John Hansen: Vor fünfundzwanzig Jahren

Abschrift aus dem Film Kurier vom 16. August 1930

John Hansen: Vor fünfundzwanzig Jahren Hamburg im August (1930)

Im Herbst 1906 wurde ich vom Militär entlassen und eröffnete am 25. Dezember 1906 mit meinem Vater Albert Hansen zusammen auf unserem Grundstück unser Hansen-Kino, Altona, Schulterblatt 49.

Das Theater wurde unter den Klängen eines elektrischen Pianos eröffnet. Es war damals natürlich schwer, einen geübten Vorführer zu bekommen, d. h. ein mir empfohlener Vorführer verstand vom Vorführen nur etwas mehr als ich – und ich selber hatte gar keine Ahnung. Wir mußten uns die Sache daher selbst ausklügeln. Es kam natürlich auch bei den ersten Vorführungen vor, daß hin und wieder mal ein Film über Kopf oder in Spiegelschrift eingesetzt wurde. Auch das Filmkleben machte zuerst große Schwierigkeiten, aber durch die Pannen wird man klug und so eignete ich mir von der Pike auf die technischen Kenntnisse an. Ich habe später auch viele wissenschaftliche oder Reisevorführungen, wie zum Beispiel Shackleton, Swen Hedin usw. in Sälen zeigen können. Mein Vater war lange Jahre erster Vorsitzender des Hamburger Kinobesitzervereins. Auch unternahm er viele Agitationsreisen, um die Kinobesitzer in ganz Deutschland zusammenzuschließen. Die Filmbeschaffung war zu Anfang sehr schwer, da es sehr wenige Filmfabrikanten gab. Zuerst kauften wir einige 1000 Meter und jeden Tag wurde das Programm etwas anders zusammengestellt; es kehrten natürlich immer dieselben Bilder wieder. Ich habe dann, um Neuheiten zu beschaffen, mit einigen anderen Kollegen meine Filme ausgetauscht. Auch das war auf die Dauer unhaltbar und so fuhren wir schließlich nach Berlin und schlossen mit der Firma Greenbaum wöchentlich ein Programm von ca. 1500 Meter, also 8 – 10 Filme ab. Zuerst ging es sehr gut, und wir waren doch die ersten, die überhaupt wöchentlich wechselten. Bald jedoch war das Lager erschöpft und wir bekamen immer wieder dieselben Filme. So gründete ich daraufhin einen Ring von norddeutschen Kinobesitzern und übernahm den Vorsitz und den Einkauf der Programme. Es wurde jede Woche ein Programm von ca. 1500 Meter gekauft, das der Reihenfolge nach von den Mitgiledern (Mitgliedern?) gespielt wurde. Hernach hatten wir noch Theater, die von uns mieteten. Da das Verlangen nach Neuheiten größer wurde, führte ich den zweimaligen Programmwechsel ein. Dieser Ring wurde später dann durch die Fabrikantenvereinigung aufgehoben, da sie nur noch an Verleiher liefern wollten. Ich habe später nochmals einen großen Teil der Hamburger Theaterbesitzer zu einem Hansen-Ring vereinigt, bei dem wir gemeinsam unsere Filme für eine bestimmte Wochenzahl abschlossen. Dieser Ring wurde während des Krieges * aufgelöst. In Hamburg haben wir übrigens einen Kegelklub “Flimmerfritzen“ gegründet, der nur aus Kinobesitzern besteht und dessen Vorsitzender ich bin.

J o h n H a n s e n, P r o g r e ß – F i l m

*Es handelt sich vermutlich um den ersten Weltkrieg.

Eintrag im Altonaer Adressbuch von 1910: Hansen, Alb., Theater lebender Photographien, Schulterblatt 49. (Aus einem späteren Eintrag geht hervor (E), dass Albert Hansen Eigentümer des Grundstücks ist. 1930 ist Willy Heidtmann als Mitbesitzer des Grundstückes eingetragen.

Norddeutschland Am 23. November 1937 findet sich in der LBB folgende Meldung:

„Nr. 45. Eintragungen im H a n d e l s r e g i s t e r A l t o n a. 12. November 1937. Erloschen : A 2721: Hansen-Kino John Hansen und Willy Heidtmann in Altona (Schulterblatt 49). Die Gesellschaft ist aufgelöst. Die Firma ist erloschen.“

Tiere sehen Dich an (1)
Wassertum Schanzenpark

Fotos Jens Meyer

Die Kirche macht uns vor, wie aus Wohnungen Verkaufsräume werden. Die Wechsler im Tempel. Martin Luther schaut weg.

Der Michel führt mal wieder ein Theaterstück auf:

Podest rechts Kardinal Cajetan liest in einem Buch. Kardinal Bibbiena und ein zweiter Kardinal, der Bücher und Papiere in der Hand hat, kommt auf das Podest. „BIBBIENA: Moischele steht vor a kirche. Tate, was is da für a haus mit dem hohen turm? Moischele, dos ist a kirche. Was ist a kirche? Nun, die goim sagen, da wohnt der liebe Gott. Aber tate, der liebe gott wohnt doch im himmel. Sollst recht habn, wohnen tut er im himmel, aber do drinnen hat er sein gschäft. (Beide lachen) Der Heilige Vater. (Der Papst kommt auf das Podest. Er trägt Stiefel und um den Hals eine lange Kette.)“ “ (Seite 15) Aus: dem Theaterstück: Martin Luther & Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung von Dieter Forte. (1971 Verlag Klaus Wagenbach, Berlin)

Martin Luther
Martin Luther schaut lieber weg

Aus der Bibel Übersetzung von Herrn Martin Luther [(der steht links vom Eingang und guckt lieber weg in Richtung auf die Ost-West Strasse), (inzwischen mehrfach umbenannt)]

Reinigung des Tempels: 14) Und er fand im Tempel sitzen, die da Ochsen, Schafe und Tauben feilhielten, und die Wechsler. 15) Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Ochsen und verschüttete den Wechslern das Geld und stieß die Tische um 16) und sprach zu denen, die die Tauben feilhielten: Traget das von dannen und machet nicht meines Vaters Haus zum Kaufhause!“ [(Aus: Das Evangelium nach Johannes I. 2, Seite I 20, Vierte Auflage 1972), Würtembergische Bibelanstalt Stuttgart (Volksbibel)]

Kann man nur erwidern: Machen sie ja auch nicht. Sie machen das Wohnhaus des Pastors zum Kaufhaus! Die andere Fraktion übersetzt die Geschichte ein wenig anders (1,46-2,22) Die Vertreibung der Händler aus dem Tempel. „14) Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen.15) Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, dazu die Schafe und Rinder; das Geld der Wechsler schüttete er aus und ihre Tische stieß er um. 16) Zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!“ (Aus Einheitsübersetzung 1980 Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart)

Fotos Jens Meyer

Willy Münzenberg aus dem Schweizer Zuchthaus

Historischer Text ausgewählt von Stinki Müller

Willi Münzenberg Geschrieben im Schweizer Zuchthaus 1918

Willi Münzenberg

Lebenslauf

Verlag Detlev Auvermann KG Glashütten im Taunus 1972

Abschrift des Lebenslaufes von Wilhelm Münzenberg

Die Eltern

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Das Recht der ersten Nacht ist in Deutschland nach dem Gesetz schon seit langem aufgehoben. Praktisch freilich wird es heute mindest so oft als früher ausgeübt. Nur wartet man nicht bie zur Hochzeitsnacht der Magd und beschränkt sich auch nicht auf nur eine Nacht. Es war deshalb kein besonderer Zufall oder ein ausgezeichnetes Wunder, als sich Baron von M. vergass, sein aldiges und edles Blut mit demjenigen seines Zimmermädchens zu mischen. Das Kind erbte den Standesdünkel, den Jähzorn, die Brutalität und Roheit, die Liebe zu Wein, Weib, Weib und Spiel, kurz alle Tugenden seines Vaters, ohne dessen Vermögen. Der Alte benahm sich immerhin noch anständiger als andere seines Standes und in seiner Lage. Er anerkannte das Kind, gab ihm seinen Namen und bestritt die Kosten seiner besseren Schulbildung. Aber die junkerlichen Triebe in dem Jungen waren zu stark, um einen grösseren Lerneifer aufkommen zu lassen. Als Knabe war er der Anführer aller losen und verwegenen Streiche und als Jüngling mehr im Wirtshaus und hinter den jungen Schönen des Dorfes her als beim Studium. Ermahnungen und Drohungen des Alten fruchteten nichts. Da sagte sich dieser von dem Jungen los, kaufte für 300 Taler seinen Namen zurück und jagte ihn zum Teufel. Da brach der Krieg zwischen Preussen & Oesterreich aus (1866) und der hoffnungsvolle Sprössling des preusssischen Junkers und seiner Magd, der nichts gelernt und nichts zu verlieren hatte, meldete sich freiwillig. Er wurde angenommen und folgte als Feldgendarm dem siegreichen preussischen Heer. Das Leben unter den Soldaten gefiel ihm und er beschloss zu bleiben. Als Ordonanzreiter machte er einige Jahre später den deutsch-französischen Krieg mit, nahm 1873 den Abschied und wurde als Telegraphist angestellt. Das blieb er er aber nicht lange. Ein frischer Unternehmungsgeist trieb ihn, sich selbst zu versuchen und wurde in wechselreicher Reihenfolge Agent, Förster, Güterspekulant, Gastwirt, Coiffeur, Geflügelhändler etc., ohne aber mit irgend einem Fach dauernd Fuss fassen zu können. Das Soldatenleben und die Teilnahme an zwei Kriegen hatte alle seine Leidenschaften und Neigungen mächtig gefördert. Zu gute kam ihm nur der dabei gewonnene frische Unternehmungsgeist und eine gewisse Weltgewandtheit, die sich später zu einem guten und sicheren Geschäftssinn entwickelte. Im Vergleich zu der Vermehrung und der Steigerung der schlimmen Eigenschaften herzlich wenig. Der Standesdünkel war durch militärische Chargen und Orden kräftig gehoben worden. Und fehlte ihm auch der Name und das Vermögen, in seiner Einbildung und durch seine Abstammung fühlte er er sich als ein Mitglied der herrschenden, besseren Klasse, als schneidiger preussischer Junker und schaute mit Verachtung auf das gewöhnliche Volk. Die Liebe für ein flottes Leben, für Wein, Weib und Spiel war um die teurere Passion, für die Jagd, reicher geworden. Kein Wunder, wenn das schnell und leicht erworbene Geld ebenso schnell und rasch wieder zerfloss. Wenn ihm heute eine glückliche Güterspekulation Tausende in den Schoss warf, so verschlang morgen eine Jagdpartie zehntausende. Besonders die Leidenschaft für den Wein war durch den Krieg und nicht zuletzt durch die eroberten Weinkeller der französischen Bauern zu einer unbezwinglichen Trunksucht geworden. Und da der Wein in der Heimat ziemlich teuer war, so trat an dessen Stelle der Schnabs, der Gocnak und ein „guter Korn“. Und das täglich genossene Quantum stieg von Jahr zu Jahr und die Tage ohne Rausch wurden im selben Masse seltener. Hand in Hand mit der Vergrösserung der Trunksucht ging die Steigerung des Jähzorns, der Brutalität und Roheit. Die geringste ihm missfallende Handlung, ja, schon ein einziges Wort konnte ihn in einen Taumel sinnloser Wut versetzen. Als es anlässlich eines Kartenspiels zwischen ihm und einem Mitspielenden zu Differenzen kam, verliess er in höchster Erregung das Zimmer, um einige Minuten mit dem geladenen Gewehr zurückzukehren. Nur mit Mühe konnte dem Tobenden das Gewehr entwunden werden. Ueberhaupt wurde das Schiessen je länger je mehr zu einer direkten Manie des Unglücklichen. Einige Gewehre hingen stets geladen über dem Bett. Er begnügte sich nicht mit der Jagd auf die gewöhnlichen Jagdtiere, sondern schoss Stare, Raben, Störche, Katzen, Hunde, kurzum, was ihm vor das Rohr kam. Zu Hause droht er er täglich, sich zu erschiessen, die Frau, die Kinder, die „ganze Bande zu erschiessen“. Und mehr wie einmal rettete nur die schleunige Flucht die Unglücklichen vor dem Tod. Alles wurde aber übertroffen durch seine Roheit und Brutalität gegen die Familie. Jedes, auch nur das geringste und kleinste gefühlvolle Verständnis für ein Familienleben fehlte ihm vollständig und Liebe für Frau und Kinder war ihm so weltfremd, wie die Pflicht, für sie zu sorgen. Während er in lockerer und feuchtfröhlicher Gesellschaft tausende verprasste, fehlte der Familie das zum Leben notwendige Brot! Um die Erziehung der Kinder bekümmerte er sich nur insofern, als er ab und zu, und das nicht selten, alle auf das grausamste schlug. Mit der Frau wurde begonnen und mit dem Jüngsten geendet. Dabei fand alles Verwendung , was ihm in die Hand kam Stöcke, Peitschen, Ketten, Eisenstücke, Geschirr. Narben auf allen Körperteilen der Kinder zeugen heute noch von den erlittenen Misshandlungen. Als eines Tages der damals zweijährige älteste Sohn weinte, ergriff ihn der darob erboste Vater und warf ihn wie ein Ball oder ein Stein die Treppe hinunter. Nur dass die Mutter das Kind auffing und so den Sturz milderte, rettete dem Kind das Leben. Natürlich schrie der Kleine noch kläglicher als zuvor. Das machte den Vater so wütend, dass er Mutter und Kind in die Jauchegrube warf. Die Jauchegrube befindet sich in den thüringischen Bauernhäusern in der Mitte des Hofes und ist eine Grube ca. 2 m. tief, 3 m. breit und 6 m. lang. Auf die Hilferufe der beiden eilt die Schwiegermutter herbei, um gleich darauf ebenfalls in der Grube zu liegen. Nicht besser erging es dem Schwiegervater, der mit einer Mistgabel bewaffnet dem Wütenden zu Leibe wollte. Und während Großvater, Grossmutter, Mutter und Kind in der stinkenden Jauche zappelten und sich zu retten suchten, erzählte der Held des Stückes den wildauflachenden Bauern seine neueste Heldentat und unter den unflätigsten Witzen. Das war mein Vater! Später habe ich mich manchmal gefragt, wie war das alles möglich? Wie war es möglich, das ein solcher Mensch vierzig Jahre ein Familie quälen, vierzig Jahre wie ein Wahnsinniger leben leben durfte, ohne das die Nachbarschaft, ohne das die Behörde eingriff? Eine alles erklärende Antwort habe ich bis heute nicht gefunden. Viel erklärt das Wesen meiner Mutter. Meine Mutter kenne ich mehr nach den Schilderungen der älteren Geschwister als aus eigener Erinnerung; sie starb, bevor ich vier Jahre alt war. Sie war die Tochter armer Bauersleute in der Nähe von Erfurt und wie alle deutschen Arbeiter und armen Bauern, grenzenlos zufrieden und unterwürfig. Am schwersten musste sie ihre begeisterte Liebe für das bunte Tuch büssen. Sie liebte an ihrem Mann vor allem die Uniform und nur den Soldaten. Sie blickte zu ihm auf wie zu einem höheren Wesen, und empfand seine Liebe als die grösste, ihr erwiesene Gnade. Diese Ehrfurcht wurde durch die halbadlige Abstammung und durch die kriegerischen Auszeichnungen des Mannes noch bedeutend vergrössert. Damit aber war ihre Stellung in der Ehe gegeben. Sie war die Magd und er der Herr. Die Ehe war eine schlechtere Ausgab der Liebschaft zwischem dem Baron und seinem Zimmermädchen, die zum Unglück mit einer Heirat endete. Unergründlich, wie die tiefsten Tiefen des Weltmeers ist das Leid, das die vielgeprüfte Frau in dem Martyrium einer vierunddreissigjährigen Ehe frommgeduldig ertrug. In ihren Händen allein lag die Erziehung der Kinder und später, als der Mann alles vertrank und vertat, auch die Ernährung der Familie. Vom frühen Morgen bis in die späte Nacht war sie unermüdlich tätig, durch den Betrieb einer Kuchenbäckerei das zum Unterhalt der Familie notwendige Geld zu verdienen. Und anstatt der Mann dazu beisteuerte, forderte er noch. Sie sollte ihm das Geld erarbeiten, das er in Gesellschaft mit Dirnen verprasste! Und als Entgelt Grobheiten, Skandale, Misshandlungen und Prügel. Wie viele Nächte wachte sie, in banger Angst und Sorge um das Leben und das Leben ihrer Kinder. Wie viele Nächte arbeitete sie, wenn die Stunden des Tages nicht langten. O tränenreichste, schmerzensreichste Dulderin deines Geschlechts! Wie oft habe ich nichts sehnlicher gewünscht, um mit kindlicher Liebe all das zu vergelten, das du in namenloser Liebe an uns und an mir getan. Ach, wie zu oft habe ich gewünscht, alle deine um mich geweinten Tränen von den geliebten Wangen zu küssen oder sie in Tränen glücklichster Freude zu verwandeln. Heute, da in stiller Einsamkeit die Erinnerungen früherer Zei-ten besonders lebendig in der Seele werden, heute fasse ich den Kopf mit beiden Händen und frage mich verzweifelnd „Wie war es möglich, das ich dich vergessen konnte? Wie war es möglich, dass ich mithelfen konnte, die ewig währende Mutterliebe zu bezweifeln und zu leugnen; zu der selbst der Richter des „Scheiterhaufen“ und „der Vater“ mit heiligem Schauer zurückkehrte? Wie vielmehr ich, der Dich Mutter nennt? Wie immer sich auch der Begriff Pflicht, Recht, Liebe ändern mag, in deinem Leid, o Mutter, in deinem Schmerz bis du unerreicht gross, jetzt und in alle Ewigkeit. Dem ersten Buben, meinem ältesten Bruder, schenkte sie das Leben, als ihr Mann als preussischer Soldat vor Paris stand. Er wurde das getreueste Ebenbild des Vaters, wie er Soldat, Spieler und Trinker. Da er bereits dreissig Jahre alt war, als ich geboren wurde und nur selten zum Besuch bei uns weilte, hat er keinerlei Einfluss auf mein Leben ausgeübt. Seit mehr als zehn Jahren hat überhaupt jeder Verkehr zwischen uns aufgehört. Ihm folgte nur einige Jahre später meine Schwester, in der sich die Eigenschaften von Vater und Mutter mischten. Besass sie von Vater den unbeugsamen Willen und den frischen Unternehmungsgeist, dann von der Mutter die Kraft zu schwerer und dauernder Arbeit. Ihr Leben war noch dornenvoller als das der Mutter. Wegen ihrer Liebe von zu Hause verstoßen, heiratete sie einen Menschen, der nach wenigen Jahren sich in der Trunkenheit verlor. Nach der Scheidung behielt sie nicht viel mehr als ihre sechs oder sieben Kinder. Sie heiratete wieder, einen Witwer, ebenfalls mit mehreren Kindern und seit jener Zeit habe ich nie mehr etwas von ihr gehört. Der dritte Sprössling war wieder ein Bube, der 1882 geboren wurde. Er glich in allen Zügen der Mutter. Mit ihm war ich am läng-sten in Verbindung und wechsle heute mitunter noch Briefe. Trotzdem er später mein Vormund wurde, habe doch ich auf ihn den grösseren Einfluss ausgeübt als er auf mich und ihn sowohl der Partei wie der Gewerkschaft zugeführt. Mit seiner Geburt glaubte die damals zweiundvierzigjährige Frau ihre Pflicht als Mutter erfüllt zu haben. Eine besondere Freude wird die mit schwerer Arbeit überbürdete Frau nicht empfunden haben, als sie sich Anfang 1889 nochmals Mutter fühlte und Segenswünsche waren es sicher keine, mit dem der Vater das frohe Ereignis begrüsste. Am 14. August wurde ich geboren.

Die ersten Eindrücke

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Das erste Gefühl, das mich beherrschte und auf das ich mich heute noch erinnern kann, war bange Furcht. Der Ruf „Vater kommt“ erschreckte mich auf das tiefste und vor Angst wusste ich nicht, soll ich mich verstecken oder stehen bleiben. Soweit ich mich erinnere und so oft ich noch die gemeinsam mit ihm verlebten fünfzehn Jahre an mir vorüberziehen lasse, nicht auf ein liebevolles oder zärtliches Wort kann ich mich von ihm besinnen. Zum Glück war der Vater selten zu Hause, mitunter sah ich ihn wochenlang nicht, dann weilte er auf Jagden und Vergnügungsreisen. Damals bewohnten wir eine Etagenwohnung eines mittelgrossen Hauses in der damaligen Hauptstrasse von Erfurt. Rechts die Tür vom Hauseingang führte in den Laden, den die gute Mutter zu Ernährung der Familie betrieb, links die Tür in das Heiligtum, das wir Kinder nie oder nur selten betreten durften, in das Zimmer des Vaters. Es war das best eingerichtetste der ganzen Wohnung. Hinter dem Laden befand sich das Wohn- und daran anschliessend das Schlafzimmer. Die Küche und der Backraum waren hinter des Vaters Zimmer. Die Stuben waren niedrig und dunkel, das Haus schon alt. Das Töchterchen einer Nachbarfamilie, wie ich später erfuhr, des sozialdem. Reichstagsabgeordneten R. war meine erste Spiel-gefährtin, auf die ich mich erinnern kann. Besonders liebte ich die Spiele, wo ich predigen konnte – Hochzeits – Beerdigungs- u.s.w.. Ich bin, trotz Strindbergs “Damaskus“ und “Inferno“ zu viel Atheist um in all diesem den weisenden Finger einer höheren Macht oder des Schicksals zu sehen. Aber ein leises Gefühl stillen Glücks überfällt mich doch, wenn vor mir der dreijährige, kleine Knirbs mit dem ausgestopften Bauch und der Mutterschürtze auf dem Stuhle steht, um der nach grausamem (n) Schmerzenslager gestorbenen Puppe die Beerdigungsrede zu halten. Ja, damals. – Die treueste Pflegerin wurde mir, da die Mutter vor allzustrenger Arbeit keine Zeit fand, meine Schwester. Und das dürfte auch die Ursache sein, warum ich mich später in schmerzlichster Sehnsucht mehr nach einer Schwester sehnte, als nach der Mutter, um in dessen Schoss mein Haupt zu bergen und alles Leid und alle Schmerzen der Seele auszuweinen. Und namenlos glücklich fühlte ich mich, als mein Wunsch in Erfüllung ging und das beste Mädchen meine Kameradin, meine Freundin und meine Schwester wurde. Frühzeitig wurde alles getan, um mir die gleiche Begeisterung für das Soldatenleben zu erwecken, die die ganze Familie dafür hegte. Bleisoldaten, Festungen, Gewehr, Säbel, Trommel und dergleichen war mein erstes und einziges Spielzeug. Erst dreijährig, schickte mein älterer Bruder, der damals als Unteroffizier in Gotha weilte, mir eine Soldatenuniform. Mit diesem Kleid lief ich nun Tag für Tag durch die Strassen und die Familienmitglieder waren nicht wenig stolz, wenn das stramme Salutieren des kleinen Knirbses von den Soldaten und Polizisten lächelnd erwidert wurde. Am glücklichsten zeigt sich daron stets meine Mutter. Die arme Frau. Selbst das dreissigjährige Martyrium unter einem waschechten Soldaten und Krieger, wie es mein Vater war, mit all den scheusslichen Erniedrigungen, Leiden, Qualen und Misshandlungen, konnte bei ihr die Begeisterung für das bunte Tuch nicht schwächen. Alle ihre Buben, das war ausgemacht, mussten stramme Soldaten werden und wie der Aeltestes zwölf Jahre dienen. Auf dem Sterbebett war es ihr letzter Wunsch, den “Willy“ nochmals als Soldaten zu sehen“. Und so wurde ich angekleidet mit der Uniform, den Helm auf gesetzt und den Säbel umgeschnallt und an das Bett der Sterbenden gebracht. Die arme Mutter. Hätte sie geahnt, welche ganz andere Wege später ihr Jüngster zu gehen bestimmt war. Zu stark wurzelte das Vorurteil in ihrer Seele, zu mächtig wirkte die an der Mutterbrust begonnene Erziehung und die landesübliche Gewohnheit und eine fast klösterliche Abgeschlossenheit tut das seinige, um die Ideen und Anschauungen des Bauernmädchens zu konservieren. Nach der Mutter Tod wurde die Bäckerei aufgegeben, die Schwester verliess uns und der Vater, der damals 11 jährige Bruder H. und ich zogen in eine kleinere und bescheidenere Wohnung. Aber nicht lange. Mein Vater macht bald eine gute Partie und heiratete eine Witwe mit cirka 20.000 Mark Vermögen. Mit dem Geld erwarb er eine Gastwirtschaft in einem Dorf in der Nähe von Weimar. Die Stiefmutter war ein geistig etwas beschränktes Wesen und die Behandlung und Prügel, die sie gleich meiner Mutter von meinem Vater erhielt, trugen nicht dazu bei, ihre Intelligenz zu schärfen. Ihr fehlte jede Liebe zu dem Mann wie zu uns. Die Misshandlungen seitens des Mannes quittierte sie durch Lügen und kleine Intrigen und die magere Kost verbesserte sie durch Naschereien. Mit uns schimpfte sie den ganzen Tag, sodass wir schon nach kurzer Zeit sie nicht mehr ernst nahmen. Von einem Familienleben konnte jetzt noch weniger wie früher die Rede sein. Wenn ich heute, in den stillen und langen Nächten, die ich in einer Zelle der Polizeikaserene Zürichs, die mich immer an eine zur inneren Einkehr mahnende Klosterzelle erinnert- durchlebe und alle Stunden meiner frühesten Kindheit vor mir vorüberziehen lasse, dann kommt es mir immer deutlicher zum Bewußtsein, dass die Wurzeln meines Wesens, meiner Leidenschaft, meiner Symphatien und Antipathien, bis in diese entfernte Tage reichen. Der Eckel und Schreck gleichzeitig erregende betrunkene Gestalt meines Vaters flösste mir einen tiefen, unüberwindlichen Abscheu gegen alle alkoholischen Getränke ein. Und während meine Schulkameraden mir Kreisel, Peitsche und alle ihre Herrlichkeiten anboten, wenn ich ihnen heimlich zu einem Glas Bier oder einem Gläschen Likör verhalf, konnte ich bei besten Willen nie einen Schluck von diesem Zeug über die Lippen bringen. Aus gleicher Ursache verabscheute ich jedes Zeichen von Roheit und Brutalität. Der plötzliche Verlust zweier mich pflegender Frauen, meiner Mutter und Schwester, dem bald derjenige meines Bruders folgte, raubte mir jede Pflege des kindlichen Gemüts, jede tröstende Zärtlichkeit und helfende Liebe. Aber der Keim zu etwas weichem, zarten, liebreichen war gelegt und drängte immer und immer wieder zu einer Aeusserung. Je mehr und je länger ich jede zärtliche und liebevolle Pflege entbehren musste, immer grösser wuchs sie, immer schmerzlicher empfand ich jedes harte und böse Wort. Menschen hatte ich keine, die ich lieben konnte und die mich lieb-ten. Da flüchtete ich mich zu den Pflanzen und Tieren. Mit ihnen lebte ich, mit ihnen wuchs ich auf und ihnen liess ich die ganze Zärtlichkeit meiner Kindesseele angedeihen. Als ein Hund erschossen werden musste, den wir über 4 Jahre hatten, weinte ich tagelang und wollte mit ihm in die Grube. Damals war ich zehn Jahre alt. Das schrecklichste für mich war es, als ich als 13 Jähriger jungen Tauben die Köpfe abreissen sollte. Trotz allen Drohungen des Vaters konnte ich vor Weinen und Rührung seinen Befehlen nicht nachkommen. Wohl nahm ich die Taube in die Hand, aber ein Blick in ihre kleinen, flehenden Augen machte mich bis auf das innerste erschaudern. Ja, noch später, wo ich schon Mitglied der “revolutionären“ Schuldemokratie war, konnte mich eine Diskusssion so mitnehmen, dass ich Nächte lang weinte und und direkte Weinkrämpfe bekam. Geschlagen zu werden war für mich das schlimmste, fürchterlichste Unglück, das mich treffen konnte und ich war entschlossen, gleich dem Helden in meiner dramatischen Szene “Jung-Volk“, eher zu sterben als eine körperliche Züchtigung zu ertragen. Schlagen konnte ich nie. Diese fast mädchenhafte Weichheit ist mir umso unerklärlicher, als ich schon recht früh eine Masse Indianerbücher und Räubergeschichten lass, die doch sich nicht dazu angetan waren, diese Zartheit und Empfindlichkeit zu fördern. Heute noch kann das Leiden eines Anderen oder eine gewisse Naturstimmung, ja schon ein Bild oder ein Lied in meiner Seele die zartestes und weicheste Regung erwecken, die ich dann stammelnd in Verse auszudrücken suche. Der seit der frühesten Kindheit ungestillte Drang nach Liebe und zärtlicher Pflege lebt heute in unverminderter Stärke in mir und ist der stärkste Trieb, der mir die Feder in die Hand drückt. Auf die ersten Eindrücke in meiner Kindheit führe ich auch meine Antipathie gegen alles, was mit dem Militär in Zusammenhang steht, zurück. Für mich war jahrelang ein Soldat und ein betrunkener Raufbold ein und dasselbe. Ich hatte zu Hause einen zu guten Anschauungsunterricht genossen. In jedem uniformierten Menschen sah ich etwas von einem Henker. Durch das Studium wissenschaftlicher Untersuchungen, hauptsächlich einer Menge volkswirtschaftlicher Leh-ren, trat später an Stelle der gefühlsmässigen Abneigung gegen das Militärwesen mehr die bewußte Wertschätzung über die Rolle des Militärs im heutigen Staat. Trotzdem befürchte ich, dass, vielleicht unbewußt, auch heute noch die aus den ersten Eindrücken resultierte gefühlsmässige Antipathie nachwirkt. Kein Buch und keine Lehre und auch kein Resultat wissenschaftlicher Forschung wirkt ja so nachhaltig und tief auf uns, wie gefühlsmässig erworbene Eindrücke persönlichen Erlebens. Diese Erkenntnis ist es auch gewesen, die mich in den letzten Jahren auf eine Aende-rung der Unterrichtsmethode in der sozialistischen Bildungsarbeit drängen liess. An Stelle des toten Unterrichts abstrakter und theoretischer Begriffe sollte mehr und mehr die Erwerbung sozia-listischer Erkenntnisse auf dem Wege gefühlsmässiger eigener Er-lebnisse der zu Bildenden geschehen. Das, was heute zufällig geschieht, muss zu einer Lehrmethode ausgebaut werden. Ich verhele mir nicht die imanenten Schwierigkeiten, die einer völligen Lösung dieses Problems harren, aber es muss gelöst werden, soll die sozialistische Bewegung mehr als Parteisache, zu einer wirklichen Volks- und Kulturbewegung werden. Recht früh äusserte sich bei mir der Drang zu organisieren. Als Vierjähriger liebte ich neben dem “predigen“ nichts so sehr als das Organisieren der gespielten Hochzeiten, Feste etc. Ich verteilte die Rollen, stellte die Mitspielenden auf, bezeichnete den Weg, baute den Altar und so weiter. Später arrangierte ich Indianer- und Räuberspiele oder auch Theaterszenen. Als 12 jähriger führte ich ohne Auftrag und Weisung eine vaterländische Feier durch, an dem das halbe Dorf und die gesamte Jugend teilnahm. Und noch bevor ich mit der sozialistischen Arbeiterbewegung in Berührung kam, betätigte ich mich an der Gründung von Theaters und Fussballklubs. Woher dieser Drang kommt, kann ich mir freilich nicht erklären. Am schlimmsten hatte ich unter dem Furchtgefühl zu leiden, das sich von Jahr zu Jahr steigerte. Vor allem wurde die Angst vor dem Vater riesengross. Während ich in der frühesten Kindheit mich nur vor seinen harten und bösen Worten und vor den Schlä-gen fürchtete, hatte die immerwährende Drohung mit dem “Aufschiessen“ es soweit gebracht, dass ich schon als 8 jähriger, meinem Vater zutraute, mich zu ermorden. Diese Angst wuchs ins Unermessliche, als er in jener Zeit meinen Bruder zu erschiessen versuchte, der, mit Hemd und Hosen bekleidet, sich nur durch einen Sprung aus dem ersten Stock unseres Hauses retten konnte. Heute presst es mir noch die Kehle zusammen, wenn ich daran denke, wie ich als 8 jähriger vor jedem Einschlafen betete “Lieber Gott, mach, dass mein Vater mich nicht totschiesst.“ – Das Lesen einer Menge Indianerbücher, Räuber- und Gespenstergeschichten verkleinerten natürlich diese Furcht nicht und übertrugen sie nur noch auf andere Erscheinungen. Ich fürchtete mich vor dem Blitz, dem Donner, der Dunkelheit, vor hundert eingebildeten Gestalten, die meine gereizte Phantasie schuf, vor etwas grossem Unbekannten, vor dem Schicksal, vor Gott. Es hat lange, lange gedauert bis ich diese Furcht überwun-den hatte und ich jauchzend und durch ein inneres Kraftgefühl glücklich, in dunkelster Nacht durch die schwersten Gewitter wan-derte. Bei allem qualvollem, das mir die Angst bereitete, verdanke ich ihr doch viel. Aus Angst habe ich, bevor ich die moralische und sittliche Kraft kannte, das Schlechte gemieden und das Gute getan. Zu den nützlichen Eigenschaften, die ich der Kindheit verdanke, gehört ein stark entwickeltes Selbstständigkeitsgefühl. Das kommt wohl daher, dass sich nach dem Tod meiner Mutter eigentlich Niemand mehr um mich bekümmerte. Niemand beaufsichtigte oder half mir bei meinen Schulaufgaben, erkundigte sich nach meinem Wohlergehen, Niemand nahm sich meiner an. Hatte ich etwas getan oder nicht getan, was des Vaters Zorn reizte, bekam ich eine gute Portion Prügel und ging, wie stets, weiter meine eigene Wege. Ich glaube nicht an ein das Leben bestimmendes Schicksal und noch weniger an eine göttliche Vorsehung, wenn ich aber meine ersten Lebensjahre zergliedere und analysiere, komme ich doch zu der Ueberzeugung, das die mitunter unbewußt empfangenen Eindrücke und vor allem die der frühesten Jugend einen starken Einfluss auf unser Gefühls- und Seelenleben ausüben und so doch indirekt unser Leben mitbestimmen.

Die Schulzeit.

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Meine Schulbildung wurde durch einen häufigen Wohnungs-wechsel der Familie sehr erschwert. Im ganzen besuchte ich an acht Orten, meistens kleinen Bauerndörfern, die Schule. Der dort gebotene Unterricht war mehr als dürftig. Die Hauptsache war Religion und dieser Unterricht beschränkte sich auf das Auswendiglernen von Bibelsprüchen und Gesangbuchversen. In der Geographie kam man über das Herzogtum Gotha nicht hinaus. Die ganze Jämmerlichkeit der sonst so hoch gelobten deutschen Volksschule wird recht treffend durch folgenden Vorfall gezeichnet, der sich in einem Dorf in der Nähe unserers Wohnortes zutrug. In einer Gemeindeversammlung stellte der Lehrer den Antrag, eine Karte von Europa anzuschaffen. Da steht ein biederes Bäuerlein auf und sagt “Wozu brauchen wir eine Karte von Europa, dorthin kommt doch keiner von uns!“ Meine schwächsten Seiten in der Schule waren Singen, Schönschreiben und Turnen. In diesen drei Fächern wurde ich nie Meister, während ich im Rechnen, im Aufsatz, in Geschichte etc. stets eine gute Note errang. Eine besonders qualvolle Zeit war es für mich, als der Vater plötzlich den Einfall bekommt, ich müsse Klavierspielen lernen. Jedenfalls versprach er sich durch etwas Musik in der Wirtschaft einen besseren Besuch, das Unglück aber war, dass ich absolut kein Talent und noch weniger Lust zum Musiker hatte. Dazu kam die Pferdekur meines Vaters, um mir dieses beide fehlende beizu-bringen. Mitunter musste ich 6. 7 und noch mehr Stunden am Kla-vier sitzen und ohne Pause spielen. Diese Tortur wurde dadurch nicht angenehmer, das ich begreiflicherweise im Anfang nur weni-ge Accorde spielen konnte. Ueber ein Jahr dauerte die Qual. Ich hatte es soweit gebracht, das Lied, “Guter Mond du gehst so stille“ – spielen zu können. Wieder musste ich eines Tages mehrere Stunden ununterbrochen spielen ohne Aussicht, erlöst zu werden. Der Vater hockte wie gewöhnlich berauscht auf seinem Stuhl. Im Vertrauen auf den Rausch erwiderte ich, als er frug, was ich spiele, den “Torgauer Marsch“. Das war sein Lieblingsstück und ich hoffte damit los zu kommen. Sei es aber nun, dass er nicht genügend berauscht war und die Töne noch unterscheiden konnte oder war ihm der Marsch so bekannt, dass er ihn auch im ärgsten Rausch unterscheiden konnte, auf alle Fälle erkannte er meine Lüge. Die Folge war ein Mordslärm, eine tüchtige Tracht Prügel. Im Eifer hieb er mit der Kette, die diesmal zur Züchtigung diente, in der eine damals noch üblichen Petroleumlampen, die dabei in Scher-ben ging. Eine neue Ursache, die Prügelei fortzusetzen: “Wegen Dir Lump muss ich eine neue Lampe kaufen“, rief er aus und Schlag folgte auf Schlag. Schliesslich holte er einen Strick, einen guten, neuen Strick, und forderte mich auf, mich aufzuhängen. Wenn ich am andern Tag noch lebte, würde er mich totschlagen. Ich nahm den Strick und ging nach dem Boden mit festem Vorsatz, dem Verlangen nachzukommen. Denn nie wäre es mir eingefallen, den Befehlen meines Vaters zu trotzen oder mich zu widersetzen.Freudige Gefühle freilich waren es keine, die mich bewegten. Ich dachte an den Schulausflug der bald sein sollte, und verschiedene Gespiele und Kameraden, an meinen Bruder und ganz zart und schwach noch an die verstorbene Mutter und die ersten Kindheits-tage und schlief dabei mit dem Strick in der Hand ein. So fand mich meine Stiefmutter und damit endeten meine musikalischen Studien. Eine besondere Quälerei war für mich auch die Beschaffung der nötigen Lehr- und Lernbücher. Derselbe Mann, der tausende für Jagden und seine Leidenschaften ausgab, liess mich mehrmals um 10 Pfenning für ein Schreibheft bitten und machte den grössten Skandal, bevor er sie gab. Darunter litt ich schrecklich. Ebenso unter den zerrissenen Kleidern und zu grossen Schuhen, mit denen ich zur Schule musste. Ich war oft das Gespött der übrigen Kinder. Ein alter Rock des Vaters, der mir fast bis auf die Schuhe reichte, trug mit den Spitznamen “Schwenko“ ein. Vor der Konfirmation fieberte ich geradezu und dachte an Selbstmord, da ich keinen Anzug und keinen Kragen bekommen sollte. Schliess-lich legte ich einen Kragen meines Vaters an, der mindest 55 cm hatte, während mein Hals höchstens 35 war. Ich half mir, indem ich in die Mitte des Kragens ein Loch schnitt und den Kragen ander-thalbmal um den Hals legte. Was litt ich nicht allein an diesem Tag. Vor Scham drohte ich zu ersticken. Unzählig sind die Leiden, denen ich als Kind ausgesetzt war. Mitten in der Nacht, wenn der letzte Gast die Wirtschaft verlassen, weckte mich mein Vater und zwang mich, nur mit dem Hemd bekleidet, die Gläser und Flaschen zu putzen. Er war betrunken und konnte nicht unterscheiden, ob ein Glas geputzt oder ungeputzt war und so musste ich Gläser vier, fünf und noch mehrmals reinigen. Ein Glück, wenn er so betrunken war, dass er bald einschlief, dann stahl ich mich leise davon, zurück in das Bett und weinte bitterlich. Ich war noch nicht zehn Jahre, da weihte mich der Betrunkene mit den schmutzigsten Zoten in die Geheimnisse des Ehelebens ein und führte in meinem Beisein die eindeutigsten Griffe an dem Körper meiner Stiefmutter aus. Das Blut schoss mir in die Wangen und ich verbarg den glühenden Kopf hinter einem Zeitungsblatt. Er riss es weg, ein echter Wirtssohn muss alles wissen und du bist alt genug dafür“, schrie er dazu. Selbst wenn der Lehrer und Pfarrer als Gäste daweilten scheute er sich nicht, die dreckigsten Zoten zum Besten zu geben. Und nur die dringlichsten Vorstellungen dieser Männer brachten in soweit, dass ich dann das Zimmer verlassen durfte. Von allen zehn Geboten schien mir zuerst das vierte für unwahr und unrichtig. Wie konnte ich einen Vater ehren und lieben, der sich schlimmer und schmutziger als ein Tier benahm? Hier setzten zuerst meine Zweifel an der Richtigkeit der göttlichen Ge-bote und Gesetze ein. Als Zehnjähriger musste ich mitunter schon selbstständig die Wirtschaft leiten. Der Vater war auf der Jagd und die Stief-mutter klatschte in der Nachbarschaft. Ich bediente die Gäste, spielte mit ihnen Karten und politisierte wie ein Alter. Die Berichte über die Reichstagsverhandlungen war mir das erste, was ich regelmässig las und verfolgte. Und damals erregte der Burenkrieg alle Gemüter auf das heftigste. Ich war Feuer und Flamme für die Buren und verteidigte sie in der Wirtschaft genau so tapfer wie in der Schule gegen die Kameraden. Ich fraternisierte direkt und erfand selbst Geschichten, um den Mut und die Tapferkeit der Buren im hellsten und herrlichsten Licht erstrahlen zu lassen. Ja, ich traf sogar Vorbereitungen auszuwandern und ihnen zu helfen. Deshalb schnitt ich das Futter meines Rockes auf und füllte diesen mit Proviant. Das wurde entdeckt bevor ich ab-reisen konnte und die Folge war natürlich eine tüchtige Tracht Prügel, umso mehr, als ich nicht die schlechteste Wurst gewählt hatte. Meiner Begeisterung für die Buren tat das aber keine Einbusse. Wie früher, so summte ich auch danach noch während des ganzen Tages “Die dreifarbige Fahne für s Transvaaler-Land, auf Buren beschützt sie Gwehr in der Hand.“ Eine ähnliche grosse Begeisterung erlebte ich erst 1905 wieder und zwar für die russische Revolution. Damals kaufte ich mir eine Schrotpistole für 2,50 Mark und wollte allen Ernstes nach Petersburg, den Zaren töten. Meine Freunde hatten nicht wenig Mühe, mich von dem verrückten Gedanken abzubringen. Ein Lichtschimmer in das tägliche Grau meiner Kindheit schaffte mir die Freundschaft mit einem gleichalterigen Schulkameraden, dem Sohn begüterter Bauern. Bei ihm brachte ich jede Stunde freie Zeit zu. Wir fuhren auf das Land, trieben uns im Stall und in der Scheune herum, rauften, spielten, assen Beeren und Aepfel, wenn sie reif waren, mitunter auch schon vorher. Am liebsten aber zogen wie auf die Jagd, bewaffnet mit Pfeil und Bogen. Ein toter Rabe oder eine andere Tierleiche, die wir fandenm, wurden als stolze Trophäen des Jagdzuges heimgebracht. Einmal erschreckte uns eine Hase, der jäh aufsprang, fast bis zum Tode. “Das war kein richtiger Hase, das war ein wilder Hase“ – versuchten wir unsere Angst zu entschuldigen. – Ich war noch nicht 13 jahre, da hatte der Vater nicht nur den Verdienst der vielen Jahre und die erheirateten 20000 Mark verlumpt, sondern auch noch obendrein Schulden gemacht. Die Familie war gezwungen, die Wirtschaft aufzugeben. Der Vater zog in die Stadt zur Miete. Jetzt begann die traurigste Zeit meiner Kindheit. Arbeiten konnte der Vater nicht, hatte es nie gelernt und so lebte die Familie von dem Verdienst der Stiefmutter, den diese als Waschfrau verdiente und das war kläglich genug. Die entbehrlichsten Möbelstücke wurden gerichtlich beschlagnahmt und zwangsweise verkauft. ich wagte nicht mehr mich satt zu essen und würgte an den wenigen Bisse, die ich mir zu nehmen getraute. Dazu kam, dass ich nun, das letzte Jahr in die Stadtschule musste, wo ich mit meiner sechsjährigen Dorfschulbildung gerade keine beineidenswerte Rolle spielte. Ich gab mir redlich Mühe, nachzukommen und einigermassen zu folgen und bis zu einem gewissen Grad ist mir das auch gelungen. Dieses letzte Schuljahr gehörte zu jenen, in welchem ich am meisten profitierte. Aber eine Szene bleibt mir unvergesslich. Wir hatten Religions-stunde, plötzlich krachte ein Schuss. Alles horcht auf, wer ist das gewesen? Der Lehrer ist wütend. Niemand meldet sich. Jeder Einzelne wird streng und aufs Gewissen gefragt. Niemand bekennt. Es beginnt eine peinliche Untersuchung. Bei mir wird eine Pistole, aber kein Pulverblättchen gefunden. Der Lehrer brüllt mich an, “Gestehe, Du bis es gewesen“. Der Wahrheit entsprechend sage ich nein. Da meldet sich ein Schüler und erzählt, dass ich noch gestern Pulverblättchen gehabt hätte, ich gebe das zu, sage aber, dass ich diese gestern alle beim Spiel verbraucht. Der Lehrer glaubt das nicht. Ich muss mich überlegen und der Lehrer haut los. “Gestehst Du nun, bist du es gewesen“ – frägt er nach einer Pause. “Nein“, schrie ich. Er prügelte weiter. “Bist Du es gewesen?“ – Nein. “Gestehe oder ich schlage eine halbe Stunde“. – Ich war es nicht. Der Lehrer lässt von mir ab. Ich hatte mich bereits damit abgefunden, eine halbe Stunde Prügel zu bekommen, aber um keinen Preis in der Welt hätte ich etwas zugegeben, was ich nicht getan hatte. Der Lehrer war sonst gerecht und ich kam gut mit ihm aus. Verdienter war eine Züchtigung, die ich bei einer anderen Gelegenheit erhielt. Das Schreiben war immer noch mein Steckenpferd und fast täglich mussten wir Aufsätze zu Hause schreiben. Jeden Tag kam dann der oder jener daran, seinen Aufsatz vorzu-lesen. Bei dieser Gelegenheit verstand ich es vortrefflich, mich klein zu machen und kam nie daran. Das Glück machte mich kühn. Ich schrieb nie mehr einen Aufsatz. Da, eines Tages, brach das Verhängnis über mich herein. “Aufsatzhefte vor“ M. lese deinen vor“. Das war leichter verlangt als getan. Zum Glück hatte ich Geistesgegenwart genug und erzählte, die Augen auf das Heft gerichtet, frech eine Geschichte. Der Lehrer schwieg und schon glaubte ich mich gerettet. Da plötzlich “Münzenberg bring mir mal dein Buch vor“. Die Schandtat wurde entdeckt und die Strafe folgte der Sünde auf dem Fusse. Uebrigens war das Jahr unter den gereiften und erfahrernen Stadtburschen von heilsamen Einfluss auf meine Schüchternheit. Wenn ich sie auch nicht völlig verlor, so wurde sie doch stark gemildert. Ein um so grösserer Nachteil waren für mich die Unmenge Indianer- und Räuberhefte, deren Inhalt ich geradezu verschlang. Ausser hunderten von Indianerbüchern hatte ich 100 Hefte Buffalo Bill, 100 Hefte “Räuberhauptmann Fetzer“, 100 Hefte “Der Königsmord in Belgrad“, 100 Hefte “Lebendig begraben“ und eine Masse ähnlichen Schund gelesen. Ueberhaupt war ich in den letzten Schuljahren und in den ersten Jahren nach der Schulentlassung direkt wie versessen auf das Lesen. Ich las alles was mir in die Hände kam, und schleppte alles, was ich gedrucktes fand, nach Hause. Alte Fahrpläne, Kataloge, Schulbücher, Kalender, Zeitungen, Indianerhefte, wissenschaftliche Bücher, von denen ich keinen Deut verstand, alles, alles wurde zusammen-gefasst. Vor meinem Vater verbarg ich die Schätze geschickt, meine Stiefmutter tobte und prophezeite mir, das mich das Zeug an den Galgen bringe. Die unwahren, abenteuerlichen Geschichten raubten mir jeden Sinn für die Wirklichkeit. Nachts lag ich wach und träumte vor allen möglichen Heldentaten und wünschte mir nichts sehnlichster, als ein Haus voll Bücher. In den glühendsten Farben malte sich meine Phantasie die damit möglichen Genüsse aus. Die Frage meines Vaters, was ich nun werden wollte, traf mich ein kalter Wasserstrahl. Daran hatte ich freilich nie gedacht. Lesen, das war mein einziger Wunsch, sonst wusste ich nichts und verlangte nichts. Der Vater enthob mich weiteren Sorgen und be-stimmte, das ich Coiffeur werden sollte. Mir war es recht, weil mir alles gleich war.

In der Lehre

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Eine Lehrstelle hatte mein Vater bei einem Bekannten bald gefunden. Der Meister glich meinem Vater fast aufs Haar und zwar nicht körperlich, auch in seinem Wesen und Betragen. Wie mein Vater, so trank der Meister, wenn auch nicht gar so viel und war genau wie mein Vater ein alter Zünftler und Erzreaktionär, für den die Erinnerungen an das Soldatenleben der einzige Stolz war, der sich in der dümmsten und lächerlichsten Weise äusserte. Das Geschäft ging gut und ausser dem Meister und mir waren zwei Gehilfen und ein weiterer Lehrling beschäftigt. Die ersten Tage gefielen mir nicht übel und ich beschloss zu bleiben. Mein Vater hatte unterdessen das Glück noch einmal versucht und ohne Geld und Kapital eine Wirtschaft gepachtet. Bei dem Einzug fehlte es ihm an dem Notwendigsten. Das Bier schickte die Brauerei auf Borg, und ein mitleidiger Kaufmann lieh die wichtigsten Lebensmittel. Ohne eine Mark Geld in der Tasche wurde die Wirtschaft übernommen. Wie gesagt, an Unternehmungsgeist fehlte es dem Alten nicht. Wir hatten es abgelehnt, dass ich bei dem Meister Wohnung nehme und so maschierte ich alle Morgen den halbstündigen Weg nach der Stadt und am Abend zurück. Das war aber für mich ein Genuss und machte mir Spass. In der Lehre gefiel es mir aber je länger, je weniger. Vor allem eckelte mich die Unsauberkeit an. Das Frühstück und der Nachmittagskaffee wurden in einer Ecke des Ladens genommen, wo Haararbeiten verrichtet wurden. Die Fett- oder Butterbrote mussten dann immer erst von Haaren gesäubert werden. Auch die Liebdienerei gegen die Kunden, das dienen und bücken behagte mir nicht. Der Meister war nervös und zumal bei starkem Besuch, meistens Samstags, gereizt. Der Laden war mit Kunden überfüllt und Meister und Gehülfen hatten alle Hände voll zu tun, der Meister bis zum äussersten geladen. Ich bemühte mich, so wenig zu stören wie nur möglich und zu helfen, wo ich nur konnte. Oeffnete die Türe, bot den Kunden Feuer an, räumte auf u.s.w. Aber bei aller Geschäftigkeit konnte ich ein gewisses Unbehagen nicht los werden, ich fühlte mich eigentlich recht überflüssig in dem Betrieb. Da schreit mich plötzlich der Meister an: “Geh heim, dummer Junge, wenn du nicht anderes kannst als Maulaffen feil halten“. Ich froh, auf eine so billige Art loszukommen, nahm flugs meinen Hut und verschwand, ohne grossen Abschied zu nehmen. Aber ich hatte noch nicht die rettende Haustüre erreicht, packt mich der Meister am Kragen “Was, das könnte Dir so passen. Dein alter Meister schuftet sich so tot und Du drückst dich. Hier bleibst Du“. Mit diesen Worten warf er mich in die Ecke, das mir alle Knochen knakten. Gehorsam blieb ich auf dem Stuhl wie festgenagelt sitzen und denke darüber nach, wie schwer doch eigentlich das Leben ist. Da befiehlt mir der Meister, ich soll heimgehen, ich beeile mich, seinem Befehl nachzukommen und nun – – – Meine Grübeleien werden vom Meister unterbrochen, der mich stürmisch empor reisst und mit den Wort “Du fauler Hund, willst Du nicht arbeiten“- nach vorn stösst und einige Ohrfeigen runter haut. Das Leben erscheint mir immer verwickelter und schwerer. Wie mans macht, ist es verkehrt. Die Arbeitszeit dauerte von morgens 6 bis abends ½ 9 Uhr, ohne Pause. Am Samstag bis 10 Uhr. Am schwersten fiel mir die Sonntagsarbeit, wo ich von 7. – 1 Uhr arbeiten musste. O, wie so gern wäre ich mit anderen Kameraden durch Feld und Wald gestreift und hätte so gern an ihren Wanderungen teilgenommen. Mir war es todestraurig zu Mute und ich weinte mitunter bitterlich. Und trotzdem hätte ich die Lehre durchgehalten, wenn wir nicht einen neuen Gehilfen bekommen hätten. Sein Vorgänger war freundlich zu mir und unterwies mich spielend in vielen Handgriffen unseres Berufes. Der Neue war jung, kaum ausgelernt und bildete sich wunder was ein, das er nun Stifte unter sich habe. Sein Benehmen forderte unsern Trotz heraus und den wollte er mit Schimpfereien und Schlägen bezwingen. Schlagen wollte ich mich aber auf keinen Fall mehr lassen, wir wurden handgemein und da er der bedeutend stärkere, unterlag ich stets. Er scheute vor keiner noch so rohen Handlung zurück. Das Zimmer war niedrig, vielleicht 2½ m. hoch, er nahm mich, stemmte mich gegen die Decke, dass der Kopf krachend gegen die Decke schlug. Dann wieder nahm er einen Stein und schlug mich damit auf den Kopf. Die Folge davon war eine Gehirnerschütterung und man brachte mich schleunigst ins Spital, die Aerzte zweifelten an meinem Aufkommen. Und ich überstand es doch. Am Tage meiner Entlassung bereitete mich der Arzt auf die schonenste Weise darauf vor, dass mein Vater – den ich nie vermisste – nicht mehr lebe. Am gleichen Tag, als ich in das Spital gebracht wurde, hatte er sich vollständig berauscht, erschossen. Ein anderer Ausweg war ihm nicht mehr geblieben. Der Bruder kam, um die Wirtschaft bis zum Konkurs, der uns das Letzte rauben sollte, zu leiten. Mir war die Lust am Coiffeurberuf gründlich vergangen und obendrein fehlten jetzt auch die Mittel, um das Lehrgeld zu zahlen. Ich blieb einige Zeit bei meinem Bruder in der Wirtschaft, ging dann auf Anraten meiner Schwester, die nach dem Tode des Vaters uns wieder besuchte, in eine Schuhfabrik. Damit begann eine neue Phase meines Lebens. Eine ganz neue, unbekannte Welt tat sich vor mir auf. Die letzte Verbindung mit der Familie war ge-löst. Ich stand allein, nur auf mich angewiesen aber nun allein auch Herr über mein Tun und Lassen. Damals zählte fünfzehn Jahre.

In der Fabrik

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Es war eine der grössten Fabriken am Orte, in die ich eintrat, sie beschäftige mehr als fünfzehnhundert Arbeiter. Ich wurde in der Zwickerei als Leistensortierer angestellt, d. h. ich musste mit einem kastenähnlichen Karren von einem Arbeiter zum anderen fahren und die nicht mehr nötigen Leisten sammeln, nach Regalen bringen und dort in bestimmte Fächer sortieren. Am ersten Tag war ich von dem Lärm und Kreischen der Maschinen, von dem Klopfen und Pochen der Hämmer und von den vielen Stimmen wie betäubt. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass ich mich jemals in diesem Betrieb zurecht finden könnte. Ich hatte tatsächlich im-mer Angst, mich zu verirren. Und es dauerte mehrere Tage bis ich mich einigermassen an den Lärm gewöhnt hatte. Die gleiche Arbeit wie ich verrichteten noch zehn gleichaltrige Burschen, das wurden nun meine Freunde. Mit ihnen sass ich zusammen während dem Frühstück, Mittag & Vesperbrot. Mit ihnen ging ich nach Hause und brachte später die Abende zu. Ihr Verkehr half mir dann auch am meisten, die Schüchternheit und die Angst, die ich noch nach Wochen in der Fabrik vor dem ungewohnten Leben und Treiben empfand, zu überwinden. Die älteren Arbeiter behandelten die jüngeren, mit wenigen Ausnahmen, grob und brutal. Die meisten verkehrten nicht anders als mit Schimpfwörter mit ihnen und manche misshandelten und warfen mit Leisten, Schuhen und anderen Gegenstände. Die Arbeit war nicht schwer, der Lohn im Anfang 4,50 Mark. Das war wenig, sehr wenig. 2 Mark musste ich pro Woche für Logis und Morgenkaffee zahlen, blieben mir noch 2,50 Mark für Nahrung, Kleidung und alle weiteren Ausgaben. Da hiess es sparen, wo dies möglich war. Am Morgen nahm ich etwas Kaffee & Brot, am Mittag leistete ich mir ein Stückchen Wurst dazu. Für 20 Pfennig Abfallwurst reicht mitunter für zwei Tage. Das gleiche Menü am Abend. Von einem Bedürfnis nach geistiger Nahrung hatte ich damals zum Glück noch keine Ahnung, sonst hätte ich jene Jahre wohl kaum überlebt. Die ersten Jahre in der Fabrik verbringe ich wie in einem Dämmerzustand, ein Tag reiht sich in gleicher Eintönigkeit und im gleichen Grau an den anderen. Am Morgen haste ich in Gemeinschaft mit vielen hunderten nach der Fabrik, am Abend müde nach Hause. Nie kommt mir der Gedanke, ja, ich glaube, sogar nie der Wunsch, dass es anders sein könnte, einmal anders werden. Ich sehe weder Frühling, Sommer, Herbst, noch Winter, weder grüne Bäume, noch welkes Laub, höre kein Vogelsang, geschweige Musik oder Konzert. Ich bin gefühls- und empfindungslos gleich den Maschinen geworden, die in der Fabrik sausen und und stampfen. Meine Welt ist mein Arbeitsplatz. Mein Einkommen vergrösserte sich etwas dadurch, dass ich für die Arbeiter Frühstück einkaufen gehe, dafür erhalte ich pro Woche 10 oder 15 Pfennig. Mitunter brachte ich es auf über 20 Kunden, die ich bedienen durfte. Der Lohn stieg langsam und erst nach mehreren Jahren hatte ich es auf 8 Mark gebracht. In Deutschland besteht der obligatorische Fortbildungsunterricht, den jeder Lehrling und junge Arbeiter bis zum 18. Lebensjahr be-suchen muss. Es wird etwas Rechnen, Schreiben, Buchhaltung und Vaterlandskunde gelehrt. Der Unterricht wir zwei Mal in der Woche nach der Arbeitszeit erteilt. Ich habe dabei wie wohl alle anderen Schüler auch, herzlich wenig gelernt. Wir waren zum lernen zu müde und bemühten uns, den Lehrer zu verulken. Die Abende brachte ich mit meinen Arbeitskollegen zu. Wenn wir nicht Räuberhefte lasen, trieben wir uns in den Strassen herum und trieben lauter Dummheiten. Eine Zeit lang standen wir im Banne ein Schundromanes über die Freimauerer. Wir trafen Vorbereitungen, eine ähnliche geheimnisvolle Gesellschaft zu gründen, hockten in der finstersten Nacht in dunkeln Ecken und Abflusskanälen, zeichneten Totköpfe auf Arm und Brust, beschlos-sen Blutbrüderschaft zu trinken. Der Plan scheiterte, da wir kein passendes Getränk fanden, mit dem wir unser Blut trinken konnten. Bier und Limonade war uns doch zu prosaisch und für Wein hatten wir kein Geld. Auch trieben wir uns oft und gern in den Anlagen herum und erschreckten die Leute und belauschten und störten die Liebespäärchen. Ein nicht geringer Schreck fuhr mir anlässlich einer solchen Razzia durch die Glieder als ich im dichtesten Gebüsch auf eine Dirne stiess, die dort ihr horizontales Gewerbe betrieb und ihr Liebhaber, erbost über die Störung, mir drohte “das Messer in den Bauch zu stecken“. Einen Heidenspass machte es uns stets, Streichhölzer zu spitzen, diese zwischen den Druckknopf des elektrischen Läute-werkes in den Bordells zu stecken. Das Hölzchen wurde abgebrochen und dann läutete die Glocke zum Aerger der Einwohner und der Nachbarschaft stundenlang. Mehrmals besuchten wir auch die Versammlungen des christlichen Vereines junger Männer und die Veranstaltung eines vaterländischen Knabenhortes. Wir waren aber für diese frömmelde Unterhaltung zu gereift oder zu verdorben, wenn man will. Wir ärgerten den Lehrer und den Pfarrer und brachten Unruhe und stellten das ganze Programm in Frage. Teils blieben wir dann freiwillig weg, teils warf man uns hinaus. Da versuchten wir es mit der Heilsarmee, die in jenen Tagen ihr erstes Lokal eröffnet hatte. Dort sein ein Gaudium, versicherten mir meine Freunde und ich ging mit. Ich gestehe, dass mich die Gesänge und Gebete anfangs andächtig stimmten und mir recht beklommen zu Mute war. Das dauerte aber nicht lange. Als ich sah, wie die Betenden die schnödesten Witze unter den Bänken rissen und dort den Mädchen in die Beine kniffen, war es mit meiner Andacht vorüber. Es dauerte nicht lange, bis man uns auch da hinauswarf. Wir beschlossen jetzt, selbst einen Verein zu gründen. Ich wurde Präsident. Was wir eigentlich wollten, wusste keiner. Fidel und lustig sollte es zugehen. Wir spielten Karten, der Gewinn kam in die gemeinsame Kasse und wurde alle vier Wochen in Leberwurst und Bier angelegt. Daraus entwickelte sich dann ein Fußballklub. Eine Zeit lang hatten wir für nichts mehr Sinn als für das Fussballspielen. Dann wollte einer noch etwas lustigeres wie die Heilsarmee entdeckt haben, einen Verein, der sich “Propaganda“ nannte. Ein Name, den ich nie gehört hatte und den auszusprechen mir im An-fang viel Mühe machte. Dabei muss ich bemerken, das ich sehr schwer sprechen gelernt hab und bis zum zwölften Jahre stotterte. Ich vermutete hinter dem Namen etwas fremdes, geheimnisvolles und wir beschlossen, zu gehen, um Spass zu haben. Ich ahnte nicht, welche entscheidende Rolle der Verein in meinem Leben spielen sollte. Heute weiss ich, dass ich damals in der kritischen Phase meines Lebens stand, und das sich damals, unbewusst wie fast immer, sich mein Lebensschicksal entschied. So wechselreich auch später mein Leben wurde und so wechselreich es gerade heute zu werden droht, und so grosse und mein Wesen mitbestimmende Einflüsse auch in späteren Jahren auf mich einstürmten, im Verhältnis zu der damaligen Entscheidung sind sie unbedeutend und untergeordneter Natur. Unbewusst und ahnungslos kam ich durch das Aufsuchen des Vereins “Propaganda“mit jenem Sturm in Berührung, der stark genug war auf dem vollständig unvorbereiteten Boden später doch geistiges und seelisches Leben zu erwecken. Je älter wir wurden, umso weniger wollten wir uns damit begnügen, die Frauen zu ärgern und andere zu ihnen gehen zu sehen. Immer stärker wurde in uns der Drang, den geheimnisvollen Schleier zu lüften und jene Herrlichkeiten zu kosten, von den die ältern Arbeiter schwärmten und erzählten. Dazu kam das Leben in der Fabrik. Der Betrieb der Schuhfabrik bringt es mit sich, dass Frauen & Mädchen mit Männern und Burschen in einem Saal arbeiten. Die unzüchtigsten Reden wurden dann tagsüber gewechselt und die Witze waren schon nicht mehr derb, sondern zynisch, frech und gemein. Und die Frauen zahlten mit gleicher Münze und im gleichen Jargon heim, wie sie von den Männern behandelt wurden. Die Keuschen galten als Dummköpfe & Schwächlinge. Für uns Jugendlich war die Situation noch dadurch gefahrvoller, dass wir nach dem Gesetz das Frühstück und Vesperbrot ausserhalb es Arbeitsraumes einnehmen mussten. Bei schönem Wetter sassen wir im Strassengraben, bei schlechtem Wetter mussten wir uns in den Keller flüchten, wo stets ein gefährliches Halbdunkel herrschte. Mädchen und Burschen waren zusammen. Das musste natürlich die reine Treibhaustemperatur für geschlechtliche Reize geben und das Herumzerren und Pressen nahm dann auch kein Ende. Mit 17 Jahren, die meisten schon früher, hatte jeder seinen “Schatz“. Das heisst ein Mädchen, mit dem er von der Fabrik heimging, der er Samstags ein Stück Chocolade kaufte und am Sonntag in den Kino zu führen, um dann am Abend recht lange bei ihr in der Haustüre zu stehen und als Entgelt für das Gebotene sie zu küssen, zu pressen und wenn möglich, zu gebrauchen. Dieses Leben und Treiben ist so stark eingewurzelt, dass Jeder, der daran nicht teilnehmen will oder kann, als ein armer, bedauernswerter Kranker betrachtet und behandelt wird. Und die so leben, sind nicht einmal die niedrig stehensten. An eine Szene erinnere ich mich dabei jetzt, die ich bald nach meinem Eintritt in die Fabrik erlebte und über die dabei sich äussernde weibliche Roheit ich heute noch staune. Es war an einem Herbstag Abend, obschon nicht allzu spät, doch schon dunkel, als ich für den Meister einen Weg in einen anderen Saal besorgen sollte, dabei musste ich an dem Raum vorüber, wo die Leder- und Lumpenabfälle lagerten. Daraus hört ich ein ängstliches Wimmern, ich trat näher und sah, wie vier oder fünf ältere Mädchen einem 14 jährigen Burschen unter gellendem Lachen an dem Geschlechtsteil zerrten und rissen. – Natürlich stand nicht alle auf dieser Stufe, es gab wohl auch Ausnahmen, doch waren diese selten, sehr selten. Bis dahin, bis zu meiner Bekanntschaft mit dem Verein “Propagangda“ hatte mich ein gütiges Geschick vor dem Aeussersten bewahrt. Natürlich keine moralischen oder sittlichen Ewägungen, die waren mir so fremd wie böhmische Dörfer. Viel-leicht das Fehlen der Gelegenheit und die Erschwerung durch meine geringen Mittel, die mir nur kostenlose Vergnügen erlaubten. Dazu (auch) hat sich auch meine kleine, verhungerte Gestalt keine besonders grosse Anziehungskraft auf die Mädchen ausge-übt. Aber darüber bin ich mir heute klar, dass es so lange nicht mehr gegangen wäre. Ein Glück, hätte ich als satter Arbeiterspiesser geendet, aber bei meinem Temperament und meiner Leidenschaft dürfte es kaum glimpflich abgegangen sein.In diese kritischen Tage fällt meine erste Bekanntschaft mit dem Arbeiterbildungsverein “Propaganda“ und dadurch mit der sozialistischen Arbeiterbewegung.

Die erste Zeit in der Bewegung

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Nach langerm Zögern und Zauderbn fassten wir, unserer vier oder fünf, endlich Mut und machten uns auf, den geheimnisvollen Verein “Propaganda“ zu besuchen. Aber am ersten Abend gelangten wir nur bis in die Wirtschaft, in deren oberen Räumen der Verein seine Versammlungen abhielt, dort sassen wir, klopften Karten und musterten scheu die Besucher, die nach dem oberen Saal stiegen. Nachzufolgen fehlte uns der Mut und wir kehrten unverrichteter Sache nach Hause zurück. Zum zweiten-mal, einige Wochen später, begleitete mich nur ein Kollege, den andern war die Lust vergangen. Diesmal nahm sich ein älterer Genosse, jedenfalls durch den Wirt aufmerksam gemacht, unserer an und wir folgten ihm nach oben. Dort waren zirka 15 bis 20 junge Männer im Alter von 23 – 35 Jahren versammelt, wir waren also bei weitem die Jüngsten. Die meisten waren Metall- und Schuhfabrikarbeiter. Was an jenem Abend ging und besprochen wurde, ist mir vollständig unklar geblieben. Als in heimging wusste ich vom Wesen und den Aufgaben des Vereins genau so viel, als vorher. Zwei oder drei weitere Besuche brachten mich ebenfalls nicht weiter, da verleidete auch mir die Sache und ich beschloss, wie der zu meinen alten Kameraden zurückzukehren. Da wurde ich krank und musste vier Wochen von der Arbeit fernbleiben. Während dieser Zeit besuchte mich mehrmals ein Mitglied des Vereins, brachte mir Bücher und Broschüren und wir plauderten. Jetzt war mein Interesse geweckt und sobald ich das Zimmer verlassen durfte, suchte ich die Genossen wieder auf und versäumte fernerhin keine Versammlung. Bald war mir nun auch der Zweck des Vereins klar. Der ungeheure wirtschaftliche Auf-stieg Deutschlands in den neunziger Jahren, der in überraschend kurzer Zeit Deutschland zu einem der ersten Industriestaaten und der Weltmächte der Erde machte, hatte eine nach Millionen zähl-ende Arbeiterschaft geschaffen. Die Fesseln des Sozialistengesetzes waren gefallen und die sozialdemokratischen Organisationen schossen wie Pilze nach einem warmen Regen aus der Er-de. Die Partei eilte von Erfolg zu Erfolg und errang in den Städten, an den Landtagen und im Reichstag Mandat um Mandat, die Stimmen ihrer Wähler zählte schon bei der Wahl 1903 nach Millionen. Diese Riesenerfolge verblüfften und die Sozialdemokratie, bis jetzt nur eine Partei der Kritik und der Negation, sah sich plötzlich vor die Aufgabe praktischer Mitarbeit gestellt. Bald wurde in der politischen Tagesarbeit und durch die Gegenwartsforderungen das grosse Endziel, die Vergesellschaftung der Produktionsmittel vergessen. Der Partei strömten eine Masse bürger-licher Elemente zu, hoffend, durch die schnell erstarkende Macht der Partei Amt und Einfluss zu gewinnen. Der Boden für den Revisionismus war vorbereitet und um die Wende des Jahrhunderts setzte dessen Propaganda kräftig ein. Der Gegenwartser-folg ist alles, der Glauben an eine proletarische Revolution roman-tische Hirngespinnste, das war die Losung. Da kam die russische Revolution und krachte wie ein Schlag ins [Auslassung in der Abschrift ](ins Kontor? ins Gesicht? ). Der Riesenstreik Millionen unorganisierter, die Eroberung Moskaus, die Meutereien der Schwarzseeflotte u. s. w. Die revisionistischen Ideen des westeuropäischen Proletariats verhinderten, dass dieses sich zu einer Solidaritätsaktion erhob und so der volle Sieg der russischen Arbeiter möglich machte. Dank der Ruhe der westeuropäischen Arbeiter eilte das französische Kapital dem bedrängten Zarismus zu Hilfe und Wilhelm II. stellte an der russischen Grenze Soldaten bereit, um, wenn nötig, mit Kriegsmacht dem bedrängtem Vetter auf dem Zarentron zur Hilfe zu eilen. So wurde die russische Revolution geschlagen. Aber ganz ohne Wirkung auf die Arbeiterbewegung Westeu-ropas sollte die russische Revolution doch nicht bleiben. Die radikalen und revolutionären Elemente wurden kräftig gestärkt und die Jüngsten unter ihnen in einen Taumel revolutionärer Begeisterung versetzt. Die Rosa Luxenburg, Karl Liebnecht, Mehring und andere machten Vorstoss um Vorstoss. forderten die Erziehung der Massen zu Massenstreiks und Massenkämpfen, die antimilitaristische Propaganda, Steigerung der sozialistische Bildungsarbeit u.s.w. in zahlreichen Städten gründeten sich Bildungsvereine, sowie Diskussionsklubs, wo sich die jüngste, lebendigsten und tatenlustigsten Arbeiter versammelten, um die Waffen zu schmieden, die sie im Kampfe gegen den bürgerlichen Gegner und gegen Revisionisten in der eigenen Partei benötigten. Eine solche Vereinigung war nun auch der Bildungsverein “Propaganda“ dessen jüngstes Mitglied. Die unverfänglichen Namen Bildungsvereine wurden gewählt, um der polizeilichen Anmeldung und Aufsicht zu entgehen. Nach dem alten preussischen Vereinsgesetz (aufgehoben 1907 durch das Reichsvereinsgesetz) musste jeder politische und gewerkschaftliche Verein seine Mitgliederliste und seine Statuten einreichen und alle Versammlungen waren polizeilich überwacht. Personen unter 18 Jahren durften keinem politischen Verein angehören. Natürlich wurde in unserem Verein, wie in allen ähnlichen, fast nur über politische und sozialistische Probleme gesprochen. Jedes Mitglied musste einmal einen Vortrag halten und darüber wurde dann diskutiert. War einmal ein Referent verhindert zu kommen oder zu sprechen, so wurde über irgend eine Frage diskutiert oder aus einem Buch vorgelesen. Das zwang zum Nachdenken und nahm gleichzeitig die Scheu vor einem grösseren Kreis Menschen seine Gedanken zu entwickeln. So war das Leben im Verein, als ich Mitglied wurde. Eine neue Erscheinung der Arbeiterbewegung um die Wende des Jahrhunderts war auch das Aufkommen von Jugendorganisationen. Vereine, die jugendliche Arbeiter und Arbeiterinnen im Alter von 14-20 Jahren zusammen fassten, um sie gegen die wirtschaftliche Ausbeutung zu schützen, sie auf Wanderungen zu führen, sie allgemein im speziellen sozialistisch zu bilden. Belgien und Holland besassen die ersten derartigen Organisationen. 1904 wurde der erste “Lehrlingsverein“ Deutschlands in Berlin und fast zu gleicher Zeit ein ähnlicher Verein in Mannheim gegründet. In unglaublich kurzer Zeit folgte die Gründung einer Menge Zweigvereine in vielen Städten Deutschlands. Auch auf diese junge Bewegung waren die heldenmütigen Kämpfe der sozialistischen Revolutionäre von förderlichstem Einfluss. 1906 fand in Stuttgart der erste internationale Kongress der sozialistischen Jugendorganisationen statt, der der ganzen Bewegung das Programm geben sollte. Die holländische Genossin Roland-Host sprach über die Bildungsaufgaben der sozialistischen Jugend und legte ihr Referat in Thesen nieder, die heute noch im Wesentlichsten als Richtschnur der Bildungsarbeit in den Jugendorganisationen dienen. Nach einem Referat des Gen. Müller, Wien, wurden internationale Forderungen für den wirtschaftlichen Schutz der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter aufgestellt. Liebknecht, der den Kongress als Präsident leitete, sprach über “Militarismus und Antimilitarismus“. Das Referat trug ihm später 1½ Jahr Zuchthaus ein. Es wurde beschlossen, eine feste internationale Organisation unter dem Namen “internationale Verbindung sozialistischer Jugendorganisationen“ zu gründen. Die deutschen Vereine traten wegen dem vorsintflutigen Vereinsgesetz nicht bei. Da die süddeutschen Staaten bis 1907 kein Vereinsgesetz kannten, schlossen sich die in Deutschland existierenden Vereine jugendlicher Arbeiter zu zwei grösseren Verbänden zusammen, “den Verband jugendlicher Arbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands“ mit Sitz in Berlin. Dieser Verband zählt 1907 bereits 6000 Mitglieder und gab eine monatlich er-scheinende Zeitung “Die arbeitende Jugend“ aus. Die Vereine be-zeichneten sich als ausdrücklich politisch neutral, sonst hätten sie natürlich überhaupt nicht existieren können. Ebenfalls schlossen sich die süddeutschen Vereine zu einem Verband mit Sitz in Mannheim zusammen. Diese Vereine aber, nicht gehindert durch ein Vereinsgesetz, bezeichneten sich als so-zialistische Jugendvereine und in diesem Sinne war auch ihr Organ “Die junge Garde“ gehalten, deren Redakteur der damals noch jugendliche und stark revolutionäre Dr. Ludwig Frank war. Unser Bildungsverein “Propaganda“ stand nur mit Mannheim, natürlich in geheimen, in Verbindung. Wir bezogen regelmässig eine bestimmte Anzahl “Junge Garde“ und es macht mir die grösste Freude, diese unter der Hand weiter zu verkaufen. Ueberhaupt war ich wie von einem Propagandafieber überfallen und liess nicht nach, bis fast der letzte jugendliche Arbeiter meines Arbeitssaales sich als Mitglied unseres Vereins meldete und an unseren Versammlungen teilnahm. Einige Monate nach meinem Eintritt dominierte das jüngere Element und die über 20 jährigen waren in den Hintergrund gedrängt.

(Text: Vermutlich Willi (Wilhelm) Münzenberg März 1918? November 1918- Münzenberg im Schweizer Zuchthaus ist 29 Jahre alt) Das Dokument hat 9.742 Zeichen

Das ganze Dokument (mit Umschlagtexten) hat 10.013 Zeichen

Der Text muss mit einer Maschine geschrieben worden sein, die über keine Grossbuchstaben der Umlaute verfügte. Das habe ich so gelassen. Fehler habe ich nicht korrigiert, vielleicht ist es mir stattdessen gelungen, einige Fehler neu in dem Text unterzubringen.

(Der namentlich nicht genannte Abschreiber 2019)

Der Text ist eine Abschrift einer Veröffentlichung des Verlag Detlev Auvermann KG, Glashütten im Taunus 1972. Es handelt sich um eine Schreibmaschinenabschrift, die in einem Überformat (Nicht DIN A 4- 210 mm x 297 mm, sondern 339 mm x 206 mm) gedruckt wurde. Der Umschlag wurde ebenfalls auf Karton bedruckt.

U1: mit folgendem Text:

Dieses aus den Akten der schweizerischen Untersuchungsbehörden stammende Schriftstück befindet sich unter der Signatur P 23914 Nr. 524.24 im Staatsarchiv des kantons Zürich. Der junge Willi Münzenberg verfaßte diese biographische Skizze, die seinen Weg zum Kommunismus bis zum Eintritt in den Erfurter sozialdemokratischen Arbeiterbildungsverein (1906) nachzeichnet, entweder während seiner ersten Inhaftierung in der Polizeikaserne Zürich, Ende November 1917 bis März 1918, oder während seiner zweiten Zuchthaushaft, die vom Mai 1918 bis zu seiner Ausweisung aus der Schweiz am 10. November 1918 dauerte.

Willi Münzenberg Lebenslauf

Wir danken dem Staatsarchiv des Kantons Zürich für die Erlaubnis zu Veröffentlichung und dem Schweizerischen Sozialarchiv für die Vermittlung des Textes, den wir in er erhaltenen Form reproduzieren.

Der Text ist paginiert und hat im Original 29 Seiten (einseitig bedruckt)

Der Umschlag U 2 ist mit folgendem Text bedruckt:

1889 14. August, wird M. in Erfurt als Sohn eines Dorfgastwirtes geboren. Er besucht unregelmäßig die Dorfschulen in Frimar, Eberstädt und Gotha.

1904- 1910 ist M. Arbeiter in einer Erfurter Schuhfabrik

1906 tritt M. in den sozialdemokratischen Arbeiterbildungsverein “Propaganda“ ein und übernimmt eine Jahr später dessen Vorsitz.

1910-1913 ist M. Hausbursche in einer Zürcher Apotheke. Er wird Mitglied in dem von Fritz Brupbacher geleiteten Jungburschenverein.

1912 Ende Juli wird M. Mitglied des Zentralvorstandes der sozialistischen Jugendorganisation der Schweiz und übernimmt die Redaktionder antirevisionistischen Monatsschrift “Die freie Jugend“.

1914 während des Krieges konsequenter Internationalist, gerät M. bald unter den Einfluß Lenins.

1916 nimmt M. an der Internationalen Sozialistischen Konferenz in Kienthal (24. – 30 . April) teil.

1917 am 19. November, wird M. in Zürich verhaftet und

1918 im März, gegen Kaution freigelassen, jedoch im Mai als Mitorganisator eines Generalstreiks in Zürich ins Zuchthaus geworfen. In seiner im Mai 1918 ausgelieferten Broschüre “Kampf und Sieg der Bolschewiki“ bekennt M. sich zur Oktoberrevolution. Er wird am 10. November aus der Schweiz ausgewiesen und übersiedelt nach Stuttgart, wo er sich der Spartakusgruppe anschließt.

1904- 1910 ist M. Arbeiter in einer Erfurter Schuhfabrik

1906 tritt M. in den sozialdemokratischen Arbeiterbildungsverein “Propaganda“ ein und übernimmt eine Jahr später dessen Vorsitz.

1910-1913 ist M. Hausbursche in einer Zürcher Apotheke. Er wird Mitglied in dem von Fritz Brupbacher geleiteten Jungburschenverein.

1912 Ende Juli wird M. Mitglied des Zentralvorstandes der sozialistischen Jugendorganisation der Schweiz und übernimmt die Redaktionder antirevisionistischen Monatsschrift “Die freie Jugend“.

1914 während des Krieges konsequenter Internationalist, gerät M. bald unter den Einfluß Lenins.

1916 nimmt M. an der Internationalen Sozialistischen Konferenz in Kienthal (24. – 30 . April) teil.

1917 am 19. November, wird M. in Zürich verhaftet und

1918 im März, gegen Kaution freigelassen, jedoch im Mai als Mitorganisator eines Generalstreiks in Zürich ins Zuchthaus geworfen. In seiner im Mai 1918 ausgelieferten Broschüre “Kampf und Sieg der Bolschewiki“ bekennt M. sich zur Oktoberrevolution. Er wird am 10. November aus der Schweiz ausgewiesen und übersiedelt nach Stuttgart, wo er sich der Spartakusgruppe anschließt.

1919 von Januar bis Juni, wird M in der Festung Ulm, sodann im Gefängnis Rothenburg (Neckar) eingekerkert. In der Novemberrevolution versucht M. die Arbeit des Internationalen Jugendsekretariats weiterzuführen. Er referiert auf dem Gründungskongreß der Kommunistische Jugendinternationale in Berlin (20.- 26. November 1919) und wird in deren Exekutivkomitee gewählt.

1920 nimmt M. als Vorsitzender der Jugendinternationale in Moskau am II. Weltkongress der Komintern teil. Ein Jahr später, auf dem II. Kongreß der Jugendinternationale wird er von Sinowjew abgesetzt.

1921 am 12. August, gründet M. im Auftrage Lenins die Internationale Arbeiterhilfe für die Hungernden in Rußland, die sich in den kommenden Jahren unter M. als Generalsekretär ihrer Auslandskomitees zur größten proletarischen Hilfsorganisation entwickelt.

1924 – 1933 ist M. ununterbrochen Reichstagsabgeordneter der KPD; auf dem XI. Parteitag 1927 wird er ins ZK berufen; 1931/32 gehört er der “ultralinken“ Remmle-Neumann Gruppe an. In diesem Jahren baut M. den berühmten “Münzenberg Konzern“ auf. 1924 wird er Inhaber desNeuen deutschen Verlages, welcher die Zeitungen “Welt am Abend“, “Berlin am Morgen“, “Arbeiter- Illustrierte Zeitung“, die Zeitschrift “Roter Aufbau“ und die “Universum Bibliothek“ herausgibt, sowie das Filmunternehmen “Meshrabpom“ gründet.

1933 emigriert M. nach Paris, wo er die Arbeit der Internationalen Arbeiterhilfe fortführt. Er wird einer der Leiter des neugegründeten Welthilfskomitees für die Opfer des deutschen Faschismus und Mitbegründer der “Deutschen Freiheitsbibliothek“. Zum progandandistischen Kampf gegen Hitler gründet er wieder Verlage und Zeitungen und gibt u.a. das“Braunbuch über den Reichstagsbrand“ heraus.

Umschlag Seite 3 (U 3)

1936 wird M. nach Moskau vor die Internationale Kontrollkommission geladen; er wird“wegen Verbreitung parteiinter Information auf Beschluß des Politbüros und der Leitung (Walter) Ulbrichts gerügt, erreicht aber, das er wieder nach Paris zurückkehren kann.

1937 gerät M. als einer der Initiatoren der Volksfront in verschärften Widerspruch zur Komintern und KPD-Führung; die mehrfache Aufforderung, nach Moskau zu kommen, ignoriert er.

1938 am 22. März, wird er (M.) aus dem ZK, am 6. März 1939 aus der KPD ausgeschlossen. M. wendet sich in der

1939/40 von ihm herausgegebenen Zeitung “Die Zukunft“ gegen den Stalin-Hitler Pakt und gründet 1939 in Paris die Organisation “Freunde der Sozialistischen Einheit Deutschlands“.

1940 im Mai, wird M. im Lager Chambaran bei Lyon interniert. Während die Armee im Juni 1940 auf Lyon vorrückt, flieht M. zusammen mit drei Deutschen. Ende Oktober wird seine stark verweste Leiche im Wald von Caugnet aufgefunden. Münzenbergs Lebengefährtin Babette Gross schreibt in ihrem Buch: Willi Münzenberg. Eine politische Biographie (Stuttgart 1967), ein Selbstmord scheint ausgeschlossen,“der Verdacht, daß Münzenberg Opfer eines politischen Anschlages geworden ist, scheint mit nahezuliegen. Wer die Mörder gewesen sein könnten, ist nur zu vermuten.“ (Babette Gross)

Willi Münzenberg

Stolpersteine für den Kinounternehmer Hermann Urich Sass

Stolpersteine

Hier werden heute (24.10.2017) zwei Stolpersteine für den jüdischen Kinounternehmer Hermann Urich Sass verlegt. „Stolpersteine für den Kinounternehmer Hermann Urich Sass“ weiterlesen

Friedrichstrasse 225 Gedenktafel für Karl Wolffsohn

Gedenktafel201701-02-1Wer die Gedenktafel für Karl Wolffsohn in der Friedrichstrasse 225 sucht, sollte sich nicht täuschen lassen. „Friedrichstrasse 225 Gedenktafel für Karl Wolffsohn“ weiterlesen

Auf der Suche nach Henschel 15 / 18 Seiten Recherchen 1989 und einen Text von der Stolpersteinverlegung

AufderSuchenachHenschel15SeitenManuskript

Abschrift:

A U F   D E R   S U C H E   N A C H   H E N S C H E L

Vielleicht ist die Geschichte ganz einfach erklärbar. Vielleicht einfach so: DIE BANKEN KÜNDIGEN DIE KREDITE. Das Unternehmen wird zahlungsunfähig und muss Konkurs anmelden. Ein Konkurrent hatte seine Hand im Spiel, der Markt sollte bereinigt werden. Oder so: Henschel ist Jude und die Nazis ARISIEREN die Firma. Einer mit “deutschem oder artverwandten Blut“ bekommt einen Kredit und erwirbt die Firma fürn “Appel und Ei“. Der Name Henschel verschwindet. Keiner erinnert sich noch heute gerne an die “freundschaftliche Arisierung“, wie der Enteignungsvorgang von den Nazis genannt wurde. Mancher “deutsche“ Bäckermeister, mancher “deutsche“ Schlachtermeister kam auf diese Weise an einen eigenen Betrieb.

Oder so: Das Unternehmen musste mit der Einführung des Tonfilmes so große Mengen Geldes in die neuen Tonfilmgeräte stecken, dass die Firma Tobis oder die Firma Siemens Klangfilm die Großtheater übernommen haben, als die fälligen Raten nicht rechtzeitig bezahlt wurden. Oder so: Die Firma zeigte zu viele “antideutsche Filme“, die noch von den den Nazis “unabhängigen“ Filmverleihe wurden gezwungen, das Unternehmen Henschel nicht mehr zu beliefern. Begonnen hat alles mit einem anderen Konzern, der heute die Kinostruktur weitgehend beherrscht. Ein vertikaler Konzern, sagen die Filmwissenschaftler. Von diesem Konzern weiß keiner so recht, welche Ziele denn außer Geldverdienen noch verfolgt werden. Und über den es keine Öffentlichkeit gibt. Und das aus verschiedenen Gründen: Das Publikum ist an den Besitzverhältnissen der Abspielstellen nicht interessiert, der Konzernbesitzer hat die Printmedien im festen Griff über die Anzeigenabteilungen. Keine Zeile gegen die großen Anzeigenkunden. Geld ist eben immer noch die beste Waffe. Auch die Bank der deutschen Filmwirtschaft, genannt Filmförderungsanstalt will sich seinem Zugriff nicht entziehen. Mit den Zinssätzen kann keine andere Bank in Konkurrenz treten. Das vollzieht sich nach Recht und Gesetz, soll der Hebung der Filmkultur auf breiter Grundlage dienen und arbeitet doch nur nach dem alten Bibelspruch: “Wer hat, dem wird gegeben…“. Doch gibt es auch Widersprüche. Nicht immer lassen sich Redakteure ihre Texte von der Anzeigenabteilung diktieren. Manchmal bringen sie noch schnell 90 Zeilen irgendwo unter, weil sie doch in Wut geraten sind. Und das will etwas bedeuten. Schließlich setzen sie einen gut bezahlten Arbeitsplatz aufs Spiel. Am nächsten Tag ist das Geschrei jedenfalls groß über die veröffentlichte Wahrheit. In der Folgezeit interessieren sich dann nur noch die Juristen mit ihrer Gebührenordnung, die sich nach dem Streitwert richtet, für die 90 Zeilen über den Konzern. Bei der Finanzstärke des Kinokonzerns bleibt ein solcher Prozess eben nicht aus. Dann geht es durch 2 Instanzen, Streitwert 1.5 Millionen (DM). Würde dieser Betrag pro Druckzeile umgelegt, dann würde das pro Zeile 17.000,00 DM geben. Kein schlechtes Zeilenhonorar. Nach dem Prozess sind dann alle schlauer, insbesondere die, die für ein viel geringeres Zeilenhonorar arbeiten. Für den fehlenden Mut, sich mit den Großen anzulegen gibt es allerlei Rationalisierungen. Ausrutscher passieren in Zukunft nicht mehr, es wird jeden Monat neu lamentiert und an der Oberfläche gekratzt. Grundsätzliches wird besser nicht erörtert und das Publikum interessiert sich sowieso nicht für die Zusammenhänge. Die schamlose Ausbeutung des Filmpublikums ist im “mutigen“ Zeitungsdeutschland keine Zeile wert. Das verweist auf die Geschichte und die Zusammenhänge. Auch damals “im Dritten“ konnte nur gewählt werden zwischen “Keine Veröffentlichung – kein Auskommen“ und “Kopf an der Garderobe abgeben – aber dafür gut leben“. Auch hier wieder die Rationalisierungen für den fehlenden Mut. Die Geschichte vom Mc. Donalds für die Augen.

Der Schirmherr des deutschen Films (Foto in Agfacolor) legt fest, was ein deutscher Film ist: “Deutsche Filme sollen künftig nur von Deutschen hergestellt werden. Deutsch aber ist, wer deutscher Abstammung, deutschen oder artverwandten Blutes ist. Seitdem können allein Filme als deutsche Filme anerkannt werden, die von einer d e u t s c h e n Gesellschaft in d e u t s c h e n Ateliers mit d e u t s c h e r Idee,

d e u t s c h e m Autor, d e u t s c h e n Komponisten und d e u t s c h e n Filmschaffenden hergestellt sind. Durch jene Begriffsbestimmung des deutschen Films wird es möglich, in verhältnismäßig kurzer Zeit die jüdischen Einflüsse in der Produktion, dem Verleihgeschäft wie dem Filmtheaterwesen auszumerzen.“ J.G.

Kein Deutscher mehr

Am 28. Januar 1935 wird im Reichsanzeiger veröffentlicht, daß Ernst Lubitsch die deutsche Staatsbürgerschaft verloren hat.

IST HENSCHEL AUSGEMERZT WORDEN?

Wenn ich noch heute Hautreizungen bei dem Wort “deutscher Film“ bekomme, wen wundert das eigentlich?

Doch Abschaffung des Kinos durch Filmtheaterkonzerne? Durch Mc. Donalds für die Augen? Seit wie vielen Jahren ? Die Zusammenarbeit von Phantasie und Kapital hat “Sein oder Nichtsein“ hervorgebracht. Widersprüche. Was wenn Henschel sein Geld aus den Filmtheatern abgezogen hat, weil er im Waffengeschäft höhere Rendite erwartete und schließlich auch belohnt wurde mit dem zweiten Weltkrieg? Weitsichtiger Mann vielleicht? Der schon ahnte, dass 1943 durch Fliegerbomben 90 % seiner Kinos zerstört werden würden? Fakten sind gefragt. Der Vater: Im Dezember 1905 eröffnet James Henschel das “Helios Theater“ in der Großen Bergstr. 11-15 in Altona (Preussen). Das Theater hat 500 Sitzplätze. Henschel “kam von der Konfektion“ (wie Lubitsch). 1918 verkauft er seine Häuser und seine Firma Monopol Film Verleih an die neugegründete UFA (und andere Kinobesitzer) und “zieht sich ins Privatleben“ zurück. 1919 ist das Sturmjahr der Kommunalisierungsbewegung der Filmtheater. Im Badischen Landtag ebenso wie in Frankfurt a. M., Halle, München und anderen Orten fordert man staatlicher- oder städtischerseits die Kommunalisierung der Kinobetriebe. In München kam es dabei im September bis Dezember 1919 zu einem Kinostreik, denn der Stadtmagistrat forderte bis zur Durchführung der Kommunalisierung eine hundertprozentige Lustbarkeitssteuer. Am 11. November 1919 geht von der UFA eine ausführliche wohlbegründete Stellungnahme in der Angelegenheit an das Reichswirtschaftsministerium. Sie schließt mit dem nachdrücklichen Hinweis, dass bei einer Kommunalisierung der Theater schwere Gefahren für den Fortbestand unserer Gesellschaft und damit eine Gefährdung der Reichsbeteiligung bei unserer Gesellschaft drohen. Am 15. April 1920 stellt die Unabhängige Sozialdemokratie einen Antrag auf Kommunalisierung der Lichtspielhäuser. Er wird vom Reichstag abgelehnt. Ein Antrag der Linken auf Sozialisierung der Filmbetriebe wurde 1919 vom Reichstag als nicht zulässig an die Länder verwiesen.“

Henschels Schwiegersöhne Hermann Urich Saß und Hugo Streit beginnen 1919 mit dem Neuaufbau eines norddeutschen Kino Konzerns. (Henschel Film- und Theater Konzern OHG). Das “APOLLO THEATER“ in Hamburg Hammerbrook, Süderstrasse 56 mit 456 Sitzplätzen, das “CITY THEATER“ Steindamm 9 mit 550 Sitzplätzen, die “SCHAUBURG AM HAUPTBAHNHOF“, Mönckebergstr. 8, mit 883 Sitzplätzen, die “SCHAUBURG UHLENHORST“, Winterhuder Weg 106, mit 680 Sitzplätzen werden von ihnen gepachtet. 1926 (noch vor Beginn der Tonfilmzeit) beginnen sie mit dem Neubau riesiger Lichtspielpaläste. Im Februar 1927 wird die “SCHAUBURG AM MILLERNTOR“, Reeperbahn 1 / Ecke Circusweg mit 1156 Sitzplätzen eröffnet. Architekt ist Carl Winand. Ein Restaurant für 500 Gäste wird ebenfalls errichtet. Bauzeit 4 Monate. Baukosten etwa 500.000,– RM. “Ein geräumiger Vorraum führt zur Empfangshalle. Von hier aus ist der Zuschauerraum zu betreten. Breit angelegte Treppen führen zum Ranggeschoß. Notausgänge in genügender Anzahl nach dem Cirkusweg. Zu beiden Seiten der Bühnenwand ist eine Oskalyd Orgel mit Fernwerk von der Firma Furtwängler & Hammer aus Hannover eingebaut. Die Bühnenwand zeigt vor der Bildfläche einen Raum für Vorspiele.“

Und eine Korrektur aus der Festschrift die “im Februar 1927 unseren Besuchern überreicht wird“ der Herr heißt nicht Hermann Ulrich Saß, sondern Hermann Urich Saß. Ist deswegen sein späteres Verschwinden nicht bemerkt worden? Die Schwiegersöhne müssen mit Geld gut ein(ge)deckt sein, denn von nun an geht es Schlag auf Schlag: Im September 1928 kommt die “SCHAUBURG HAMMERBROOK“, Süderstrasse 73, mit 1450 Plätzen dazu. Architekt Georg Koyen. “1924 wurde auf dem Platz Süderstrasse von privater Seite eine Markthalle errichte, die aber nicht bestehen konnte. Am 16. September 1928 wird das Kino nach gründlichem Umbau eröffnet.“ Es folgen 1928 die “SCHAUBURG BARMBECK“, Denhaide 91-95 mit 1100 Sitzplätzen, 1929 die “SCHAUBURG WANDSBEK“, Hamburger Strasse 7, mit 1100 Sitzplätzen. Weitere Theaterneubauten 1929 sind: die “SCHAUBURG NORD“, Fuhlsbüttler Str. 165, mit 975 Plätzen und die “SCHAUBURG HAMM“, Hammer Landstr. 6-8, mit 1520 Sitzplätzen. Der “HENSCHEL FILM UND THEATERKONZERN“ wie er jetzt genannt wird, mit Sitz in Hamburg 36, Dammtorstr. 27 (direkt zwischen OBERSCHULBEHÖRDE UND STADTTHEATER-heute “Staatsoper“) pachtet bis Ende 1929 weitere Theater: das “BURG THEATER“ in Hamburg Rothenburgsort, Billhörner Röhrendamm 79-83 mit 410 Sitzplätzen und 1930 übernimmt Firma Henschel aus das ehemalige “Gründungs Kino“ des James Henschel “HELIOS THEATER“ in der Großen Bergstrasse 11-15 und wandelt es in die “SCHAUBURG ALTONA“ mit 500 Sitzplätzen um.  Damit verfügt das Unternehmen Henschel 1930 über 12 Filmtheater mit insgesamt 10.731 Sitzplätzen. Auch hier drängen sich Vergleiche zur Gegenwart auf. 1988 also 58 Jahre später hat der “Ramschladen“ Kino Besitzer (Hanseatisches Oberlandesgericht 6. Mai 1982) ebenso viele Sitzplätze in Hamburger Kinos. Henschel spielte in seinen Kinos die unabhängige Ware: Die neuen Filme von Chaplin, die “Russenfilme“ von Eisenstein, Vertov, Dowschenko (“ARSENAL“-nebenbei nach diesem Film von Dowschenko sind auch in Hamburg zwei Kinos benannt, aber noch nie dort gezeigt worden). Doch sicher auch die gängige Durchschnittsware. Doch andere Filme als in der Firma des “Geheimen Finanzrates Hugenberg“ der UFA. Dieser Konzern eröffnet sein neues Großkino im “DEUTSCHLANDHAUS“ Valentinskamp / Ecke Dammtorstrasse (Architekten Block und Hochfeld) mit 2600 Plätzen am 21.12.1929 mit dem deutschen Film von Leni Riefenstahl und Arnold Fank: “DIE WEISSE HÖLLE VOM PIZ PALÜ“ einem Film eben jener Dame die bei dem “Schirmherr des deutschen Films Josef Goebbels“ mit dem “Triumph des Willens“ (1934) so große Erfolge erringen konnte. Zur Eröffnung waren die 2600 Plätze des “UFA PALAST“ mit Vertretern des Senats, der Bürgerschaft und der Behörden besetzt. Unter der Regie von Hugenberg und Klitzsch (der gleichzeitig Vorsitzender der SPIO war) hielt die UFA die vermeintliche “deutsche“ Tradition hoch.“ Ähnliche Gründe bestimmen die UFA, keine Werbefilme linksgerichteter Zeitungen in den UFA Theatern zuzulassen, und 1929 lehnt man ab, für den amerikanischen Film “IM WESTEN NICHTS NEUES“ Atelierraum zur Synchronisation oder gar Theater zur Vorführung zu Verfügung zu stellen . . . Aus der gleichen Haltung heraus fasst man den Entschluss,  dass die UFA künftig keine sowjetrussischen Filme mehr für ihre Theater mietet . . . man wahrte unbedingte Zurückhaltung, wenn ausländische Bestrebungen sich gegen das d e u t s c h e Ansehen wandte oder von weltanschaulich untragbar erscheinenden Tendenzen geleitet wurden.“ Stattdessen wird dist“. er Reinertrag des Filmes “DER WELTKRIEG“ (1927) . . .der Erstaufführung zum Besten der Hindenburg Spende überwiesen“. Auch hier drängen sich Vergleiche auf. 1937 übernehmen die Nazis die Aktienmehrheit der UFA und gründen zur “Verwirklichung nationalsozialistischer Ziele“ den UFI Konzern. Nach der Kapitulation des Dritten Reiches werden beide Unternehmen von der Besatzungsmacht erneut zusammengefasst. Kurz darauf wird die UFA “Reprivatisiert“ und die UFI kraft Gesetzes aufgelöst. Die UFA (privat) entsteht neu in Gestalt zweier Teilgesellschaften der “UNIVERSUM FILM AG“ und der “UFA THEATER AG“. 1964 übernimmt die “Bertelsmann-Gruppe“. 1971 wird der Verkauf an Riech vorbereitet. Am 1. Januar 1972 übernimmt Riech die zum Verkauf gestellten Aktien mit einem Nominalbetrag von 12.5 Millionen DM. Über den Verkaufspreis liegen keine exakten Zahlen vor. Die Fachpresse spricht von 30-40 Millionen DM. Kurz gefasst die Geschichte der UFA: General Ludendorf – Hugenberg – Goebbels – Bertelsmann – Riech. Eine Kette von Namen. Die Firma Henschel ist nicht dabei. Bleibt Fakt: Die Firma „Henschel Film- und Theaterkonzern KG“ hat ein Kapital von 300.000,– RM. 1933 im Jahre der Machtübergabe wird eine Gesellschaft mit 20.000,– RM gegründet. Die Firma trägt den Namen: “SCHAUBURG LICHTSPIELBETRIEBSGESELLSCHAFT mit beschränkter Haftung“: Geschäftsführer Paul Romahn, Hamburg Bergedorf, Karolinenstr. 10 und Gustav Schümann, Oberaltenallee 22. P1040974MöllersKamp10kleinWohnhaus von Paul Romahn (1933) in Bergedorf, Karolinenstrasse 10 (Heute Möllers Kamp 10)

Foto Mai 2018 Foto Jens Meyer By-nc-sa_colorNilpferdeinauge

Prokurist: Robert Stauffenberg, Dannerallee 22, Bank: Commpribank. Diese Gesellschaft übernimmt 1934 mit 20.000.– RM (Kapital) 11 von 12 Filmtheatern der Firma „Henschel Film- und Theaterkonzern KG“. In den Adressverzeichnissen der Filmwirtschaft wird die Firma Henschel von nun an (1934) als „Henschel Film- und Theaterkonzern KG“ mit der neuen Anschrift: Spitaler Str. 12 geführt. Drei Jahre später (1937) taucht in eben den gleichen Adressverzeichnissen eine “J. HENSCHEL GMBH“ in Hamburg 36 mit einem Kapital von 300.000,– RM auf. Geschäftsführer der GmbH: Paul Lehmann, Alexander Grau, Max Stüdemann, Rudolf Schmidt. Als Bank wird angegeben: DEDIBANK. Welche Geschäfte da noch geführt werden? Wo doch alle Kinos verkauft oder verpachtet sind? Doch der Eintrag im Filmtheateradressbuch taucht auch 1939 noch auf: Ein Jahr später (1940) wird die Bank der J.Henschel GmbH gewechselt. Von nun an ist es die “DEUTSCHE BANK“. Auch die andere Gesellschaft, die “SCHAUBURG LICHTSPIELTHEATER GMBH ROMAHN UND SCHÜMANN“, wie sie sich 1941 nennt, wechselt zur Commerzbank. Eine neue zusätzliche Prokuristin wird eingestellt: Gretel Dubbert, Roßberg 5. Der eine Geschäftsführer Gustav Schümann zieht in die Goßlerstr. 84 in Wandsbek. 5 Jahre nach Beendigung des zweiten Weltkriegs (1950) gibt es im Adressverzeichnis keine J.HENSCHEL GMBH mehr. Die “Lichtspieltheatergesellschaft Romahn und Schümann hat (1950) eine neue Anschrift: Hamburg 21, Adolphstr. 22. (Heute 2018 Herbert Weichmann Strasse 22)P1050011HerbertWeichmannstrassekleinWohnhaus von Paul Romahn und Gustav Schümann in der Adolphstrasse 22 (1951) (Heute: Herbert Weichmannstrasse 22)By-nc-sa_colorNilpferdzweiaugen

Foto (Mai 2018) Jens Meyer

Zurzeit keine weiteren Spuren aufzufinden. Bei meinen Recherchen gerate ich an den alten Judenfriedhof in Altona. Heute liegt er verlassen zwischen Königsstrasse und Nobistor unweit des ehemaligen “HELIOS FILMTHEATERS“ des James Henschel. Die meisten “SCHAUBURGEN“ wurden von amerikanischen und englischen Bomberpiloten beseitigt. Nur eine Schauburg ist noch übrig: Die “SCHAUBURG UHLENHORST“ im feineren Stadtviertel gelegen. Alle anderen 11 Kinos in Barmbek, Hamm, Hammerbrook, Altona, St. Pauli und Wandsbek sind zerstört. Auch die Schauburg gegenüber des Judenfriedhofes existiert nicht mehr. Eine Mauer aus Klinkerstein und ein verschlossenes Gartentor. Kein Hinweis, keine Tafel, kein Name weist darauf hin, was sich hinter dieser Mauer befindet. Aber zwischen vielen Bäumen, die wohl erst nach dem Krieg gepflanzt wurden, stehen Grabsteine in jüdischer Manier. Einige Grabplatten sind dicht nebeneinander in die Erde eingelegt. Auch im Falk Plan kein Hinweis auf den Judenfriedhof, wo doch jedes öffentliche Klo, jede Post und jede noch so kleine Pup-Firma “lagerichtig“ eingetragen sind. Dagegen ein Stadtplan von 1914. Zwischen Großer Bergstrasse (dieser Teil der Großen Bergstrasse heißt heute Nobistor) und Königstrasse ein Isrealitischer Friedhof mit einer Teilung. Auf der Seite der Großen Bergstrasse die deutschen Juden, auf der kleinen Ecke zwischen Blücherstrasse und Königstrasse der Teil des Friedhofs für die portugiesischen Juden. Dort liegen die großen Steine nebeneinander in der Erde. Portugiesische Juden? Warum die Heimlichkeit? Wem gehört das Grundstück? Ein “wertvolles“ wie sich Altonaer Bezirkspolitiker gerne ausdrücken. Ein gleich großen Grundstück wie das auf dem bis 1943 eine Garnison und ein Lazarett standen, das 55 Jahre brach lag und nun doch so schnell bebaut werden soll, als käme es bei 55 Jahren auf ein paar Monate an. Und das nach Auskunft der FDP Altona doch zu wertvoll für einen Park oder einen Spielplatz ist. Da muss schon richtig Geld verdient werden. Doch selbst wenn sich auf diesem jüdische Friedhof ein Zugang finden liesse: Die meisten Juden, denen die Deutschen und Artverwandten das Eigentum und das Leben nahmen, sind sicher nicht auf Friedhöfen beerdigt worden. Die “Gnade der späten Geburt“. Es gibt in der Branche noch einige, die von früher berichten könnten. Der Theaterleiter des Streits Herr Franke (Einfügung 2017: Oswald Franke geb. 10. November 1914), zwar Angestellter des Riech Konzerns hilft weiter: Der Gustav Schümann hat ja lange bei dem Henschel Konzern gearbeitet. Er hat einen Sohn, den Tim Schümann, seine Firma Schümann und Haberland hat auch lange die Barke in der Mönckebergstrasse betrieben, vielleicht weiß der was. “Ich war solange im Krieg und als ich wieder kam war ja alles zerstört“. Doch kann ich ihn offen fragen, wie der Vater zu der Kinokette des Henschel Konzerns mit 20.000,– RM Kapital gekommen ist? Und wenn ich frage, wird er eine ehrliche Antwort geben? Ich rufe an. Doch auch er weiß am Telefon wenig über den Verbleib des Henschel Konzerns zu sagen. Ein Zweig der Familie lebt in Brasilien, ein anderer in Mexiko. Das ist die einzige Ausbeute am Telefon. Soll ich den Sohn des mutmaßlichen Arisierers genauer fragen, ohne dass ich selbst aus anderer Quelle genauere Informationen besitze? Vor der Reise nach Brasilien müssen doch auch hier Informationsquelllen sein, die noch nicht verschüttet sind. Vielleicht wurde Wiedergutmachung beantragt und gewährt. Und wenn nicht? In Altona gibt es noch einen alten Kinobesitzer Herrn Timmermann (Hugo Timmermann), er betrieb ein Kino in der Thedestr. 68 (bis 1945 Bürgerstrasse). In den 50iger wurde die gesamte Häuserzeile abgerissen, damit eine “Asbesthalle“ (die Aula der Gesamtschule Bruno Tesch) entstehen konnte. (Anmerkung 2017: Die Bruno Tesch Gesamtschule wurde inzwischen auch abgerissen. An gleicher Stelle wurde eine neue Gesamtschule gebaut, die auch einen anderen Namen erhielt. Statt eines Kommunisten wurde die Schule nach einer in Hamburg unbekannten SPD Genossin benannt). Herr Timmermann ist jetzt 83 Jahre alt und bekommt schon alles durcheinander. Er will jetzt auch nicht mehr über die Vergangenheit sprechen, aber früher soll er ein gebildeter Mann gewesen sein. Doch was soll ich jetzt mit seinen Informationen, auf die man sich nicht mehr verlassen kann. Auch Meta Schultrich vom “OLYMPIA PALAST“ in der Bachstr. “die mit den Erdbebenfilmen“ ist verstorben. Und die Jüngeren wie Robert Naht haben erst nach dem Kriege in der Branche als Vorführer angefangen. Doch von Riech Kinos hält er nichts.“Was dieser Mann mit den Kinos gemacht hat, ist wirklich eine Schweinerei“. Die Kinder der Bruno Tesch Gesamtschule wären ganz glücklich, wenn statt der Aula mit Asbest noch das alte Kino stehen würde. Aber auch ihnen hat niemand etwas über das Grundstück der Schule und das Kino erzählt. Die Einsicht ins Handelsregister erscheint als möglicher Weg. Doch die normale Unternehmensform für Filmtheaterbetriebe ist in der Regel nicht die eintragungspflichtige Kapitalgesellschaft. Und die Rechtsform des Henschel Konzerns zum Gründungszeitzpunkt durch Hermann Urich-Saß und Hugo Streit ist unklar.DER DEUTSCHE FILM“ Mitteilungsblatt der 1933 gegründeten Reichsfilmkammer, herausgegeben von Dr. Fritz Hippler, der heute noch zufrieden von seiner guten Pension lebt, liegt in der Bücherei der Landesbildstelle Hamburg in seiner vollständigen Ausgabe zwischen 1933 und 1941 vor. Es ist nicht einfach festzustellen, ob die Monatszeitschrift aus Berlin später nicht mehr erschienen ist oder nur nicht mehr bezogen wurde. Die vorliegenden Ausgaben enttäuschen mich. Sie entsprechen nicht dem Bild der Reichsfilmkammer, das ich mir gemacht habe. Ausgesprochen modern und relativ neutral. Kaum Angriffe gegen Juden oder jüdische Firmen. Jedenfalls keine Hinweise auf “Arisierung von Filmtheaterbetrieben“ wie die Enteignung von den Nazis damals genannt wurde. Wie viele “deutsche“ Bäckermeister sind damals auflegale“ Weise in den Besitz einer Bäckerei gekommen? In der Geschichte findet sich nur das ganz “Große“: Die Enteignung der Kaufhäuser, der Fabriken, der Reedereien. Auch die Alliierten untersuchen in den OMGUS Berichten nur die großen Geldschiebereien. Vom Henschel Konzern auch hier keine Spur. Mir fällt die Demonstration durch das ehemalige Judenviertel in Hamburg Harvestehude wieder ein und die Nachdenklichkeit, die mich damals beim Gang durchs Villenviertel beschlichen hat. Die großen Häuser, die teuren Grundstücke und wie leicht es den Nazis gewesen sein muss, die Juden als die “Blutsauger“ des Volkes hinzustellen, mit deren Ausrottung alle sozialen Ungerechtigkeiten zu beseitigen wären. Und auch der Gedanke, dass die hier lebenden Juden wahrscheinlich gar nicht in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten gelandet sind, sondern in Nord- und Südamerika. Vernichtet wurden doch wohl die armen Juden. Wie der Bombenhagel, der auf Hammerbrook und Altona aber nicht auf Harvestehude und Blankenese niedergegangen ist. Das “Kellerloch am Hauptbahnhof“ sein Besitzer hat es “Kino Center am Hauptbahnhof“ genannt, sieht heute noch genauso aus, wie es Wolf Donner es 1975 in seinem 90 Zeilen Wutausbruch (in der Zeit) beschrieben hat. Die Zuschauer lassen es sich gefallen, dass Bilder nur halb zu sehen sind, dass Versorgungsleitungen die Sicht behindern, dass in der einen Schachtel der Ton von der anderen Schachtel zu hören ist. Sie sind wie der Feuerwehrmann, der diese Räume abgenommen hat. Warum er überall beide Augen zugedrückt hat, waren überall Blaue verteilt? Wer will im Falle eines Brandes verantworten, wenn aus dem Kellerloch nur noch wenige lebend herauskommen? Dem Publikum ist es scheints egal, wie und auf welche Weise ihnen die Ware geboten wird. Auch die Besitzverhältnisse interessieren niemand, wo die Kohle hingeht, die sie an der Kasse abdrücken müssen. Die Fassade des “UFA-PALASTES“ (vom ursprünglichen “LESSING THEATER“ keine Spur) wird renoviert. “Nun warten wir doch erst einmal ab, was der Riech das vorhat. Wir haben schon genug auf ihm herumgehauen“. sagt der Szene Filmredakteur, der niemanden etwas zuleide tun will.

NOSTALGIE

Die Filmgeschichte besteht aus Produktionsfirmen, aus Regisseuren, aus Schauspielern, Kameraleuten, Filmarchitekten, Drehbuchschreibern und großen Verleihfirmen. Für die Händler, die die Ware an das Publikum bringen interessiert sich die Filmgeschichte nicht. Und wenn Filme über Kinobesitzer entstanden sind, dann haben sie mit der Realität wenig zu tun: Interessant sind nur abseitige oder nostalgische Personen und Geschichten: Die Dorfkinobesitzerin, die nach dem verlorenen Kriege das Kino wieder renoviert hat, selbst Kohlen klauen gegangen ist, damits im Kino warm wurde, das gibt einen Film. Die anderen sind keine Zeile und kein Bild wert. Doch sie sind der eigentliche Motor des Geschehens. Sie bestimmen letztendlich, ob sich ein Film realisieren kann. Und dies geschieht erst, wenn der Film gezeigt wird, egal wo. Und diese Struktur der Besitzverhältnisse bestimmt letztlich auch, welche Filme an die Öffentlichkeit gelangen und welche nicht. 1930 jedenfalls ist die Zeit des Gemüsehändlers, der seinen Laden zum Kino umbaut, längst vorbei. Mit der Einführung des Tonfilmes kommen Banken und Elektrokapital im Kino zum Zuge. Sie können die hohen Investitionen bezahlen, die durch Einführung des Siemens Klangfilmsystems notwendig geworden sind. Sollte es das sein, was den Henschel Konzern 1934 verschwinden lässt? Ein anderer Kino Konzern, der auch Produktionsfirmen hatte: der “EMELKA KONZERN“ verschwinden 1932 auf diese Weise, geht pleite und wird in der BAVARIA FILM mit Unterbrechungen bis heute fortgeführt. Aber Henschel? Heinz Riech wird 1922 in Ostpreußen geboren. (Am 5. Juli 1922 in Adlig Kermuschienen in Ostpreussen, gest. am 11. Januar 1992). Dort soll er Großhandelskaufmann und landwirtschaftlicher Inspektor gelernt haben. Nach der Flucht vor der Roten Armee eröffnet er 1945 in Hiltrup im Münsterland sein erstes Kino. Rührende Geschichten werden von der Ehefrau erzählt, die noch in der Nacht vor der Eröffnung mit der Nähmaschine an dem Vorhang näht. 1952 hat er bereits drei weitere Kinos: Die “FILMBÜHNE ALBERSLOH“, in der Trensteinfurther Str., die “FILMBÜHNEWOLBECK“, in der Bahnhofstr. 227, die “RÖMERLICHTSPIELE“ in Gemmendorf, Albersloher Weg. Gewiß ein Kinounternehmer der ersten Stunde. Mit dreissig Jahren bereits vier Kinos. Heute mit 66 Jahren (andere wären da längst im Vorruhestand) besitzt er knapp vierhundert Kinos und verfügt durch seine Stellung in den Großstädten über weitere 200 Kinos, die von ihm abhängig sind. Die kleinen Kinobesitzer hören es nicht gern, denn “abhängig“ hört sich nicht gut an. Hamburg und Frankfurt gehören ihm ganz, hier kann er entscheiden, welcher Film in welchem Kino wie lange laufen soll. In Berlin teilt er sich den Kuchen mit einem anderen, ob immer freundschaftlich   – Geschäft ist eben Geschäft – bleibt zu fragen. Auch scheinbar unsinnige Anmietungen wie das “Studio am Pferdemarkt“ in der Bernstorffstr. in Altona, oder das “Cinema“ in der Bundesallee in Berlin machen unter dem Gesichtspunkt der Marktbeherrschung einen Sinn. Und auch wenn der Szene Redakteur Schröder (Nicolaus Schröder) nur Rachefeldzüge zwischen Riech und dem neuen Konkurrenten Flebbe erkennen kann, dahinter verbirgt sich doch das geschäftliche Kalkül. Der neue – Hans Joachim Flebbe aus Hannover – muß sich jedenfalls beeilen, will er denn genauso groß werden wie Riech, hat er doch erst knapp 90 Kinos. Doch hinter diesen Kämpfen um Marktanteile scheint es ein Gesetz zu geben das so ähnlich funktioniert wie beim Kampf der Lebensmittelketten. Zunächst ist es so: DIE GROSSEN FILMVERLEIHER BELIEFERN NUR DIE GROSSEN FILMTHEATERBESITZER MIT ATTRAKTIVEN SPRICH “KASSENSTARKEN“ FILMEN. Alle anderen Kinobesitzer kommen erst dran, wenn die Ware von den Großen schon völlig “ausgelutscht“ ist. Gemäß dem Brecht Zitat: “Wenn du nicht untergehen willst, musst du dich wehren, das wirst du doch verstehen.“ – wehrt sich der kleine Kinobesitzer auf Marktwirtschaftart – die einzige, die ihm zur Verfügung steht. Er muss versuchen, anderen Filmtheaterbetrieben lukrative Filme abzujagen, und so schnell wie möglich das Imperium mit anderen Kinos zu vergrößern. Je mehr Kinos, desto mächtiger ist der Kinobesitzer gegenüber den Verleihen. Desto größer der Umsatz, desto leichter ist die Übernahme weiterer Kinos. Und damit weitere Auswahlvielfalt. Was zunächst ein Ziel mit auch kulturellem Inhalt ist, wird ab einer bestimmten Betriebsgröße nebensächlich. Dann geht es nur noch um die Einspielergebnisse. Inzwischen hat er selbst für die Umstellung des Publikums gesorgt: Es sind die KIDS zwischen 12 und 19 Jahren. Eine Umstellung bei der jetzigen Betriebsgröße auf eine andere Besuchergruppe, denen das Kino schon lange abgewöhnt wurde, kostet viel Geld. Also lässt er es. Schließlich kommt es zur nächsten Phase: Der Konzern wird unübersichtlich. Fehlinvestitionen bleiben nicht aus. Der Konzern geht pleite und wird von dem nächsten Neueinsteiger mit neuen Ideen übernommen. Dafür gibt es im Nachkriegsdeutschland eine Reihe von Beispielen in Verleih – und Filmtheaterbereich: Die Firma Atlas des Jungunternehmers Eckelkamp, er investierte aufgrund guter Geschäftsergebnisse (z.B. Bergmann “Das Schweigen“) in die Produktionen, die eine große Summe Geldes für lange Zeit banden (z.B. Tati: “Traffic“ und Kawalerovicz “Pharao“) und der ehrgeizige Aufbau eines 16 mm Verleihs für nichtgewerbliche Zwecke. Das Unternehmen muß Konkurs anmelden und die Auswertung der Filme wurde von verschiedenen Auffanggesellschaften übernommen. Auch die “NEUE FILMKUNST WALTER KIRCHNER“ hat in den 60iger Jahren Unsummen in den Aufkauf und Ausbau der “Lupe Kinos“ gesteckt. Wohl auch in der Erwartung, dass die Geschäftslage des eigenen Filmverleihs mit gleicher “Filmkunststaffel“ immer so weiter geführt werden könne. Die Neuanschaffung von Filmen wurde aus Kostengründen zurückgestellt. Kaum setzte die “Filmkunstflaute“ ein, konnten die aufgenommenen Kredite nicht mehr zurückgezahlt werden. Das Unternehmen meldete Konkurs an, musste eine Reihe von Lupe Kinos (bis auf 2 Kinos in München und Köln) verkaufen und konnte die Lizenzen von gut gehenden Titeln wie z. B. “Sein oder Nichtsein“ von Ernst Lubitsch nicht mehr verlängern. (Flebbe mit Impuls Film griff zu). Auch hier wieder eine Auffanggesellschaft: Die Lupe GmbH. Und der Henschel Konzern? Wird der Film darauf eine Antwort finden? Das weiß ich heute noch nicht. Ich habe das Gefühl, ich stehe erst am Anfang der Recherche und der Zuschauer wird alles Mögliche erfahren aber nicht unbedingt über das Schicksal des Henschel Konzerns der Schwiegersöhne des James Henschel aus der Textilbranche. Vielleicht ist die Geschichte ganz einfach erklärbar. Vielleicht einfach so: DIE BANKEN KÜNDIGEN DIE KREDITE. Das Unternehmen wird zahlungsunfähig und muß Konkurs anmelden. Ein Konkurrent hatte seine Hand im Spiel, der Markt sollte bereinigt werden. Oder so: Henschel ist Jude und die Nazis ARISIEREN die Firma. Einer mit “deutschem oder artverwandten Blut“ bekommt einen Kredit und erwirbt die Firma fürn Appel und n Ei. Der Name Henschel verschwindet: Keiner erinnert sich heute noch gerne an die “freundschaftliche Arisierung“, wie der Enteignungsvorgang von den Nazis genannt wurde. Mancher “deutsche“ Bäckermeister, mancher “deutsche“ Schlachtermeister kam auf diese Weise zu einem eigenen Betrieb. Warum nicht auch ein Filmtheaterbesitzer?

Hamburg, d. 16. April 1989 Otto Meyer

Ps: Eltern machen das manchmal, dass sie ihren Kindern mehrere Vornamen verpassen. Vermutlich damit das Kind überhaupt irgend was erbt, wenn sie nicht mehr sind. Mir haben sie drei gegeben. Und die müssen ja für irgend was gut sein.

(Folgt eine Kalkulation für einen Film auf U-Matic High Band). Bei der Durchsicht und Abschrift dieses Textes aus dem Jahr 1989 fällt mir auf, dass sich wenig sachliche Fehler in meinen Recherchen und Vermutungen befinden, die in diesem Text verarbeitet sind. Immerhin ist der Text jetzt schon 28 Jahre alt und fast alle Vermutungen haben sich bestätigt. Insbesondere die Beraubung und Ausplünderung der Hamburger Jüdischen Kinobesitzer. Insbesondere die, die damals Kinder und Jugendliche waren und von mir befragt wurden, als ich knapp 40 und sie 76 Jahre alt waren. Meist hatten sie als Kinder keine Kenntnis davon, dass sie Juden waren, weil sie sehr freiheitlich erzogen wurden. Die Religion kam ganz zuletzt. Überraschend ist, dass sich alle Deutschen bereichert haben, egal ob sie mit den Ansichten der Nazis übereinstimmten oder nicht. Auch das Waterloo Theater und das Thalia Kino wurde jüdischen Kinobesitzern „weggenommen“. Hamburg, d. 6. November 2017  Jens Meyer

Foto vom Thalia Kino Grindelallee 116 in Hamburg von Marc Lissauer. Das  Foto ist nach dem 17. Oktober 1928 entstanden. Das erkennt man an dem angezeigten Film mit Ossi Oswalda „Das Haus ohne Männer“, dessen Start war am 17. Oktober 1928. Marc (Hermann) Lissauer ist zu diesem Zeitpunkt fünf Jahre alt. (geb. am 18. März 1923. Seine Mutter Pauline (Paula) Lissauer flieht zusammen mit ihrem Sohn am 18. März 1937 aus Deutschland nach Rotterdam. Hermann ist gerade 14 Jahre alt geworden. Pauline stirbt 1989. Marc Lissauer stirbt am 28. Februar 2016 in Elwood in Australien. Frida und Jeremias Henschel waren seine „dritten Großeltern“. In einer Mail schreibt Marc Lisssauer aus Australien: „Frida sass an der Kino Kasse und fuhr abends zusammen mit James Henschel und der Waschbalje voll mit 10 Pfennigstücken per Droschke nach Hause. Vor dem Belle Kino gab es auch eine elektrische Strassenbahn, die sie manchmal benutzten.“ThaliaKino1

By-nc-sa_colornilpferd_tumbBelleAllianceBallsaal1908Anmerkung 2018: Die Bildunterschrift ist eine Falschmeldung (um 1908). Bereits am 1. Januar 1906 war hier das Unternehmen: VORFÜHRUNG LEBENDER PHOTOGRAPHIEN“ in den ehemaligen Ballsaal eingebaut. Das Buch mit diesem Bild und diesem Text erschien im Verlag Christians.

Stolpersteine Reeperbahn 1 Ecke Zirkusweg

Text vom 24. Oktober 2017

Hier werden heute zwei Stolpersteine für den jüdischen Kinounternehmer Hermann Urich Sass verlegt.

Hermann Urich Sass hat sich am 27. Januar 1933 das Leben genommen. Er wurde am 30. Januar 1933 auf dem jüdischen Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf beerdigt. Der Selbstmord wurde lange Zeit verschwiegen.

Während meiner Studienzeit von 1970 bis 1974 an der dffb hielt ich mich auch oft in der Bibliothek der Film- und Fernsehakademie auf. Dort gab es die Reichskinoadressbücher, sauber geordnet nach Jahren, Städten und Verleihbezirken. Im Bezirk Hamburg/Norddeutschland fiel mir ein Unternehmen auf, das sich „Henschel Film- und Theaterkonzern“ nannte und im Laufe der Jahre 1934 bis 1938 erst den Besitzer und dann auch noch den Namen wechselte. Weitergehende Literatur über den „Henschel Film- und Theaterkonzern“ fand ich nicht. Verwundert war ich über die Bautätigkeit dieses Konzerns und die Größe der Kinos. Sie waren im Krieg alle zerstört worden. Dann hab ich die Sache vergessen.

Erst 1987 habe ich den Faden wieder aufgenommen. Es muss doch herauszubekommen sein, warum so viele Kinos zwischen 1933 und 1938 den Besitzer gewechselt haben, dachte ich, und machte mich über die Mikrofilme her, von denen ich wusste, dass sie in der Bibliothek der dffb zu finden waren. Es sollten Recherchen für einen Dokumentarfilm werden. Vielleicht verbarg sich hinter dem Verschwinden eine spannende Geschichte, die bisher niemand beachtet hatte.

Ich weiß nicht, ob jemand schon mal längere Zeit vor einem Mikrofilm-Lesegerät verbracht hat. Es ist langweilig, mühselig und in der Sache ermüdend. Besonders dann, wenn man eigentlich nicht weiß, was man sucht. So ging es mir auch, und ich wollte die Sache schon aufgeben. Aus der systematischen Suche von Januar bis Dezember wechselte ich in den Modus der unsystematischen Suche nach bestimmten Tagen in bestimmten Jahren. Also machte ich mich auf die Suche nach den Tagen, die man uns im Geschichtsunterricht als wichtig beigebracht hatte: die Ermordung des Thronfolgers, Kriegserklärung, erster Weltkrieg, Kapitulation, Flucht des Kaisers nach Belgien, Aufstand der Matrosen, schwarzer Freitag, Inflation, Hamburger Aufstand und der Tag der „Machtergreifung“, wie ich diesen Tag damals ebenfalls nannte. (Der Hamburger Aufstand wurde im Unterricht meist vergessen).

In der Lichtbild-Bühne (LBB) fand ich dann die Meldung:

Am 27. Januar 1933 verstarb in Hamburg der Kinounternehmer Hermann Urich Sass und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Hamburg Ohlsdorf am 30. Januar 1933 um 15.00 Uhr beerdigt.“

Das Grab in Ohlsdorf war mit Hilfe des Friedhofswärters schnell gefunden. Anders als andere Religionen, die nur 25 Jahre ihre Steine stehen lassen, sollen die Gräber der Juden dort bis zum jüngsten Tag stehen. Der Friedhofswärter bemerkte die goldene Schrift auf dem Stein und kommentierte trocken: „Da hat er ja die ganze Scheiße nicht mehr miterleben müssen.“ Dem konnte ich zustimmen und war noch neugieriger als vorher. Ich dachte bei mir: Ein klug gewähltes Todesdatum. Ohne dieses Datum hätte ich weder das Eine noch das Andere erfahren. Der Grabstein war gut erhalten, und es sah so aus, als wenn jemand für diese Grabpflege bezahlen würde. Die erste Spur auf der Suche nach glaubwürdigen Zeugen.

Auf 15 Schreibmaschinenseiten notierte ich meine Recherchen und meine Vermutungen über den „Henschel Film- und Theaterkonzern“ und gab dieses Manuskript bei der Friedhofsverwaltung des Jüdischen Friedhofes Ohlsdorf ab mit der Bitte, dieses Manuskript an diejenigen weiterzureichen, die für die Grabpflege bezahlten. Und habe gewartet. Nach drei Wochen erhielt ich Antwort. Aus Belo Horizonte in Brasilien. Aus Beverly Hills in den USA. Aus Mexico City. In den Briefen schrieben der Sohn von Hermann Urich Sass – Horst Urich Sass – und die Söhne von Hugo Streit – Rolf Arno Streit und Carl Heinz Streit.

Der Henschel Film- und Theaterkonzern war eine Firma, die ihren Vätern Hermann Urich Sass und Hugo Streit gehört hatte. Auch ihre Großeltern waren schon Kinobesitzer gewesen. Jeremias Henschel und seine Frau Frida haben das Gewerbe angefangen.

In der Zwischenzeit war es mir gelungen, das Filmbüro Hamburg auf meine Entdeckung aufmerksam zu machen. Für ein Filmprojekt stellten sie 80.000 DM zur Verfügung. Eingetroffen in Belo Horizonte und Beverly Hills war die erste Frage der Emigranten: „Warum dauert das so lange, dass mal einer aus Deutschland kommt und fragt, wo die Kinobesitzer von damals geblieben sind?“ Ich hatte keine Antwort. Selbst kannte ich nur unglaubwürdige Zeugen zu Hauf.

Der Ordnung halber habe ich bestimmte Schubladen in meinem Kopf für ihre Abfälle bereitgestellt. Einen hatten wir mal vor dem Mikrofon, vor das er gar nicht wollte. Doch während wir sein Fotoalbum filmten, das er von seinem Vater geschenkt bekommen hatte mit der Widmung “Zur Erinnerung an die alten guten Zeiten“, hatten wir doch glatt vergessen, das eingebaute Mikrofon an der Kamera abzustellen. So konnten wir seinen Lügen von damals auch noch Jahrzehnte später lauschen.

Die Darstellung der Geschichte der deutschen Kinobesitzer, die erst 1933 zu solchen wurden, ist fast immer gleich. Da wird davon geschwafelt, der Vater, der Großvater habe das Kino einem Menschen abgekauft und habe es dann seinem Sohn oder seiner Tochter vererbt. Diese Geschichte wird immer wiederholt und ist ebenso falsch wie verlogen.

Einer hatte während der Nazizeit auch andere, amerikanische Filme gezeigt. Nach dem Krieg war er der einzige Kinobesitzer in Hamburg, der nicht Mitglied der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen gewesen war. Lange nach seinem Tod fand ich dann heraus: Auch er hatte “sein Kino” einem Juden weggenommen. Dieser hatte überlebt und forderte nach dem Krieg sein Eigentum zurück. Aber die deutsche Justiz war nicht auf Seiten der beraubten Juden. Ein “Obernazi”, der in Hamburg maßgeblich die Enteignung der jüdischen Kinobesitzer vorangetrieben hatte, trat gar als Zeuge der “Beklagten” auf und wurde nicht direkt im Gerichtssaal verhaftet, was eigentlich hätte passieren müssen. Am Ende haben sie Manfred Hirschel ein Almosen für sein Waterloo-Kino gegeben

(5 TDM). Sie haben es „Vergleich“ genannt.

Billy Wilder hat 1942 den Film „Der Major und das Mädchen“ gemacht. Er kam am 16. September 1942 in die amerikanischen Kinos. Bei uns kam er nicht in die Kinos. Man konnte ihn zum ersten Mal am 7. Januar 1972 im deutschen Fernsehen bewundern. Der Film spielt im New York von 1942. In einem Vorspanntitel ist zu lesen: “Im Jahr 1626 kauften die Holländer den Indianern New York ab. Im Jahr 1942 war kein Indianer mehr da, der dies bedauern konnte.“

Dieser Satz passt auch auf die Situation in Deutschland im Jahre 1945.

Als Billy Wilder als Offizier der amerikanischen Armee nach Deutschland zurückkehrte, war seine erste Tätigkeit, einen Dokumentarfilm aus den Aufnahmen zu machen, die amerikanische Kameramänner in den deutschen Konzentrationslagern gemacht hatten. Den Film „Todesmühlen“ wollte keiner sehen. Nicht zu vergleichen mit den Zuschauerzahlen, die Veit Harlans Machwerk „Jud Süß“ ein paar Jahre zuvor erzielt hatte. Ein Bestseller, obwohl es dieses Wort damals noch nicht gab.

Befragt, ob man in Oberammergau 1947 die Passionsspiele aufführen dürfe, äußerte sich Billy Wilder so:

Wir hatten nur ein bißchen recherchiert. Da war eins ganz klar geworden: Das Ensemble, ob Römer, ob Juden oder Jünger hatte natürlich so gut wie ausschließlich aus Nazis bestanden. Und am schlimmsten war derjenige, der den Jesus spielen sollte: Anton Lang war in der Waffen-SS gewesen. Durfte er den Jesus spielen? Ich habe meinem Kollegen damals die folgende Antwort diktiert: Sie dürfen spielen, aber nur unter einer Bedingung: dass Sie richtige Nägel benutzen.”

Vielleicht wäre es mit Hilfe solcher Drohungen schneller gelungen, die Täter dingfest zu machen und zu bestrafen. Und der Prozess der Aufarbeitung wäre nicht so unvollständig geblieben. Selbst heute, vierundachtzig Jahre später, suchen wir immer noch nach den Tätern. Nur damit so etwas hergestellt werden kann, das man Gerechtigkeit nennen könnte.

Vor knapp dreißig Jahren habe ich dem Sohn von Hermann Urich, Horst Urich Sass, versprochen, dass ich über den Selbstmord seines Vaters so lange schweige, bis er selber und seine Gattin Ciedra Urich Sass verstorben sind. Ciedra Urich Sass ist 2016 in Beverly Hills gestorben.

Aus den umfangreichen Unterlagen des späteren Staatskonzerns UFA kann man die Beweggründe des Selbstmordes von Hermann Urich Sass genau herauslesen.

Die Herren der UFA wussten bei den Verhandlungen von 1930 bis 1933 mit dem Henschel Film- und Theaterkonzern genau, das die Zeit für sie arbeitete und sie nur ein wenig Geduld haben müssten, bis ihnen der Henschel-Konzern in die Hände fallen würde. Das Material, das uns heute von der UFA vorliegt, belegt dies. Damals waren diese internen Berichte der UFA den Verhandlungspartnern aus Hamburg sicher nicht bekannt. Ich vermute, es gehört eine besondere Gabe dazu, bestimmte Entwicklungen in der Gesellschaft vorauszusehen. Hermann Urich Sass verfügte offenbar über diese besondere Gabe.

Wer die Geschichte von Jeremias und seiner Frau Frida Henschel untersucht, wird zu ähnlichen Erkenntnissen kommen. Selbst die Enkelkinder, denen es nicht komisch war, dass sie drei oder mehr Omas und Opas hatten, verfügten offensichtlich über die Gabe, bestimmte Entwicklungen zu erahnen. Oft haben sie ihre Omas, die in den Kinos an der Kasse saßen, besucht, um selbst von den Bildern zu naschen, die dort präsentiert wurden. Und manchmal sind sie mit ihnen nach dem Kino nach Hause gefahren. An die Waschbalje voller Münzen und an die Straßenbahnen haben sie noch Erinnerungen. Alles ist schon mehr als siebzig Jahre her. Auch an die heimlichen Besuche der Tanzlokale, die ihren Eltern gehörten und die man doch erst im Alter von achtzehn Jahren betreten durfte, haben sie noch Erinnerungen. Faun am Gänsemarkt war so ein Tanzlokal, im Haus des Kinos Lessing-Theater.

Einer von ihnen ist letztes Jahr verstorben. (Am 28. Februar 2016). In Australien. Geboren in Hamburg als Hermann Lissauer. In Australien nahm er einen neuen Vornamen an. Von nun an hieß er Marc. Von ihm stammt das Foto vom Thalia Kino, das ihn auf dem Balkon im vierten Stock in der Grindelallee 116 zeigt. Unten war das Kino seiner Oma, die Ranette Salfeld hieß und der das Thalia Kino gehörte – auch ein Haus mit einem Kino, das einer deutschen Jüdin weggenommen wurde.

Jens Meyer

Hamburg, 24. Mai 2018

 pdfBerichtvonFritzKuhnertUFA05021932

Fundstück: Fritz Kuhnert  (21. November 2020)

In dem Buch von Jürgen Spiker: Film und Kapital – Der Weg der deutschen Filmwirtschaft zum nationalsozialistischen Einheitskonzern, (Verlag Volker Spiess 1975, Berlin: ISBN 3-920889-045) gibt es auf Seite 296 einen Hinweis auf Fritz Kuhnert (Vorstandsmitglied der UFA):

KUHNERT, Fritz (geb. 24.5. 18901 – 3.3. 1951) (12).

Seit 28.4.1919 bei der UFA, ab 1928 Leitung der Revisionsabteilung. Ab November1932 stellvertretendes, ab ¹.11.1937 ordentliches Vorstandsmitglied mit Zuständigkeit für Finanzen, Buchhaltung, Steuern usw.. Nebenher in der Geschäftsführung zahlreicher Tochtergesellschaften der UFA AG.

Manfred Hirschel an den Oberfinanzpräsidenten in Hamburg

Tieresehendichan3ManfredHirschelmitEvalinks: Manfred Hirschel mit seiner Tochter Eva in Hamburg (1936)

Abschrift  (Original weiter unten)

Manfred Hirschel Hamburg, d. 23. Mai 1936 Hegestrasse

An die Devisenstelle Hamburg

Mit der Bitte um Genehmigung zum Zwecke der Auswanderung RM 20.000,– ins Ausland überführen zu dürfen. Es ist wohl die schwerste Entscheidung meines Lebens gewesen durch diesen Antrag den ersten Schritt zu machen, Heimat und Vaterland zu verlassen, um draussen im Ausland für meine Familie den Kampf um das tägliche Brot aufzunehmen. „Manfred Hirschel an den Oberfinanzpräsidenten in Hamburg“ weiterlesen