Die lebendigen Bilder von Friderike und James

Die lebendigen Bilder von Friderike und James

Von Friderike Blumenthal und James Henschel wissen wir nicht viel. Nicht einmal die richtige Schreibweise ihrer Namen. Und das, was andere und ich herausgefunden haben, das haben wir zufällig herausgefunden. So wie ein Bauer beim Pflügen auch Steine an die Oberfläche bringt, die lange in der Erde verborgen waren. Eine systematische Suche sieht anders aus. Wo waren eigentlich die ganzen studierten Historiker die letzten neunzig Jahre-frage ich mich. Warum muß die Arbeit von Laien und Dilettanten, wie wir es sind, erledigt werden?

Hindenburghaus
Eingang Großer Burstah 31 Foto Jens Meyer
Stadthaus
Stadthaus Foto Jens Meyer

Das Ehepaar Henschel war sehr reich. Millionäre würde man heute sagen. Am Ende hatte man ihnen in Hamburg alles weggenommen. Zwei Behörden in der Hamburger Innenstadt, nicht weit entfernt vom Rathaus und voneinander, hatten bei dieser Enteignung zusammengearbeitet. Am Großen Burstah 31-Hindenburghaus (das heisst heute noch so) die eine, an der Stadthausbrücke 8 (GeStapo/das heisst heute nicht mehr so) die andere. Zu Fuss braucht man ungefähr fünf Minuten, wenn man von dem einen zum anderen Gebäude gelangen will. Und sie haben gut zusammengearbeitet. Die Beamten beider Behörden. Wer die Beweise für ihre Tätigkeit findet, der hat schon viel Zeit verbracht. Die Beweise sind gut versteckt. Das hat viele Varianten. Manchmal nennen sie es Datenschutz. Manchmal heisst es schlicht Gebührenordnung. Als ich anfing zu suchen, wußte ich von allem nichts.

Bei mir hat es begonnen mit meinem Studium an der dffb in Berlin. Ich hatte „auf der Arbeiterwelle“ einen dieser begehrten 15 Studienplätze erhalten, um drei Jahre lang das „Filmemachen“ zu lernen. Das war 1969. Ich war 23 Jahre alt, hatte eine 3½ jährige Ausbildung zum Maschinenschlosser hinter mir, war zur See gefahren und hatte mich drei Semester lang auf einer Ingenieurschule gequält. Die Perspektive, mein Leben lang Getriebe für VW Motoren zeichnen zu müssen, trieb mich aus Hamburg nach Berlin. Arbeitskräfte waren in Berlin gesucht und ich ließ mich als Schlosser anwerben. Es gab eine Lohnsteuer-ermäßigung – Berlin Zuschlag- genannt. Auf diese Weise konnte ich gleich noch der lästigen Bundeswehr eine Nase machen, während ich mich heimlich bei dieser Schule bewarb. Filmemachen, das schien mir viel besser als Getriebe zu zeichnen. Jedes Jahr bewarben sich über 200 Menschen, um einen der fünfzehn Studienplätze zu erlangen. Da mußte man (so wie ich) schon viel Glück haben, wenn man zur Aufnahmeprüfung eingeladen wurde. Die dauerte mehrere Tage und es waren 56 Kandidaten, die zur Aufnahmprüfung für einen Studienplatz eingeladen wurden. Die Kommission war mir gesonnen: Mit dem Proletenbonus – so habe ich es später genannt-schwappte ich in die Film-akademie: dffb.

Am 25. 08. 1970 unterzeichnete ich meinen Vertrag für das erste Studienjahr. Und war recht schnell in Konfrontation. Ich wollte weg vom Proletariat und die anderen StudentInnen (diese Schreibweise benutzte man damals noch nicht) wollten dahin. Und dann wollten sie mir auch noch erzählen, wie das Proletariat so ist und wie man es auf den rechten linken Weg bringen könne. Ich dagegen wollte alle Möglichkeiten dieser Akademie so schnell wie möglich nutzen. Die hatten Schneidetische, Kameras, eine große Filmbibliothek und jede Menge Menschen mit Ahnung. Ich wollte viel und schnell lernen. Regelmäßig hielt ich mich auch in der Bibliothek auf. Eine freundliche Bibliothekarin führte mich in die unbekannten Schätze der gesammelten Texte ein. Renate Wilhelmi sei Dank.

Darunter waren auch so banale Sachen wie alte Adressbücher, Reichs-kinoadressbücher. Darin gesammelt die Anschriften und Inhaberangaben aller Kinos aus ganz Deutschland, als es groß war, was immer das auch meint. Das war mein erster Kontakt. Doch zunächst sollten mal Filme entstehen. Neue Filme, die das Bewusstsein verändern sollten. Die Verbesserung der Welt war von uns vorgesehen. Dazu mußte der Zustand der Welt genau untersucht werden.

Damit meine ich: Ich, genauer: wir waren es gewohnt, daß niemand dabei gewesen war, niemand etwas bemerkt hatte und niemand schuldig an irgendwas war. Alles war passiert irgendwie. Goebbels, Göring und Hitler hatten fast alles alleine gemacht. Ich traf niemanden, der dabei gewesen war. Eine ganze Generation hatte diese und ähnliche Erfahrungen gemacht. Wir haben dann nur noch zum Schein gefragt, weil wir wussten, wir werden sowieso angeschwiegen oder angelogen. Ein Gefühl wie bei der Mafia in Sizilien. Irgend wann hat dann eine ganze Generation aufgehört zu fragen. So kam es mir jedenfalls damals vor.

Gier nach Neuem steckte bei mir dahinter. Erst 1984 habe ich mich dann in meiner Heimatstadt Hamburg wieder an die alten Reichskinoadressbücher von 1930 erinnert. Und habe begonnen zu suchen. Lebende Zeugen. Dokumente. Die Ergebnisse mit den noch lebenden Zeugen waren wie immer. Aus den Reichskinoadressbüchern ging hervor: Es gab in Hamburg zwischen 1926 und 1940 eine Firma mit Namen „Henschel Film- & Theaterkonzern“. So begann meine Suche nach der Kinobesitzerfamilie Friderika und James Henschel, von denen ich damals noch nicht einmal die Namen kannte. Für eine systematische Suche gab es keine Möglichkeit. Es gab niemand, der eine solche Suche mit ungewissem Ergebnis über längere Zeit finanziert hätte.

Auf dieser Grundlage sind alle Ergebnisse zufällig entstanden. In Hamburg gab es die entscheidenden Zeitungen, in denen man etwas hätte finden können, 1984 nicht. Weder als Papierversion noch als Mikro Film. Also kehrte ich zurück in die Bibliothek der Filmakademie in Berlin. Dort gab es damals nur ein Mikrofilmlesegerät. Aber im Gegensatz zu der Zeit als ich dort war, schien der Wissensdurst der Studenten in andere Richtung organisiert zu sein, als zu meiner Zeit. Man gewährte mir Zugang zum Mikrofilmlesegerät. Ich begann mit meiner Suche bei der „Licht Bild Bühne“. Eine „Tageszeitung des Films“. Der „Kinematograph“ war mir wegen des Eigentümers Alfred Hugenberg, der mit Hitler in einer großen Koalition war, suspekt. Die Licht Bild Bühne kam mit sechs Ausgaben in der Woche.

Zeitung lesen ist ja an sich keine Arbeit. Aber wenn man etwas bestimmtes sucht und nicht weiss, was es sein könnte und wann es passiert sein könnte, dann ist es doch anstrengende Arbeit. Nach einigen Tagen war ich immer noch erfolglos, ohne Mut und wußte nicht mehr, wo ich noch suchen sollte. Der Zufall mußte mir helfen. Mein Versuch begann mit Jahrestagen von der Qualität: Kaisers Geburtstag, Führers Geburtstag, Bismarcks Ernennung, Bismarcks Ablösung, der „Ausbruch des Krieges“, Kaiserabdankung und Flucht nach Holland, Ausrufung der Republik, Beginn des zweiten Weltkrieges, Beginn der Weltwirtschaftskrise, der Hamburger Aufstand und was die deutsche Geschichte sonst noch so an Katastrophen zu bieten hat.

Ich wollte die Suche schon aufgeben, da kam ich auf jenen Montag, an dem der Reichspräsident Paul von Hindenburg um 12.40 Uhr bekannt gegeben hatte:

„Der Reichspräsident hat Herrn Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt und auf dessen Vorschlag die Reichsregierung wie folgt gebildet: Adolf Hitler Reichskanzler, Stellvertreter des Reichskanzlers v. Papen, Freiherr v. Neurath Reichsaußenminister, Dr. Frick Reichsinnenminister, General Blomberg Reichswehrminister, Graf Schwerin von Krosigk Reichsfinanzminister, Dr. Hugenberg Reichswirtschaftsminister, Franz Seldte Reichsarbeitsminister, Freiherr von Eltz-Rübenach Reichspost und Reichsverkehrsminister, Reichstagspräsident Göring, Reichskommissar für Luftverkehr und Preußischer Innenminister. Reichskommissar für Arbeits-beschaffung Dr. Gereke wird in seinem Amte bestätigt. Die Besetzung des Reichsjustizministeriums bleibt vorbehalten….“ (Zitat aus: Deutsche Allgemeine Zeitung vom 31. Januar 1933)

In der „Licht Bild Bühne“ fand ich in der Ausgabe vom Sonnabend, d. 28. Januar 1933 diese Meldung von dreizehn Zeilen: „Nach Redaktionsschluß erreicht uns die furchtbare Nachricht, die wir wenigstens noch dem größeren Teil unserer heutigen Auflage beifügen möchten, daß gestern gegen Abend in Hamburg Hermann Urich-Saß, einer der führenden Köpfe des deutschen Lichtspielgewerbes und leitende Persönlichkeit im Henschel Konzern, an einem Herzschlag im frühen Alter von 45 Jahren gestorben ist. Seit kurzer Zeit hatte sich bei ihm ein Herzleiden bemerkbar gemacht. Man steht tief erschüttert vor diesem tragischen Fall.“

In der Ausgabe vom Montag, d. 30. Januar 1933 folgten Einzelheiten: „Hermann Urich-Saß zum Gedenken. Wie im größten Teil unserer Sonnabend Ausgabe mitgeteilt, ist Hermann Urich-Sass am Freitag abend im blühenden Alter von 45 Jahren einem Herzschlag erlegen. Seine Beerdigung findet heute, Montag, den 30. Januar, 3 Uhr nachmittags, in Hamburg Ohlsdorf auf dem Israelitischen Friedhof statt.“

Endlich wußte ich, wonach ich die ganze Zeit gesucht hatte. Ohne diesen „geschichtlichen Zeitpunkt“ und den Hinweis auf die Beerdigungsstätte hätte ich niemals die Spur nach dem Verschwinden des Henschel Konzerns aufnehmen können. Schließlich sind nicht alle Betriebe, die während der Nazizeit verschwunden sind, Opfer der rassistischen Enteignungen geworden. Erst zwanzig Jahre später erlange ich Kenntnisse, daß die Machtübergabe an Adolf Hitler und der Todeszeitpunkt von Hermann Urich-Sass durchaus einen logischen Zusammenhang haben, den ich damals aber noch nicht ahnte.

Für meine Recherche stellt sich heraus: Die jüdischen Beerdigungsriten sind für mich besser als die Beerdigungsriten der Christen, die nach 25 oder 50 Jahren ihre Gräber einebnen lassen. Bei den Juden -so lernte ich-ist das anders, die werden für die Ewigkeit beerdigt. So verlangt es der Brauch. Auf dem Israelitischen Teil des Hamburger Friedhofs Ohlsdorf (der streng getrennt von dem christlichen Teil des Friedhofs ist) beginne ich meine Suche und finde mit Hilfe von Friedhofswärter Horst Deggert den Grabstein von: Hermann Urich-Saß. Geb. 18. JUNI 1887-5647, Gest. 27. JAN. 1933-5693. Als Horst Deggert das Datum der Beerdigung liest, kommentiert er nur trocken: „Dann mußte er ja die ganze Scheisse nicht mehr mit erleben“. Ich fand, der Mann hat recht. Das Grab war gepflegt. Die Goldschrift des Grabsteines war vor kurzem erneuert worden. Nach deutschem Brauch muß für Grabpflege bezahlt werden. Es gab also Jemanden, der für die Pflege dieses Grabes bezahlt. Das war meine Vermutung.

Einen Entwurf (15 Seiten) für einen Dokumentarfilm unter dem Titel „Auf der Suche nach Henschel“ der meine Vermutungen über das Verschwinden der Henschel Kinos zusammenfasst und ein Anschreiben an die Angehörigen von Hermann Urich-Saß übergebe ich der jüdischen Gemeinde und bitte sie, beides an die Angehörigen weiter zu reichen, deren Namen und Aufenthaltsorte ich damals nicht kannte.

So wie diese Menschen in Deutschland von unseren Eltern und Großeltern behandelt wurden, würde es mich nicht wundern, wenn sie keine Kontakte mit jemandem aus Deutschland haben wollen. Damit wäre dann die Suche nach den Henschels mit ihren Kinos zu Ende gewesen.

Aber einige Wochen später kommt erst ein Telegramm und dann Post aus Mexiko und Brasilien. Im August 1989. Verwunderung auf der anderen Seite des großen Teiches. Seit sechzig Jahren hat niemand nach dem Verschwinden des Henschel Film und Theater Konzerns gefragt. Warum jetzt?

Es schreiben die Söhne der damaligen Besitzer. Horst Urich-Saß ist die Flucht nach Mexiko gelungen. Er ist am 1. Februar 1914 in Hamburg geboren. Als sein Vater starb und Hitler an die Macht gebracht wurde, war er 19 Jahre alt. Als er 22 Jahre alt ist, muß er aus Deutschland fliehen. Die Gestapo sucht ihn.

In seinem Brief schreibt er: “Gestern kam ich aus den USA und fand ihren Brief vom 17. Mai, den ich sofort beantworte. James Henschel war mein Großvater, Hugo Streit mein Onkel. Hermann Urich-Sass mein Vater. . . . Ich habe keine Absichten nach Europa zu kommen: Ich habe keine Beziehung zu Deutschland. Dass sie einen Dokumentarfilm “Auf der Suche nach Henschel“ beabsichtigen, erscheint mir unverständlich. Wer interessiert sich heute noch für das Schicksal von Menschen, die vor 56 Jahren derart gedemütigt wurden, dennoch verspreche ich Ihnen, sicherlich auch im Namen meiner Verwandten, volle Mitarbeit. Wir verloren das Vaterland, etwas, was schmerzhaft ist und materielle Dinge, solche kann man und haben wir in reichlichem Mass in unseren neuen Heimaten errungen ohne Antisemitismus, den ich schon lange vor der Hitlerzeit erleben musste und habe meine Zweifel, wenn man behauptet diese negative Gefühlsstimmung sei plötzlich verschwunden.“

Der Brief von Horst Urich Sass ist auf Firmenpapier geschrieben.“BACO. S.A.“ Links oben sind zwei Gebäude abgebildet, die aussehen wie Fabrikgebäude. Der Luftpostumschlag ist mit Namen und der Anschrift des Absenders bedruckt und hat, wenn man dem Stempel glauben kann, eine Reise von Mexico 10, D. F. über die USA (L. A. Beverly Hills) nach Hamburg 50 gemacht. Die Vermutung, daß es sich bei Horst Urich-Sass um den Besitzer dieser Fabrik handelt, löst bei mir gemischte Gefühle aus, war mein Leben bisher immer von der Erkenntnis geprägt, daß die Guten immer unten und die Bösen immer oben sind. Und das, obwohl ich auch unten schon viele Böse getroffen hatte. Aber einen deutschen Emigranten, der in Mexiko eine Fabrik und einen zweiten Wohnsitz in Beverly Hills in Los Angeles hat, das brachte mich damals ins Grübeln.

Den Söhnen von Hugo Streit, Rolf Arno Streit und Carl Heinz Streit ist die Flucht nach Brasilien gelungen. Sie waren dort auch im Filmgeschäft tätig und schreiben aus Belo Horizonte am 17. August 1989. Rolf Arno Streit ergänzt meine Recherchen zur Geschichte des Henschel Film und Theaterkonzerns, den sein Vater und sein Onkel in Hamburg betrieben haben. Er schreibt von einem Mann namens Adam, der bei der Enteignung seines Vaters eine wichtige Rolle hatte. Leider kennt er seinen Vornamen nicht.

Falls ich diesen Film über das Verschwinden der Henschel Kinos tatsächlich machen wollte, dann mußte zunächst einmal Geld für die Produktion und für die Reise besorgt werden. Einzige Möglichkeit: Ein Antrag bei der Hamburger Filmförderung: Das Hamburger Filmbüro e. V.. Frisch gegründet und selbstverwaltet. Leider ist Jens Meyer dort schon mehrfach als obstinat aufgefallen. Mein Filmemacherkollege Wolfgang Morell (Gründungsmitglied des Filmbüros) stellte dort jedes Jahr Anträge und hatte noch nie eine müde Mark für die Produktion eines Filmes von ihnen bekommen. Auch er konnte seine Schnauze immer nicht halten und hatte wiederholt offen seine Meinung über die sich entwickelnde Filmbürokratie vorgetragen.

Also, dachte ich mir, müssen mir meine Eltern helfen. Geld konnten sie mir leider nicht mehr geben. Dafür war es zu spät. Aber schließlich haben sie mir drei Vornamen gegeben und das muß ja irgendwie von Nutzen sein. Der Antrag auf Förderung wird nicht von Jens sondern von der Otto Meyer Filmproduktion gestellt. Und Otto Meyer hat Glück. Bekommt ein Darlehen von 75.000,– DM auszahlbar in drei Raten.

Wir (Der Kameramann Dietmar Bruns, Dorothea Koch und meine beiden Söhne Hannes und Fiete und ich) fahren in die USA nach Beverly Hills und nach Belo Horizonte in Brasilien. Und weil wir kein Geld hatten um eine U-Matic Kamera für diesen Zeitraum zu leihen (fragen sich jetzt alle, was war das noch mal?), kaufen wir eine S-VHS Kamera von JVC für 5.000,00 DM. Damals das beste, was es im semiprofessionellen Bereich gab. Horst Urich-Sass, der Sohn von Hermann Urich-Sass, den wir am 20. Juli 1990 in Beverly Hills in Los Angeles befragen, ist am 1. Februar 1914 in Hamburg geboren. Er ist 76 Jahre alt und ein reicher Mann. Geld konnte er bei seiner Flucht nach Mexiko keins mitnehmen und in Mexiko hat er sich mit dem Handel von Stoffen über Wasser gehalten. Und das ging so: Da er Spanisch weder sprechen, noch lesen oder schreiben konnte und nur einige Brocken Englisch kannte war das eine schwierige Veranstaltung, für Jemanden, der etwas verkaufen will. Aber die mit denen er gehandelt hat, sprachen Jiddisch und so konnte er sich mit Ihnen mit Deutsch verständlich machen. Die beiden Sprachen sind offenbar miteinander kompatibel.

Wenn Horst Urich Sass von Hamburg spricht, dann spricht er von der Angst, die er immer gehabt hat. Zu Recht, wie sich herausstellt. Er wird angezeigt, denunziert. Wegen „Rassenschande“. Seine Schwester Vera ist schon vor ihm nach Mexiko geflüchtet. Über die Besitzer, die die Kinos „übernommen haben“ wie er sich ausdrückt, mag er nichts schlechtes sagen: Die haben ja durch den Krieg auch alles verloren. Die waren nach dem Krieg besiegt und lagen am Boden. Und man tritt nicht auf den, der am Boden liegt.“

Ich denke bei mir, vielleicht wäre es doch mal ganz gut gewesen, wenn nach dem Kriege mal getreten worden wäre. Aber wer bin ich denn, daß ich sowas sagen kann?

In Belo Horizonte treffen wir (Der Kameramann und ich) die Söhne des Kinobesitzers von Hugo Streit. Rolf Arno Streit ist am 9. August 1912 Hamburg geboren, sein Bruder Carl Heinz ist ein Jahr älter. Er ist am 26. August 1911 in Hamburg geboren. Als wir mit ihnen am 30. und 31. Juli 1990 sprechen sind sie 78 und 79 Jahre alt.

Als sie 1936 aus Deutschland geflüchtet sind, um ihr Leben zu retten, waren sie 24 und 25 Jahre alt. Jetzt sind sie seit 54 Jahren in Brasilien. Sie haben die deutsche Sprache nur wenig benutzt. Aber langsam kommen doch viele vergessene Worte zurück.

Die Nazis hatten sie ausgebürgert aus Deutschland, doch nach dem Krieg haben Rolf Arno und seine Frau Hilde Streit wieder die deutsche Staatsangehörigkeit beantragt und bekommen. Sogar ihre Tochter Anja Streit-Daibert hat einen deutschen Pass. Sein Bruder Carl Heinz Streit wollte keinen deutschen Pass mehr haben.

Bei der Eröffnung unseres Kinos (3001-Kino) am 1. Mai 1991 bringe ich im Foyer ein Messingschild an. Dort ist zu lesen:

ZUM ANDENKEN AN DIE HAMBURGER KINO-PIONIERE JEREMIAS (genannt James) HENSCHEL HERMANN URICH-SASS HUGO STREIT GRÜNDER DER ERSTEN HAMBURGER GROSS-KINOS BESITZER DER LEGENDÄREN „SCHAUBURG“ KINOS VON HAMBURGER BÜRGERN WÄHREND DER NAZI-ZEIT VERFOLGT, ENTEIGNET UND AUS DEUTSCHLAND VERTRIEBEN Hamburg, d. 1. Mai 1991. (Da steht jetzt ein Kühlschrank vor)

Im Oktober 1994 ist der Film fertig. (63 Minuten). Für ein Fernsehfeature ist er zu lang (Die Normlänge ist zu dieser Zeit 45 Min.), für einen Kinofilm zu kurz. Der Arbeitstitel „Auf der Suche nach Henschel“ wird dem Film nicht gerecht.

Die Anfangszeile eines Werbeliedes, das damals für die Schauburg Kinos komponiert wurde, wird mein Filmtitel: „Leute seid vernünftig, lasst die Frau durch, denn sie will noch schnell mal in die Schauburg“. Ich versuche eine Kinoauswertung und einen Fernsehverkauf. Aber das Interesse bei den Sendern ist gering. Der Tenor lautet: das Thema Juden und Kino, das hatten wir schon mal. Er läuft ein paar mal bei uns im Kino in Hamburg und ich verschicke mehrere Jahre lang Ansichtskassetten an Fernsehstationen. Erfolglos.

Vielleicht ist es einfach nur ein schlechter Film geworden, denke ich manchmal. Andrerseits gibt es natürlich Gründe, warum sechzig Jahre lang niemand gefragt hat, wo die ehemaligen Besitzer der Schauburg Kinos geblieben sind.

Mein Freund Reinhold Sögtrop stellt einen Antrag bei den Grünen, um Gelder für eine Fotoausstellung zusammen zu bringen. Wir hatten viele Fotos aus Brasilien und einige aus den USA mitgebracht. Wir durften auch Blicke in die Fotoalben der „neuen Kinobesitzer“ in Hamburg, so nenne ich mal die Söhne und Töchter derer, die nach 1933 Kinobesitzer wurden, tun und einige sogar abfotografieren für unsere Ausstellung „Auf der Suche nach Henschel“. Das wir in Hamburg angelogen wurden, das waren wir schließlich gewöhnt und so war ich auch nicht traurig, das einer der Söhne, der damals noch lebte, Tim Schümann, uns kein Interview geben wollte.

Aber wie das manchmal so ist, wenn man mit einer Videokamera Fotos aufnimmt. Da stellt man beim Umblättern der Seiten des Fotoalbums manchmal Fragen und erhält Antworten und vergißt dabei schnell, daß die Kamera ja auch ein Mikrophon hat. Einige Jahre später habe ich mir dann den Ton noch einmal angehört und darüber gestaunt, was Söhne so manchmal veranstalten, um die braunen und die Blutflecken von der Jacken ihrer Väter zu entfernen.

Da entstehen sonderbare Mischungen. Noch Jahre nach dem Tod, werden so aus überzeugten Nazis und SA Männern, die freudig Zeitungsanzeigen aufgeben, daß das Kino jetzt endlich in »arischem« Besitz sei, Männer des (inneren) Widerstands. Mit der Fotoausstellung bei uns im Kino wollten wir eine größere Öffentlichkeit ansprechen und neue Informationen bekommen. Fehlanzeige. Wenn man mal von der Magisterarbeit von Gerti Keller und der Hausarbeit der Studentin Stephanie Baecker absieht.

Viele Fragen waren damals ungeklärt und so liess mich das Thema nicht mehr los. Wem gehörten die Kinogrundstücke? Warum wurden die zerstörten Kinos nicht wieder aufgebaut? Warum wurden so hervorragende Grundstücke, wie das vorne an der Reeperbahn, Ecke Zirkusweg nicht wieder bebaut oder verkauft?

Warum wurde das Grundstück am Gänsemarkt, später mit einem sog.“Ufa Palast“ bebaut, nicht zurückerstattet? Das waren nur einige dieser offenen Fragen. Und viele Auskünfte bekommt man nur, wenn man ein sog.“berechtigtes Interesse“ nachweisen kann. Geschichtsaufarbeitung gehört meist nicht dazu. Anschließend habe ich meine Hobbyforschung Heimatkunde genannt.

Im Laufe der Jahre entwickelt sich so eine Art Sammelleidenschaft bei mir. So wie andere Briefmarken sammeln, sammle ich seit 1984 Naziverbrecher und Naziopfer. So kommt es mir jedenfalls manchmal vor. In meiner Sammelleidenschaft traf ich auf den Kameramann Sven. Der schaute sich das Material an und ermunterte mich – laß uns ein Buch aus diesem zusätzlichen Material machen.

Manchmal nimmt man eben doch den Mund zu voll, jedenfalls war meine damalige an Antwort, das sei überhaupt kein Problem, das sei ja alles da und müsse nur noch kurz zusammengefügt werden. Pustekuchen. Sven brachte mich dann mit dem Geschichtsstudenten Jan Johannsen zusammen, der ein Thema für seine Diplomarbeit suchte und sich gleichzeitig noch als Fotograf betätigte. Ein wunderbare Kombination für die bevorstehenden Sucharbeiten.

Von Rolf Arno Streit hatte ich erfahren, daß ein maßgeblicher Mann in Hamburg bei der Enteignung der Kinobesitzer, ein Obernazi namens Adam gewesen sei. Leider wußten die Streit Brüder nicht viel von diesem Mann. Nicht einmal den Vornamen. Sie hatten erfahren, daß dieser Mann zusammen mit den beiden Nazis, die den Henschel Konzern „übernommen hatten“ ein Kino in Kiel hatte. Einen ganzen Tag habe ich damals in Kiel im Stadtarchiv verbracht, aber nichts herausgebracht.

Und die Zeugen waren wie immer sprachlos oder gestorben. Erst 1993 brachte die Studentin Gerti Keller, der ich meine Unterlagen zur Verfügung stellte, den Vornamen und eine Kurzbiografie dieses Obernazis Adam heraus.

Der Mann hiess Richard Adam und war Leiter der Landesfilmstelle in Hamburg. Im Laufe der weiteren Suche stellte sich heraus: Der Mann war Goebbels direkt unterstellt. Wieder begann die Suche. Ich schrieb über mehrere Jahre immer wieder an das Hamburger Landgericht, an die sog. Wiedergutmachungs-kammer.

Und irgendwann im Jahre 2005 rief mich dann Richter Dr. Lothar Weyhe vom Landgericht Hamburg an, und teilte mir mit, wenn ich von einem Beteiligten eine Vollmacht zur Akteneinsicht beibringen könne, dann hätte er noch so verschiedene interessante Akten.

Wieder schrieb ich nach Brasilien, in der Hoffnung, daß die Kinder des Kinobesitzers vom Waterloo Kino in der Dammtorstrasse 14 mir antworten würden. Und tatsächlich kam Post aus Sao Paulo von Günther Harald Hirschel, dem Sohn des Kinobesitzers Manfred Hirschel, dem die Flucht aus Deutschland gelungen war.

Günther Harald Hirschel stellte eine Vollmacht aus. Und so konnten wir (Jan Johannsen und ich) das erste Mal die Prozessakten aus dem Prozess Hirschel gegen Esslen ansehen und fotografieren, die vor uns noch niemand gesehen hatte. Die Entwicklung der Fototechnik war seit Beginn meiner Nach-forschungen inzwischen vorangegangen.

Während Reinhold Sögtrop und ich noch umständlich mit einer Kleinbild-kamera im Staatsarchiv waren, konnten wir (Jan Johannsen und ich) mit seiner Digitalkamera alle Akten, von denen wir Kenntnis erhielten, fotografieren. Mit der vorgelegten Vollmacht von Günther Harald Hirschel durften wir die Akten des „Wiedergutmachungsprozeß“ (schon diese Wortschöpfung stellt eine Verhöhnung der Opfer dar) um das Waterloo Theater in der Dammtorstrasse 14 fotografieren. Die Prozessakte Hirschel gegen Esslen hat 246 MB und passt auf eine CD Rom. Zum Lesen vor Ort hatten wir keine Zeit.

Das war das Gefühl, das vermutlich Touristen aus Asien bei Europareisen haben. Alles wird auf Speicherchips gebracht. Erst zuhause werden die Objekte dann angesehen. Und dort fielen mir dann fast die Augen aus dem Kopf. Der Obernazi Richard Adam, der die Enteignung der jüdischen Kinobesitzer maßgeblich im Sinne der NSDAP vorangetrieben hatte, tritt in dem Rückerstattungsprozeß Waterloo Theater als Zeuge der „Arisierer“ (Clara Esslen und Heinz Heisig) auf und wird nicht (natürlich nicht) im Gerichtssaal sofort festgenommen.

Er darf dagegen vor Gericht ausführen, daß der jüdische Kinobesitzer Manfred Hirschel schon vor der Enteignung durch Klara Esslen und Heinz B. Heisig (der nach dem Kriege damit punkten konnte, der einzige Hamburger Kinobetreiber gewesen zu sein, der nicht Mitglied der NSDAP war) pleite gewesen sei und dass er oder die Partei, der er angehörte keinerlei Einfluß auf die Enteignung des jüdischen Kinobesitzers Manfred Hirschel genommen habe. Doch zurück an den Anfang der Hamburger Kinogeschichte. Die eigentliche Kinogeschichte der Henschels beginnt schon viel früher mit der Eröffnung des „Helios Theaters“ von Friderika und James Henschel im Dezember 1905. Der Enkel Rolf Arno Streit, der seine Großeltern noch kennengelernt hatte, beschreibt, wie seine Großeltern darauf gekommen sind, Kinos zu machen.: „In Paris, so hat er (James) gehört, gibt es einen Grammophon Laden, dass heißt die Leute konnten in den Laden gehen sich Telefone an die Ohren legen und konnten dann eine Musik wählen. Das wollte er in Hamburg auch machen. Auf dem Weg dorthin sind sie (Friderika und James) stehengeblieben vor einer riesigen Schlange von Menschen, die alle in ein sogenanntes Cine gehen wollten. Das war eine Neuigkeit für meine Großeltern. Da wurden die ersten Filme vorgeführt. Nachher sind sie ins Hotel gegangen und meine Großmutter Frida Henschel hat zu meinem Großvater gesagt, James ich habe es mir überlegt. Wir machen nicht Grammophon. Wir machen Kinos.“

Wann Friderika und James diese Reise nach Paris gemacht haben, weiß ich nicht. Vielleicht waren sie in Paris, als dort die Weltausstellung stattfand. Dort führten die Brüder Lumiere zum ersten Mal ihren „Cinematographe Geant“ vom 15. April bis 31. Oktober vor. Das war ein Breitwandverfahren für eine Leinwand von 25 x 15 Metern.

Fünf Jahre später (Im Dezember 1905) eröffnen Friderika und James Henschel ihr erstes Kino in Hamburg Altona. Es ist das „Helios Theater“ in der Bergstrasse 11. Das Kino hat 500 Plätze. James ist zu diesem Zeitpunkt 42 Jahre alt. Aus einem Zeitungsbericht erfahre ich, dass Anfang 1906 das Ehepaar Henschel ihr zweites Kino, das „Belle-Alliance-Theater“ in der Eimsbütteler Strasse 2 /Ecke Schulterblatt 115 eröffnen. „Es fasste 1.400 Personen, für die damalige Zeit eine unerhörte Zahl, und hat Zeit seines Bestehens nur einen „schwarzen Tag“ erlebt: den Tag, an dem die Michaelis Kirche niederbrannte und die gesamte Tageskasse-bei 1.400 Plätzen-nur 56 Mark aufwies“. steht in der Licht Bild Bühne vom 16. August 1930. (Der Tag an dem der Michel brannte war der 3. Juli 1906). Vergleicht man die Größe des „Belle Alliance“ mit heutigen Kinos, dann schneidet die Gegenwart schlecht ab. Das größte Kino Deutschlands steht heute in Essen. Die Lichtburg: Die hat 200 Sitzplätze weniger (1.200 Sitzplätze). Hamburgs größtes Kino im Cinemaxx hat mal grade 1.001 Sitzplätze. Es scheint mir dringend an der Zeit, eine Art Biografie dieser ersten Kinounternehmer zu versuchen. Eigentlich wäre das Aufgabe jener gewesen, die sich Historiker nennen. Warum müssen das Amateure und Dilettanten machen, so wie ich einer bin? Auf jeden Fall, finde ich, ist es höchste Zeit diese Lücke endlich zu schließen.

Die Frau, die James Henschel dazu brachte, Cine zu machen war: Friderike (Friderika) Blumenthal, geb. am 17. Oktober 1865 in Lübeck. Sie flüchtete 1939 aus Deutschland nach Mexiko und starb am 16. April 1945 in Manhattan, New York im Alter von 79 Jahren. Sie hatten fünf Kinder. Rolf Arno Streit berichtet von seiner Großmutter Friderika, dass diese eine sehr religiöse Jüdin gewesen sei. Sie habe einen koscheren Haushalt geführt. Der Opa James habe es dagegen nicht so genau genommen. Einmal im Jahr, wenn Friderika in der Synagoge zum Beten gewesen sei, dann sei er heimlich Schweinefleisch essen gegangen.

Mark (Hermann) Lissauer (der kleine Junge auf dem Balkon des Fotos vom Thalia Kinos in der Grindelallee 116) berichtet in einer E Mail vom 22. Dezember 2005: „Von meiner Mutter hörte ich, daß Oma Frida an der Kasse saß und sie und James mit einer Waschbalje voll mit 10 Pfennigstücken per Droschke nach Hause fuhren.“

Die biografischen Angaben über James Henschel sind auch nicht grade üppig: Geboren wurde er am 5. Februar 1863 in Hamburg. Er erlangte am 18. Dezember 1901 das Hamburger Bürgerrecht. Als Berufsangabe wird genannt: Kaufmann und Agent. Am 22. April 1897 wird seine Firma James Henschel ins Handelsregister eingetragen. Nach einem Zeitungsbericht kam er von der „Konfektion“, was vermutlich heissen soll, daß er sich mit dem“ Handel von Fertigkleidung“ (Duden Fremdwörterbuch) beschäftigte.

Er war Mitglied der Hugenberg Partei (DNVP). Was immer man davon hält. Für den Enkel von James Henschel war diese Parteimitgliedschaft lebensrettend. James erhielt von einem Parteifreund Nachricht, das sein Enkel Horst Urich-Sass von der Gestapo gesucht werde. Aus gleicher Quelle konnte er auch seinen Schwiegersohn Hugo Streit vor der Verhaftung durch die Gestapo warnen.

Hermann Lobbes von der Licht Bild Bühne schreibt in dem einzigen Bericht, den ich gefunden habe, über die Arbeit von James Henschel: „Die Sommersaison 1907 bedeutete dann den einzigen größeren Rückschlag für die junge Firma, wenn man von den beiden ersten Kriegsjahren absieht, deren Überwindung nur durch fortgesetzte und beträchtliche Zuschüsse aus den Reserven möglich war.

Aber als James Henschel im Herbst 1907 mit dem „Hauptmann von Köpenick“ (Buderus, Hannover) herauskam und diesem Sensationsfilm wenig später die nicht minder spannende und aufregende Tragödie vom „Untergang Messinas“ (Ambrosio) folgen ließ, war die Situation mit einem Schlage gerettet. Beide Filme schlugen wie eine Bombe ein. Hunderte warteten täglich in langen Ketten vor der Kasse.

Hunderte fanden keinen Einlass. In Altona gab es damals kaum irgendwelche regulierenden Polizeivorschriften, und so spielte man ununterbrochen von 3 Uhr nachmittags bis 1 Uhr nachts. An manchen Sonntagen wurde das Theater von mehr als 8.000 Personen besucht! Diese erfreuliche Konjunktur ließ die Kasse anschwellen und schaffte die Möglichkeit ein weiteres Theater in Betrieb zu nehmen. Ein günstiger Bauplatz fand sich an der Wandsbeker Chaussee und hier errichte Henschel nun, nach einer kurzen Entreprise in Lübeck, das erste Theater der Welt, das ausschließlich für Kinozwecke bestimmt war. Aufgeführt mit einem Kostenaufwand von 550.000 Mark wurde das Palast-Theater, heute gleich den übrigen Großtheatern Henschels im Besitz der Ufa, einer der gewaltigsten Saalbauten seiner Zeit.“

Als James Henschel 55 Jahre alt ist, macht die neugegründete UFA (gegründet am 18. Dezember 1917) ihm ein Angebot für den Kauf seiner Kinos. James Henschel verkauft an die UFA. Da die UFA offenbar daran interessiert ist, nicht mit eigenem Namen in Hamburg als Kinobesitzerin aufzutreten, wird eine „J. Henschel GmbH“ gegründet. Viele fallen darauf herein. Ich auch. Bis mein Sohn Hannes eines Tages im Bundesarchiv in Berlin zwei Ordner mit den Bilanzen der J. Henschel GmbH findet, die dort nur deshalb aufbewahrt worden waren, weil die Nazis die UFA verstaatlicht hatten. Es stellte heraus, daß die Firma zu 100 % der UFA gehörte. James Henschel hatte mit der Gründung dieser Firma alle seine Anteile und auch die ihm gehörenden Grundstücke an die UFA verkauft.

Mit dem Erlös aus den verkauften Kinos kauft sich James Henschel 1919 – 14 Wohnhäuser mit über hundert Wohnungen und übersteht dadurch die Inflation von 1923 und die Weltwirtschaftskrise von 1929.

Das Ehepaar Henschel flüchtet 1938 aus Deutschland zunächst zur Tochter Bianca Kahn, geb. Henschel, nach Holland. Bianca Henschel hatte dort den portugiesischen Konsul Isidor Kahn geheiratet. James Henschel stirbt am 26. August 1939 im Alter von 76 Jahren in Den Haag. Nach seinem Tode gab der Reichsminister am 16. 09. 1939 im Reichsanzeiger bekannt, daß James und Friderika Henschel „ausgebürgert“ wurden. Sie waren nun keine Deutschen mehr.

Gleichzeitig wurde bekannt gegeben, das das gesamte inländische Vermögen von James und Friderika Henschel beschlagnahmt sei. Das darf als Hinweis darauf gelten, daß die Nazis auch gerne das ausländische Vermögen gehabt hätten. Friderika ist zu diesem Zeitpunkt 74 Jahre alt, als sie mit falschen Papieren über Portugal nach Mexiko entkommt.

James Henschel hat mit seinem Tode den Nazi Juristen noch eine Nase gemacht. Zwischen Gestapo, Oberfinanzpräsident und anderen deutschen Nazibehörden gibt es einen längeren Schriftwechsel in den Unterlagen, ob sie nicht den richtigen Zeitpunkt der Enteignung, bzw. der Ausbürgerung verpasst hätten. Auch die Grundstücke der J. Henschel GmbH konnten nicht mehr enteignet werden. Denn die hatte er bereits 1918 an „seine“ GmbH verkauft.

Der Enkel Horst Urich-Sass berichtete von seinem Vater Hermann Urich-Saß, der große Lust hatte, Kinos zu bauen. Immer wenn sein Vater mal zu aggressiv gebaut hatte und das Geld ausging, dann sind sie (Hugo Streit und Hermann Urich-Sass) nach Monte Carlo gefahren und James mußte mal mit Geld aushelfen, was er auch getan hat. Das Ehepaar Henschel hatte fünf Kinder:

Hanns Henschel ist der Älteste. Ich finde sein Grab auf dem jüdischen Friedhof in Ohlsdorf. Dort steht bei den Toten aus dem ersten Weltkrieg ein Stein: Unteroffizier Hanns Henschel geb. am 21. September 1893 – 5654. Gef. 31. Oktober 1916- 5677. Der Stein vermerkt: Inhaber des eisernen Kreuzes und des hanseatischen Kreuzes. Er ist 23 Jahre alt, als sein Vaterland ihm das Leben nimmt.

Hedwig Henschel wird am 4. Juni 1888 in Hamburg geboren. Mutter Friderika ist damals 22 Jahre alt. Vater Jeremias 25 Jahre alt. Sie heiratet Hermann Urich-Saß. (Henschel Film und Theaterkonzern) und stirbt am 24. Januar 1960 im Alter von 71 Jahren in Mexiko.

Sophie Henschel wird am 07. April 1889 in Hamburg geboren. Mutter Friderika ist 23 Jahre alt, der Vater James ist 26 Jahre alt. Sie heiratet Hugo Streit. (Henschel Film und Theaterkonzern), flüchtet im Dezember 1938 aus Deutschland und stirbt am 14. November 1968 im Alter von 79 Jahren in Belo Horizonte, Brasilien.

Bianca Henschel wird am 8. März 1890 in Hamburg geboren. Mutter Friderika ist 24 Jahre alt, Vater James ist 27 Jahre alt. Bianca heiratet am 5. Mai 1931 den portugiesischen Konsul Dr. Isidor Kahn in Den Haag und zieht nach Holland. Sie stirbt nach Kriegsende in Manhattan, New York.

Grethe (Gretl) Henschel. Ich finde ihr Geburtsdatum auf dem jüdischen Friedhof in Ohlsdorf. Geb. am 8. April 1895 in Hamburg. Gestorben am 4. August 1921. (5655-5681 steht auf dem Grabstein). Mutter Friderika ist bei ihrer Geburt 29 Jahre alt.

Gretl (wie sie auf dem Grabstein genannt wird) ist verheiratet mit Hermann Lissauer. geb. am 5. November 1893 in Hamburg. Gestorben am 29. August 1922. (5654-5682). Sie hat einen Sohn: Hans Adolf Lissauer, der am 08.01. 1920 in Hamburg geboren wird, in die USA flüchtet und sich dort Henry Anthony Lissauer nennt.

Die Suche in den Akten des Staatsarchives ist zeitaufwendig. Eigentlich nur Menschen möglich, die jede Menge Zeit und viel Geduld haben. In den Bestandsverzeichnissen des Oberfinanzpräsidenten (so nennt sich die Ausplünderungsbehörde in dieser Zeit) sind die Akten aufgelistet, die im Archiv vorhanden sind. In den ersten Jahren nach Namen sortiert, später nicht mehr.

Die Nummern der Akten werden in Bestelllisten eingetragen, die bis 11.30 Uhr abgegeben werden müssen. Ab 13.30 Uhr werden diese dann im Lesesaal bereit gestellt. Um 16.00 Uhr wird der Lesesaal geschlossen. 150 Minuten sind nicht viel Zeit, um dem Fleiß der nationalsozialistischen deutschen Beamten gerecht zu werden.

Und langsam, beim Sammeln der vielen neuen Informationen stellt sich heraus, daß der Film von 1994 nur die halbe Wahrheit war. Damals ging ich davon aus, daß von den 50.000 Sitzplätzen in Hamburger Kinos ungefähr 30 % im Besitz von Menschen waren, die von den Nazis als Juden bezeichnet wurden und die sich selbst doch nur als Deutsche- als Hamburger- bezeichneten. (Zum Vergleich hatte Hamburg 1990 ca. 12.000 Sitzplätze in Kinos zur Verfügung).

Die neuen Tatsachen zeigen: Wenn jemand zwischen 1933 und 1945 in Hamburg Kinobesitzer geworden ist, dann nur durch die Enteignung, die die deutschen Nazis durchgeführt haben. Von den 50.000 Sitzplätzen, die 1930 in Hamburg vorhanden waren, wechselten 30.000 den Besitzer, wenn man es denn so ausdrücken will.

Der Tarnausdruck der Nazis heisst „arisieren“. Sie hatten auch noch andere Tarnausdrücke, die viele Menschen heute nicht mehr kennen: Für Mord hatten sie den Tarnausdruck „Sonderbehandlung“, um nur ein Beispiel zu nennen.

Geld ist bei dieser Enteignung keins geflossen, jedenfalls nicht an die, denen es zugestanden hätte. Und noch in dritter Generation halten die Enkel die Legenden von damals aufrecht: Die Schümanns, die Romahns, die Adams, die Meiningers, die Esslens, die Heisigs und wie die neuen Kinobesitzer von Führers Gnaden in Hamburg alle hießen. Und noch eine Information ist wichtig zum Verständnis. Würde ich heute meine Suche nach den „Verschwundenen Kinobesitzern“ von damals beginnen, dann würden 75.000 DM nicht einmal ausreichen, die Fotokopierkosten zu bezahlen, die laut Gebührenordnung des Hamburger Senats und anderer Bundesbehörden (Bundesarchiv) dafür fällig würden.

Die Archive sind inzwischen zu uneinnehmbaren Endlagern geworden. Das bettet sich nahtlos in die Schweigepolitik der Bundesrepublik ein. Nach heutigem Kurs sind meine zehn mit Dokumenten gefüllten Leitz Aktenordner inzwischen ein kleines Vermögen wert. Jede Din A 4 Kopie würde mit 0,60 € laut Gebührenordnung berechnet werden (inkl. Mehrwertsteuer). Mehrwertsteuer für die Ausplünderungsakten der deutschen Verwaltung?

Für jede Melderegisterauskunft werden in Hamburg 22,00 € fällig. Wer den Wohnsitz des Mannes herausfinden will, der in Hamburg die Kinobesitzer enteignet hat, dem kann es passieren (ich kenne das), dass sowohl die Gemeinde Blankenese, als auch die Gemeinde Kampen auf Sylt sich über mehrere Jahre weigern, eine Melderegisterauskunft zu geben und das obwohl Kampen auf Sylt am 31. 12. 2008 nur insgesamt 601 Einwohner hatte.

Dort hat sich Richard Franz Wilhem Adam, geb. am 30.09. 1893 in Hamburg Altona bis zu seinem Todestag am 26. November 1967 aufgehalten. Gegen ihn wurde niemals ermittelt.

Paradieschen
Alte Postkarte Lerchenweg 5 Kampen auf Sylt, Wohnsitz von Richard Adam bis zu seinem Tode (Villa Paradieschen)

Seinen letzten Wohnsitz erfahre 2005 bei Einsicht in eine sog. „Wiedergutmachungsakte“. Darin ist ein Brief enthalten, den er aus Kampen (Sylt) an das Hamburger Landgericht schreibt. Gerne tritt er als Zeuge auf, aber die Fahrt nach Hamburg kostet 54,20 DM. Das Geld möge man ihm bitte vorher schicken. Nur vier Personen aus dieser Kinobesitzerfamilie konnten in Deutschland bleiben. Sie liegen auf dem Jüdischen Friedhof in Hamburg Ohlsdorf. Sie starben vor der Zeit. Und einer von Ihnen hat sich das Leben genommen, als Hitler die Macht übergeben wurde. Nur dieser Stein konnte die Brücken zu den Überlebenden im Ausland finden. Und das ist das eigentlich Erschreckende.

Jens Meyer Hamburg, d. 14. Mai 2026

Briefe an Eugen (IV-4) Der Name: 3001 Kino.

Romische Zahlen am BUG

Hallo Eugen, die Frage ist leicht zu beantworten. Der Erfinder des Namens 3001-Kino ist Leopold Wiemker (Leo Wiemker) gewesen. Er war Leser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), die wir, die anderen beiden Teilhaber dieser Neugründung, verabscheuten. Las einer die FAZ und nicht die FR (Frankfurter Rundschau), der Liberalität nachgesagt wurde, dann hatte er eigentlich schon verloren. Deswegen hatte sich Leo auch lieber nicht gemerkt, wo er diesen Satz von den Bankfilialen, den Tankstellen und den Kinos gelesen hatte. Ich habe dann lange in den Archiven, natürlich in den falschen Zeitungen nach dem Artikel gesucht und ihn schließlich in einer Veröffentlichung des Hauptverbandes Deutscher Filmtheater e. V. in Wiesbaden gefunden. Ein Buch erschienen 1987. „Das Kino von Morgen“. Auf Seite 37 war dieser Artikel dann abgedruckt. Hier als PDF hochgeladen:

Foto G. Klaut

PDF Kino als Kunst am Bau

Wie Du selbst feststellen kannst, hatte sich Leo die genannten Zahlen von  1987 nicht richtig gemerkt. Denn dort  findet sich das richtige Zitat: „In der Bundesrepublik  gibt es heute 4.500 Bankfilialen, 18.000 Tankstellen, aber nicht einmal mehr 3.600 Kinos,  deren Zahl im vergangenen Jahr abermals um zehn Prozent gesunken ist.“ Von wegen 3.000 Kinos.

Den Artikel hatte Michael Mönninger 1987 geschrieben. Also waren es 1986, zieht man die zehn Prozent ab: 3.240 Kinos. Und wenn sich der Sinkflug der Kinos 1987 und 1988 (Im Jahr der Namenssuche)  fortgesetzt hatte, dann waren es 1987 – 324 und 1988 – weitere 291 Kinos weniger geworden. Also gab es   Ende 1988 nur noch 2.916 Kinos, während die Zahl der Tankstellen und den Bankfilialen  vermutlich unverändert war. Nur gut, das mit dem Ankauf der DDR  1989  dann wieder Kinos dazu gekommen sind.

Mit anderen Worten: Bei Gründung (bei einem Notar in Cuxhaven, weil Leo um die Ecke in Steinau wohnte) der 3001 Kino Betriebs-GmbH am 13. September 1989 waren es sicherlich nicht 3000 Kinos in der Bundesrepublik gewesen. In der Broschüre des HDF e. V. (Das Kino von morgen) war auch ein Text über das Zeise Kino abgedruckt, verfaßt von den Architekten Peter Wiesner, Ties Jentz, Heiko Popp und Jens Störmer, die sich Planungsgruppe „Me di um“ nannte.

Für den Artikel gab es immerhin eine Prämie von 6.000,00 DM. Daran kannst Du auch sehen, mit welcher Sorte Texte man damals Geld verdienen konnte.  Deshalb  habe ich meinen Kommentar von damals auch nicht übergemalt.  Zwei Jahre später 1993, wurde das Zeise  Kino  eröffnet.  Das große Kino war ganz schön geworden.  Als der Kinotechnicker aus Kiel  dann den Vorführraum gesehen hatte, in den er drei Projektoren  und drei Gleichrichter einbauen sollte, hatte er kurzzeitig überlegt, ob es nicht besser  sei, den Beruf zu wechseln.

Hat er dann aber nicht gemacht. Und eine Anekdote hat sich seither auch erhalten: Mein Freund, der Kinotechniker  Detlev Lehmann, hatte sie erlebt und von ihr berichtet. Als der Kinotechniker aus Kiel, am Boden kriechend und fluchend über den Platzmangel, stand der Architekt,  Peter Wiesner, der diesen viel zu kleinen Vorführraum zu  verantworten hatte, an der Tür und lobte sich selber  in den höchsten Tönen. Der Kinotechniker, der nicht wußte, wer das war, der das Kino da so  lobte, hielt nicht an sich und konterte: „Ja, nur Scheisse, das man hier auch noch einen  Projektor aufstellen muß.“ Diese  Antwort hatte den Architekten Peter Wiesner so empört,  das er sich bei der Firma Ernemann  in  Kiel über ihn  beschwert und gefordet hatte, daß dieser Mann ausgetauscht werden solle, was dann auch geschah. Er  hat nie erfahren, welchen großen Gefallen er dem  Mann damit gemacht hatte.

PDF Zeise Medium 1987

Nilpferd
Zeichnung Helga Bachmann

Briefe an Wiebeke (XXXVII-37) Die Räuber von der IFB

Romische Zahlen am BUG

PDF Briefe an Wiebeke (9.836 Zeichen) Die Bankräuber von der IFB

Hallo Wiebeke, natürlich weiss ich von der Klassenjustiz. Aber ein solches Erlebnis derselben hatte ich schon lange nicht mehr. Die Schriftsätze des Anwaltsbüros des Staates, gegen den ich Klage eingereicht hatte, machten vor allem eins deutlich: Nach vielen Seiten Blödsinn folgt eine Seite voller Wahrheit. Auf der letzten Seite jedes ihrer Schriftstücke, das mir vom Gericht übermittelt wurde, waren die Namen jener Personen genannt, die sich mit diesen Verfahren eine goldene Nase verdienen. Ich werde diese Seite als PDF in meinen Brief an Dich einfügen.

PDF Anlage 1 Deloitte Legal GmbH

Aber nun zu dem Erlebnis vom 16. Mai 2023 Aktenzeichen 16 K 5062/21 vor dem Verwaltungsgericht Hamburg. Um das Ergebnis kurz vorweg zu nehmen:

Wir haben verloren.

Und damit meine ich nicht nur mich, sondern auch alle anderen Kleinunternehmer, die der Ankündigung von Peter Altmaier (CDU) und Olaf Scholz (SPD) im täglichen Fernsehen gefolgt waren und auf ihre Ansagen vertraut haben: Schnell und und unbürokratisch sollte die Hilfe bei all Jenen ankommen, denen die Ausübung ihres Gewerbes staatlicherseits untersagt wurde.

Spielplätze, Kitas, Kinos und Hotels wurden geschlossen und mit der Schließung der Kinos und Hotels, war ich von meinen Einnahmequellen abgeschnitten. Du weißt warum.

Seit dem Zeitpunkt als das Geld geflossen war, beschäftigte ich mich nun mit der Herstellung von Papieren, gefühlte hundert Seiten, um die IFB – die Hamburgische Investitions- und Förderbank davon zu überzeugen, daß ich durch die staatliche Schließung der Kinos und der Hotels in Hamburg keine Einnahmen aus meiner Gewerbetätigkeit mehr hatte.

Die Fragen dieser Bank, die ja im Auftrag des Hamburger Senates handelt, gehen ins Unendliche. Was sie alles wissen wollen, wovon damals niemals die Rede war. Es fehlte eigentlich nur noch die Forderung der IFB, das man ihr beweisen müsse, das es überhaupt eine Pandemie gegeben habe.

Dabei ist es bei mir leider ganz einfach. Meine Altersrente beträgt monatlich 720,00 €. Davon kann ich grade meine Miete bezahlen und habe noch Geld für Strom, Wasser und Telefon übrig. Schon seit dreissig Jahren, mit einem Jahr Unterbrechung, habe ich deswegen ein Gewerbe angemeldet und ausgeübt.

Meine Einnahmen aus meinem Gewerbe betrugen monatlich 1.666,00 € inklusive der Mehrwertsteuer, macht zusammen 2.386,00 €. Das war vor der Pandemie. Alles sauber belegt.

Sogar die 40,00 €, die von der Altersrente für Krankenversicherung abgezogen werden. Apropos Altersrente. Wenn ich das Unwort höre, werde ich wütend. Mit meinem Alter hat das nichts zu tun. Ich nenne es Rentenbetrug. Bei Gelegenheit schicke ich Dir mal meine Tabelle mit der Aufstellung, wieviel Geld ich seit 1963 in die Rentenkasse eingezahlt habe.

Ich war selbst überrascht. Hätte ich das Geld auf ein Sparbuch mit 3 % Zinsen und nicht in die Rentenversicherung eingezahlt, dann hätte ich heute keine Geldsorgen. Aber Du hast Recht, das gehört hier nicht her. Und dennoch, bei Gelegenheit schicke ich Dir mal meine Aufstellung. Fein säuberlich seit 1963 ausgerechnet. Natürlich mit beiden Einzahlungen (AG + AN). Abzug vom Lohn und Arbeitgeberanteil. Und davon durchschnittlich 18 % an die Rentenversicherung »abgeführt«.

Zurück zu den Einnahmeausfällen, die ja nicht durch die Pandemie entstanden sind, sondern durch die Verbote des Staates, die mich daran gehindert haben, meiner gewerblichen Tätigkeit weiter nachzugehen.

Also stellte ich einen Antrag für die Einnahmeausfälle, die in den nächsten drei Monaten zu erwarten seien: Eine einfache Rechnung. 1.666,00 € pro Monat x 3 Monate = 4.998,00 €. Im Ergebnis ein Antrag über 5.000,00 €. Und schwupps wurden 7.000,00 € bewilligt. 4.500,00 und 2.500,00 € von Hamburg und vom Bund.

Unbürokratisch und schnell. Ich war tatsächlich überrascht. Das gab es noch nie. Und richtig. Die Schließung der Kinos und der Hotels dauerte tatsächlich sechs Monate, wie die Verantwortlichen von Bund und Land offenbar geahnt hatten. 1.666,00 € x 6 Monate macht 9.996,00 €. Das fehlende Geld von 2.996,00 € wurde teilweise aus Hamburger Steuergeldern ausgeglich

en: 2.000,00 € kamen durch eine sog. »Neustarthilfe« auf mein Konto. Der fehlende Rest von 1.000,00 € kam von meinem Sparbuch für Notfälle. Jetzt darf kein Notfall mehr kommen. »Emptibox« hätte meine Mutter gesagt.

Meine Aufstellung, gefertigt für die IFB Senatsbank, ist sehr einfach. Von der Rente von 720,00 zieht die Rentenkasse 40,00 für Krankenversicherung ab, bleiben 680,00 über. Von den Einnahmen aus dem Kino und dem Hotel werden 19 % Mehrwertsteuer abgezogen und ans Finanzamt überwiesen. Übrig bleiben 1.400,00 aus Gewerbebetrieb.

Eine einfache Rechnung, die eigentlich jeder verstehen müsste, der mindestens die Hauptschule geschafft hat. Nicht jedoch die Hamburger Staatsbank IFB ― Hamburgische Investitions- und Förderbank — am Besenbinderhof 31.

Übrigens auch die Bank, die alle drei Jahre im Auftrag der Stadt Hamburg überprüft, ob mein Einkommen für das Bewohnen einer Sozialbauwohnung — Paragraf 5 Schein Wohnung ― nicht vielleicht doch zu hoch ist.

Im Verwaltungsrat dieser staatlichen Bank sitzt, bzw. saß Frau Senatorin Dr. Dorothee Stapelfeld (SPD) als Vorsitzende. Als sie noch nicht im Ruhestand war, habe ich ihr über die rüden Methoden dieser IFB Bank einen Brief geschrieben, dem sogar ein Antwortschreiben ihres Referenten folgte.

PDF Anlage 2 Korrespondenz mit einer Senatorin

Sogar eine Art »Bewilligungsbescheid« folgte der Überweisung von 7.000,00 €, der, wie ich später feststellen mußte, das Papier nicht wert ist, auf dem es gedruckt ist. Und vor allem: weder von mir, noch von der Gegenseite unterschrieben wurde. Das wird einen Grund haben, wie ich damals schon vermutet hatte.

PDF Anlage 3Bewilligungsbescheid

Der Richter des Verwaltungsgerichtes war im Termin ein freundlicher Mann. Er hatte sich alle Unterlagen, gefühlte hundert Seiten, zu denen ich aufgefordert worden war, genauestens angesehen und am Beginn der Verhandlung eine Art Zusammenfassung vorgetragen, wie sich die Ereignisse aus seiner Sicht zugetragen hatten. Zugeschaltet auf einer Videowand, die beiden Herren aus Köln, die sich hier, natürlich nur für ihre Firma ― Deloitte Legal GmbH ― die goldenen Nasen verdienen.

Dem Richter der Kammer 16 des Verwaltungsgerichtes, so stellte ich bald fest, hatte vor allem mein Einkommensteuerbescheid der Finanzverwaltung von 2019 nicht gefallen. Ich war davon ausgegangen, das ein Beamter in der Justizbehörde, die Sprache eines Beamten aus der Finanzbehörde ohne Weiteres versteht, was, wie ich in dem Termin feststellen mußte, aber leider nicht der Fall war.

Das hat vor allem mit der ersten Seite meines Einkommensteuerbescheides des Finanzamtes für 2019 vom 23.11. 2020 zu tun, auf dem sich die leicht mißverständliche Formulierung des Finanzamtes Hamburg Mitte befindet:»Einkünfte aus Gewerbebetrieb als Einzelunternehmer«.

PDF Anlage 4 2019

Es handelt sich bei dieser genannten Zahl jedoch nicht um die Einkünfte, wie dieser Begriff suggeriert, sondern vielmehr um den verbleibenden Gewinn des Unternehmens.

Das ergibt sich aus dem Formblatt des Finanzamtes (Anlage G – Einkünfte aus Gewerbebetrieb), das eindeutig darauf hinweist, das in dieses Formblatt die erzielten Gewinne des Unternehmens eingetragen werden sollen. Oder aber, mit einem vorgesetzten Minuszeichen, die Verluste des Unternehmens. Im Einkommensteuerbescheid 2019 wurden nun 1.129,00 € mißverständlich als Einkünfte aus Gewerbebetrieb ausgewiesen. Und dort findet sich auch die Vermutung des Richters, daß hier der ganz große Beschiss stattfände. Wie es denn möglich sei, dass aus Umsatzerlösen von 24.219,50 € die genannte Summe von 1.129,00 € im Einkommensteuerbescheid werden könne?

Meiner Beteuerung, es handle sich bei der im Bescheid genannten

Summe nicht um die Einkünfte aus Gewerbetrieb, sondern um den Reingewinn, der übrig geblieben sei, weil eine Spende des Vorjahres noch abzuziehen war, die im Vorjahr nicht abgezogen werden konnte, konnte er keinen Glauben schenken. Nach der sog. 20 % Regelung werden die Spenden, die im Vorjahr (2018) nicht geltend gemacht werden konnten im Folgejahr (2019) vom Gewinn abgezogen. So wurde aus einen Reingewinn von 3.280,00 € im Jahr 2019 der Reingewinn von 1.129,00 €.

Obwohl sich die genannten Zahlen beide auf der ersten Seite des Einkommensteuerbescheides 2019 befinden, konnte dies den Richter nicht überzeugen. Auf die Idee, daß ein beamteter Richter am Verwaltungsgericht einen Einkommensteuerbescheid nicht lesen kann, den ein Beamter der Finanzbehörde erstellt hatte, war ich vor Prozessbeginn leider nicht gekommen. Und konnte deshalb das ausgefüllte Formblatt (Anlage G) nicht erneut im Termin vorlegen, das diesen Umstand nochmals erklärt hätte. (Überschrift im Formblatt: Gewinn als Einzelunternehmer). Die »Goldenen Nasen aus Köln« wussten vermutlich ganz genau, was sie tun und lassen müssen, um dem ausgeplünderten Staat die erschwindelten Beihilfen zurück zu holen und natürlich auch damit sie selber keinen »Liquiditätsengpass« erleiden. »Liquiditätsengpass« ist ein Lieblingswort der Firma »Deloitte Legal GmbH« aus Köln.

Dazu kann ich nur anmerken: Einen solchen Flüssigkeitkeitsengpass kann es ja nur geben, wenn Flüssigkeit vorhanden ist. Wenn aber sechs Monate lang keine Flüssigkeit vorhanden ist, kann es auch zu keinem Engpass derselben kommen. Nur Unternehmen, die über die entsprechende Rücklagen verfügen, können eine Zeit überbrücken, in denen sie keine Einnahmen haben.

Ein Kleinunternehmer, der als Rentner sich nebenbei noch was dazu verdient, so wie ich, hat natürlich keinerlei Rücklagen in dieser Höhe mit deren Hilfe er solche Einnahmeausfälle überbrücken könnte. So stehe ich vor einer ganz anderen Situation und mit mir natürlich alle anderen Kleinunternehmer.

Werden die Kinos und Hotels staatlicherseits geschlossen, kann ich keine Programmtexte für das Kino schreiben und verkaufen und keine Kontierungen vornehmen und verkaufen, weil beide Betriebe gezwungen wurden, ihre Geschäfte zu schließen.

Das wissen die Leute der IFB und die »Goldenen Nasen aus Köln« natürlich ganz genau und behaupten dennoch das Gegenteil. Und sie kommen damit durch, wie ich am Dienstag Gelegenheit hatte zu erleben.

Wiebeke, ich kann Dir nur raten, hüte Dich vor Menschen mit Doppelnamen. Da ist immer irgend was faul. Und wenn es nur die Tatsache ist, daß diese Doppelnamenmenschen lieber der IFB und ihren »Goldenen Nasen« glauben, die gebetsmühlenartig, in jeden der von ihnen verfassten Schriftsätze ihre falschen Behauptungen wiederholen: Man habe vor der Pandemie keine 20 Stunden pro Woche gearbeitet und die Rente von 720,00 € sei höher als die 1.400,00 €, die aus dem Gewerbebetrieb erzielt wurden. Für diese Art Rechnung bedarf es sicher keines Studiums von zehn Semestern Jura sollte man meinen. Doch hier scheint jener Satz zur Geltung zu gelangen, daß eine falsche Behauptung durch ständige Wiederholung Glaubwürdigkeit erlangt.

Im Verlauf dieser Auseinandersetzung habe ich erlebt, auf welche Weise die IFB ― Hamburgische Investitions- und Förderbank ― eine Anstalt des öffentlichen Rechts vorgeht:

1) Die IFB, die städtische Bank teilte mit, ein Widerspruch, der abgewiesen wird, kostet 50 € in Worten: fünfzig Euro. 2) Ein Verfahren vor dem Verwaltungsgericht dauert lange. 3) Die IFB kann sich das Geld, ohne langen Prozesse, schnell vom Deinem Konto zurückholen. Es bedarf nicht mal eines Mahnbescheides. Oder eines Gerichtsurteiles. Natürlich nur, wenn eine Deckung auf dem Konto vorhanden ist. Und damit ist die Welt dann wieder in Ordnung. Das hast Du sicher nicht gedacht, oder? Und jetzt kommst Du. Ich hoffe, daß Du mehr Erfolg hast und denk immer an die Elektrolüte aus dem Film »Herr Lehmann und die Goldenen Kölner Nasen«, J.

Grafik aus dem Rotbuch 19 „Versuch über Gebrauchswert“ von Horst Kurnitzky, Verlag Klaus Wagenbach, 1970, Grafik von Natascha Ungeheuer Frontispizgraphik

Nilpferd
Zeichnung Helga Bachmann

Briefe an Wiebeke (XXVIII-28) Apropos Wikipedia

Romische Zahlen am BUG

pdf Schräg und starrsinnig

Pdf Briefe an Wiebeke (XXVIII)

Hallo Wiebeke, Apropos Wikipedia, Du wolltest wissen, wie es zu dieser Falschinformation bezüglich der Gründer des 3001 Kinos kommt? Das ist ganz einfach: Die Wikipedia Leute beziehen sich auf ein Interview, das eine Taz Redakteurin (Annette Bolz) mit mir zum Dreijährigen Geburtstag des Kinos geführt hatte (1994). Der Wikipiamensch, der dieses Interview zitiert, aber nicht präsentiert, hat das leider falsch verstanden, das mit den Gründern. Und damit das nicht alle Zeit so bleibt, habe ich diesen Zeitungsartikel für Dich heruntergeladen und da isser schon: (in der Taz Hamburg erschienen am 28.4.1994) Unter der Überschrift: “Schräg und Starrsinnig. Ein Rückblick zum Dreijährigen des 3001-Kinos“ Am ersten Mai wird das 3001-Kino im Schanzenviertel drei Jahre alt. Die taz resümiert mit Jens Meyer, einem der Gründer.

taz: Wer steckt hinter dem 3001? Meyer: Wir sind ein reines Männer-Kino: Außer mir machen noch Rainer Krisp und Thomas Schröder mit. Rainer habe ich im Zentral-Film-Verleih kennengelernt, das war damals der erste Polit-Verleih. Später, von 1982 bis 1990, haben wir das Duckenfeld in der Oelkersallee (64) gehabt. Das mußte dann wegen des Gebäude-Abrisses schließen. Damals hatten wir 23 Sitze im Kino . Wieviele hat denn das 3001? 96. Und die Sternchen an der Decke haben wir selbst gebaut.

Schreibt ihr schwarze Zahlen? Rein rechnerisch nicht, wegen der hohen Abschreibungen für die Investitionskosten, aber im Prinzip trägt sich der Laden, wir können gerade davon leben. Welches Ziel hattet ihr vor drei Jahren, als ihr anfingt? Angefangen haben wir als frustrierte Kino-Besucher. Wir dachten, es gibt 100 Kinos in Hamburg, davon gehören 90 Prozent zwei Besitzern, und dann laufen dadrin 30 Filme. Das langweilte uns. Wir wollten mehr und andere Filme zeigen. Aber tatsächlich gibt es nicht so viele, die das auch langweilt. Die meisten Leute wollen doch die neuen Filme sehen, so schlecht sie auch immer sein mögen. Habt ihr nach dieser Erkenntnis das Programm geändert? Heute durchmischen wir das Programm mit neuen Filmen, weil wir reicher werden wollen. Bei „Mrs. Doubtfire“ hast du die Bude voll, bei alten Filmen kommen nur 30 Leute. Wir stolpern über unsere eigenen Füße. Früher wollten wir einen Film nur eine Woche lang zeigen, doch die Verleih-Verträge zwingen uns, neue Filme mindestens vier Wochen zu zeigen, mit Verlängerung, wenn das Kino immer noch voll ist. Wir müssen das aber noch diskutieren, ob wir uns darauf einlassen wollen. Seit (d) ihr auch inhaltlich von euren Zielen abgegangen? Damals wollten wir alles zeigen, was uns gefällt und sonst nicht gezeigt wird. Wir haben als Wunschkino angefangen. Das haben wir uns aber abgeschminkt. Denn unsere Zuschauer-Zahlen steigen zu langsam: Im ersten Jahr kamen 15.000, im zweiten 25.000 und im dritten 35.000 Leute. Bei der Polit-Film-Reihe werden wir manchmal aber überrascht, da sitzen dann nicht bloß die zehn Hanseln, die wir schon kennen. Bleibt die Programm-Struktur? Die Dokumentarfilme werden weiterhin alle 14 Tage gezeigt, das Lesben-Kino findet nur noch einmal im Monat statt. Die Frauen sind frustriert von der Arbeit: Nur wenn sie „Thelma und Louise“ zeigen, dann kommen viele. Welches Publikum kommt? Wir haben eine Menge Stammkunden, aber es kommen auch immer wieder neue Leute, die fragen, wo das Klo ist, wo der Eingang ist und wie das mit den Eintrittspreisen ist. (Anmerkung der Red: Im 3001 liegt der Eintritt zwischen 8 und 12 Mark, je nach Einkommen.) Die Armen finden das großartig, und die Reichen kommen nicht zu uns. Seht ihr euch als politisches Kino? Nein. Das 3001 ist nie eine Erziehungs-Anstalt gewesen. Ich habe Angst vor einem belehrendem Charakter. Die Dokumentar-Filme sind allerdings eine Marotte von uns. Schräge und starrsinnig und sind wir auch beim Kinderprogramm, da sind wir seit drei Jahren richtig erfolglos. Was plant ihr für die Zukunft? Ich überlege, ob wir das 3001 nicht mit einem Erstaufführungskino kombinieren sollten, dann kannst du richtig Geld verdienen. Aber die beiden anderen wollen nicht so recht. Gibt es eine Geburtstagsparty? Nee. Aber wir zeigen um 21 Uhr die Schanzenrolle. Das sind 90 Minuten aus 40 Spielfilm-Trailern, in denen die Filme kurz angekündigt werden. Ein paar Kurzfilme sind auch dabei, wie „Goofy in Afrika“ und eine alte UFA-Wochenschau mit Erich Honnecker. Eine komische Mischung. Nein. Das sind gute Trailer von guten Filmen, die lustig und witzig sind. Und der Eintritt – da haben wir eine Preistafel von 1961: 2,60 Mark für Arme, 3,20 für Reiche. Und danach kommen die Blues Brothers. Fragen: Annette Bolz

Aus meiner Antwort: “Außer mir machen noch Rainer Krisp und Thomas Schröder mit,“ hat Wikipedia den Schluß gezogen, diese drei Personen seien die drei Gründer. Dem war aber nicht so! Gründer waren: Leopold Wiemker, Rainer Krisp und eben meine Wenigkeit, weil nicht jeder Esel nennt seinen eigenen Namen zuerst. Eine Korrektur der Falschinformation von Wikipedia fand ich dreissig Jahre lang nicht so wichtig. Aber jetzt wo Leo, wie wir ihn immer genannt haben, schon bald zwanzig Jahre tot ist, sollte das mal korrigiert werden, man gönnt sich ja sonst nix J.

3001 Kino vor dem Umbau, Foto von Wolfgang Morell 1989
Detlev Lehmann (18.04.1948- 3.5.2023) Ohne ihn waere der Aufbau und Betrieb des 3001 Kinos nicht möglich gewesen. Foto: Wulf Eike Neumann 1986.
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Black Box Kino Monopoly 10. November 1988

pdf Kino Monopoly

Frau Friedrich im Lande der Pandemie

PDF Frau Friedrich im Lande der Pandemie

Grafik Hans Hillmann

Frau Friedrich im Lande der Pandemie. Frau Friedrich von der FFA hat es wirklich schwer. Ihre Arbeit bei der FFA ist: Die Erfassung der Umsatzzahlen der Kinos. Nun finden seit fast 12 Monaten in den Kinos keine Umsätze mehr statt. Das weiß auch Frau Friedrich. Das weiß auch der Chef von Frau Friedrich. Sein Name tut hier nichts zur Sache. Vermutlich ein Mann. Warum sollte es anders sein? Die FFA ist eine Staatsveranstaltung. Sie soll den Bürgern dienen. Den Bürgern dienen ist das eine. Aber wer dauerhaft dienen und dafür auch bezahlt werden will, der muß seine Tätigkeit, wenn sie nicht durch Wirkung in Erscheinung tritt, dokumentieren, präsentieren, legitimieren. Nun sind die Kinos seit 12 Monaten, mit kleinen Unterbrechungen, geschlossen. Umsätze finden nicht statt. Und dennoch gibt es Menschen, deren Tätigkeit darin besteht, die (nicht vorhandenen Umsätze) zu erfassen, zu dokumentieren, zu präsentieren und damit ihre Tätigkeit zu legitimieren. Frau Friedrich von der FFA könnte einfach, wie die Kinobesitzer und Kinoangestellten schön zu Hause sitzen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, wären da nicht die Gesetze, in denen eine solche Auszeit nicht vorgesehen ist. Also geht sie täglich an ihren Nichtarbeitsplatz und schickt an die vorhandenen Kinos (geschätzt 3001 und mehr) die Aufforderung zur Nullmeldung. Aktuell für die Monate Januar und Februar 2021. Und keiner in der FFA oder anderswo kann diesen Unsinn stoppen, wollte er oder vielleicht sogar sie, es. Der Präsident oder die Präsidentin von der FFA? Man weiss es nicht. Und so schickt Frau Friedrich von der FFA weiter ihre Aufforderungen zur Umsatzmeldung in die Lande. Man kann sich schließlich nicht nur mit dem Impfen und der Früherkennung der Krankheiten beschäftigen. Es muß auch andere Tätigkeiten im Lande der Pandemie geben! Jawoll! Frau Friedrich von der FFA hat es wirklich schwer. 20. März 2021 Jens Meyer vom 3001 Kino in Hamburg.

Telefonat mit einem Spekulanten (Schanze 75 GmbH)

Ein Telefonat mit einem Spekulanten 31. Mai 2010 15.20 Uhr – 15.35 Uhr 15.20 Uhr. Zuhause. Es klingelt. Mein Telefon. Es meldet sich ein Herr Stefan *. Er sei der Hausbesitzer des Schanzenhofes und habe eben mit der Palette telefoniert und man habe ihm gesagt, daß man nicht zuständig sei, sondern der Herr Meyer. Ich denke, wer hat denn dem Arschloch meine private Telefonnummer gegeben? Ob ich denn der richtige sei? Wenn er mit dem Verein Schanzenhof telefonieren wolle, dann wäre ich schon der richtige Ansprechpartner, antworte ich. Wie das denn wäre? Ich verstehe nicht, was er meint. Das ist der Verein der Mieter des Schanzenhofes, meine Antwort. Ich sei im Vorstand dieses Vereins und noch zwei andere Personen. Ob das denn nicht der Herr Krisp sei? Nein, antworte ich, der Herr Krisp ist vom Kino. Er erklärt, er sei ja für den direkten Weg. Und es hätte diese Beschwerden gegeben und da habe er eben die andere Firma gewählt. Aber wenn es denn so sei, dass die Mieter die Leute von der Palette haben wollten, dann sei das in Ordnung. Soweit ich weiß, entgegne ich, gab es keine Beschwerde der Volkshochschule, sondern die Volkshochschule wollte lediglich für das Treppenhaus in der Schanzenstrasse einen dritten Reinigungstermin. Das sei wohl aus Sicht der Palette kein Problem. Dann würde ja aber der Preis steigen, sein Einwand. Das wäre ja für den Hausbesitzer kein Problem, weil ja die Kosten der Reinigung ohnehin von den Mietern getragen werden. Und da gab es unter der Mietern auch Einigkeit. Ja, wer denn überhaupt in dem Verein sei? Seine Frage. Alle Altmieter, die seit 1991 im Gewerbehof Schanzenhof Mieter seien, meine Antwort. Wer denn da rausfalle? Alle, die mit der DIC Mietverträge hätten. Also z. B. die Sportschule Asia Sports u.a. . Die Nebenkosten werden ja vermutlich über die Betriebskosten verteilt und die Asia Sportschule hat kein Treppenhaus. Ja, das die Mieter die Kosten der Reinigung übernehmen, das hätte er gerne schriftlich. Meine Antwort: Es gibt von der Zusammenkunft der Mieter ein Protokoll.

Da haben wir gerade den Eingang malen lassen und zwei Tage später sei schon wieder was an der Wand. Der Herr Krause * hätte vorgeschlagen, da eine Überwachungskamera . . . als Attrappe hinzuhängen, das würde die abschrecken. Da kann ich nur von abraten, das würde das nur anheizen. Besser wäre es ein paar Graffitikünstler zu engagieren, die das ganze kunstvoll ausmalen. Graffiti verhindert man am besten mit Graffiti. Ja, ham sie da Kontakte? Ich bin bereit. Ich werde mich mal umhören. Und den Kontakt bezüglich der Treppenhausreinigung macht man am besten über den Rechtsanwalt Matthias Neuling ***. Ja, das habe er überhaupt nicht verstanden, von wem der denn eigentlich beauftragt wurde. Naja, vom Verein Schanzenhof. Er gibt mir seine Telefonnummern und für den Notfall seine Händinunmmer ( ) Aber die Sekretärin weiss auch Bescheid. Seine Büronummer () Ende des Telefonats 15.35 Uhr

* Stefan = Mario Stephan (Spekulant, Einer der beiden Spekulanten der Schanze 75 GmbH, der andere Inhaber: Bent Jensen; beide (meines Wissen nach), nicht verstorben)

** Krause Hausmeister angestellt bei der VHS (inzwischen verstorben)

*** Dr. Matthias Neuling Rechtsanwalt (hat damals den Verein Schanzenhof e. V. vertreten)

Fotograf Jens Meyer 1989

Wir lügen selber ! Wie die Dänen sagen

PDF Wir lügen selber, wie die Dänen sagen (Zeichen 9.246)

Die Habgier ist weniger Ausdruck einer vorgesellschaftlichen menschlichen Natur als eines Mangels an Menschlichkeit.” (Zitat aus: Unsichtbares Komitee. An unsere Freunde. Edition Nautilus. April 2015).

Kurt Tucholsky hat in seinem Sudelbuch schon alles über die derzeitigen Spekulanten geschrieben: Text 340: ”Danke – wir lügen selber! wie die Dänen sagen.”

Das erste Konzept für die Umnutzung des Montblanc Simplo Geländes stammt vom Februar 1987. Geschrieben von Peter Jorzick für die Lawaetz Stiftung, bei der er damals beschäftigt war. Die Förderung örtlicher Beschäftigungsinitiativen. Vierzehn Seiten mit einer Kostenschätzung. Sechs DM pro qm sollten die Flächen kosten. Als Nettonutzfläche gibt das Konzept 5.000 qm an. Fünf Häuser zwischen Schanzenstrasse und Bartelsstrasse. Das Gelände war verschlossen. Wer es besichtigen wollte, mußte an einem Pförtner in der Bartelsstrasse vorbei. An dem kamen nur die Arbeiterinnen und Arbeiter vorbei, die hier arbeiteten. In der Schanzenstrasse war noch ein Eingang. Da durften nur die Angestellten von Montblanc rein. Es brodelte im Viertel. Herr Kurz hatte bekundet, er wolle sein Phantom der Oper auf dem Gelände unterbringen, wo bis dahin der Laden von 1000 Töpfe untergebracht war.

Das gehörte der Stadt und wurde von der Sprinkenhof verwaltet. Das konnte man dem Gebäude auch ansehen. Ich kramte meinen schwarzen Hochzeitsanzug heraus mit den spitzen schwarzen Schuhen und wir verabredeten uns vor 1000 Töpfe zum Sektumtrunk, um den anderen Bewohnern zu zeigen, wie es wäre, wenn hier bald das Phantom der Oper gespielt würde. Jedenfalls entstand ein ordentlicher Trubel anschließend. Dieser hatte zur Folge, dass auch im Rathaus Unruhe einkehrte. Ein Wegzug von Montblanc würde den Druck zusätzlich verstärken. Besetzungsgerüchte breiteten sich aus. Die Stadt entschloß sich für die Ausgabe von Beruhigungspillen an die Bevölkerung.

Wir vom Kino kamen zur rechten Zeit und waren am rechten Ort. In der Oelkersallee hatten wir in einem Nebenraum des Oelkerscafes mit dem Duckenfeld im Oelkerscafe angefangen. Jeweils Sonnabends, Sonntags und Montags zeigten wir dort mit 21 Sitzplätzen seit 1983 Filme. Filme, die im örtlichen Kinoprogramm keine Plätze gefunden hatten. Sechzehn Millimeter war unser Format. Ich arbeitete als Maschinenschlosser bei Blohm & Voss.

Damals konnte man schon absehen, daß dies nicht mehr lange gehen würde. Der Neubau von Schiffen bei Blohm & Voss. Wir bauten nur noch Kriegsschiffe. Und das, so beschloss ich, macht auf Dauer keinen Spass. Ein Kino macht da viel mehr Spass. Wir waren erst zu zweit. Der Maschinenschlosser ohne Perspektive und der Pförtner vom Bodelschwinghaus. Um an die örtlichen Fördertöpfe für öffentliche Mittel zu kommen, brauchten wir noch einen Dritten. Den wir fanden. Ein ehemaliger Sozialpädagoge, der sich auf Kinderbetreuung auf dem Land spezialisiert hatte. Montblanc war für uns der richtige Ort. Ein Kino mitten in der Stadt. Am Mittwoch, d. 29. März 1989 trafen wir uns beim Planerkollektiv mit Joachim Reinig in der Paulinenallee 32. In 2000 Hamburg 50. Von 15.00 – 18.00 Uhr.

Peter Jorzick wollte zunächst nur seinen Freund Ulf von Kieseritzky mit der Umbauplanung von Montblanc beauftragen. Doch wir hatten schon schlechte Erfahrungen mit ihm gemacht. Beim Umbau des Bürogebäudes der Zeise Propeller Fabrik zu einem Filmhaus. Mit dem Planerkollektiv hatten wir keine schlechten Erfahrungen gemacht. Also wurde das Vorderhaus in der Schanzenstrasse von der Gemo K geplant (Haus 1), und die Häuser 2/3/4/ und 5 vom Planerkollektiv. Joachim Reinig schied vorher aus. Und unsere Ansprechpartnerin war Elinor Schuees und später (während ihrer Schwangerschaft) Karin Hänisch. Eine erste Besichtigung des Geländes fand im März 1988 statt. Ich zeichnete mir einen Übersichtsplan in mein Notizbuch. Für ein Kino kam nur das Gebäude zwei in Frage. Hätte man es abgerissen, dann würde man dort keinen Neubau genehmigt bekommen. Also wurde beschlossen, das Gebäude zu entkernen, die Aussenwände mit Zugankern zu versehen, damit sie während der Bauarbeiten nicht umfielen.

Von der oberen Etage solte nur die Fassade stehen bleiben. Dann sollte das neue Betondach auf eine verlorene Schalung gegossen werden. Nach der sog. “Anhandgabe” an Peter Jorzick wurde der Komplex am 5. Januar 1990 gekauft, habe ich meinem Notizbuch anvertraut. Ein Bauausschuss wurde gegründet, der sich am 4. April 1990 beim Planerkollektiv traf. Mit dabei GEMO K (Ulf von Kieseritzky), Elinor Schües und Karin Hänisch (Planerkollektiv) Rainer Zwanzleitner (Satz und Repro), Edith Mandelkow (Hotel), Wolfgang Meins (Rechtsanwälte), Andreas (Hapkido) und ich vom Kino.

Unsere Themen: Baufortschritt, Freimessung Asbest, Ausschreibungen, Auftragsvergabe, Antrag auf Fördermittel (ASE), Gift im Anbau, Mittelspannungsanschluß, Auflagen des Amtes für Denkmalschutz, Auftrag für Heizungsanlage vergeben (200.000,00 DM ohne neuen Kessel an Heiner Farchau vergeben.)

Der erste Tag im Kino war der erste Mai 1991. Noch im April wußten wir nicht so recht, ob bis dahin alles fertig würde. Doch dann erblickte die Leinwand das Licht des Projektors. Drei Tage war freier Eintritt. Das Hotel und die Gaststätte wurden schon im März eröffnet. Die Verwaltung wurde von einer neugegründeten GmbH übernommen, die zu 50 % der Stadt und zu 50 % der Handswerkskammer gehörte. Das lief mehr oder weniger gut.

Wir gründeten den Verein der Nutzer, den Schanzenhof e. V., in der alle Mieter Mitglied wurden. Auch die Volkshochschule. Eine bunte Mischung aus allem Möglichen. Im Gebäude eins (Später auch Haus A genannt), die Volkshochschule, die Rechtsanwälte, die Gruppe Arbeit und Gesundheit, das Satz und Repro Kollektiv, das Institut für Sozialgeschichte, Aktiv Reisen, die Wissenschaftliche Stiftung.

Im Haus 2 (später auch Haus B genannt) das Stadtteilkino mit 98 Sitzplätzen. Im Haus 3 (später auch Haus C genannt) der Jugendclub-Kinderzentrum KIZ, die Stadtteiletage mit ihrem Versammlungsraum, der Meditationsraum von Hapkido. In Haus drei die Ambulante Drogentherapie – Palette, Das Atelier von Serena Kahnert, die Freie Ambulante Pflegegruppe. Im Haus 5 (später auch Haus E genannt) in der Bartelsstrasse das Hotel Schanzenstern und die Gaststätte Schanzenstern, die Journalisten, Filmer und die Heilpraktikerinnen von Alchemilla.

Etwas am Rande der Legalität: Der Baugenehmigungsbescheid erfolgte am 21.01.1991. Grundbuchbezirk St. Pauli Nord Gemarkung Flurstück 2. 807, 836 Bauliche Anlage Nutzungsänderung und Umbau der ehemaligen Mont Blanc Produktions- und Verwaltungsgebäude in der Schanzenstr. 75 und Bartelsstrasse 12, Haus A – E, Abriß von Holzschuppen auf Flurstück 836, Unterschrift Kurpierz.

Über die Zeit als es uns gut ging, ist wenig zu berichten. Es hat mal durch die Betondecke des Kinos durchgeregnet und es hat eine Weile gedauert, bis der Schaden in der Dachfolie gefunden wurde. Aber das ist längst vergessen. Wann der Ärger genau begann?

Genau genommen mit dem Finanzsenator Herrn Wolfgang Peiner von der CDU. Aber das haben wir leider erst später begriffen. Es gab den zaghaften Versuch, das Anwesen selbst zu kaufen. Aber die Herren des Portfolios Schanzenhof haben uns nicht einmal geantwortet. Heute wissen wir auch warum.

Genau genommen ist es nur Werner Grassmann vom Abaton Kino gelungen, das Gebäude aus dem Portfolio von Wolfgang Peiner herauszulösen und es selber zu kaufen. Und das nur mit tätiger Unterstützung der Kulturbehörde. Werner Grassmann war dann selber bei Ole von Beust und hat ihn letztlich überzeugt, daß ein solcher Verkauf des Abatons kontraproduktiv ist.

In der Kulturbehörde gab es eine Referentin, Juana Bienenfeld, die geahnt hatte, welche Zukunft Kulturbetriebe unter der Spekulation haben würden: Keine. Sie hatte dafür gesorgt, dass vor dem Grundstücksverkauf das 3001 Kino einen Vertrag bekam, wo die Spekulanten erst im Jahre 2021 die Miete so erhöhen können, wie sie es jetzt schon mit den Kündigungen des Hotels und des Restaurantes Schanzenstern, der Drogenberatung Palette und der Künstleretage vormachen.

Vollmundig belügen sie Presse: Das Kino wollen sie erhalten. Nur gut, dass sie im Moment nicht können, was sie wollen. Gnade uns Gott, haben wir uns im Kino gesagt. Wenn wir es jetzt nicht schaffen, dass die Stadt das Gebäude zurückkauft, dann sind wir verratzt, wie alle anderen, die schon gegangen oder ausgezogen sind.

Es gab 2006 noch einen Gewerbehof an der Stresemannstrasse, wo ein Handwerksbetrieb ebenfalls versucht hatte, das Gebäude zu kaufen. Auch die sind gescheitert. Dann kamen diese neuen Mietverträge von der DIC aus Frankfurt. Nicht mehr 13 Seiten, wie die mit HaGG, sondern welche mit 35 Seiten, in denen stand nur, was sich alles nicht machen. Und heute wissen wir es. Fast zehn Jahre später ganz genau.

Sie unterscheiden sich in keiner Weise. Sie entscheiden, was sie reparieren und was nicht. Das Wort Instandhaltung fehlt in ihrem Wortschatz. Es ist ihnen kurz gesagt, alles scheissegal. Sie vermehren nur ihr Geld. Geld das sie uns aus der Tasche ziehen. Wenn die Steine aus den Fensterstürzen auf den Hof fallen, dann nageln sie Holzlatten davor, damit die Fenster und die Steine den Leuten nicht auf den Kopf fallen.

Wenn der Heizkessel im Alter von 35 Jahren seinen Geist aufgibt und nicht mehr elektronisch zu regeln ist, dann erzeugen sie Wärme eben ohne Regelung. Wenn die Regenwasserzisternen im Wege sind, dann werden sie einfach zerkloppt. Wenn in der Folge der fehlenden Regenwassernutzung für die Toilettenspülung die Wasserkosten unermeßlich steigen, dann überbürden sie diese einfach komplett auf die Mieter, die sie ohnehin los werden wollten. 6.000 oder 7.000 Euro kümmern sie nicht. Bent Jensen von der Schanze 75 GmbH: “Das macht wirtschaftlich keinen Sinn.“ (Die Wiederherstellung der Regenwasseranlage). Und doch wäre es mit wenig Geld so leicht zu machen gewesen. Zuerst wird das Kinderzentrum von der Jugendbehörde zum Umzug gezwungen. Es sei angeblich sinnvoll, wenn das Kiz geschlossen wird und in das Haus der Jugend am Pferdemarkt umzieht. Noch ein weiteres Projekt aus der Beckstrasse wird von der Behörde zu einem solchen Umzug gezwungen. Dann verschwindet die Heilprakterinnen Schule Alchemilla.

Die Kursteilnehmerinnen sind nicht besonders zahlungsfreudig und der Schuldenberg führt zu einem kurzfristigen Auszug. Die Umstellung in der Druckindustrie ist gewaltig und macht auch vor der Firma Satz und Repro keinen Halt. Rainer Zwanzleitner und seine Kolleginnen sind die Opfer dieser Entwicklung. Zuletzt verschwinden auch noch die Anwälte aus dem Schanzenhof. Und wenn jetzt keine Umkehr erreicht wird, dann verfällt das Gebäude weiter, während die Mieten immer weiter steigen. 30. Oktober 2015. Jens Meyer

Klostergarten Bäume gefällt
Fotos Jens Meyer

Schatzkiste Kopien

 

Berlin, Ecke Schönhauser (Gerhard Klein), Blaubarts achte Frau (Ernst Lubitsch), Blaumilchkanal, Der (Ephraim Kishon), Blauvogel (Ulrich Weiß), Blondinen bevorzugt (Howard Hawks), Buntkarierten, Die (Kurt Maetzig), Cartouche, der Bandit (Philippe de Broca), Fahr zur Hölle, Liebling (Dick Richards),  Fanfan, der Husar (Christan Jacques), Frau in Rot, Die (Gene Wilder), Fünf Patronenhülsen (Frank Beyer), Heimat, süsse Heimat (Jiri Menzel), Herrenpartie (Wolfgang Staudte), Hiroshima, mon amour (Alain Resnais), His girl friday (D.F.) (Howard Hawks), Ich war 19 (Konrad Wolf), In a lonely place (OmU) (Nicolas Ray), Komm und siehe OmU (Elem Klimov),  Ladykillers (D.F ) (Alexander MacKendrick), Leuchte mein Stern, leuchte (Aleksandr Mitta), Mama ich lebe (Konrad Wolf), Mörder sind unter uns, Die (Wolfgang Staudte), Player, The (D.F.)(Robert Altman), Prämie, Die (Sergej Mikaelian), Rat der Götter, Der (Kurt Maetzig),  Robby Kalle Paul (Dani Levy), Rotation (Wolfgang Staudte), Russen kommen, Die (Heiner Carow), russische Wunder, Das (Annelie und Andrew Thorndicke), Schatten und Nebel (Woody Allen),  Sonnensucher (Konrad Wolf),  Starbuck Holger Meins (Gert Conradt), Tampopo (Juzo Itami) Taschengeld (Francois Truffaut), Thomas Münzer (Martin Hellberg), Tote von Beverly Hills, Die (Michael Pfleghar),  Unbesiegbaren, Die (Artur Pohl), Untertan, Der (Wolfgang Staudte), Wenn Katelbach kommt (Roman Polanski), Working girls (Lizzi Borden). (Wie das so ist mit Schatzkisten, die verschwunden sind.  Festgestellt im März 2025) „Schatzkiste Kopien“ weiterlesen

Die Tote von Beverly Hills (Michael Pfleghar)

Die Tote von Beverly Hills

BRD 1964; Regie: Michael Pfleghar; Kamera: Ernst Wild; Buch: Peter Laregh zusammen mit Hansjürgen Pohland nach einer Satire von Curt Goetz; mit Heidelinde Weiss, Klausjürgen Wussow, Wolfgang Neuss (In einer Doppelrolle: Detektiv Ben und Sheriff), Alice und Ellen Kessler, Horst Frank; 110 Min.

Links: Alice und Ellen Kessler in CinemaScope haben im Film nur einen sehr kurzen Auftritt von ca. 15 Sekunden (gleich am Anfang und sie dürfen nur einen Satz sagen). Aber sie sahen damals gut aus, weshalb dieses Bild immer wieder zum Einsatz kommt.

Am 25. Juni 1991 nahm sich in Düsseldorf ein Mann das Leben, der 27 Jahre früher (im Frühjahr 1964) mit seinem ersten Film in die Kinos kam. Kritik und Publikum waren sich einig: Der Regisseur des Filmes „Die Tote von Beverly Hills“ hat eine grosse Zukunft. Dennoch hat Michael Pfleghar nie wieder einen Film fürs Kino gemacht (Doch einen, ich habe den nie gesehen, vielleicht ist das noch eine Entdeckung), nur im Fernsehen konnte man seine Shows bewundern. Auch diese waren ihrer Zeit weit voraus.

Plakat des Film Verleihs Constantin Film (1964)

Mit von der Partie 1964 waren: Klausjürgen Wussow (lebt noch, bisschen jedenfalls), der ewige Bösewicht Horst Frank (leider verstorben), Wolfgang Neuss (leider auch schon tot, aber in diesem Film doppelt), Heidelinde Weiss und nicht zu vergessen: Alice und Ellen Kessler. Die Regenbogenpresse wusste 1991 genau, warum sich Michael Pfleghar eine Kugel gab: Wencke Myhre (Bekanntestes Lied: „Er hat ein knall-knallrotes Gummiboot“), der norwegische Schlagerstar, hatte ihn verlassen wegen eines Anderen. (Mannes). Curt Goetz hat die Satire “Die Tote von Beverly Hills“ 1951 geschrieben. „Curt Goetz, charmant und originell, widmete dieses Buch seiner Frau, die da behauptet, ich könne keinen erotischen Roman schreiben. Und ob ers kann. Dieser spritzige Cocktail aus Kriminalgeschichte, erotisch geladenem Tagebuch, stilechtem Western und einem Schuß Autobiographie, gemixt in Hollywood und versetzt mit einem Hauch Melancholie, ist ein äußerst geistreicher Genuss. Das Vergnügen am schlagkräftigen Wort, an der überraschenden Pointe, am Gewagten, das delikat das Allzu-Gewagte verschweigt, alles, was Bühnenautor Goetz so unnachahmlich macht, funkelt auch in jeder Zeile dieser Satire auf einen Bestseller.“ (Klappentext dtv Band 155, 7. Auflage Dezember 1965).

Aus dem Buch : Ein faltenreiches Kind, Die Geschichte von Wolfgang Neuss, von Gaston Salvatore, Fischer Verlag Frankfurt 1974, Wolfgang Neuss zu den Dreharbeiten von >Die Tote von Beverly Hills< abgeschrieben.

Hollywood >Willst du mal nach Amerika<, fragte der Jungfilmer Pohland. >Ich kann dir nur den Flug bezahlen und zwar fliegst du später als wir. Wir fliegen schon am 15. August, müssen noch alles organisieren<. >Wohin denn?<,fragte ich.>Direkt nach Hollywood. Du wirst genau erfahren , wo wir wohnen, das muß ich alles dort besorgen. Ich kann dir nichts bezahlen, ich kann dir höchstens fünfundzwanzig Dollar für den Aufenthalt geben, wir haben keinen Dollar übrig<. Ich bekam keine Gage, wollte aber nach Amerika. (Seite 257) . . .

Wir drehten. Mein Rolle wurde immer größer. Wir drehten auf dem Highway. Ich mußte das Auto der sogenannten Hauptgangster verfolgen. Pohland, der Geizkragen, hatte ein altes Sportauto besorgt. Mein Vater hatte es als erstes Auto in Deutschland gehabt. Vorne zwei Lederriemen über der Motorhaube, aber die war trotzdem locker. Der Anlasser war nicht mit Schlüssel, sondern zum Rausziehen. Das Auto hatte sogar ein wackliges Rad. Auf dem Highway mußte ich als Detektiv einkurven, dann aufstehen während der Fahrt, wild wie Dr. Mabuse. Die Haare flogen  . . .

Das alles im Smoking. Die ganze Fahrt war über zehn Meilen lang. Die Fahrbahn war dreissig Meter breit, voller LKWs, die doppelt so hoch und doppelt so breit wie wir waren. Wenn man unter so einen LKW kommt, ist man zwei Leichen, nicht ein . . . 

Polizei war keine da, sonst hätten sie uns alle für sieben oder acht Wochen ins Gefängnis gesteckt. Pohland und der Kameramann fuhren mit dem Kamerawagen in die Highway-Einfahrt rein, ohne nach hinten zu gucken, weil es ihnen egal war. Sie meinten:>Was an Verkehr kommt, kriegen wir bei dieser Breitwand in Farbe drauf.< Nur mir sagten sie es nicht. Ich sagte:>Da muß doch abgesperrt werden, und dieses Auto geht kaputt.< Michael Pfleghar, der Hauptdarsteller, kam lächelnd zu mir, nonchalant: >Toll. Wa?< Ich dachte, >was will der Idiot<  . . . 

Ich trat auf das Gaspedal. Sie kamen mit der Kamera zurück. Der Wagen schoß nach vorne. Eigentlich ruckte er nur ein Stückchen schneller. Als meine Augen über den Rückspiegel huschten, sah ich hinter mir einen Ami, einen LKW-Fahrer. Sein Ellenbogen kam als erstes ins Bild. Ein fremder Ellenbogen zwei Meter über mir. Vorne drehten sie wie die Irren. Der Fahrer guckte ganz lässig und lächelte zu mir nach unten: >Was will denn der Kleine, gleich rolle ich drüber weg, wenn er nicht macht . . .<

Wir kamen runter von dem Highway und fuhren wieder an die Ausgangsposition. Ich stieg aus, lies mich ins Gras fallen. Da merkten sie schon, daß mit mir etwas nicht stimmte. Pfleghar, wagte es diesmal nicht, zu kommen. Er hatte einen feinen Riecher, aber Pohland sagte:>Noch einmal< Aus dem Liegen antwortete ich:>Na ja, wir können ja abends drüber reden.< Ich stand auf und fuhr langsam mit meinem Wagen los. Pohland ging in die andere Richtung. Wir waren wie zwei feindliche Indianer. Pohland bildete sich ein, ich ginge nur Pause machen und würde gleich weiterdrehen. Ich hatte eine Todesangst ausgestanden, und jetzt wollte es Pohland >noch mal< machen. Mit dem wackeligen Auto! Durch die Tabletten war ich zusätzlich überreizt . . . 

Ich setzte mich in den Wagen und sagte zu dem Chaufffeur: >Fahr mich bitte ins Hotel. Der Film ist für mich beendet<. Doch ich drehte zu Ende. >Ich brauche was von den zehntausend Mark<. >Geh zu Krauser in Berlin<, sagte Pohland. Er war wirklich ekelerregend geizig. Auf dem Rückflug redeten wir nicht miteinander. Auf der ersten Seite der Beverly-Hills-Zeitung stand: German Jungfilmer schulden dem Staat Kalifornien zwanzigtausend Dollar Strassen Benutzungsgebühr.<“ (Seite 265 – 267) . . .

Foto von Wolfgang Neuss: Gisela Groenewold

(Apropos: Die von Wolfgang Neuss beschriebene Verfolgungsjagd ist in dem fertigen Film nicht verwendet worden. Ganze Todesangst vergebens)

(abgeschrieben von Jens Meyer. Damals musste man die Bücher noch abschreiben. Da war nix mit markieren und einfügen).

Und hier die neue Abteilung: Markieren und Einfügen.

Wikipedia schreibt: Ein gewisser C. G. entdeckt in einem kleinen Waldstück in der Gegend von Beverly Hills ein totes Mädchen. Die Leiche ist unbekleidet, es handelt sich dabei um die 17-jährige Lu Sostlov. Alles deutet darauf hin, dass hier ein unschuldiges, junges Mädchen mit einer blütenreinen Vergangenheit ermordet wurde. Der Detektiv Ben nimmt die Ermittlungen auf. Bald aber geben die ersten Untersuchungsergebnisse ein ganz anderes Bild von der Toten von Beverly Hills wieder. Ihr Tagebuch verrät, dass Lu mitnichten die Unschuld vom Lande war, sondern dass sie vielmehr ein ausgesprochen abwechslungsreiches Liebesleben geführt hat. Hinweise verdichten sich überdies, dass sie außerdem nicht einmal 17, sondern erst 14 Jahre alt war. In Rückblenden wird das „verruchte“ Liebesleben der Toten rekonstruiert und aufgerollt.

Die Liste der im Tagebuch aufgeführten Liebhaber Lus Sostlov ist lang. In ihren jungen Jahren hatte das promiske Mädchen unter anderem bereits eine Affäre mit einem wohlhabenden Maler, Dr. Steininger, dann mit Peter de Lorm, einem noch sehr jungen, aufstrebenden Drehbuchautor aus Deutschland, und dem bekannten Wagner-Tenor Swendka.

Und was ist mit diesem ominösen C. G., einem Schweizer Schriftsteller, der „ganz zufällig“ die Tote entdeckt hatte? Auch er findet Erwähnung im Tagebuch. Nicht zu vergessen Lus gehörnter Ehemann, ein in die USA emigrierter, exiltschechischer Archeologe. Ein Großteil der Spuren, die Lus Nymphomanie bei ihren Liebhabern hinterlassen hat, führen zugleich ins Nichts. Dann aber führt eine ganz heiße Spur Ben nach Las Vegas zu den tanzenden Tiddy Sisters, die dort jeden Abend in Unterhaltungsshows auftreten. Es stellt sich heraus, dass sie Rivalinnen der Toten waren und sie auf dem Gewissen haben.“

Und hier der Nachruf der:

Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

Zum Tod von Hansjürgen Pohland 1934-2014:

Mit großer Betroffenheit haben wir vom Tod Hansjürgen Pohlands am 17. Mai 2014 erfahren. Pohland, geboren 1934, hat als einer der Unterzeichner des Oberhausener Manifests eine wesentliche Rolle in der Geschichte der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen ebenso wie in der deutschen Filmgeschichte gespielt. Zuletzt war er 2012 zum 50. Jubiläum des Manifests in Oberhausen zu Gast. Die Kurzfilmtage zeigten in den 1950er und Anfang der 1960er Jahre unter anderem seine Kurzfilme Was Du ererbt von Deinen Vätern (1958) oder Autos von morgen, Straßen von heute, Menschen von gestern (1962). Seine größten Erfolge hatte Pohland als Produzent von Herbert Veselys Das Brot der frühen Jahre (1962) und als Regisseur der Grass-Verfilmung Katz und Maus (1966), bliebe jedoch dem Filmemachen immer verbunden. Zuletzt realisierte er anlässlich des Jubiläums des Oberhausener Manifests die Dokumentation Die Rebellen von Oberhausen (2012) für ARTE. Wir werden Hansjürgen Pohland als einen passionierten Filmemacher und als eindrucksvolle Persönlichkeit in Erinnerung behalten, die wir auch 50 Jahre nach dem Oberhausener Manifest als Menschen erlebt haben, der offen für Neues und den Austausch mit jungen Filmemachern von heute geblieben war.“ (Oberhausener Kurzfilmtage)

PDFdie Toten von Beverly Hillsgeordnet

(Aus Wikipedia)

rechts: Buchumschlag: Der totale Neuss, herausgegeben von Volker Kühn, 7. Auflage von 2004. Verlag Rogner & Bernhard

links: Werbepostkarte von EVA für ihre Neuss Bücher. Foto Gisela Groenewold