170)
Vgl.
für dieser Periode der sozialdemokratischen Politik: Erich Matthias
und Rudolf Morsey, Das Ende der Parteien 1933, Düsseldorf 1960. S.
151 ff.
(171)
Am 2. Mai 1933 stürmten SA und
SS die Häuser der Freien Gewerkschaften und die Redaktionsbüros der
freigewerkschaftlichen Presse. Führende Gewerkschaftsfunktionäre
und Redakteure der Gewerkschaftspresse wurden in Schutzhaft genommen;
vgl. Hans Ger Schumann, a.a.O., S. 70 ff.
Fragen an Wolfgang Abendroth zum Deutschland von 1929 – 1932 Abschrift /Auszüge aus den Seiten 116 – 140
Wie wurde der Faschismus innerhalb der SPD beurteilt? (Seite 116)
Innerhalb der SPD gibt es keine einheitliche Analyse; auch nicht in der Führungsspitze: Sie beschränkt sich auf verbale Randbemerkungen und verzichtet auf den Kampf gegen Zerfall des bürgerlichen Rechtsstaates aus Angst vor dem totalen Faschismus. Die SPD übersieht dabei, daß sie, indem sie durch immer neue Kapitulationen auf die aktive Vertretung der Arbeiterinteressen verzichtet, die Randschichten der abhängigen Arbeiter, also einerseits junge Erwerbslose, die noch kein Klassenbewußtsein haben, andrerseits Angestellte, in eine Verzweiflungssituation hineinstößt, in der diese Schichten durch die faschistische Massenbewegung manipulierbar und ihr zugetrieben werden. Die SPD redet zwar immer wieder gegen den Faschismus und gegen diese Massenbewegung, aber sie bildet kein Gegengewicht, da sie in der Praxis auf die energische Verteidigung der Arbeiterinteressen und der demokratischen Verfassungsnormen verzichtet. Im Gegenteil, sie kopiert die Totalitarismustheorien – sie werden damals noch nicht so bezeichnet, sind dem Inhalt nach aber mit denen der Gegenwart identisch. Die SPD behauptet nämlich, daß Kommunismus gleichbedeutend sei mit Faschismus, daß auch der Kommunismus eine Diktatur gegen die Arbeiter sei und daß die Arbeiter sowohl gegen den Faschismus wie auch gegen den Kommunismus kämpfen müßten. Dies ist der rechtssozialdemokratische Standpunkt, der Standpunkt des Parteivorstandes und die Position der preußischen und hessischen Staatsregierung. In beiden Ländern sind ja die Sozialdemokraten immer noch an der Regierung, in Preußen bis zum 20. Juli 1932, in Hessen bis zum bitteren Ende. (Seite 117 )
Wurde
die Totalitarismustheorie auch in der linken SPD vertreten? (Seite
117)
Auf dem linken Flügel der SPD artikulieren sich sehr verschiedene Positionen, ohne daß es zu einer einheitlichen Theorie kommt. Das reicht von dem linkssozialdemokratischen Theoretiker Arkadij Gurland bis zu Ernst Eckstein (141) usw. Anhand der Zeitschrift Klassenkampf kann man die verschiedenen Auffassungen genau verfolgen. Eine Strategie oder eine Konzeption wird nicht entwickelt, weil die klassenpolitische Grundlage des Faschismus nicht analysiert wird. Gelegentlich wird die Politik der UdSSR unterstützt; trotzdem wagt es keiner, sich von der antibolschewistischen, wir würden heute sagen: Totalitarismus-Konzeption der rechten Sozialdemokratie zu distanzieren. Das bedeutet – trotz aller Einheitsfront-Forderungen-, daß man darauf verzichtet, eine (Seite 117) gemeinsame strategische Position mit den Kommunisten zu finden und sich ihnen als möglicher ernstlicher Bündnispartener anzubieten, so daß deren Sozialfaschismus-Theoreme überzeugend hätten überwunden werden können. So widerlegt sich der linkssozialdemokratische Standpunkt, soweit es ihn als eigenständige Theorie überhaupt gibt, in der Praxis selbst. Im Gegensatz zur KPD und zur SPD orientiert sich die KPO an einer sehr realistischen Analyse des Faschismus, die vor allem von August Thalheimer entwickelt worden ist“ . . . (Seite 118)
(Seite
120)
“In der Analyse Thalheimers, das will ich nochmals hervorheben, ist das Problem der faschistischen Massenbewegung jedenfalls richtig entwickelt. Wir haben solche faschistischen Massenbewegungen im Jahre 1923 in der Inflationskrise, als die verschiedenen völkischen Gruppen zur Massenbewegung werden, und auch ab 1929 in der großen Weltwirtschaftskrise, als die NSDAP aufzusteigen beginnt. Die Faschismus-Analyse Thalheimers ermöglicht es auch, die richtigen politischen Konsequenzen zu ziehen in der Weise, daß gegen eine solche Massenbewegung nur das machtvolle und geschlossene Auftreten der Arbeiterklasse helfen kann, so daß diejenigen Teile der abhängig Arbeitenden, die in ihrer Verzweiflung dazu neigen, zu den Faschisten überzugehen, politisch an die Arbeiterklasse gebunden werden und die Arbeiterklasse sich zu einer wirkungsvollen Alternative gegen die monopolkapitalistische Herrschaft entwickelt. Dies erkannt zu haben, ist das Verdienst Thalheimers und später auch Trotzkis. Die Richtigkeit von Thalheimers Analyse zeigt sich in Frankreich im Jahre 1934, in Spanien ab 1934/36, denn dort werden die faschistischen Massenbewegungen durch die Arbeiterklasse , die einheitlich auftritt, zunächst zurückgeworfen“ . . . (Seite 121)
(Seite
122 Mitte)
“Die Brüning-Diktatur ist zwar keine faschistische, sondern eine obrigkeitsstaatliche Diktatur zugunsten des Großkapitals und die SPD ist ganz gewiß nicht sozialfaschistisch, also ganz gewiß nicht der Hauptgegner der Arbeiterklasse. Die Sozialfaschismus-Theorie ist also in jeder Beziehung Unsinn. Sie verhindert, daß die wichtigste Vorbedingung der Einheitsfront erfüllt wird: Druck der Mitglieder und der Funktionäre auf die sozialdemo-kratische Parteiführung und Führung der Gewerkschaften. Aber man muß dabei bedenken, daß diese Theorie dem äußeren Anschein nach dauernd bestätigt wird. Die Sozialdemokratische Partei führt den Wahlkampf 1930 noch mit Parolen wie »Verteidigt die Verfassung gegen die ständige Aushölung der Verfassung durch Brüning; verteidigt den Lebenstandard der Arbeiterklasse gegen die ständige Reduzierung des Lebensstanddards mittels Notverordnungen«. Und diese gleiche Sozialdemokratie stimmt unmittelbar nach der Einberufung (Seite 123) des Reichstages für die Notverordnungen Brünings. Aus Angst vor dem Ansteigen der faschistischen Stimmen und der drohenden Diktatur kapituliert die sozialdemokratische Führung nun völlig vor der obrigkeitsstaatlichen Diktatur, die sie soeben noch als ihren Feind bezeichnet hatte. Und in der SPD sind nach dem Wahlerfolg der Nationalsozialisten auf Kosten der bürgerlichen Parteien alle so entsetzt, daß selbst in den linken Parteieinheiten und unter den linken sozialdemokratischen Abgeordneten es zunächst niemand wagt, gegen die Führung aufzutreten. Eben dieser Tatbestand verstärkt wiederum innerhalb der KPD die These vom Sozialfaschismus. Allmählich sammeln sich in der SPD – wenn auch nur vorübergehend – wieder die Kräfte, die gegen diesen Kurs opponieren. Daher wird die Zahl der Reichstagsabgeordneten größer, die für die Verteidigung der Verfassung gegen ihre ständige Verletzung durch die Regierung Brüning eintreten. Es werden auf unterer Ebene auch verschiedene Einheitsfront-Aktionen durchgeführt, allerdings lokal begrenzt. Insgesamt aber bleiben die Vorbehalte gegeneinander bestehen: es bleibt die sozialdemokratische Kapitulation vor Brüning, es bleibt die Vorstellung der Kommunisten vom Sozialfaschismus. Das geht schließlich so weit, das Reichspräsident von Hindemburg einen noch deutlicher obrigkeitsstaatlich orientierten Reichskanzler an die Macht bringt, von Papen, daß von Papen der Sozialdemokratie die letzten Machtpositionen, die sie noch hatte, zerschlägt (146) – und daß auch dann die Sozialdemokratie nichts anderes zu tun weiß, als nach Staatsgerichtshof zu rufen. Das ist lächerlich.“ . . . (Seite 123)
(Seite
125) Wie
verhielt sich die Studentenschaft in dieser Zeit politisch?
In
den Jahren 1928/29 stehen die Studenten – auch die jüdischen –
fast alle rechts, sei es obrigkeitsstaatlich-monarchistisch, sei es
faschistoid oder schon faschistisch. Die letzteren sind im
Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund organisiert.
Die Studenten, die sich für Demokratie und Marxismus entscheiden,
bilden bis 1928/29 eine extrem kleine Minderheit; Zentren dieser
Gruppen sind damals Frankfurt und Berlin.“
(Seite 128)“. . . Wir alle (Walter Fisch, Oskar Müller, Emil Carlebach, Anton Döring u .a.) sehen, daß der Staatsstreich in Preußen unmittelbar bevorsteht. Welchen Sinn konnte der Regierungswechsel von Brüning zu Papen haben, wenn nicht den, die SPD völlig auszuschalten? Aber uns ist auch klar, was diese Entwicklung für die Arbeiterbewegung zu bedeuten hat – und also wollen wir Aktionen vorbereiten. Es kommt der 20. Juli 1932; Die SPD hat in Frankfurt im Hippodrom zu einer Versammlung aufgerufen. Anton Döring, der Chef der sozialdemokratischen militärischen Organisationen, will ebenso kämpfen wie die kommunistischen Genossen. Auf beiden Seiten besteht der Wille zum gemeinsamen Kampf. Wir sitzen mit den Genossen von den militärischen Organisationen, mit denen wir noch aus der Studentenbewegung verbunden sind, zusammen in der Wohnung der sozialdemokratischen Stadtverordneten Elsa Bauer, die der gesellschaftliche Mittelpunkt der sozialdemokratischen Intellektuellen war. Dorthin kamen oft Sinzheimer, Paul Tillich und andere. Auch Kommunisten sind an diesem Abend dort versammelt. Wir alle hoffen, daß jetzt losgeschlagen wird. Wir nehmen an, daß sich die Frankfurter Polizei neutral verhalten wird, und hoffen, daß die Darmstädter Polizei bei diesen Kämpfen auf unserer Seite steht. Bei allen herrscht ein entschlossener Wille zur Einheitsfront-Aktion. Die KPD macht der SPD zentral, d. h. nicht nur in unserem Bezirk, das Angebot, einen gemeinsamen Generalstreik und Abwehrkampf zu organisieren. Die Führung der SPD lehnt ab; sie sagt, sie werde sich streng legal verhalten und den Staatsgerichtshof anrufen; im übrigen müsse die richtige Antwort bei den nächsten Wahlen am 31. Juli gegeben werden. Auf der Versammlung im Hippodrom gibt es Pfeifkonzerte, als die Entscheidung der SPD-Führung bekannt wird. Bei uns macht sich Verzweiflung breit, Döring ist völlig resigniert. Denn spontan war zunächst eine Einheitsfront entstanden, nicht nur in Frankfurt, sondern in vielen Städten. Sie war nun wieder zerstört.“ . . . (Seite 129)
(Seite
129)Wenn aber die Arbeiter am 20. Juli 1932 bereit
waren, eine Einheitsfront zu bilden und zu kämpfen, wie es es dann
zu erklären, daß sie der Parteiführung der SPD folgten?
“Am 20. Juli sind die Arbeiter in den Militärorganisationen beider Parteien, in der Antifaschistischen Aktion und in der Eisernen Front, zum bewaffneten Kampf entschlossen. Auch Döring, Chef der Eisernen Front, will kämpfen, weil er weiß, daß seine Arbeiter hinter ihm stehen. Doch dann kommt der Befehl von oben, daß nicht gekämpft werden darf. Dieser Befehl setzt sich sofort durch, weil die Arbeiter nach der langen Periode vorher glauben, daß sie ohne ihre Führungen und ohne ihre Organisationen nicht mehr handeln, geschweige denn die bestehenden Organisationen sprengen und andere an ihre Stelle setzen können. Das unterscheidet diese Situation völlig von der der Jahre 1918, 1919/20 sowie von der Lage der Jahre 1922/23. Und so wird in der SPD-Veranstaltung im Hippodrom zwar gebrüllt und gepfiffen, als die sozialdemokratischen Abgeordneten sagen, daß die Parole »Kampf gegen den Staatsstreich« unsinnig sei und fallen gelassen werden müsse und daß die Wahlen das Entscheidende seien. aber das Schimpfen und Pfeifen bleibt folgenlos. (Seite 130 Mitte)
Man
sieht, es existieren Ansätze von Gegenbewegungen, aber sie waren
nicht autonom. Es waren keine revolutionären Bestrebungen. Man mußte
aus der Verteidigung heraus kämpfen, das
entsprach der Stimmung unter den Arbeitern. Der Ausgang der
Reichstagswahlen im Juli 1932 zeigt einen Tiefpunkt des
Stimmenanteils der Arbeiterbewegung und den Höhepunkt des Einflusses
der NSDAP vor der Machtergreifung . Denn nun schwillt das
Selbstbewußtsein der Nationalsozialisten an, und also laufen ihnen
die kleinbürgerlichen Massen
zu – das Selbstbewußtsein der Arbeiterbewegung ist im Vergleich
dazu gering. Zwar gehen die Stimmen der Kommunisten nicht zurück,
sondern wachsen sogar noch, während die Zahl der SPD-Wähler leicht
zurückgeht. Aber die Mobilisierung der Wähler zur Wahlbeteiligung
ist sehr groß, und die neuen Wähler engagieren sich nicht zugunsten
der früheren Partei Papens, also des Zentrums, erst recht
nicht zugunsten der liberalen bürgerlichen Parteien, der
Staatspartei oder der DVP. Diese Parteien sind im Bewußtsein der
Wähler überholt, deshalb stimmen sie für die NSDAP. (153)
(Seite
131) Nach den Reichstagswahlen bleibt von
der Einheitsfront-Bewegung nichts übrig. Das Urteil, das der
Staatsgerichtshof in Sachen »Preußen gegen Reich« fällt, ist ein
Kompromiß ohne praktische Bedeutung. (154)
Mit der Ablehnung des
Einheitsfront-Angebotes der KPD durch die SPD war die
Entscheidungsschlacht verloren. Daß die KPD ein solches Angebot
machte, war ein großer, aber nur vorübergehender Fortschritt.
Daß dieses Angebot abgelehnt wurde, hatte einen deutlichen
Rückschlag in der Stimmung der kommunistischen Parteimitglieder zur
Folge. Die Sozialfaschismus-Theorie schien abermals bestätigt zu
sein und lebte wieder auf. Umgekehrt hatte die Sozialfaschismus
Theorie der Kommunisten für die Sozialdemokratie die Funktion, eine
gemeinsame Arbeit mit den Kommunisten ablehnen zu können. Dieser
ganze negative Mechanismus verschärft sich in der folgenden Zeit.
Der kommunistische Funktionär, der den gemeinsamen Abwehrkampf
gewollt hat und meist arbeitslos ist, sagt sich, die SPD fördere den
Faschismus sogar dann noch, wenn sie selbst betroffen sei. Inzwischen
ist die KPD zu einer Partei
der Arbeitslosen
geworden, denn parallel zu ihrer Sozialfaschismus-Theorie praktiziert
sie weiter die RGO-Politik.“ (S. 131) .
. .
(Seite
137 Mitte) “Ich war damals
Gerichtsreferendar am Oberlandesgericht Frankfurt in der letzten
Station vor dem 2. Staatsexamen. Ich kannte sehr viele Referendare,
die Mitglieder
der NSDAP waren und nach den Wahlen im November 1932 aus der Partei
austraten. Sie hatten darauf gesetzt, daß die Nationalsozialisten an
die Macht kommen würden. Und da es nur ein sehr kleines Angebot an
Juristenstellen gab, hatten sie gedacht, daß sie rasch aufsteigen
könnten, wenn sie in der NSDAP seien. Nun verließen sie die Partei
auf dem schnellsten
Wege. Ein für kleinbürgerliche Massen typisches Verhalten: sie
schwankten wie ein Rohr im Winde. Kaum
war der 30. Januar 1933 da, waren natürlich alle wieder in der
NSDAP. Und noch viele andere kamen
dazu. Die Stimmenrückgänge in der Zwischenphase waren ein
Zersetzungselement, denn eine faschistische Partei lebt vom
dauerhaften Aufstieg; sie hat ja sonst nicht zu bieten.
An
den Kommunalwahlen in Thürigen Anfang Dezember 1932 läßt sich
dasselbe beobachten. Hier verloren die Nationalsozialisten sogar im
Vergleich zu den Novemberwahlen erheblich an Stimmen. Vom
Monopolkapital her gesehen war es somit nur folgerichtig, eine
Petition an Hindenburg zu richten und zu verlangen, er möge Hitler
zum Kanzler machen. Die Petition wurde von Schacht. Thyssen usw.
unterzeichnet; nur wenige hielten sich fern und schlossen sich erst
(Seite 137) später
an (165).
Dieser
Druck der Monopolherren war notwendig, denn wer konnte garantieren,
daß die kommunistische Führung eines Tage nicht doch lernen würde,
die Einheitsfront-Politik systematisch und
konsequent zu handhaben? Hier kann man noch einmal an einem konkreten
Beispiel die Grenzen der Faschismus-Analyse Thalheimers zeigen. Die
NSDAP ist nicht aus eigener Kraft – wenngleich toleriert von der
herrschenden Klasse – zur Macht gelangt, sondern
sie kommt mit Hilfe
der herrrschenden Klasse, die Druck auf die Spitze des
Staatsapparates ausübt, an die Macht. Und zwar zu einem Zeitpunkt,
da ihr Einfluß zurückgeht.“ (Seite
138)
(Seite
138 unten)
“Dann kommt der 30. Januar 1933, an dem Hitler die Macht an sich reißt, und alles ist aus. Es ergeht wieder ein Einheitsfront-Angebot der KPD, und die SPD lehnt abermals ab. Die KPD verfolgt diese Politik – allerdings schwankend – bis zur Notverordnung weiter, die nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 erlassen wird (167) und die Verhaftung Tausender Kommunisten zur Folge hat. Und dann gibt es wieder einen totalen Rückschlag nach ultralinks, als die Gewerkschaftsführung ab März 1933 in Etappen vor den Nationalsozialisten kapituliert und schließlich zu ihnen überläuft: Der 1. Mai 1933 ist nur der Schlußpunkt hinter der ganzen Entwicklung, die bereits im März 1933 begonnen hat. Die Gewerkschaften erklären zunächst, sie wollten mit den Sozialdemokraten nichts mehr zu tun haben, sie hielten sich nicht mehr für eine klassenkämpferische Organisation, sondern wollten mit der NSBO verhandeln und die Regierung Hitler unterstützen. Am 14. April ruft die Führung des ADGB die Arbeiter auf, am 1. Mai, dem »Tage der nationalen Arbeit« nicht klassenkämpferisch und nicht im Namen der internationalen Arbeiterbewegung zu demonstrieren, sondern die Rede Adolf Hitlers anzuhören und die »nationale Erhebung« zu unterstützen. (168). (Seite 139)
Auch die Führung der Sozialdemokraten leistet nur halbherzig Widerstand. Als nämlich der Reichstag zusammentritt, um über das Ermächtigungsgesetz (169) zu beraten, das immerhin von der SPD abgelehnt wurde, wagt der sozialdemokratische Abgeordnete Otto Wels nicht, daran zu erinnern, daß 81 gewählte Abgeordnete der Kommunistischen Partei das Parlament nicht betreten dürfen und – soweit sie nicht der Polizei und der SA entkommen konnten – in »Schutzhaft« sind. er erwähnt diesen Tatbestand mit keinem Wort. Er erwähnt nur ganz am Rande, daß es besser wäre, wenn die – etwa 12- sozialdemokratischen Abgeordneten, die inzwischen verhaftet und ins KZ gebracht wurden, im Reichstag anwsend wären. Daß fast alle kommunistischen Abgeordneten ebenfalls im KZ saßen, interessierte ihn nicht. Dem war vorausgegangen, daß der Versuch der Berliner Sozialistischen Arbeiterjugend, illegale Organisationen vorzubereiten, von ihrem damaligen Reichsleiter Erich Ollenhauer verboten worden war.
(Seite
140) Es wurde sogar mit dem Ausschluß aus
der SPD gedroht für den Fall, daß solche Versuche weiter
vorangetrieben würden. Der Parteivorstand der SPD forderte
schließlich von der SAJ, ihre Organisationstätigkeit so lange
einzustellen, wie dies der Polizeipräsident von Berlin verlange.
Außerdem beschloß der Parteivorstand der SPD aus der
Sozialisitischen Internationale auszutreten, weil dieser die
Unwahrheit sage, wenn sie behaupte, es gäbe in Deutschland so etwas
wie
Konzentrationslager.(170) Die Rückwirkung dieser Politik der
Parteiführung der SPD auf kommunistische Arbeiter und Funktionäre
kann man sich leicht vorstellen. Als dann am 2. Mai 1933 die
Gewerkschaftsführung abgesetzt wird, hätte man trotz allem selbst
für sie kämpfen müssen. (171). Aber konnte man das von einem
sozialdemokratischen Arbeiter erwarten, dem die Gewerkschaftsführer
tags zuvor noch erzählt haben, der müsse für Hitler demonstrieren
und nicht nur die Kommunisten, sondern auch die Sozialdemokraten
preisgeben?“
Anmerkungen:
(141)
Ernst Eckstein war Rechtsanwalt in Breslau und zunächst führendes
Mitglied der Breslauer SPD; 1931 wurde er Mitbegründer der SAP und
kam in deren Parteivorstand. 1933 wurde er verhaftet und im Mai 1933
zu Tode gefoltert; vgl. Hanno Drechsler, a.a.O., S 363(
(146)
Gemeint ist von Papens Staatstreich in Preußen vom 20. Juli 1932;
vgl. Karl Dietrich Bracher, a. a. O., S. 582 ff.
(153)
Die NSDAP erlangte 13,75 Mio. Stimmern und hatte somit ihren
Stimmenanteil in knapp zwei Jahren von 18,2 % auf 37,5 % erhöht. Der
Stimmenanteil der SPD sank von 24,5 % auf 21,6 %. Für die KPD
stimmten 5,3 Mio. Wähler, ihr Stimmenanteil erhöhte sich somit von
13,1 auf 14,3 % ; vgl. Alfred Milatz, a.a.O., S. 142 f.
(154) In dem Urteil des Staatsgerichtshofes vom 25.10.1932 wurde die endgültige Absetzung der SPD-Regierung in Preußen zwar für ungültig erklärt, die vorübergehende Verschiebung der sachlichen Zuständigkeiten auf den Reichskommissar aber als zulässsig anerkannt; vgl. Karl Dietrich Bracher, a.a.O.., S. 637 ff.
(165)
Vgl.George F. W. Hallgarten,
Hitler, Reichswehr und Industrie. Zur Geschichte der Jahre 1918-1933,
Frankfurt/Main 1962, S. 108 f.
(166) Kurt von Schleicher löste am 3. Dezember1932 von Papen als Reichskanzler ab. Zum Kabinett Schleicher vgl. Karl Dietrich Bracher, a.a.O., S. 677 ff.
(167)
Notverordnung zum Schutze von
Volk und Staat vom 28. 2.1933
(RGBlI S.
141)
(168)
Vgl. Hans-Gerd Schumann,
a.a.O., S. 58 f
(169) Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich vom 24.3.1933 (RGBlI S. 141)
(170)
Vgl.
für dieser Periode der sozialdemokratischen Politik: Erich Matthias
und Rudolf Morsey, Das Ende der Parteien 1933, Düsseldorf 1960. S.
151 ff.
(171) Am 2. Mai 1933 stürmten SA und SS die Häuser der Freien Gewerkschaften und die Redaktionsbüros der freigewerkschaftlichen Presse. Führende Gewerkschaftsfunktionäre und Redakteure der Gewerkschaftspresse wurden in Schutzhaft genommen; vgl. Hans Gerd Schumann, a.a.O., S. 70 ff.
Brief an eine Freundin (zwanzig Jahre juenger als ich) betrifft: Korona Buecher . Jetzt lese ich seit vier Tagen ein Buch, dass ich einmal vor gefuehlten dreissig Jahren gekauft habe, weil es als Maengel Exemplar besonders guenstig war und weil es ausserdem auch gut aussah in meiner Sammlung edition suhrkamp. Ich habe es, aufgrund des Titels, fuer ein Werk gehalten, das besonders viel Langeweile verbreitet. Langweilig und wissenschaftlich. Ein Buch, dass man auf jeden Fall nicht gelesen haben muss. Und jetzt (nach dreissig Jahren) nehme ich es aus dem Regal und entdecke, dass es aeusserst kurzweilig ist, es ueberhaupt nicht trocken wissenschaftlich ist und gerade zu amuesant. Es handelt sich um Band 820, der Reihe Edition suhrkamp. „Wolfgang Abendroth – Ein Leben in der Arbeiterbewegung.“ Gespraeche, aufgezeichnet und herausgegeben von Barbara Dietrich und Joachim Perels (2. Auflage 1977), da warst Du ja erst zwoelf Jahre alt. Vermutlich kennst Du es, weil Deine Beruehrungsaengste mit den Intellektuellen und jenen, die als Intellektuelle so daher kommen, ja eher geringer sind als bei mir. Jedenfalls habe ich großes Vergnuegen und habe endlich verstanden, warum so manches passiert ist, was ich bisher immer nicht verstanden hatte, wie z.B. den kampflosen Uebergang der Arbeiterbewegung, als am 30. Januar der Greis die Macht uebergeben hat. Jens
na warum ist der wohl hier? Ich mein nicht das Tier.
Abschrift:Wolfgang AbendrothÜber Klassenjustiz und Arbeiterklasse in der Weimarer Zeit.(Aus Wolfgang Abendroth, Ein Leben in der Arbeiterbewegung, Edition Suhrkamp, Band 820, Gespräche mit Barbara Dietrich und Joachim Perels. Seite 96.)
„Klassenjustiz wirkte sich in mehrfacher Hinsicht gegen die Arbeiterklasse aus. In der politischen Strafjustiz insofern, als sich die äußerste Rechte an Verbrechen und Morden leisten konnte, was immer sie wollte. In den Jahren 1919 und 1920 wurden Hunderte deutscher Arbeiter von den Freikorps ermordet. (109) Es begann mit der Ermordung linker und kommunistischer Arbeiterfunktionäre, griff dann über auf Mitglieder der USPD, traf auch Pazifisten wie Paasche, schließlich auch bürgerliche Politiker wie z. B. Erzberger und Rathenau. (110) In den beiden letzten Fällen wurden zwar ernstliche Strafverfahren eingeleitet, im übrigen aber stand die Staatsanwaltschaft auf der Seite der Mörder. Kam es dennoch zu einem Strafverfahren, so wurden Scheinstrafen ausgesprochen – ich erinnere an den sehr spät durchgeführten Prozeß wegen des Mordes an Rosa Luxemburg (111) – , oder es erfolgte Freispruch. Wenn sich dagegen Arbeiter politisch etwas »zuschulden kommen ließen«, hagelte es Strafen noch und noch – so bei allen sogenannten Gewaltdelikten, dann in extensiver Auslegung dieser Gewaltdelikte wegen Landfriedensbruchs und Hausfriedensbruch bei Auseinandersetzungen in Versammlungen und schließlich bei der Teilnahme an Massenstreiks oder bei gewaltsamen Auseinandersetzungen wie nach dem Kapp-Putsch. Für die Justiz der damaligen Zeit war es selbstverständlich, daß sie Anlässe dieser Art benutzte, um hohe Strafen zu verhängen.“ (112)
(109) Freikorps waren gegenrevolutionäre militärische Verbände, die von Offizieren der alten kaiserlichen Armee gebildet und geführt wurden; vgl. Arthur Rosenberg, Geschichte Weimarer Republik, Frankfurt/Main 1961 S. 59 ff.; Emil J. Gumbel, Vom Fememord zur Reichskanzlei, Heidelberg 1962 S. 45 ff.(110) Vgl. Emil J. Gumbel, a.a.O. , S. 45 ff.(111) Vgl. Der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, Dokumentation eines politischen Verbrechens, hrsg. von Elisabeth Hannover-Drück und Heinrich Hannover, Frankfurt/Main 1967, S. 59-126(112) Vgl. Emil J. Gumbel, a.a.O., S. 46 f. ; Heinrich Hannover und Elisabeth Hannover-Drück, Politische Justiz 1918-1933, Frankfurt /Main 1966. (Für alle, die es nicht wissen, bzw. nicht wußten (so wie ich) heisst a.a.O= am angegebenen Ort!)
Carl Heinz Streit (Sohn des Kinobesitzers Hugo Streit) Belo Horizonte (Brasilien) Juli 1990Rolf Arno Streit. Sohn des Kinobesitzers Hugo Streit. Belo Horizonte (Brasilien) Juli 1990.
SRolf Arno Streit: ”Mein Großvater Jeremias genannt James Henschel war der Erste in Hamburg, der Kinos gemacht hat. Er ist auf folgende Weise auf diese Idee gekommen.In Paris, so hat er gehört, gibt es einen Grammophon-Laden, dass heisst Leute konnten in den Laden gehen, sich . . . wie heisst das? . . . Telefone an die Ohren legen und konnten dann eine Musik wählen, die sie bekommen haben durch die . . . durch das Grammophon. Übertragenen. Das wollte er in Hamburg auch machen und deshalb sind sie dann in Paris gewesen, wo dieser . . . wo dieses Grammophongeschäft existierte und sich mit dem Inhaber darüber zu unterhalten . . . Auf dem Wege dorthin sind . . . stehengeblieben an vor einer riesigen Schlange von Menschen, die alle in ein sogenanntes Cine gehen wollte. Das war eine Neuigkeit für meine Großeltern und . . . da wurden eben die ersten Filme vorgeführt. Dann sind sie zu dem Grammophonmann gegangen und sind nachher in ihr Hotel gegangen und haben geschlafen.
Meine Großmutter-Frida Henschel – hat zu Madam . . . zu meinem Großvater gesagt, weißt du James ich hab es mir überlegt, wir machen nicht Grammophon, wir machen Kinos. Und das war die Idee, das mein Großvater der Erste in Hamburg war, der Kinos eröffnete. So ist auch der Henschel Film und Theaterkonzern nach ihm benannt worden.“
Frage:
Das erste Kino war das Belle Alliance Kino? Das war ein sehr
großes Kino?
Rolf
Arno Streit: „Das kann ich nicht genau sagen, wie groß es war.
Auf jeden Fall war das das erste Kino – richtige Kino – in
Hamburg . . . Hamburg Altona . . . wenn ich mich nicht irre.
Frage:
Der Großvater hat dann mit Ende des Krieges alle Kinos verkauft, sie
haben erzählt an die Ufa. Können sie mal sagen, warum er die Kinos
verkauft hat?
Rolf
Arno Streit: “Die Ufa ist an meinen Großvater herangetreten .
(LkW Geräusch) . . . Die Ufa ist an meinen Großvater herangegangen
und hat ihm gesagt, entweder verkaufen sie uns ihre ganzen Kinos,
oder wir machen ihnen Konkurrenz . . . das war der . . . da hat mein
Großvater sich entschlossen, seine Kinos an die Ufa zu verkaufen . .
. hat sich für das Geld, das er bekommen hat, sofort Häuser gekauft
. . . Immobilien . . . und ist dadurch . . . durch die Inflation
schadlos herausgekommen. Zu dem Entschluß von meinem Großvater, die
Kinos zu verkaufen mußte die Ufa damit einverstanden sein, daß
seine Schwiegersöhne -nämlich unser Vater Hugo Streit und unser
Onkel Hermann Urich-Saß . . . also seine Schwiegersöhne Direktoren
der Ufa wurden für Norddeutschland, was geschah“.
Frage:
Bis wann waren Hugo Streit und Hermann Urich Sass Direktoren der Ufa?
Rolf
Arno Streit: “Die waren Direktoren bis . . . ungefähr 1926 .
Ein ganz genaues Datum kann ich nicht sagen, aber . . . Mitte der
20iger Jahre ist es wohl gewesen.“
Carl
Heinz Streit:
Das
ist aber richtig. Ich mein, ich erinnere das auch nicht mehr so
genau.
Hilde
Streit:
(zu
ihrem Mann): Du weisst es noch besser.
Rolf Arno Streit: “Ja, durch die ganze Wiedergutmachungsgeschichte . . . bin ich wieder da . . . irgendwie erinnert worden. Das ist ja auch nun schon viele Jahre her.“Hilde Streit:. Jetzt ist leise . . . Carl Heinz Streit: Das kommt aber immer wenn der Omnibus kommt. Hilde Streit: Ja überall, kommt immer . . . bei uns viel mehr noch.Frage: 1918 wurde die Ufa gegründet und die Ufa trat an ihren Vater heran und er hat seine Kinos verkauft. Können sie das noch mal erzählen?Rolf Arno Streit: ”Ja . . . nachdem . . . ist schon . . . Carl Heinz Streit: ”Nein, wenn das Licht angeht.“ Rolf Arno Streit: „Also . . . nach dem Kriege 14/18 ist die Ufa an meinen Großvater herangetreten und hat ihm gesagt, wir bauen hier Kinos, oder sie verkaufen uns ihre Kinos, und da ist mein . . . hat mein Großvater den Entschluss gefasst, seine Kinos zu verkaufen . . . mit der Bestimmung, dass mein Vater und mein Onkel . . . Hugo . . . Hermann Urich Sass Direktoren der Ufa werden von Norddeutschland, was geschah, außerdem war mein Großvater mit 5 % über viele Jahre an allen Ufa Einnahmen beteiligt . . . und späterhin . . . auch mit 2,5 % für alle . . . von allen Kinos, die noch erbaut worden sind später von der Ufa . . . Mein Großvater selbst hat seine . . . hat die Inflation überstanden durch Ankauf von Immobilien . . . das Geld, was er damals von der Ufa bekommen hatte, hat er sofort angelegt in Immobilien und dadurch ist er aus der Inflation schadlos herausgegangen:“ Frage: Wissen sie noch welche Kinos das waren, die ihr Großvater dort verkauft hat? Rolf Arno Streit: “Ich kenn einige . . . weiß ich . . . das . . . zum Beispiel das Lessingtheater, das Passage Theater, das Harvestehuder Lichtspiele und einige andere . . . ich entsinne die Namen nicht mehr genau. Auf jeden Fall . . . vielleicht sechs Kinos, die mein Großvater der Ufa verkauft hat“. Frage: Das Waterloo Theater gehörte das auch dazu? Rolf Arno Streit: ”Das Waterloo Theater gehörte dazu, ja. Das hat mein Großvater erbaut. Das war damals das vornehmste Kino in Hamburg.“ Frage: Und dann hat ihr Vater Hugo Streit und Hermann Urich Sass . . . haben sich selbstständig gemacht und haben neue Kinos aufgemacht. Wann war das?
Rolf Arno Streit: ”Sie waren, wie gesagt, Direktoren der Ufa bis 1925 oder 1926 . . . und haben sich dann selbstständig gemacht und haben die erste . . . das erste Kino . . . gekauft, die Schauburg Hauptbahnhof . . . die damals anders hieß . . . der Name ist mir entfallen . . . das ist die spätere Barke gewesen. Am Hauptbahnhof. Dadurch . . . Nach und nach haben sie andere Kinos gebaut . . . im ganzen waren . . . bestand der Henschel Film und Theaterkonzern . . . wie er sich nannte . . . aus 12 Kinos. Schauburg Hamm, Schauburg Hammerbrook, Schauburg Wandsbek, Schauburg Harburg und diverse andere . . . die mir im Moment nicht einfallen. Auf jeden Fall waren es zwölf Großkinos und der Konzern war dadurch . . . der größte Konzern in Hamburg . . . was die Theaterbranche . . . die Kinobranche anbelangt“. Frage: Sie hatten mir erzählt, sie haben auch mal eine Eröffnung miterlebt . . . von der Schauburg am Millerntor (1927) . . . das war ja ein sehr großes Kino und zur Eröffnung ist Henny Porten gekommen . . . können sie da noch mal was erzählen? Rolf Arno Streit: ”Ja ich kann darüber erzählen, aber ich weiß, ob es die Schauburg Haupt . . . Schauburg Millerntor war . . . es kann irgend eine andere Schauburg gewesen sein. Alle Schauburgen wurden eröffnet mit irgendeiner Sensation, so auch eine . . . (LKW Lärm) . . . so auch eine Schauburg mit der Henny Porten. Die Henny Porten kam in Hamburg an . . . am Hauptbahnhof. Es waren viel mehr Menschen dort . . . als seiner Zeit der Reichspräsident Ebert ankam, das schrieben die Zeitungen . . . später. Andere Schauburgen wurden eröffnet mit anderen Filmschauspielern unter anderem auch einmal durch einen Ball bei . . . Sarasa . . . bei . . . in . . . dem Saal . . . ich komm nicht auf den Namen . . . (vermutlich Sagebiel) . . . auf dem größten Saal in Hamburg. Da wurden dann die Leute gefilmt, entweder die getanzt haben oder selbst gesprochen haben und dieser Film wurde vorgeführt in den Schauburgen und die ganzen Leute die gefilmt wurden, haben sich natürlich die Filme angeguckt. Das war ein gutes Geschäft. Nicht nur eine gut Idee, sondern auch ein gutes Geschäft . . . Es wurden auch andere eröffnet mit Emil Jannings, soweit ich erinnere und durch andere Sensationen . . . ich kann nicht auf die ganzen Sachen eingehen, weil die Erinnerung mir nicht die . . . Carl Heinz Streit: (der ältere Bruder) ”Lucie Englisch war auch einmal da.” Rolf Arno Streit: ”Lucie Englisch ja . . . sprich du mal weiter. Carl Heinz Streit: ”Ja ich weiß ja nicht so viel wie du. Du hast doch die ganze Wiedergutmachung betrieben. Dadurch bist du mehr im laufenden.” Frage(an Carl Heinz Streit): Sie haben doch auch mal im Henschel Film und Theaterkonzern gearbeitet? Ein Jahr lang . . . ? Carl Heinz Streit: “Ja in der . . . in dem Booking Department . . . wie heisst das auf Deutsch? Programmation gearbeitet . . . Aber ganz kurze Zeit nur. Frage: Was gab es da für Filme . . . wissen sie das noch? Carl Heinz Streit: “Boh ! . . . an die Filme kann ich mich nicht mehr erinnern. (lacht) Rolf Arno Streit: “Es gab zum Beispiel . . . es wurde in den Schauburgen gezeigt. Der erste Tonfilm mit Harry Liedtke und Marlene Dietrich, der hiess „Ich küsse ihre Hand Madam“. Es waren aber nur einige Minuten, die der Ton herausgekommen ist, nämlich das Lied, ich küsse ihre Hand Madam wurde gesungen von Marlene Dietrich mit dem Harry Liedtke zusammen . . . (Richard Tauber war der Sänger – Länge: 2 Minuten 38 Sekunden). Das war eine Sensation. So fing der Tonfilm in Hamburg an. Später natürlich kamen andere Filme wie zum Beispiel: „Der letzte Mann“ mit Emil Jannings. Das war ein . . . erfolgreicher Film und auch der „Blaue Engel mit Marlene Dietrich . . . Carl Heinz Streit : “ . . . und Emil Jannings“. Rolf Arno Streit: “Ja und Emil Jannings. So nun erzähl du mal wieder was (zu seinem Bruder).“ Carl Heinz Streit: “Dann wurde aufgeführt der Film . . . ich weiß nicht mehr den Namen . . . aber es war dieser Schwarze . . . , der sich als Schwarzer verkleidet hat . . . Al Jolson . . . der Jazzsinger“. Frage: Das war der erste Tonfilm denn auch . . . der erste richtige Tonfilm.
Carl Heinz Streit: “Das war der Tonfilm, der nicht mehr über Grammophon ging. Die ersten . . . die ersten Tonfilme wurden mit Platten bedient. Nachher kam der optische Film. Das war der erste mit Al Jolson“. Frage: Die Schauburgen – also die Schauburg Hamm und die Schauburg Millerntor . . . das waren ja alles Neubauten . . . das muss ja ne enorme Stange Geld gekostet haben. Wissen sie da irgendwie . . . wieviel das gekostet haben mag? Carl Heinz Streit: “Nein“. Rolf Arno Streit: “Das waren einige Millionen. Ich glaube, mein Großvater – James Henschel- hat das Anfangskapital zur Verfügung gestellt. Vielleicht wurden nachher auch Bankkredite aufgenommen. Ich kann das nicht genau sagen. Aber auf jeden Fall war das ein Großunternehmen und die meisten Kinos sind erbaut worden durch den Verdienst, der schon bestehenden Kinos (Moped im Hintergrund) . . . Die meisten Kinos sind erbaut worden, durch den Verdienst der schon bestehenden Kinos. Die ganzen Schauburgen, bis auf einigen . . . bis auf einigen . . . wurden vom Henschel Film und Theaterkonzern selbst erbaut. Also es waren eigene Grundstücke.“ Frage: Dann waren es . . . wenn ich das so richtig recherchiere . . . dann waren es imgrunde nur zwei . . . zwei große Filmtheaterbetriebe in Hamburg . . . das war der Henschel und die Ufa. Die müssen doch in starker Konkurrenz auch gestanden haben? Rolf Arno Streit: “Ja, solange sie nicht den Ufa Palast gebaut hatten, war das . . . gab es keine große Konkurrenz . . . aber nachdem der Ufa Palast . . . ich glaube es war im Jahre 19 und . . . Ende 1920 . . . vielleicht 1929 . . . oder 28 . . . ich weiß nicht genau . . . da wurde es natürlich eine Konkurrenz. Aber die hat dem Henschel Film und Theater Konzern auch nichts ausgemacht . . . er ist . . . er ist sehr solide geblieben . . . bis zum Ende . . . bis zum Anfang der Nazizeit . . . Da wurde der Henschel Film und Theater Konzern sehr stark betroffen . . . und . . . es wurde ein . . . ein . . . ein Programm gegen die Theater ausgeübt“. Frage: Wann hat das begonnen . . . das man gegen den Henschel Film und Theater Konzern . . . Rolf Arno Streit: “Mit Anfang der Nazizeit . . . 1933 . . . Da wurde der . . . Henschel Film und Theaterkonzern gestempelt als jüdisches Unternehmen . . . und dadurch sind die . . . Besucher ziemlich heruntergegangen . . . .1936 . . . ich glaube mich nicht zu irren . . . (gemeint ist vermutlich der reichsweite Pogrom in der Nacht vom 9/10 November 1938) . . . in der Kristallnacht wurden die Kinos geschändet . . . und zerstört . . . zum Teil, dann haben sie . . . dann haben sich die Nazis davorgestellt und haben keine Juden mehr . . . keine Ar . . . keine Besucher mehr hereingelassen. Dadurch hat der Konzern natürlich sehr stark gelitten.” Frage: Der Henschel Konzern war eine OHG zwischen Hermann Urich – Sass und Hugo Streit und das gab es eine Phase wo . . . ihre . . . ihre Väter das wohl schon voraus gesehen haben . . . sie hatten mir erzählt, er wär . . . der Hugo Streit wär zusammen mit dem einen Geschäftsführer nach Berlin gefahren und wollte das verkaufen . . . das Kino. Können sie darüber was sagen? Rolf Arno Streit: “Ja mein Vater . . . Hugo Streit ist mit Romahn . . . der damals . . . Prokurist gewesen ist, von den Schauburgen nach Berlin gefahren, um mit der Ufa zu verhandeln . . . k . . . önnen wir mal einen Augenblick Schluß machen? ..zu Carl Heinz:. Weshalb ist Papa nach Berlin gefahren? Achso ja . . . kann ich weitermachen . . . Mein Vater ist mit Romahn nach Berlin gefahren, um mit der Ufa . . . (lauter LKW) um mit der Ufa zwecks Verkauf zu verhandeln, die Ufa war interessiert daran, die Kinos zu übernehmen . . . in dieser . . . selben Zeit . . . in diesem selben Zeitabschnitt starb Hermann Urich Sass . . . und Romahn wurde benachrichtigt von dem Tode von Hermann Urich Sass . . . aber sollte nicht stören . . . störend auf die Verhandlungen meines Vaters mit der Ufa wirken . . . Das geschah aber doch aus irgendeinem Grunde, der mir entfallen ist . . . ich glaube durch die Zeitung . . . ich weiß es nicht genau . . . und mein Vater hat die Verhandlungen abbrechen müssen . . . daraus ist nichts . . . leider nichts geworden“. Frage: Das ist ein historisches Datum in zweierlei Hinsicht. Am 27. Januar starb Hermann Urich Sass und am 30. Januar . . . wurde er beerdigt . . . Rolf Arno Streit: „Am 30 . . . wurde Hermann Urich Sass beerdigt, das war an dem Tag als Hitler zum Reichkanzler ausgerufen wurde . . . von Hindenburg . . . später wurde er der sogenannte Fü . . . Führer im möchte lieber sagen Verführer, denn er hat die ganze Welt verführt und sechs Millionen Juden ermordet . . . aber das gehört nicht zu . . . (LKW Geräusch) . . . Soll ich wiederholen. Anfangen mit Hermann Urich Sass, das er starb?“ Frager: Ja Rolf Arno Streit: Mein Vater war mit Romahn dem Prokuristen des Henschel Konzerns in Berlin um mit der Ufa zwecks Verkauf der Kinos zu verhandeln. Während der Verhandlungen ist Hermann Urich Sass gestorben. Das sollte meinem Vater aber nicht mitgeteilt werden, um die Verhandlungen nicht . . . mit der Ufa nicht zu stören . . . und Romahn wurde benachrichtigt, aber er konnte es leider nicht verschweigen, wahrscheinlich hat mein Vater es aus der Zeitung erfahren . . . und ist dann zurückgekommen und die Verhandlungen wurden abgebrochen . . . inzwischen ist der Nazismus weiter gegangen, die Theater wurden weiter geschädigt und die Ufa war nicht mehr interessiert an einem Kauf der Kinos . . . . Später wurde mein Vater gezwungen die . . . nein später wurde eine Kommanditgesellschaft gegründet . . . in dem mein Vater der alleinige Gesellschafter war und die Kommanditisten die Erben des verstorbenen Hermann Urich Sass . . . Später wurde mein Vater gezwungen, die Sachen zu verkaufen . . . oder zu realisiseren, damit . . . die Kinos . . . wie heisst das auf gut deutsch? (An Carl Heinz Streit ) Carl Heinz: “arisiert“. Rolf Arno Streit: “Arisiert worden sind . . . arisiert wurden“. Carl Heinz Streit: “Gleichschalter wurden eingesetzt“ Rolf Arno Streit: “Gleichschalter wurden eingesetzt, das waren Romahn und Schümann . . . die nachher als die Inhaber des Henschel Film und Theaterkonzerns fungierten. Gezahlt haben sie nichts dafür. Dafür hat schon die Partei gesorgt, daß den Juden kein Geld zugefügt worden ist. Und wenn . . . das entsinne ich nicht . . . .ein ganz kleiner . . . Betrag . . . der überhaupt nicht . . . dem Unternehmen entsprach . . . ” Frage: Die Schauburg Lichtspieltheatergesellschaft Romahn und Schümann GmbH . . . wurde ja 1933 schon gegründet mit 20.000,– RM. Nun hab ich mich so gefragt, wie kann man denn mit 20.000,– RM ein Gebäude übernehmen das schon allein 500.000,–RM gekostet hat? Rolf Arno Streit: „Ich glaube sie irren, das war nicht 1930, sondern . . . 1934 oder 1935 . . . Das war nicht 1930. 1930 gehörte doch der Henschel Film und Theater Konzern . . . Frage: Nee 1933 . . . Rolf Arno Streit: Ja 1933 . . . gehörte der Henschel Film und Theater Konzern . . . wurde der Henschel Film und Theater Konzern . . . nach dem Tode von Hermann Urich Sass . . . in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt . . . wie ich bereits beschrieben hatte . . . gesagt hatte . . . Aber ich glaube . . . die Gesellschaft Romahn und Schümann wurde gegründet . . . 1935 . . . oder 1936 . . . das war nicht 1930. Frage: Also ich hab nur die Handelsregister Eintragung und danach ist es schon 1933 passiert. Die Gründung selber und die Eintragung ins Handelsregister. Der Widerspruch ist nur der, das man mit so wenig Grundkapital . . . sag ich mal . . . mit 20.000,– RM so teure Kinos dann später übernehmen kann . . . Rolf Arno Streit: “Ja das weiß ich nicht ganz genau, wie die Sachen gewesen sind, ich weiß nur, daß Romahn und Schümann, die ja kein Geld hatten . . . die erste Zeit meinem Vater Zuwendungen gemacht hatten. Das wurde auch von den Nazis so vorgeschrieben, daß die Juden . . . eben die Geschäfte übergeben mußten, das war ein Zwang . . . es lag ein Zwang dahinter . . . ich glaube nicht . . . daß man . . . das Romahn und Schümann . . . ich weiß das Romahn und Schümann kein Geld hatten um das Unternehmen zu kaufen . . . Deshalb ist vielleicht die Eintragung gewesen . . . 20.000 Mark . . . das war eine Schein . . . eine Schein . . . wie nennt man das auf Deutsch? . . . .Eine Schein . . . Sache.“ Frage(An Carl Heinz Streit) Sie haben ja noch in Berlin lange im Filmverleih gearbeitet? Können sie darüber noch was sagen? Carl Heinz Streit: „Ja ich hab bei der Universal Films gearbeitet . . . wo ich nachher . . . in Brasilien auch angestellt wurde.“ Frage: Universal ist ja eine amerikanische Firma, hat die auch . . . Juden entlassen schon . . . zu der Zeit oder . . . Carl Heinz Streit: Es war eine vollkommen amerikanische Firma und der Präsident seinerzeit, als ich anfing bei der Universal war Carl Laemmle . . . das war ja auch ein Jude . . . die waren in ganz Südamerika . . . in ganz Südamerika vertreten durch den Direktor . . . der vorher in Deutschland . . . Direktor für ganz Europa war . . . Al Szeckler * . . . und als ich in Rio de Janeiro ankam, hat der mich sofort angestellt . . . bei der Universal Films . . . da hab ich gearbeitet als . . . zuerst als Buchhalter, nachher wurde ich versetzt nach Belo Horizonte . . . wo ich die Filiale geleitet habe . . . als Direktor für den Staat Minas Gerais und da hab ich lange gearbeitet . . . zweiunddreissig Jahre . . . in der Universal Films“. Frage: Kommen wir noch mal zurück zu der Zeit . . . sie sind ja aus Deutschland . . . mußten aus Deutschland flüchten . . . das sie mal erzählen, wann das war und wie das so im Einzelnen vor sich gegangen ist. Carl Heinz Streit: “Wir sind 1936 ausgewandert. Sind zuerst in Rio de Janeiro angekommen und von da aus nach Buenos Aires gegangen . . . aber uns gefiel Rio de Janeiro viel besser als Buenos Aires . . . (Lkw Geräusche) . . . willst du nichts erzählen von Sass . . . Hilde Streit: “ . . . das der gestohlen hat . . . Carl Heinz Streit: ” . . brauchst ja keinen Namen zu nennen . . . sind einem Betrüger in die Hände gefallen“ . . . Carl Heinz Streit: “Das gehört nicht dazu“. LKW Geräusche . . . Frage: Können wir gerne haben. Können ja von irgend einem Mann erzählen . . .Hilde Streit: “Der lebt vielleicht gar nicht mehr” Carl Heinz Streit: “Wo sind wir nun?” Frage: Wir sind noch gar nicht ausgewandert. Sie sind immer schon in Argentinien, aber wir sind eigentlich noch in Deutschland. Carl Heinz Streit: “Naja denn wollen wir noch mal. Also wir sind 1933 ausgewandert . . . mit der . .wir sind nach Brasilien gekommen mit der Monte Pascia (?Schreibweise). Rolf Arno Streit: “Wir sind nicht 1933 ausgewandert.“ Carl Heinz Streit Hilde Streit: “1936 . . . 1936 sind wir ausgewandert . . . sind in Brasilien angekommen . . . sind ungefähr einen Monat in Rio de Janeiro geblieben . . . von da aus nach Argentinien Buenos Aires . . . aber uns gefiel Rio de Janeiro bedeutend besser. Sind wir also . . . nach Brasilien zurückgekommen und . . . da wurde ich sofort angestellt bei der Universal . . . wo der der Direktor der vorjährige Direktor für Europa war . . . Al Seckler . . . da hab ich . . . hab ich ca 40 Jahre gearbeitet bei der Universal.“ Frage: Wie war das.? Das war ja nicht ganz einfach ein Einreisevisum für diese Länder zu bekommen: Rolf Arno Streit: “Ja die Sache war die . . . man hat sich immer den Kopf zerbrochen wohin . . . denn wir wollten und konnten nicht in Deutschland bleiben . . . unter der Naziherrschaft und da kam dann ein Mann zu uns und sagte, er könnte uns Geld rüberbringen nach (lacht) Brasilien und . . . ich will diese ganze Geschichte nicht genau auslegen . . . denn die ist vergessen . . . relativ . . . und auf jeden Fall haben wir das Geld . . . was unser Vater uns gegeben hat . . . nicht ausgezahlt bekommen . . . in Brasilien . . . und der Mann hat dann gesagt . . . das ist versehentlich nach Argentinien überwiesen worden . . . dann sind wir dann alle zusammen nach Argentinien gefahren, wo er dann auch immer wieder die Ausrede hatte . . . es ist noch nicht angekommen. Wir waren vielleicht zwei drei Wochen . . . vier Wochen in Argentinien . . . und da bis dahin das Geld nicht überwiesen wurde . . . wußten wir dass wir einem Betrüger in die Hände gefallen sind. Uns gefiel Rio . . . wie eben schon beschrieben von meinem Bruder . . . uns gefiel Rio besser . . . und deshalb sind wir nach Rio abgefahren und von Rio aus haben wir dann dem Man geschrieben . . . wie das nun ist mit dem Geld . . . daraufhin antwortete er . . . wenn ihr noch mal über die Geschichte fragt oder überhaupt schreibt . . . dann wißt ihr ja, daß ihr noch Eltern in Deutschland habt . . . an die ich mich rächen könnte.” Frage: Sie waren ja schon in Holland, wenn ich das so richtig entsonnen habe und haben ihr Frau nachgeholt nach Holland zum heiraten und haben dadurch das Visum bekommen. Können sie das noch mal erzählen?“ Rolf Arno Streit: “Ja die Sache war folgende. Ich habe meiner Frau die Ehe versprochen, bevor ich Deutschland verließ und wir sind damals nur als . . . als Touristen . . . mit einem Touristenvisum in Brasilien angekommen für die Zeit von einigen Wochen, wir blieben da ungefähr ein halbes Jahr und es war nicht möglich eine Legalisation zu erwirken aus verschiedenen Gründen . . . die mir entfallen sind . . . auf jeden Fall . . . habe ich dann meinem Onkel (Anmerkung 2014: Dr. Isidor Kahn, verheiratet mit Bianca Kahn geb. Henschel, einer Tochter von Jeremias Henschel, Wohnort Den Haag), der Konsul von Portugal war und in Holland lebte geschrieben, ob er mir helfen kann. Er sagte mir ja . . . er schrieb mir ja, das kann ich machen . . . aber du musst selbst hier herüberkommen, dann wird alles erledigt. Naja ich will nicht weiter darüber reden . . . dass nichts erledigt wurde. (lacht) aber es kam ein Freund meiner Eltern nach Holland um zu hören . . . wie es in Brasilien aussieht, denn er hatte ein Einreisevisum von Brasilien bekommen in Antwerpen von dem Generalkonsul von Brasilien . . . und da hab ich ihn gefragt . . . wie haben sie das gemacht . . . da sagt er einen ganz kleinen Betrag hat er eingezahlt was er in Brasilien wiederbekommen würde und dadurch hat er das sogenannte Kapitalistenvisum bekommen und . . . ist reingekommen . . . und ich hab mir sehr bedankt bei diesem Mann, denn ich bin zwei Tage später nach Antwerpen gefahren und hab dort den Vizekonsul nach dem . . . nach diesem Kapitalistenvisum gefragt und der hat mir dann den Rat gegeben zu heiraten wieder hinzukommen und er würde mir dann das Kapitalistenvisum geben.
Also meine Frau ist dann nach Holland gekommen zusammen mit meinen Eltern und ihren Eltern und da wurde geheiratet in Holland . . . in Haag . . . übrigens wo auch die Prinzessin Juliana geheiratet hat . . . aber das nur nebenbei . . . auf jeden Fall sind wir dann zwei drei Tage später nach Antwerpen gefahren um das Visum zu erhalten aber der Vizekonsul sagt mir . . . es tut mir furchtbar Leid . . . ich kann ihnen das Visum nicht mehr geben, denn es kommt kein Mensch mehr nach Brasilien rein . . . kein Deutscher . . . oder kein Jude ich weiß das nicht mehr genau . . . Hilde Streit: kein Deutscher. . . auf jeden Fall . . . ein Deutscher nicht wahr . . . es war gesperrt . . . vom Außenministerium . . . da hab ich zu dem Vizekonsul gesagt . . . hören sie mal zu ich bin da in einer fürchterlichen Lage, ich kann in Holland nicht bleiben, ich kann nicht nach Deutschland rein, wo ich sofort ins Konzentrationslager gekommen wäre, also was soll ich machen . . . er sagte, ich kann ihnen leider nicht helfen . . . da sagte ich dann . . . kam ich auf die gute Idee und bat ihn mich vorzustellen dem Generalkonsul . . . was geschah . . . dem Generalkonsul habe ich meine Geschichte erzählt . . . und dieser gute Mann hat uns glücklicherweise das Kapitalistenvisum gegeben zusammen mit einem Brief ans Aussenministerium und mir eine Kopie übergeben von diesem Brief . . . in dem unsere Geschichte beschrieben wurde . . . das er keine andere Möglichkeit hatte, als mir das Visum gegen die Anordnung des Ida Maraties (Schreibweise ?) . . . also des Aussenministeriums zu erteilen . . . Aber die brauchte ich nicht, denn wir sind glatt in Rio angekommen . . . Somit fing unsere Geschichte in Brasilien an. Frage: Sie hatten mir gesagt . . . es hätte auch so die Möglichkeit gegeben, daß sie mit einer Ausnahmegenehmigung nach Deutschland für drei Tage fahren und hatten dafür einen bestimmten Ausdruck genannt. Können sie das noch mal erzählen? Rolf Arno Streit: ”Das ist ein . . . ich weiß nicht mehr genau wie das hieß . . . auf jeden Fall war das . . . wurde das Leuten . . . auch Juden erteilt . . . (lautes LKW Geräusch) . . . Frage: Einfach noch mal von vorne . . . diese Ausnahmegenehmigung . . . Rolf Arno Streit: “Diese Einreisegenehmigung für zweidreivier Tagen wurde Juden auch gegeben, um zum Beispiel die Eltern zu beerdigen oder irgend welche . . . aus irgendwelchen Anlässen und diese hab ich mir auch erhofft zu erhalten . . . aber hab sie nicht erhalten . . . bin von dem Konsul in Amsterdam (Hilde flüstert vor: gewarnt worden . . . gewarnt worden) . . . nicht gewarnt worden . . . erstmal rübergerufen worden . . . da hat er mir dann gesagt . . . das es leider nicht möglich ist . . . ich soll . . . die Einreisegenehmigung ist nicht bewilligt worden . . . und da hab ich gesagt zu ihm . . . das könnten sie mir doch auch am Telefon gesagt haben . . . und darauf hin gab er mir keine Antwort . . . also ich bin wech gegangen . . . verärgert . . . und er ist mir nachgelaufen . . . der Konsul . . . Hilde: das war ja deutscher Boden, nech . . . das Konsulat . . . Rolf Arno Streit: „Konsulat war Deutscher Boden . . . da kam der . . . da kam mir der Konsul nachgelaufen ich soll um gotteswillen nicht nach Deutschland einwandern ohne diese Genehmigung, denn ich käme sofort ins Konzentrationslager . . . na daraufhin haben wir dann in Holland geheiratet . . . wie ich schon gesagt habe . . . ” Frage: Hätte man denn mit dieser Genehmigung den Nazis eigentlich trauen können? Rolf Arno Streit: “Das kann ich ihnen nicht sagen (lacht), weil ich das nicht erlebt habe . . . aber ich weiß von Leuten, die rübergegangen sind und wieder rausgekommen sind . . . zwei drei Tage um Eltern zu beerdigen . . . oder irgendwas, aber ich hätte es gewagt, wenn ich das bekommen hätte. In Deutschland geheiratet zu haben . . . wäre für mich einfacher gewesen . . . als in Holland . . . bei meiner Tante, bei der ich gelebt habe. Frage: Sie sind dann zu dritt aufm Dampfer von Amsterdam ? oder von Antwerpen . . . Hilde Streit: zu zweit zu zweit . . . Rolf Arno Streit: “Zu zweit sind wir gefahren . . . denn mein Bruder war ja schon hier. Carl Heinz Streit: ”Ich war ja drüben geblieben.“ Rolf Arno Streit: “Wir sind gefahren mit einem deutschen Dampfer . . . mein Vater hat uns eine Passage geschenkt mit der Monte . . . sie cerra campus (Schreibweise ?) Rolf Arno Streit: „ si cerra campus war das auch nicht . . . Hilde Streit: Nee das war ein sehr schönes Schiff . . . das war das schönste an der ganzen Reise . . . Rolf Arno Streit: „Cap Norte . . . das war die Cap . . . Cap Norte . . . das war die Cap . . . wir sind mit der Cap Norte wieder nach Brasilien gefahren.“ Frage: Nen Hamburg Süd Schiff ne?Rolf Arno Streit: “Hamburg Süd Schiff“ Hilde Streit: „Das schönste von der ganzen Reise .“
Rolf
Arno Streit: “Das war ein
Schwesternschiff der Cap Polonio . . . und dann sind wir drüben
abgekommen . . . wieder hier in Rio . . . und dann ging die Arbeit
los . . . das war nicht einfach . . . ich persönlich habe Klavier
gespielt abends für eine . . . für einen Club . . . nicht jeden
Abend aber Sonnabend und Sonntag auf jeden Fall . . . und einmal die
Woche und dann hab ich eine Anstellung bekommen als Aufseher in einer
Eimerfabrik . . . da waren Ratten . . . die Eimer wurden teilweise
gemacht aus . . . Hilde Streit: Marmeladen . . . Marmeladendosen . .
. also großen Marmeladengefässen und die Ratten, die haben sich
dabei . . . davon . . . dadurch ernährt . . . aber wenn die
Maschinen zur Mittagszeit abgestellt wurden . . . dann liefen
mir die Ratten über die Füsse . . . (lacht) . . . das entspricht
der Wirklichkeit . . . aber ich bin dort geblieben . . . einige
Monate, bis ich dann den Entschluß gefasst habe, wieder
rüberzufahren . . . nach Europa . . . also nach Holland, um zu
heiraten . . . weil ich immer meine Versprechungen im Leben gehalten
habe und so auch diese . . . nun sind wir sehr glücklich verheiratet
schon über 50 Jahre . . .
Rolf
Arno Streit: “Wir haben schon unsere goldene Hochzeit hinter
uns und sind schon dreiundfünfzig Jahre verheiratet. Gottseidank
geht es uns heute gut . . . wir sind glücklich . . . wir haben zwei
Kinder . . . leider ist eine gestorben . . . ..
Pause
Kassettenwechsel
Rolf Arno Streit: “Mein Vater und mein Onkel betrieben auch die Scala am Schulterblatt, das war ein Tanzlokal . . . das größte Tanzlokal von Hamburg . . . dazu gehörten auch die . . . das eine Ballhaus Filmzauber und ein Ballhaus Uhu und noch andere, die mir entfallen sind . . . auf jeden Fall war das ein Zweigunternehmen von den Schauburgen . . . Frage: Sind sie da mit ihrer Frau auch Tanzen gewesen? Hilde Streit: “Ne wir waren . . . da waren wir noch gar nicht verheiratet.”Frage: Man kann ja auch tanzen, ohne verheiratet zu sein. Rolf Arno Streit: “Wir haben uns da sehr gut amüsiert . . . als junge Leute . . . aber mit meiner Frau war ich nie da, denn da . . . damals war das schon nicht mehr möglich . . . ich glaube, die sind auch später abgestossen worden . . . das entsinne ich aber nicht mehr genau. Auf jeden Fall haben wir jungen Leute uns sehr gut da in der Scala amüsiert. Obwohl wir noch nicht achtzehn Jahre alt waren . . . und eines Tages . . . fällt mir grade ein sind wir . . . bin ich mit verschiedenen Freunden dahin gegangen und da sagte ein Mann von der Kapelle, es kommt Jung-Jerusalem . . . und das hat der Freund mir wiedererzählt . . . ich sag, was hat er gesagt? Jung-Jerusalem . . . also Antisemitismus . . . das war vor der Nazi Zeit . . . da kam dann mein Onkel Hermann Urich-Sass hinein und dem hab ich das erzählt . . . der ist dann raufgegangen zur Kapelle hat gesagt wer hat gesagt ist Jung Jerusalem . . . .da wollte sich erst keiner melden und da hat er gesagt, ich entlasse die ganze Kapelle, wenn ich nicht sofort weiß, wer das gesagt hat. Da hat er sich gemeldet. Und den hat er sofort rausgeschmissen. Der ist dann zu Gericht gegangen und wollte sein Gehalt haben . . . das nicht bezahlt worden ist . . . da musste ich als Zeuge . . . vor Gericht treten um zu beweisen . . . also um zu . . . auszusagen . . . um auszusagen, daß er das gesagt hatte und er hat es auch zugegeben . . . aber er wollte sein Gehalt haben . . . da hat der Richter gesagt . . . er entschuldigte sich damit . . . er wollte einen Spaß machen , . . . da hat der Richter gesagt . . . wenn sie einen Spaß machen wollten . . . dann müssen sie auch die Konsequenzen dafür bezahlen . . . und wir haben den Prozess gewonnen. Hilde Streit: ”Aber denn hat er gesagt, wie alt du bist“ . . . Rolf Arno Streit: „Dann fragte er mich noch, wie alt ich bin, da hab ich mein Alter gesagt, sechzehn Jahre oder fünfzehn Jahre . . . sechzehn Jahre war ich wohl und da sagt er . . . ja dagegen ist doch die Oberschulbehörde wahrscheinlich angegangen, dass sie mit sechzehn (lacht) Jahren sich schon in solchen Lokalen aufhalten. Dann habe ich zu ihm gesagt, ich bin geschickt worden von meinem Vater . . . (lacht) der der Inhaber der Scala war, um nachzusehen, ob da alles in Ordnung ist. Hilde Streit: ” . . . der hat davon gar nicht gewußt” Rolf Arno Streit:” . . . mein Vater aber wußte gar nichts davon, denn er war sehr strenge . . . im Gegensatz zu Hermann, der viel mehr Verständnis für solche Angelegenheiten hatte (lacht)..und..ich weiß nicht mehr genau, wie das ausgelaufen ist . . . auf jeden Fall mein Vater hat mich nicht bestraft, weil wir ja den Prozess gewonnen haben . . . Ja das war alles, was ich über die Tanzlokale berichten kann . . . da war glaub ich noch ein Lokal Filmzauber und auch der Faun . . . der hatte den selben Eingang . . . also Nebeneingang . . . vom Lessing Theater . . . da waren sie auch . . . der war auch . . . der gehörte auch zu den sogenannten Freudenhäusern . . . Frage: (an Carl Heinz Streit) Wissen sie noch was aus ihrer Jugend, was da so berichtenswert wäre? Carl Heinz Streit: “Mit der Scala möchte ich noch bemerken, daß . . . und abends in die Scala war das Wort, das sie gebraucht haben als Propaganda . . . das ist . . . die Scala bestand auch in Berlin . . . die Berliner . . . sind dagegen an gegangen und da haben sie es umbenannt. Anstatt und abends in die Scala und wieder in die Scala . . . .aber sonst aus Berlin wüßte ich nichts mehr zu berichten”. Frage: Mußten sie nun auf den jüngeren Bruder immer aufpassen? Carl Heinz Streit: “Nein (lacht) ich war in Berlin und er hat in Hamburg gelebt . . . ne ganze Zeit lang.”Frage: Ja aber vorher doch Carl Heinz Streit: “Vorher? nein wir haben uns immer sehr gut verstanden” Rolf Arno Streit: “Ich hätte mir auch nicht reinreden lassen von meinem älteren Bruder . . . aber wie mein Bruder eben gesagt hat . . . betont hat . . . wir waren immer nicht nur Brüder sondern auch Freunde und haben alles gemeinsam erlebt und . . . ” Frage: Sie hatten mir erzählt, sie waren dann später bei zwei Konkurrenzfirmen ja eigentlich eingestellt als . . . Rolf Arno Streit: “Also ich war bei der Columbia angestellt als Direktor für . . . für den Staat Minas Gerais und hab dort gearbeitet etwa 14 Jahre . . . da wurde mir ein Angebot gemacht von der United Artists mit höherem Gehalt . . . zu United Artists gegangen “(lauter LKW) . . . Frage: Ich glaub, das müssen wir ganz nochmal haben . . . das müssen wir noch mal von vorn haben. Rolf Arno Streit: “Also ich war circa 14 Jahre Direktor bei der Columbia . . . Columbia Pictures of Brazil . . . für Minas Gerais . . . später war ich Direktor bei der United Artists . . . auch für Minas Gerais . . . weil sie mir ein größeres Gehalt geboten hatten . . . und daraufhin bin ich dann . . . in eine Firma . . . zu einer Firma gegangen, die brasilianische Filme vertrieben hat . . . Sie sind zu mir gekommen und haben mich gebeten, die Sache zu übernehmen, was ich auch getan hab . . . weil ich dort etwas mehr verdient habe . . . ich bin immer nach . . . ich war immer ein guter Rechner . . . so ist es mir auch diesmal passiert. . . Frage: (an Carl Heinz Streit) Sie waren in der gleichen Zeit auch bei der Konkurrenzfirma . . . sie haben sich doch wahrscheinlich mit ihrem Bruder immer um die Kinotermine streiten müssen, wer nun die besten Kinotermine bekommen hat . . . Carl Heinz Streit: Nein . . . der Hauptkunde hier in Belo Horizonte . . . Hilde Streit (über den LKW Lärm . . . Jetzt gehts los, jetzt kommen die alle zurück. Dies ist hier an sich ruhiger, denn dahinten wohnen die armen Leute, die haben alle keine Autos . . . ” Carl Heinz Streit: ”Nein wir haben uns immer sehr gut verstanden und der Hauptkunde hier in Belo Horizonte war die Cineteatro Minas Gerais, der Hauptinhaber ist ein gewisser Luciano . . . gewesen, der vor kurzem . . . vor vier Wochen gestorben ist . . . ist der . . . einer der reichsten Männer der Welt . . . der Welt nicht, von Brasilien. . . man schätzt ihn auf über drei Billionen Dollar . . . die er hinterlassen hat . . . aber er hat auch . . . man sagt ihm nach . . . er hätte noch dreissig uneheliche Kinder . . . Hilde Streit: ”Die streiten sich nun alle mit den ehelichen”. Carl Heinz Streit: ”Ja ja . . . ehelichen sind zwei Kinder und eine . . . ein angenommenes Kind . . . also drei haben das Hauptrecht, die kriegen schon den . . . die . . . Departe . . . ” Hilde Streit: “Teil den Teil der Mutter, die vor drei Jahren ungefähr gestorben ist . . . ” Frage: (zu Carl Heinz Streit) Können sie noch mal sagen, bei welcher Firma sie im Verleih tätig waren. Carl Heinz Streit: “Bei der Universal Pictures . . . die hat hier gehiessen Universal Film SA . . . da war der Konzern von Carl Laemmle. Carl Laemmle war . . . die Universal Pictures in den Staaten die ausserdem das größte Atelier in Los Angeles haben . . . ich glaub, sie haben das selbst gesehen, das Atelier . . . es war das größte der ganzen Welt . . . ” Rolf Arno Streit: “Also bei den Filmfirmen war das so das jedes Jahr eine neue Produktion herauskam. Bei der Columbia waren es meistens so etwa fünfzig Filme, die die Filmtheaterbesitzer . . . haben abnehmen müssen. Es wurde dann zur Hauptsache mit Festpreisen gemacht und immer zweidrei Filme prozentual vermietet. Das heisst die Filmfirma war beteiligt an dem Umsatz der Theater mit fünfzig . . . sogar sechzig Prozent . . . oder ein Film wie zum Beispiel ich komm nicht mehr auf den Namen . . . auf jeden Fall Großfilme (Hundegebell) wurden auch vermietet bis zu siebzig Prozent. Das war natürlich Wucherei, aber die Leute konnten nicht anders, sie mußten es machen . . . da hat da . . . zu diesem Zweck haben wir Fiskale geschickt . . . Fiskale . . . die Übersetzung sind . . . Schrecker ? Hilde Streit: Fiskale ist auf der ganzen Welt . . . ist das richtig . . . nein Kontrolleure . . . Kontrolleure das ist es . . . die haben mit einer Zahluhr die Zahl der Besucher feststellen . . . und das war immer ne sehr unangenehme Sache, denn die . . . naja ich will darüber lieber nicht sprechen . . . es hat keinen Zweck . . . auf jeden Fall haben die Kompanien sehr gut verdient, sowohl an den Filmen, die zu Festpreisen vermietet wurden oder eben prozentual . . . das war unser Hauptberuf . . . die Festpreise festzusetzen . . . denn es gab Kinos . . . die hatten fünfhundert Plätze und wenig Einwohner und im Gegensatz zu anderen großen . . . die hatten eben viel mehr Besucher . . . und da wurden die Festpreise natürlich viel höher . . . gemacht . . . Haben sie sonst noch irgendwelche Fragen zu stellen? Frage: Ja, wie viele Kinos im Bereich waren. Rolf Arno Streit: “Es waren wohl . . . nicht Kinos . . . Plätze meinen sie . . . also Städte . . . Städte ja . . . das waren so annähernd hundert Städte, die wir von Minas Gerais . . . bearbeiten mußten . Carl Heinz Streit: “Ich glaub es waren mehr sogar”. Hilde Streit: ”Hunderzwei.” Carl Heinz Streit: “Es waren so hundertundsechzig meiner Ansicht nach“. Frage: Und wieviel Kinos gab es so in jeder Stadt? Kann man das so . . . Carl Heinz Streit: In den kleinen Städten ein Kino. Rolf Arno Streit: “Wenn es zwei gab, dann wurde uns . . . viel . . . das sehr erleichtert . . . denn wenn der eine nicht zahlen wollte, dann ist man zum anderen gegangen und der hat dann überboten und der hat dann die Filme bekommen. Frage: Kann man sagen, daß es ungefähr zwei bis dreihundert Kinos . . . Carl Heinz Streit:” . . . In Minas Gerais? viel mehr . . . ”Rolf Arno Streit: “Sogar in . . . nur in Belo Horizonte gab es so annähernd . . . Carl Heinz Streit: “zwanzig . . . ”Rolf Arno Streit:” . . . zwanzig bis fünfundzwanzig Kinos . . . das ist Minas Gerais der zweitgrößte Staat von Brasilien . . . ich möchte sagen . . . das es so groß war . . . so groß ist wie Deutschland . . . Hilde Streit: “Größer . . . ” Carl Heinz Streit: “Ich glaube noch größer”. Frage: Die Bundesrepublik hat heute noch . . . ich glaube noch 3100 Kinos . . . wieviel? dreitausendeinhundert . . . in Deutschland? . . . Ja jetzt . . . in der Bundesrepublik. Rolf Arno Streit: ”Ja also ich kann es nicht genau sagen, wieviel es hier gibt, aber sicherlich nicht dreitausend . . . aber vielleicht sogar dreivierhundert . . . ich weiß es nicht genau, die wir zu bearbeiten hatten, ich sprech nicht von Brasilien sondern von nur vom Staate Minas Gerais . . . ” Frage: Sie sind nach dem Kriege 1952 wieder nach Deutschland gekommen um die Wiedergutmachung durchzusetzen. Können sie da mal nen bißchen was erzählen, wie das so passiert ist alles . .
Rolf Arno Streit: “Nein ich bin das erste Mal nach Deutschland gefahren . . . geflogen . . . 1949 . . . um die Wiedergutmachung zu regulieren . . . und hab mit Romahn und Schümann ein Abkommen getroffen, das Sass . . . Urich-Sass, also die Erben Urich-Sass . . . ein Drittel von allem was vorhanden war . . . auch was sie nachher an . . . an Wohnungen gekauft haben oder . . . gebaut haben . . . und ein Drittel Hugo Streit . . . die Familie und ein Drittel Romahn und Schümann zusammen. Das war eine aussergerichtliche Einigung . . . wenn sie das nicht gemacht hätten, dann wäre ich natürlich zu Gerichtsjustiz gegangen und hätte vielleicht mehr vielleicht weniger erfahren . . . aber es war ein günstiges Abkommen für beide Teile. Denn die Romahn und Schümann haben sich meinem Vater gegenüber bei der Ausreise . . . bei seiner Auswanderung anständig gezeigt . . . sie haben ihm Zuwendungen gemacht . . . die sie nicht nötig gehabt hätten . . . und da hat mein Vater zu mir gesagt . . . wenn du rüber fährst und die Sache in Ordnung bringst . . . berücksichtige dass . . . dass sie anständig gewesen sind . . . was ich auch getan habe . . . wir hätten natürlich alles haben können . . . übernehmen können . . . aber es war schon richtig so . . . (LKW Geräusch) . . . hinzukam, daß niemand von unseren Familien wieder nach Deutschland zurück gehen wollte, um die . . . um das Unternehmen zu führen . . . deshalb hab ich das so gemacht und das war auch im Einverständnis mit meinem Vater und meinen . . . den Urich-Saß Erben geschehen. Frage. Sie haben dann auch für den Manfred Hirschel noch ein Telefongespräch mit der Klara Esslen geführt über das Waterloo Theater . . . Können sie darüber noch mal was erzählen? Rolf Arno Streit: “Ja das Waterloo Theater gehörte irgendwie Manfred Hirschel . . . der ist verheiratet gewesen mit meiner Tante . . . der Schwester meines Vaters . . . und der bat mich als ich rüberging auch mal mit der Frau Esslen, die das Kino irgendwie bekommen hatte, wie weiss ich heute nicht mehr und mich mit der zu unterhalten zwecks Wiedergutmachung und diese Frau ist mir unverschämt gekommen und da hab ich das dann meinem Onkel geschrieben, dass ich leider für ihn nichts tun kann, denn ich hab genug mit meinen Sachen zu tun und außerdem ist sie unverschämt gewesen . . . hat mir gesagt . . . vorgelogen . . . Sachen, die ich nicht glaubte und mein Onkel, der hat später selbst die Sache durchgeführt und hat auch eine Entschädigung bekommen . . . Wie die gewesen ist, weiß ich nicht . . . ” Frage: Wenn sie heute beide an Deutschland denken . . . was . . . welche Gefühle haben sie da? Rolf Arno Streit: “Es war einmal sehr schön . . . sehr schön . . . wir sind in Deutschland geboren worden, waren Deutsche und obwohl schon in früheren Zeiten . . . ein Antis . . . ein gewisser Antisemitismus herrschte . . . aber als dann die Nazis kamen . . . nicht wahr..und dann der Durchbruch des Antisemitismus gewesen ist . . . da war . . . da waren wir froh als wir draußen waren. Carl Heinz Streit: „Das was geschehen ist, das kann man nicht mehr vergessen. War zuviel und deswegen sind die meisten auch nicht wieder zurückgegangen nach Deutschland. Hilde Streit: „Nein, ich glaub, sehr wenige zurück gegangen nach Deutschland.“ Carl Heinz Streit: “Sehr wenige” Rolf Arno Streit: “Sehr wenig Leute . . . Juden sind zurückgegangen nach Deutschland. Einige, die nichts hier werden konnten sind zurückgegangen um dort Stellung zu bekommen . . . was vielleicht auch möglich gewesen war, aber die meisten sind hier geblieben, weil sie hier ihre zweite Heimat gefunden haben . . . . Hilde Streit: ”Wir sind zum Beispiel eine der wenigen, die überhaupt noch Deutsche geblieben sind, die anderen sind alle keine Deutschen mehr. Fast alle. Von unseren Bekannten bist du wir und Einsturz aus . . . ” Rolf Arno Streit: “ . . . naja aber es gibt natürlich diverse Deutsche, die wir nicht kennen, die auch Deutsche geblieben sind . . . also deutsche Juden . . . sind Deutsche geblieben. Aber wenig. Wir haben das Recht, das brasilianische Recht erworben durch unsere Anwesenheit von über fünfzig Jahren hier und wir haben ausserdem noch die Möglichkeit nach Deutschland zu reisen . . . ohne Visum und so weiter . . . Carl Heinz Streit: “Wir haben ausserdem brasilianische Kinder . . . ich persönlich bin mit einer Brasilianerin verheiratet . . . wir haben so gut wie die selben Rechte (lauter LKW) eines Brasilianers Frager: Bitte noch mal ohne LKW Carl Heinz Streit: ”Wo wo soll ich anfangen?” Hilde Streit: ”Das du ne brasilianische Frau hast . . . ne Carl Heinz Streit: ”Außerdem haben wir brasilianische Kinder und ich persönlich bin mit einer Brasilianerin verheiratet und dadurch haben wir die selben Rechte wie ein Brasilianer. Nur das wir nicht Präsident der Republica werden können . . . Präsident von Brasilien . . . Hilde Streit: “Man kann auch kein Briefträger werden. Irgend etwas kann man nicht werden, was sehr wichtig ist. Rolf Arno Streit: ”Auf jeden Fall haben wir sehr viel mit durchgemacht, besonders deswegen . . . besonders in den Jahren als meine Eltern noch nicht hier waren. Es wurde ja immer schlimmer und schlimmer und mein Vater wurde gehetzt von der Gestapo und hat sich geflüchtet auf Landstrassen und auch auf Böden von Freunden . . . Boden heisst das da oben . . . ganz oben . . . da hat er geschlafen . . . er hatte einen Bekannten bei der Gestapo war, der ihm gut gesonnen war und der hat ihm immer berichtet, wenn er weggehen müßte, denn es kam eine . . . Nazi . . . Nazi Razzia und die wollten ihn abholen . . . da ist er gottseidank . . . dem ist er gottseidank entgangen eben durch diesen Bekannten bei der Gestapo . . . wenn ich den Namen wüßte würde ich ihn sagen, um ihm nochmal zu danken für alles . . . das was er für meinen Vater getan hat . . . er wird aber gar nicht mehr leben . . . und dadurch hat mein Vater sich gerettet vor dem Konzentrationslager. Ja “(Autogeräusche) Hilde Streit: “Sonst ist es eigentlich leiser hier”. Frage: Sonst hört man es vielleicht nicht so, wenn man nicht darauf achtet. Hilde Streit: “Dann finde ich es immer leiser als bei uns”. Carl Heinz Streit: “Bei uns hinten hört man überhaupt nichts “ (Warum sind wir da damals nicht hingegangen?) Frage. Wie oft waren sie jetzt nach dem Kriege in Deutschland? Rolf Arno Streit: “Ich war nach dem Kriege sieben oder achtmal in Deutschland, fünfmal wegen der Wiedergutmachungsgeschichten und Hilde Streit: Wie oft waren wir da . . . Rolf Arno Streit: Das darfst du ja nicht sagen. Hilde Streit: „Warum nicht?“ Rolf Arno Streit: “ . . . (lacht) und flüstert . . . weil wir noch eine Einreise haben wollen.“Hilde Streit Achso.(lacht) Rolf Arno Streit: „Bringen sie das bitte nicht mit rein.(lacht)“ Hilde Streit: „Achja wir wollen ne Einreise haben“ Frage: Es gibt doch so Einladungen auch . . . Hilde Streit: „Ne Einladung vom Senat.“ Frage: Die haben gerade dieses Jahr wieder so ein Programm aufgelegt. Hilde Streit: „Ja eben, denn fahren wir wieder hin.“ Rolf Arno Streit: „Ja ich persönlich hab geschrieben, ich war schon in Deutschland . . . und deshalb würde mir das nicht . . . beschieden . . . aber meine Frau . . . die noch nicht in Deutschland war. (Hilde Streit lacht) wird . . . da meine Frau noch nicht in Deutschland war . . . “ Hilde Streit: „Das ist doch gar nicht mehr drauf.“ Rolf Arno Streit: „Natürlich ist das drauf“ Hilde Streit: „Achja.“ Frage: Wir legen das da nicht vor. Hilde Streit: „Das wird abgeschnitten.“ Rolf Arno Streit: „Da meine Frau noch nicht in Deutschland war, hoffe ich vielleicht durch sie meine neue Einreise zu bekommen.. (lacht) ich persönlich würde so gerne meine Spesen übernehmen, wenn der Senat sie für meine Frau übernimmt“ (LKW Geräusche) Frage. Über den Spesen war der LKW drüber . . . Ich sag . . . über den Spesen war der LKW drüber . . . Rolf Arno Streit: LKW ? Frage: Lastkraftwagen . . . ich weiß nicht wie sie das Dietmar Bruns: Camioao Hilde Streit: Camiao Er spricht ja perfekt Portugisiesch. Rolf Arno Streit: „Soll ich das wiederholen?“ Hilde Streit: „Lieber nicht.“ Rolf Arno Streit: „Ist schon drauf? Ajah Haben sie sonst irgendwelche Fragen zu stelle?“ Frage: Was wir vorhin ja nicht hatten, war den Eisenstein . . . das wir darüber vielleicht noch mal reden, das der Eisenstein ja mit dem Potemkin . . . in den Schauburgen gezeigt hat und das es ja bei der Ufa mehr sone . . . nationale Ausrichtung gab . . . das man so bestimmte Filme nicht mehr gezeigt hat . . . später . . . es gab später “Im Westen nichts neues” der durfte ja bei der Ufa nicht gezeigt werden und der lief dann in den Schauburgen, wissen sie darüber irgendwas noch? Rolf Arno Streit: “Im Westen nichts neues“ war wohl einer der größten Filme, der je hergestellt wurde und ich glaube, er wurde in den Schauburgen gezeigt, aber ich kann das nicht mit Bestimmtheit behaupten . . . ich entsinne, das wir den Film gesehen haben in London . . . wir sind . . . mein Vater hatte eine Einladung bekommen nach London zur Eröffnung eines . . . des größten Theaters von London . . . ich glaub es hieß Empire Palace . . . da wurde der Film “Im Westen nichts neues” “Gone with the wind” aufgeführt Hilde Streit/ Carl Heinz Streit: „Das ist “Vom Winde verweht” Rolf Arno Streit: „Ach das ist Vom Winde verweht. Wie hieß denn der im Westen nichts neues auf Englisch?“ Frage: “All quiet at.” Carl Heinz Streit: “All quiet at the on the eastern front” . . . Hilde Streit: “Und warum durfte das nicht aufgeführt werden? Frage: Das war . . . nicht national gesonnen . . . die haben behauptet das war Gegenpropaganda. Carl Heinz Streit: Remarque Remarque. Rolf Arno Streit: “Ich glaub es war der Film, vielleicht war es auch Gone with the wind . . . ich weiss es nicht. Carl Heinz Streit: „Der kam später, den haben wir in Brasilien gesehen. Hilde Streit: „Ja den haben wir in Brasilien gesehen“ Rolf Arno Streit: „Ja also es war der Film im Westen nichts neues mit dem der . . . mit dem das neue Kino in London eröffnet wurde, da sind wir rübergefahren . . . das entsinnst du noch . . . ” Frage: Ich hab noch eine ein bißchen schwierige Frage. Wie das mit dem Antisemitismus in Deutschland los ging . . . wie ist das bei ihnen gewesen . . . ich mein mehr so das religiöse . . . war das jüdische ne Religion oder war das ne bestimmte Weltanschauung oder waren sie mehr Deutsche oder . . . Rolf Arno Streit: “Wir waren mehr Deutsche als Juden. Wir sind sehr . . . frei . . . liberal erzogen worden, aber wir waren bewußte Juden . . . wir waren wie man sagt Zweitagjuden . . . wir sind nur zweimal im Jahr in die Synagoge gegangen . . . das war zum Neujahrsfest und zum Versöhnungsfest . . . Roshoshone (Schreibweise?) war das Jahresfest und Jomkippur (Schreibweise?) war das Versöhnungsfest . . . oder ist das Versöhnungsfest das auch hier gehalten wird in Brasilien. Aber wir hatten natürlich Unannehmlichkeiten . . . in Deutschland . . . ich hatte eine ziemliche Affäre wegen eines christlichen Mädchens und . . . hatte dadurch sehr große Unannehmlichkeiten . . . (LKW Geräusche) über die ich mit nicht auslassen möchte. Auf jeden Fall . . . die Nazis waren hinter mir her und ich konnte nur durch Selbstverteidigung dem Schlimmsten entziehen . . . Frage: Wie war das in der Familie ihres Großvaters . . . War das stärker oder weniger stark? Rolf Arno Streit: “Sie sprechen jetzt von der Religion, von der Religiösität? Meine Großmutter war eine sehr religöse Jüdin, mein Großvater nicht. Aber meine Großmutter hatte auch einen jüdischen Haushalt, es wurde dort nur koscher gegessen . . .Hilde Streit: „Haben sie erzählt mit dem Schweinefleisch? . . . “ Rolf Arno Streit: ” . . . ja und mein Großvater, der war sehr . . . sehr wenig religiös . . . und aß sehr gerne Schweinefleisch . . . das kam zweimal im Jahre vor . . . das meine Großmutter von Morgends bis Abends . . . eben an den gehobenen Feiertagen in der Synagoge gewesen ist . . . dann ist er schnell ins Restaurant gegangen und hat dort wunderbares Schweinefleisch gegessen . . . (lacht) Ja . . . Was wollen sie sonst wissen?” Wollt ihr ein bisschen stehen . . . Pause 31. 07. 1990
Rolf Arno Streit am Klavier: Aus Werbezwecken hat man einen Schlager gemacht, den Schauburg Schlager, der den Zuschauern . . . ne ich hab falsch gemacht, können wir noch mal machen? Ich werde ihnen jetzt den Schauburg Schlager vorspielen, der aus Werbezwecken gemacht worden ist Klavier Rolf Arno Streit singt: Kinder seid vernünftig lasst die Frau durch denn sie will noch schnell mal in die Schauburg. Klavier Ende Wiederholung Ich werde ihnen jetzt den Schauburg Schlager vorspielen, der aus Werbezwecken gemacht worden ist. Kinder seid vernünftig lasst die Frau durch, denn sie will noch schnell mal in die Schauburg Wiederholung Ich werde ihnen jetzt den Schauburg Schlager vorspielen, der aus Propagandazwecken gemacht worden ist. Kinder seid vernünftig lasst die Frau durch, denn sie will noch schnell mal in die Schauburg. Frage: Herr Streit sie hatten erzählt, als im Februar 1927 die Schauburg Millerntor eröffnet wurde da kam Henny Porten nach Hamburg, können sie das noch mal erzählen wie das war? Rolf Arno Streit: „Ja Henny Porten kam nach Hamburg um die Schauburg Millerntor zu eröffnen. Da haben wir sie abgeholt am Hauptbahnhof. Das war eine Menschenmenge unvorstellbar . . . nachher schrieben die Zeitungen, dass der Bahnhof mehr besetzt war von Menschen als bei der Ankunft von dem Reichspräsidenten Ebert. Ja und dann ist die Henny Porten . . . hat da ein paar Worte gesprochen in der Millerntor Schauburg und das war der Anfang der Schauburg.“ Frage: Wissen sie noch, wie der Film hiess in dem sie da gespielt hat? Rolf Arno Streit: Nein, das weiss ich nicht. Das weiss ich nicht. Frage: Dann sind ja auch in den Schauburgen die Filme von dem Eisenstein gezeigt worden. Können sie das noch mal erzählen? Rolf Arno Streit: „Von Eisenstein ist gezeigt worden . . . wie ich erinnere . . . der Film . . . der Film Potemkin . . . sonst wüßte ich nicht, welche Filme dort aufgeführt worden sind.“ Frage: Wollt ich noch mal nachfragen . . . es lief ja (Flugzeug) . . . es lief ja in den Schauburgen auch der erste Tonfilm . . . dieser Ton war ja nicht sehr lang. Können sie mal sagen wie das ausgehen hat? Rolf Arno Streit: “Der Film hiess “Ich küsse ihre Hand Madam” mit Harry Liedtke und Marlene Dietrich. Innerhalb des Films wurde dann das Lied gesungen . . . vom Blauen Engel ne . . . ich weiß nicht mehr genau . . . es wurde ein Lied gesungen . . . der nicht nachher wie die allgemeinen Tonfilme gespielt ist sondern durch Grammophonübertragung.“ Carl Heinz Streit: „Plattensystem Plattensystem . . . nachher kam das Optik System auf Das war der Jazzsinger mit Al Jolson.“ Frage: Wann war das? Carl Heinz Streit: „Das war gleich danach . . . ich weiss nicht mehr welches Jahr es war.“ Frage: Das war denn schon der richtige Tonfilm. Carl Heinz Streit: „Das war der richtige Tonfilm . . . der optische Tonfilm ja . . . der erste optische Tonfilm“. Frage: Das hat ja bestimmt damals auch ne Menge Geld gekostet. Wissen sie was sowas kostete . . . son Tonfilmapparatur? Carl Heinz Streit: „Die Tonfilmapparatur . . . nein das weiß ich nicht.“ Rolf Arno Streit: „Ja die waren irrsinnig teuer. Wenn . . . das war die erste Schauburg, die damit ausgerüstet . . . die . . . die Tonfilmübertragung gehabt hat.“ Carl Heinz Streit: „ Die optische.“Rolf Arno Streit: „Und dann hintereinander wurden die anderen Schauburgen auch damit . . . versehen . . . Aber wie teuer das war . . . das war ein ungeheurer . . . ungeheuer teuer . . . aber wie teuer kann ich leider nicht mehr sagen. Frage: Es gab ja lange auch einen Streit zwischen den Stummfilmleuten und den Tonfilmleuten und die Stummfilmleute haben ja immer gesagt, das wär gar keine Kunst, das wär irgendwie nur . . . irgendwas anderes. Rolf Arno Streit: „Nun naja . . . die sind mit ihrer Meinung ja nicht durch gekommen denn jetzt gibt es ja nur noch Tonfilme . . . Also das glaub ich nicht, das die damit durch gekommen sind . . . Das so etwas existiert hat, das erinner ich auch . . . aber wird naürlich sofort abgeblasen
Frage: Es gab dann noch . . . den Film ”Im Westen nichts neues” über den ersten Weltkrieg . . . ein amerikanischer Film, der in den Ufa Kinos weder synchronisiert noch gezeigt werden durfte oder sollte. Und der ist ja in den Schauburgen gelaufen . . . Können sie darüber noch mal was sagen: Rolf Arno Streit: „Ja das war ein großer Erfolg . . . aber . . . viel mehr kann ich auch nicht darüber sagen. Er wurde in den Schauburgen gespielt und das weiss ich, das erinner ich, daß mein Vater uns sagte . . . es war ein ganz großer Erfolg . . . “ Frage: Zur Premiere waren sie . . . waren sie . . . zur Premiere des Films . . . Rolf Arno Streit: „Sicher waren wir zur Premiere des Films . . . aber Einzelheiten kann ich nicht sagen . . . denn das liegt ja schon viele . . . viele Jahre zurück“. Frage: Herr Streit . . . können sie noch mal erzählen, wie sie von Rio nach Belo Horizonte gekommen . . . wann das war.Rolf Arno Streit: „Wir sind angekommen . . . das sagte ich schon im Jahre 1936 . . . mein Bruder und ich . . . Später sind meine Eltern gekommen . . . im Jahre 1938 . . . und wie bekannt ist Rio eine der heißesten Städte der Welt . . . wir haben hier im Sommer . . . Hitze . . . bis zu über 40 Grad im Schatten . . . das konnten meine Eltern nicht vertragen . . . deshalb sind wir nach Belo Horizonte übersiedelt, welches ungefähr achthundert Meter hoch liegt und dadurch . . . einen Filter . . . ein besseres Klima hat. Ich will ihnen jetzt mal kurz mal Belo Horizonte zeigen, was wir von oben hier sehen können.Hier das ist Belo Horizonte (Die sagen immer bello).“ Frage: So sah es doch 1941 bestimmt noch nicht aus . . . das war . . . Rolf Arno Streit: Das möchte ich noch mal sagen. Belo Horizonte, als wir hierher kamen 1941 . . . hat circa hundertfünfzigtausend Einwohner . . . jetzt . . . hat Belo Horizonte etwa drei Millionen Einwohner . . . also ist größer als Hamburg . . . . . . . . . . . . Pause . . . . . . Fotoansichten Carl Heinz Streit: „Dieses Foto ist aufgenommen bei dem Fotografen Bieber, der einstmals der größte Fotograf in Hamburg war. Dies ist mein Vater, dies ist mein Bruder Rolf und dies bin ich. Wie sie sehen habe ich vergessen, das Taschentuch in die Tasche zu stecken und hab dadurch von meinem Vater eine große Tadelung bekommen . . . (Wiederholung) Das hab ich ihnen dann zugedacht. Carl Heinz Streit: „Dieses hier ist die Familie Urich-Saß . . . Mein Onkel Hermann Urich-Saß, meine Tante Hedwig Urich-Saß, meine Cousine Vera . . . schon verstorben . . . mein Vetter Horst Urich-Saß und mein Vetter Jürgen Urich-Saß . . . auch schon verstorben . . . „Wiederholung Carl Heinz Streit: „Dies ist die Familie Urich-Sass . . . Das ist meine Tante Hedwig Urich-Saß . . . schon verstorben, das ist die Tochter Vera . . . auch schon verstorben . . . mein Onkel Hermann Urich-Saß verstorben . . . Jürgen Urich-Saß . . . auch verstorben . . . der einzige überlebende der Familie ist mein Vetter Horst Urich-Saß, der in Mexiko und in den Staaten lebt.“Jetzt kommt das nächste Foto Carl Heinz Streit: „Dieses sind meine Eltern, mein Vater und meine Mutter. Beide auch schon verstorben.“ Dies sind meine Großeltern Frida Henschel und Jeremias -genannt James Henschel . . .Eins ist da noch zwischen . . . ein Kinderfoto „Dies ist mein Bruder Rolf Arno Streit und dies bin ich Carl Heinz Streit . . . das ist aufgenommen vor circa . . . 70 Jahren . . . aufgenommen vor circa 70 Jahren . . . (1990) Rolf Arno Streit und Carl Heinz Streit (ca. 1920)Da war ich sieben . . . und mein Bruder 6 Jahre alt“. Etwas älter. Rolf Arno Streit: Mein Bruder ist ja ein Jahr älter als ich . . . Der Bruder oder selbst. Rolf Arno Streit: „Jein . . . mein Bruder ist ja ein Jahr älter als ich . . . der kann ja nie jünger werden . . . Gut ja . . . „Das Bild mit dem Motorrad.Aber das ist aber so klein. Geht los. Hilde Streit: „Also ich bin einmal . . . einmal in meinem Leben Motorrad gefahren hab keine Ahnung gehabt und der hinter mir gesessen hat hat immer gesagt bremsen und dann hab ich nicht gewußt, wie zu bremsen und hab immer mehr Gas gegeben . . . Frage: Das Foto ist in Hamburg aufgenommen?. Hilde Streit: „Ja ist in Hamburg aufgenommen worden . . . aber wo kann ich nicht mehr sagen —„Rolf Arno Streit: „Bebelallee ? Wie lange muß das her sein, Hansa Strasse?“ Rolf Arno Streit: Dieses Bild ist aufgenommen auf der Hochzeitsfeier von meiner Tante Grete und von dem Onkel Hermann . . . der ist vielleicht fünfundzwanzigsechsundzwanzig Jahre alt gewesen und meine Tante war ja in den zwanziger . . . Anfang zwanzig . . . sie war die Schwester meiner Mutter . . . ist leider beim ersten Kind verstorben . . . bei der Geburt des ersten Kindes . . . Dies hier ist mein Großvater James und meine Großmutter Frida . . . Dies hier ist mein Vater Hugo Streit . . . und meine Mutter Sophie Streit . . . Hier ist ein Familienbild der Familie Streit . . . das wurde aufgenommen in . . . soweit ich erinnere in den Schauburg Studien . . . es war ein Freund meines Vaters . . . der in den Schauburgen . . . in den Läden der Schauburgen Fotoateliers betrieb . . . Auf diesem Bild sehen sie die ganzen Brüder meines Vaters . . . hier mein Vater . . . hier ein Bruder Max ein Bruder Richard , Bruder Albert . . . ein Bruder John . . . das war der älteste . . . Frauen und die Kinder . . . hier ist die Schwester Grete Hirschel mit ihrem Mann . . . und hier ist noch Franz Traugott, der Prokurist meines Vater geworden ist . . . mit seiner Frau Bianca . . . die vor einigen Jahren mit neunundneunzig . . . Jahren gestorben ist . . . . Hier sind lauter . . . Frage: Den Manfred . . . ist der auch da drauf zu sehen . . . Manfred Hirschel . . . Ist der Manfred Hirschel auch da drauf zu sehen? Rolf Arno Streit: „Hier ist Manfred Hirschel . . . Dies hier ist ein Familienbild der Familie Streit.Und zwar wurde das aufgenommen . . . wenn ich mich nicht irre . . . zum siebzigsten Geburtstag meines Großvaters Jakob Streit . . . Hier sehen sie meine Eltern . . . mein Vater Hugo Streit und meine Mutter . . . hier bin ich . . . schlecht getroffen . . . hier ist Max . . . Richard . . . Albert . . . John . . . Bianca . . . und Grete . . . alles geborene Streits mit ihren Männern . . . hier sitzen die ganzen Kinder . . . also meine Cousinen und meine Cousins . . . hier ist mein Bruder noch zu sehen. ,, . . . Dies hier ist auf dem Eiffelturm . . . hier sitzt meine Mutter . . . mein Vater . . . mein Bruder Carl Heinz und ich . . . das sind die ersten langen Hosen . . . die wir in Paris von meinen Eltern geschenkt bekommen haben . . . das erinner ich noch . . . hier auf diesem Bild sehen sie meine Großeltern Frida Henschel und James Henschel . . . mit ihrer Tochter Bianca Henschel . . . aufgenommen in Wiesbaden . . . Die ist ein Familien . . . dies ist ein Bild meiner Eltern mit meiner Großmutter . . . “ LKW nochmal alles ? Frage: nur das letzte.Bild Rolf Arno Streit: „Dies ist das Bild meiner Eltern, mein Vater . . . meine Mutter . . . meine Großmutter Frida Henschel . . . und weitläufige Verwandte . . . im Hintergrund sehen sie unseren Cadillac Wagen . . . das war der erste Cadillac von Hamburg . . . und hatte Aufsehen erregt . . . hier ist noch zu sehen unser Chauffeur . . . .Ja das ist mein Vater . . . Auf diesem Bild sehen sie meinen Vater im Hintergrund ein Flugzeug . . . wo das gewesen ist, kann ich ihnen leider nicht mehr sagen .. . . dies sind meine Eltern Hugo Streit und Sophie Streit mit der Schauburg Zeitung . . . Jedes Kino . . . jedes Kino . . . also jede Schauburg hatte eine . . . hat eine . . . hat eine Zeitung bekommen . . . die gleichzeitig ein Programm von dem jeweiligen . . . Film . . . enthalten hat . . . Hier sehen sie mein Vater Hugo Streit . . . und Hermann Urich-Saß . . . sein Kompagnon . . . die beiden haben die Schauburgen und den ganzen Konzern gemeinsam aufgebaut . . . Auf diesem Bild sehen sie meine Großeltern Frida und James Henschel . . . mein Vater . . . Hugo Streit und meine Mutter Sophie Streit . . . am Europäischen . . . vor dem Europäischen Hof in Baden Baden . . . Auf diesem Bild sehen sie unser Haus in der Rothenbaumchaussee . . . im Vordergrund stehen . . . steht die Familie . . . und hier ist der Cadillac . . . noch einmal richtig zu sehen . . . .Dies ist ein Bild aufgenommen in Rio de Janeiro . . . da sind wir soweit erinnerlich nach Petropolis raufgefahren . . . dies ist meine Frau und dies bin ich . . . Rolf . . . auf diesem Bild sehen sie mein Hochzeitsbild mit meiner Frau . . . die in Holland in Haag . . . gefeiert wurde . . . weil ich seinerzeit nicht mehr nach Deutschland zurückkehren konnte . . . ohne Gefahr zu laufen ins Konzentrationslager zu . . . zu kommen. Da haben wir bei meiner Tante, die damals in Holland lebte . . . Bianca . . . unsere Hochzeit gefeiert . . . Zu der Hochzeit sind die ganzen Verwandten . . . auch meine Großeltern . . . James und Frida . . . auch meine Eltern und die Eltern meiner Frau herübergekommen . . . Tja . . . dies ist ein kleines Bild in Monte Carlo aufgenommen . . . ich ersehe daraus nur . . . mein Großvater James und meine Großmutter Frida . . . ein Moment . . . Alte Postkarte Cap Norte Dies ist ein Bild von der Cap Norte . . . das Schwesternschiff von der Cap Polonio . . . mit dem wir . . . meine Frau und ich nach der Hochzeit wieder zurückgefahren sind nach Rio . . . zurück bin nur ich gefahren . . . meine Frau habe ich aber mitgenommen . . . Hilde Streit: Dankeschön (lacht) . . . . . . Dies war auch ein Bild . . . hier ist der Betrüger drauf . . . das will ich gar nicht zeigen . . . Frage: Das ist auch von der Überfahrt. Rolf Arno Streit:“ . . . das ist auch der Betrüger drauf.“ Frage: Dann machen wir die Zwischenstation in Portugal noch. Rolf Arno Streit: Was ist das denn . . . Frage: Portugal. Rolf Arno Streit: „In Lissabon Sierra Campus . . . 1937 . . . Auf diesem Bild . . . soll ich anfangen . . . Auf diesem Bild sehen sie meine Großeltern Streit Jakob und Trude . . . .(Strassenbahngeräusche) . . . Auf diesem Bild sehen sie meine Eltern auf der Cap Polonio . . . sie besuchten uns zu jener Zeit in Rio . . . sie besuchten uns im Jahre 1937 . . . nein das kann nicht sein . . . sie sind damals aus Amerika zurück gekommen . . . ich entsinne das nicht mehr ganz genau. . . Hier sehen sie meine Eltern Hugo und Sophie Streit mit den Eltern meines Vaters Trude und Jakob Streit . . . mein Bruder Carl Heinz und ich als der jüngere . . . auf dem Bild erscheine ich der Höhe wegen als der ältere . . . aber in Wirklichkeit bin in der jüngere . . . hier auf diesem Bild sehen sie meinen Bruder mit seiner Amme . . . das bin ich . . . da . . . da arische Musiker nicht mehr für Juden spielen durften . . . spielen durften haben wir eine jüdische Kapelle gegründet . . . . den Namen Catus . . . ich war der Kapellmeister . . . dies sind alles jüdische Musiker . . . wir spielten sehr viel auf jüdischen Festen . . . privater Natur und auch . . . entsinne ich ein Henry Jones Logenball . . . Henry Jones Logenball . . . Hernry Jones Loge war eine jüddische Loge und die hat dann jedes Jahr ein großes Fest gegeben auf dem wir gespielt haben . . . Frage: Buenos Aires steht da hinten drauf. Rolf Arno Streit: Buenos Aires . . . die haben gar nichts mit uns zu tun . . . : Ja dann sind wir durch. Frage. Das ist auch schon Buenos Aires Rolf Arno Streit: „Nein das ist Travemünde. Travemünde . . . Ah ja . . . (Hundegebell im Hintergrund) Rolf Arno Streit: „Auf diesem Bild sehen sie wie die Menschen früher am Strand angezogen waren. Dieses Bild zeigt den Strand von Travemünde. Mein Vater im Badeanzug meine Mutter in der Badeho . . . anzug. Mein Onkel . . . alle gut gekleidet . . . hier bin ich und hier ist mein Bruder Carl Heinz Das ist 19 . . . und etwa 1913 gewesen . . . so ging man an den Strand . . . ne eben nicht . . . ich hab mich geirrt . . . es waren keine Badeanzüge . . . es waren Anzüge mit steifen Kragen . . . Eckenkragen . . . meine Mutter in einem eleganten Sommerkleid . . . mit Hut und die Amme hier mit dicken Brüsten zu sehen. Frage: Und das andere Foto . . . können wir das noch sehen?Rolf Arno Streit: „Hier sehen sie wiederum am Strand von Travemünde die ganze Familie in ihren besten Kleidungsstücken . . . „Frage. Da waren laute Kinder, wollen wir das noch mal haben ja einmal Rolf Arno Streit: „Auf diesem Bild sehen sie die ganze Familie wie sie damals vor circa achtzig Jahren am Strand von Travemünde . . . erschienen.“ Hilde Streit: „Jetzt wenn sie in Rio sehen . . . wie die Leute da schwimmen . . . „Frage: Ich glaube, das genügt auch. Ist es alles schön Herr Kameramann? Brasilianisch wird jetzt geredet. Die Fragen stellte Jens Meyer, Kamera hat Dietmar Bruns gemacht
Das
Interview mit Rolf Arno Streit, Hilde Streit und Carl Heinz Streit
fand am 30. und 31. Juli 1990 in Belo Horizonte, Brasilien statt.
Rolf Arno und Carl Heinz Streit sind die beiden Söhne des
Kinobesitzerehepaars Sophie (geb. Henschel) und Hugo
Streit, der zusammen mit seinem Kompagnon Hermann Urich Sass den
Henschel Film und Theaterkonzern leitete und besaß. Das Unternehmen
wurde in der Nazizeit enteignet (arisiert nannten die deutschen
Nazis das Verfahren). Die Nutzniesser hießen Paul Romahn und Gustav
Schümann, ehemalige Angestellte des Henschel Film und
Theaterkonzerns.
Interview Jens Meyer
Anmerkung 2017. Der Mann, der Carl Heinz Streit in Brasilien sofort angestellt hat, war Al Szekler (in dieser Schreibweise). *Al Szeklerwar Direktor der Firma Universal Film SA Brasilien. Jens Meyer 2020
Belo Horizonte 31. Juli 1990. Von links nach rechts: Carl Heinz Streit, Rolf Arno Streit und seine Ehefrau Hildegard Käthe Streit, geb. Sochaczewer, geb. am 9. August 1913, gest. 1993. Foto Jens Meyer
Belo Horizonte Brasilien 1990
Hildegard Käthe Streit, geb. Sochaczewer. geb. 9. August 1913 in Hamburg. Gest. 1993 in Belo Horizonte (Brasilien). Rolf Arno Streit. geb. 26. August 1911 in Hamburg. gest.15. Februar 1993. In Belo Horizonte. (Brasilien)
Interview
mit Rolf Arno Streit, Carl Heinz Streit, Hilde Streit am 30. Juli
1990 31 Juli 1990 in Belo Horizonte Brasilien
Protokoll
der Tonaufzeichnung
Rolf
Arno Streit: ”Mein Großvater Jeremias genannt James Henschel
war der Erste in Hamburg, der Kinos gemacht hat.
Er
ist auf folgende Weise auf diese Idee gekommen. In Paris, so hat er
gehört, gibt es einen Grammophon-Laden, dass heisst Leute konnten in
den Laden gehen , sich…….wie heisst das?… Telefone an die Ohren
legen und konnten dann eine Musik wählen, die sie bekommen haben
durch die…..durch das Grammophon. Übertragenen. Das wollte er in
Hamburg auch machen und deshalb sind sie dann in Paris gewesen, wo
dieser
….wo
dieses Grammophongeschäft existierte und sich mit dem Inhaber
darüber zu unterhalten…..Auf dem Wege dorthin sind
…….stehengeblieben an vor einer riesigen Schlange von Menschen,
die alle in ein sogenanntes Cine gehen wollte. Das war eine Neuigkeit
für meine Großeltern und…..da wurden eben die ersten Filme
vorgeführt. Dann sind sie zu dem Grammophonmann gegangen und sind
nachher in ihr Hotel gegangen und haben geschlafen. Meine
Großmutter-Frida Henschel -hat zu Madam…..zu meinem Großvater
gesagt, weißt du James ich hab es mir überlegt, wir machen nicht
Grammophon, wir machen Kinos. Und das war die Idee, das mein
Großvater der Erste in Hamburg war, der Kinos eröffnete. So ist
auch der Henschel Film und Theaterkonzern nach ihm benannt worden.“
Frage:
Das erste Kino war das Belle Alliance Kino? Das war ein sehr
großes Kino?
Rolf
Arno Streit:“Das kann ich nicht genau sagen, wie groß es war.
Auf jeden Fall war das das erste Kino -richtige Kino- in
Hamburg…..Hamburg Altona….wenn ich mich nicht irre.“
Frage:
Der Großvater hat dann mit Ende des Krieges alle Kinos verkauft, sie
haben erzählt an die Ufa. Können sie mal sagen, warum er die Kinos
verkauft hat?
Rolf
Arno Streit:“Die Ufa ist an meinen Großvater herangetreten .
(LkW Geräusch)……….Die Ufa ist an meinen Großvater
herangegangen und hat ihm gesagt, entweder verkaufen sie uns ihre
ganzen Kinos, oder wir machen ihnen Konkurrenz….das war der…da
hat mein Großvater sich entschlossen, seine Kinos an die Ufa zu
verkaufen… hat sich für das Geld, das er bekommen hat, sofort
Häuser gekauft….Immobilien…..und ist dadurch… durch die
Inflation schadlos herausgekommen.
Zu
dem Entschluß von meinem Großvater, die Kinos zu verkaufen mußte
die Ufa damit einverstanden sein, daß seine Schwiegersöhne -nämlich
unser Vater Hugo Streit und unser Onkel Hermann Urich-Saß ….also
seine Schwiegersöhne Direktoren der Ufa wurden für Norddeutschland,
was geschah“.
Frage:
Bis wann waren Hugo Streit und Hermann Urich-Saß Direktoren der Ufa?
Rolf
Arno Streit:“Die waren Direktoren bis …..ungefähr 1926 . Ein
ganz genaues Datum kann ich nicht sagen, aber …..Mitte der 20iger
Jahre ist es wohl gewesen.“
Carl
Heinz Streit: Das ist aber richtig. Ich mein, ich erinnere das auch
nicht mehr so genau.
Hilde
Streit: (zu ihrem Mann): Du weisst es noch besser.
Rolf
Arno Streit:
“Ja,
durch die ganze Wiedergutmachungsgeschichte….bin ich wieder
da……… irgendwie erinnert worden. Das ist ja auch nun schon
viele Jahre her.“
Hilde
Streit:. Jetzt ist leise…
Carl
Heinz Streit: Das kommt aber immer wenn der Omnibus kommt.
Hilde
Streit: Ja überall, kommt immer…..bei uns viel mehr noch.
Frage:
1918 wurde die Ufa gegründetund die Ufa trat an ihren Vater heran
und er hat seine Kinos verkauft. Können sie das noch mal erzählen?
Rolf
Arno Streit:”Ja….nachdem …ist schon …..
Carl
Heinz Streit:”Nein, wenn das Licht angeht.
Rolf
Arno Streit: Also…. nach dem
Kriege 14/18 ist die Ufa an meinen Großvater herangetreten und hat
ihm gesagt, wir bauen hier Kinos, oder sie verkaufen uns ihre Kinos..
und da ist mein…….hat mein Großvater den Entschluß gefasst,
seine Kinos zu verkaufen…..mit der Bestimmung, daß mein Vater und
mein Onkel …Hugo…Hermann Urich Sass Direktoren der Ufa werden von
Norddeutschland, was geschah, ausserdem war mein Großvater mit 5 %
über viele Jahre an allen Ufa Einnahmen beteiligt
……..und
späterhin…auch mit 2,5 % für alle…von allen Kinos, die noch
erbaut worden sind später von der Ufa…Mein Großvater selbst hat
seine …hat die Inflation überstanden durch Ankauf von Immobilien
….das Geld, was er damals von der Ufa bekommen hatte, hat er sofort
angelegt in Immobilien und dadurch ist er aus der Inflation schadlos
herausgegangen:“
Frage:
Wissen sie noch welche Kinos das waren, die ihr Großvater dort
verkauft hat?
Rolf
Arno Streit :“Ich kenn
einige……weiß ich …..das….zum Beispiel das Lessingtheater ,
das Passagetheater , das Harvestehuder Lichtspiele und einige
andere…….ich entsinne die Namen nicht mehr genau. Auf jeden
Fall….vielleicht sechs Kinos, die mein Großvater der Ufa verkauft
hat“.
Frage:
Das Waterloo Theater gehörte das auch dazu?
Rolf
Arno Streit:”Das Waterloo Theater gehörte dazu, ja. Das hat
mein Großvater erbaut.Das war damals das vornehmste Kino in
Hamburg.“
Frage:
Und dann hat ihr Vater Hugo Streit und Hermann Urich-Sass …..haben
sich selbstständig gemacht und haben neue Kinos aufgemacht. Wann war
das?
Rolf
Arno Streit:”Sie waren, wie gesagt, Direktoren der Ufa bis 1925
oder 1926….und haben sich dann selbstständig gemacht und haben die
erste….das erste Kino ….gekauft, die Schauburg
Hauptbahnhof…..die damals anders hieß……der Name ist mir
entfallen……das ist die spätere Barke gewesen.
Am
Hauptbahnhof. Dadurch…..Nach und nach haben sie andere Kinos gebaut
…..im ganzen waren….bestand der Henschel Film und Theaterkonzern
…wie er sich nannte… aus 12 Kinos .Schauburg Hamm, Schauburg
Hammerbrook, Schauburg Wandsbek,Schauburg Harburg und diverse
andere…..die mir im Moment nicht einfallen. Auf jeden Falll waren
es zwölf Großkinos und der Konzern war dadurch ….der größte
Konzern in Hamburg ….was die Theaterbranche…. die Kinobranche
anbelangt“.
Frage:
Sie hatten mir erzählt , sie haben auch mal eine Eröffnung
miterlebt…von der Schauburg am Millerntor….das war ja ein sehr
großes Kino und zur Eröffnung ist Henny Porten gekommen…können
sie da noch mal was erzählen?
Rolf
Arno Streit: ”Ja ich kann darüber erzählen, aber ich weiß,
ob es die Schauburg Haupt……Schauburg Millerntor war…. es kann
irgend eine andere Schauburg gewesen sein. Alle Schauburgen wurden
eröffnet mit irgendeiner Sensation, so auch eine
……………….(LKW Lärm)….so auch eine Schauburg mit der
Henny Porten. Die Henny Porten kam in Hamburg an ….am Hauptbahnhof.
Es waren viel mehr Menschen dort….. als seiner Zeit der
Reichspräsident Ebert ankam, das schrieben die Zeitungen…..später.
Andere
Schauburgen wurden eröffnet mit anderen Filmschauspielern unter
anderem auch einmal durch einen Ball bei
…….Sarasa….bei….in… dem Saal …ich komm nicht auf den
Namen……….. (vermutlich Sagebiel)……… auf dem größten
Saal in Hamburg. Da wurden dann die Leute gefilmt, entweder die
getanzt haben oder selbst gesprochen haben und dieser Film wurde
vorgeführt in den Schauburgen und die ganzen Leute die gefilmt
wurden, haben sich natürlich die Filme angeguckt.Das war ein gutes
Geschäft. Nicht nur eine gut Idee, sondern auch ein gutes
Geschäft………..Es wurden auch andere eröffnet mit Emil Jannigs,
soweit ich erinnere und durch andere Sensationen…..ich kann nicht
auf die ganzen Sachen eingehen, weil die Erinnerung mir nicht die
………..
Carl
Heinz Streit: (der ältere Bruder)”Lucie Englisch war auch
einmal da.”
Rolf
Arno Streit : ”Lucie Englisch ja…..sprich du mal weiter
Carl
Heinz Streit:”Ja ich weiß ja nicht so viel wie du. Du hast
doch die ganze Wiedergutmachung betrieben. Dadurch bist du mehr im
laufenden.”
Frage(an Carl Heinz Streit): Sie haben doch auch mal im Henschel
Film und Theaterkonzern gearbeitet? Ein Jahr lang…?
Carl
Heinz Streit: “Ja in der …. in dem Booking Department
……wie heisst das auf Deutsch? Programmation
gearbeitet……….Aber ganz kurze Zeit nur.
Frage:
Was gab es da für Filme…..wissen sie das noch?
Carl
Heinz Streit: “!Boh……an die Filme kann ich mich nicht mehr
erinnern. (lacht)
Rolf
Arno Streit: “Es gab zum Beispiel ….es wurde in den
Schauburgen gezeigt. Der erste Tonfilm mit Harry Liedtke und Marlene
Dietrich, der hiess > Ich küsse ihre Hand Madam<.Es waren aber
nur einige Minuten, die der Ton herausgekommen ist, nämlich das
Lied, ich küsse ihre Hand Madam wurde gesungen von Marlene Dietrich
mit dem Harry Liedtke zusammen……..(Richard Tauber war der
Sänger-Länge: 2 Minuten 38 Sekunden).
Das
war eine Sensation. So fing der Tonfilm in Hamburg an. Später
natürlich kamen andere Filme wie zum Beispiel:> Der letzte Mann<
mit Emil Jannings. Das war ein….erfolgreicher Film und auch der
>Blaue Engel< mit Marlene Dietrich ……
Carl
Heinz Streit : „und Emil Jannings“.
Rolf
Arno Streit: “Ja und Emil Jannings.So nun erzähl du mal wieder
was (zu seinem Bruder).“
Carl
Heinz Streit: “Dann wurde aufgeführt der Film ….ich weiß
nicht mehr den Namen… aber es war dieser Schwarze…., der sich als
Schwarzer verkleidet hat….Al Jolson…..der Jazzsinger“.
Frage:
Das war der erste Tonfilm denn auch… der erste richtige Tonfilm.
Carl
Heinz Streit: “Das war der Tonfilm, der nicht mehr über
Grammophon ging. Die ersten …..die ersten Tonfilme wurden mit
Platten bedient. Nachher kam der optische Film.Das war der erste mit
Al Jolson“.
Frage:
Die Schauburgen -also die Schauburg Hamm und die Schauburg Millerntor
…das waren ja alles Neubauten ….das muss ja ne enorme Stange Geld
gekostet haben. Wissen sie da irgendwie….wieviel das gekostet haben
mag?
Carl
Heinz Streit: “Nein“ .
Rolf
Arno Streit: “Das waren einige Millionen. Ich glaube, mein
Großvater -James Henschel- hat das Anfangskapital zur Verfügung
gestellt. Vielleicht wurden nachher auch Bankkredite aufgenommen. Ich
kann das nicht genau sagen. Aber auf jeden Fall war das ein
Großunternehmen und die meisten Kinos sind erbaut worden durch den
Verdienst, der schon bestehenden Kinos (Moped im Hintergrund)…..Die
meisten Kinos sind erbaut worden, durch den Verdienst der schon
bestehenden Kinos. Die ganzen Schauburgen, bis auf einigen……bis
auf einigen…… wurden vom Henschel Film und Theaterkonzern selbst
erbaut. Also es waren eigene Grundstücke.“
Frage:
Dann waren es ……wenn ich das so richtig recherchiere…..dann
waren es imgrunde nur zwei ….zwei große Filmtheaterbetriebe in
Hamburg….das war der Henschel und die Ufa. Die müssen doch in
starker Konkurrenz auch gestanden haben?
Rolf
Arno Streit: “Ja, solange sie nicht den Ufa Palast gebaut
hatten, war das …….gab es keine große Konkurrenz….aber nachdem
der Ufa Palast…ich glaube es war im Jahre 19und…..Ende 1920
…….vielleicht 1929 ……oder 28 …..ich weiß nicht genau….
da wurde es natürlich eine Konkurrenz. Aber die hat dem Henschel
Film und Theater Konzern auch nichts ausgemacht….er ist …..er ist
sehr solide geblieben ……bis zum Ende…..bis zum Anfang der
Nazizeit………….. Da wurde der Henschel Film und Theater Konzern
sehr stark betroffen…und ….es wurde ein ….ein ……ein
Programm gegen die Theater ausgeübt“.
Frage:
Wann hat das begonnen….das man gegen den Henschel Film und Theater
Konzern …….
Rolf
Arno Streit: “Mit Anfang der Nazizeit…….1933…… Da wurde
der………. Henschel Film und Theaterkonzern gestempelt als
jüdisches Unternehmen…..und dadurch sind die …Besucher ziemlich
heruntergegangen. ……1936…..ich glaube mich nicht zu
irren….(gemeint ist vermutlich der reichsweite Pogrom in der Nacht
vom 9/10 November 1938)……in der Kristallnacht wurden die Kinos
geschändet…….und zerstört …zum Teil, dann haben sie……dann
haben sich die Nazis davorgestellt und haben keine Juden
mehr….keine Ar…..keine Besucher mehr hereingelassen. Dadurch hat
der Konzern natürlich sehr stark gelitten.”
Frage:
Der Henschel Konzern war eine OHG zwischen Hermann Urich-Saß und
Hugo Streit und das gab es eine Phase wo….ihre…ihre Väter das
wohl schon voraus gesehen haben ….sie hatten mir erzählt , er
wär…der Hugo Streit wär zusammen mit dem einen Geschäftsführer
nach Berlin gefahren und wollte das verkaufen…….das Kino. Können
sie darüber was sagen?
Rolf
Arno Streit: “Ja mein Vater ……….Hugo Streit ist mit
Romahn……der damals……..Prokurist gewesen ist von den
Schauburgen nach Berlin gefahren, um mit der Ufa zu verhandeln……
k….önnen wir mal einen Augenblick Schluß machen?
..zu
Carl Heinz:. Weshalb ist Pappa nach Berlin gefahren? Achso
ja….kann ich weitermachen…..Mein Vater ist mit Romahn nach Berlin
gefahren, um mit der Ufa …………(lauter LKW) um mit der Ufa
zwecks Verkauf zu verhandeln, die Ufa war interessiert daran, die
Kinos zu übernehmen ………in dieser……selben Zeit…in diesem
selben Zeitabschnitt starb Hermann Urich-Sass…..und Romahn wurde
benachrichtigt von dem Tode von Hermann Urich-Sass….
aber
sollte nicht stören …..störend auf die Verhandlungen meines
Vaters mit der Ufa wirken…Das geschah aber doch aus irgendeinem
Grunde..der mir entfallen ist…..ich glaube durch die
Zeitung……ich weiß es nicht genau…und mein Vater hat die
Verhandlungen abbrechen müssen…daraus ist nichts…leider nichts
geworden“.
Frage:
Das ist ein historisches Datum in zweierlei Hinsicht. Am 27. Januar
starb Hermann Urich-Sass und am 30. Januar …..wurde er
beerdigt……
Rolf
Arno Streit: Am 30…wurde Hermann Urich Sass beerdigt , das war
an dem Tag als Hitler zum Reichkanzler ausgerufen wurde……..von
Hindenburg……später wurde er der sogenannte Fü…Führer im
möchte lieber sagen Verführer, denn er hat die ganze Welt verführt
und sechs Millionen Juden ermordet……..aber das gehört nicht zu
………(LKW Geräusch)…..Soll ich wiederholen.
Anfangen
mit Hermann Urich-Saß, das er starb?“
Frager:
Ja
Rolf
Arno Streit: Mein Vater war mit Romahn dem Prokuristen des
Henschel Konzerns in Berlin um mit der Ufa zwecks Verkauf der Kinos
zu verhandeln. Während der Verhandlungen ist Hermann Urich-Saß
gestorben. Das sollte meinem Vater aber nicht mitgeteilt werden, um
die Verhandlungen nicht …..mit der Ufa nicht zu stören……..und
Romahn wurde benachrichtigt, aber er konnte es leider nicht
verschweigen, wahrscheinlich hat mein Vater es aus der Zeitung
erfahren…..und ist dann zurückgekommen und die Verhandlungen
wurden abgebrochen
….inzwischen
ist der Nazismus weiter gegangen, die Theater wurden weiter
geschädigt und die Ufa war nicht mehr interessiert an einem Kauf der
Kinos. …………Später wurde mein Vater gezwungen die……nein
später wurde eine Kommanditgesellschaft gegründet …in dem mein
Vater der alleinige Gesellschafter war und die Kommanditisten die
Erben des verstorbenen Hermann Urich-Saß……..Später wurde mein
Vater gezwungen, die Sachen zu verkaufen …..oder zu realisiseren,
damit …..die Kinos…….wie heisst das auf gut deutsch? (An
Carl Heinz Streit ) Carl Heinz: “Arisiert“. Rolf Arno
Streit: “Arisiert worden sind…….arisiert wurden“.
Carl
Heinz Streit: “Gleichschalter wurden eingesetzt“
Rolf
Arno Streit: “Gleichschalter wurden eingesetzt, das waren
Romahn und Schümann….die nachher als die Inhaber des Henschel Film
und Theaterkonzerns fungierten. Gezahlt haben sie nichts dafür.
Dafür hat schon die Partei gesorgt, daß den Juden kein Geld
zugefügt worden ist. Und wenn…das entsinne ich nicht… .ein ganz
kleiner …..Betrag….der überhaupt nicht ….dem Unternehmen
entsprach…..”
Frage:
Die Schauburg Lichtspieltheatertgesellschaft Romahn und Schümann
Gmbh….wurde ja 1933 schon gegründet mit 20.000,– RM. Nun hab ich
mich so gefragt, wie kann man denn mit 20.000,– RM ein Gebäude
übernehmen das schon allein 500.000,–RM gekostet hat?
Rolf
Arno Streit: „Ich glaube sie irren, das war nicht 1930, sondern
……1934 oder 1935 …Das war nicht 1930. 1930 gehörte doch der
Henschel Film und Theater Konzern ……Frage: Nee 1933…
Rolf
Arno Streit: Ja 1933…..gehörte der Henschel Film und Theater
Konzern….wurde der Henschel Film und Theater Konzern ….nach dem
Tode von Hermann Urich-Saß ….in eine Kommanditgesellschaft
umgewandelt
…..wie
ich bereits beschrieben hatte.. gesagt hatte…..Aber ich
glaube….die Gesellschaft Romahn und Schümann wurde
gegründet…..1935…oder 1936……das war nicht 1930.
Frage:
Also ich hab nur die Handelsregister Eintragung und danach ist es
schon 1933 passiert. Die Gründung selber und die Eintragung ins
Handelsregister. Der Widerspruch ist nur der das man mit so wenig
Grundkapital …..sag ich mal……..mit 20.000,– RM so teure Kinos
dann später übernehmen kann. ……
Rolf
Arno Streit: “Ja das weiß ich nicht ganz genau, wie die Sachen
gewesen sind, ich weiß nur, daß Romahn und Schümann, die ja kein
Geld hatten…..die erste Zeit meinem Vater Zuwendungen gemacht
hatten. Das wurde auch von den Nazis so vorgeschrieben, daß die
Juden …..eben die Geschäfte übergeben mußten, das war ein
Zwang…es lag ein Zwang dahinter…..ich glaube nicht…daß man
……das Romahn und Schümann….ich weiß das Romahn und Schümann
kein Geld hatten um das Unternehmen zu kaufen……Deshalb ist
vielleicht die Eintragung gewesen….20.000 Mark ….das war eine
Schein …….eine Schein…….wie nennt man das auf Deutsch?
………….Eine Schein………Sache.“
Frage(An Carl Heinz Streit)
Sie
haben ja noch in Berlin lange im Filmverleih gearbeitet? Können sie
darüber noch was sagen?
Carl
Heinz Streit: „Ja ich hab bei der Universal Films gearbeitet…..wo
ich nachher …..in Brasilien auch angestellt wurde.“
Frage:
Universal ist ja eine amerikanische Firma, hat die auch …..Juden
entlassen schon…zu der Zeit oder ……
Carl
Heinz Streit: Es war eine vollkommen amerikanische Firma und der
Präsident seinerzeit als ich anfing bei der Universal war Carl
Laemmle…..das war ja auch ein Jude…..die waren in ganz
Südamerika…..in ganz Südamerika vertreten durch den Direktor
…der vorher in Deutschland …Direktor für ganz Europa war….Al
Seckler (?)…..und als ich in Rio de Janeiro ankam, hat der mich
sofort angestellt….bei der Universal Films
….
da hab ich gearbeitet als….zuerst als Buchhalter, nachher wurde ich
versetzt nach Belo Horizonte …….wo ich die Filiale geleitet
habe….. als Direktor für den Staat Minas Gerais und da hab ich
lange gearbeitet ……zweiunddreissig Jahre …..in der Universal
Films“.
Frage:
Kommen wir noch mal zurück zu der Zeit……sie sind ja aus
Deutschland…mußten aus Deutschland flüchten….das sie mal
erzählen, wann das war und wie das so im Einzelnen vor sich gegangen
ist.
Carl
Heinz Streit: “Wir sind 1936 ausgewandert. Sind zuerst in Rio
de Janeiro angekommen und von da aus nach Buenos Aires gegangen
……aber uns gefiel Rio de Janeiro viel besser als Buenos Aires
…………(Lkw Geräusche) ………willst du nichts erzählen von
Sass ….
Hilde
Streit: “….das der gestohlen hat…….
Carl
Heinz Streit:”…brauchst ja keinen Namen zu nennen. ….sind
einem Betrüger in die Hände gefallen“..
Carl
Heinz Streit: “Das gehört nicht dazu“. LKW Geräusche…..
Frage:
Können wir gerne haben. Können ja von irgend einem Mann erzählen
……
Hilde
Streit: “Der lebt vielleicht gar nicht mehr”
Carl
Heinz Streit: “Wo sind wir nun?”
Frage:
Wir sind noch gar nicht ausgewandert. Sie sind immer schon in
Argentinien, aber wir sind eigentlich noch in Deutschland.
Carl
Heinz Streit: “Naja denn wollen wir noch mal. Also wir sind
1933 ausgewandert…mit der ….wir sind nach Brasilien gekommen mit
der Monte Pascia (?Schreibweise).
Rolf
Arno Streit: “Wir sind nicht 1933 ausgewandert.
Carl
Heinz Streit Hilde Streit: “1936….. 1936 sind wir
ausgewandert……..sind in Brasilien angekommen ….sind ungefähr
einen Monat in Rio de Janeiro geblieben ….von da aus nach
Argentinien Buenos Aires …..aber uns gefiel Rio de Janeiro
bedeutend besser.
Sind
wir also …nach Brasilien zurückgekommen und …. da wurde ich
sofort angestellt bei der Universal ….wo der der Direktor der
vorjährige Direktor für Europa war….Al Seckler
(Schreibweise)…..da hab ich ……hab ich ca 40 Jahre gearbeitet
bei der Universal.“
Frage:
Wie war das.? Das war ja nicht ganz einfach ein Einreisevisum für
diese Länder zu bekommen:
Rolf
Arno Streit: “Ja die Sache war die…man hat sich immer den
Kopf zerbrochen wohin….denn wir wollten und konnten nicht in
Deutschland bleiben…. unter der Naziherrschaft und da kam dann ein
Mann zu uns und sagte er könnte uns Geld rüberbringen nach (lacht)
Brasilien und …ich will diese ganze Geschichte nicht genau
auslegen….denn die ist vergessen….relativ…. und auf jeden Fall
haben wir das Geld….was unser Vater uns gegeben hat ……nicht
ausgezahlt bekommen …in Brasilien ….. und der Mann hat dann
gesagt…das ist versehentlich nach Argentinien überwiesen worden
….dann
sind wir dann alle zusammen nach Argentinien gefahren, wo er dann
auch immer wieder die Ausrede hatte….es ist noch nicht angekommen.
Wir waren vielleicht zwei drei Wochen ….vier Wochen in Argentinien
…….und da bis dahin das Geld nicht überwiesen wurde
……wußten
wir dass wir einem Betrüger in die Hände gefallen sind. Uns gefiel
Rio …….wie eben schon beschrieben von meinem Bruder …… uns
gefiel Rio besser… und deshalb sind wir nach Rio abgefahren und von
Rio aus haben wir dann dem Man geschrieben…wie das nun ist mit dem
Geld…daraufhin antwortete er ……wenn ihr noch mal über die
Geschichte fragt oder überhaupt schreibt….dann wißt ihr ja, daß
ihr noch Eltern in Deutschland habt…..an die ich mich rächen
könnte.”
Frage:Sie
waren ja schon in Holland, wenn ich das so richtig entsonnen habe und
haben ihr Frau nachgeholt nach Holland zum heiraten und haben dadurch
das Visum bekommen. Können sie das noch mal erzählen?“
Rolf
Arno Streit: “Ja die Sache war folgende´. Ich habe meiner Frau
die Ehe versprochen, bevor ich Deutschland verließ und wir sind
damals nur als……als Touristen…..mit einem Touristenvisum in
Brasilien angekommen für die Zeit von einigen Wochen, wir blieben da
ungefähr ein halbes Jahr und es war nicht möglich eine Legasisation
zu erwirken aus verschiedenen Gründen
…..die
mir entfallen sind… auf jeden Fall….habe ich dann meinem Onkel,
der Konsul von Portugal war und in Holland lebte geschrieben, ob er
mir helfen kann. Er sagte mir ja……er schrieb mir ja , das kann
ich machen….aber du mußt selbst hier herüberkommen, dann wird
alles erledigt. Naja ich will nicht weiter darüber reden…dass
nichts erledigt wurde. (lacht) aber es kam ein Freund meiner Eltern
nach Holland um zu hören
….wie
es in Brasilien aussieht, denn er hatte ein Einreisevisum von
Brasilien bekommen in Antwerpen von dem Generalkonsul von
Brasilien….. und da hab ich ihn gefragt….. wie haben sie das
gemacht…..da sagt er einen ganz kleinen Betrag hat er eingezahlt
was er in Brasilien wiederbekommen würde und dadurch hat er das
sogenannte Kapitalistenvisum bekommen und
……..ist
reingekommen ……und ich hab mir sehr bedankt bei diesem Mann, denn
ich bin zwei Tage später nach Antwerpen gefahren und hab dort den
Vizekonsul nach dem…nach diesem Kapitalistenvisum gefragt und der
hat mir dann den Rat gegeben zu heiraten wiederhinzukommen und er
würde mir dann das Kapitalistenvisum geben.
Also
meine Frau ist dann nach Holland gekommen zusammen mit meinen Eltern
und ihren Eltern und da wurde geheiratet in Holland….in
Haag……..übrigens wo auch die Prinzessin Juliana geheiratet hat
……aber das nur nebenbei… auf jeden Fall sind wir dann zwei drei
Tage später nach Antwerpen gefahren um das Visum zu erhalten aber
der Vizekonsul sagt mir …..es tut mir furchtbar leid..ich kann
ihnen das Visum nicht mehr geben, denn es kommt kein Mensch mehr
nach Brasilien rein……kein Deutscher……oder kein Jude ich weiß
das nicht mehr genau……..
(Hilde:kein
Deutscher ) auf jeden Fall…ein Deutscher nicht wahr….es war
gesperrt…..vom Außenministerium….da hab ich zu dem Vizekonsul
gesagt…hören sie mal zu ich bin da in einer fürchterlichen Lage
ich kann in Holland nicht bleiben, ich kann nicht nach Deutschland
rein, wo ich sofort ins Konzentrationslager gekommen wäre, also was
soll ich machen
……er
sagte , ich kann ihnen leider nicht helfen….da sagte ich
dann…..kam ich auf die gute Idee und bat ihn mich vorzustellen dem
Generalkonsul ……..was geschah…….. dem Generalkonsul habe ich
meine Geschichte erzählt ……und dieser gute Mann hat uns
glücklicherweise das Kapitalistenvisum gegeben zusammen mit einem
Brief ans Aussenministerium und mir eine Kopie übergeben von diesem
Brief
…….in
dem unsere Geschichte beschrieben wurde….das er keine andere
Möglichkeit hatte, als mir das Visum gegen die Anordnung des Ida
Maraties (Schreibweise ?)…….also des Aussenministeriums zu
erteilen……Aber die brauchte ich nicht, denn wir sind glatt in Rio
angekommen …………..Somit fing unsere Geschichte in Brasilien
an..
Frage:
Sie hatten mir gesagt…es hätte auch so die Möglichkeit gegeben,
daß sie mit einer Ausnahmegenehmigung nach Deutschland für drei
Tage fahren und hatten dafür einen bestimmten Ausdruck genannt.
Können sie das noch mal erzählen?
Rolf
Arno Streit:”Das ist ein …..ich weiß nicht mehr genau wie
das hieß…auf jeden Fall war das…..wurde das Leuten ….auch
Juden erteilt…(lautes LKW Geräusch)…………
Frage:
Einfach noch mal von vorne….diese Ausnahmegenehmigung…
Rolf
Arno Streit: “Diese Einreisegenehmigung für zweidreivier Tagen
wurde Juden auch gegeben, um zum Beispiel die Eltern zu beerdigen
oder irgend welche …..aus irgendwelchen Anlässen und diese hab ich
mir auch erhofft zu erhalten…aber hab sie nicht erhalten…bin von
dem Konsul in Amsterdam (Hilde flüstert vor: gewarnt
worden……gewarnt worden) …..nicht gewarnt worden. ….erstmal
rübergerufen worden……da hat er mir dann gesagt
…..das
es leider nicht möglich ist….ich soll…..die Einreisegenehmigung
ist nicht bewilligt worden …….und da hab ich gesagt zu
ihm……das könnten sie mir doch auch am Telefon gesagt haben
……und darauf hin gab er mir keine Antwort…..also ich bin wech
gegangen…….verärgert……und er ist mir nachgelaufen…..der
Konsul……Hilde: das war ja deutscher Boden, nech…das
Konsulat…Rolf Arno
Streit:
„Konsulat war Deutscher Boden…da kam der…..da kam mir der
Konsul nachgelaufen ich soll um gotteswillen nicht nach Deutschland
einwandern ohne diese Genehmigung, denn ich käme sofort ins
Konzentrationslager……na daraufhin haben wir dann in Holland
geheiratet ….wie ich schon gesagt habe……”
Frage:
Hätte man den mit dieser Genehmigung den Nazis eigentlich trauen
können?
Rolf
Arno Streit: “Das kann ich ihnen nicht sagen (lacht), weil ich
das nicht erlebt habe…aber ich weiß von Leuten, die rübergegangen
sind und wieder rausgekommen sind…..zweidrei Tage um Eltern zu
beerdigen ……oder irgendwas, aber ich hätte es gewagt, wenn ich
das bekommen hätte. In Deutschland geheiratet zu haben…wäre für
mich einfacher gewesen…..als in Holland….bei meiner Tante, bei
der ich gelebt habe.
Frage:
Sie sind dann zu dritt aufm Dampfer von Amsterdam ? oder.von
Antwerpen….Hilde:zu zweit zu zweit ………
Rolf
Arno Streit: “Zu zweit sind wir gefahren….denn mein Bruder
war ja schon hier.
Carl
Heinz Streit:”Ich war ja drüben geblieben..
Rolf
Arno Streit: “Wir sind gefahren mit einem deutschen
Dampfer……mein Vater hat uns eine Passage geschenkt mit der Monte
……sie cerra campus (Schreibweise ?)Rolf Arno Streit: „ si
cerra campus war das auch nicht ……Hilde Streit:Nee das war ein
sehr schönes Schiff….das war das schönste an der ganzen
Reise…..Rolf Arno Streit: „ Cap Norte…..das war die
Cap……Cap Norte…..das war die Cap….wir sind mit der Cap Norte
wieder nach Brasilien gefahren.
Frage:
Nen Hamburg Süd Schiff ne?
Rolf
Arno Streit: “Hamburg Süd Schiff.
Hilde
Streit: Das schönste von der ganzen Reise .
Rolf
Arno Streit: “Das war ein Schwesternschiff der Cap Polonio
…….und dann sind wir drüben abgekommen…..wieder hier in
Rio………und dann ging die Arbeit los……das war nicht einfach
…..ich persönlich habe Klavier gespielt abends für eine ….für
einen Club……nicht jeden abend aber Sonnabend und Sonntag auf
jeden Fall
……und
einmal die Woche und dann hab ich eine Anstellung bekommen als
Aufseher in einer Eimerfabrik ……..da waren Ratten….die Eimer
wurden teilweise gemacht aus ….Hilde Streit:
Marmeladen…..Marmeladendosen….also großen Marmeladengefäßen
und die Ratten, die haben sich dabei…..davon…..dadurch
ernährt…aber wenn die Maschinen zur Mittagszeit abgestellt wurden
…..dann
liefen mir die Ratten über die Füsse…….(lacht)…….das
entspricht der Wirklichkeit ………aber ich bin dort
geblieben……einige Monate bis ich dann den Entschluß gefasst
habe, wieder rüberzufahren…..nach Europa….also nach Holland.. um
zu heiraten …weil ich immer meine Versprechungen im Leben gehalten
habe und so auch diese….. nun sind wir sehr glücklich verheiratet
schon über 50 Jahre …..
Hilde
Streit: “Dreiundfünfzig“ ……….(lauter LKW).
Frage:.
Die fünfzig Jahre sind nicht mehr drauf.
Rolf
Arno Streit: “Wir haben schon unsere goldene Hochzeit hinter
uns und sind schon dreiundfünfzig Jahre verheiratet. Gottseidank
geht es uns heute gut…….wir sind glücklich…wir haben zwei
Kinder…leider ist eine gestorben …………….
Pause
Kassettenwechsel
Rolf
Arno Streit: “Mein Vater und mein Onkel betrieben auch die
Scala am Schulterblatt, das war ein Tanzlokal …..das größte
Tanzlokal von Hamburg……dazu gehörten auch die ………das eine
Ballhaus Filmzauber und ein Ballhaus Uhu und noch andere, die mir
entfallen sind …..auf jeden Fall war das ein Zweigunternehmen von
den Schauburgen….
Frager.
Sind sie da mit ihrer Frau auch Tanzen gewesen?
Hilde
Streit: “Ne wir waren…..da waren wir noch gar nicht
verheiratet.”
Frage:
Man kann ja auch tanzen, ohne verheiratet zu sein. Rolf Arno
Streit: “Wir haben uns da sehr gut amüsiert…..als junge
Leute…..aber mit meiner Frau war ich nie da, denn da ….damals war
das schon nicht mehr möglich ….ich glaube, die sind auch später
abgestossen worden…..das entsinne ich aber nicht mehr genau. Auf
jeden Fall haben wir jungen Leute uns sehr gut da in der Scala
amüsiert.
Obwohl
wir noch nicht achtzehn Jahre alt waren……und eines
Tages…..fällt mir grade ein sind wir ….bin ich mit verschiedenen
Freunden dahin gegangen und da sagte ein Mann von der Kapelle, es
kommt Jung-Jerusalem…….und das hat der Freund mir wiedererzählt
…..ich sag, was hat er gesagt? Jung-Jerusalem ……also
Antisemitismus…..das war vor der Nazi Zeit….da kam dann mein
Onkel Hermann Urich-Sass hinein und dem hab ich das erzählt….der
ist dann raufgegangen zur Kapelle hat gesagt wer hat gesagt ist Jung
Jerusalem
……………da
wollte sich erst keiner melden und da hat er gesagt, ich entlasse die
ganze Kapelle, wenn ich nicht sofort weiß, wer das gesagt hat. Da
hat er sich gemeldet. Und den hat er sofort rausgeschmissen. Der ist
dann zu Gericht gegangen und wollte sein Gehalt haben ….das nicht
bezahlt worden ist ….. da mußte ich als Zeuge ………vor Gericht
treten um zu beweisen …..also um zu
…..auszusagen…um
auszusagen, daß er das gesagt hatte und er hat es auch zugegeben….
aber er wollte sein Gehalt haben ….da hat der Richter gesagt…..er
entschuldigte sich damit…er wollte einen Spass machen ,……da hat
der Richter gesagt….wenn sie einen Spaß machen wollten …..dann
müssen sie auch die Konsequenzen dafür bezahlen …..und wir haben
den Prozeß gewonnen.
Hilde
Streit:”Aber denn hat er gesagt, wie alt du bist……
Rolf
Arno Streit: „ Dann fragte er mich noch, wie alt ich bin, da
hab ich mein Alter gesagt, sechzehn Jahre oder fünfzehn Jahre
….sechzehn Jahre war ich wohl und da sagt er….ja dagegen ist doch
die Oberschulbehörde wahrscheinlich angegangen, dass sie mit
sechzehn (lacht) Jahren sich schon in solchen Lokalen aufhalten. Dann
habe ich zu ihm gesagt, ich bin geschickt worden von meinem
Vater…..(lacht) der der Inhaber der Scala war, um nachzusehen, ob
da alles in Ordnung ist.
Hilde
Streit:” …der hat davon gar nicht gewußt”
Rolf
Arno Streit:”……mein Vater aber wußte garnichts davon, denn er
war sehr strenge……im Gegensatz zu Hermann, der viel mehr
Verständnis für solche Angelegenheiten hatte (lacht)..und..ich
weiß nicht mehr genau, wie das ausgelaufen ist…..auf jeden Fall
mein Vater hat mich nicht bestraft, weil wir ja den Prozess gewonnen
haben…………
Ja
das war alles , was ich über die Tanzlokale berichten kann….da war
glaub ich noch ein Lokal Filmzauber und auch der Faun …..der hatte
den selben Eingang ….also Nebeneingang ….vom Lessing Theater
…….da waren sie auch…..der war auch ……der gehörte auch zu
den sogenannten Freudenhäusern………………
Frage:
(an Carl Heinz Streit) Wissen sie noch was aus ihrer Jugend,
was da so berichtenswert wäre?
Carl
Heinz Streit: “Mit der Scala möchte ich noch bemerken,
daß…….und abends in die Scala war das Wort, das sie gebraucht
haben als Propaganda……das ist ….die Scala bestand auch in
Berlin ….die Berliner ……sind dagegen an gegangen und da haben
sie es umbenannt. Anstatt und abends in die Scala und wieder in die
Scala………….aber sonst aus Berlin wüßte ich nichts mehr zu
berichten”.
Frage:
Mußten sie nun auf den jüngeren Bruder immer aufpassen?
Carl
Heinz Streit: “Nein (lacht) ich war in Berlin und er hat in
Hamburg gelebt…ne ganze Zeit lang.”
Frage:
Ja aber vorher doch
Carl
Heinz Streit: “Voher? nein wir haben uns immer sehr gut
verstanden”
Rolf
Arno Streit: “Ich hätte mir auch nicht reinreden lassen von
meinem älteren Bruder….aber wie mein Bruder eben gesagt
hat…betont hat…..wir waren immer nicht nur Brüder sondern auch
Freunde und haben alles gemeinsam erlebt und……..”
Frage:
Sie hatten mir erzählt, sie waren dann später bei zwei
Konkurrenzfirmen ja eigentlich eingestellt als ……..
Rolf
Arno Streit: “Also ich war bei der Columbia angestellt als
Direktor für ….für den Staat Minas Gerais und hab dort
gearbeitet etwa 14 Jahre ……da wurde mir ein Angebot gemacht von
der United Artists mit höherem Gehalt …..zu United Artists
gegangen “(lauter LKW)……………..
Frage:
Ich glaub, das müssen wir ganz nochmal haben…..das müssen wir
noch mal von vorn haben.
Rolf
Arno Streit: “Also ich war circa 14 Jahre Direktor bei der
Columbia….Columbia Pictures of Brazil ….für Minas Gerais…
später war ich Direktor bei der United Artists…..auch für Minas
Gerais
……..weil
sie mir ein größeres Gehalt geboten hatten …….und daraufhin bin
ich dann …in eine Firma ……zu einer Firma gegangen, die
brasilisanische Filme vertrieben hat
……Sie
sind zu mir gekommen und haben mich gebeten, die Sache zu übernehmen,
was ich auch getan hab…..weil ich dort etwas mehr verdient
habe….ich bin immer nach ….ich war immer ein guter Rechner…..so
ist es mir auch diesmal passiert..
Frage:
(an Carl Heinz Streit) Sie waren in der gleichen Zeit auch bei
der Konkurrenzfirma….sie haben sich doch wahrscheinlich mit ihrem
Bruder immer um die Kinotermine streiten müssen, wer nun die besten
Kinotermine bekommen hat…….
Carl
Heinz Streit: Nein….der Hauptkunde hier in Belo Horizonte
…………….
Hilde
Streit (über den LKW Lärm…Jetzt gehts los, jetzt kommen die
alle zurück. Dies ist hier an sich ruhiger, denn dahinten wohnen die
armen Leute, die haben alle keine Autos……..”
Carl
Heinz Streit:”Nein wir haben uns immer sehr gut verstanden und
der Hauptkunde hier in Belo Horizonte war die Cineteatro Minas
Gerais, der Hauptinhaber ist ein gewisser Luciano ….gewesen, der
vor kurzem ……vor vier Wochen gestorben ist…..ist der….einer
der reichsten Männer der Welt …..der Welt nicht, von Brasilien
……
man schätzt ihn auf über drei Billionen Dollar…..die er
hinterlassen hat …..aber er hat auch …..man sagt ihm nach …er
hätte noch dreissig uneheliche Kinder…..
Hilde
Streit:”Die streiten sich nun alle mit den ehelichen”. Carl
Heinz Streit:”Ja ja …..ehelichen sind zwei Kinder und eine
….ein angenommenes Kind ……also drei haben das Hauptrecht, die
kriegen schon den ….die……Departe……”
Hilde
Streit: “Teil den Teil der Mutter, die vor drei Jahren
ungefähr gestorben ist ………..”
Frage:
(zu Carl Heinz Streit) Könnnen sie noch mal sagen, bei
welcher Firma sie im Verleih tätig waren.
Carl
Heinz Streit: “Bei der Universal Pictures …..die hat hier
gehiessen Universal Film SA ….da war der Konzern von Carl Laemmle.
Carl Laemmle war……die Universal Pictures in den Staaten die
ausserdem das größte Atelier in Los Angeles haben….ich glaub, sie
haben das sebst gesehen, das Atelier…….es war das größte der
ganzen Welt. ….”
Rolf
Arno Streit: “Also bei den Filmfirmen war das so das jedes Jahr
eine neue Produktion herauskam. Bei der Columbia waren es meistens so
etwa fünfzig Filme, die die Filmtheaterbesitzer …..haben abnehmen
müssen. Es wurde dann zur Hauptsache mit Festpreisen gemacht und
immer zweidrei Filme prozentual vermietet.
Das
heisst die Filmfirma war beteiligt an dem Umsatz der Theater mit
fünfzig…….sogar sechzig Prozent ……..oder ein Film wie zum
Beispiel ich komm nicht mehr auf den Namen ……auf jeden Fall
Großfilme (Hundegebell) wurden auch vermietet bis zu siebzig
Prozent. Das war natürlich Wucherei, aber die Leute konnten nicht
anders, sie mußten es machen…..da hat da …zu diesem Zweck haben
wir Fiskale geschickt …..Fiskale…die Übersetzung
sind….Schrecker ? Hilde Streit: Fiskale ist auf der ganzen
Welt…..ist das richtig …nein
Kontrolleure
….. Kontrolleure das ist es ……die haben mit einer Zahluhr die
Zahl der Besucher feststellen……und das war immer ne sehr
unangenehme Sache, denn die …..naja ich will darüber lieber nicht
sprechen …… es hat keinen Zweck….auf jeden Fall haben die
Kompanien sehr gut verdient, sowohl an den Filmen, die zu
Festpreisen vermietet wurden oder eben prozentual …das war unser
Hauptberuf…die Festpreise festzusetzen…denn es gab Kinos….die
hatten fünfhundert Plätze und wenig Einwohner und im Gegensatz zu
anderen großen ……die hatten eben viel mehr Besucher …….und
da wurden die Festpreise natürlich viel höher …..gemacht….Haben
sie sonst noch irgendwelche Fragen zu stellen?
Frage:
Ja wieviele Kinos im Bereich waren.
Rolf
Arno Streit: “Es waren wohl …..nicht Kinos ….Plätze meinen
sie …also Städte …Städte ja ……das waren so annähernd
hundert Städte, die wir von Minas Gerais……. bearbeiten mußten .
Carl
Heinz Streit: “Ich glaub es waren mehr sogar”.
Hilde
Streit:”Hunderzwei.”
Carl
Heinz Streit: “Es waren so hundertundsechzig meiner Ansicht
nach.
Frage:
Und wieviel Kinos gab es so in jeder Stadt? Kann man das so….
Carl
Heinz Streit:”In den kleinen Städten ein Kino.
Rolf
Arno Streit: “Wenn es zwei gab, dann wurde uns……viel…..
das sehr erleichtert….denn wenn der eine nicht zahlen wollte, dann
ist man zum anderen gegangen und der hat dann überboten und der hat
dann die Filme bekommen.
Frage:
Kann man sagen, daß es ungefähr zwei bis dreihundert Kinos …….
Carl
Heinz Streit:” …In Minas Gerais.? viel mehr…….”
Rolf
Arno Streit: “Sogar in……nur in Belo Horizonte gab es so
annähernd………..
Carl
Heinz Streit: “zwanzig …….”
Rolf
Arno Streit:”….zwanzig bis
fünfundzwanzig Kinos ………das ist Minas Gerais der zweitgrößte
Staat von Brasilien …ich möchte sagen….das es so groß war….so
groß ist wie Deutschland …..
Hilde
Streit: “Größer …..”
Carl
Heinz Streit: “Ich glaube noch größer”.
Frage:
Die Bundesrepublik hat heute noch …..ich glaube noch 3100 Kinos
….wieviel? dreitausendeinhundert ….in Deutschland? ……Ja
jetzt….in der Bundesrepublik.
Rolf
Arno Streit: ”Ja also ich kann es nicht genau sagen, wieviel es
hier gibt, aber sicherlich nicht dreitausend…..aber vielleicht
sogar dreivierhundert ….ich weiß es nicht genau, die wir zu
bearbeiten hatten, ich sprech nicht von Brasilien sondern von nur vom
Staate Minas Gerais …..”
Frage:
Sie sind nach dem Kriege 1952 wieder nach Deutschland gekommen um
die Wiedergutmachung durchzusetzen. Können sie da mal nen bißchen
was erzählen, wie das so passiert ist alles..
Rolf
Arno Streit: “Nein ich bin das erste Mal nach Deutschland
gefahren…..geflogen….1949 …..um die Wiedergutmachung zu
regulieren ……und hab mit Romahn und Schümann ein Abkommen
getroffen, das Sass ….Urich-Sass,
also
die Erben Urich-Sass….ein Drittel von allem was vorhanden war…
auch was sie nachher an …an Wohnungen gekauft haben oder…. gebaut
haben …und ein Drittel Hugo Streit…….die Familie und ein
Drittel Romahn und Schümann zusammen. Das war eine
aussergerichtliche Einigung……wenn sie das nicht gemacht hätten,
dann wäre ich natürlich zu Gerichtsjustiz gegangen und hätte
vielleicht mehr vielleicht weniger erfahren…..aber es war ein
günstiges Abkommen für beide Teile.
Denn
die Romahn und Schümann haben sich meinem Vater gegenüber bei der
Ausreise ….bei seiner Auswanderung anständig gezeigt….sie haben
ihm Zuwendungen gemacht…..die sie nicht nötig gehabt
hätten…..und da hat mein Vater zu mir gesagt…wenn du rüber
fährst und die Sache in Ordnung bringst….. berücksichtige
dass….dass sie anständig gewesen sind…..was ich auch getan
habe…..wir hätten natürlich alles haben können …übernehmen
können ….aber es war schon richtig so…..(LKW Geräusch)……..
hinzukam,
daß niemand von unseren Familien wieder nach Deutschland zurück
gehen wollte, um die …..um das Unternehmen zu führen …..deshalb
hab ich das so gemacht und das war auch im Einverständnis mit meinem
Vater und meinen…..den Urich-Saß Erben geschehen.
Frage.
Sie haben dann auch für den Manfred Hirschel noch ein
Telefongespräch mit der Klara Esslen geführt über das Waterloo
Theater….Können sie darüber noch mal was erzählen?
Rolf
Arno Streit: “Ja das
Waterloo Theater gehörte irgendwie Manfred Hirschel…..der ist
verheiratet gewesen mit meiner Tante …der Schwester meines
Vaters…..und der bat mich als ich rüberging auch mal mit der Frau
Esslen, die das Kino irgendwie bekommen hatte, wie weiss ich heute
nicht mehr und mich mit der zu unterhalten zwecks Wiedergutmachung
und diese Frau ist mir unverschämt gekommen und da hab ich das dann
meinem Onkel geschrieben, dass ich leider für ihn nichts tun kann,
denn ich hab genug mit meinen Sachen zu tun und außerdem ist sie
unverschämt gewesen…hat mir gesagt…vorgelogen…. Sachen, die
ich nicht glaubte und mein Onkel, der hat später selbst die Sache
durchgeführt und hat auch eine Entschädigung bekommen….Wie die
gewesen ist, weiß ich nicht………”
Frage:
Wenn sie heute beide an Deutschland denken….was…..welche Gefühle
haben sie da?
Rolf
Arno Streit: “Es war einmal sehr schön…..sehr schön…..wir
sind in Deutschland geboren worden, waren Deutsche und obwohl schon
in früheren Zeiten…..ein Antis…ein gewisser Antisemitisdmus
herrschte
….aber
als dann die Nazis kamen…nicht wahr..und dannn der Durchbruch des
Antisemitismus gewesen ist…..da war…….da waren wir froh als wir
draußen waren..Carl Heinz Streit: „Das was geschehen ist, das
kann man nicht mehr vergessen. War zuviel und deswegen sind die
meisten auch nicht wieder zurückgegangen nach Deutschland. Hilde
Streit: Nein ich glaub sehr wenige zurück gegangen nach Deutschland.
Carl
Heinz Streit: “Sehr wenige”
Rolf
Arno Streit: “Sehr wenig Leute…… Juden sind zurückgegangen
nach Deutschland. Einige, die nichts hier werden konnten sind
zurückgegangen um dort Stellung zu bekommen…was vielleicht auch
möglich gewesen war, aber die meisten sind hier geblieben, weil sie
hier ihre zweite Heimat gefunden haben. ………………..
Hilde
Streit:”Wir sind zum Beispiel eine der wenigen, die überhaupt
noch Deutsche geblieben sind, die anderen sind alle keine Deutschen
mehr.Fast alle. Von unseren Bekannten bist du wir und Einsturz
aus….”
Rolf
Arno Streit: “….naja aber es gibt natürlich diverse
Deutsche, die wir nicht kennen, die auch Deutsche geblieben
sind…also deutsche Juden.sind Deutsche geblieben. Aber wenig. Wir
haben das Recht, das brasilianische Recht erworben durch unsere
Anwesenheit von über fünfzig Jahren hier und wir haben ausserdem
noch die Möglichkeit nach Deutschland zu reisen…ohne Visum und so
weiter ……
Carl
Heinz Streit: “Wir haben ausserdem brasilianische Kinder
….ich persönlich bin mit einer Brasilianerin verheiratet ……wir
haben so gut wie die selben Rechte (lauter LKW) eines Brasilianers
Frager: Bitte noch mal ohne LKW
Carl
Heinz Streit:”Wo wo soll ich anfangen?”
Hilde
Streit:”Das du ne brasilianische Frau hast…ne
Carl
Heinz Streit:”Außerdem haben wir brasilianische Kinder und ich
persönlich bin mit einer Brasilianerin verheiratet und dadurch haben
wir die selben Rechte wie ein Brasilianer. Nur das wir nicht
Präsident der Republica werden können…..Präsident von Brasilien
….
Hilde
Streit: “Man kann auch kein Briefträger werden. Irgend etwas
kann man nicht werden, was sehr wichtig ist.
Rolf
Arno Streit: ”Auf jeden Fall haben wir sehr viel mit
durchgemacht, besonders deswegen …..besonders in den Jahren als
meine Eltern noch nicht hier waren. Es wurde ja immer schlimmer und
schlimmer und mein Vater wurde gehetzt von der Gestapo und hat sich
geflüchtet auf Landstrassen und auch auf Böden von Freunden
…..Boden
heisst das da oben…ganz oben….da hat er geschlafen…er hatte
einen Bekannten bei der Gestapo war, der ihm gut gesonnen war und der
hat ihm immer berichtet, wenn er weggehen müßte, denn es kam
eine….Nazi… Nazi Razzia und die wollten ihn abholen…da ist er
gottseidank …dem ist er gottseidank entgangen eben durch diesen
Bekannten bei der Gestapo……wenn ich den Namen wüßte würde ich
ihn sagen, um ihm nochmal zu danken für alles…das was er für
meinen Vater getan hat ..er wird aber gar nicht mehr leben ….und
dadurch hat mein Vater sich gerettet vor dem Konzentrationslager.Ja “
(Autogeräusche)
Hilde
Streit: “Sonst ist es eigentlich leiser hier”.
Frage:
Sonst hört man es vielleicht nicht so, wenn man nicht darauf achtet.
Hilde
Streit : “Dann finde ich es immer leiser als bei uns”.
Carl
Heinz Streit: “Bei uns hinten hört man überhaupt nichts “
(Warum sind wir da damals nicht hingegangen?)
Frage.
Wie oft waren sie jetzt nach dem Kriege in Deutschland?
Rolf
Arno Streit: “Ich war
nach dem Kriege sieben oder achtmal in Deutschland, fünfmal wegen
der Wiedergutmachungsgeschichten und
Hilde
Streit: Wie oft waren wir da….
Rolf
Arno Streit: Das darfst du ja nicht sagen.
Hilde
Streit Warum nicht.
Rolf
Arno Streit (lacht) und flüstert…weil wir noch eine Einreise
haben wollen.
Hilde
Streit Achso.
(lacht)
Rolf
Arno Streit: Bringen sie das bitte nicht mit rein.(lacht)
Hilde
Streit: Achja wir wollen ne Einreise haben
Frage:
Es gibt doch so Einladungen auch……
Hilde
Streit Ne Einladung vom Senat.
Frage:
Die haben gerade dieses Jahr wieder so ein Programm aufgelegt.
Hilde
Streit: Ja eben, denn fahren wir wieder hin.
Rolf
Arno Streit: Ja ich persönlich hab geschrieben, ich war schon in
Deutschland……und deshalb würde mir das nicht
….beschieden….aber meine Frau…die noch nicht in Deutschland
war. (Hilde Streit lacht) wird … da meine Frau noch nicht in
Deutschland war….
Hilde
Streit :Das ist doch gar nicht mehr drauf
Rolf
Arno Streit. Natürlich ist das drauf.
Hilde
Streit: Achja.
Frage:
Wir legen das da nicht vor.
Hilde
Streit: Das wird abgeschnitten.
Rolf
Arnos Streit: Da meine Frau noch nicht in Deutschland war, hoffe
ich vielleicht durch sie meine neue Einreise zu bekommen.. (lacht)
ich persönlich würde so gerne meine Spesen übernehmen, wenn der
Senat sie für meine Frau übernimmt.
(LKW
Geräusche)
Frage.
Über den Spesen war der LKW drüber……Ich sag…über den Spesen
war der LKW drüber….
Rolf
Arno Streit: LKW ?
Frage:
Lastkraftwagen….ich weiß nicht wie sie das
Dietmar
Bruns: Camioao
Hilde
Streit: Camiao
Er
spricht ja perfekt Portugisiesch.
Rolf
Arno Streit: Soll ich das wiederholen?
Hilde
Streit. Lieber nicht.
Rolf
Arno Streit: Ist schon drauf? Ajah Haben sie sonst irgendwelche
Fragen zu stellen.
Frage:
Was wir vorhin ja nicht hatten, war den Eisenstein….das wir darüber
vielleicht noch mal reden, das der Eisenstein ja mit dem
Potemkin………in den Schauburgen gezeigt hat und das es ja bei der
Ufa mehr sone …..nationale Ausrichtung gab….das man so bestimmte
Filme nicht mehr gezeigt hat…später….es gab später
“Im
Westen nichts neues” der durfte ja bei der Ufa nicht gezeigt werden
und
der lief dann in den Schauburgen, wissen sie darüber irgendwas noch?
Rolf
Arno Streit: “Im
Westen nichts neues war wohl einer der größten Filme, der je
hergestellt wurde und ich glaube, er wurde in den Schauburgen
gezeigt, aber ich kann das nicht mit Bestimmtheit behaupten
………ich entsinne, das wir den Film gesehen haben in
London….wir sind …..mein Vater hatte eine Einladung bekommen nach
London zur Eröffnung eines …des größten Theaters von London
…..ich glaub es hieß Empire Palace…..da wurde der Film “Im
Westen nichts neues” “Gone with the wind” aufgeführt
Hilde
Streit/ Carl Heinz Streit: Das ist “Vom Winde verweht” Rolf
Arno Streit: Ach das ist Vom Winde verweht. Wie hieß denn der im
Westen nichts neues auf Englisch?
Frage:
“All quiet at.”
Carl
Heinz Streit: “All quiet at the on the eastern front” ….
Hilde
Streit: “Und warum durfte das nicht aufgeführt werden?
Frage:Das
war…..nicht national gesonnen….die haben behauptet das war
Gegenpropaganda.
Carl
Heinz Streit: Remarque Remarque.
Rolf
Arno Streit: “Ich glaub es war der Film, vielleicht war es auch
Gone with the wind…ich weiss es nicht. Carl Heinz Streit: Der kam
später, den haben wir in Brasilien gesehen. Hilde Streit:Ja den
haben wir in Brasilien gesehen. Rolf Arno Streit: Ja also es war der
Film im Westen nichts neues mit dem der ……… mit dem das neue
Kino in London eröffnet wurde, da sind wir rübergefahren…das
entsinnst du noch…”
Frage:
ich hab noch eine ein bißchen schwierige Frage. Wie das mit dem
Antisemitismus in Deutschland los ging…. wie ist das bei ihnen
gewesen…….ich mein mehr so das religiöse….war das jüdische ne
Religion oder war das ne bestimmte Weltanschauung oder waren sie mehr
Deutsche oder …..
Rolf
Arno Streit: “Wir waren mehr Deutsche als Juden. Wir sind sehr
….frei…liberal erzogen worden, aber wir waren bewußte Juden
…..wir waren wie man sagt Zweitagjuden….wir sind nur zweimal im
Jahr in die Synagoge gegangen… das war zum Neujahrsfest und zum
Versöhnungsfest…Roshoshone (Schreibweise?) war das Jahresfest
und Jomkippur (Schreibweise?) war das Versöhnungsfest……oder ist
das Versöhnungsfest das auch hier gehalten wird in Brasilien.
Aber
wir hatten natürlich Unannehmlichkeiten …in Deutschland …..ich
hatte eine ziemliche Affäre wegen eines christlichen Mädchens
und….. hatte dadurch sehr große Unannehmlichkeiten …….(LKW
Geräusche) über die ich mit nicht auslassen möchte. Auf jeden
Fall….die Nazis waren hinter mir her und ich konnte nur durch
Selbstverteidigung dem Schlimmsten entziehen. ……
Frage:
Wie war das in der Familie ihres Großvaters…War das stärker oder
weniger stark?
Rolf
Arno Streit: “Sie sprechen jetzt von der Religion, von der
Religiösität?
Meine
Großmutter war eine sehr religöse Jüdin, mein Großvater nicht.
Aber meine Großmutter hatte auch einen jüdischen Haushalt, es wurde
dort nur koscher gegessen..
Hilde
Streit: Haben sie erzählt mit dem Schweinefleisch?…………
Rolf
Arno Streit: ” …ja
und mein Großvater der war sehr….sehr wenig religiös …..und aß
sehr gerne Schweinefleisch…das kam zweimal im Jahre vor….das
meine Großmutter von Morgends bis abends …eben an den gehobenen
Feiertagen in der Synagoge gewesen ist …..dann ist er schnell ins
Restaurant gegangen und hat dort wunderbares Schweinefleisch
gegessen…..(lacht) Ja …….
Was
wollen sie sonst wissen?”
Wollt
ihr ein bisschen stehen……………..
Pause
31.
07. 1990
Rolf
Arno Streit am Klavier:
Aus
Werbezwecken hat man einen Schlager gemacht, den Schauburg Schlager,
der den Zuschauern…ne ich hab falsch gemacht, können wir noch mal
machen?
Ich
werde ihnen jetzt den Schauburg Schlager vorspielen, der aus
Werbezwecken gemacht worden ist
Klavier
Rolf
Arno Streit singt:
Kinder
seid vernünftig lasst die Frau durch denn sie will noch schnell mal
in die Schauburg
Klavier
Ende
Wiederholung
Ich
werde ihnen jetzt den Schauburg Schlager vorspielen, der aus
Werbezwecken gemacht worden ist.
Kinder
seid vernünftig lasst die Frau durch, denn sie will noch schnell mal
in die Schauburg
Wiederholung
Ich
werde ihnen jetzt den Schauburg Schlager vorspielen, der aus
Propagandazwecken gemacht worden ist.
Kinder
seid vernünftig lasst die Frau durch, denn sie will noch schnell mal
in die Schauburg.
Frage:
Herr Streit sie hatten erzählt, als im Februar 1927 die Schauburg
Millerntor eröffnet wurde da kam Henny Porten nach Hamburg, können
sie das noch mal erzählen wie das war?
Rolf
Arno Streit: Ja Henny Porten kam nach Hamburg um die Schauburg
Millerntor zu eröffnen. Da haben wir sie abgeholt am Hauptbahnhof.
Das war eine Menschenmenge unvorstellbar …..nachher schrieben die
Zeitungen,dass der Bahnhof mehr besetzt war von Menschen als bei der
Ankunft von dem Reichspräsidenten Ebert. Ja und dann ist die Henny
Porten …..hat da ein paar Worte gesprochen in der Millerntor
Schauburg und das war der Anfang der Schauburg
Frage:
Wissen sie noch wie der Film hiess in dem sie da gespielt hat?
Rolf
Arno Streit: Nein, das weiss ich nicht.
Das
weiss ich nicht.
Frage:
Dann sind ja auch in den Schauburgen die Filme von dem Eisenstein
gezeigt worden. Können sie das noch mal erzählen?
Von
Eisenstein ist gezeigt worden…wie ich erinnere ….der Film
…..der Film Potemkin ….sonst wüßte ich nicht, welche Filme dort
aufgeführt worden sind.
Frage:
Wollt ich noch mal nachfragen ….es lief ja (Flugzeug) ………es
lief ja in den Schauburgen auch der erste Tonfilm……. dieser Ton
war ja nicht sehr lang. Können sie mal sagen wie das ausgehen hat?
Rolf
Arno Streit: “Der Film
hiess “Ich küsse ihre Hand Madam” mit Harry Liedtke und Marlene
Dietrich . Innerhalb des Films wurde dann das Lied gesungen…. vom
Blauen Engel ne….ich weiß nicht mehr genau…. es wurde ein Lied
gesungen…der nicht nachher wie die allgemeinen Tonfilme gespielt
ist sondern durch Grammophonübertragung
Carl
Heinz Streit: Plattensystem Plattensystem…nachher kam das Optik
System auf Das war der Jazzsinger mit Al Jolson.
Frage:
Wann war das?
Carl
Heinz Streit: Das war gleich danach…ich weiss nicht mehr
welches Jahr es war.
Frage:
Das war denn schon der richtige Tonfilm.
Carl
Heinz Streit: Das war der richtige Tonfilm…der optische Tonfilm
ja…der erste optische Tonfilm.
Frage:
Das hat ja bestimmt damals auch ne Menge Geld gekostet. Wissen sie
was sowas kostete…son Tonfilmapparatur?
Carl
Heinz Streit: Die Tonfilmapparatur….nein das weiß ich nicht.
Rolf
Arno Streit: Ja die waren irrsinnig teuer. Wenn….das war die
erste Schauburg, die damit ausgerüstet ….die ………die
Tonfilmübertragung gehabt hat.
Carl
Heinz Streit: Die optische.
Rolf
Arno Streit: Und dann hintereinander wurden die anderen
Schauburgen auch damit ………..versehen………Aber wie teuer das
war…….das war ein ungeheurer …ungeheuer teuer…aber wie teuer
kann ich leider nicht mehr sagen.
Frage:
Es gab ja lange auch einen Streit zwischen den Stummfilmleuten und
den Tonfilmleuten und die Stummfilmleute haben ja immer gesagt, das
wär gar keine Kunst, das wär irgendwie nur …irgendwas anderes .
Rolf
Arno Streit: Nun naja …die sind mit ihrer Meinung ja nicht
durch gekommen denn jetzt gibt es ja nur noch Tonfilme………Also
das glaub ich nicht, das die damit durch gekommen sind…Das so etwas
existiert hat, das erinner ich auch …..aber wird naürlich sofort
abgeblasen…..
Frage:
Es gab dann noch….den Film ”Im Westen nichts neues” über den
ersten Weltkrieg ….ein amerikanischer Film, der in den Ufa Kinos
weder synchronisiert noch gezeigt werden durfte oder sollte. Und der
ist ja in den Schauburgen gelaufen…..Können sie darüber noch mal
was sagen:
Rolf
Arno Streit: Ja das war ein großer Erfolg…aber ……viel mehr
kann ich auch nicht darüber sagen. Er wurde in den Schauburgen
gespielt und das weiss ich, das erinner ich, daß mein Vater uns
sagte ….es war ein ganz großer Erfolg ………………..
Frage:
Zur Premiere waren sie………..waren sie …..zur Premiere des
Films ….
Rolf
Arno Streit: Sicher waren wir zur Premiere des Films…aber
Einzelheiten kann ich nicht sagen….denn das liegt ja schon viele
…viele Jahre zurück.
Frage:
Herr Streit …können sie noch mal erzählen, wie sie von Rio nach
Belo Horizonte gekommen…………wann das war.
Rolf
Arno Streit: Wir sind angekommen……das sagte ich schon im
Jahre 1936 …….mein Bruder und ich…..Später sind meine Eltern
gekommen…im Jahre 1938
……und
wie bekannt ist Rio eine der heißesten Städte der Welt …..wir
haben hier im Sommer ……Hitze….. bis zu über 40 Grad im
Schatten ……..das konnten meine Eltern nicht
vertragen……deshalb sind wir nach Belo Horizonte übersiedelt,
welches ungefähr achthundert Meter hoch liegt und dadurch
……einen Filter….ein besseres Klima hat. Ich will ihnen jetzt
mal kurz mal Belo Horizonte zeigen, was wir von oben hier sehen
können.Hier das ist Belo Horizonte (Die sagen immer bello)
Frage:
So sah es doch 1941 bestimmt noch nicht aus….das war…
Rolf
Arno Streit: Das möchte ich noch mal sagen. Belo Horizonte, als
wir hierher kamen 1941…..hat circa hundertfünfzigtausend
Einwohner….jetzt …..hat Belo Horizonte etwa drei Millionen
Einwohner….also ist größer als Hamburg……..
………………………………Pause………………….
Fotoansichten
Carl
Heinz Streit:
Dieses
Foto ist aufgenommen bei dem Fotografen Bieber, der einstmals der
größte Fotograf in Hamburg war.Dies ist mein Vater, dies ist mein
Bruder Rolf und dies bin ich.Wie sie sehen habe ich vergessen, das
Taschentuch in die Tasche zu stecken und hab dadurch von meinem Vater
eine große Tadelung bekommen……(Wiederholung)
Das
habich ihnen dann zugedacht.
Carl
Heinz Streit: Dieses hier ist die Familie Urich-Saß. …..Mein
Onkel Hermann Urich-Saß, meine Tante Hedwig Urich-Saß, meine
Cousine Vera ……schon verstorben….mein Vetter Horst Urich-Saß
und mein Vetter Jürgen Urich-Saß…auch schon verstorben ………
Wiederholung
Carl
Heinz Streit: Dies ist die Familie Urich-Sass….Das ist meine
Tante Hedwig Urich-Saß….schon verstorben, das ist die Tochter
Vera….auch schon verstorben……mein Onkel Hermann Urich-Saß
verstorben……Jürgen Urich-Saß….auch verstorben….der einzige
überlebende der Familie ist mein Vetter Horst Urich-Saß, der in
Mexiko und in den Staaten lebt.
Jetzt
kommt das nächste Foto
Carl
Heinz Streit. Dieses sind meine Eltern, mein Vater und meine
Mutter. Beide auch schon verstorben.
Dies
sind meine Großeltern Frida Henschel und Jeremias -genannt James
Henschel… …..
Eins
ist da noch zwischen…ein Kinderfoto
Dies
ist mein Bruder Rolf Arno Streit und dies bin ich Carl Heinz
Streit…..das ist aufgenommen vor circa ….70 Jahren….
augenommen
vor circa 70 Jahren……….(1990)
Da
war ich sieben….und mein Bruder 6 Jahre alt.
Etwas
älter.
Rolf
Arno Streit: Mein Bruder ist ja ein Jahr älter als ich ………
Der
Bruder oder selbst.
Rolf
Arno Streit:Jein…mein Bruder ist ja ein Jahr älter als
ich….der kann ja nie jünger werden…
Gut
ja……
Das
Bild mit dem Motorrad.Aber das ist aber so klein.
Geht
los.
Hilde
Streit. Also ich bin einmal …..einmal in meinem Leben Motorrad
gefahren hab keine Ahnung gehabt und der hinter mir gesessen hat hat
immer gesagt bremsen und dann hab ich nicht gewußt, wie zu bremsen
und hab immer mehr Gas gegeben…….Frager:..Das Foto ist in Hamburg
aufgenommen?. Hilde Streit : Ja ist in Hamburg aufgenommen
worden…aber wo kann ich nicht mehr sagen —
…………….Rolf:
Bebelallee ? Wie lange muß das her sein, Hansa Strasse?
Rolf
Arno Streit:Dieses Bild ist aufgenommen auf der Hochzeitsfeier
von meiner Tante Grete und von dem Onkel Hermann…….der ist
vielleicht fünfundzwanzigsechsundzwanzig Jahre alt gewesen und meine
Tante war ja in den zwanziger ….Anfang zwanzig ……sie war die
Schwester meiner Mutter ….ist leider beim ersten Kind verstorben
…bei der Geburt des ersten Kindes …. Dies hier ist mein Großvater
James und meine Großmutter Frida…Dies hier ist mein Vater Hugo
Streit…und meine Mutter Sophie Streit…..
…Hier
ist ein Familienbild der Familie Streit ……das wurde aufgenommen
in….soweit ich erinnere in den Schauburg Studien ……es war ein
Freund meines Vaters …..der in den Schauburgen ….in den Läden
der Schauburgen Fotoateliers betrieb ………..Auf diesem Bild sehen
sie die ganzen Brüder meines Vaters ….hier mein Vater……..hier
ein Bruder Max ein Bruder Richard , Bruder Albert ….ein Bruder John
…das war der älteste …..Frauen und die Kinder …hier ist die
Schwester Grete Hirschel mit ihrem Mann ……..und hier ist noch
Franz Traugott, der Prokurist meines Vater geworden ist….mit seiner
Frau Bianca….die vor einigen Jahren mit neunundneunzig…. Jahren
gestorben ist. ………..Hier sind lauter ………..
.Frage:
Den Manfred ….ist der auch da drauf zu sehen…. Manfred
Hirschel……Ist der Manfred Hirschel auch da drauf zu sehen?
Rolf
Arno Streit: Hier ist Manfred Hirschel ……Dies hier ist ein
Familienbild der Familie Streit.Und zwar wurde das aufgenommen
….wenn ich mich nicht irre….zum siebzigsten Geburtstag meines
Großvaters Jakob Streit…..Hier sehen sie meine Eltern….mein
Vater Hugo Streit und meine Mutter …hier bin ich …schlecht
getroffen…hier ist Max….Richard…Albert…. John…Bianca…und
Grete….alles geborene Streits mit ihren Männern …hier sitzen die
ganzen Kinder ….also meine Cousinen und meine Cousins …hier ist
mein Bruder noch zu sehen.
,,…………Dies
hier ist auf dem Eiffelturm…..hier sitzt meine Mutter …..mein
Vater….mein Bruder Carl Heinz und ich …..das sind die ersten
langen Hosen….die wir in Paris von meinen Eltern geschenkt bekommen
haben ……..das erinner ich noch…hier auf diesem Bild sehen sie
meine Großeltern Frida Henschel und James Henschel …..mit ihrer
Tochter Bianca Henschel…….. aufgenommen in Wiesbaden ……..
Die
ist ein Familien……dies ist ein Bild meiner Eltern mit meiner
Großmutter …………..LKW
nochmal
alles ?Frage: nur das letzte.Bild
Rolf
Arno Streit.: Dies ist das Bild meiner Eltern, mein Vater
…meine Mutter… meine Großmutter Frida Henschel …..und
weitläufige Verwandte …………im Hintergrund sehen sie unseren
Cadillac Wagen ….das war der erste Cadillac von Hamburg……und
hatte Aufsehen erregt…hier ist noch zu sehen unser Chauffeur
………….Ja das ist mein Vater ….Auf diesem Bild sehen sie
meinen Vater im Hintergrund ein Flugzeug ….wo das gewesen ist, kann
ich ihnen leider nicht mehr sagen .
…………dies
sind meine Eltern Hugo Streit und Sophie Streit mit der Schauburg
Zeitung….Jedes Kino ….jedes Kino….also jede Schauburg hatte
eine ……..hat eine…..hat eine Zeitung bekommen….die
gleichzeitig ein Programm von dem jeweiligen …..Film …enthalten
hat …….
……………..Hier
sehen sie mein Vater Hugo Streit…und Hermann Urich-Saß….sein
Kompagnon …die beiden haben die Schauburgen und den ganzen Konzern
gemeinsam aufgebaut…………Auf diesem Bild sehen sie meine
Großeltern Frida und James Henschel ……..mein Vater ….Hugo
Streit und meine Mutter Sophie Streit …….am Europäischen
…..vor dem Europäischen Hof in Baden Baden
…………Auf
diesem Bild sehen sie unser Haus in der Rothenbaumchaussee …… im
Vordergrund stehen …steht die Familie…. und hier ist der Cadillac
….noch einmal richtig zu sehen
……………Dies
ist ein Bild aufgenommen in Rio de Janeiro ….da sind wir soweit
erinnerlich nach Petropolis raufgefahren….dies ist meine Frau und
dies bin ich ….Rolf …….auf diesem Bild sehen sie mein
Hochzeitsbild mit meiner Frau ………die in Holland in Haag
….gefeiert wurde…..weil ich seinerzeit nicht mehr nach
Deutschland zurückkehren konnte …ohne Gefahr zu laufen ins
Konzentrationslager zu
…..zu
kommen. Da haben wir bei meiner Tante, die damals in Holland
lebte…Bianca…..unsere Hochzeit gefeiert…. Zu der Hochzeit sind
die ganzen Verwandten …auch meine Großeltern…. James und Frida
….auch meine Eltern und die Eltern meiner Frau herübergekommen
……….Tja………..dies ist ein kleines Bild in Monte Carlo
aufgenommen …..ich ersehe daraus nur….mein Großvater James und
meine Großmutter Frida… …..ein Moment….
Dies
ist ein Bild von der Cap Norte……das Schwesternschiff von der Cap
Polonio ….mit dem wir …meine Frau und ich nach der Hochzeit
wieder zurückgefahren sind nach Rio…. zurück bin nur ich gefahren
…..meine Frau habe ich aber mitgenommen ……..Hilde Streit:
Dankeschön (lacht)………………..Dies war auch ein Bild
…..hier ist der Betrüger drauf…das will ich gar nicht zeigen.
…
Frage:
Das ist auch von der Überfahrt.
Rolf
Arno Streit:…das ist auch der Betrüger drauf
Frage:
Dann machen wir die Zwischenstation in Portugal noch. Rolf Arno
Streit: Was ist das denn…..Frager: Portugal.
Rolf
Arno Streit: In Lissabon Sierra Campus …… 1937
…….Auf
diesem Bild ….soll ich anfangen…Auf diesem Bild sehen sie meine
Großeltern Streit Jakob und
Trude……………(Strassenbahn?geräusche)…….Auf diesem Bild
sehen sie meine Eltern auf der Cap Polonio …… sie besuchten uns
zu jener Zeit in Rio ………..sie besuchten uns im Jahre 1937
…nein das kann nicht sein…sie sind damals aus Amerika zurück
gekommen……ich entsinne das nicht mehr ganz genau
….
Hier sehen sie meine Eltern Hugo und Sophie Streit mit den Eltern
meines Vaters Trude und Jakob Streit …..mein Bruder Carl Heinz und
ich als der jüngere….auf dem Bild erscheine ich der Höhe wegen
als der ältere….aber in Wirklichkeit bin in der jüngere
……..hier
auf diesem Bild sehen sie meinen Bruder mit seiner Amme ……..das
bin ich….. da…
da
arische Musiker nicht mehr für Juden spielen durften…..spielen
durften haben wir eine jüdische Kapelle gegründet…………. den
Namen Catus…..ich war der Kapellmeister ….dies sind alles
jüdische Musiker …..wir spielten sehr viel auf jüdischen
Festen…privater Natur und auch …..entsinne ich ein Henry Jones
Logenball ……Henry Jones Logenball …..Hernry Jones Loge war eine
jüddische Loge und die hat dann jedes Jahr ein großes Fest gegeben
auf dem wir gespielt haben ………….
Frage:Buenos
Aires steht da hinten drauf.
Rolf
Arno Streit: Buenos Aires ……die haben gar nichts mit uns zu
tun…………: Ja dann sind wir durch.
Frage.
Das ist auch schon Buenos Aires
Rolf
Arno Streit: Nein das ist Travemünde.
Travemünde….
Ah ja…….(Hundegebell im Hintergrund)
Rolf
Arno Streit: Auf diesem Bild sehen sie wie die Menschen früher
am Strand angezogen waren. Dieses Bild zeigt den Strand von
Travemünde. Mein Vater im Badeanzug meine Mutter in der
Badeho….anzug. Mein Onkel…..alle gut gekleidet…hier bin ich und
hier ist mein Bruder Carl Heinz .
Das
ist 19…..und etwa 1913 gewesen….so ging man an den Strand….ne
eben nicht…ich hab mich geirrt….es waren keine Badeanzüge
……..es waren Anzüge mit steifen Kragen…..Eckenkragen ….meine
Mutter in einem eleganten Sommerkleid….mit Hut und die Amme hier
mit dicken Brüsten zu sehen.
Frager:
Und das andere Foto…können wir das noch sehen?
Rolf
Arno Streit: Hier sehen sie wiederum am Strand von Travemünde
die ganze Familie in ihren besten Kleidungsstücken…….
Frage.
Da waren laute Kinder, wollen wir das noch mal haben
ja
einmal
Rolf
Arno Streit: Aufg diesem Bild sehen sie die ganze Familie wie sie
damals vor circa achtzig Jahren am Strand von
Travemünde…….erschienen.
Hilde
Streit: Jetzt wenn sie in Rio sehen….wie die Leute da schwimmen
……
Frage:
Ich glaube, das genügt auch.
Ist
es alles schön Herr Kameramann?
Brasilianisch
wird jetzt geredet.
Die
Fragen stellte Jens Meyer, Kamera hat Dietmar Bruns gemacht
«SA-Mann Brand» Bericht über den Film gleichen Titels in: Völkischer Beobachter vom 16.6.1933. SA-Mann Brand; Produktion: Bavaria AG.; Drehbuchautoren: Joseph Dalmann und Joe Stöckel; Regie: Franz Seitz; Darsteller: Heinz Klingenberg, Otto Wernicke, Elise Aulinger, Rolf Wenkhaus, Joe Stöckel, Max Weydner, Manfred Pilot, Wastl Witt, Hedda Lembach, Helma Rückert, Fritz Greiner, Magda Lena, Vera Liessem, Adolf Lallinger, Otthein Haas, Theo Kaspar, Philipp Weichand, Rudolf Frank, Rudolf Kunig; Musik: Toni Thoms; Prädikat «Künstlerisch besonders wertvoll, volksbildend».
«Freitag abend kam es anläßlich der Erstaufführung des Filmes <SA-Mann Brand> zu Beginn der Vorstellung zu einem Zwischenfall. SA-Gruppenführer Beckerle teilte dem Publikum mit, daß die Reklameplakate von einem polnischen Maler angefertigt seien. In Anbetracht der Tatsache, daß der Besitzer des Kinos (Gloria Palast) seinem Wunsche, die Plakate zu entfernen, nicht nachgekommen sei, forderte er die erschienenen SA und SS-Mitglieder auf, den Raum zu verlassen. Die Anwesenden kamen diesem Verlangen sofort nach. Daraufhin wurde die Vorstellung abgebrochen.» Frankfurter Zeitung vom 18.6.1933; über die antijüdische Betätigung desselben Adolf Beckerle während des Krieges, als er Gesandter in Bulgarien war, siehe Léon Poliakov – Joseph Wulf: Das Dritte Reich und seine Diener, Berlin 1956, S. 11, 48-49, 53 und 56-58.
Hier irrte der SA Gruppenführer Adolf Beckerle: Das Plakat stammte von dem Grafiker Julius Ussy Engelhardt, geb am 18. September 1883 in Bindjey, Sumatra. So ist das, wenn man keine Ahnung hat.
Originalton Filmportal.de: “Franz Seitz sen. wurde am 14. April 1888 in München geboren. Nach dem Schulabschluss absolvierte er zwei Jahre lang eine private Schauspielausbildung bei Franz Jacobi vom Münchner Hoftheater. Unter dem Pseudonym „Franz Felix“ stand er anschließend an diversen bayerischen Theatern auf der Bühne. Ab 1908 hatte er ein dauerhaftes Engagement am Nürnberger Volkstheater. Zu dieser Zeit begann er auch als Regisseur zu arbeiten und inszenierte Stücke unter anderem in Innsbruck und Eisenach. Bis 1918 folgten weitere Engagements, zunächst in Regensburg, wo er ebenfalls Regie führte, dann am Münchner Volkstheater. 1919 wurde er ins Ensemble des Münchner Residenz Theaters berufen. Zu dieser Zeit lernte er auch seine spätere Ehefrau kennen, die Bühnenschauspielerin Anni Terofal.“ “Wir erleben den SA-Mann Brand in seiner Familie. Der Vater ist Sozialdemokrat, aber die Mutter heimlich auf des Sohnes Seite. Ihnen gegenüber wohnt eine Witwe, die sich kümmerlich mit ihrem Jungen durchs Leben schlägt. Hitlerjunge ist er, eine Uniform will er haben, und so näht seine Mutter nachts, um das Geld für ein Braunhemd aufzutreiben. Brand ist gut Freund mit ihm und nimmt ihn unter seinen Schutz, der in diesem Kommunistenviertel sehr nötig ist. Wir sehen das lichtscheue Gesindel, das mit allen Mitteln, mit List und Waffen versucht, die Reihen der SA zu sprengen. Aber immer werden sie rechtzeitig von einer Kommunistin gewarnt, die ihr Herz an den SA-Mann Brand verloren hat. Wir erleben die Überfälle der Kommune, sahen die Gegenwehr der SA und fühlen noch einmal diese ganze Zeit der Hetze, der Unsicherheit und des Verrates nach. Da wird nach Aufhebung des Uniformverbotes ein Propagandaumzug gemacht. Hitlerjunge Erich marschiert zum ersten Male in Uniform, da trifft ihn eine tückische Kugel. Behutsam bringt ihn Brand der gefaßten Mutter. Jede Hilfe kommt zu spät. Mit den Worten: «Ich geh jetzt zum Führer», haucht er sein junges Leben aus. – Und draußen dröhnt die Marschmusik der SA. Überraschend ist der Tag der nationalen Erhebung da. Deutschland ist frei.“ “Zu Seitz‘ regelmäßigen Darstellern gehörte der von der Bühne kommende Komiker Weiß-Ferdl, mit dem er zwischen 1928 und 1933 sechs Filme drehte. Danach wurde der ebenfalls vom bayerischen Theater kommende Volksschauspieler (und Regisseur) Joe Stöckel sein Stammschauspieler, wenn auch häufig in Nebenrollen. Die beiden arbeiteten bis 1937 bei 17 Filmen zusammen; Stöckel schrieb gemeinsam mit Joseph Dalmann meist auch die Drehbücher. So auch bei dem NS-Propagandafilm „SA-Mann Brand“ (1933), der ohne offiziellen Regierungsauftrag entstand und von Seitz in einer Art vorauseilendem Gehorsam inszeniert wurde. Stöckel schrieb sich darin die humorige Nebenrolle eines gutmütigen Hausbesitzers zu, der unter der Fuchtel seiner die Nazis ablehnenden Frau steht. Der Film war jedoch weder beim Publikum, noch bei der Kritik ein Erfolg.“ Bleibt noch anzumerken, dass Filmportal.de zwar bemerkt, dass der Film nicht im „Regierungsauftrag“ entstanden ist, aber nicht schreibt, wann die Dreharbeiten statt fanden. Aus anderer Quelle kommt die Angabe, die Dreharbeiten hätten von Mitte April bis Ende Mai 1933 stattgefunden. In der Zeit hatte die NSDAP vermutlich wichtigeres zu tun, als Franz Seitz einen Filmproduktionsauftrag zu erteilen.
(Zeichen 31.972) Falschheiten: Vorname Fritz! Abschrift: David Stewart Hull, Berkely USA, veröffentlicht in der Zeitschrift »Film« Heft 3 im August / »September 1963. Herausgegeben von Hans Dieter Roos und Werner Schwier. Es handelt sich dabei um eine Übersetzung des Artikels, der vom Autor David Stewart Hull (auch David Stuart Hull) durchgesehen und von der Redaktion der Zeitschrift »Film« gekürzt wurde. Der Aufsatz ist zuerst in der Zeitschrift „Film Quarterly“ im Sommer 1961 abgedruckt worden.„Abschrift eines Textes von David Stewart Hull (1961)“ weiterlesen