Toluol, Wechselschicht und Rotationsdruckmaschinen

von Gaston Kirsche

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Toluol, Wechselschicht und Rotationsdruckmaschinen

1984 begann ich eine Ausbildung zum Tiefdrucker, nach der Lehre wurde ich bei Broschek übernommen. Das Arbeiten mit krebserregenden Farben, Nachtschichten für die schnellere Akkumulation der kapitalintensiven großen Rotationsdruckmaschinen, aber auch die Hilfsbereitschaft der Kollegen haben mich geprägt.

Der Tiefpunkt war meistens so zwischen zwei und drei Uhr morgens. Der Körper will schlafen und versteht nicht, warum er hier an der Rotation steht. Die Papierbahn rast durch die zehn Druckwerke, überall Papierstaub, trotz der Ohrstöpsel ist es laut. Der Maschinenkontrollstand ist außerhalb der Box, in der die dreistöckige Druckmaschine läuft. Aber für jeden Arbeitsschritt direkt an der Maschine wird die Tür der Box geöffnet, ran an die vibrierenden Druckwerke, es ist stickig und warm, eine Verständigung ist hier nur durch Brüllen möglich. Im Sommer läuft der Schweiß. Die tonnenschweren Druckzylinder rotieren, auf der Druckmaschinenverkleidung klebt ein dünner Film. Eine Verbindung aus dem Schmieröl, das bei der hohen Laufgeschwindigkeit zwischen den Achsen der Druckzylinder und den Lagern verdunstet, Metallabrieb von den Rakelmessern, mit welchen die überschüssige Farbe vom Druckzylinder abgezogen wird, unzähligen kleinsten Papierfasern und Lösemitteldämpfen. Wenn es einen Reißer gibt, müssen alle Drucker rein und die über drei Meter sechzig breite Papierbahn über die Laufstangen wieder durch die zehn Druckwerke führen. Fünf für den Schöndruck, fünf für den Widerdruck. In den Farbwannen schwimmt die dünnflüssige Druckfarbe auf Toluolbasis. Toluol stand da schon lange im Verdacht, krebserregend zu sein. Dass wurde durch die Studie „Toluol in Tiefdruckereien* des Instituts für Arbeitsphysiologie an der Universität Dortmund aus dem Jahr 2001 aber nicht bestätigt. Allerdings wurden Gesundheitsschäden im Allgemeinen durch Toluol in der Studie auch nicht ausgeschlossen.

Toluol verdunstet bei niedrigeren Temperaturen als Wasser, etwa bei 80 Grad Celsius. Im menschlichen Körper reichert es sich leicht an. Dass meiste verdunstete Toluol aus den Farbwannen wird über riesige Rohre mit Trichterförmigen Öffnungen abgesaugt, aber nicht alles. Gearbeitet wird ohne Handschuhe, Farbreste werden mit in Toluol getränkten Lappen abgewischt. Andere, nicht gesundheitsgefährdende Lösungsmittel für die Tiefdruckfarben sind teurer. Also Toluol.

In einem Artikel stand 1994 in drei Absätzen etwas über die schädliche Wirkung von Toluol auf Menschen: Münchner Wissenschaftler hatten das Blut von Druckereiarbeitern aus Baden-Württemberg analysiert. „Bei Beschäftigten, die länger als 16 Jahre im Tiefdruck arbeiteten, war die Anzahl von deformierten Erbinformationsträgern in den Zellen wesentlich höher als bei den Kollegen, die erst kürzer dabei waren. Da gab es Brüche in den Chromosomenärmchen, winzig kleine Verbindungsteilchen fehlten oder waren vertauscht. Solcherart Fehler in der genetischen Information können vermehrt entstehen, wenn die Reparaturmechanismen in der Zelle nicht mehr richtig funktionieren, hieß es unter der Überschrift: „Wir lassen sie sterben“: „Bei ersten Gesundheitsuntersuchungen hatten die Drucker sich über ständig trockene Schleimhäute in Mund, Nase und Rachen beklagt. Sonst war nichts weiter aufgefallen.

Durchhalten, keine Schwäche zeigen: „Als die Forscher sie jedoch einige Jahre später zur Nachuntersuchung baten, gab es eine böse Überraschung: 4 der insgesamt 60 untersuchten Tiefdrucker waren mittlerweile an Krebs gestorben“. Der nicht namentlich gezeichnete Artikel erschien am 7. März 1994 in der Ausgabe 10/1994 von „Der Spiegel“. Gedruckt wurde auch diese Ausgabe in der Tiefdruckerei des Axel-Springer-Konzerns in Ahrensburg bei Hamburg wie üblich mit Farben auf Toluolbasis. Eine Umweltschutzorganisation, meiner Erinnerung nach Greenpeace, ließ in den 80iger Jahren Exemplare von „Der Spiegel“ in einer einmaligen Aktion ohne Toluolfarben nachdrucken und verteilen. Die Leser*innen sollten sich nicht mit den Rückständen der toluolhaltigen Farben vergiften, war der Tenor der Aktion. Über die in der Druckerei Arbeitenden, die am meisten unter der Schadstoffbelastung litten, wurde bei der Aktion geschwiegen. Selten wurde mir deutlicher, wie falsch es ist, ökologische Forderungen ohne gleichzeitige Kritik an den Produktionsbedingungen und dem Dogma der Kapitalverwertung zu stellen.

Zurück zur Nachtschicht an der Tiefdruckrotationsmaschine. Gedruckt wird der jährliche IKEA-Katalog, in Millionenauflage. Heute ist der Druckbogen mit den Betten dran, die ganze Nacht durch: 32 Katalogseiten mit Betten, Matratzen, Decken, Bezügen. Aber anstatt im Bett zu liegen, achte ich auf den Passer beim Fortdruck. Die gesamte Maschinenbesetzung reagiert nachts um zwei fahriger als sonst, wenn beim Rollenwechsel die Papierbahn reißt, der Passer nicht mehr stimmt oder Dreck an einem Rakelmesser ist. Es arbeiten mehr Drucker an den Maschinen als der Verband der Druckindustrie möchte. Einer kann immer Pause machen. Tarifvertraglich geregelt, durch Streiks erkämpft: Der Manteltarifvertrag mit genauen Angaben zur Maschinenbesetzung. Gilt und galt aber nur in tarifgebundenen Betrieben. Die Druckerei Broschek, in der ich arbeitete, war für ihren hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad und einen kämpferischen Betriebsrat bekannt. In der Belegschaft wurde auf die Einhaltung der tariflichen Vereinbarungen seitens der Geschäftsleitung und der Vorgensetzen geachtet. Zwei von der Maschinenbesetzung, ein Drucker und ein Helfer, waren im Pausenraum neben dem Drucksaal, wie die unwirtliche, rein funktional eingerichtete Fabrikhalle genannt wurde. Wenn sie nach 30 Minuten aus der Pause zurückkamen, konnten die nächsten gehen.

Noch weit entfernt war in den 80iger Jahren eine Besserung bei den gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen. Denn: der Lärm, die Toluoldämpfe all das musste nicht sein. Erst im Laufe der 1990er Jahre wurde Toluol als Lösungsmittel in den Farbrezepturen ersetzt. Maßgeblich hierfür waren Kampagnen von Seiten der damaligen Industriegewerkschaft Druck und Papier und ihrer Schwesterorganisationen in Europa. Tatsächlich ist die Druckindustrie seitdem, was Gesundheitsschutz und dann auch Umweltschutz betrifft, ziemlich weit vorne es hat viel Einsatz der Drucker und ihrer Gewerkschaften erfordert. Was erstmal blieb, war die Kontaminierung der Böden. Broschek war eine der ersten Industriedruckereien, die saniert wurden. Am 30. August 2019 erklärte der Hamburger Senat als Antwort auf die Schriftliche Kleine Anfrage eines Abgeordneten der CDU in der Drucksache 21/18127: Im Jahr 1992 wurden auf dem Gelände der Firma Broschek Bodenuntersuchungen durchgeführt, bei denen großflächig Bodenverunreinigungen mit dem eingesetzten Lösungsmittel Toluol festgestellt wurden. Danach erfolgten umfangreiche Sanierungsmaßnahmen, die im Jahr 1996 abgeschlossen wurden.

Neben dem Lösungsmittel Toluol waren auch der Lärm und der Schichtbetrieb an den großen Rotationsmaschinen gesundheitlich stark belastend. Gearbeitet wurde in drei Schichten rund um die Uhr. Im wöchentlichen Wechsel, Frühschicht, Spätschicht und die Nachtschicht: Um 22 Uhr fängt die Arbeit an, um sechs Uhr morgens ist Feierabend. Freitagabends um 22 Uhr zum Schichtbeginn an der Rotationsdruckmaschine anzutreten war surreal. Klar gibt es gesellschaftlich notwendige Arbeit, die rund um die Uhr erledigt werden muss. Drucken gehört nicht dazu. Die großen Rotationsmaschinen sind teure Investitionen damit sie sich schneller amortisieren, laufen sie rund um die Uhr. Nachtschicht, Gesundheitsgefährdung für den Profit. Die starke Vernutzung durch Arbeit hat ihren Preis. Nicht alle erreichen überhaupt das Rentenalter.

Für Frauen war Nachtarbeit im produktiven Gewerbe aus Arbeitsschutz bis 1992 verboten – für Männer nicht. Dementsprechend war der Drucksaal eine absolute Männerdomäne, selbst die weiblichen Betriebsrätinnen aus anderen Abteilungen trauten sich kaum in den Drucksaal. In der Verwaltung arbeiteten viele Frauen, auch in der Buchbinderei. Die Druckvorstufe, wo die Druckvorlagen und die Druckformen in einer kleineren Abteilung hergestellt wurden die schweren Kupferzylinder mit Stahlkern arbeitete auch in Dreischicht und war eine Männerdomäne. In der Buchbinderei in einer weiteren Fabrikhalle wurden die an der Druckmaschine bereits gefalzten Vorprodukte durch Heftung oder Klebebindung zu Zeitschriften oder Katalogen weiterverarbeitet. Hier arbeiteten viele Frauen. Im Zweischichtbetrieb, keine Nachtschicht. Die Arbeitsbereiche waren strikt voneinander getrennt, wer in der Buchbinderei arbeitete sollte nicht in den Drucksaal gehen und umgekehrt man hatte auch genug mit der eigenen Arbeit zu tun und in den Pausen blieb man unter sich im eigenen Pausenraum der Abteilung.

Durch das Arbeiten nur unter Männern, durch die gegenseitige Selbstbestätigung im Lebensmittelpunkt Drucksaal wurden patriarchale Muster reproduziert: Frauen sieht man Zuhause oder in der Freizeit. An der Längsseite des Drucksaals standen verbeulte Metallschränke. In diesen persönlichen Spinden für Essen und Trinken hingen meist Fotos von nackten Frauen. Broschek war eine Akzidenzdruckerei das heißt, sie war nicht an einen Verlag gebunden, sondern es wurden alle möglichen Aufträge angenommen interessant fand ich die Angebotskataloge der großen Supermarktkette Kmart aus den USA und die Unterschiede in der Präsentation für das dortige Publikum. Über einen großen Auftrag wurde im Drucksaal schon Tage vor dem Andruck begeistert gesprochen, Kollegen hatten schon Teile davon in der Druckvorstufe gesehen: Ein dickes Sonderheft vom Playboy mit Klebebindung, es hieß Best-Of oder so. Einige Kollegen wollten für sich ein Heft mitnehmen, die Anderen schwiegen dazu. Als an der Andruckmaschine die üblichen Proben hergestellt wurden, um zu prüfen, ob die Druckzylinder richtig graviert waren, der Passer stimmte, die verschiedenen Farben passend übereinander gedruckt wurden und die Farbdichte, die Farbtöne und die Brillanz okay waren, kamen wesentlich mehr Kollegen als sonst von den Fortdruckmaschinen mal zum Schauen in die Hallenecke, wo die Andruckmaschine stand. Die nackten Frauen auf den Abbildungen werden ausführlich bewertet.

Patriarchat und Rassismus prägen auch die Lohnarbeit und finden durch die Rangordnung an den Arbeitsplätzen scheinbar Bestätigung, werden im Bewusstsein reproduziert. Die qualifizierten Drucker am Maschinenpult sind meist weiß und einsprachig, die Hilfsarbeiter im Papierkeller und an den Maschinenauslagen, wo die gedruckten und gefalzten Produkte abgelegt werden, sind in der Regel schwarzhaarig und mehrsprachig. Wenn bei Stoppern Alle anpacken, um die Rotation wieder ins Laufen zu bringen, oder beim Wechsel der Druckzylinder, beim Wechsel der Rakelmesser immer haben der Maschinenführer und die anderen Drucker das Kommando. Die anspruchsvollsten Arbeiten, etwa die Farbdichtemessung mit dem Densitometer, um die Volltondichte, die optische Dichte der Farben zu kontrollieren, erledigen Maschinenführer und Drucker. Eine prägende Hierarchisierung. Typisch für die traditionell verstandene Klasse aus weißen, männlichen Facharbeitern. Frauen und Migrant*innen waren in der klassischen Vorstellung von der Arbeiterklasse unsichtbar, der Arbeiterstolz wurde von Männlichkeit und Stärke geprägt, das körperliche Leiden an den Arbeitsbedingungen ignoriert.

Während der Lehre zum Drucker Tiefdruck/Offset liefen der andere Auszubildende und ich an den Maschinen mit, wir sollten in der laufenden Produktion lernen. Eine Lehrwerkstatt gab es 1984 bei Broschek nicht mehr wir versuchten uns möglichst viel abzugucken. Einen Maschinenleitstand selbst zu dirigieren, habe ich erst zwei Tage vor meiner praktischen Abschlussprüfung länger üben können. Die große, dreistöckige Rotation selbst hochzufahren war eine tolle Erfahrung. Aber in der laufenden Produktion war meine Tätigkeit ich in der Regel auf das Erledigen kleinerer Arbeiten auf Zuruf beschränkt. Und es gab Zuarbeiten, welche die Maschinenführer an uns Auszubildende delegierten: Den Ölstand der Motorenblöcke der Druckmaschinenmotoren im Papierkeller zu kontrollieren, oder neue Rakelmesser in die Halterungen zu spannen. Die Rakelmesser nutzten sich ab, spätestens wenn ein Druckzylinder sich eine halbe Million Mal gedreht hatte, war die Schneide runter. Sie waren unverzichtbar, denn an ihnen wurde die überschüssige Farbe abgestreift, wenn nachdem ein Druckzylinder durch die Farbwanne gelaufen war: Nur in den napfförmigen Vertiefungen, in den mikroskopisch klein eingravierten Löchern in der Kupferbeschichtung der Druckzylinder sollte die Farbe verbleiben, um auf die Papierbahn gedruckt zu werden. Durch die unterschiedliche Tiefe der Löcher wurde unterschiedlich viel Farbe auf das Papier gedruckt, so entstand die feine Farbbrillanz, für die der Illustrationstiefdruck bekannt ist. Die Rakelmesser waren dünne Stahlbänder, so lang wie die Druckzylinder breit waren etwa 2, 64 Meter, wenn ich mich richtig erinnere mit einer superscharfen feinen Schneide: dem Rakel, das sich an den Druckzylinder andrückte. Beim Einsetzen der Rakelmesser in die Halterungen brauchte man eigentlich Handschuhe, um sich nicht zu schneiden aber dann hätte man nicht genug Feingefühl in den Fingern, um das Blech millimetergenau und ohne Wellen zu justieren. Die Narben an den Händen von den Schnitten, wenn mal was schiefging, sind mir geblieben. Da wir Auszubildenden nur zwei Pausen hatten, entzog ich mich dem Lärm, den Tolouldämpfen und der Monotonie an der Rotation manchmal in eine Toilette. Die meisten Kollegen deckten es hilfsbereit, wenn wir Azubis mal raus wollten. Wenn ich dort ein paar Minuten saß, spürte ich, wie ich mich in meinem eigenen Körper ins Innerste verkrochen hatte. Die äußere Hülle meines Körpers war mir fremd, schmutzig, Farb- und Lösemittelrückstände bis in die Haarspitzen. Die Gemeinschaftsduschen waren zum Feierabend der Ort des Auflebens.

Diese Erfahrung von mir liegt über dreißig Jahre zurück, meine erste Erfahrung mit Lohnarbeit. Die Tiefdruckerei Broschek, in der ich in den 80igern arbeitete, hatte einen links dominierten Betriebsrat dessen damalige stellvertretende Vorsitzende der Zeitschrift Konkret ein Interview zum Thema „Sexismus im Betrieb“ gegeben hatte, woraufhin sie fristlos gekündigt wurde. Es waren vor allem die Chefs mit Schlips in der Verwaltung, deren sexistisches Verhalten, deren Sprüche sie im Interview prägnant kritisiert hatte. Die engagierte Betriebsrätin gewann aber die Prozesse auf Wiedereinstellung. Mehrere Betriebsräte auch sie – waren erst wieder in die Industriegewerkschaft (IG) Druck und Papier aufgenommen worden, nachdem sie infolge der „Unvereinbarkeitsbeschlüsse der DGB-Gewerkschaften als Mitglieder des Kommunistischen Bundes (KB) in den 1970iger Jahren ausgeschlossen worden waren. In der IG Druck und Papier hieß die entsprechende Maßgabe zwar „Abgrenzungsbeschluss”, aber es ging um das gleiche: Den Ausschluss gewerkschaftsoppositioneller radikaler Linker, vor allem von betrieblich aktiven Mitgliedern von „K-Gruppen – kommunistischen Vereinigungen links von der DKP.

Bei Warnstreiks in den Tarifrunden war Broschek immer vorneweg dabei: Mehr Lohn, bessere Arbeitsbedingungen dafür stand eine Mehrheit der Beschäftigten ein. Wenn es nötig war, was alle zwei, drei Jahre vorkam, ließ sich die Belegschaft in Tarifrunden innerhalb weniger Stunden zum Warnstreik vor das Fabriktor am Bargkoppelweg 61 rufen, um einer Gewerkschaftsforderung Nachdruck zu verleihen. Als Auszubildender und danach habe ich im Drucksaal viel kollegiale Unterstützung erleben können. Trotzdem war das Klassenbewusstsein durchwachsen. Klar für mehr Lohn, für einen starken Betriebsrat. Aber schon beim Einsatz für eine kämpferische Gewerkschaft war den meisten das eigene kleine Glück wichtiger. Es gab Konkurrenz, es gab Sexismus, Rassismus. Ein Kollege schwärmte davon, nach Südafrika auswandern zu wollen, das damals noch ein Apartheidsstaat war. Und der eigene Hausbau war wichtiger als Politik. Sicher hing dass auch mit Enttäuschungen zusammen, mit Resignation. Aber das Bewusstsein, sich als Klasse formieren zu wollen, politisch kämpfen zu wollen, über den eigenen Tellerrand hinaus dass war eher randständig. 

Die Druckindustrie hatte in den 80igern schon die technologische Umwälzung durch elektronische Daten- und Textverarbeitung und den Einsatz von Mikroprozessoren hinter sich der Bleisatz etwa war Geschichte. Während die Streiks 1973 und 1976 noch vorrangig Lohnstreiks gewesen waren, versuchte die IG Druck und Papier danach, die durch Digitalisierung neu mögliche Rationalisierung zu entschleunigen und sozial zu gestalten. Auch der Arbeitsschutz spielte schon eine Rolle. Bei den Streiks 1978 ging es um den Rationalisierungsschutz für Setzer. So gab es einen von beiden Seiten hart geführten Arbeitskampf in der Druckindustrie: Die im DGB damals Linksaußen stehende IG Druck und Papier forderte einen Ausgleich für Rationalisierungen, sichere Arbeitsplätze und menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Der Streik endete mit der Vereinbarung des als RTS-Vertrag in die Gewerkschaftsgeschichte eingegangenen Vereinbarung: Den Tarifvertrag über die Einführung und Anwendung rechnergestützter Textsysteme. Auch wenn die Berufsgruppe der Schriftsetzer trotzdem verschwand: Der Arbeitsplatzabbau konnte zum einen verlangsamt werden, zum anderen wurden viele Setzer zu Angestellten in den Redaktionen. Beim Streik 1984 ging es um die 35-Stundenwoche, nach 12 langen und harten Wochen Streik konnte deren stufenweise Einführung bis im Jahr 1996 im Tarifvertrag erreicht werden allerdings war der Unternehmerverband der Druckindustrie nur um den Preis der Zustimmung der IG Druck und Papier zu weitgehenden Flexibilisierungsmöglichkeiten zu Lasten der Beschäftigten dazu bereit. Die Zustimmung zur Flexibilisierung hat bis heute negative Folgen für die Beschäftigten der Druckindustrie.

Nicht nur der Beruf des Setzers ist verschwunden aus sieben Berufen der Druckvorstufe, von der Reprofotografie über Elektronische Bildbearbeitung bis hin zur Tiefdruckretusche, ist mittlerweile ein einziger geworden: Die Mediengestalterin print/digital. 2018 arbeiteten nur noch 131.700 Menschen in der Druckindustrie in sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen. Die Zahl der Beschäftigten ist seit 1975 rückläufig. Gegenüber dem Stand von 1980 (223.864) ist die Zahl der Beschäftigten um rund 41 Prozent gesunken (Zahlen des Bundesverbandes Druck und Medien). Der Umsatz ist dabei bis 2000 stark angestiegen und stagniert seitdem bei etwa 20 Milliarden Euro. Seit 2001 nahm die Zahl der Druck-Betriebe innerhalb von etwas mehr als 10 Jahren bundesweit um 30 Prozent ab, ebenfalls die Zahl der Beschäftigten”, so Martin Dieckmann, der frühere Leiter des Fachbereichs Medien in der Gewerkschaft ver.di in Hamburg und Nord einen guten Überblick erworben hat: Besonders hart traf es die Betriebe mit mehr als 500 Beschäftigten, mit einem Niedergang um 60 Prozent und der Beschäftigten dort ebenfalls um 60 Prozent, teils durch Schließungen, teils durch reines Schrumpfen” Hier wurde am stärksten rationalisiert: „Bei den Zahlen spielt auch die dramatische Schrumpfung des Personals durch neue Maschinengenerationen eine Rolle: Seit Anfang der 200er Jahre kamen etwa im Zeitungs-Druck und auch in der Weiterverarbeitung auf den Markt, die teilweise zur Halbierung nicht nur des Drucksaals sondern auch der Weiterverarbeitung führten”, so Martin Dieckmann.

Insbesondere im Tiefdruck gab und gibt es europaweit große Überkapazitäten. Seit 2005 hat sich die Konkurrenz verschärft, infolge der kapitalintensiven Konzentration auf zwei Konzerne: 2002 weitete sich die süddeutsche Schlott-Firmengruppe zum Konzern aus, gab Aktien aus und kaufte massiv zu; 2002 auch Broschek. Dagegen formierte sich mit Prinovis die EU-weit größte Zusammenschluss von Tiefdruckereien der Konzerne Springer, Bertelsmann und Gruner + Jahr. Überkapazitäten und der folgende „brutale Preiskampf“, wie Martin Dieckmann es auf den Punkt bringt, führten zu einer Serie von Betriebsschließungen, darunter Prinovis Darmstadt, Bauer-Druck in Köln und 2011 zur Insolvenz der Schlott AG. Während sich für fünf süddeutsche Schlott-Betriebe neue Besitzer fanden, wurde die Hamburger Druckerei Broschek nicht verkauft, sondern geschlossen. Seriöse Kaufangebote gab es nicht, stattdessen hatten Betriebsrat, Gewerkschaft und Stadt einige Mühe, ein windiges Angebot eines branchenweit bekannten Abenteurers abzuwehren.

In der Nacht vom 12. auf den 13. April 2011 wurden die Druckmaschinen bei Broschek eine nach der anderen ein letztes Mal runtergefahren. Stille im Drucksaal. Im Dezember, einen Tag vor Weihnachten, verließ der Betriebsratsvorsitzende Kai Schliemann als Letzter den Betrieb. Broschek war Geschichte. Heute gibt es nur noch wenige Tiefdruckereien, selbst der Ikea-Katalog erscheint nicht mehr gedruckt.

Die Schrumpfung und Konzentration im Tiefdruck gingen weiter: Am 2. Mai 2014 verließ die letzte Schicht die seitdem geschlossene Tiefdruckerei von Prinovis in Itzehoe. Anders als bei Broschek konnte die Belegschaft in Itzehoe mit ihren in der Stadt breit unterstützten Aktionen immerhin einen sehr guten Sozialplan mit hohen Abfindungen und einer Transfergesellschaft erreichen. Denn die Schließung von Prinovis Itzehoe wurde anderthalb Jahre zuvor angekündigt und der Bertelsmann-Konzern kam am Ende für die Kosten des gesamten Sozialplans auf. Bei Broschek war es schwieriger. Hier ließ die Insolvenz der gesamten Schlott AG keinen Spielraum für Verhandlungen über einen guten Sozialplan zu: Es war kein Geld mehr für Abfindungen vorhanden, geschweige denn für eine zusätzliche Transfergesellschaft. Die modernen Tiefdruckaggregate bei Broschek wurden an andere Druckereien verkauft. Das Gelände von Broschek liegt heute brach, die Gebäude wurden vorletztes Jahr abgerissen. Gaston Kirsche

*Die Studie »Toluol in Tiefdruckereien« war vom Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften beauftragt und u.a. vom Bundesverband Druck und Medien sowie ver.di unterstützt worden.

Der Niedergang des Tiefdrucks

Komplett geschlossen wurden

-1997: Burda, Darmstadt (600 Beschäftigte)

-2008: Prinovis in Darmstadt (fast 300)

-2008: Metz, Aachen (40)

-2010: Bauer Druck, Köln (knapp 400)

-2011: Broschek in Hamburg (200)

-2011: Schlott in Freudenstadt (300)

-2013: Badenia in Karlsruhe (100)

-2014: Prinovis in Itzehoe (750 plus 250*)

-2015: Bruckmann, Oberschleißheim (130)

-2021: Prinovis in Nürnberg (zuletzt 460)

*Werkvertrags- und Leiharbeitskräfte

Innerhalb von 24 Jahren haben alleine durch Betriebsschließungen über 3.500 Menschen ihre Arbeit im Tiefdruck verloren. Insgesamt wurden viel mehr Leute entlassen: Viele gingen vorzeitig in Rente, schieden per Freiwilligenprogramm aus, bei der Fluktuation im Betrieb freiwerdende Stellen wurden nicht wieder besetzt. Auch in anderen europäischen Ländern sind komplette Tiefdruckereien geschlossen worden. Quelle: ver.di/Fachbereich 8 Auf den Fotos sind Proteste gegen die Schließung von Prinovis Itzehoe 2013 zu sehen. Nachweis: verdi/Fachbereich 8

Interview mit Olaf Berg über seine dreijährige Ausbildung in der Druckerei der Axel Springer Verlag AG in Ahrensburg.

In den 80iger Jahren wurde in der Druckindustrie stark rationalisiert und Arbeit verdichtet. Durch Flexibilisierung und Auslagerung von Betriebsteilen wurden ehemals kämpferische Belegschaften verkleinert, Abteilungen gegeneinander Konkurrenz gesetzt. So wurden die Lohnarbeitenden der Branche, welche 1984 erfolgreich als erste die Arbeitszeitverkürzung zur 35-Stundenwoche erstreikt hatten nachhaltig verunsichert. (Gaston Kirsche)

Du hast 1987 in der Druckerei von Springer in Ahrensburg eine Lehre als Druckvorlagenhersteller begonnen?

Ja, als ich 1987 bei Springer angefangen habe, war der große Druckerstreik von 1984 schon Geschichte. Aber es gab noch eine grundsätzliche Kampf- und Streikbereitschaft und das Bewusstsein, etwas durchsetzen zu können. Es gab aber keine systematische Ansprache von uns neuen Azubis auf Mitgliedschaft in der Gewerkschaft. Ich musste da von mir aus aktiv werden und geriet auf das Treffen der IG Druck & Papier Jugend, auf dem diese sich gerade auflösen wollte, weil sich die Teilnehmenden alle als zu alt empfanden. Den Ortsverein in Ahrensburg, fast identisch mit der Betriebsgruppe von Springer in Ahrensburg, habe ich als ziemlich verschnarchte Versammlung älterer Männer empfunden. Gewerkschaftsarbeit war da weitestgehend kooptiertes Mitregulieren von Kleinigkeiten im Betriebsablauf und Umsetzen von Ansagen der Gewerkschaftsleitung.

Aber die Auswirkungen des 12-wöchigen Erzwingungsstreiks von 1984 waren für dich spürbar?

Ja, auf mehreren Ebenen war der zu spüren. Ganz deutlich durch den erreichten Einstieg in die 35- Stundenwoche, der während meiner Lehre stattfand. Die 37-Stundenwoche wurde jedenfalls in der Zeit meiner Ausbildung in Stufen eingeführt. Auch wenn wir die 35-Stundenwoche da noch nicht erreicht haben, war die halbe Stunde weniger arbeiten am Tag für mich sehr deutlich zu spüren. Es war nicht nur die halbe Stunde mehr Zeit, ich war auch einfach weniger kaputt, um mit der Freizeit sinnvolles anzufangen.Die Forderung nach der 35-Stundenwoche war in der Gewerkschaft nicht unumstritten. Als gemeinsamer Nenner hat sie sich letztlich durchgesetzt, weil diejenigen, die lieber mehr Lohn als mehr Zeit haben wollten, darin das Potential für mehr Überstunden mit entsprechendem Zuschlag entdeckten. Aber Jugendarbeitslosigkeit war damals ein großes Thema. Die offiziellen Argumente waren selbstverständlich gerechtere Verteilung der vorhandenen Arbeit auf alle Arbeitenden und mehr Lebensqualität. Aus Klassenperspektive hätte es besser gerechtere Verteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit heißen müssen.

War noch etwas von der Erfahrung von 1984 zu spüren, durch einen harten Streik eine Arbeitszeitverkürzung erzwungen zu haben?

Es gab eine Grundstimmung im Betrieb, gemeinsam etwas erreichen zu können. Ich würde das nicht als Klassenbewusstsein überschätzen. Es war eher die Erfahrung, über die Gewerkschaft Lohnerhöhungen und Arbeitsverbesserungen durchzusetzen. Dafür gab es eingespielte Rituale der Eskalationsstufen, bei denen die große Mehrheit der Arbeitenden mitmachte. Dass lernte ich als drei Stufen kennen:Zuerst spontane Betriebsversammlungen, wenn die Tarifrunde angelaufen war und in den Abteilungen die Ansage die Runde machte, sich um 13 Uhr in der Kantine zu versammeln, um sich vom Betriebsrat über den Stand der Verhandlungen informieren zu lassen.Zweite Stufe waren Warnstreiks von ein paar Stunden, zu denen während der laufenden Tarifverhandlungen aufgerufen wurde. Irgendwann wurde es dann ernst  die dritte Stufe  und es gab ein oder zwei Wochen Streik.Den Streik habe ich nur sehr bedingt mitbekommen, weil der in meinen Berufsschulblock fiel und es die Absprache gab, das es keinen Sinn macht, den Unterricht zu bestreiken. Auch die Azubis im Betrieb sollten weiter zur Ausbildung gehen. Sie durften nur in der Lehrwerkstatt arbeiten und konnten so auch die Arbeitskraft der Ausbilder binden, damit die nicht in der Produktion eingesetzt werden konnten. Das klappte soweit ich das mitbekommen habe, ganz gut, aber die Gewerkschaft insgesamt war da nicht sehr kampflustig und hat sich recht schnell geeinigt.

Wie reagierte die Kapitalseite?

Die Unternehmer reagierten auf die durchgesetzten Verbesserungen der Arbeitsbedingungen mit Tarifflucht und Auslagerung. Als ich bei Springer anfing, hatte Gruner & Jahr mit seiner Druckerei in Itzehoe gerade den Austritt aus dem Tarif erklärt und ein flexibilisiertes 4-Schicht-Modell eingeführt, mit dem die Maschinen 24/7 liefen, ohne angemessene Nacht- und Wochenend-Zuschläge zu zahlen. Zusammen mit technologischem Fortschritt bei verbesserten Offset- und Tiefdruckverfahren wurde dadurch die Produktionskapazität erhöht und Gruner & Jahr zog die einige Jahre zuvor erworbene Option, den Druckauftrag des „Spiegel“ an sich zu ziehen. Darum wurde mir zur Einstellung als erstes gesagt: Wenn ihr ausgelernt habt, geht der „Spiegel“ an Gruner & Jahr und ihr Azubis werdet nicht übernommen. So kam es dann auch. Wobei der „Spiegel“-Auftrag nur ein Teil des Grundes war, man kann sogar sagen, nur ein Vorwand.

Springer hatte genug Arbeit?

Ja, in den drei Jahren meiner Ausbildung hat Springer durchaus neue Aufträge akquiriert. Aber in den drei Jahren wurden ganz viele Arbeiten in der Druckvorstufe, wo ich ausgebildet wurde, rationalisiert Stichwort OT-Verfahren und vor allem an Kleinstbetriebe, die oft von ehemaligen Mitarbeiter*innen geführt wurden, ausgelagert. Die aktuellen Teile, die sehr genau in die redaktionellen Abläufe eingebunden produziert werden mussten, blieben im Haus, alles andere, wie etwa die in der Produktion aufwändigen Werbeanzeigen, wurden als Werkaufträge extern vergeben.

Rationalisierung und Auslagerung um den Profit zu erhöhen?

Als ich ausgelernt hatte, wurde rund ein Drittel der Belegschaft entlassen beziehungsweise mit Abfindungen und Vorruhestandsregelungen aus dem Arbeitsleben gedrängt. Der Betriebsrat rechnete damals vor, dass alle gehalten werden könnten, wenn die externen Aufträge wieder ins Haus geholt werden, aber die waren halt billiger, weil dort keine Tariflöhne galten und die Betriebe oft auf einer Abrufbasis arbeiteten. Einige meiner Mit-Azubis waren nach der Ausbildung bei solchen Betrieben auf der Liste. Im Betrieb stand das Gerät, wenn es einen Auftrag gab, wurden sie angerufen und auf Stundenbasis bezahlt.

Und die Belegschaft hat sich dagegen nicht offen gewehrt?

Der Widerstand im Betrieb gegen die Entlassungen war ziemlich handzahm. Wie das mit dem Betriebsrat rechtlich so ist. Das Unternehmen entscheidet, wie viele gehen müssen, der Betriebsrat darf mitreden, nach welchen sozialen Kriterien ausgewählt wird, wer gehen muss. Gelingt es ihm, die Älteren mit Abfindungen und Vorruhestandsregelungen zufrieden zu stellen und den jüngeren eine Weiterbeschäftigungsperspektive zu bieten, ist der Betriebsrat zufrieden. Auf eine echte Konfrontation wollten sie sich nicht einlassen und ich vermute, die Belegschaft war dafür auch nicht geschlossen genug. Entsprechend angespannt waren die freigestellten Betriebsräte und meine Auseinandersetzung mit dem Personalchef über meine Übernahme musste ich vor Ort nahezu alleine austragen.

Hattest du einen Rechtsanspruch auf Übernahme?

Als Mitglied der Auszubildenden- und Jugendvertretung, der an Betriebsratssitzungen teilgenommen hat, hätte der Betrieb mich eigentlich auf mein Verlangen übernehmen müssen. Aber der für mich zuständige Freigestellte weigerte sich offen, an dem Gespräch als Zeuge teilzunehmen, weil er nicht ins offene Messer laufen wollte. Der für Drucker zuständige Freigestellte ging dann doch noch mit. Unter den Bedingungen, keinen Rückhalt zu haben, habe ich mich dann letztlich auch mit Geld abfinden lassen aber dabei immerhin den Preis von zuerstangebotenen 2.500 auf 10.000 DM hochgetrieben. Insgesamt herrschte beim Springer Verlag, nachdem der Gründerchef Axel Springer gestorben war und das ganze zur Aktiengesellschaft geworden war, bei vielen die Vorstellung vom guten alten Springer, der familiär-patriarchal für das Wohl seiner Arbeiter gesorgt habe. Der neue neoliberale Ton im Betrieb wurde dem Wandel zur Aktiengesellschaft zugeschrieben: Die buchhalterische Aufteilung in Crop-Center, also jeweils für sich profitabel arbeiten müssende Abteilungen, gerade auch in Konkurrenz zu anderen Abteilungen gerechnet, setzte jede Abteilung unter Druck, für sich Gewinn abzuwerfen, sonst wurde ausgelagert, wie ich es schon geschildert habe.

Keine guten Aussichten für Gegenwehr

Klassenbewusstsein gab es nur noch vereinzelt. Das hing sehr von der Abteilung und dort auch noch der Schicht ab. Ich erinnere mich, dass es eine Schicht in der Montage gab, der Abteilung, wo Text und Bild zur Vorlage für den fertigen Druckbogen zusammengefügt werden, wo es Mitglieder der DKP, der Deutschen Kommunistischen Partei, gab, die mit mir als Lehrling politische Gespräche anfingen. Und es gab eine Schicht in der Elektronischen Bildverarbeitung, die kämpferisch war und mich bei meinem Kampf um die Übernahme unterstützte. In der Elektronischen Bildverarbeitung war es vor allem eine Genossin, die auch Betriebsrätin war, aber nicht freigestellt, die mir mal erzählte, dass sie früher als sie bei Broschek Druck gearbeitet hat, Mitglied im KB, dem Kommunistischen Bund war, deswegen sie zuerst aus der Gewerkschaft ausgeschlossen und dann vom Betrieb entlassen worden war. Aber dann konnte sie bei Springer anfangen zu Arbeiten. Im KB war sie zu dem Zeitpunkt aber nicht mehr. Jedenfalls war das eine Schicht wo alle dahinter standen, dass alle Azubis zumindest für drei Monate übernommen werden sollten, um einen ordentlichen Start ins Berufsleben zu haben und die sich trotz Produktionsdruck nicht davon abbringen ließen, den Azubis was zu zeigen und beizubringen.

Gedanken zu Klasse und Kampf

Die Klassenverhältnisse sind nicht verschwunden, sondern entrechteter und flexibilisierter worden. Dass es kaum kollektiven Klassenkampf von unten gibt ist kein Grund, den antagonistischen Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit zu übersehen.

Sicher habe ich einiges vergessen von den frühen Einführungen in die Kritik der politischen Ökonomie, von den Schulungstexten „Lohn, Preis, Profit“ und „Lohnarbeit und Kapital von Karl Marx, die wir in den Jugendgruppen des Kommunistischen Bundes gemeinsam gelesen haben, aber die eigene Erfahrung nicht. In der Grafischen Jugend haben wir während meiner Lehre und später der Arbeit als ausgelernter Drucker über ein Verbot der Nachtarbeit in der Druckindustrie gesprochen. Die Studierenden in meiner WG haben die Probleme durch die Dreischichtarbeit nur ansatzweise verstanden. Wenn sie lange frühstücken wollten, war an Schlaf nicht zu denken. Für sie waren meine Arbeitsbedingungen einfach außerhalb ihrer Vorstellungswelt. Dabei kellnerten oder jobbten sie selbst auch.

Meine Lehre und Arbeit als Drucker war das eigentümliche Gegenstück zu meinen späteren Arbeitserfahrungen in linken Verlagen und Zeitungen. Während in der Druckerei darauf geachtet wurde, die Arbeitskraft möglichst teuer zu verkaufen und politische Fragen darüber hinaus kaum eine Rolle spielten, so ging es in den alternativen Betrieben nur um politische Fragen, ohne den Verkauf der Arbeitskraft zu thematisieren. Eine Hinterfragung der durch die Besitzverhältnisse determinierten Entscheidungsstrukturen habe ich bisher nicht erlebt. Meine Lohnarbeit begann in einer Phase des Rollbacks in fast allen Bereichen, nachdem es in den 60iger Jahren in der Hochphase der fordistischen Massenproduktion gerade an den Fließbändern eine Phase der Revolte und der harten, auch wilden Streiks quer durch Westeuropa gab. Und parallel Aufbrüche im Gender, im universitären, (sub-) kulturellen Bereich und in der Reproduktion. Die Lohnquote am gesellschaftlichen Eigentum stieg, es gab eine Umverteilung von oben nach unten. Auch deswegen forcierten die Kapitalbesitzenden den durch die Entwicklung der Mikroprozessoren technisch plötzlich möglichen Umbau weg von der fordistischen Großserienproduktion für Standardmilieus hin zur postfordistischen Kleinserienproduktion für sich auch dadurch im Konsum ausdifferenzierende Submilieus: Weg vom reinen Taylorismus, hin zur Kombination von Fließband und Gruppenarbeit. Weg vom tarifvertraglich regulierten Normalarbeitsverhältnis hin zur Spannbreite vom prekären Teilzeitjob bis zur ausgebauten privilegierten Innovationsmittelschicht. Die Klassenverhältnisse sind dabei nicht verschwunden, sondern entrechtet und flexibilisiert worden. Weg vom nationalen Markt hin zum globalisierten kapitalistischen Weltsystem, mit seinen immer schon existierenden, mittlerweile aber stark ausgebauten Produktions- und Wertschöpfungsketten über Grenzen hinweg. Klassenkampf macht so nationalstaatsbezogen keinen Sinn mehr, sowohl das Zusammenfließen der Klassenkerne als auch der Kämpfe hat immer auch eine transnationale Ebene. Durch die technologische Entwicklung wurde eine Internationalisierung von Produktionsabläufen möglich, mit der von den Besitzenden der Produktionsanlagen eine extreme Zunahme von entgrenzter Konkurrenz durchgesetzt wurde: Mit der zunehmenden weltweiten Standortkonkurrenz zwischen den nationalen Wettbewerbsstaaten wurden funktionierende nationale Absatzmärkte und deren Stabilisierung durch garantierte Lohnquoten und Sozialstaat überflüssig. Austeritätspolitik und Deregulierung ermöglichten auch in den kapitalistischen Metropolen den Ausschluss ganzer Bevölkerungsgruppen aus der gesellschaftlichen Teilhabe, wie sie bis dahin nur in den Staaten der Peripherie im Süden üblich war. Durch die Entgarantierung traditioneller Lohnarbeitsverhältnisse in Vollzeit brach auch die Rolle des Familienernährers auf. So kam es nicht nur zur materiellen Verunsicherung der männlichen weißen Facharbeiter, sondern auch zu neuen flexiblen Chancen für Frauen, Eingewanderte, Minderheiten, niedrig wie höher Qualifizierte im Bereich der Lohnarbeit.

Dass diese Chancen genutzt werden, ist nicht die Ursache der Abwertung der männlichen weißen Arbeiter. Ebenso wenig wie ein nebulöser „Neoliberalismus“: Ein Begriff wie ein Feindbild, der nicht politökonomisch hergeleitet wird, sondern mit Ressentiments gegen „die da oben gegen die „ein Prozent, die „Eliten einhergeht. Und von einer ideologisch motivierten Trennung von produktivem Industrie- versus spekulativem Finanzkapital ausgeht, die es in der grausamen politökonomischen Realität nicht gibt. Charakteristisch sind die fließenden Übergänge zwischen Industrie- und Finanzkapital. Antikapitalismus braucht eine radikale Kritik der politischen Ökonomie, die auf der Ablehnung der Lohnarbeit und des stummen Zwanges in sie basiert. Es gilt, Verteilungskämpfe innerhalb des Kapitalismus, darum, sich möglichst teuer zu verkaufen, nicht als den ganzen Klassenkampf zu verstehen. Es ist bestenfalls der Halbe und wird erst dann eine runde Sache, wenn in die Verteilungskämpfe das Aufbegehren gegen die Lohnarbeit, gegen Ausbeutung, Entfremdung und Zwang eingeschrieben ist. Sonst sind es legitime, notwendige, aber nicht an den notwendigen Bruch mit dem Kapitalverhältnis anschlussfähige Verteilungs-, gegenwärtig meist Abwehrkämpfe. Klassenkampf ist nicht denkbar ohne die Absicht, die Klassenverhältnisse positiv in einer ausbeutungsfreien Gesellschaft aufzuheben. Dies im Bewusstsein darum, dass die Arbeiterklasse in Deutschland im Nationalsozialismus negativ in die Volksgemeinschaft der Täter*innen der Shoah überführt wurde. Die Arbeiterklasse für sich oder Fragmente von ihr kann und können sich nach dieser Geschichte nur als sozialer Prozess neu konstituieren, mit einer transnationalen, antideutschen und antiherrschaftlichen Ausrichtung. Die Vorstellung einer statischen Klasse, wie sie im Arbeiterbewegungsmarxismus verstanden wird, ist obsolet. Traditionelle Linke behaupten gerne die Existenz „der“ Klasse für sich, um etwas zum vertreten zu haben, eine Legitimation für ihre Stellvertreterpolitik. Eine Arbeiterklasse für sich, als politisches Subjekt der Befreiung, als Selbstermächtigung, ist aber nur punktuell als verdichtetes Kräfteverhältnis möglich, nicht als quasi institutionalisierte soziale Einheit. Arbeiterklasse als politisches Subjekt hat und ist keine unveränderliche Essenz, sondern kann im Moment des Ausbruchs, des widerständigen sich Findens zusammenkommen, eine kritische Masse werden. Hilfreich können dafür Organisationen sein, Träger*innen von Flaschenpost voller Erfahrungen aus Kämpfen und der marxistischen Kritik der politischen Ökonomie – antagonistischer Theorie.

Klassenkampf ist nicht mit einer kapitalismusimmanenten Zielvorstellung denkbar. Durch die Perspektive des Bruchs mit der Kapitalverwertung an sich, durch sein revolutionäres Moment ist Klassenkampf an den Bruch mit dem umweltzerstörerischen Wachstumsfetischismus der Kapitalverwertung anschlussfähig. Der Kampf gegen die Lohnarbeit kann mit dem Kampf gegen die Klimazerstörung zusammengehen, wenn beides radikal gedacht wird. Sonst nicht. Gegen die Vernutzung der Natur, gegen die Vernutzung der Lohnarbeitenden. Das Eine macht ohne dass Andere auch keinen Sinn.

Wichtig ist dabei, Befreiung von der Lohnarbeit und der Naturzerstörung von unten heranzugehen. Nicht über die Apparate von Wahlparteien, welche durch die Parlamentsarbeit dominiert werden, sondern über soziale Bewegungen von unten, über radikale, organisierte Kerne in ihnen. Gaston Kirsche

Mein Opa bei Broschek

Ist mir aus meiner fernen Sicht nicht aufgefallen. Nun ist es wohl weg, das Druck- und Verlagshaus des A. Caesar Springer. Meine Erinnerungen sind vielfältig: Mein Großvater, August Holler, arbeitete dort zuletzt als Briefkastenonkel und Archivar, und ich konnte ihn dort besuchen und eine kostenlose Zeitung mitnehmen: Hamburger Echo, Hamburger Abendblatt mit der bunten Seite. Der Opa arbeitete ursprünglich für das Hamburger Fremdenblatt, Broschek-Verlag, mehr als 50 Jahre. Er redigierte Bücher, las Korrektur, war das „Hamburg-Gedächtnis“ des Verlags, und er schrieb Bücher, u.a. Die alten Hamburger Friedhöfe. Nach dem Krieg war es schwer für die Hamburger Zeitungen. Springer drängte auf den Markt, Geld war kaum da, der Anzeigenmarkt umkämpft. Der alte Broschek mogelte bei der Zahl der Auflage, um höhere Anzeigenerlöse zu gewinnen. Springer merkte das und drohte Broschek mit Prozess und Skandal, wenn er, Broschek, ihm nicht das Fremdenblatt verkaufte. Broschek stimmte notgedrungen zu.

Das Fremdenblatt wurde daraufhin eingestellt und blieb nur als Erinnerungszeile unter dem Titel des Abendblattes erhalten. Springer entledigte sich der meisten Angestellten und schickte sie zur Arbeitslosenversicherung, So wollte er auch mit meinem Opa verfahren. Pikantes Detail: Das Fremdenblatt hatte einen Pensionsfonds, der höher war als der Kaufpreis des Fremdenblattes. Den hatten sich die Arbeiter und Angestellten bei Broschek verdient und dafür eingezahlt. Springer strich diesen Pensionsfonds (ca. 2 Mio. Mark) lautlos ein und war daraufhin in der Lage, sein schmutziges Zeitungsimperium aufzubauen.

Mein Großvater klagte als Einziger gegen die Einziehung des Pensionsfonds, auf die Weiterbeschäftigung und seine rechtmäßige Rente aus dem Fonds und er bekam in allen Punkten Recht. Leider hat es die Justiz damals versäumt williger Weise, Springer für diesen Großdiebstahl haftbar zu machen und zu bestrafen. Es wäre der Hamburger Zeitungslandschaft und den Lesern und Leserinnen vieles Schlechte erspart geblieben. Pidder Holler 15. September 2021

Springer wird abgerissen
Axel Springer Frei.i Hamburg Bäckerbreitergang
Kaiser Wilhelm Straße
Bäckerbreitergang 1983
Fuhlentwiete
Tier
cc

Fotos Jens Meyer

Waldemarstrasse 81 Berlin 1972/1975/ und 2011

Es geschah am 1. Mai 1975 . . . (und später) in der Fotografie Nummer 7 sieht man das Gesicht eines wichtigen Helfers in dieser Sache: Rainer Graff

wibleibendrin-2walde25022011By-nc-sa_colorIMG_3013WirbleibendrinFotos vom 1. Mai1975 und vom 25. Februar 2011 von Helmut Schönberger,   Jens Meyer und unbekannten Fotografen und Fotografinnen                                              ?  Mariannenolatz25022011Mariannenplatz225022011Wandmalhttps://www.medienberatungev.org/?p=2247werbleibtwodrin0001werbleibtwodrin

Ein Brief an die Malerinnnen 2020 aus der Walde 81 in Berlin Kreuzberg:1. Mai 1975. Das ist lange her. Vermutlich im Zuge von Wärmedämmung und Dachbodenausbau ist: >WIR BLEIBEN DRIN< verschwunden.

Nun gut. Wir hätten, als wir das damals gemalt haben, nicht gedacht, dass das Bild 45 Jahre erhalten bleibt. Immerhin eine lange Zeit: Im INFO BUG Nr. 56 Preis 0,50 DM vom 5. Mai 1975 (eine wöchentliche Zeitung der Spontis, wie wir uns damals nannten, haben wir es beschrieben). Hier eine Abschrift der Seite 2:______________________________________

WER BLEIBT WO DRIN?

Im INFO 43 stands schon mal: Wir, die 20-köpfige-Hausgemeinschaft (15 Erwachsene, 5 Kinder) bleiben drin in Kreuzberg, in unserem Haus Waldemarstraße 81. Das Haus liegt im “Sanierungs“ gebiet Kreuzberg Nord: ob Abriß oder sauteure Modernisierung wissen sie angeblich noch nicht, jedenfalls sollen wir ‚rausgeschmissen‘ werden.Der letzte Termin war der 28. Februar, aber: WIR SIND IMMER NOCH DRIN. Und um für jedermann deutlich zu machen, daß wir auch in Zukunft drin bleiben werden, haben wir uns am Tag der Arbeit an die Arbeit gemacht und einen Maienbaum besonderer Art errichtet (vergleiche Titelblatt). Der Aufwand für die Malaktion war relativ gering: kein Gerüst, die 30 Freunde und Genossen pinseln die Hauswand an, indem alle gleichzeitig aus den Fenstern hängen – angebunden oder an den Beinen festgehalten. Kosten für Material und Farbe ca. 250,- DM. Dauer: 3 – 4 Stunden (bei anschließendem gemütlichen Zusammenhocken, lockeren Gesprächen mit den Nachbarn und Passanten: bis zu 12 Stunden). Das Wichtigste daran war aber, daß alle, die mitmachten, sich mit der Aktion identifizieren konnten; endlich mal wieder ’ne Sache, an der wir uns alle gleichmäßig und gleichzeitig beteiligen, die wir wirklich zusammen machen konnten. Kurz und bündig: Wir hatten sehr viel Spaß dabei. Um Sinn und Zweck der Aktion zu vermitteln, hatten wir Flugblätter in türkischer und deutscher Sprache vorbereitet, die wir schon während der Bemalung an die Leute verteilten, die vom Volksfest auf dem Mariannenplatz herüberkamen, und wir dann später in die Briefkästen im Sanierungsgebiet steckten. Schon zu dem Zeitpunkt war zu spüren, daß die Aktion gut angekommen ist; auch auch jetzt im Moment, wo wir diesen Artikel schreiben, kann man immer wieder ältere Omis in ihren Bart murmeln hören, daß das “aber schön gemalt“ sei; kann man sehen, das der BVG-Bus jedesmal das Tempo drosselt, um allen Fahrgästen einen Blick auf das Haus zu ermöglichen; oder daß außer Polizisten auch normale Bürger aus ihrem Auto steigen, um mal eben ein Foto zu machen. WIR BLEIBEN DRIN, denn wir haben hier Wurzeln geschlagen.“ (Spalte 2) Das Motiv und die Schrift an der Aussenfassade sollen aussagen, daß wir hier in Kreuzberg verwurzelt sind, daß Sanierung nicht ein technisches, nur ein Altbau-/Neubau-Problem ist, sondern daß da sehr viel mehr dranhängt. Neben materiellen Dingen wie billige Mieten , große Wohnungen, Fabriketagen heißt “Kreuzberg“ für uns eben auch soziale Kontakte, Nachbarn, Freunde, Kneipen, Wohngemeinschaften, Kinderläden usw.. Das ist die Basis für unseren Selbstorganisation, die wir uns nicht kaputt machen lassen dürfen, wenn wir überleben wollen. Wenn wir die Räumung verhindern wollen, brauchen wir die anderen Kreuzberger. In dieser direkten – materiellen und ideellen- Betroffenheit liegt aber der Unterschied zur traditionellen Stadtteilarbeit. Diese Betroffenheit läßt es nicht mehr zu, daß wir den anderen Kreuzbergern “gegenüberstehen“ als “Alleswisser“, die den wissenschaftlichen Sozialismus gefressen haben: wir sind nur noch Betroffene wie sie, der Kontakt ist von vornherein solidarischer.

Hier ist eine Anzeige eingeklebt: Warum geht es mir so dreckig?

Mit unseren bisherigen Aktivitäten wie Zeitung, Flugblätter, Hausbesuche, Organisierung von Mieterfesten, oder auch ‚Besuch‘ von Herrn Koennecke, dem Geschäftsführer der senatseignenen Sanierungsgesellschaft BEWOGE mit 25 Leuten, haben wir immerhin erreicht, das wir “bis auf weiteres“ drin bleiben können. Es ist uns aber vollkommen klar, daß dies nur ein kleiner Aufschub ist, und daß die Bedrohung um keinen Deut geringer geworden ist. Um zu überlegen, wie das zu leisten ist, um die nächsten Aktionen vorzubereiten, treffen wir uns:

Jeden Mittwoch. 20.00 Uhr, Waldemarstr. 81

Bartelsstrasse Toxisches Treppenhaus

1. Mai 1975 Auch ohne Gerüst kann gemalt werden
1. Mai 1975

Waldemarsstrasse19756R Waldermarstrass19755RWaldermarstrasse1975 Waldemarstrasse19758 WaldemarstrassePlakatWaldemarstrasse19757By-nc-sa_colornilpferd_tumbIMG_3280IMG_3288

Im Esszimmer neben der Küche:

Walde Tapete gerettet (Text darüber ist leider auf dem Foto nur teilweise sichtbar). Nach meiner Erinnerung lautete das Zitat:
„Im Sozialismus darf es keine Tabus geben. Erich Honecker. 18.12. 1971“. Im Internet Archiv der Zeitung >Die Zeit< (abgerufen am 8. November 2019) findet sich folgende Version: „Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht“, sagte Honecker Ende vergangenen Jahres, „kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben“. Klingt irgend wie glaubwürdig, auch wenn >Die Zeit< nicht schreibt, wo sie das Zitat wann abgeschrieben haben. Wie man auf dem Foto erkennt, wurde von uns damals nicht >Die Zeit<, sondern das >NEUE DEUTSCHLAND<- (Zeitung der SOZIALISTISCHEN EINHEITSPARTEI DEUTSCHLANDS) zitiert, die am 18.12.1971 dieses Zitat gedruckt hatte. Bleibt die Frage, wie der Maler oder die Malerin dieses Bildes zu dieser Information gekommen war?
Einen Käufer oder Abonnenten des >NEUEN DEUTSCHLAND< (einer sehr langweiligen Tageszeitung, wenn ich mich recht erinnere) hat es in der Walde 81 nicht gegeben. Es gab jedoch eine Abonnentin im Haus (leider schon verstorben), die die Zeitung des westberliner Ablegers der SED, der SEW (SOZIALISTISCHE EINHEITSPARTEI WESTBERLIN) >DIE WAHRHEIT< bezog. Wo der Zeichner oder die Zeichnerin die restlichen Jünger versteckt hat? Vielleicht war der Platz nicht da? Jesus sprach zu seinen Jüngern: Wenn Du keine Gabel hast, friss mit den Fingern. Oder etwas vornehmer . . . dann iss mit den Fingern!

*Die Malerei hatte der Zeichner damals direkt auf die Rauhfasertapete gemalt. Als dann neue Rauh-fasertapete geklebt werden sollte, hatten wir ein Problem, das wir gelöst haben (wie man sieht). Jens
Wikipedia: Die Vorlage von Leonardo da Vinci. Da soll er drei Jahre lang von 1495 – 1498 dran gemalt haben, meint Wikipedia. Unser Tapetenbild ist sehr viel schneller gemalt worden. Von wem, das ist leider nicht überliefert.
Foto 1975 (noch ohne Bemalung)
Schon mal hat ein Künstler versucht unser Bild abzumalen.

45 Jahre sind genug?

Ein Brief an die Malerinnnen 2020 von den Malerinnen vom 1. Mai 1975 aus der Walde 81 in Berlin Kreuzberg:

1. Mai 1975. Das ist lange her. Vermutlich im Zuge der Wärmedämmung und Ausbau des Dachgeschosses ist: >WIR BLEIBEN DRIN< verschwunden.

Nun gut. Wir hätten, als wir das damals gemalt haben, nicht gedacht, dass das Bild 45 Jahre erhalten bleibt. Immerhin eine lange Zeit. Im INFO BUG Nr. 56 Preis 0,50 DM vom 5. Mai 1975 (eine wöchentliche Zeitung der Spontis, wie wir uns damals nannten), haben wir unsere Malarbeit beschrieben.

Hier eine Abschrift der Seite 2 “WER BLEIBT WO DRIN? Im INFO BUG 43 stands schon mal: Wir, die 20-köpfige-Hausgemeinschaft (15 Erwachsene, 5 Kinder) bleiben drin in Kreuzberg, in unserem Haus Waldemarstraße 81. Das Haus liegt im “Sanierungs“-gebiet Kreuzberg Nord: ob Abriß oder sauteure Modernisierung wissen sie angeblich noch nicht, jedenfalls sollen wir ‚rausgeschmissen‘ werden. Der letzte Termin war der 28. Februar, aber: WIR SIND IMMER NOCH DRIN. Und um für jedermann deutlich zu machen, daß wir auch in Zukunft drin bleiben werden, haben wir uns am Tag der Arbeit an die Arbeit gemacht und einen Maienbaum besonderer Art errichtet (vergleiche Titelblatt). Der Aufwand für die Malaktion war relativ gering: kein Gerüst, die 30 Freunde und Genossen pinseln die Hauswand an, indem alle gleichzeitig aus den Fenstern hängen – angebunden oder an den Beinen festgehalten. Kosten für Material und Farbe ca. 250,- DM Dauer: 3 – 4 Stunden (bei anschließendem gemütlichen Zusammenhocken, lockeren Gesprächen mit den Nachbarn und Passanten: bis zu 12 Stunden) Das Wichtigste daran war aber, daß alle, die mitmachten, sich mit der Aktion identifizieren konnten; endlich mal wieder ’ne Sache, an der wir uns alle gleichmäßig und gleichzeitig beteiligen, die wir wirklich zusammen machen konnten. Kurz und bündig: Wir hatten sehr viel Spaß dabei. Um Sinn und Zweck der Aktion zu vermitteln, hatten wir Flugblätter in türkischer und deutscher Sprache vorbereitet, die wir schon während der Bemalung an die Leute verteilten, die vom Volksfest auf dem Mariannenplatz herüberkamen, und wir dann später in die Briefkästen im Sanierungsgebiet steckten. Schon zu dem Zeitpunkt war zu spüren, daß die Aktion gut angekommen ist; auch auch jetzt im Moment, wo wir diesen Artikel schreiben, kann man immer wie-der ältere Omis in ihren Bart murmeln hören, daß das “aber schön gemalt“ sei; kann man sehen, das der BVG-Bus jedes mal das Tempo drosselt, um allen Fahrgästen einen Blick auf das Haus zu ermöglichen; oder daß außer Polizisten auch normale Bürger aus ihrem Auto steigen, um mal eben ein Foto zu machen. “WIR BLEIBEN DRIN,denn wir haben hier Wurzeln geschlagen.“ (Spalte 2) Das Motiv und die Schrift an der Aussenfassade sollen aussagen, daß wir hier in Kreuzberg verwurzelt sind, daß Sanierung nicht ein technisches, nur ein Altbau-/Neubau-Problem ist, sondern daß da sehr viel mehr dranhängt. Neben materiellen Dingen wie billige Mieten, große Wohnungen, Fabriketagen heißt “Kreuzberg“ für uns eben auch soziale Kontakte, Nachbarn, Freunde, Kneipen, Wohnge-meinschaften, Kinderläden usw.. Das ist die Basis für unseren Selbstorganisation, die wir uns nicht kaputt machen lassen dürfen, wenn wir überleben wollen. Wenn wir die Räumung verhindern wollen, brauchen wir die anderen Kreuzberger. In dieser direkten – materiellen und ideellen- Betroffenheit liegt aber der Unterschied zur traditionellen Stadtteilarbeit. Diese Betroffenheit läßt es nicht mehr zu, daß wir den anderen Kreuzbergern “gegenüber-stehen“ als “Alleswisser“, die den wissenschaftlichen Sozialismus gefressen haben: wir sind nur noch Betroffene wie sie, der Kontakt ist von vornherein solidarischer. Hier ist eine Anzeige eingeklebt:
Warum geht es mir so dreckig? Mit unseren bisherigen Aktivitäten wie Zeitung, Flugblätter, Hausbesuche, Organisierung von Mieterfesten, oder auch ‚Besuch‘ von Herrn Koennecke, dem Geschäftsführer der senatseignenen Sanierungsgesellschaft BEWOGE mit 25 Leuten, haben wir immerhin erreicht, das wir “bis auf weiteres“ drin bleiben können. Es ist uns aber vollkommen klar. daß dies nur ein kleiner Aufschub ist, und daß die Bedrohung um keinen Deut geringer geworden ist. Um zu überlegen, wie das zu leisten ist, um die nächsten Aktionen vorzubereiten, treffen wir uns: Jeden Mittwoch. 20.00 Uhr, Waldemarstr. 81

Abgeschrieben in der Bernhard Nochtstrasse (Parallel Strasse zur: St. Pauli Hafenstrasse). Für ALLE ABSCHREIBER gilt: Man sollte doch darauf achten, das das ABGESCHRIEBENE auch RICHTIG ist. Hier wurde FALSCH abgeschrieben. Die Hafenstrasse meint etwas ANDERES, was auch an dem beigefügten Bild (siehe oben) deutlich wird. Regel Nr. 1 beim ABSCHREIBEN lautet immer: Was man nicht im Kopf hat, sollte man auch nicht aus dem Ärmel schütteln.

Berlin. Mariannenplatz. 1974.
Foto Jens Meyer. Mariannenplatz. Berlin. 1974

27. September 2016 Axel Springer wird abgerissen

IMG_4812axelspringerwirdabgerissen1Wenn das die Studentenbewegung noch erlebt hätte. Die haben doch immer nur gefordert: „Enteignet Springer“ und dieses Gebäude belagert und die Auslieferung der „Blödzeitung“ verhindert. Sie haben niemals den Abriss dieses Gebäudes gefordert. Aber nun passierts.By-nc-sa_color

Foto Jens Meyer,  Dienstag 27. September 2016, 10.00 Uhr

Fuhlentwiete

Vierneunundneunzig- Fünfzehn Jahre 3001 Kino

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AnzeigeDieBesatzungdes3001Kinos

Axel Springer Haltestelle verlegt / Axel Springer ist frei

IMG_4611HaltelleverlegtBy-nc-sa_colorFotos Jens Meyer, September 2016

Axel Springer ist frei  Hamburg Bäckerbreitergang
Axel Springer ist frei
Hamburg Bäckerbreitergang. Freitag, d. 12. Mai 2017:>Axel Springer Frei<

Axel Springer ist wieder da. Er verlegt jetzt Haltestellen.

Foto vom 30.12.2015 14.00 Uhr
Axel Springer ist wieder da. Er verlegt jetzt Haltestellen.

pddf hau weg

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Axel Springer Platz Beweis

milpferd_einauge

Wenn der „gute“ Axel Springer noch

leben täte, dann hätte er das Haus den Flüchtlingen aus dem nahen Osten zur Verfügung gestellt. Wenn jetzt welche aus dem Nahen Osten kommen, dann sollte der Hamburger Senat sein Andenken ehren: Raus aus den Zelten. Rein ins geheizte Springerhaus. Und auch das mit einer(möglichen) Brandstiftung ist kein Problem. Die Feuerwache Admiralitätsstrasse ist 1 Minute entfernt und überhaupt ist im EG genügend Platz, da koennte man auch eine Feuerwache in der Lobby einrichten, nichts für ungut.

Fotos Jens Meyer

Aber natürlich hatten sie anderes damit vor. Wir wußten es nur noch nicht. Auf jeden Fall ist es natürlich besser, das Haus abzureissen. Man stelle sich mal vor: Ein Haus voller Flüchtlinge. Dann doch lieber abreissen. Nach dem Motto: Hau weg den Scheiss.IMG_4987

Fotos Jens MeyerBy-nc-sa_color

Korrekturen zur Magisterarbeit von Jan Johannsen

Jens Meyer (3. Mai 2017)

Hallo Felix Seifert, die Fehler der Magisterarbeit von Jan Johannsen habe ich damals mal zusammengestellt. Hier habe ich sie Dir noch mal aufgeschrieben. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten:

PDF Die Fehler der Magisterarbeit

Seite 3, Zeile 4: Die Tafel hängt dort seit 1. Mai 1991. Die Ausstellung fand erst 1992 statt.

Seite 6, Zeile 3: nicht 1992 sondern 1994. Reinhold Sögtrop hatte mit den Interviews nichts zu tun.

Seite 6, Zeile 5: Die Einschätzung, die Jan Johannsen liefert ist falsch.

Seite 4, Zeile 4: von unten. Geschichtsstudenten müssen vermutlich den feststehenden Begriff für ihre Magisterarbeit wählen. Aber nach den Fakten, die wir in den Akten fotografiert haben, hatte das nichts mit „Wiedergutmachung“ zu tun. Es ist geradezu eine Verhöhnung der Opfer. Insofern gehört dieser Begriff genauso in Anführungszeichen wie „Sonderbehandlung“ und „Arisierung“.

Seite 11, Zeile 15: Die Formulierung falsch „überschrieb seine Hälfte im März 1918″ richtig muss es heißen „bei Gründung der GmbH“. Ebenfalls falsch: „und investierte seinen Gewinn“ richtig: „einen Teil seiner Erlöse“.

Seite 12, Anmerkung 38: Historiker sind sich einig: Das statistische Jahrbuch von 1934 ist keine seriöse Quelle mehr und sollte deshalb auch nicht verwendet werden. (auch Anmerkung 39/40)

Seite 16, Zeile 7: Inzwischen wissen wir und können es auch schreiben. Es war keine Machtübernahme sondern eine Machtübergabe.

Seite 24, vorletzte Zeile: “Könnte“ ist falsch. Es handelt sich um die Capitol Lichtspiele in Kiel am Dreieckplatz.

Seite 26, Dritte Zeile von oben: . . . da gehört dringend der Satz dran:“ . . . ohne jemals vor Gericht zu stehen.“

Seite 47, Zeile 7 : Hermann Urich-Sass nahm sich am 27. Januar 1933 das Leben. (Nicht am 30. Januar). Am 30. Januar 1933 wurde er beerdigt. Und Hitler wurde zum Reichskanzler ernannt. (Wäre das nicht passiert, dann hätte ich nie herausgefunden, dass es sich um jüdische Kinobesitzer handelt, die enteignet wurden.).

Seite 47, Zeile 12: Es sind hier beide Begriffe: verkauft und ausgewandert falsch. Die Verkäufer haben kein Geld bekommen und mussten aus Deutschland fliehen. Zeile 13: Es waren nicht sieben, sondern elf (11) Schauburgen zerstört. Es war nur noch ein Kino übrig von den Kinos, die Hermann Urich-Sass und Hugo Streit 1933 betrieben hatten. Auch der folgende Satz ist falsch, weil die „ehemaligen Inhaber“ tot waren. Lediglich die Henschel Tochter Bianca Kahn geb. Henschel erstritt vor der „Wiedergutmachungskammer des Landgerichts Hamburg“ die Rückgabe einiger enteigneter Grundstücke (mit zerstörten Häusern). Eine „Wiedergutmachung für erfahrenes Leid“ haben sie nicht erfahren. Ich weiß gar nicht wo Jan Johannsen diesen Satz her hat.

Seite 53, Zeile 9: Hier wird ein falscher Zusammenhang konstruiert. Die James Henschel GmbH hatte mit den Henschels oder den Schauburgen nichts mehr zu tun (Seit Gründung der GmbH). Zeile 18: Hier hat Jan Johannsen ganz daneben gehauen. Er hat Rolf Arno Streit nicht kennengelernt und kann somit die Glaubwürdigkeit des Zeugen schlecht anzweifeln. Für mich war Rolf Arno Streit der erste Mensch, der nicht gelogen hat, wie die anderen alle.

Seite 54, Zeile 6: Hier werden Täter und Opfer gegenübergestellt, was vielleicht Geschichtsstudenten machen müssen, wenn sie gute Noten haben wollen. Hans Struckmeyer war ein ganz übler Nazi und es ist kein Wunder, dass er andere Erinnerungen als die Opfer hat. Auch der SA Mann Paul Romahn hat andere Erinnerungen.

Seite 55, Zeile 21-26 Was Jan Johannsen hier geritten hat, weiß ich nicht. Aus den Unterlagen geht zwar hervor, daß Geld geflossen ist, allerdings nicht an diejenigen, denen es zugestanden hätte. Die Sätze sind zu streichen.

Seite 57, Was Jan Johannsen da geritten hat, weiß ich auch nicht. Ab . . . „Er musste auf Druck der . . . dass sie anständig gewesen (S. 58 erster Absatz) ist komplett zu streichen. Da sind verschiedene Falschinformationen verarbeitet. Zum Verständnis ist wichtig: Paul Romahn und Gustav Schümann waren beide selbst in hoher Position in der Reichsfilmkammer, deren Mitglieder sie waren. Das Zitat aus meinem Interview ist aus dem Zusammenhang gerissen und soll bei Jan Johannsen belegen, daß es sich um gute Menschen handelte. Das hatte Rolf Arno Streit nicht gemeint. Er hat nur gemeint, daß diese beiden Täter niemanden selbst totgeschlagen haben, wie es die anderen SA Männer gemacht haben. Zeile 15: Jan Johannsen hat die SA Mitgliedschaft „vergessen“. (Aber vielleicht wusste er damals auch noch nicht, weil wir ziemlich üble Unterlagen erst bei den Grundstückspapieren Zirkusweg gefunden haben)

Seite 77, Zeile 12: ist komplett zu streichen. Die Aussagen von Klara Esslen und Heinz B. Heisig nach dem Kriege sind unglaubwürdig. Täter und Opfer sind eben nicht gleich.

Seite 91, letzte Zeile: Der Begriff „verkauft“ hat hier nichts zu suchen.

Seite 92, Zeile 12: Hier irrt Jan Johannsen. Wenn von einem 5 geschossigen Haus nur noch zwei da sind, dann hat das Haus den Krieg nicht „vergleichsweise gut überstanden“. (Oder man müsste schreiben, was der Vergleich ist)

Seite 106, Die Gesprächsprotokolle der Videointerviews sind sämtlich von mir. „Im Besitz des Verfassers“ hört sich etwas merkwürdig an, wo uns doch Jan an anderer Stelle den Unterschied von Besitz und Betrieb erklärt hatte.

3. Mai 2017 Jens Meyer (Korrekturen 24. September 2021)