Briefe an Wiebeke (VII) Wir schreiben ab.

PDF Briefe an Wiebeke (VII) Wir schreiben ab

Romische Zahlen am BUG

Hallo Wiebeke,

da ist mal wieder so ein Brief von den Besserwissern der Medienberatung über den Film von Rüdiger Suchsland. Er zeichnet sich aus durch einen völlig unangemessenen Titel, der hier aber nicht wiederholt werden soll.

Die ARD schreibt und wir schreiben ab:

Das NS-Kino war ein staatlich gelenktes, rigider Zensur unterworfenes Kino. Zugleich wollte es „großes Kino“ sein; eine deutsche Traumfabrik, die Hollywood in jeder Hinsicht Paroli bieten wollte. So entstand ein staatliches Studiokino, das sein eigenes Starsystem etablierte und das sich nach modernsten Mitteln vermarktete. Auch im Ausland sollte der deutsche Film ideologisch wirken und kommerziell erfolgreich sein, wie mit Blockbustern à la „Münchhausen“. Das nationalsozialistische Kino dachte groß und war technisch perfekt gemacht. Die Filme weckten Sehnsüchte und boten Zuflucht; das Kino der NS-Zeit gab sich volkstümlich. Breite Massen fühlten und fühlen sich weiterhin von diesen Filmen angesprochen. Nur so ist die Wirkungskraft des NS-Kinos zu erklären. Wie funktionierten diese Filme im Sinne des Systems? Was verraten sie über das Publikum und seine Träume? Rüdiger Suchsland nimmt sich die Spielfilmproduktion der Jahre 1933-45 vor. Von den 1.000 hergestellten Filmen waren ca. 500 Komödien und Musikfilme, ca. 400 Melodramen, Abenteuer- und Detektivfilme. Zum unheimlichen Erbe der NS-Kinos gehören auch die Propagandafilme, die heute noch unter Vorbehalt stehen.“Hitlers Hollywood“ erzählt Geschichten von Tätern und Opfern, Rebellen und Überläufern. Der Film zeigt Stars wie Zarah Leander und Veit Harlan, wie auch diejenigen, die unfreiwillig zu Ikonen des NS-Kinos wurden wie Hans Albers, Gustaf Gründgens und Ilse Werner. Vorgestellt werden Filme, die voll auf Linie lagen, wie auch Regisseure, die untypische Filme inszenierten wie Helmut Käutner, Werner Hochbaum und Peter Pewas. Rüdiger Suchsland (*1968) zählt zu den führenden Filmpublizisten in Deutschland und ist u. a. im Beirat des Verbands der deutschen Filmkritik. 2008 erschien sein Buch „Zeichen und Wunder: Das Kino von Zhang Yimou und Wong Kar-Wai“. Er begann seine filmische Beschäftigung mit der deutschen Filmgeschichte 2014 mit seinem essayistischen Dokumentarfilm „Von Caligari zu Hitler“. Sein Blick auf Filme führt den filmsoziologischen Ansatz von Siegfried Kracauer (1889-1966) weiter, Filme als Seismographen ihrer Zeit zu betrachten, in denen sich das kulturelle Unbewusste einer Epoche zeigt.“ (Ende Zitat)

08.09.2019 Hitlers Hollywood. Von Rüdiger Suchsland

Alles an diesem Film ist falsch. Schon der Titel führt in die Irre. Er signalisiert dem potentiellen Zuschauer einen Vergleich: Aber was hat das Kino des Propagandaministers Joseph Goebbels mit Hollywood zu tun? Kenner der Materie wissen: Nichts.

Auch Rüdiger Suchsland scheint das aufgefallen zu sein. Vergleiche mit Produkten aus Hollywood – mit denen der UFA – fehlen in dem Film komplett. Ich muss es geahnt haben, als der Film letztes Jahr in den Pressevorführungen auftauchte. Obwohl mich ein solches Thema interessiert, hatte ich diese Pressevorführungen vermieden. Warum? Es gab mehrere Möglichkeiten:

1. Ein Verleih hatte sich diesen bekloppten Titel ausgedacht, weil Hitler immer noch ein guter Verkaufsartikel ist, ohne den Autor des Filmes dazu zu befragen. Solche falschen Filmtitel kommen in der Regel nur bei Importware zur Anwendung:

(Beispiel: Der Film über den Streik der englischen Arbeiterinnen bei Ford von Nigel Cole. Der Verleih hatte diesen Filmtitel, der im Original >Made in Dagenham< hieß, eingedeutscht in: >We want Sex<, was zu einer mittelschweren Katastrophe führte, wie die Verleihfirma später selber zugab.

2. Der Autor Rüdiger Suchsland hat sich den Titel selber ausgedacht. Warum weiss der Himmel. Vielleicht aus dem gleichen Grund, die den Verleih dazu gebracht haben könnte, diesen Titel zu erfinden. Hitler lässt sich immer noch gut vermarkten.

3. Der Autor hatte ursprünglich vor, tatsächlich einen Vergleich der Produktionen aus Hollywood mit denen von Berlin von 1933 – 1945 herzustellen. Aber die finanziellen Möglichkeiten fehlten.

4. Dem Autor fehlen Kenntnisse über die Filme, die deutsche Emigranten in Hollywood in der gleichen Zeit abgeliefert haben.

Ich neige zu Variante vier. Wenn die Kenntnisse für Vergleiche fehlen, dann lohnt sich die Besichtigung in einer Pressevorführung nicht. Reine Zeitverschwendung. Dafür ist das Leben zu kurz, es in langweiligen Pressevorführungen zu verschwenden.

Nun hat ARTE den Film mehrfach in seinem Spätprogramm (Beginn nach 23.45) wiederholt. Nicht ungeschickt. Auch ich bin darauf reingefallen. Während das Fernsehprogramm in der sog. Hauptsendezeit von Tag zu Tagschlechter wird, wird man hin wieder nach 0.00 Uhr mit Überraschungen bedient, die nach meiner Meinung einen früheren Sendetermin verdient hätten. Mit anderen Worten: Hätte ARTE diesen Film um 20.15 Uhr ins Programm genommen: Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, hier läuft irgendwas, was dich interessieren könnte. Also vorschlafen und gucken. Reingefallen.

Vielleicht hätte er es mit dem Anfang des Filmes von Veit Harlan >Opfergang< versuchen sollen, der in der gleichen Zeit in Deutschland entstanden ist.

Oder das Original von >It happend one night< (Es geschah in einer Nacht) von 1934 mit der deutschen Neuverfilmung von 1936 >Glückskinder< verglichen, die zwei Jahre später in Deutschland hergestellt wurde.

Vielleicht ein schlechter Vergleich, weil ja bekanntlich alle Neuverfilmungen schlechter als die Originale sind, wie die Filmgeschichte immer wieder beweist.

Auffallend auch, dass mehrere Filme, die Suchsland in Ausschnitten zeigt, erst in die Kinos gelangten, als Joseph Goebbels schon seine Kinder vergiftet hatte.

Nein. Der Film von Rüdiger Suchsland ist genauso bekloppt, wie es der Titel bereits ankündigt. Da helfen die Hinweise auf die Texte von Siegfried Kracauer nichts. Im Film finden sie keine Umsetzung. Suchsland signalisiert damit lediglich, dass er Kracauers Texte gelesen hat. Das ist im Jahr 2017 zu wenig für einen Film, der sich mit dieser Materie beschäftigt. Faszit: Wir von der Medienberatung wissen alles besser und halten damit auch nicht hinterm Berg, sondern laden es hoch.

Briefe an Wiebeke (XVI) Übers Pokulieren (Wilfried Berghahn)

Hallo Wiebeke.

Romische Zahlen am BUG

PDF Briefe an Wiebeke (XVI)

die Pandemie hat auch ihre guten Seiten. Ich habe das Buch von Michael Wedel: „Wilfried Berghahn – Filmkritiker“ mal anders gelesen als sonst meine Buecher. Vorwiegend im Umgang mit dem Gebrauch und dem Lesen von Fremdworten. Michael Wedel hat viele Texte von Wilfried Berghahn herausgesucht. Einige davon kannte ich aus meiner Filmjugend. Die hatte ich in meiner damaligen Lieblingszeitschrift „Filmkritik“ gelesen, aber meistens nicht verstanden. Das geht mir heute natuerlich anders. Auch den Umgang mit mir fremden Worten hat sich seit dieser Zeit bei mir geaendert.

Zum Umgang mit Fremdworten: Ich habe da verschiedene Entwicklungsstufen. Erste Stufe: Wenn mir Worte fremd sind und ich ihre Bedeutung nicht erkennen kann, schaue ich nach. Zweite Stufe: war dann oft die Feststellung, das die eingesetzten Worte falsch verwendet wurden oder ihr Einsatz machte bei vielen Texten keinen Sinn. Im Gegenteil: Der Autor, oder die Autorin versteckt sich hinter etwas und taeuscht Wissen vor, das nicht vorhanden ist. Schaumschlaegerei. Vortaeuschung von Intellektualitaet, die aber auch nicht vorhanden ist. Angeberei.

Daraus folgend die dritte Stufe. Nach der Erfahrung mit Texten, wo der Einsatz der Worte fehlerhaft ist: Einfach ueberlesen und so stehen lassen. Bei den Texten von Wilfried Berghahn habe ich es anders gemacht und mir jedes mir fremde Wort nachgesehen und habe erfahren, dass es tatsaechlich Texte gibt, wo es einen Sinn macht, im Fremdwoerterbuch nachzusehen. So ist eine stattliche Summe von Worten entstanden, die in den Texten von W.B. tatsaechlich Sinn machen.

Hier eine kleine Auswahl der von ihm verwendeten Worte: denaturieren=introspektiv=puerilen=evaporieren=travestieren=ridikuele.

Und ich stelle fest. Zum ersten Mal in meinem Leben, hat mir das Fremdwoerterbuch die Sicherheit verschafft, dieser Wilfried Berghahn kennt (kannte = weil schon verstorben) tatsaechlich die fremden Worte, die er benutzt, Verzeihung, natuerlich benutzte.

Manchmal kommen natuerlich die Fragen, ob es nicht die einfachen Worte auch gebracht haetten. Aber was solls. Darauf lasst uns pekulieren. Verzeihung- ich meinte natuerlich: pokulieren.

Und fuer alle Menschen, die ueber kein Fremdwoerterbuch verfuegen:(abgeschrieben aus dem Duden Fremdwörterbuch vom Juli 2001):

denaturieren= 1) Stoffe durch Zusaetze so veraendern, dass sie ihre urspruenglichen Eigenschaften verlieren, 2) vergaellen, ungenießbar machen 3) Eiweißstoffe chemisch irreversiberl veraendern. Darunter das naechste Wort ist: denazifizieren = entnazifizieren. introspektiv = auf dem Weg der Innenschau, der psychologischen Selbsterkenntnis. puerilen = kindlich, im Kindesalter vorkommend, dafuer typisch. evaporieren = a) verdunsten, b) Wasser aus einer Fluessigkeit (bes. Milch) verdampfen lassen u. sie auf diese Weise eindicken. travestieren = 1) als Travestie darbieten. 2) ins Laecherliche ziehen. (Anmerkung des Lesers: Ein Fremdwort mit einem anderen Fremdwort zu erklaeren, dazu gehoert schon was, aber das genannte Wort steht direkt da drueber: Travestie = Umkleidung: komisch-satirische literarische Gattung, die bekannte Stoffe der Dichtung in eine ihnen nicht angemessene Form uebertraegt; vgl. Parodie. ridikuel = laecherlich (dahinter steht noch: veraltend, was auch immer das heissen soll). Pekulieren fehlt in dieser Dudenausgabe, aber das Wort pokulieren ist da = zechen, stark trinken. Hier steht dahinter: (veraltet) und das wollen wir den Damen und Herren aus Mannheim, Leipzig, Wien und Zürich mal glauben. Jens

Tier