Mein Opa bei Broschek

Ist mir aus meiner fernen Sicht nicht aufgefallen. Nun ist es wohl weg, das Druck- und Verlagshaus des A. Caesar Springer. Meine Erinnerungen sind vielfältig: Mein Großvater, August Holler, arbeitete dort zuletzt als Briefkastenonkel und Archivar, und ich konnte ihn dort besuchen und eine kostenlose Zeitung mitnehmen: Hamburger Echo, Hamburger Abendblatt mit der bunten Seite. Der Opa arbeitete ursprünglich für das Hamburger Fremdenblatt, Broschek-Verlag, mehr als 50 Jahre. Er redigierte Bücher, las Korrektur, war das „Hamburg-Gedächtnis“ des Verlags, und er schrieb Bücher, u.a. Die alten Hamburger Friedhöfe. Nach dem Krieg war es schwer für die Hamburger Zeitungen. Springer drängte auf den Markt, Geld war kaum da, der Anzeigenmarkt umkämpft. Der alte Broschek mogelte bei der Zahl der Auflage, um höhere Anzeigenerlöse zu gewinnen. Springer merkte das und drohte Broschek mit Prozess und Skandal, wenn er, Broschek, ihm nicht das Fremdenblatt verkaufte. Broschek stimmte notgedrungen zu.

Das Fremdenblatt wurde daraufhin eingestellt und blieb nur als Erinnerungszeile unter dem Titel des Abendblattes erhalten. Springer entledigte sich der meisten Angestellten und schickte sie zur Arbeitslosenversicherung, So wollte er auch mit meinem Opa verfahren. Pikantes Detail: Das Fremdenblatt hatte einen Pensionsfonds, der höher war als der Kaufpreis des Fremdenblattes. Den hatten sich die Arbeiter und Angestellten bei Broschek verdient und dafür eingezahlt. Springer strich diesen Pensionsfonds (ca. 2 Mio. Mark) lautlos ein und war daraufhin in der Lage, sein schmutziges Zeitungsimperium aufzubauen.

Mein Großvater klagte als Einziger gegen die Einziehung des Pensionsfonds, auf die Weiterbeschäftigung und seine rechtmäßige Rente aus dem Fonds und er bekam in allen Punkten Recht. Leider hat es die Justiz damals versäumt williger Weise, Springer für diesen Großdiebstahl haftbar zu machen und zu bestrafen. Es wäre der Hamburger Zeitungslandschaft und den Lesern und Leserinnen vieles Schlechte erspart geblieben. Pidder Holler 15. September 2021

Springer wird abgerissen
Axel Springer Frei.i Hamburg Bäckerbreitergang
Kaiser Wilhelm Straße
Bäckerbreitergang 1983
Fuhlentwiete
Tier
cc

Fotos Jens Meyer

Gunther Schmitz: Folgende Akten sind sofort zu vernichten . . .

https://agora.sub.uni-hamburg.de/subhh/cntmng;jsessionid=246A28231A21984ADBBFBB063E45AAEF.jvm1?type=pdf&did=c1:1315

Verhandlungssaal des Altonaer Sondergerichts (um den 8. Mai 1933)
Bildunterschrift:“Verhandlungssaal des Altonaer Sondergerichtes, um den 8. Mai 1933. Im Prozeß wegen des Altonaer Blutsonntags wurden gegen August Lütgens, Bruno Tesch, Walter Möller und Karl Wolff die ersten politischen Todesurteile des NS-Regimes gefällt.“ Foto von Joseph Schorer. Aus dem Buch: Arbeiterbewegung in Hamburg, Seite 279. Fotoarchiv Völkerhof Radbruch. VSA Verlag 1988

Über den Fotograf Joseph Schorer (1894 – 1946)

Joseph Schorer wurde 1894 in Mindelheim bei Augsburg geboren. Von 1907 bis 1910 besuchte er die Gewerbliche Fortbildungsschule Mindelheim und parallel dazu ging er von 1908 bis 1911 in seiner Heimatstadt bei dem Fotografen Anton Krumm in die Lehre. Anschließend arbeitete er in Berlin und ab 1913 in Hamburg. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er an der französischen Front eingesetzt war, lebte er zunächst in Mindelheim, zog aber 1922 erneut nach Hamburg. Als freischaffender Fotograf belieferte er die verschiedensten Zeitungen in Hamburg („Hamburger Tageblatt“, „Hamburger Anzeiger“, „Fremdenblatt“), Berlin und London. Aufträge erhielt er auch von der Industrie und von privater Seite. Weil er sich weigerte, in die NSDAP einzutreten, verlor er im Dritten Reich manchen Auftraggeber, so das „Hamburger Tageblatt“. Nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnete er ein Fotogeschäft. Wegen angeblichen Handels mit Kameras der Wehrmacht wurde er denunziert, von einem englischen Militärgericht für schuldig befunden, inhaftiert und im Gefängnis misshandelt. Kurz darauf wieder entlassen, starb er 1946, wohl an den Folgen der Haft. Als Pressefotograf nahm Joseph Schorer vor allem das Zeitgeschehen im Hamburg der 20er bis 40er Jahre mit den Schwerpunkten Drittes Reich, Krieg und Zerstörung ins Visier. Daneben finden sich aber auch kulturelle und Sport-Ereignisse (Olympische Sommerspiele 1936 in Berlin und andere) sowie historische Persönlichkeiten. (Text aus: Bildarchiv Deutsches Historisches Museum DHM, Berlin, Am Zeughausmarkt 1-2, 10117 Berlin). Aus dem Namensverzeichnis des Hamburger Adressbuches von 1940: Joseph Schorer, Presse, Bildbericht. Colonnaden 46 (II. Stock). Im Hamburger Archiv gibt es viele Aufnahmen von Joseph Schorer.

Große Marienstraße / Große Johannisstraße in Altona 1932

Mannschaftswagen der Polizei. Fotografiert am 18. Juli 1932
Fotograf unbekannt. Joseph Schorer (?) Das Bild wird oft mit folgendem Text versehen: Mannschaftswagen der Polizei an der Ecke Große Marienstrasse / Große Johannistrasse. Fotografiert am Montag 18. Juli 1932 (?). Am 17. Juli 1932 starben 18 Menschen, die meisten von den Polizeikugeln. Nach Kriegsende wurden diese Straßen nicht wiederhergestellt. Leider kann ich das Straßenschild nicht erkennen. Aber vor dem Namen steht diese Gr. Abkürzung, so wie sie auch in den Straßenverzeichnissen der Adressbücher aus der Zeit verwendet wurden.

Bei Betrachtung des Stadtplanes von 1932 und des Fotos vom Montag, d. 18. Juli 1932 (?) gerate ich ins Grübeln. Ist das Foto wirklich an der Ecke Große Marienstraße – Große Johannisstraße entstanden? Die Straßenecke sieht auf dem Foto fast rechtwinklig (90 Grad) aus. Auf dem Stadtplan von 1932 gibt es an dieser Ecke keinen rechten Winkel. Fotoshop gab es damals noch nicht. Der Winkel hat keine 90 Grad, das sind höchstens 70 Grad, wenn die Zeichnung im Stadtplan stimmt. Von welcher Ecke aus wurde dieses Foto gemacht? Und in welche Richtung ist das Polizeifahrzeug gefahren? Es scheint so, als fahre das Polizeifahrzeug (wie haben die das früher genannt?) bergab. Die Fotografin könnte auch an der Ecke Große Marienstraße, Kleine Marienstraße gestanden haben. Dann wäre das Polizeifahrzeug in Richtung der Straße Kleine Freiheit gefahren. Die Unzerstraße gibt es noch. Und den jüdischen Friedhof auch. Die Unzerstraße scheint ihre Lage nicht verändert zu haben. Sie führt im Rechten Winkel auf die Große Bergstraße, die an dieser Stelle nach dem Krieg in Louise Schröderstraße umbenannt wurde.

Meine Freundin Wiebeke hat behauptet, Louise Schröder habe diese Straßen-Umbenennung auch verdient, weil sie bei der Erfindung des Grundgesetzes (der BRD) als einzige Frau darauf bestanden hatte, das dort steht, das die Frauen gleichberechtigt sind. Na, denn. Bleibt die Vermutung, der Fotograf oder die Fotografin, deren Namen wir nicht kennen, stand in der Kleinen Johannisstraße (die es ebenfalls nicht mehr gibt) und hat das Polizeifahrzeug von dort aus fotografiert. Auch die beiden Radfahrer, die auf dem Foto zu sehen sind, fahren bergab. Vielleicht ist das Foto an einer anderen Ecke entstanden? In Frage käme die heutige Paul Roosenstraße, die damals (1932) Große Roosenstraße hieß. Vielleicht ist es die Ecke Paul Roosenstraße / Bernstorffstraße (vorher: Adolphstraße). Aber nicht der. Sieht man doch. Dieser wurde mit PH geschrieben.

Manche Rätsel lassen sich mit Hilfe des Agora Adressbuches der Uni Hamburg lösen. Das Polizeifahrzeug fährt durch die Marienstrasse (Große). Heute würde man schreiben: Große Marienstr. Das war offensichtlich 1932 noch nicht Mode. Der Kaffee Tee Kolonialwarenhändler, dessen Laden man auf der rechten Straßenseite sieht, gehört Alwin Raupert, der sich als Kolonialwarenhändler in das Adressbuch eintragen ließ. Das Geschäft in der Großen Marienstraße Nr. 31 (abgekürzt auf dem Straßenschild Gr. Marienstr.) ist die Filiale eines größeren Geschäftes, das Alwin Raupert in der Johannisstraße (Große) Nr. 42 betreibt. Dort gehört ihm auch das Haus. Seine Wohnung ist in der Christianstraße 22. Damit wären alle Unklarheiten beseitigt. Die Eintragungen betreffen die Jahre 1930, 1931 und 1932. Ob dieser Mensch etwas gesehen hat, ist nicht überliefert. Aber wenigstens wissen wir, wo das Foto aufgenommen wurde und durch welche Straße das Polizeifahrzeug fährt. Das Polizeifahrzeug fährt durch die Große Marienstraße in Richtung Kleine Freiheit, wo die Große Marienstraße endet. Wann das Foto nun wirklich gemacht ist, darüber kann man sich weiter den Kopf zerbrechen. An einem Sonntag jedenfalls nicht. Das erkennt man schon an dem offenen Laden von Alwin Raupert. (Ladenschlußgesetz). Nur für Nachfragen: Die Uni Hamburg hat die Adressbücher von Hamburg (heutige Gebiet) ins Netz gestellt. Das sind natürlich die Adressbücher von damals. Vor der Vereinigung mit Altona, Wandsbek und so weiter.

Die Rätsel der Elbstraße I

Die Rätsel der Elbstraße oder: Gibt es tatsächlich seriöse Quellen? Welche, die man nicht überprüfen muß?

Der Text über die Nutzung seriöser Quellen könnte so beginnen: Früher, als wir noch kein Internet hatten, konnte das nicht passieren! Abgesehen mal davon, wenn wir nicht aus seriösen Büchern, sondern beim Nachbarn abgeschrieben haben. So auch mein Verständnis: Internet, alle Quellen nachprüfen, nichts einfach abschreiben oder übernehmen. Schon gar nicht aus den Ergebnissen der Suchmaschinen. Bücher dagegen, sind meist seriöse Quellen, die man nicht noch mal extra prüfen muß. Stimmt leider auch nicht immer. Bei meinen Recherchen über die Elbstraße in Hamburg hat sich herausgestellt: Seriöse Quellen sind sehr selten bis kaum vorhanden. Im Gegenteil.

Unter dem Stichwort Elbstraße Hamburg erscheint in den Suchmaschinen meist die historische Hamburger Elbstraße. Diese zeichnet sich dadurch aus, das hier eine Verkaufsstraße war, die vorwiegend aus mobilen Ständen bestand. Im Volksmund hieß die Elbstraße deswegen Judenbörse. Ein Flohmarkt. Die Händler vor allem deswegen mobil, weil es den Händlern jüdischen Glaubens verboten war, ihre Waren in festen gemauerten Gebäuden anzupreisen. Um die Ecke das Millerntor. Das einzige Hamburger Stadttor, durch das nichtansässige Juden (ohne Wohnsitz in der Stadt) abends die Stadt verlassen konnten. Bekannt ist die Hamburger Judenbörse besonders durch die Fotos der Fotografenfamilie Hamann. Über die Talmud Tora Schule habe ich ein wenig gelesen. Eine Schule für jüdische Kinder, deren Eltern kein Schulgeld für die staatliche Schule aufbringen konnten. In der Talmud Tora Schule wurden sie unterrichtet. Ich stolpere in einem seriösen Buch über die Adressangabe für die Talmud Tora Schule, die 1805 in der Elbstraße 122 gewesen sein soll.

Gefunden, in einem Buch was zumindest einen seriösen äußeren Anstrich hat. Es handelt um einen Katalog in zwei Bänden mit dem Titel Die Juden in Hamburg von 1590 bis 1990. Wissenschaftliche Beiträge der Universität Hamburg zur Ausstellung »Vierhundert Jahre Juden in Hamburg«, herausgegeben von Arno Herzig in Zusammenarbeit mit Saskia Rohde. Erschienen im Dölling und Galitz Verlag, 1991, 98,– DM kosteten die drei Bücher in einem Schuber 1991.

Auf Seite 119 beginnt ein Artikel von Ursula Randt >Zur Geschichte des jüdischen Schulwesens in Hamburg (ca. 1780- 1942)<. Auf Seite 115 berichtet Ursula Randt über diese Talmud Tora Schule: “Drei wohlhabende Gemeindemitglieder stifteten ein geräumiges Schulgebäude an der Elbstrasse 122. Am 31. März 1805 wurde die Schule feierlich eingeweiht.“ (16).

Im Anhang an den Artikel befinden sich unter der Nummer 16 folgende Hinweise: Die Information „Elbstraße 122“ stamme aus dem Buch von Goldschmidt: Talmud Tora Realschule. Auf der Seite 15 wird die Anschrift genannt. Im Literaturverzeichnis lautet der Eintrag: “Joseph Goldschmidt: Geschichte der Talmud Tora Schule in Hamburg. Festschrift zur Hundertjahrfeier der Anstalt 1805-1905. Hamburg o.J. (1905)“.

Diese Schrift steht mir nicht zur Verfügung. Also kann ich es nicht irgendwo nachlesen. Nein. Also nix mit nach sehen. Aber wer die Elbstraße kennt und ihre Länge beurteilen kann, dem kommen, wie mir, Zweifel über die Hausnummer 122 der Elbstraße. Ein kurze Straße, die vor Zeiten auch nicht viel länger war. Nummer 122, kaum zu glauben.

Das nächste Buch, ist das von Reinhold Pabel: „Alte Hamburger Straßennamen“ (erschienen 2004 bei der Edition Temmen in Bremen in zweiter Auflage). Das Buch macht einen seriösen Eindruck. Die Elbstraße wird auf Seite 84 beschrieben: Bis 1899 war der Weg in Erste, Zweite und Dritte Elbstraße eingeteilt. Die Erste ging von den Hütten bis zur Peterstrasse, die Zweite von dort bis zum Steinweg und die Dritte von dort bis zur Schlachterstrasse.“ Bei Überprüfung stellt sich heraus: Reinhold Pabel hat sich geirrt. Hinzufügen könnte man: Er hatte noch kein Internet und mußte für die alten Hamburger Adressbücher aus jener Zeit jedes Mal ins Staatsarchiv fahren. (Früher ABC Strasse, ab 1998 noch weiter weg: in Wandsbek in der Kattunbleiche.) Das verschlingt Zeit. Morgens bestellen. Und nach der Mittagspause im Lesesaal die Dokumente einsehen. Da haben wir es in der Tat leichter. Wir können die Adressbücher Online ansehen. Das ist natürlich viel einfacher geworden. Insofern ist es heute leicht zu mäkeln, wenn man Fehler findet.

Aus dem Hamburger Adressbuch, dem Straßenverzeichnis geht hervor, das die Elbstraße in gegensätzlicher Richtung verlaufen ist. Mit anderen Worten: Die Erste Elbstraße geht von der Schlachterstrasse bis zum Steinweg, die Zweite Elbstrasse geht vom Steinweg bis zur Peterstraße und die Dritte Elbstraße von der Peterstraße bis zur Straße Hütten.

Das ist das eine. Das andere: Alle drei Elbstrassen sind in dieser Zeit (bis 1900) einzeln nummeriert. Ursula Randt und vermutlich auch der zitierte Joseph Goldschmidt sind falsch informiert und informieren falsch. Eine Nummer Elbstraße 122 gibt es im genannten Zeitraum nicht.

Vielleicht ein Übertragungsfehler, der auf folgende Weise entstehen konnte: Die 1. Elbstraße Nr. 22 wird fälschlicherweise zu 1/22 zusammengezogen, daraus wird dann 122. Es steht also zu vermuten, das sich die genannte Talmud Tora Schule in der Ersten Elbstraße Nummer 22 befand. Auf der rechten Seite von der Schlachterstrasse Nr. 2 bis zum Neuen Steinweg. Nummer 22 ist das Haus an der Ecke Elbstraße/Neuer Steinweg. (Die erste Elbstraße ist fortlaufend nummeriert 2/3/4/5/6/ . . . 22). Ja, und dann noch das ungelöste Rätsel, warum und wann sie in Neanderstraße umbenannt wurde. Und auch der Namensgeber selbst stellt ein Rätsel dar. Hat er sich doch im Alter von stolzen siebzehn Jahren, diesen Namen und die drei Vornamen selber ausgedacht. Scheinbar mit Bedacht. So wurde aus dem Sohn jüdischer Eltern, die ihren Sohn einfach David Mendel genannt hatten, ein Mensch mit drei Vornamen: August, Johann, Wilhelm. Und aus dem Nachnamen Mendel wurde Neander. Den Grund dafür, habe ich mit keiner Suchmaschine gefunden. David Mendel konvertierte zum Christlichen Glauben, ließ sich mit 16 taufen und studierte evangelische Theologie. (Kann man eigentlich evangelische Theologie studieren? Vermutlich nicht!) In diesem Fach brachte er es bis zum Professor (der evangelischen?) Theologie. Den neuen Namen hatte sich David Mendel damals selbst ausgedacht.

Wann die Umbennung dieser Straße tatsächlich erfolgt ist, kann ich leider nur vermuten. (So, wie alle Andern auch). Denn von 1943 bis 1949 haben die Hamburger Adressbücher, die im Internet stehen, keine Daten mit Straßenverzeichnissen. (Vermutlich hatten sie im Bombenkrieg keine Zeit und im Kuddelmuddel danach auch nicht, Adressbücher nach Straßen zu veröffentlichen.

Für die Elbstraße ist das fast ohne Bedeutung. In unserem Archiv befindet sich ein Foto von 1945 von der Elbstraße, das in einem Buch veröffentlicht wurde. (Mit einem Vorwort von Bürgermeister Rudolf Hieronymus Petersen, der am gleichen Tag 15. November 1945 vom britischen Stadtkommandaten Harry Armytage zum Bürgermeister ernannt wurde.) Danach gibt es 1945 nur noch ein Haus in dieser Elbstraße, das nicht zerstört wurde und stehen geblieben ist. Alle anderen Häuser der Elbstraße sind „dem Krieg zum Opfer gefallen“ wie es manchmal formuliert wird. Das einzige Haus, was noch da ist, steht am Ende der Elbstraße, an der Stelle, an der die Elbstraße in die Straße Hütten übergeht. (Stadteinwärts auf der linken Seite. Hausnummer 1943: Nr. 141. Die Häuser auf der rechten Seite, beginnend an der Schlachterstrasse mit Nr. 4. über den Neuen Steinweg (Nr. 52), die Peterstraße (Nr. 102), bis zur Marienstraße (Nr. 134) wurden von amerikanischen und englischen Bomberpiloten beseitigt. (Natürlich. Nicht ohne Gründe).

Ein weiteres Indiz für den Zeitpunkt der Umbenennung der Elbstraße: Im Archiv der Medienberatung gibt es den Nachdruck des ersten Falkplanes. (Fünfzig Jahre Falkplan 1995 – Nachdruck des Ersten Falkplanes von 1945). Dieser wurde nach Kriegsende 1945 gezeichnet und kam im Mai 1946 in den Handel. Und in diesem Plan gibt es eine Übersicht über die Straßen Umbenennungen 1946. Im Plan selbst heißt die Straße noch Elbstraße und ist in einem Stück. (wie seit 1900!). Aber in der Übersicht ist der neue Name Neanderstraße bereits verzeichnet. (Neu – Alt). Und noch eine Besonderheit. Im Falkplan, der im Mai 1946 auf den Markt kam, gibt es noch eine zweite Neanderstrasse in der Stadt. Es ist die Verbindungsstrasse von der Sievekingsallee über die Caspar Voght Strasse zu Hammerstrasse in Hamburg Hamm. Hier hatte man in der Nazizeit die Neanderstrasse in Quellenweg umbenannt. Und die erste Tätigkeit, die der neue erste Bürgermeister, der durch die britische Militärregierung ernannt worden war, Rudolf Hieronymus Petersen, war bekanntlich am 15. November 1946, die Rückbenennung aller Strassen, die in Nazizeit umbenannt worden waren. Allens klor?

Die Gründe für die Umbenennung der Elbstraße haben wir bis heute nicht herausgefunden. War es der von der Britischen Militärregierung eingesetzte Bürgermeister Petersen, der diese Straße umbenannt hat? Und wenn ja, warum? Von Petersen existiert das Gerücht, das seine allererste Amtshandlung als neu ernannter Bürgermeister war: Allen Straßen, die in der Nazi Zeit umbenannt worden waren, die alten Namen von vor 1933 zurückzugeben. Oder war es sein Nachfolger? Max Brauer? Der erste gewählte Bürgermeister nach dem Krieg. Auch über eine Nachfrage bei den Experten des Hamburg Museums konnte nicht eindeutig feststellt werden, wann und vor allem warum aus der Elbstraße die Zweite Neanderstraße wurde.

Rudolf Hyronimus Petersen
Foto 18. Juni 2016 Fotograf Vitavia

Originaleintrag Wikipedia (Abruf am 6. September 2020, 11.52 Uhr) Über Bürgermeister Rudolf Hieronymus Petersen fand ich bei Wikipedia: “Rudolf Hieronymus Petersen, geb. am 30. Dezember 1878 in Hamburg. gest. am 10. September 1962 in Wentorf bei Hamburg war ein deutscher Politiker (CDU) und von 1945 bis 1946 Erster Bürgermeister von Hamburg. Durch die britische Militärregierung, vertreten durch den Stadtkommandanten Armytage, wurde Petersen am 15. Mai 1945 zum Ersten Bürgermeister von Hamburg ernannt. Am 26. Juni 1946 trat er in die CDU ein. Er war bis zum 15. November 1946 Bürgermeister und wurde von Max Brauer (1887-1973, SPD) abgelöst.“ Das ist bei Wikipedia etwas verschwurbelt: Als er am 15. November 1945 von Harry William Hugh Armytage (Colonel- Artillerieoffizier der Britischen Militärregierung) zum Bürgermeister ernannt wurde, war Rudolf Hyronimus Petersen parteilos. In die CDU trat er erst ein Jahr später (am 26. Juni 1946) ein.

und bei Wikiwand: Über den ersten Hamburger Stadtkommandanten der Britischen Militärregierung: “Harry William Hugh Armytage (geb. 1890; gest.1967) war ein britischer Artillerieoffizier und erster Hamburger Stadtkommandant nach dem Zweiten Weltkrieg.“ “Leben: Armytage diente 1912/1913 zunächst als Soldat in Indien und kämpfte anschließend im Ersten Weltkrieg in Belgien und Frankreich gegen Deutschland. Dort ausgezeichnet mit dem „Military Cross“, wurde er am 3. August 1939 zum Colonel (Oberst) befördert. Während des Zweiten Weltkriegs war Armytage anfangs als Rekrutenausbilder in Großbritannien eingesetzt. Obwohl er Anfang 1945 mit 55 Jahren das Pensionsalter erreicht hatte, ließ sich Armytage erneut auf die „active list“ setzen und war im Stab der 2. Britischen Armee für mehrere Detachments zuständig. Ende April war er an der Befreiung des deutschen Kriegsgefangenenlagers Sandbostel („Stalag X B“) beteiligt und dort für die Versorgung der befreiten alliierten Kriegsgefangenen zuständig.

Elbstrasse 1892 Foto Strumper
Tiere sehen Dich an (1)
Elbstrasse Foto von Wilhelm Dreesen 1901 (Hamburg Staatsarchiv)
Ausschnitt aus dem Foto von Wilhelm Dreesen 1901 Elbstrasse Kinder

Auch ein Pabel kann sich irren: Die Elbstrasse in Hamburg

Reinhold Pabel Alt Hamburger Strassennamen. Edition Temmen. 2. Auflage 2004. Seite 84:

ELBSTRASSE

„Bis 1899 war der Weg in Erste, Zweite und Dritte Elbstrasse geteilt. Die erste ging von den Hütten bis zur Peterstrasse, die Zweite von dort bis zum Steinweg und die Dritte bis zur Schlachterstraße.“ (Seite 85)

Offensichtlich irrt hier Reinhold Pabel. Nach dem Adressbuch von Hamburg ist es bis 1899 genau anders herum. Nach den Adressbüchern (nach Strassen und nach Namen sortiert), beginnt die Erste Elbstrasse an der Schlachterstr. (die es nicht mehr gibt) und geht bis zum Neuen Steinweg. Von da an heisst die Strasse Zweite Elbstr, die geht weiter bis zur Peterstrasse und dann kommt die Dritte Elbstrasse die geht von der Peterstrasse bis zur Marienstrasse (die es auch nicht mehr gibt). 1900 wird dann alles anders. 1900 ist die Richtung die gleiche aber die Nummerierung wechselt. Die ungeraden Zahlen sind von der Mühlenstrasse links (Nummer 3) bis zu Hütten Nummer 149. Die geraden Zahlen sind gegenüber und beginnen rechts von Schlachterstrasse mit der Nummer 4 bis zur Marienstrasse Nr. 134. Die Marienstrasse gibts auch nicht mehr. Und die Elbstrasse ist in Neanderstrasse umgetauft worden. Warum eigentlich? Passiert ist es 1946. Warum wurde die alte Elbstrasse in Neanderstrasse umgetauft? Die alte Bebauung von 1900 ist fast komplett weg. (Krieg?). Bemerkt wurde der Vorgang von mir erst als ich die »Israelitische Armenschule Talmud Tora Schule« von 1805 unter der genannten Anschrift Elbstrasse 122 gesucht und nicht gefunden habe. So eine lange Elbstrasse gab es bis 1900 nicht. Die war in drei Teile geteilt (Erste, Zweite und Dritte Elbstrasse). Das haben sie alle immer nur voneinander abgeschrieben, vermute ich.

Wolfgang Ziemssen (1928 – 2012) über Persilscheine

Abschrift aus: Wie man einen verlorenen Krieg gewinnt (Seite 280) »Persilscheine«

Zum Thema Persilscheine: Sich Freikaufen von der Vergangenheit

“Jeder zweite, der in Kiel vor die Spruchkammer kam, hatte einem Juden das Leben gerettet, einen Demokraten vor dem KZ bewahrt und war ein geheimer Gegner der Nazis gewesen. Die Fragebögen wurden en masse* gefälscht. Neben der Wand mit den Tauschzetteln hingen jeden Tag die Anschläge der Militärregierung: »Wegen falscher Angaben wurde bestraft . . . «. Auf die Frage, wo der Schwarzhandel am besten gedeihe, erhielt man damals zur Antwort: am Bahnhof und vor der Spruchkammer! Da wurden – je nach Belastungsstufe – Kartoffeln, Eier, Mehl, Margarine, Hühner und Karnickel gegen »Persilscheine« getauscht. Gegen Bezahlung in Naturalien kaufte man sich frei von der Vergangenheit. Oder die alten Nazis legten einfach einen von den Spruchkammern errechneten Betrag auf den Tisch und waren von diesem Moment an keine Nazis mehr. Die als »Mitläufer« eingestuften zahlten etwa 200 RM; das juckte keinen, da das Geld ohnehin nichts wert war. Bloß die Kleinen, die Block- und Zellenleiter hat man rangenommen und als Trümmerauguste eingesetzt, während die vermögenden Pgs schon wieder in den Vorzimmern der Militärregierung saßen und auf ihre Lizenz warteten und frische Brötchen aus kanadischen Mehl aßen. Kein Wunder, daß uns die Entnazifizierung als Farce erschien!“ Wolfgang Ziemssen, ehemaliger Marineflak-Helfer in Kiel, dann Bauhilfsarbeiter, später Schauspieler. (Tonbandprotokoll) Wolfgang Ziemssen (1928 – 2012) * en masse = in besonders grosser Menge

Abschrift eines Textes von David Stewart Hull (1961)

Vorname Fritz!

Abschrift:

David Stewart Hull, Berkely USA, veröffentlicht in der Zeitschrift FILM Heft 3, im August/September 1963. Herausgegeben von Hans Dieter Roos und Werner Schwier. Es handelt sich dabei um eine Übersetzung des Artikels, der vom Autor David Stewart Hull durchgesehen und von der Redaktion der Zeitschrift FILM gekürzt wurde. (Umfang 3½ Seiten, größer als DIN A 4, 296 mm hoch x 240 mm breit). Der Aufsatz ist zuerst in der Zeitschrift Film Quarterly im Sommer 1961 abgedruckt worden. Film Quarterly erschien 1961 vierteljährlich in Berkeley, Kalifornien. David Stewart Hull (geb. 1938) lehrte Film am Darthmouth College in Hanover, New Hampshire. Er bereitete 1963 die Herausgabe eines Buches über den Film im Dritten Reich vor.

Von der Zeitschrift FILM sind – von April / Mai 19963 bis Oktober / November 1964 – 10 Hefte unter der Redaktion von Hans Dieter Roos und Werner Schwier in München im Filmkunst Verlag, Promenadenplatz 10 erschienen.

In Heft Nr. 3, (August/September 1963) stellte die Zeitschrift FILM auf Seite 15 – 16 und 44 – 45 den Aufsatz von Hull mit einem Vorwort zur Diskussion. Der Übersetzer wird in der Veröffentlichung nicht genannt.

In Heft Nr. 4, FILM vom Oktober/November 1963, veröffentlichte die Redaktion unter dem Titel: DISKUSSION – Korrekturen zum Nazifilm einen Artikel (zweispaltig) von Gerd Albrecht, Filmseminar an der Universität Bonn auf Seite 46-48. Gerd Albrecht hatte Fehler entdeckt: Hull soll sich verzählt haben. Es waren nicht 572, sondern 472 Spielfilme, die in Deutschland von 1939-45 hergestellt worden, behauptet Albrecht. Albrecht stellt weiter fest: Kolberg war nicht am 30. Januar 1945, sondern erst einen Monat später (im März 45) von den Russen belagert worden und besonders schlimm: Hippler hieß mit Vornamen Fritz nicht Franz! (ohne Kommentar von Gerd Albrecht blieb dagegen der Satz von David Stewart Hull, dass Dr. Fritz Hippler (verantwortlich für den „wahrscheinlich grauen-haftesten dokumentarischen Propagandafilm, der jemals hergestellt wurde: „Der ewige Jude“ (1940)“) . . . nach dem Kriege unbehelligt blieb und nach den Worten von Hull . . . „heute in Garmisch ein Reisebüro betreibt.“

In Heft Nr. 5, FILM vom Dezember 1963/Januar 1964 war unter dem Titel DISKUSSION auf Seite 40 zu lesen: Noch einmal Nazifilm. Darunter der zweispaltige Artikel von Willi Roth (später nannte er sich Wilhelm Roth), der über Harlans Film „Kolberg“ u . a. (Der Artikel von Roth ist immerhin zweispaltig) schreibt:

“Einen solchen Film als Harlans Meisterwerk zu bezeichnen ist unmöglich. Harlan hat überhaupt kein Meisterwerk geschaffen. Man könnte nur sagen, daß der Film handwerklich besser ist als die meisten anderen Harlan-Filme.“ . . . Und über das Lob von Hull über den Regisseur Herbert Selpin gibt er immerhin zu, daß er von diesem Regisseur keinen Film kennt: „Ob der vierte Superlativ, Selpin sei der beste Regisseur jener Jahre gewesen, richtig ist, kann ich nicht beurteilen. Ich habe leider keinen Film von Selpin gesehen. Es mag sein, daß diese Rehabilitierung bzw. Entdeckung Selpins der eigentliche Wert von Hulls Artikel liegt.“ Willi Roth.

Kleiner Hinweis: Als David Stewart Hull 1961 in Berkely seinen Aufsatz über das Nazi-Kino in Deutschland verfasst, ist er 23 Jahre alt. In den Kritiken, die auf die Veröffentlichung seines Aufsatzes in der Zeitschrift FILM im August 1963 zurückgehen, wird auf das Alter des Autors hingewiesen. Ein Briefschreiber (Erwin Goelz) formuliert das so: “ . . . Doch die allgemeinen Züge der deutschen Produktion hat der junge amerikanische Filmologe ausgezeichnet erfaßt. So vor allem den Überhang an biografischen Filmen und die beschränkte Zahl der politischen Tendenzfilme. Hull stellt dazu fest: „Seltsamerweise war der Prozentsatz der Filme mit direktem politischem Inhalt während der ganzen Nazizeit relativ gering.“

Redaktion der Zeitschrift FILM (eine Art Vorwort)

Wegen seiner angeblichen propagandistischen Wirkungskraft hat der Film in totalitären Staatsformen immer eine besondere Bedeutung gehabt. Wir haben viel über die Filmhersteller im stalinistischen Rußland und im faschistischen Japan aus zwei kürzlich erschienenen Büchern erfahren, aus Leydas „Kino“ und aus Richie/Andersons „The Japanese Film“. Der folgende Artikel unternimmt den Versuch, eine der verbliebenen Lücken zu schließen: Er beschäftigt sich mit dem Nazifilm. Kracauer hat in seinem Buch „Von Caligari bis Hitler“ den vornazistischen Film analysiert; einige Dokumentarfilme der Nazis sind sorgfältig untersucht worden; das Werk von Leni Riefenstahl wurde an dieser Stelle bereits behandelt. Aber alle übrigen Filme, die während der Nazizeit von der hochentwickelten deutschen Filmindustrie hergestellt wurden, die schließlich in den zwanziger Jahren weltweite Anerkennung errungen hatte, sind später selten gezeigt und niemals objektiv beurteilt worden. Einige dieser Filme waren grauenhaft, einige farblos; viele waren nicht im eigentlichen Sinn politisch. Einige Regisseure hatten Talent, andere keines; einige waren treue Anhänger des Regimes, andere nur Mitläufer. In dieser Hinsicht glich die Filmindustrie der Nazis der anderer Länder eigentlich mehr, als daß sie sich von ihr unterschied – ebenso wie der Nazismus ja kein isoliertes Phänomen war. Vieles bleibt noch zu entdecken, ehe man den Nazifilm richtig verstehen kann. Der folgende Artikel versucht mit Objektivität an diese Aufgabe heranzugehen.

Verbotene Frucht: Der Nazifilm von 1939 bis 1945.

Die Geschichte des deutschen Spielfilms zwischen 1939 und 1945 ist „ein dunkles Kapitel“ – nicht nur, weil man so wenig darüber weiß, sondern auch darum, weil das, was über ihn geschrieben wurde, im allgemeinen nicht zutreffend ist; oft wurden Tatsachen aus persönlichen Motiven absichtlich verdreht. Das Hauptproblem rührt aus der einfachen Tatsache her, daß die Filme aus jener Zeit heute zu Studienzwecken fast unerreichbar sind; ein Ausnahme machen die großen Archive, die einiges von dem bewahrt haben, was ihnen die Beschlagnahme durch die alliierten Militärregierungen nach dem Krieg noch übrig ließ. Der Forscher muß sich daher gezwungenermaßen vorerst an die mageren Bemerkungen der allgemeinen Filmgeschichten halten. Was da veröffentlicht wurde, ist wahrhaft erschreckend. Viele Chronisten ignorieren diese Zeit vollkommen; sie geben ehrlich zu, daß sie keinen dieser Filme gesehen haben. Eine viel verbreitetere Haltung besteht darin, die ganze Kriegsproduktion zu verdammen, weil sie von den Nazis gemacht wurde und daher schlecht sein muß. Deutsche Filmgeschichten verfahren außerordentlich zimperlich mit dieser Periode, sie gehen so schnell wie möglich darüber hinweg und legen den Ton auf die unpolitischen Filme. Es bleibt dem Forscher also gar nichts anderes übrig, als praktisch alles außer Acht zu lassen, was über diese Zeit geschrieben wurde, und zu den Quellen zurückzugehen, zu den Filmen selber, zu Produktionsdaten und offiziellen Äußerungen. Die Geschichte der Naziperiode im deutschen Film zerfällt genau in zwei Abschnitte. Der erste, von 1933 bis 1939, mit dem wir uns hier nicht beschäftigen wollen, wurde von Georges Sadoul gut erläutert und dokumentiert. (1).

Die zweite Phase, von 1939 bis 1946, begann (mit den Worten von H. H. Wollenbergs) erst, als Hitlers „Stellung im eigenen Land und im Ausland genügend gefestigt war, daß er seine Kriegsmaschine in Bewegung setzen konnte . . . (dann) trat der Nazifilm in sein zweites Stadium ein. Die Konzentration des Kapitals, der Produktion und des Verleihs war vollkommen durchorganisiert, der psychologische Feldzug innerhalb und außerhalb Deutschland konnte beginnen.“ (2)

Ende 1938 wurde das letzte unabhängige Filmatelier, die Bavaria in München, vom Staat verschlungen. Goebbels konnte stolz berichten, daß der Kinobesuch im Jahr 1940 um 70 Prozent gegenüber 1932 gestiegen war. Was immer die Gründe für dieses Anwachsen gewesen sein mögen, die Industrie hielt mit den Anforderungen des Publikums Schritt und produzierte trotz kriegsbedingter Beschränkungen zwischen 1939 und 1945 insgesamt 572 Spielfilme.

Seltsamerweise war der Prozentsatz der Filme mit direktem politischen Inhalt während der ganzen Nazizeit relativ gering. In dem 1951 von der Alliierten Kontrollkommission veröffentlichten Katalog verbotener Film (3) ergab eine Besichtigung von 700 „verdächtigen“ Spielfilmen nur 141 Filme, die politisch angreifbar waren, und einige davon wurden aus zugegebenermaßen dürftigen Gründen gesperrt.

(Von 1939 bis 1945 wurden 22 Filme von der Nazi-Zensur aus politischen Gründen verboten.)

Die Spielfilme mit politischem Inhalt wurden größtenteils auf Befehl des Reichspropagan-daministeriums produziert und sind auch von dort finanziert worden. Diese „Staatsauf-tragsfilme“ machen jedoch nur 96 der 1097 Spielfilme aus, die in der Zeit von 1933 bis 1945 hergestellt wurden. Die folgende Studie wird sich hauptsächlich mit diesen Filmen beschäftigen, denn sie sind die wichtigsten und auch die interessantesten aus der Kriegszeit.

Ein geheimer Produktionsplan der Ufa aus dem Jahr 1939, der zum ersten Mal bei Sadoul veröffentlicht wurde, gibt uns ein umfassendes Bild der behandelten Themen. Es lohnt sich, einen leicht gekürzten Abdruck hier zu bringen; ich habe die Filme mit einem Stern ver-sehen, die tatsächlich hergestellt wurden. (a) Es ist interessant, die thematische Gliederung mit jener aus dem Bericht der Alliierten Kontrollkommission zu vergleichen. Ich habe die Zahl der verboteten Filme in jeder Kategorie aufgeführt. (b)

Man muß sich vor Augen halten, daß die zweite Liste den gesamten Zeitraum von 1933 bis 1945 umfaßt. So erschienen zum Beispiel alle antiamerikanischen Propagandafilme vor 1941, bis die Parole ausgegeben wurde, daß die Amerikaner freundlich behandelt werden sollen und das der Nachdruck auf antisowjetische Propaganda verlegt werden soll. Die beiden Filme mit ausgesprochener Parteipropaganda entstanden 1933; und obgleich die zwei Filme recht eindrucksvoll gerieten, wurde diese Kategorie nicht wieder aufgenommen. So informatorisch diese thematische Klassifizierung auch sein mag, die bessere Methode liegt in einer rein filmischen Analyse der Arbeiten einzelner Regisseure. In der Zeit von 1939 bis 1946 arbeiteten 37 wichtigere Regisseure für die staatlich kontrollierte Filmindustrie. Davon sind 27 gegenwärtig für die westdeutsche Filmindustrie tätig, drei sind gestorben, und die restlichen sieben haben sich entweder zurückgezogen oder sind unauffindbar. Es muß betont werden, daß nur eine Handvoll jener 37 an Filmen mit politischem Inhalt arbeitete; trotzdem ist es erstaunlich, wieviele dieser Regisseure noch heute an der Arbeit sind. Leni Riefenstahl und Helmut Käutner, dessen Position eine eigene, ausführliche Studie verlangte, bleiben im folgenden außer Betracht.

Wenn der Name eines Regisseurs vor allen anderen mit der Nazipartei in Verbindung gebracht wird, so ist es der Veit Harlans. Harlan ist der Sohn eines Bühnenautors und begann seine Karriere als Schauspieler; gleichzeitig schrieb er Drehbücher für Thea von Harbou, die Frau Fritz Langs. Sein Regiedebüt gab er mit dem Film „Krach im Hinterhaus“ (1935). Er spezialisierte sich auf kitschige Lustspiele, und seine Beliebtheit beim Publikum und bei den Offiziellen wuchs schnell. Überzeugt, daß Größeres in ihm steckte, gab ihm die Regierung 1937 seinen ersten politisch bedeutsamen Film, „Der Herrscher“ mit Emil Jannings über die Verfolgung eines Hitler ähnelnden Industriellen. Als dieser Film 1937 den Volpi-Preis auf den Filmfestspielen in Venedig erhielt, war Harlans Stellung als „offizieller“Regisseur des Regimes praktisch gesichert.

Trotz dieses Erfolgs wurde Harlan auf die Herstellung von weniger aufwendigen Filmen zurückgesetzt; darunter befand sich der antifranzösische Film „Verwehte Spuren“ (1938) und das merkwürdige Remake einer Sudermann-Erzählung, die bereits zehn Jahre früher die Vorlage für Murnaus „Sunrise“ abgegeben hatte: „Die Reise nach Tilsit“ (1939). Der bedeutendste Film dieser Periode war die verschwenderische Arbeit „Das unsterbliche Herz“ (1939), ein biographischer Film über den Erfinder der Taschenuhr.

Harlans Name wäre heute wahrscheinlich vergessen, hätte er nicht als nächstes den berüchtigten „Jud Süß“ (1940) gedreht. Lion Feuchtwangers Roman (aber Harlans Film basiert weniger auf dem Buch als auf der historischen Begebenheit) war schon 1932 in England auf schwerfällige deutsche Art von Lothar Mendes verfilmt worden, mit Conrad Veidt in der Titelrolle. Obgleich Rassenhetze bis dahin schon in zahlreiche Spielfilme eingestreut worden war, wurde Harlans Film jetzt der erste großangelegte Vorstoß des Naziregimes in dieser Richtung, und es wurden keine Kosten gescheut, um diese Botschaft dem deutschen Publikum mitzuteilen. Der Film war das Ergebnis der gemeinsamen Bemühungen von Harlan, Dr. Franz Hippler (der heute in Garmisch ein Reisebüro betreibt) und Werner Krauss. Hippler war Goebbels‘ rechte Hand im Propagandaministerium und verantwortlich für den wahrscheinlich grauenhaftesten dokumentarischen Propagandafilm, der jemals hergestellt wurde: „Der ewige Jude“ (1940). Damaligen Veröffentlichungen zufolge sollen Harlan und Krauss „von Hipplers Film entscheidend beeinflußt“ worden sein. Der berühmte Krauss hatte am Drehbuch mitgearbeitet, was ihm einerseits eine Doppelrolle und andrerseits die Gelegenheit einbrachte, in der schlimmsten deutschen Tradition zu chargieren. Harlan erhielt außerdem einen der besten Photographen jener Zeit, Bruno Mondi, und den besten Komponisten, Wolfgang Zeller, der früher die Musik für Carl Dreyers „Vampyr“ geschrieben hatte – die viele für die beste Filmmusik halten, die jemals komponiert wurde. Das Resultat dieser Zusammenarbeit war eine verwirrende und ziemlich langweilige Version der eigentlichen Geschichte.

Der Film diente als Hauptpunkt der Anklage, als Harlan 1950 in Hamburg wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ vor Gericht stand. Der Staatsanwalt zitierte die Vergewaltigung der Dorothea Sturm (Kristina Söderbaum) durch den Sekretär Levy (Werner Krauss) als ein besonders gemeines Beispiel des Antisemitismus und sagte, dieser Film habe unmittelbar das verabscheuungwürdigste Verbrechen der modernen Geschichte vorbereitet. Doch wenn man den Film noch einmal sorgfältig durchsieht, ist man eigentlich mehr von seiner Zurückhaltung als von seiner angeblichen Hysterie beeindruckt.

In Wirklichkeit ist „Jud Süß“ weder gute Propaganda noch selbst besonders gute Unterhaltung, und die Schuld kann man bei Harlans schwacher Regieführung suchen.

Belastet mit einem – selbst für damalige Begriffe – ungewöhnlich weitschweifigen Drehbuch, verschenkte Harlan die filmischen Möglichkeiten und benutzte statt dessen die abgedroschenen Methoden des verfilmten Theaters. Bei den Innenaufnahmen bleibt die Kamera starr, und der Schnitt ist außerordenlich phantasielos. Die Außenaufnahmen sind im allgemeinen aufregender, und die Hinrichtungssequenz im Schneetreiben hat eine düstere, unbestreitbare Kraft, wenn sie auch nicht gerade jenes „fröhliche Crescendo“ darstellt, wie zwei Kritiker (5) es formuliert haben. So abscheulich wie der Antisemitismus des Films ist seine krankhafte Neigung zum Sadismus (ein Merkmal der meisten Harlan-Filme), der in der besonders widerwärtigen Folterszene an die Oberfläche kommt. Im übrigen war Harlan offensichtlich von seinen Schauspielern eingeschüchtert, denn er erlaubte ihnen, bis zur Absurdität zu chargieren. Selten wurde soviel Aufhebens wegen so wenig gemacht, denn „Jud Süß“ ist selbst nach den Begriffen der damaligen Zeit ein unbedeutendes Werk.

Die Premiere des Films fand Ende September 1940 in Berlin anläßlich des Sieges über Frankreich statt; bis Weihnachten wurde der Film allein in Berlin in 66 Kinos aufgeführt und dann in alle besetzten Teile Europas exportiert. In Frankreich warfen Partisanen Bomben in die Lichtspieltheater, die den Film spielten. Im allgemeinen war der Film außerhalb Deutschlands wenig erfolgreich, obschon er einen Preis auf den Festspielen von Venedig im Jahre 1941 errang, die allerdings unter faschistischer Kontrolle standen.

Sogar heute noch ist der Film „Jud Süß“ ein heißes Eisen. Harlan selbst zerstörte das Negativ im April 1954, aber kurz danach hörte man, daß eine Kopie in arabischer Synchronisation nach Beirut und Kairo verkauft worden sei. Terra, die ursprüngliche Produktionsfirma des Films, erhob Ansprüche auf einen Teil der Einspielergebnisse, wobei sie sich auf ihre 50jährigen Lizenzrechte stützte. Es folgte eine ausführliche Untersuchung, und die in Verlegenheit gebrachte Bonner Regierung erklärte, der Film würde durch die Verleihfirma Sovexport auf dem Weg über Ostdeutschland offen in den arabischen Ländern vertrieben (6). Erst kürzlich, im Jahre 1959, beschlagnahmte man ein anderes Negativ bei einem Filmkaufmann im Lübeck, der im Begriff war, es für 100 000 Dollar an den Bruder von König Ibn Saud zu verkaufen. (7). Zweifellos ist immer noch nicht das letzte Wort über diesen seltsamen Film gesprochen worden.

Harlan war stark an den Möglichkeiten des Farbfilmes interessiert, und der große Erfolg des ersten Agfacolor-Films, Georg Jacobis „Frauen sind doch bessere Diplomaten“ (1941), veranlaßte ihn, den bekannten Film „Die goldene Stadt“ zu drehen. In herrlichen Farben (sogar nach heutigen Maßstäben) photographiert (in Prag), erzählt der Film die Geschichte vom „Deutschtum in Böhmen“ und zeigt die unterdrückten, guten Deutschen im Lande der bösen Tschechen. Zwei weitere Farbexperimente folgten, „Immensee“ (1943), die unbedeutende Verfilmung eines Romans von Storm, und der belanglose „Opfergang“ (1944). Nachdem Harlan das schwierige System von Agfacolor bald besser als alle anderen Regisseure vor ihm und auch nach ihm beherrschte, begab er sich an die Herstellung seines Meisterwerks „Kolberg“, das zwischen 1943 und 1944 gedreht wurde, aber erst 1945 herauskam.

Das Interessanteste an dem Film sind seine Farbaufnahmen, die ich für die besten halte, die jemals gemacht worden sind. Fleischfarben erscheinen erschreckend realistisch, und Bruno Mondis Kameraführung ist beinahe dreidimensional. Die großen Szenen auf dem Schlachtfeld mit Hunderten von Offizieren und Soldaten in malerischen Uniformen, die auf Schimmeln die Dünen entlang sprengen, bleiben ebenso im Gedächtnis haften wie die Szenen in der brennenden Stadt. Nur in dem einfallslosen Schnitt der Innenaufnahmen enttäuscht Harlan den Betrachter.

Aus irgendeinem Grund betrachtete Goebbels diesen Film als sein eigenes Projekt, und keine Ausgaben – einschließlich der Heranziehung von Tausenden von Komparsen – wurden gescheut. Die Premiere des Films fand am 30. Januar 1945 gleichzeitig in Berlin und im von der Wehrmacht besetzten La Rochelle statt. Obgleich die Stadt Kolberg zu jener Zeit schon von den Russen belagert wurde, liess Goebbels den Film durch Fallschirmjäger über der Stadt für eine Sondervorführung abwerfen. Am Ende des Krieges gelangten die Russen in den Besitz des Negativs und zeigten ihn angeblich oft in der DDR als anti-westliche Propaganda.

Nach dem Krieg wurde Harlan verhaftet, mußte aber bis zum Jahr 1950 auf seinen bereits erwähnten Prozeß warten. Nach seinem Freispruch – man hatte ihn ungerechter Weise zum Sündenbock für die ganze Industrie gestempelt – drehte er sofort wieder Filme, hatte aber keinen großen Erfolg damit. Seine letzten Filme waren „Anders als du und ich“ (1957) und „Liebe kann wie Gift sein“ (1958) – beides schnell gedrehte und recht zweifelhafte Filme über die oberflächlichsten Aspekte der Homosexualität und Prostitution. Es ist schwer zu sagen, wie man Harlan später mit mehr Abstand beurteilen wird, aber ein paar allgemeine Bemerkungen kann man heute schon riskieren.

Obgleich er zugegebenermaßen Opportunist ist, hatte er doch ein außerordentliches Talent. Das Lustspiel lag ihm zwar am meisten, doch hat er auch einige der gewichtigsten und ehrgeizigsten deutschen Filme gedreht. Selbst ein guter Schauspieler, konnte er jedoch als Regisseur selten gute schauspielerische Leistungen mit seinem Schauspielerteam erzielen. Seine äußerliche Fröhlichkeit überdeckte düstere, sadistisch-diabolische Charakterzüge, die häufig in seinen Filmen zum Ausdruck kamen. Seine Filme verraten die Hand eines geschickten Handwerkers, aber der Anflug von Genie fehlt.

Wenn auch Harlan der bekannteste Regisseur der Jahre 1939-1946 war, der beste war der unglückliche Herbert Selpin. Von seinem ersten Film im Jahr 1932 bis zu seinem zweiundzwanzigsten und letzten zwölf Jahre später, wurde bei Selpin jener geniale Moment deutlich, der so vielen seiner Zeitgenossen fehlte. Da er keine Beziehungen zur Partei hatte, bekam er nur zweitklassige Drehbücher – trotzdem gelangen seiner ausgezeichneten Regieführung und seinem Einfühlungsvermögen bei der Besetzung häufig blendende Resultate.

Selpin zog es vor, ein gefährliches Spiel zu spielen. Da er nie ein Freund der Nazis gewesen war, weigerte er sich, seine guten Filme durch politische Tendenzen verderben zu lassen. Seine offen geäußerte Verachtung und seine beißende Kritik gegenüber hohen Parteimitgliedern brachte ihn ständig in Schwierigkeiten, doch seine Filme waren so gut, daß er sozusagen durch seine eigene Kunst beschützt wurde.

Selpin hatte seinen zweiten Film in England gedreht – überhaupt liebte er englische Themen; er drehte später eine erstaunliche Version von Oscar Wildes „Ein idealer Gatte“ (1935). Nach einer langen Reihe von dramatischen Liebesfilmen und Komödien wandte er sich mit „Trenck der Pandur“ (1940) dem biographischen Film zu, wo er in ironischer Manier den berühmten Soldatenhelden der Maria-Theresia-Zeit mit Hans Albers (seinem Lieblingsstar) in der Hauptrollen porträtierte.

Der Film wurde ein großer Publikumserfolg, dem unmittelbar darauf „Carl Peters“ (1941) folgte, die Biographie jenes Kolonialisten, der im 19. Jahrhundert große Teile von Afrika in deutschen Besitz brachte, ohne dabei von seinem Land unterstützt zu werden.

Der Film zeigt Peters (Hans Albers) als gütigen Übermittler westlicher Tugenden an die ungebildeten Eingeborenen – während der historische Peters von seinem Posten als Reichskommissar wegen seiner rauhen Behandlung der Afrikaner abberufen worden war. In dem Film wird er auf Grund einer falschen Aussage eines vom britischen Geheimdienst besoldeten Negerbischhofs angeklagt. Rein vom Optischen her ist der Film bemerkenswert; Franz Kochs Kameraführung gelingen packende Landschaftsbilder und ein grausamer Aufstand mit Tausenden von Negerstatisten. Den Film, der in den Barrandow-Studios bei Prag gedreht worden war, hatte man anscheinend mit afrikanischen Originalaufnahmen ergänzt. Das Drehbuch scheint Selpin wenig interessiert zu haben: Er brachte es fertig, die Story in blitzschnelle Episoden zu pressen, die von langen, herrlich belanglosen Details unterbrochen wurden.

Es folgte der noch ehrgeizigere, aber im Endergebnis weniger überzeugende Film „Geheimakte W.B.1“ (1942); eine Biographie jenes Wilhelm Bauer, der 1834 das Unterseeboot erfand. Der Film endete mit einem Epilog, der Bilder von deutschen U-Booten mit den Worten kommentiert: „Es war noch ein langer Weg vom ersten Unterwasserschiff bis zum heutigen U-Boot; und von dem ersten Schuß, der unter Wasser abgefeuert wurde, bis zum heutigen Torpedo – doch vor 100 Jahren hat Unteroffizier Wilhelm Bauer den entscheidenden Schritt getan.“ Das Hauptproblem des Filmes „Geheimakte W.B. 1“ ist sein Drehbuch, das die ärgsten Übertreibungen auf historisch-militärischem Gebiet mit einer Vorlesung in Bildern über die Konstruktion von U-Booten verbindet. Selpins Hand ist hier weniger spürbar als in seinen anderen Filmen; nur beim großen Hofball und bei den Unterwasserszenen spürt man seine große Begabung.

Die Erfahrung auf dem Gebiet der Schiffahrt kamen Selpin bei seinem letzten Film „Titanic“ (1943) zugute – einem der besten Filme, die je in Deutschland hergestellt wurden. Das ist sicherlich die packendste Darstellung jenes Ereignisses, die für die Leinwand gemacht wurde. Der Film schien Selpin persönlich sehr am Herzen zu liegen – es kommt einem der Verdacht, daß er den tragischen Untergang des Schiffes mit dem unausweichlichen Schicksal seines Landes unter Naziherschaft identifiziert. Der Film „Titanic“ war wieder eines von Goebbels Lieblingsprojekten; warum er mit der Herstellung dieses Filmes ausgerechnet einen Regisseur beauftragt hat, der ihm besonders un-symphatisch war, wird immer ein Rätsel bleiben. Goebbels war der Meinung, daß der Film sich ideal zur antibritischen Propaganda eignen müßte, liess ihn als „Staatsauftragsfilm“ herstellen und sagt Selpin die Mitwirkung einiger prominenter Schauspieler – u. a. der beliebten Sybille Schmitz – zu. Gegen Ende der Dreharbeiten hörte man gerüchteweise aus den Studios der Tobis, daß sich dort seltsame Dinge abspielten. Selpin hatte in dem Be-mühen, die Katastrophe mit all ihren Schrecken wiederaufleben zu lassen, die Propa-gandatendenzen völlig außer Acht gelassen. Nach der ersten Vorführung des Films, aus der die Zuschauer eher merklich erschüttert als patriotisch gegen England aufgebracht zurück-kamen, geriet Goebbels in fast hysterische Wut.

Selpin wurde befohlen, Teile des Filmes neu zu drehen. Nach seiner stürmischen Weigerung wurde er von Werner Klingler als Regisseur abgelöst. Goebbels glaubte sich persönlich von Selpin beleidigt und befahl ihn – trotz seines Alters – zum Militärdienst. Bald darauf brachte ihn die Gestapo im Gefängnis um. Selpin erfuhr nichts mehr über das seltsame Schicksal seines Meisterwerks. Selbst Klingler konnte nicht viel damit anfangen und Goebbels ließ den Film in Paris am 10. November 1943 aufführen, verbot ihn aber in Deutschland. Es wurde einer der erfolgreichsten Filme, die während des Krieges gezeigt worden sind, seine Beliebtheit wurde nur noch von „Münchhausen“ übertroffen. Nach dem Krieg gab die „Freiwillige Selbstkontrolle“ den Film zur Aufführung in Deutschland frei, seine zweite Premiere fand am 7. Februar 1950 in Stuttgart statt.

Im März legten die Engländer Protest gegen die Aufführung ein, und selbst nach vielen Schnitten, um die antibritische Propaganda zu eliminieren, wurde er nicht mehr frei-gegeben. Bis heute wird er daher hauptsächlich in Ostdeutschland gespielt. Von Selpins ganzem Werk sind nur noch etwa ein Dutzend Filme in den Archiven erhalten. Diese Filme beweisen zur Genüge seine außergewöhnliche Begabung, wenn auch sein Name 18 Jahre nach seinem Tod in Vergessenheit geraten ist, seine Filme nicht mehr aufgeführt werden und sein moralischer Mut ungerühmt bleibt.

Die Filmarbeit von G. W. Pabst während des Krieges wird immer ein dunkles Kapitel bleiben. Ende der dreißiger Jahre erlebte er einen jähen Niedergang seiner Karriere, nachdem er einige enttäuschende Filme gedreht hatte; der berühmte Regisseur zog sich nach Österreich zurück und konnte das Land nach dem „Anschluß“ nicht mehr verlassen. Im Jahre 1941 überredete man ihn (oder befahl ihm?), zur Filmarbeit zurückzukehren und den wenig bekannten Film „Komödianten“ zu inszenieren, eine Biographie der Karoline Neuber (Käthe Dorsch), die im 18. Jahrhundert die erste deutsche Wanderbühne gegründet hatte.

Dann folgte der berüchtigte „Paracelsus“ (1942), die seltsam verzwickte Biographie eines berühmten Physikers und Arztes aus dem 15. Jahrhundert, mit Werner Krauss in der Titelrolle. Der Film dauerte fast zwei Stunden, weitschweifig und übertrieben erzählt er die Geschichte von einem armen Mann, der zu großem berufen war – eine Parallele, die der Drehbuchautor Kurt Heuser zu dem Leben Hitlers ziehen wollte. Obgleich der Film langweilig ist, enthält er doch eine gute Szene, die an die großen Zeiten des Regisseurs anknüpft: In dieser erstaunlichen Passage wird der Zauberkünstler Fliegenbein (Harald Kreutzberg) der wie der zum Berserker gewordene Rattenfänger von Hameln aussieht, von der Pest befallen und führt eine Handvoll Flüchtlinge in einem grotesken „Totentanz“ an, begleitet von Herbert Windts gespenstischer Musik. Allein dieser Szene wegen verdient der Film, erwähnt zu werden.

Harlan teilte die Vorteile seiner bevorzugten Stellung als „offizieller Regisseur“ mit Hans Steinhoff, der als einer der ersten Regisseure für die Filmindustrie der Nazis gearbeitet hatte. Sein erster bedeutender politischer Film war „Hitlerjunge Quex“ (1933). Eifrig arbeitet er weiter für die Partei, er drehte „Der alte und der junge König“ (1935) mit Emil Jannings, seinem Lieblingsdarsteller. Dann folgte „Robert Koch“ (1939), ein interessanter, aber historisch nicht den Tatsachen entsprechender Film, ebenfalls mit Jannings.

Steinhoffs Tour de Force war „Ohm Krüger“, einer der perfektioniertesten Nazifilme überhaupt. In herrlichen Bildern von Fritz Arno Wagner beschreibt der Film das Leben des Burenführers Ohm Krüger. Seinen Hauptzweck sah der Film aber in der Erzeugung antibritischer Gefühle, und das gelang ihm denn auch vorzüglich. Selten hat ein Film Bösewichte so schwarz wie Kitchener (Franz Schafheitlin), Cecil Rhodes (Ferdinand Marian) und sogar Chamberlain (Gustav Gründgens) gezeichnet. In einer eklatanten Verdrehung wird den Engländern die Gründung des ersten Konzentrationslagers unterschoben, in dem Frauen und Kinder durch verdorbene Lebensmittel vergiftet und von den Bajonetten der blutdürstigen Wachmannschaften aufgespießt werden.

Die Premiere von „Ohm Krüger“ fand im April 1941 statt; der Film wurde als bester ausländischer Film des Jahres auf den Festspielen in Venedig prämiiert. In Deutschland selbst wurde ihm als erstem Film das Prädikat „Film der Nation“ verliehen, und Jannings erhielt von Goebbels für seine Darstellung den „Ehrenring des deutschen Films“.

Es ist interessant, zu erfahren, daß dem Film solche Bedeutung beigemessen wurde, daß noch zwei weitere bekannte Regisseure – Herbert Maisch und Karl Anton – zur Überwachung herangezogen wurden. Wenn auch Steinhoff noch weitere Filme drehte, so endete doch seine eigentliche Karriere mit dem Film „Rembrandt“ (1942), einer ordentlichen Biographie, die weit besser als der englische Film über das gleiche Thema ausgefallen ist. Wolfgang Liebeneiner (geb. 1905) war einer der jüngeren Regisseure der Kriegszeit. Als junger Mann hatte er eine außergewöhnliche Begabung als Schauspieler an den Tag gelegt; bald wandte er sich aber dem Film zu, wo er jugendliche Liebhaber spielte.

Im Jahre 1943 – im Alter von erst 38 Jahren – wurde er Leiter der Produktionsabteilung der UFA. Auf schauspielerischem und geschäftlichem Gebiet war er erfolgreicher denn als Regisseur; sein bekanntester Film war eine Filmchronik in zwei Teilen aus der deutschen Geschichte, „Bismarck“ (1940) und „Die Entlassung“ (1942). Der zweite Film ist weitaus besser; Jannings spielt den Bismarck, Werner Krauss den Geheimrat von Holstein. Fritz Arno Wagners Kameraführung und Herbert Windts gute musikalische Untermalung konnten den Film auch nicht viel aufregender machen. Eine der seltsamsten Szenen des Filmes ist die Entlassungszene Bismarcks, in der Wilhelm II. (Werner Hinz) – als Homosexueller dargestellt – sich mehr für einen klavierspielenden Freund als für das tragische Schicksal des größten Staatsmannes seines Vater interessiert.

Zwischen den beiden Bismarck-Filmen dreht Liebeneiner den vieldiskutierten Streifen „Ich klage an“ (1941), ein zwei Stunden dauerndes Werk voller Euthanasie-Propaganda. Im Gegensatz zu der allgemeinen Annahme enthält der Film keine hysterischen Übertreibungen; es ist die bemerkenswert nüchterne Untersuchung eines schwierigen Problems, das mit viel Takt behandelt wird.

Ein anderer offizieller Partei-Regisseur jener Zeit war Max Kimmich, dessen Filme gleichwohl eine seltsame Faszination ausstrahlen. Kimmich war besonders erfolgreich mit jugendlichen Schauspielern. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund wurde er mit der Herstellung von zwei pro-irischen, antibritischen Filmen beauftragt: mit „Der Fuchs von Glenarvon“ (1940) und dem etwas besseren „Mein Leben für Irland“. Der letztere handelt von einem 18jährigen irischen Jungen, der in einem englischen Internat für Kinder von politischen Gefangenen aufwächst. Obgleich die Schauspieler etwas zu alt für ihre Rollen (und auch zu groß für kurze Hosen) sind, gelangen die Kampfszenen am Ende des Filmes besonders gut. In dem offenkundigen Bemühen, es den sadistischen Neigungen Harlans gleich zu tun, blendet Kimmich eine Szene ein, in der Patrick von seinen Schulkameraden gefoltert wird, weil er angeblich ein Verräter ist; eine geschickt inszenierte antibritische Szene zeigt ferner, wie sich die Jungen weigern, die Nationalhymne zu singen und dabei den Union Jack unter Freudengeschrei verbrennen.

Ähnlich aufwendig und sadistisch ist der Film „Germanin“ (1943), eine Biographie Dr. Achenbachs (Peter Petersen), dem Erfinder des Serums gegen die Schlafkrankheit. Der Held geht nach Afrika, um diese gefährliche Krankheit bei den Eingeborenen zu bekämpfen, aber der englische Geheimdienst behindert ihn und stachelt schließlich die Eingeborenen an, sein Laboratorium zu zerstören. In einer unglaublichen Schlußszene sieht man den Arzt und den englischen Distriktskommissar, die beide von der gefährlichen Krankheit befallen sind. Eine einzige Flasche des Serums ist von einem zahmen Affen aus den Trümmern des Laboratoriums gerettet worden, und der edle Arzt rettet seinen Gegner und stirbt. „Germanin“ ist ein interessantes Beispiel dafür, wieviel Geld die Regierung in einen „Staatsauftragsfilm“ zu stecken gewillt war, der in diesem Fall anscheinend auf An-regung der der Bayer-Werke hergestellt wurde.

Der aufwendige Film, der bei der UFA in Babelsberg und in der Cinecittà (für die Szenen in Afrika) gedreht worden war, läßt von Kimmichs Drehbuch her einen spürbaren Mangel an Geschmack erkennen. Billige Operetten-Effekte und die schmalzige Stimme eines Sprechers wechseln mit Szenen mit Negerkomödianten und allerlei Tieren, zwischendurch erscheint altes Filmmaterial, das die UFA anscheinend vor dem Kriege in Afrika aufgenommen hat. Kimmichs Vorliebe für Sadismus zeigt sich in einer unerquicklichen Szene, in der Dr. Achenbachs Assistent (Louis Trenker) sich von Moskitos stechen läßt, die Krankheitsträger sind, wobei man die Szene durch den Glaskasten gefilmt hat, in dem sich die Tiere befinden.

Der schönste Jugendfilm der Kriegsjahre ist ohne Zweifel „Junge Adler“ (1944), inszeniert von dem hochbegabten Alfred Weidenmann. Die recht ungewöhnliche Story befaßt sich mit dem Sohn eines reichen Flugzeugfabrikanten, der durch die Kriegsdienstarbeit als Hitlerjunge in den Werken seines Vaters ein Vergehen wieder gutmachen will. Das tägliche Leben der Jungen wird geschickt dargestellt, die Photographie von Klaus von Rautenfeld ist ungewöhnlich sensibel; besonders eindrucksvoll ist die Szene, in der die Jungen am Wochenende zum Camping ans Meer fahren und man am Schluß sieht, wie der Held sein Fahrrad durch die steigende Flut nach Hause zu manövrieren versucht.

An Mitteln für diesen „Staatsauftragsfilm“ hatte man offensichtlich nicht gespart – eine große Konzession an die Jugend – , und zwei so bekannte Darsteller wie Willy Fritsch und Herbert Hübner hatten Hauptrollen in dem Film.

Im Gegensatz zu anderen Jugendfilmen jener Zeit wird nicht mit sadistischen Mitteln gearbeitet, es gibt keine Gewaltszenen und keine Übertreibungen. Obgleich „Junge Adler“ im Grunde zu spät herauskam, um viel praktischen propagandistischen Wert zu haben, muß man doch sagen, daß seine Absicht, nämlich die Jugend zur Arbeit in den Kriegsjahren anzuregen, teilweise erfolgreich war.

Während „Jud Süß“ der bekannteste der antisemitischen Filme ist, hat Erich Waschneck einen weiteren Film dieses Genres, „Die Rothschilds“ (1940), in viel eleganterer und auch überzeugender Manier inszeniert. Im Kern stark antisemitisch und auch antibritisch, ist der Film derartig widerwärtig in seiner Grundtendenz, daß er eine Klasse für sich auf diesem Gebiet darstellt. Er ist herrlich photographiert und gespielt, u. a. von Gisela Uhlen und dem berühmten Opernsänger Michael Bohnen; aber es ist einer der bösesten Filme raffinierter Propaganda aus der Nazizeit.

Man sollte auch noch den eigenartigen, doch amüsanten Film „Der unendliche Weg“ (1943) erwähnen, Hans Schweikarts herzliche Biographie von Friedrich List (Eugen Klöpfer), der im 19. Jahrhundert aus Deutschland emigrierte und am Ausbau des amerikanischen Eisenbahnnetzes entscheidenden Anteil hatte. Ein großer Teil des Films spielt in Pennsylvania und wird von Liedern wie „The Girt I left Behind me“, „Yankee Doodle“ und „Battle Hymn of the Republic“ begleitet, unbekümmert um historische Daten. Die deutlich spürbare Lektion des Films lautet, die deutsch-amerikanische Solidarität ist nötig, um England zu zerstören. Während des ganzen Filmes werden Amerika und sein Grenzer liebevoll gezeichnet, der Film verliert nur an Tempo, als eine langatmige Liebesgeschichte eingeblendet wird.

In diesem notgedrungen kurzen Überblick über die Spielfilme der Nazis blieben einige weniger wichtige, aber doch interessante Regisseure unerwähnt. Darunter zum Beispiel der beliebte Gustav Ucicky; der geschickte Gestalter von patriotischen und antirussischen Filmen, Karl Ritter; der hochbegabte Herbert Maisch, dessen pazifistischer „Friedrich Schiller“ (1940) und spektakulärer „Andreas Schlüter“ (1942) Beachtung verdienen; ferner solche Meister der reinen Unterhaltung“ wie Willi Forst, Geza von Bolvary, Carl Fröhlich und Paul Verhoeven.

Was kann man zusammenfassend über alle diese Filme sagen? Zunächst fällt die Vorherrschaft historischer Biographie auf, ferner eine Abneigung der Nazis gegen Themen der Gegenwart, außer bei harmlosen Musikfilmen oder kitschigen Lustspielen. Drittens fehlt in fast allen Filmen das Interesse für Sex oder Liebesgeschichten; die Betonung liegt auf dem rein männlichen Standpunkt. Unser Augenmerk wird ferner auf die starken sadistischen Tendenzen der Filme gelenkt, die an Stelle der leichter erkennbaren Gewalttätigkeit treten. Auf der anderen Seite muß man betonen, daß die deutsche Filmindustrie jener Zeit sich technisch durchaus sehen lassen konnte. Die Leistungen auf dem Gebiet der Photographie und der Produktion waren auf höchstmöglichem Niveau – vielleicht auf Kosten der Drehbücher und der Schauspieler. Im allgemeinen war die Propaganda weniger dick aufgetragen, als in einigen amerikanischen Filmen der gleichen Zeit.

David Stewart Hull, USA

GEGEN DIE KRIEGSMORAL VERGANGEN! In FILM Heft Nr. 6 vom Februar / März 1964 findet sich auf Seite 51, unter dem Titel DISKUSSION zur Ermordung von Herbert Selpin (Dem Regisseur von „Titanic“ u. a) eine (finde ich) ziemlich glaubwürdige Version. Sie stammt aus der Dokumentation (Buch) von Joseph Wulf „Theater und Film im dritten Reich“. Wulf zitiert aus einem Artikel, der unter der Überschrift „Der Reichsfilmintendant teilt mit“ am 7.8.1942 im Film-Kurier erschien. „Der Filmregisseur Herbert Selpin hat sich durch niederträchtige Verleumdungen und Beleidigungen deutscher Frontsoldaten und Frontoffiziere gegen die Kriegsmoral vergangen. Er wurde deshalb in Haft genommen, um dem Gericht überstellt zu werden. Die Verfehlungen Selpins waren um so verächtlicher, als er weder am Weltkrieg noch an diesem Krieg teilgenommen hat, im Gegenteil zur Durchführung von wichtigen Aufgaben im Film u. k. gestellt war. Selpin hat in der gerichtlichen Untersuchungshaft in der Nacht zum 1. August seinem Leben durch Erhängen ein Ende gemacht.“ Soweit die nazioffizielle Lesart. Wahrheit sieht anders aus. Am 30. Juli 1942 wurde Selpin zu Goebbels bestellt, um sich vor einem Ehrengericht zu verantworten. „Selpin bestätigte seine Äußerungen in Zoppot, war jedoch nicht bereit, sie zurückzunehmen. Goebbels erklärte ihm darauf hin, ihm auch nicht mehr helfen zu können und ließ ihn in seinem Vorzimmer verhaften. So geschehen am 30. Juli 1942; in der Nacht zum 1. August wurde Herbert Selpin von einem Gestapo-Kommando in seiner Zelle erwürgt. Am Morgen fand man ihn an seinem Hosenträger erhängt, aber die Würgemale am Hals waren nicht zu übersehen.“ (Joseph Wulf, Theater und Film im dritten Reich, zitiert nach FILM, Nr. 6, Februar / März 1964, Seite 51.). Der gleiche Text findet sich auch in Joseph Wulf, Theater und Film im Dritten Reich, Ullstein Verlag 1983, Seite 329, unter dem Titel: Der Mord an Herbert Selpin.

Autor Joseph Wulf Bild von Wikipedia

Im Wald ist der Bär braun Nur im Eis ist der Bär weiss

Wikipedia schreibt:

Bereits 1973 – also noch in der Amtszeit Bauers – wies der Filmhistoriker Wolfgang Becker (1943–2012) darauf hin, dass Alfred Bauer in der Reichsfilmintendanz gewirkt hat und dort einer ihrer beiden Referenten war. Auf diese enge Verstrickung mit der Reichsfilmintendanz und damit zum NS-Propagandaapparat machten auch Hans Christoph Blumenberg (1993), Felix Moeller (1998) und Tereza Dvořáková und Ivan Klimeš (2008) aufmerksam, ohne dass es zu Reaktionen der deutschen oder internationalen Presse gekommen wäre.“

Aus dem Buch: Zur politischen Ökonomie des NS-Films von Wolfgang Becker, Berlin, Verlag Volker Spiess 1973: Seite 199 “ . . . Allgemeiner Stellvertreter des Reichsfilmintendanten war Dr. Walther Müller-Goerne, Referent in der Reichsfilmkammer bis zu seiner Ernennung. Ihm war die Regelung des gesamten Geschäftsganges übertragen: Besetzungsfragen, Vertragsabschlüsse, Einsatzkontrolle, Filmgestaltung usw.. Unterstützt wurde Müller-Goerne hierbei von Dr. Alfred Bauer, der ebenfalls Filmkammer-Referent (Fachschaft Film) war. Siehe: 539)

[Anmerkung 539: Die Beurteilung der Partei-Kanzlei lautete: “Eifriger SA-Mann (BDC-PKC Akte Bauer). Bauer selbst sprach von einem „nachweislich erzwungenen Partei-Eintritt“

(Vgl. die Rechtfertigungsschrift Bauers: “Wie entstand ein Film im Nazi-Deutschland“ vom August 1945, die allerdings wenig informativ ist, da sie lediglich den Leistungssteigerungserlaß wiedergibt; Ufi-Ffm 21/088)]

Dem einen das Bein – dem anderen den Wald

Dem einen der Wald – dem anderen das Holzbein

Erinnerungen an einen Deserteur

Zeichen: 18.223. Ich weiß nicht, ob es ihnen manchmal auch so geht wie mir: Beim Aufräumen finde ich einen alten Text wieder und denke, wieso wollte den Text damals niemand veröffentlichen? So ging es mir mit diesem. Damals, das war 1983. Ich war Maschinenschlosser in einer Rüstungsschmiede. Genauer: Auf der Werft von Blohm & Voss. Eine Karriere, die übrigens nach zwei Jahren plötzlich von der Personalabteilung der Firma beendet wurde. „Dem einen das Bein – dem anderen den Wald“ weiterlesen

Apropos Ernst Henning Strasse

apropos = Nebenbei bemerkt. Mein Schulweg, der durch die Ernst Henning Strasse führte. Eine Wegbeschreibung.

Neun Jahre lang  (von 1953 – 1957 und von 1960 – 1963) bin in die Schule Spieringstraße in Bergedorf gegangen. Internet Suchmaschinen schlagen für den Schulweg zwei Möglichkeiten vor. Der eine führt durch die Ernst Henning Straße, über die August Bebel Straße in die Spieringstraße, der andere Weg führt über den Schulenbrooksweg, die Ernst Henning Straße und die August Bebelstraße zum Eingang der Schule in der Spieringstraße. Sechshundert und Sechshundertfünfzig Meter lang. Als Laufzeit zu Fuß werden sieben bzw. acht Minuten angegeben. Der Schulbau hat die Form eines U. Der Eingang der Mädchenschule war in der Parallel Straße, in der Ernst Henning Straße. Den Namen hatte die Straße erst 1946 bekommen. Zwischen den beiden Schulen war eine Turnhalle, die auch als Aula genutzt wurde. Mein Weg, erst Glindersweg, dann links in die Ernst Henningstraße, dann rechts in die August Bebel Straße und links in die Spieringstraße. In der August Bebel Straße wohnte meine Oma, die ich oft besucht habe. Ihr Mann war Postbeamter gewesen und 1930 gestorben. Über August Bebel hat sie viel erzählt und seine Tätigkeit sehr gelobt. Über Ernst Henning hat nie ein Erwachsener oder Lehrer mit uns gesprochen. Das erweckte viel später meine Neugier. Es kam eine Mordgeschichte zum Vorschein. Der Mord fand in einem Omnibus statt. In einer Buslinie, die es heute noch gibt. Ernst Henning war Mitglied der KPD und wohnte in Hamburg Bergedorf. Als Politiker war er sehr erfolgreich. Gewähltes Mitglied der Hamburger Bürgerschaft und der Bezirksversammlung in Bergedorf. Während der Inflation, als mein Vater kurzfristig Millionär geworden war, nahm er 1923 am Hamburger Aufstand teil. Betrachtet man die damalige Lage aus heutiger Sicht, so gibt es viele gute Gründe für einen Aufstand. Aber, der Aufstand blieb isoliert und hatte keinen Erfolg. Ernst Henning flüchtete. Ein Jahr später stellte er sich und wurde wegen seiner Teilnahme am Aufstand zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Aufgrund einer allgemeinen Amnestie kam er 1925 frei. 1928 wurde er als Abgeordneter in die Hamburger Bürgerschaft gewählt und widmete sich vor allem der Unterstützung der Bevölkerung im Hamburger Landgebiet, den Vierlanden. Am Sonnabend, d. 14. März 1931 um 20.00 Uhr fand eine Veranstaltung der KPD im Lokal Albers in Zollenspieker statt. Referenten waren Ernst Henning und Louis Cahnbley. Viele Kleinbauern und Landarbeiter waren in das Clubzimmer der Gaststätte gekommen. Nach dem Ende der Veranstaltung stiegen Ernst Henning und sein Kollege Louis Cahnbley, kurz nach Mitternacht, in den Nachtbus von Zollenspieker über Kirchwerder nach Hamburg ein. In Fünfhausen stiegen, zwölf Minuten später, neue Fahrgäste ein. Es handelte sich dabei um den SA Sturm 14 aus Hammerbrook. Fünf Männer. Einer in SA Uniform. Mit dabei Albert Jansen; dreiundzwanzig Jahre alt. Ehemaliger Polizist. Wegen Unterstützung einer staatsfeindlichen Partei, der NSDAP, wurde er nach acht Monaten 1928 aus dem Polizeidienst entlassen. Otto Bammel, SA Scharführer, Hans Höckmair, SA Scharführer; siebenundzwanzig Jahre alt. Sie erschießen Ernst Henning. Louis Cahnbley und die Berufsschullehrerin Heßberg werden ebenfalls von ihren Pistolenkugeln getroffen. Dieser Mord an einem beliebten Bürgerschaftsabgeordneten in aller Öffentlichkeit passte nicht in das Konzept der NSDAP, zu mal in dem späteren Prozess deutlich wurde, dass die SA Männer ursprünglich vor gehabt hatten, einen anderen Kommunisten ermorden zu wollen: Etkar Andre, der ursprünglich als Redner für die Versammlung vorgesehen war. Schon Sonntag Nacht stellten sich zwei der SA Leute der Polizei, ein dritter wurde am Montag verhaftet. Der NSDAP war die Sache so wichtig, dass sie Hans Frank, Staranwalt der NSDAP, mit der Verteidigung der SA Leute beauftragte. Der Gerichtsprozess vor dem Schwurgericht in Hamburg begann am 3. November 1931 und endete elf Tage später am 14. November 1931 mit der Verkündung des Urteils. Verurteilt wurden Albert Jansen, Otto Bammel, und Hans Höckmair. Die Urteile lauteten sieben Jahre für Hans Höckmair und Albert Jansen und sechs Jahre für SA Scharführer Otto Bammel. Sie waren nicht lange im Gefängnis. Am 9. März 1933 wurden alle drei amnestiert. Anschließend wurden die Prozessakten vernichtet. Aber es gab eine Besonderheit. Als es am 4. Mai 1945 mit dem dritten Reich vorbei war, mussten die Mörder, die wegen Totschlags verurteilt worden waren, sie wollten ja ursprünglich einen anderen Kommunisten, Etkar Andre, ermorden, ihre Reststrafe im Gefängnis verbüßen. Hätten wir Schüler der Schule Spieringstrasse früher von diesem Mord erfahren, dann wäre folgender Dialog denkbar gewesen. Schüler eins: >Glaubst Du, das so etwas heute wieder passieren könnte? Schüler zwei: >Nein<. Schüler eins: >Warum nicht?< Schüler zwei >Es fährt auf der Linie kein Nachtbus mehr. Der letzte Bus kommt um 23.43 Uhr<. Jens Meyer

Die Informationen habe ich mir zusammengesucht. Besonders hilfreich das Buch von Martina Scheffler: „Mord über Deutschland“ (Die Hamburger KPD und der Mord an Ernst Henning) 1931. Erschienen im LIT Verlag Hamburg 2006. http://lit-verlag.deFoto Jens Meyer

Für Berthold Podlasly (1999)

FÜR BERTHOLD, den ich in der dffb kennenlernte. Berthold Podlasy war Mitautor und Schauspieler in unserem dffb Film von 1971: »Deine Freizeit gehört dir noch nicht«. Eine Gruppenarbeit von Michael Mosolff (kein dffb Student, Gasthörer), Martin Streit, Berthold Podlasly und mir. Ein Still aus einer Filmkopie, wie man das heute nennt. Wir haben einfach Foto gesagt. Denn wenns nicht still gewesen wär, wärs ja verwischt worden.

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