Apropos Manfred Salzgeber

Manfred Salzberger ist tot

(Abschrift eines Artikels aus der TAZ vom 18. August 1994 von Mariam Niroumand)

PDF Abschrift des Nachrufs Manfred Salzgeber

Welches Lied ich ihm singen würde? Eins ohne Ort jedenfalls, leicht in Amsterdam oder Nyon, im Schiff oder Flugzeug zu pfeifen, ein Lied zum Mitnehmen, das nach Leder schmeckt, nach „bitte noch einen Manhattan, Herr Wirt“ und eins, das auch nach der neuesten Aidstoten-Statistik noch hörbar wäre. Man müßte es auch zu mehreren, aber vor allem während des Tippens, Telefonierens oder Filmeinlegens summen können. Salzgeber, Deutschlands mutigster Filmverleiher, Filmaktivist, Film- Passionario, ist am Freitag morgen in einem Berliner Krankenhaus im Alter von 51 Jahren an Aids gestorben.

Solche wie ihn, ein Zufallskind, mitgeschleppt aus Lodz nach Stuttgart auf der Flucht vor den Russen, nannte man im Schwäbischen „Neigschmeckte“. Der floh ins Kino, als Dreijähriger schon an Omas Hand in „Brüderlein fein“ (so daß man sich nicht wundern muß, wenn er sich in den sechziger Jahren nicht zu schade war, den Studenten nachts um drei den „Förster im Silberwald“ zu zeigen). Lesen, lesen, Milchflaschenpfand in Kinokarten umsetzen, Mutters Deutsch in den Briefen ans Wohnungsamt korrigieren – Salzgeber ist ein Steher gewesen, und es ist mir ein Rätsel, wieso das nie penetrant war; wieso man ohne Umschweife schluckt, daß er das erste Western-Lexikon als 14jähriger mit achthundert Anmerkungen vollgekritzelt hat, weil er die Fehler von Leuten korrigieren mußte, die die Filme im Gegensatz zu ihm eben nicht gesehen hatten.

„Ich hatte im Kino immer einen Blick für die Titten Gary Coopers, Robert Mitchums und anderer Ektoplasmen; als ich das dann mit anderen Kindern durchsprechen wollte, wurde mir schnell klar, daß ich nicht nur ein Neigschmeckter war, sondern auch noch ein Schwuler.“

Ab also nach Berlin: mit einer halben Schauspielschule und der abgeschlossenen Buchhändlerlehre in der Tasche fing er bei Marga Schoeller an, was damals, in den frühen Sechzigern, einer von Berlins mobilsten Buchläden war. Er reiste mit William Burroughs durch die Lande. Von seinem Schreibtisch aus organisierte er die ersten Kopien für das neu gegründete Arsenal, ein kommunales Kino, von einem Kollektiv betrieben. Als mal keine Eintrittskarten mehr da waren, gaben sie hartgekochte Eier an die Gäste aus, die allerdings ordentlich gestempelt und dann im Kino gegessen wurden. Alle machten wirklich alles und Manfred ein bißchen mehr: Putzen, Projektor bedienen, Karten abreißen. Was er mochte: Science-fiction, CinemaScope, Paris, Chaplin: als „Monsieur Verdoux“ am Kudamm floppte, zeigte er ihn im Dahlemer Bali, seinem Kino, unter dem Originaltitel sechs Monate lang, und ging später zu den Chaplins, die ihm die Filme für die erste komplette Chaplin-Retro Deutschlands gaben. Georg Kloster, Berlins Programmkino-Mogul, war noch bei Salzgeber Kartenabreißer gewesen; es hat ihn nicht übel verbittert, wie Leute „ohne Eier“ ihn schließlich finanziell überflügelten.

Lange hat er es mit den „Freunden der Deutschen Kinemathek“ nicht ausgehalten: „Aus dem Kollektiv wurden schnell Herr und Frau Direktor – mit Villa im Grunewald“, hat er später geflucht. Salzgeber wollte eine Reihe zum Thema Palästina veranstalten, mit israelischen und palästinensischen Filmen, und als ihm daraufhin Antisemitismus vorgeworfen wurde, verabschiedete er sich vom Arsenal.

Von seinem Coming-out hat er nie viel Aufhebens gemacht. Eines Tages, in den späten Sechzigern, kam Alf Boldt – ein Mit-Kollektivist und Berliner Underground- Film-Connaisseur, der vor nicht allzu langer Zeit ebenfalls an Aids starb – mit dreißig roten Rosen in die Buchhandlung gestapft und fragte laut nach Frau Salzgeber. Die Kollegen applaudierten, und das war das.

Kurz darauf ging er mit Rosa von Praunheim und dessen Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ auf Tour durch achtzig große Städte. Es ist der Film mit der längsten Männerkußszene der Filmgeschichte: Viereinhalb Minuten waren es im Original, im Fernsehen dann 45 Sekunden, die Nation war außer sich. Der Küsser: Manfred Salzgeber.

Stammheim hat ihn einstweilen aus Deutschland vertrieben. Manche von den RAF-Aktivisten hatten mit ihm nachts im Bali gesessen und „Viva Maria“ gesehen. Als er einmal mit Dreitagebart aus dem Haus getreten und von jemandem beschimpft worden war: „Dich haben sie wohl zu vergasen vergessen“, zog er nach Amsterdam.

Moritz de Hadeln, der Leiter der Berliner Festspiele, hat ihn dann wiedergeholt. Salzgeber sollte die „Infoschau“ übernehmen, ein damals brachliegendes Parallelprogramm zum „Forum“, das erst durch Salzgeber das Panorama-Profil des ungekämmten Minderheitenkinos bekam: Filme wie „Together Alone“, der wohl schönste Aidsfilm der Welt, oder „Dialogues with Mad Women“, der ermutigendste Film für Paranoikerinnen, kamen unter seiner Regie nach Berlin.

1985, als er längst höchst alarmiert war, stellte er fest, daß kein Verleih sich wagte, „Buddies“, den ersten expliziten Aidsfilm, in die Kinos zu bringen. „Dieser Film kann Leben retten“ – sprachs und gründete prompt seinen eigenen Verleih: die „edition Manfred Salzgeber“, die mittlerweile über den Dächern des gutbürglichen Steglitz thront, mit kleiner Terasse, die Manfred Besuchern als Kirsche auf der Sahnetorte präsentierte. Es ärgerte ihn Tag und Nacht, daß die Aidshilfen lieber schlechte Kopien von Pressebändern dieser Filme zogen, als sie bei ihm zu leihen und damit Filmemacher zu unterstützen. „Die Vorstellung, daß Derek Jarman [inzwischen auch verstorben, d.R.] krank in einer kleinen Bude in London hockt und seine Miete nicht bezahlen kann, während die Aidshilfen für Staatsknete Hochglanz-Broschüren drucken lassen, macht mich wahnsinnig“, hat er mir einmal im Interview gesagt (taz vom 11.3. 1993).

Wahnsinnig gemacht hat ihn auch die deutsche Filmförderung (wen die nicht den Verstand kostet, der hat auch keinen zu verlieren). Lange hat er sich geweigert, Verleihförderung zu beantragen; aber bestimmte Projekte gingen eben nicht ohne. „Inzwischen muß der Kinoverleih, an dem unser Herz hängt, ohnehin durch Videoproduktion, Ankauf von Fernsehplätzen und Lizenzhandel gestützt werden“, sagt Björn Koll, einer der Erben aus Salzgebers schwuler Familie.

Vorsichtig äußern sie Zuversicht; schon seinetwegen wollen sie weitermachen. „Aids“, sagt Kurt Kupferschmid, „hat ihn vor allem geärgert. Wenn sein Körper nicht wollte, daß er ins Babylon fährt und Gus van Sants ,Mala Noche‘ vorstellt, dann hat er ihn eben gezwungen: halbe Flasche Sekt, paar Aspirin, und ab ging’s.“ Daß Leute manchmal so verrückte Sachen machen wie Seeurlaub oder „drei Tage im Grünen“ hatte er zwar mal irgendwo gehört, aber doch nie erlebt. Ist das nie jemandem auf die Nerven gegangen, hat das nicht was Protestantisches? „Nein, hat es nicht“, meint Kurt, „mir ging es mal drei Wochen lang sehr schlecht, da kannten wir uns noch gar nicht richtig, da hat er mich jeden Tag angerufen, auch von unterwegs aus. Wenn es einem schlecht ging oder man wollte ficken gehen, war er völlig einverstanden. Bloß simple Erholung, das ging nicht in seinen Kopf.“

Er selbst war in der Lederszene zu Hause, aber in der ohne Uniformen, und eher parlierenderweise am Thresen als in der Klappe. Welchen Film ich ihm spielen würde? „Together Alone“ ganz sicher, ein Zwiegespräch in Moll und Dur und Angst und Witz, in das Manfred Salzgeber ebenso leicht hineingeglitten wäre wie in einen samtroten Kinositz. Mariam Niroumand

Nächsten Mittwoch um 11.30 Uhr findet im Berliner Filmpalast eine Trauerfeier statt, auf der noch einmal „Blue“ von Derek Jarman gezeigt wird. Statt Blumen wünschte sich Salzgeber einen Beitrag für die Arbeit mit Aidsfilmen. Konto 390 871 7402, H.Herdege – Sonderkonto Salzgeber, Volksbank Göttingen, BLZ 260 900 50. (Vermutlich gibt es dieses Konto nicht mehr)

Der Artikel gefällt mir immer noch und die falsche Überschrift hat vermutlich wer anders geschrieben. Aber mit dieser Überschrift findet vielleicht die nächste Suchgeneration den Nachruf nicht. Manfred hätte bestimmt nichts dagegen gehabt und waere mit dieser Hochladung bestimmt einverstanden gewesen, habe ich mir eingeredet. Nur das Bali Kino ist keineswegs in Dahlem, sondern damals und auch heute noch in Zehlendorf. Am S-Bahnhof Zehlendorf, geführt von einer würdigen Nachfolgerin. Einer Neigschmeckten, die von einem Kino aus Mannheim kam.

Arsenal Kino 1970 Welserstraße

Briefe an Wiebeke (XIX) Über die Dryade

PDF Briefe an Wiebeke (XIX)

Hallo Wiebeke,

bald habe ich es geschafft. Ich bin schon auf Seite 507 des zweiten Bandes, insgesamt 570 Seiten. Ich weiss wirklich nicht, wie der Weltruhm von Hans Christian Andersen entstanden ist. Er ist wirklich der Koenig der Langweiler. Mit einer Einschraenkung. Er hat mir ein neues Wort beigebracht, das ich bis dahin nicht kannte und bevor ich es wieder vergesse, schreibe ich es Dir: Dryade.  Vermutlich kennst Du dieses Wort. Ich habe es in meinem Fremdwoerter Buch gefunden. »Dryade« = »weiblicher Baumgeist«.

Daneben habe ich dann noch gefunden: Diszession. Das werde ich demnaechst mal benutzen. Eigentlich merkwuerdig, dass es niemand benutzt, wo es doch so oft eingesetzt werden koennte. Auch dieses Wort kennst Du vermutlich, aber die Bedeutung, die mir mein Fremdwoerter Buch preis gibt, moechte ich Dir nicht vorenthalten: Diszession = Uebertritt  zu einer anderen Partei.

Wie derjenige genannt wird, der diesen Vorgang vollzieht, habe ich nicht herausgefunden. Diszessionent?  Zwei sehenswerte Filme, geschrieben von Holger Karsten Schmidt habe ich auf der Medieathekseite der ARD gefunden. Beziehungsweise hat mich mein Neffe Joerg darauf hingewiesen. Der hat son aehnlichen Geschmack wie ich. Die sind beide in der Reihe »Harter Brocken« entstanden und vorhanden: »Die Faelscherin« und der zweite ebenfalls gelungen: »Die Kronzeugin«, vielleicht kennst Du die, die sind schon beide etwas aelter.

Apropos Worte, warum immer das Wort »Fokus« benutzt wird, muss etwas mit unserer Kultur zu tun haben: Es ist so viel nichtssagender als das Wort »Brennpunkt«, das ich benutze. Achso: Die Walde Anzeige. Ich hab eine Mail an Doro geschickt.

Die ist noch in Berlin und hat auch mal in der Walde gewohnt, sie hat eine Tochter, die gleichaltrig ist mit Hannes. Jedenfalls hat sie auf meine Mail reagiert und will heute oder morgen mal in die Stabi in Berlin gehen. Heisst die wirklich Stabi in Berlin?

Auf meinem Balkon sind jetzt 50 Grad und da haben die Leute Angst, dass der Russe kein Gas mehr schickt und wir frieren muessen. Hoffentlich wird der Heini von der FDP Diszessionent, das waers doch. 

Was ich fast vergessen hätte. Da gibt es ein Heft der Filmkritik vom Mai 1970 bei mir. Darin ein Artikel, auf Seite 254 – (die haben ihre Hefte immer durchnummeriert, die erste Seite des Heftes hat die Nummer 229) mit der Überschrift: »Emotion Pictures«, darunter in Klammern »(Slowly Rockin‘ On)«, weiss der Teufel, was er uns damit sagen wollte, von dem damals noch völlig unbekannten Wim Wenders.

Er berichtet, dass er in München in Nachtvorstellungen Western von John Ford gesehen hatte, „in schlechten Kopien, häufig schlecht synchronisiert, das ist schmerzhaft, aber schwieriger ist es, das immer unwilliger reagierende Publikum zu ertragen, das einem ständig vor Augen führt, daß sich die scheußlichen Z-Filme die Zukunft gesichert haben, die Bilder, die einem die Sicht versperren und die Töne, die einen übers Ohr hauen“.

Auf Seite 256 dann ein Hinweis, auf eine Schallplatte von den Rolling Stones: “Die beste Platte von den Rolling Stones ist ihre einzige amerikanische: LIVEr than you‘ll ever be, und der Titel ist so gut wie die Musik, ist ein Raubdruck
von Mitschnitten bei der Amerikatournee der Stones aus dem letzten Jahr. Lebendiger und kraftvoller und metallischer und aggressiver haben sie nie vorher auf einer Platte gesungen“.

Man beachte dabei, dass der Artikel im Mai 1970 erschienen ist. Heute hat die Raubkopie Platte schon einen Wikipedia Eintrag. Und dabei stellt sich heraus: Der illegale Mitschnitt hat das Wort »Bootleg« was die Suchmaschine mit Stiefelschaft und Schmuggel übersetzt, bekommen und soll mit einem Tonbandgerät der Firma UHER entstanden sein.

Genauer mit einem UHER Report 4000. Ein legendäres Tonbandgerät, aber vermutlich in der Mono Ausführung. Und ich bin im Besitz eines Nachfolgemodelles der Firma UHER, das funktioniert: »UHER Report 1200 synchro«. Ein Stereo Gerät. Zwar hat der Akku vor einigen Jahren seinen Geist aufgegeben. Aber am Netz ist das Gerät voll funktionsfähig. Ich habe nicht nachgesehen, zu welchen Preis solche UHER Tonbandgeräte heute gehandelt werden, weil ich es nicht verkaufen will, so lange es noch so gut funktioniert. J.

PDF WimWendersMai1970

PDF WimWendersMai1970256