Die Legende von Hans und Ilse (II)

Ausschnitt aus dem Text für den Kinoantrag ans BKM . . . ”

Freitag, 23. Dezember 2016. Immer wieder erreichen uns Studienarbeiten, die sich mit der “Propaganda in Casablanca“ und der “Kürzung der ersten deutschen Fassung des Filmklassikers von 1952“ beschäftigen. Diesmal ist es eine Studienarbeit von Lena Marie Kötitz für die Uni in Marburg: (“Jetzt bei Grin Verlag . . . hochladen und kostenlos publizieren“). Merkwürdig finde ich immer wieder: Keiner stellt mal die Frage: Wer hat denn diese Fassung in Auftrag gegeben und warum? Bei meinen Recherchen (schließlich muss den Studentinnen und Studenten geholfen werden) stoße ich auf mehrere Namen: Walter A. Klinger (Sergeant der US Armee), Hans Kubaschewski (Der Mann an Goebbels Seite), Ilse Kramp (Kinobesitzerin aus Berlin)

Es beginnt alles mit der Geschichte der KUBA

Geglaubt habe ich die Geschichte nie. Die

Geschichte der KUBA (1) Wie sich eine Frau nach Oben arbeitet. Ihre Mutter verdient sich mit Klavierspiel im Kino ein paar Mark dazu. Damals in Berlin Rudow. Sie hilft der Mutter, indem sie die Noten umschlägt. Dann Sekretärin lernt. Steno und Schreibmaschine. Dann Disponentin wird. Sich hocharbeitet: Chefdisponentin. Als Goebbels das Unternehmen beseitigt zahlt er eine Abfindung. 100.000,00 RM. Ilse Kramp kauft sich ein Kino: Die Rudower Ton Lichtspiele (Das Ru-To-Li) und lernt, wie man Filme im Kino zeigt. 1938 dann die Heirat mit Hans Wilhelm Kubaschewski, der an hoher Stelle in dem Unternehmen arbeitet, dass J. Goebbels mit der Hilfe von Max Winkler gerade heimlich zusammenkauft: die UFI. Ein Konzern, seit 1933 “Judenfrei“. Die Besten sind geflohen, ausgewandert, emigriert, exiliert, wie auch immer das heute bezeichnet wird.

Geschichte der KUBA (2)

Zu den Vertrauten der amerikanischen Militärbehörden gehörte Hans W. (Wilhelm) Kubaschewski, der schon vor dem Kriege mit Filmverleihern der USA verbunden war. Dann hatte er den Posten des Berliner Filialleiters der faschistischen Deutschen Film-Vertriebs-GmbH bekleidet, die zur UFA gehörte. Zusammen mit einem gewissen Walter Klinger aus Hollywood verlieh Kubaschewski nach 1945 die ersten Filme, vor allem Reprisen aus der Produktion vergangener Jahre. Der erzielte Gewinn ging in die Millionen. Kubaschewski war klug genug, sich nicht selber einen Filmverleih aufzubauen. Das tat seine Frau. Er mit den guten Verbindungen zu den Amerikanern, knüpfte die Beziehungen und gab die richtigen Tips. Später wurde er der Verantwortliche des Warner-Brothers-Verleih und dann, von 1959 bis zu seinem Tode, Direktor der Bavaria in München.“ Das stand 1967 bei Horst Knietzsch. “Film – Gestern und Heute“, Berlin Ost (Seite 264).

Geschichte der KUBA (3)

Fehlt nur noch die Westbestätigung und hier kommt sie:

Sie ergibt sich durch die Fußnoten aus dem Buch von Roeber und Jacobi “Handbuch der filmwirtschaftlichen Medienbereiche“, Verlag Dokumentation, Pullach 1973

Die Anmerkungen auf Seite 111

Anmerkung 168) “Die ursprüngliche Bezeichnung war “Amerikanischer Filmverleih“. Der amerikanische Leiter war Sgt (Sergeant) (Walter) Klinger (früher Wien); ihm stand Hans Kubaschewski (früherer Bezirksvertreter der Deutschen Filmvertriebsgesellschaft in Berlin) als Deutscher zur Seite. Kubaschewski wurde später Deutschland-Chef des Warner Brothers -Verleihs und war anschliessend Geschäftsführer der reprivatiserten Bavaria-Filmkunst.“

Anmerkung 170) “Über die nach Abzug der Vertriebsausgaben verbliebenenen Verwertungserlöse verfügt OMGUS in Berlin“ und die wichtigste

Anmerkung 171) “Die Auszahlung der Produzentenanteile an die Hersteller solcher Filme blieb einem späteren Zeitpunkt überlassen“.

Aus diesen drei Anmerkungen kann man erkennen, was keiner im Westen je zu fragen wagte. Die UFI, mit all ihren Unterfirmen galt als aufgelöst. Der “Amerikanische Filmverleih“=“Allgemeiner Filmverleih (AFI) hatte Filmtitel und Kopien der UFI übernommen: “Die Requisitionsliste wies 697 Spielfilme mit 2268 Vorführkopien“ aus. (Roeber/Jacobi) 107).

Und um die Glaubwürdigkeit dieses Buches zu unterstreichen: “Gedruckt mit Unterstützung des Bundesministeriums des Inneren.“ Glaubwürdiger gehts ja eigentlich nicht.

Geschichte der KUBA (4)

Daher auch der Reichtum, den Ilse Kubaschewski in ihren Kinos (dem in Oberstdorf und dem in Berlin Rudow in den ersten Nachkriegsjahren anhäufen konnte. Das Darlehen, dass sie anläßlich der Gründung ihres Gloria Film Verleihs von einer Bank (30 TDM) erhielt, nimmt sich daneben ein wenig lächerlich aus. Damit ist erste Frage geklärt. Die zweite Antwort ergibt sich fast von selbst.

Geschichte der KUBA (5)

Auftraggeber für die Casablanca Fassung war ihr Ehemann Hans Wilhelm Kubaschewski. Nach Einschätzung von Dr. Heinz Ungureit (Das ist der Mann, dem wir die untertitelte und die neue Synchronfassung von Casablanca in voller Länge verdanken), hätte Hans Kubaschewski das niemals allein entscheiden können. Er hätte immer die Einwilligung der Zentrale benötigt.

Ein Sergeant der US Armee Walter A. Klinger (Jüdischer Emigrant aus Wien) war Gründer des “Amerikanischen Filmverleih“ (der später in AF – Allgemeiner Filmverleih umbenannt wurde).

Geschichte der KUBA (6)

„…..Der Film wurde im Jahr 1942 gedreht, und da er in seiner Originalfassung nicht mehr zeitgemäß und nicht zur Vorführung in Deutschland geeignet war, haben wir bei der Synchronisation des Filmes verschiedene Schnitte bzw. Änderungen vorgenommen, bevor der Film der Freiwilligen Selbstkontrolle vorgelegt wurde. Da Casablanca zu einem der eindrucksvollsten Bergmann Filme gehört, wollten wir diesen Film dem deutschen Publikum nicht vorenthalten und haben uns deshalb zu dieser Neufassung entschlossen.“

Unterschrieben von dem Mann, der bis zum April 1945 seine Briefe noch mit “Heil Hitler“ unterschrieben hatte und dann O-Wunder zum Generaldirektor von Warner Brothers für den westdeutschen Markt mutierte. Hans Wilhelm Kubaschewski. Und jetzt wollen wir nichts mehr hören von dem CASABLANCA Film ohne Conrad Veidt. Nie wieder.

Nachtrag

Hallo Rolf Aurich, hallo Eva Orbanz, nun kommt Klarheit in die Sache. Zunächst hatte ich mich gewundert, wie es in dem Buch von 1972 zu der Überschrift „Besatzungs Regime“ kommt, dann habe ich mir nichts weiter dabei gedacht. Dann habe ich diese Annonce von der Reichsfilmkammer von 1942 gefunden und habe mir gedacht, das muss der Vater sein, der böswilliger Weise seinem Sohn den gleichen Vornamen verpasst hat, weil ich in meiner Naivität angenommen hatte, einer, der 1942 für die Reichsfilmkammer schreibt, kann nicht 1972 im Auftrag des Bundesministerium des Inneren schreiben. Ja so naiv kann man manchmal sein. Der Max Winkler, der für Goebbels heimlich die UFI zusammengekauft hat . . . usw. Aber das erklärt natürlich auch, warum Hans Wilhelm Kubaschewski und sein amerikanischer Kollege Sergeant Walter A. Klinger in dem Buch so versteckt werden. u.a. w. .Das hätte ich nun wirklich nicht gedacht.

Kuriose Fundstücke

Auszug aus einer Abschrift: Herr Gonser Stadthallen Lichtspiele (Lübeck) am 14. August 1933 (An den Verband Norddeutscher Lichtspieltheaterbesitzer e. V.Hamburg 36 Neue Rabenstrasse 27/30

Seitdem wir zu Beginn der Tonfilmära im Januar 1930 den ersten Ufavertrag geschlossen haben, und im guten Glauben die hohen Garantiesummen bewilligten, weil der Tonfilm für uns, wie für alle Kollegen ein Neuland war, sind wir dem Ausbeutungssystem des Grosskapitals der Hugenbergschen Ufa recht und wehrlos ausgeliefert. Rechtlos, weil die Verträge nur Rechte für die Ufa enthielten, während wir nur die Pflichten zu erfüllen hatten. Wehrlos, weil in dem marxistischen Zeitalter niemand wagte, den Mittelstand gegen die grosskapitalistischen Ausbeutungen zu schützen, nach dem alles vernichteten Wahlspruch: „Wer das Geld hat, hat die Macht und das Recht“. Wir und mit uns der Mittelstand wären allmählig von dem Grosskapital vernichtet worden, wenn nicht in allerletzter Minute, unser aller Retter, unser herrlicher Volkskanzler Adolf Hitler, seine Weltanschauung: „Dass die Deutschen über Geld und Besitz zu reiferen „Idealen zurückfinden“ zum Gemeingut jedes nationalsozialistisch fühlenden Menschen gemacht hätte. Und diese Worte unseres Kanzlers geben mir den Mut in meiner verzweifelten Lage mich hilfesuchend an meine Führer zu wenden, bevor ich von zwei grosskapitalistischen Konzernen zermalmt werden. Ich will versuchen, meine Bitte so kurz wie möglich zu formulieren. Von den am 15. Januar 1930 geschlossenen Ufatonfilmen (………..) haben nur 2, „Der blaue Engel“ und „Liebeswalzer“ die Garantie bei 40 % und 45 % der Leihmiete überschritten, während der ganze Rest sie nicht erreicht hat. Für synchronisierte Filme wie: „Wenn Du einmal Dein Herz verschenkst“ und „Der weisse Teufel“ mussten wir RM 3500,– und RM 4000,– im voraus bezahlen. Das sind Summen, die wir kaum in der Spielwoche eingenommen hat. Als Stummfilme, ohne Tonuntermalung würden solche Filme kaum mehr als RM 500,– gekostet haben. Wir sind natürlich dadurch in eine gewisse Hörigkeit der Ufa gekommen, weil wir zu so hohen Preisen einige Filme einfach nicht terminieren konnten, denn diese gewaltigen Garantiesummen, sowie die großen Zahlungen für die neue Tonfilmapparatur hatten unsere Reserven schnell aufgezehrt. Daher konnte uns die Ufa für den zweiten Abschluss am 28. August 1930 über 17 weitere Filme (…….) ihre Preise einfach diktieren (……). Weil wir aber noch mit der Abnahme einiger sehr teurer Ufafilme im Rückstand waren, die wir lediglich aus dem Grunde nicht zu terminieren wagten, weil die Garantiesummen uns unerschwinglich hoch vorkamen, gab die Ufa uns schließlich auf unser Bitten die halbe Produktion. Leider erhielt der kapitalkräftige Mestkonzern die bessere Hälfte, mit „Kongress“ und „Montecarlobomben“. Natürlich wurden uns die Preise einfach diktiert, weil wir der Ufa schuldeten, aber Mest konnte ohne Garantiesummen in Lübeck spielen, das waren Vorteile, die nur einige große Konzerne bei den Verleihern genossen, wodurch sie uns kleinen Theaterbesitzern natürlich im Vorteil waren. Wieder hat nur einer von diesen 13. Filmen (…………..) die Garantiesumme überschritten. Das war der „Yorckfilm“ sämtliche anderen sind weit darunter geblieben. Nun kam die Abschlusszeit des Jahres 1932 heran. Die Ufa hatte mit Mest in Lübeck, trotz seiner großen Macht als Konzerntheater, schlechte Erfahrungen gemacht. Wir hatten mit unserer schwächeren Hälfte mehr abgeliefert als Mest mit den grossen Kanonen der besseren Hälfte. Anscheinend war es deswegen zwischen der Ufa und Mest zu Meinungsverschiedenheiten gekommen, denn man zwang uns jetzt schier die ganze grosse Produktion 1932/33 allein zu spielen. (………). Nun ist es in Fachkreisen bekannt, dass die letzte Ufaproduktion nicht das gebracht hat, was man von ihr erwartet hatte. Es sind viele Versager darunter, die absolut nicht den Publikumsgeschmack getroffen haben. (……………). Als wir den ersten Ufafilm der neuen Produktion im vergangen Jahre im September einsetzten, hatten wir ein Bankguthaben von über RM 11000 (………) Nach dem Abspielen des 16. Ufafilmes hatten wir nur noch RM 31,– auf der Bank laut einliegendem Tagesauszug (…….). Diesen Verlust haben wir zu größten Teil durch die zu hohen Garantiesummen bei der Ufa erlitten. Wiederholt haben wir gebeten uns diese zu ermässigen, weil sie einfach nicht herauszuholen waren. Wie haben der Ufa einliegende amtliche Statistik (……..) eingeschickt, aus der klipp und klar hervorgeht, dass Lübeck die bei weitem schlechteste Grossstadt für den Kinobesuch ist. Niemals hat man darauf reagiert. Aber wegen der Uneinigkeit der Lübecker Kinobesitzer kümmert sich hier niemand, um die weit grössere Not bei uns. Im Gegenteil, es ist dem grossen Mestkonzern sehr recht, wenn das nicht an die grosse Glocke des Verbandes kommt, Konzerne lieben die Verbände ja nicht, weil dort Gemeinnutz vor Eigennutz geht, während bei den Konzernen das Gegenteil noch der Fall ist. Konzerninhaber stehen der neuen, grossen Bewegung verständnislos und fremd gegenüber. Sie lassen irgend einen kleinen Geschäftsführer Parteimitglied werden und meinen damit genug getan zu haben. Der Mestkonzern verdient ja in Magdeburg und an anderen Plätzen, wo er das Monopol hat, genug Geld und kann es daher so lange aushalten in Lübeck Geld zu verlieren, bis alle kleinen Theaterbesitzer von Haus und Hof müssen, damit er kostenlos ihre Theater überschlucken kann, wie es nun einmal Sitte der Grosskonzerne ist. Wodurch ist denn die Ufa zu ihren vielen Theatern im Reich gekommen?! Sobald ein Großkonzern in einer Stadt das Monopol hat, dann beginnt die Zeit für ihn, das Geld einzuscheffeln, dann diktiert er den kleinen Verleihern und dem Publikum die Preise. So war es, so ist es teilweise noch, aber das muss aufhören, wenn der Mittelstand in unserer Sparte nicht zu Grunde gehen soll. Und nun gibt ausgerechnet in diesem Jahre die Ufa Ihre ganze Produktion an Mest, wodurch diese beiden Grosskonzerne uns zu Grund richten wollen. (…………) Die Ufa verlangt von uns (……..), dass wir die noch abzunehmenden Filme, im ganzen 16, aus alten und neuen Produktionen schnell terminieren. Das ist doch unmöglich. Wie können wir diese alten Ufafilme spielen, wenn die Mest Theater alle drei in den nächsten Tagen schon mit den ersten Filmen der neuen Produktion herauskommen, die sicher besser sein werden, als die ganzen Ufafilme der letzten, missglückten Produktion.(………….). Es ist jedem Fachmann bekannt, dass wir überhaupt keine Besucher trotz geschickester Reklame in unser Theater locken können, wenn wir alte und drei Mesttheater neue Filme spielen würden. Das wäre einfach unser Zusammenbruch. Ausserdem verlangt die Ufa noch die Zahlung von ca. RM 6000 von uns, für Garantiesummen. Der letzten Filme, die uns gegen 60 % des Abschlusspreises ausgeliefert wurden. (………..). Wir sind das einzige Theater gewesen, das in marxistischer Zeit gewagt hat die vaterländischen Filme zu spielen, die jedem nationalgesinnten Deutschen Erbauung gaben. Jetzt natürlich haben alle anderen Theaterbesitzer auch mit einem Male ihr patriotisch schlagendes Herz entdeckt, nachdem sie keine Anfeindungen vom Volksboten, die ich mir wiederholt gefallen lassen mußte, zu befürchten haben. (……). Nur, wenn wir die halbe neue Produktion erhalten, ist uns auch die Möglichkeit gegeben, alte Filme zwischendurch zu zeigen, die noch zu spielen sind. Wenn sich die Ufa nicht auf eine dieser beiden Möglichkeiten einlässt (……….), dann müssen wir unser Theater schliessen. (………) Aber wir geben unsere Hoffnung nicht auf, dass im dritten Reich die Grosskapitalisten ihr Unwesen zum Schaden des Mittelstands weiter treiben können, sondern wie hoffen zuversichtlichst, dass uns unser Führer nicht untergehen lässt, sondern uns helfen wird.

Heil Hitler

Heil Hitler Stadthallen Lichtspiele (Lübeck) Gonser

„1936 mußten sich die Stadthallen Lichtspiele dann doch der Ufa als Regietheater anschließen. Die Ufa erhielt 8 % der Einnahmen, dafür erhielten Gonser und Partner günstigere Konditionen bei Verleihabschlüssen. Aber auch die Kammerlichtspiele GmbH der Magdeburger Mests bekamen die Macht der UFA zu spüren, denn 1942 mußten sie aufgrund der Konzernanordnung (vergl. Kap. 5) die meisten ihrer Kinos zwangsweise an den Großkonzern abtreten.“ (Zitiert Nach: Kinos in Lübeck)

Abschrift eines Textes von David Stewart Hull (1961)

Vorname Fritz!

Abschrift:

David Stewart Hull, Berkely USA, veröffentlicht in der Zeitschrift FILM Heft 3, im August/September 1963. Herausgegeben von Hans Dieter Roos und Werner Schwier. Es handelt sich dabei um eine Übersetzung des Artikels, der vom Autor David Stewart Hull durchgesehen und von der Redaktion der Zeitschrift FILM gekürzt wurde. (Umfang 3½ Seiten, größer als DIN A 4, 296 mm hoch x 240 mm breit). Der Aufsatz ist zuerst in der Zeitschrift Film Quarterly im Sommer 1961 abgedruckt worden. Film Quarterly erschien 1961 vierteljährlich in Berkeley, Kalifornien. David Stewart Hull (geb. 1938) lehrte Film am Darthmouth College in Hanover, New Hampshire. Er bereitete 1963 die Herausgabe eines Buches über den Film im Dritten Reich vor.

Von der Zeitschrift FILM sind – von April / Mai 19963 bis Oktober / November 1964 – 10 Hefte unter der Redaktion von Hans Dieter Roos und Werner Schwier in München im Filmkunst Verlag, Promenadenplatz 10 erschienen.

In Heft Nr. 3, (August/September 1963) stellte die Zeitschrift FILM auf Seite 15 – 16 und 44 – 45 den Aufsatz von Hull mit einem Vorwort zur Diskussion. Der Übersetzer wird in der Veröffentlichung nicht genannt.

In Heft Nr. 4, FILM vom Oktober/November 1963, veröffentlichte die Redaktion unter dem Titel: DISKUSSION – Korrekturen zum Nazifilm einen Artikel (zweispaltig) von Gerd Albrecht, Filmseminar an der Universität Bonn auf Seite 46-48. Gerd Albrecht hatte Fehler entdeckt: Hull soll sich verzählt haben. Es waren nicht 572, sondern 472 Spielfilme, die in Deutschland von 1939-45 hergestellt worden, behauptet Albrecht. Albrecht stellt weiter fest: Kolberg war nicht am 30. Januar 1945, sondern erst einen Monat später (im März 45) von den Russen belagert worden und besonders schlimm: Hippler hieß mit Vornamen Fritz nicht Franz! (ohne Kommentar von Gerd Albrecht blieb dagegen der Satz von David Stewart Hull, dass Dr. Fritz Hippler (verantwortlich für den „wahrscheinlich grauen-haftesten dokumentarischen Propagandafilm, der jemals hergestellt wurde: „Der ewige Jude“ (1940)“) . . . nach dem Kriege unbehelligt blieb und nach den Worten von Hull . . . „heute in Garmisch ein Reisebüro betreibt.“

In Heft Nr. 5, FILM vom Dezember 1963/Januar 1964 war unter dem Titel DISKUSSION auf Seite 40 zu lesen: Noch einmal Nazifilm. Darunter der zweispaltige Artikel von Willi Roth (später nannte er sich Wilhelm Roth), der über Harlans Film „Kolberg“ u . a. (Der Artikel von Roth ist immerhin zweispaltig) schreibt:

“Einen solchen Film als Harlans Meisterwerk zu bezeichnen ist unmöglich. Harlan hat überhaupt kein Meisterwerk geschaffen. Man könnte nur sagen, daß der Film handwerklich besser ist als die meisten anderen Harlan-Filme.“ . . . Und über das Lob von Hull über den Regisseur Herbert Selpin gibt er immerhin zu, daß er von diesem Regisseur keinen Film kennt: „Ob der vierte Superlativ, Selpin sei der beste Regisseur jener Jahre gewesen, richtig ist, kann ich nicht beurteilen. Ich habe leider keinen Film von Selpin gesehen. Es mag sein, daß diese Rehabilitierung bzw. Entdeckung Selpins der eigentliche Wert von Hulls Artikel liegt.“ Willi Roth.

Kleiner Hinweis: Als David Stewart Hull 1961 in Berkely seinen Aufsatz über das Nazi-Kino in Deutschland verfasst, ist er 23 Jahre alt. In den Kritiken, die auf die Veröffentlichung seines Aufsatzes in der Zeitschrift FILM im August 1963 zurückgehen, wird auf das Alter des Autors hingewiesen. Ein Briefschreiber (Erwin Goelz) formuliert das so: “ . . . Doch die allgemeinen Züge der deutschen Produktion hat der junge amerikanische Filmologe ausgezeichnet erfaßt. So vor allem den Überhang an biografischen Filmen und die beschränkte Zahl der politischen Tendenzfilme. Hull stellt dazu fest: „Seltsamerweise war der Prozentsatz der Filme mit direktem politischem Inhalt während der ganzen Nazizeit relativ gering.“

Redaktion der Zeitschrift FILM (eine Art Vorwort)

Wegen seiner angeblichen propagandistischen Wirkungskraft hat der Film in totalitären Staatsformen immer eine besondere Bedeutung gehabt. Wir haben viel über die Filmhersteller im stalinistischen Rußland und im faschistischen Japan aus zwei kürzlich erschienenen Büchern erfahren, aus Leydas „Kino“ und aus Richie/Andersons „The Japanese Film“. Der folgende Artikel unternimmt den Versuch, eine der verbliebenen Lücken zu schließen: Er beschäftigt sich mit dem Nazifilm. Kracauer hat in seinem Buch „Von Caligari bis Hitler“ den vornazistischen Film analysiert; einige Dokumentarfilme der Nazis sind sorgfältig untersucht worden; das Werk von Leni Riefenstahl wurde an dieser Stelle bereits behandelt. Aber alle übrigen Filme, die während der Nazizeit von der hochentwickelten deutschen Filmindustrie hergestellt wurden, die schließlich in den zwanziger Jahren weltweite Anerkennung errungen hatte, sind später selten gezeigt und niemals objektiv beurteilt worden. Einige dieser Filme waren grauenhaft, einige farblos; viele waren nicht im eigentlichen Sinn politisch. Einige Regisseure hatten Talent, andere keines; einige waren treue Anhänger des Regimes, andere nur Mitläufer. In dieser Hinsicht glich die Filmindustrie der Nazis der anderer Länder eigentlich mehr, als daß sie sich von ihr unterschied – ebenso wie der Nazismus ja kein isoliertes Phänomen war. Vieles bleibt noch zu entdecken, ehe man den Nazifilm richtig verstehen kann. Der folgende Artikel versucht mit Objektivität an diese Aufgabe heranzugehen.

Verbotene Frucht: Der Nazifilm von 1939 bis 1945.

Die Geschichte des deutschen Spielfilms zwischen 1939 und 1945 ist „ein dunkles Kapitel“ – nicht nur, weil man so wenig darüber weiß, sondern auch darum, weil das, was über ihn geschrieben wurde, im allgemeinen nicht zutreffend ist; oft wurden Tatsachen aus persönlichen Motiven absichtlich verdreht. Das Hauptproblem rührt aus der einfachen Tatsache her, daß die Filme aus jener Zeit heute zu Studienzwecken fast unerreichbar sind; ein Ausnahme machen die großen Archive, die einiges von dem bewahrt haben, was ihnen die Beschlagnahme durch die alliierten Militärregierungen nach dem Krieg noch übrig ließ. Der Forscher muß sich daher gezwungenermaßen vorerst an die mageren Bemerkungen der allgemeinen Filmgeschichten halten. Was da veröffentlicht wurde, ist wahrhaft erschreckend. Viele Chronisten ignorieren diese Zeit vollkommen; sie geben ehrlich zu, daß sie keinen dieser Filme gesehen haben. Eine viel verbreitetere Haltung besteht darin, die ganze Kriegsproduktion zu verdammen, weil sie von den Nazis gemacht wurde und daher schlecht sein muß. Deutsche Filmgeschichten verfahren außerordentlich zimperlich mit dieser Periode, sie gehen so schnell wie möglich darüber hinweg und legen den Ton auf die unpolitischen Filme. Es bleibt dem Forscher also gar nichts anderes übrig, als praktisch alles außer Acht zu lassen, was über diese Zeit geschrieben wurde, und zu den Quellen zurückzugehen, zu den Filmen selber, zu Produktionsdaten und offiziellen Äußerungen. Die Geschichte der Naziperiode im deutschen Film zerfällt genau in zwei Abschnitte. Der erste, von 1933 bis 1939, mit dem wir uns hier nicht beschäftigen wollen, wurde von Georges Sadoul gut erläutert und dokumentiert. (1).

Die zweite Phase, von 1939 bis 1946, begann (mit den Worten von H. H. Wollenbergs) erst, als Hitlers „Stellung im eigenen Land und im Ausland genügend gefestigt war, daß er seine Kriegsmaschine in Bewegung setzen konnte . . . (dann) trat der Nazifilm in sein zweites Stadium ein. Die Konzentration des Kapitals, der Produktion und des Verleihs war vollkommen durchorganisiert, der psychologische Feldzug innerhalb und außerhalb Deutschland konnte beginnen.“ (2)

Ende 1938 wurde das letzte unabhängige Filmatelier, die Bavaria in München, vom Staat verschlungen. Goebbels konnte stolz berichten, daß der Kinobesuch im Jahr 1940 um 70 Prozent gegenüber 1932 gestiegen war. Was immer die Gründe für dieses Anwachsen gewesen sein mögen, die Industrie hielt mit den Anforderungen des Publikums Schritt und produzierte trotz kriegsbedingter Beschränkungen zwischen 1939 und 1945 insgesamt 572 Spielfilme.

Seltsamerweise war der Prozentsatz der Filme mit direktem politischen Inhalt während der ganzen Nazizeit relativ gering. In dem 1951 von der Alliierten Kontrollkommission veröffentlichten Katalog verbotener Film (3) ergab eine Besichtigung von 700 „verdächtigen“ Spielfilmen nur 141 Filme, die politisch angreifbar waren, und einige davon wurden aus zugegebenermaßen dürftigen Gründen gesperrt.

(Von 1939 bis 1945 wurden 22 Filme von der Nazi-Zensur aus politischen Gründen verboten.)

Die Spielfilme mit politischem Inhalt wurden größtenteils auf Befehl des Reichspropagan-daministeriums produziert und sind auch von dort finanziert worden. Diese „Staatsauf-tragsfilme“ machen jedoch nur 96 der 1097 Spielfilme aus, die in der Zeit von 1933 bis 1945 hergestellt wurden. Die folgende Studie wird sich hauptsächlich mit diesen Filmen beschäftigen, denn sie sind die wichtigsten und auch die interessantesten aus der Kriegszeit.

Ein geheimer Produktionsplan der Ufa aus dem Jahr 1939, der zum ersten Mal bei Sadoul veröffentlicht wurde, gibt uns ein umfassendes Bild der behandelten Themen. Es lohnt sich, einen leicht gekürzten Abdruck hier zu bringen; ich habe die Filme mit einem Stern ver-sehen, die tatsächlich hergestellt wurden. (a) Es ist interessant, die thematische Gliederung mit jener aus dem Bericht der Alliierten Kontrollkommission zu vergleichen. Ich habe die Zahl der verboteten Filme in jeder Kategorie aufgeführt. (b)

Man muß sich vor Augen halten, daß die zweite Liste den gesamten Zeitraum von 1933 bis 1945 umfaßt. So erschienen zum Beispiel alle antiamerikanischen Propagandafilme vor 1941, bis die Parole ausgegeben wurde, daß die Amerikaner freundlich behandelt werden sollen und das der Nachdruck auf antisowjetische Propaganda verlegt werden soll. Die beiden Filme mit ausgesprochener Parteipropaganda entstanden 1933; und obgleich die zwei Filme recht eindrucksvoll gerieten, wurde diese Kategorie nicht wieder aufgenommen. So informatorisch diese thematische Klassifizierung auch sein mag, die bessere Methode liegt in einer rein filmischen Analyse der Arbeiten einzelner Regisseure. In der Zeit von 1939 bis 1946 arbeiteten 37 wichtigere Regisseure für die staatlich kontrollierte Filmindustrie. Davon sind 27 gegenwärtig für die westdeutsche Filmindustrie tätig, drei sind gestorben, und die restlichen sieben haben sich entweder zurückgezogen oder sind unauffindbar. Es muß betont werden, daß nur eine Handvoll jener 37 an Filmen mit politischem Inhalt arbeitete; trotzdem ist es erstaunlich, wieviele dieser Regisseure noch heute an der Arbeit sind. Leni Riefenstahl und Helmut Käutner, dessen Position eine eigene, ausführliche Studie verlangte, bleiben im folgenden außer Betracht.

Wenn der Name eines Regisseurs vor allen anderen mit der Nazipartei in Verbindung gebracht wird, so ist es der Veit Harlans. Harlan ist der Sohn eines Bühnenautors und begann seine Karriere als Schauspieler; gleichzeitig schrieb er Drehbücher für Thea von Harbou, die Frau Fritz Langs. Sein Regiedebüt gab er mit dem Film „Krach im Hinterhaus“ (1935). Er spezialisierte sich auf kitschige Lustspiele, und seine Beliebtheit beim Publikum und bei den Offiziellen wuchs schnell. Überzeugt, daß Größeres in ihm steckte, gab ihm die Regierung 1937 seinen ersten politisch bedeutsamen Film, „Der Herrscher“ mit Emil Jannings über die Verfolgung eines Hitler ähnelnden Industriellen. Als dieser Film 1937 den Volpi-Preis auf den Filmfestspielen in Venedig erhielt, war Harlans Stellung als „offizieller“Regisseur des Regimes praktisch gesichert.

Trotz dieses Erfolgs wurde Harlan auf die Herstellung von weniger aufwendigen Filmen zurückgesetzt; darunter befand sich der antifranzösische Film „Verwehte Spuren“ (1938) und das merkwürdige Remake einer Sudermann-Erzählung, die bereits zehn Jahre früher die Vorlage für Murnaus „Sunrise“ abgegeben hatte: „Die Reise nach Tilsit“ (1939). Der bedeutendste Film dieser Periode war die verschwenderische Arbeit „Das unsterbliche Herz“ (1939), ein biographischer Film über den Erfinder der Taschenuhr.

Harlans Name wäre heute wahrscheinlich vergessen, hätte er nicht als nächstes den berüchtigten „Jud Süß“ (1940) gedreht. Lion Feuchtwangers Roman (aber Harlans Film basiert weniger auf dem Buch als auf der historischen Begebenheit) war schon 1932 in England auf schwerfällige deutsche Art von Lothar Mendes verfilmt worden, mit Conrad Veidt in der Titelrolle. Obgleich Rassenhetze bis dahin schon in zahlreiche Spielfilme eingestreut worden war, wurde Harlans Film jetzt der erste großangelegte Vorstoß des Naziregimes in dieser Richtung, und es wurden keine Kosten gescheut, um diese Botschaft dem deutschen Publikum mitzuteilen. Der Film war das Ergebnis der gemeinsamen Bemühungen von Harlan, Dr. Franz Hippler (der heute in Garmisch ein Reisebüro betreibt) und Werner Krauss. Hippler war Goebbels‘ rechte Hand im Propagandaministerium und verantwortlich für den wahrscheinlich grauenhaftesten dokumentarischen Propagandafilm, der jemals hergestellt wurde: „Der ewige Jude“ (1940). Damaligen Veröffentlichungen zufolge sollen Harlan und Krauss „von Hipplers Film entscheidend beeinflußt“ worden sein. Der berühmte Krauss hatte am Drehbuch mitgearbeitet, was ihm einerseits eine Doppelrolle und andrerseits die Gelegenheit einbrachte, in der schlimmsten deutschen Tradition zu chargieren. Harlan erhielt außerdem einen der besten Photographen jener Zeit, Bruno Mondi, und den besten Komponisten, Wolfgang Zeller, der früher die Musik für Carl Dreyers „Vampyr“ geschrieben hatte – die viele für die beste Filmmusik halten, die jemals komponiert wurde. Das Resultat dieser Zusammenarbeit war eine verwirrende und ziemlich langweilige Version der eigentlichen Geschichte.

Der Film diente als Hauptpunkt der Anklage, als Harlan 1950 in Hamburg wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ vor Gericht stand. Der Staatsanwalt zitierte die Vergewaltigung der Dorothea Sturm (Kristina Söderbaum) durch den Sekretär Levy (Werner Krauss) als ein besonders gemeines Beispiel des Antisemitismus und sagte, dieser Film habe unmittelbar das verabscheuungwürdigste Verbrechen der modernen Geschichte vorbereitet. Doch wenn man den Film noch einmal sorgfältig durchsieht, ist man eigentlich mehr von seiner Zurückhaltung als von seiner angeblichen Hysterie beeindruckt.

In Wirklichkeit ist „Jud Süß“ weder gute Propaganda noch selbst besonders gute Unterhaltung, und die Schuld kann man bei Harlans schwacher Regieführung suchen.

Belastet mit einem – selbst für damalige Begriffe – ungewöhnlich weitschweifigen Drehbuch, verschenkte Harlan die filmischen Möglichkeiten und benutzte statt dessen die abgedroschenen Methoden des verfilmten Theaters. Bei den Innenaufnahmen bleibt die Kamera starr, und der Schnitt ist außerordenlich phantasielos. Die Außenaufnahmen sind im allgemeinen aufregender, und die Hinrichtungssequenz im Schneetreiben hat eine düstere, unbestreitbare Kraft, wenn sie auch nicht gerade jenes „fröhliche Crescendo“ darstellt, wie zwei Kritiker (5) es formuliert haben. So abscheulich wie der Antisemitismus des Films ist seine krankhafte Neigung zum Sadismus (ein Merkmal der meisten Harlan-Filme), der in der besonders widerwärtigen Folterszene an die Oberfläche kommt. Im übrigen war Harlan offensichtlich von seinen Schauspielern eingeschüchtert, denn er erlaubte ihnen, bis zur Absurdität zu chargieren. Selten wurde soviel Aufhebens wegen so wenig gemacht, denn „Jud Süß“ ist selbst nach den Begriffen der damaligen Zeit ein unbedeutendes Werk.

Die Premiere des Films fand Ende September 1940 in Berlin anläßlich des Sieges über Frankreich statt; bis Weihnachten wurde der Film allein in Berlin in 66 Kinos aufgeführt und dann in alle besetzten Teile Europas exportiert. In Frankreich warfen Partisanen Bomben in die Lichtspieltheater, die den Film spielten. Im allgemeinen war der Film außerhalb Deutschlands wenig erfolgreich, obschon er einen Preis auf den Festspielen von Venedig im Jahre 1941 errang, die allerdings unter faschistischer Kontrolle standen.

Sogar heute noch ist der Film „Jud Süß“ ein heißes Eisen. Harlan selbst zerstörte das Negativ im April 1954, aber kurz danach hörte man, daß eine Kopie in arabischer Synchronisation nach Beirut und Kairo verkauft worden sei. Terra, die ursprüngliche Produktionsfirma des Films, erhob Ansprüche auf einen Teil der Einspielergebnisse, wobei sie sich auf ihre 50jährigen Lizenzrechte stützte. Es folgte eine ausführliche Untersuchung, und die in Verlegenheit gebrachte Bonner Regierung erklärte, der Film würde durch die Verleihfirma Sovexport auf dem Weg über Ostdeutschland offen in den arabischen Ländern vertrieben (6). Erst kürzlich, im Jahre 1959, beschlagnahmte man ein anderes Negativ bei einem Filmkaufmann im Lübeck, der im Begriff war, es für 100 000 Dollar an den Bruder von König Ibn Saud zu verkaufen. (7). Zweifellos ist immer noch nicht das letzte Wort über diesen seltsamen Film gesprochen worden.

Harlan war stark an den Möglichkeiten des Farbfilmes interessiert, und der große Erfolg des ersten Agfacolor-Films, Georg Jacobis „Frauen sind doch bessere Diplomaten“ (1941), veranlaßte ihn, den bekannten Film „Die goldene Stadt“ zu drehen. In herrlichen Farben (sogar nach heutigen Maßstäben) photographiert (in Prag), erzählt der Film die Geschichte vom „Deutschtum in Böhmen“ und zeigt die unterdrückten, guten Deutschen im Lande der bösen Tschechen. Zwei weitere Farbexperimente folgten, „Immensee“ (1943), die unbedeutende Verfilmung eines Romans von Storm, und der belanglose „Opfergang“ (1944). Nachdem Harlan das schwierige System von Agfacolor bald besser als alle anderen Regisseure vor ihm und auch nach ihm beherrschte, begab er sich an die Herstellung seines Meisterwerks „Kolberg“, das zwischen 1943 und 1944 gedreht wurde, aber erst 1945 herauskam.

Das Interessanteste an dem Film sind seine Farbaufnahmen, die ich für die besten halte, die jemals gemacht worden sind. Fleischfarben erscheinen erschreckend realistisch, und Bruno Mondis Kameraführung ist beinahe dreidimensional. Die großen Szenen auf dem Schlachtfeld mit Hunderten von Offizieren und Soldaten in malerischen Uniformen, die auf Schimmeln die Dünen entlang sprengen, bleiben ebenso im Gedächtnis haften wie die Szenen in der brennenden Stadt. Nur in dem einfallslosen Schnitt der Innenaufnahmen enttäuscht Harlan den Betrachter.

Aus irgendeinem Grund betrachtete Goebbels diesen Film als sein eigenes Projekt, und keine Ausgaben – einschließlich der Heranziehung von Tausenden von Komparsen – wurden gescheut. Die Premiere des Films fand am 30. Januar 1945 gleichzeitig in Berlin und im von der Wehrmacht besetzten La Rochelle statt. Obgleich die Stadt Kolberg zu jener Zeit schon von den Russen belagert wurde, liess Goebbels den Film durch Fallschirmjäger über der Stadt für eine Sondervorführung abwerfen. Am Ende des Krieges gelangten die Russen in den Besitz des Negativs und zeigten ihn angeblich oft in der DDR als anti-westliche Propaganda.

Nach dem Krieg wurde Harlan verhaftet, mußte aber bis zum Jahr 1950 auf seinen bereits erwähnten Prozeß warten. Nach seinem Freispruch – man hatte ihn ungerechter Weise zum Sündenbock für die ganze Industrie gestempelt – drehte er sofort wieder Filme, hatte aber keinen großen Erfolg damit. Seine letzten Filme waren „Anders als du und ich“ (1957) und „Liebe kann wie Gift sein“ (1958) – beides schnell gedrehte und recht zweifelhafte Filme über die oberflächlichsten Aspekte der Homosexualität und Prostitution. Es ist schwer zu sagen, wie man Harlan später mit mehr Abstand beurteilen wird, aber ein paar allgemeine Bemerkungen kann man heute schon riskieren.

Obgleich er zugegebenermaßen Opportunist ist, hatte er doch ein außerordentliches Talent. Das Lustspiel lag ihm zwar am meisten, doch hat er auch einige der gewichtigsten und ehrgeizigsten deutschen Filme gedreht. Selbst ein guter Schauspieler, konnte er jedoch als Regisseur selten gute schauspielerische Leistungen mit seinem Schauspielerteam erzielen. Seine äußerliche Fröhlichkeit überdeckte düstere, sadistisch-diabolische Charakterzüge, die häufig in seinen Filmen zum Ausdruck kamen. Seine Filme verraten die Hand eines geschickten Handwerkers, aber der Anflug von Genie fehlt.

Wenn auch Harlan der bekannteste Regisseur der Jahre 1939-1946 war, der beste war der unglückliche Herbert Selpin. Von seinem ersten Film im Jahr 1932 bis zu seinem zweiundzwanzigsten und letzten zwölf Jahre später, wurde bei Selpin jener geniale Moment deutlich, der so vielen seiner Zeitgenossen fehlte. Da er keine Beziehungen zur Partei hatte, bekam er nur zweitklassige Drehbücher – trotzdem gelangen seiner ausgezeichneten Regieführung und seinem Einfühlungsvermögen bei der Besetzung häufig blendende Resultate.

Selpin zog es vor, ein gefährliches Spiel zu spielen. Da er nie ein Freund der Nazis gewesen war, weigerte er sich, seine guten Filme durch politische Tendenzen verderben zu lassen. Seine offen geäußerte Verachtung und seine beißende Kritik gegenüber hohen Parteimitgliedern brachte ihn ständig in Schwierigkeiten, doch seine Filme waren so gut, daß er sozusagen durch seine eigene Kunst beschützt wurde.

Selpin hatte seinen zweiten Film in England gedreht – überhaupt liebte er englische Themen; er drehte später eine erstaunliche Version von Oscar Wildes „Ein idealer Gatte“ (1935). Nach einer langen Reihe von dramatischen Liebesfilmen und Komödien wandte er sich mit „Trenck der Pandur“ (1940) dem biographischen Film zu, wo er in ironischer Manier den berühmten Soldatenhelden der Maria-Theresia-Zeit mit Hans Albers (seinem Lieblingsstar) in der Hauptrollen porträtierte.

Der Film wurde ein großer Publikumserfolg, dem unmittelbar darauf „Carl Peters“ (1941) folgte, die Biographie jenes Kolonialisten, der im 19. Jahrhundert große Teile von Afrika in deutschen Besitz brachte, ohne dabei von seinem Land unterstützt zu werden.

Der Film zeigt Peters (Hans Albers) als gütigen Übermittler westlicher Tugenden an die ungebildeten Eingeborenen – während der historische Peters von seinem Posten als Reichskommissar wegen seiner rauhen Behandlung der Afrikaner abberufen worden war. In dem Film wird er auf Grund einer falschen Aussage eines vom britischen Geheimdienst besoldeten Negerbischhofs angeklagt. Rein vom Optischen her ist der Film bemerkenswert; Franz Kochs Kameraführung gelingen packende Landschaftsbilder und ein grausamer Aufstand mit Tausenden von Negerstatisten. Den Film, der in den Barrandow-Studios bei Prag gedreht worden war, hatte man anscheinend mit afrikanischen Originalaufnahmen ergänzt. Das Drehbuch scheint Selpin wenig interessiert zu haben: Er brachte es fertig, die Story in blitzschnelle Episoden zu pressen, die von langen, herrlich belanglosen Details unterbrochen wurden.

Es folgte der noch ehrgeizigere, aber im Endergebnis weniger überzeugende Film „Geheimakte W.B.1“ (1942); eine Biographie jenes Wilhelm Bauer, der 1834 das Unterseeboot erfand. Der Film endete mit einem Epilog, der Bilder von deutschen U-Booten mit den Worten kommentiert: „Es war noch ein langer Weg vom ersten Unterwasserschiff bis zum heutigen U-Boot; und von dem ersten Schuß, der unter Wasser abgefeuert wurde, bis zum heutigen Torpedo – doch vor 100 Jahren hat Unteroffizier Wilhelm Bauer den entscheidenden Schritt getan.“ Das Hauptproblem des Filmes „Geheimakte W.B. 1“ ist sein Drehbuch, das die ärgsten Übertreibungen auf historisch-militärischem Gebiet mit einer Vorlesung in Bildern über die Konstruktion von U-Booten verbindet. Selpins Hand ist hier weniger spürbar als in seinen anderen Filmen; nur beim großen Hofball und bei den Unterwasserszenen spürt man seine große Begabung.

Die Erfahrung auf dem Gebiet der Schiffahrt kamen Selpin bei seinem letzten Film „Titanic“ (1943) zugute – einem der besten Filme, die je in Deutschland hergestellt wurden. Das ist sicherlich die packendste Darstellung jenes Ereignisses, die für die Leinwand gemacht wurde. Der Film schien Selpin persönlich sehr am Herzen zu liegen – es kommt einem der Verdacht, daß er den tragischen Untergang des Schiffes mit dem unausweichlichen Schicksal seines Landes unter Naziherschaft identifiziert. Der Film „Titanic“ war wieder eines von Goebbels Lieblingsprojekten; warum er mit der Herstellung dieses Filmes ausgerechnet einen Regisseur beauftragt hat, der ihm besonders un-symphatisch war, wird immer ein Rätsel bleiben. Goebbels war der Meinung, daß der Film sich ideal zur antibritischen Propaganda eignen müßte, liess ihn als „Staatsauftragsfilm“ herstellen und sagt Selpin die Mitwirkung einiger prominenter Schauspieler – u. a. der beliebten Sybille Schmitz – zu. Gegen Ende der Dreharbeiten hörte man gerüchteweise aus den Studios der Tobis, daß sich dort seltsame Dinge abspielten. Selpin hatte in dem Be-mühen, die Katastrophe mit all ihren Schrecken wiederaufleben zu lassen, die Propa-gandatendenzen völlig außer Acht gelassen. Nach der ersten Vorführung des Films, aus der die Zuschauer eher merklich erschüttert als patriotisch gegen England aufgebracht zurück-kamen, geriet Goebbels in fast hysterische Wut.

Selpin wurde befohlen, Teile des Filmes neu zu drehen. Nach seiner stürmischen Weigerung wurde er von Werner Klingler als Regisseur abgelöst. Goebbels glaubte sich persönlich von Selpin beleidigt und befahl ihn – trotz seines Alters – zum Militärdienst. Bald darauf brachte ihn die Gestapo im Gefängnis um. Selpin erfuhr nichts mehr über das seltsame Schicksal seines Meisterwerks. Selbst Klingler konnte nicht viel damit anfangen und Goebbels ließ den Film in Paris am 10. November 1943 aufführen, verbot ihn aber in Deutschland. Es wurde einer der erfolgreichsten Filme, die während des Krieges gezeigt worden sind, seine Beliebtheit wurde nur noch von „Münchhausen“ übertroffen. Nach dem Krieg gab die „Freiwillige Selbstkontrolle“ den Film zur Aufführung in Deutschland frei, seine zweite Premiere fand am 7. Februar 1950 in Stuttgart statt.

Im März legten die Engländer Protest gegen die Aufführung ein, und selbst nach vielen Schnitten, um die antibritische Propaganda zu eliminieren, wurde er nicht mehr frei-gegeben. Bis heute wird er daher hauptsächlich in Ostdeutschland gespielt. Von Selpins ganzem Werk sind nur noch etwa ein Dutzend Filme in den Archiven erhalten. Diese Filme beweisen zur Genüge seine außergewöhnliche Begabung, wenn auch sein Name 18 Jahre nach seinem Tod in Vergessenheit geraten ist, seine Filme nicht mehr aufgeführt werden und sein moralischer Mut ungerühmt bleibt.

Die Filmarbeit von G. W. Pabst während des Krieges wird immer ein dunkles Kapitel bleiben. Ende der dreißiger Jahre erlebte er einen jähen Niedergang seiner Karriere, nachdem er einige enttäuschende Filme gedreht hatte; der berühmte Regisseur zog sich nach Österreich zurück und konnte das Land nach dem „Anschluß“ nicht mehr verlassen. Im Jahre 1941 überredete man ihn (oder befahl ihm?), zur Filmarbeit zurückzukehren und den wenig bekannten Film „Komödianten“ zu inszenieren, eine Biographie der Karoline Neuber (Käthe Dorsch), die im 18. Jahrhundert die erste deutsche Wanderbühne gegründet hatte.

Dann folgte der berüchtigte „Paracelsus“ (1942), die seltsam verzwickte Biographie eines berühmten Physikers und Arztes aus dem 15. Jahrhundert, mit Werner Krauss in der Titelrolle. Der Film dauerte fast zwei Stunden, weitschweifig und übertrieben erzählt er die Geschichte von einem armen Mann, der zu großem berufen war – eine Parallele, die der Drehbuchautor Kurt Heuser zu dem Leben Hitlers ziehen wollte. Obgleich der Film langweilig ist, enthält er doch eine gute Szene, die an die großen Zeiten des Regisseurs anknüpft: In dieser erstaunlichen Passage wird der Zauberkünstler Fliegenbein (Harald Kreutzberg) der wie der zum Berserker gewordene Rattenfänger von Hameln aussieht, von der Pest befallen und führt eine Handvoll Flüchtlinge in einem grotesken „Totentanz“ an, begleitet von Herbert Windts gespenstischer Musik. Allein dieser Szene wegen verdient der Film, erwähnt zu werden.

Harlan teilte die Vorteile seiner bevorzugten Stellung als „offizieller Regisseur“ mit Hans Steinhoff, der als einer der ersten Regisseure für die Filmindustrie der Nazis gearbeitet hatte. Sein erster bedeutender politischer Film war „Hitlerjunge Quex“ (1933). Eifrig arbeitet er weiter für die Partei, er drehte „Der alte und der junge König“ (1935) mit Emil Jannings, seinem Lieblingsdarsteller. Dann folgte „Robert Koch“ (1939), ein interessanter, aber historisch nicht den Tatsachen entsprechender Film, ebenfalls mit Jannings.

Steinhoffs Tour de Force war „Ohm Krüger“, einer der perfektioniertesten Nazifilme überhaupt. In herrlichen Bildern von Fritz Arno Wagner beschreibt der Film das Leben des Burenführers Ohm Krüger. Seinen Hauptzweck sah der Film aber in der Erzeugung antibritischer Gefühle, und das gelang ihm denn auch vorzüglich. Selten hat ein Film Bösewichte so schwarz wie Kitchener (Franz Schafheitlin), Cecil Rhodes (Ferdinand Marian) und sogar Chamberlain (Gustav Gründgens) gezeichnet. In einer eklatanten Verdrehung wird den Engländern die Gründung des ersten Konzentrationslagers unterschoben, in dem Frauen und Kinder durch verdorbene Lebensmittel vergiftet und von den Bajonetten der blutdürstigen Wachmannschaften aufgespießt werden.

Die Premiere von „Ohm Krüger“ fand im April 1941 statt; der Film wurde als bester ausländischer Film des Jahres auf den Festspielen in Venedig prämiiert. In Deutschland selbst wurde ihm als erstem Film das Prädikat „Film der Nation“ verliehen, und Jannings erhielt von Goebbels für seine Darstellung den „Ehrenring des deutschen Films“.

Es ist interessant, zu erfahren, daß dem Film solche Bedeutung beigemessen wurde, daß noch zwei weitere bekannte Regisseure – Herbert Maisch und Karl Anton – zur Überwachung herangezogen wurden. Wenn auch Steinhoff noch weitere Filme drehte, so endete doch seine eigentliche Karriere mit dem Film „Rembrandt“ (1942), einer ordentlichen Biographie, die weit besser als der englische Film über das gleiche Thema ausgefallen ist. Wolfgang Liebeneiner (geb. 1905) war einer der jüngeren Regisseure der Kriegszeit. Als junger Mann hatte er eine außergewöhnliche Begabung als Schauspieler an den Tag gelegt; bald wandte er sich aber dem Film zu, wo er jugendliche Liebhaber spielte.

Im Jahre 1943 – im Alter von erst 38 Jahren – wurde er Leiter der Produktionsabteilung der UFA. Auf schauspielerischem und geschäftlichem Gebiet war er erfolgreicher denn als Regisseur; sein bekanntester Film war eine Filmchronik in zwei Teilen aus der deutschen Geschichte, „Bismarck“ (1940) und „Die Entlassung“ (1942). Der zweite Film ist weitaus besser; Jannings spielt den Bismarck, Werner Krauss den Geheimrat von Holstein. Fritz Arno Wagners Kameraführung und Herbert Windts gute musikalische Untermalung konnten den Film auch nicht viel aufregender machen. Eine der seltsamsten Szenen des Filmes ist die Entlassungszene Bismarcks, in der Wilhelm II. (Werner Hinz) – als Homosexueller dargestellt – sich mehr für einen klavierspielenden Freund als für das tragische Schicksal des größten Staatsmannes seines Vater interessiert.

Zwischen den beiden Bismarck-Filmen dreht Liebeneiner den vieldiskutierten Streifen „Ich klage an“ (1941), ein zwei Stunden dauerndes Werk voller Euthanasie-Propaganda. Im Gegensatz zu der allgemeinen Annahme enthält der Film keine hysterischen Übertreibungen; es ist die bemerkenswert nüchterne Untersuchung eines schwierigen Problems, das mit viel Takt behandelt wird.

Ein anderer offizieller Partei-Regisseur jener Zeit war Max Kimmich, dessen Filme gleichwohl eine seltsame Faszination ausstrahlen. Kimmich war besonders erfolgreich mit jugendlichen Schauspielern. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund wurde er mit der Herstellung von zwei pro-irischen, antibritischen Filmen beauftragt: mit „Der Fuchs von Glenarvon“ (1940) und dem etwas besseren „Mein Leben für Irland“. Der letztere handelt von einem 18jährigen irischen Jungen, der in einem englischen Internat für Kinder von politischen Gefangenen aufwächst. Obgleich die Schauspieler etwas zu alt für ihre Rollen (und auch zu groß für kurze Hosen) sind, gelangen die Kampfszenen am Ende des Filmes besonders gut. In dem offenkundigen Bemühen, es den sadistischen Neigungen Harlans gleich zu tun, blendet Kimmich eine Szene ein, in der Patrick von seinen Schulkameraden gefoltert wird, weil er angeblich ein Verräter ist; eine geschickt inszenierte antibritische Szene zeigt ferner, wie sich die Jungen weigern, die Nationalhymne zu singen und dabei den Union Jack unter Freudengeschrei verbrennen.

Ähnlich aufwendig und sadistisch ist der Film „Germanin“ (1943), eine Biographie Dr. Achenbachs (Peter Petersen), dem Erfinder des Serums gegen die Schlafkrankheit. Der Held geht nach Afrika, um diese gefährliche Krankheit bei den Eingeborenen zu bekämpfen, aber der englische Geheimdienst behindert ihn und stachelt schließlich die Eingeborenen an, sein Laboratorium zu zerstören. In einer unglaublichen Schlußszene sieht man den Arzt und den englischen Distriktskommissar, die beide von der gefährlichen Krankheit befallen sind. Eine einzige Flasche des Serums ist von einem zahmen Affen aus den Trümmern des Laboratoriums gerettet worden, und der edle Arzt rettet seinen Gegner und stirbt. „Germanin“ ist ein interessantes Beispiel dafür, wieviel Geld die Regierung in einen „Staatsauftragsfilm“ zu stecken gewillt war, der in diesem Fall anscheinend auf An-regung der der Bayer-Werke hergestellt wurde.

Der aufwendige Film, der bei der UFA in Babelsberg und in der Cinecittà (für die Szenen in Afrika) gedreht worden war, läßt von Kimmichs Drehbuch her einen spürbaren Mangel an Geschmack erkennen. Billige Operetten-Effekte und die schmalzige Stimme eines Sprechers wechseln mit Szenen mit Negerkomödianten und allerlei Tieren, zwischendurch erscheint altes Filmmaterial, das die UFA anscheinend vor dem Kriege in Afrika aufgenommen hat. Kimmichs Vorliebe für Sadismus zeigt sich in einer unerquicklichen Szene, in der Dr. Achenbachs Assistent (Louis Trenker) sich von Moskitos stechen läßt, die Krankheitsträger sind, wobei man die Szene durch den Glaskasten gefilmt hat, in dem sich die Tiere befinden.

Der schönste Jugendfilm der Kriegsjahre ist ohne Zweifel „Junge Adler“ (1944), inszeniert von dem hochbegabten Alfred Weidenmann. Die recht ungewöhnliche Story befaßt sich mit dem Sohn eines reichen Flugzeugfabrikanten, der durch die Kriegsdienstarbeit als Hitlerjunge in den Werken seines Vaters ein Vergehen wieder gutmachen will. Das tägliche Leben der Jungen wird geschickt dargestellt, die Photographie von Klaus von Rautenfeld ist ungewöhnlich sensibel; besonders eindrucksvoll ist die Szene, in der die Jungen am Wochenende zum Camping ans Meer fahren und man am Schluß sieht, wie der Held sein Fahrrad durch die steigende Flut nach Hause zu manövrieren versucht.

An Mitteln für diesen „Staatsauftragsfilm“ hatte man offensichtlich nicht gespart – eine große Konzession an die Jugend – , und zwei so bekannte Darsteller wie Willy Fritsch und Herbert Hübner hatten Hauptrollen in dem Film.

Im Gegensatz zu anderen Jugendfilmen jener Zeit wird nicht mit sadistischen Mitteln gearbeitet, es gibt keine Gewaltszenen und keine Übertreibungen. Obgleich „Junge Adler“ im Grunde zu spät herauskam, um viel praktischen propagandistischen Wert zu haben, muß man doch sagen, daß seine Absicht, nämlich die Jugend zur Arbeit in den Kriegsjahren anzuregen, teilweise erfolgreich war.

Während „Jud Süß“ der bekannteste der antisemitischen Filme ist, hat Erich Waschneck einen weiteren Film dieses Genres, „Die Rothschilds“ (1940), in viel eleganterer und auch überzeugender Manier inszeniert. Im Kern stark antisemitisch und auch antibritisch, ist der Film derartig widerwärtig in seiner Grundtendenz, daß er eine Klasse für sich auf diesem Gebiet darstellt. Er ist herrlich photographiert und gespielt, u. a. von Gisela Uhlen und dem berühmten Opernsänger Michael Bohnen; aber es ist einer der bösesten Filme raffinierter Propaganda aus der Nazizeit.

Man sollte auch noch den eigenartigen, doch amüsanten Film „Der unendliche Weg“ (1943) erwähnen, Hans Schweikarts herzliche Biographie von Friedrich List (Eugen Klöpfer), der im 19. Jahrhundert aus Deutschland emigrierte und am Ausbau des amerikanischen Eisenbahnnetzes entscheidenden Anteil hatte. Ein großer Teil des Films spielt in Pennsylvania und wird von Liedern wie „The Girt I left Behind me“, „Yankee Doodle“ und „Battle Hymn of the Republic“ begleitet, unbekümmert um historische Daten. Die deutlich spürbare Lektion des Films lautet, die deutsch-amerikanische Solidarität ist nötig, um England zu zerstören. Während des ganzen Filmes werden Amerika und sein Grenzer liebevoll gezeichnet, der Film verliert nur an Tempo, als eine langatmige Liebesgeschichte eingeblendet wird.

In diesem notgedrungen kurzen Überblick über die Spielfilme der Nazis blieben einige weniger wichtige, aber doch interessante Regisseure unerwähnt. Darunter zum Beispiel der beliebte Gustav Ucicky; der geschickte Gestalter von patriotischen und antirussischen Filmen, Karl Ritter; der hochbegabte Herbert Maisch, dessen pazifistischer „Friedrich Schiller“ (1940) und spektakulärer „Andreas Schlüter“ (1942) Beachtung verdienen; ferner solche Meister der reinen Unterhaltung“ wie Willi Forst, Geza von Bolvary, Carl Fröhlich und Paul Verhoeven.

Was kann man zusammenfassend über alle diese Filme sagen? Zunächst fällt die Vorherrschaft historischer Biographie auf, ferner eine Abneigung der Nazis gegen Themen der Gegenwart, außer bei harmlosen Musikfilmen oder kitschigen Lustspielen. Drittens fehlt in fast allen Filmen das Interesse für Sex oder Liebesgeschichten; die Betonung liegt auf dem rein männlichen Standpunkt. Unser Augenmerk wird ferner auf die starken sadistischen Tendenzen der Filme gelenkt, die an Stelle der leichter erkennbaren Gewalttätigkeit treten. Auf der anderen Seite muß man betonen, daß die deutsche Filmindustrie jener Zeit sich technisch durchaus sehen lassen konnte. Die Leistungen auf dem Gebiet der Photographie und der Produktion waren auf höchstmöglichem Niveau – vielleicht auf Kosten der Drehbücher und der Schauspieler. Im allgemeinen war die Propaganda weniger dick aufgetragen, als in einigen amerikanischen Filmen der gleichen Zeit.

David Stewart Hull, USA

GEGEN DIE KRIEGSMORAL VERGANGEN! In FILM Heft Nr. 6 vom Februar / März 1964 findet sich auf Seite 51, unter dem Titel DISKUSSION zur Ermordung von Herbert Selpin (Dem Regisseur von „Titanic“ u. a) eine (finde ich) ziemlich glaubwürdige Version. Sie stammt aus der Dokumentation (Buch) von Joseph Wulf „Theater und Film im dritten Reich“. Wulf zitiert aus einem Artikel, der unter der Überschrift „Der Reichsfilmintendant teilt mit“ am 7.8.1942 im Film-Kurier erschien. „Der Filmregisseur Herbert Selpin hat sich durch niederträchtige Verleumdungen und Beleidigungen deutscher Frontsoldaten und Frontoffiziere gegen die Kriegsmoral vergangen. Er wurde deshalb in Haft genommen, um dem Gericht überstellt zu werden. Die Verfehlungen Selpins waren um so verächtlicher, als er weder am Weltkrieg noch an diesem Krieg teilgenommen hat, im Gegenteil zur Durchführung von wichtigen Aufgaben im Film u. k. gestellt war. Selpin hat in der gerichtlichen Untersuchungshaft in der Nacht zum 1. August seinem Leben durch Erhängen ein Ende gemacht.“ Soweit die nazioffizielle Lesart. Wahrheit sieht anders aus. Am 30. Juli 1942 wurde Selpin zu Goebbels bestellt, um sich vor einem Ehrengericht zu verantworten. „Selpin bestätigte seine Äußerungen in Zoppot, war jedoch nicht bereit, sie zurückzunehmen. Goebbels erklärte ihm darauf hin, ihm auch nicht mehr helfen zu können und ließ ihn in seinem Vorzimmer verhaften. So geschehen am 30. Juli 1942; in der Nacht zum 1. August wurde Herbert Selpin von einem Gestapo-Kommando in seiner Zelle erwürgt. Am Morgen fand man ihn an seinem Hosenträger erhängt, aber die Würgemale am Hals waren nicht zu übersehen.“ (Joseph Wulf, Theater und Film im dritten Reich, zitiert nach FILM, Nr. 6, Februar / März 1964, Seite 51.). Der gleiche Text findet sich auch in Joseph Wulf, Theater und Film im Dritten Reich, Ullstein Verlag 1983, Seite 329, unter dem Titel: Der Mord an Herbert Selpin.

Autor Joseph Wulf Bild von Wikipedia

„Da es grade Krieg war . . .

forderte er zum Durchhalten auf.“ Ein Text aus der LBB (LichtBildBühne) Berlin vom 16. August 1930 von David Melamerson: Abschrift aus der LichtBildBühne (LBB) vom 16. August 1930, Verlag Karl Wolffsohn Berlin. 2. Beilage

HUMMEL! HUMMEL!

Von D. Melamerson. (ist: David Melamerson, Deulig/Ufa). „Der bekannte Verleihfachmann, der bekanntlich aus Hamburg stammt, plaudert auf unsere Aufforderung aus seinen Hamburger Erinnerungen.

Hamburg, der Film und ich sind drei Begriffe, die für mich wenigstens nicht zu trennen sind. In Hamburg bin ich nämlich aufgewachsen und habe auch die Anfänge des Films mitgemacht. Ich weiß noch genau wie es war :

Ich besuchte die Vorschule. Hatte gerade gelernt, Anschlagsäulen und ähnliches zu studie- ren, als ich eines Tages las, daß in einer Automaten Ausstellung in der Kaiser-Wilhelm-Strasse der „erste Film“ gezeigt wird. Meine Eltern gingen mit mir hin. Es war ein herrlicher Film. Ein Schiff kam an, landete, fuhr ab und damit war der Bildstreifen zu Ende. Es war mir unbegreiflich, daß sich Menschen auf der Leinwand bewegen können – und das obendrein in einer Stadt, dessen Bewohner als „steif“ verschrien sind. Und bereits damals sollte ich spüren, daß die Hauptrolle im Film – und das hat sich bis heute nicht geändert – der Zufall spielt, denn, wie sich allerdings erst 20 Jahre später herausstellte, in der gleichen Automaten-Ausstellung war auch ein Apotheker, der eigentlich in Hamburg nichts zu suchen hatte, da er aus dem Rheinland stammte und dieser Apotheker wurde später mein Kollege bei der Ufa und ist es jetzt bei der Terra: Eugen E. Schlesinger. Diese erste Begegnung mit dem Film war für mich entscheidend. Ich konnte tagelang vor Aufregung nicht schlafen. Mein Verlangen, weitere Filme zu sehen, war brennend! Es dauerte zwar einige Jahre, bis ich endlich den zweiten Film zu sehen bekam, aber da man damals um die Jugend nicht so besorgt war wie heute und man nicht die ominöse Aufschrift kannte „Für Jugendliche unter 18 Jahren verboten“, stand dem nichts im Wege, daß ich als kleiner Gymnasiast Messters ersten Film mir ansah. Kinos gab es noch nicht und so ging man in das Hansa-Theater, zu jener Zeit das führende Varieté Europas, wo es am Schluß den ersten Film – und zwar sogar Tonfilm – gab.

(Hier ist ein Bild vom Knopfs Lichtspielhaus eingefügt.) (Allerdings duldete man es, daß die Musik hinter der Leinewand von einem Grammophon gemacht wurde. Sie werden begreifen, daß diese Art Tonfilm bald ihr Ende fand). Der Star war Robert Steidl, dessen Couplet: „Wenn Kalkulators in die Boomblüte ziehn“ seinerzeit nicht weniger Beifall fanden, als etwa heute: „In bin von Kopf bis Fuß“. Die Leute waren begeistert und ich klatschte wie wild. Und Messter erschien nachher persönlich auf der Bühne. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich das Kino nie wieder verlassen, aber die Schule nahm mich zu sehr in Anspruch und so konnte ich „nur“ drei- bis viermal wöchentlich in das bald begründete einzige Kino „Knopfs Lichtspiele“ auf dem Spielbudenplatz gehen. Die Kinobesitzer mußten damals ihre Filme käuflich erwerben. Es war daher ein „Repertoire-Theater“. Den „Gallischen Hahn“, die Schutzmarke Pathés, bekam man immer wieder zu sehen, denn die Filme waren nur kurz. Dazu spielte ein Orchestrion mit drei Stücken ohne Rücksicht darauf, was auf der Leinewand vorging, und die Ouvertüre von „Dichter und Bauer“ mußte lange dazu herhalten, jeden Film, gleichgültig welcher Art, zu begleiten. Noch heute kann ich „Dichter und Bauer“ nicht hören, ohne die untrennbare Vision des kleinen „Kintopps“ auf der Reeperbahn, vor dem ein Ausrufer „rekommandierte“ und wo es alle halbe Stunde hieß: „Billet A-E ist abgelaufen“ zu haben. Der Abschluß des Kinobesuches war auch stets der gleiche: Am Büfett ein Glas Limonade für 10 Pfennig. Der Film nahm einen schnellen Aufschwung. Die Zahl der Kinos vermehrte sich um 200 % und so gab es bald Hamburg d r e i Lichtspiel-Theater eines hieß das „Belle-Alliance-Theater“, das andere „Atlantik“, in der Nähe des Hauptbahnhofs gelegen, und gehörte damals dem späteren Ufa-Direktor Pulch. An der weiteren Entwicklung des Films hatte ich keinen Anteil, denn Schule und Studium waren mir doch wichtiger. Wie es beim Film üblich ist, kommen doch schließlich die im mittleren Akt Getrennten am Schluß wieder zusammen und so ist es nur eine Selbstverständlichkeit, daß ich mich dem Film verband. – Da mir noch immer die Leinwandfiguren aus der Automaten-Ausstellung vor Augen standen, wandte ich mich der Produktion zu. Selbstverständlich hieß mein erster Film und spielte „An der Waterkant“ und zeigte Bilder aus Hamburg. Da es grade Krieg war, forderte er zum Durchhalten auf. Die Hauptrollen verkörperten die Gebrüder Wolff (Snuten und Poten!) und der Film ging sogar durch ganz Deutschland. Bei den Aufnahmen dazu entstanden auch etliche Beiprogrammfilme für die Deutsche Lichtbild-Gesellschaft, die den Hamburger Hafen und das Alster Viertel zeigten. Zwischendurch machte ich auch die persönliche Bekanntschaft eines Kino-Direktors – nicht etwa im Kino oder im Büro der Produktion, sondern bei einem Fußball-Club, dessen Mitglieder wird beide waren. Es war ein wagemutiger Süddeutscher, der auf „Hoheluft“ ein Kino besaß „Die Blumenburg“. Steigerwalds Wagemut wurde belohnt. Und noch heute spielt er eine führende Rolle unter den Theaterbesitzern nicht nur seiner Adoptiv-Heimat und des Norddeutschen Bezirkes, sondern des ganzen Reiches. Wer hätte das von dem „Schaddedirektor“, so wurde er ursprünglich ironisch genannt, weil man im Film nichts anderes als ein Schattenspiel sah, gedacht? In Hamburg entstand dann das erste wirklich große und moderne Lichspielhaus Deutschlands, das „Lessing-Theater“. Die Erbauer und ersten Besitzer eilten ihrer Zeit weit voraus und gingen daran später kaputt, zumal sie – wiederum

(Hier ist ein Foto von Hugo Steigerwald in den Artikel eingefügt)

ihrer Zeit weit vorauseilend – die jetzigen Kammer-Lichtspiele in Berlin errichteten. An ihre Stelle trat später der alte Herr Henschel, der mehr als ein Dezennium dem Kinoleben Hamburgs seinen Stempel aufdrückte. Sein Werk wird, nachdem sein einziger Sohn ihm durch den Krieg entrissen wurde, fortgesetzt von seinen Schwiegersöhnen Streit und Saß. Und heute noch ist der „Henschel – Konzern“ der Ring der großen Schauburgen, das größte Kinounternehmen Hamburgs. „Knopfs Lichtspielhaus“ aber gehört der Emelka und immer, wenn ich in Hamburg bin und „Auf der Reeperbahn nachts um ½ 1“ die Stätte unseres harmlosen Jungen-Vergnügens passiere, gedenke ich der gewaltigen Entwicklung des deutschen Filmes in dieser kurzen Spanne Zeit und bin stolz darauf, als Hamburger zu meinem bescheidenen Teile an diesem geradezu senkrechten Aufstieg habe teilnehmen dürfen.“ (Der Artikel von David Melamerson ist erschienen in der LBB am Sonnabend, d. 16. August 1930. Die Statistik sagt: Hamburg hat im Jahr 14 Millionen Zuschauer im Kino. Das kleinste Kino hat 154 Sitzplätze, das grösste 2600 Sitzplätze). Abgeschrieben von Jens Meyer.

Hitlers Hollywood – ein Fall für die Medienberatung

Hitlers Hollywood. Von Rüdiger Suchsland

Alles an diesem Film ist falsch. Schon der Titel führt in die Irre. Er signalisiert dem potentiellen Zuschauer einen Vergleich: Was hat das Kino des Propagandaministers Joseph Goebbels mit Hollywood zu tun? Kenner der Materie wissen: Nichts. „Hitlers Hollywood – ein Fall für die Medienberatung“ weiterlesen

UFA in Hamburg wird abgerissen

Gast Störzeile: Deutsche Tradition

Ich weiß gar nicht, was diese jungen Leute haben, die Sonntag morgen vor der Ufa demonstrieren wollen. Da regen sie sich auf, daß der neonazistische Freundeskreis Filmkunst bei der Ufa Filme zeigt (siehe taz von gestern). In den 80ern im Passage Kino (als es noch der Ufa gehörte), dann im Ufa-Palast (als sie noch nicht abgerissen war) und dieses Jahr mehrmals im City Kino. Die jungen Leute(sie nennen sich Antifaschistische Aktion) sind empört. Dabei ist das die lange Tradition der Ufa: National, konservativ, rechtsradikal und eben auch faschistisch. Seit ihrer Gründung am 18. Dezember 1917, übrigens ein Dienstag. Wenn sie 1997 achtzig Jahre alt wird, dann hat sie eine ganze Reihe deutscher Persönlichkeiten in ihrer Ahnengalerie:

Angefangen von General Ludendorff, über den deutsch-nationalen Medienzar Alfred Hugenberg, weiter zu Dr. Joseph Goebbels. Schon lange vor der Nazizeit (1929) lehnte die Ufa es ab, einen amerikanischen Hetzfilm wie Im Westen nichts Neues bei sich synchronisieren zu lassen. Stattdessen wurde der Reinertrag des Filmes Der Weltkrieg 1927 an die Hindenburg-Stiftung überwiesen. Auch Bertelsmann hatte nicht viel Glück mit der Ufa und den deutschen Kommunisten war die Geschichte der Ufa immerhin so peinlich, daß sie den neuen Namen DEFA fanden.

Im Westen jedoch fand niemand die Sache peinlich. Im Gegenteil. Der Name und die Firma waren eine Menge Geld wert. Die Aktiengesellschaft Ufa war sehr wertvoll. 1972 zahlte der selbsternannte „Kino-König“ Heinz Riech für das Aktienpaket mit einem Nominalwert von 12,5 Millionen immerhin fast 40 Millionen. Das war ihm die Sache wert: der „gute“ Name, die „deutsche“ Tradition der Firma. Andere verlieren viel Geld, wenn sie sich von ihrem Namen befreien wollen (ich denke da an die PDS) und werden trotzdem beim alten Namen gerufen. Und wieder andere sind eben stolz auf diese Ahnengalerie. Also, was wollen die jungen Leute? Schließlich hat die Ufa die Filme, die jetzt im City Theater laufen, Jud Süss und Triumph des Willens, vor (leider gar nicht) langer Zeit selber hergestellt. Und es muß doch einem ehemaligen Nazikonzern erlaubt sein, an seine eigene Tradition zu erinnern!“ (Leserbrief von Jens Meyer, erschienen am 3. November 1995, in der Taz Hamburg)

UFAAbbruch2UFAAbbruch3By-nc-sa_colorNilpferd7Fotos Jens Meyer

Filmportal.de

Filmportal.de schreibt über Unsichtbare Feinde: Die Übernahme durch die Cautio:

Filmportal.de schreibt über Unsichtbare Feinde: Die Übernahme durch die Cautio:

1937 wurde er zum „Reichsbeauftragten für die Deutsche Filmwirtschaft“ ernannt. Mit der Tobis, dem zweitgrößten Filmkonzern nach der Ufa, gelang der erste Coup des verdeckten Aufkaufs. Aufgrund der komplizierten Besitzstruktur bei der Tobis und der um jeden Preis zu verheimlichenden Schlüsselrolle der Regierung war dies die Nagelprobe: eine, so Daniel Otto, „feindliche Übernahme ohne bekannten Feind“. Der Plan bestand darin, jene Anteile an der Muttergesellschaft Intertobis, die sich in Besitz dreier holländischer Banken befanden, durch schrittweisen Aufkauf in „deutsche Hand“ zu bringen. Zur Tarnung bediente sich Winkler des holländischen Finanzinstituts Hollandsche Buitenbank, und sukzessive wurde von 1934 bis 1939 die Intertobis über die Hollandsche Buitenbank in den Reichsbesitz überführt. So wurde diese verschleierte Verstaatlichung Mitte der 1930er Jahre zur gelungenen Generalprobe – zur Ouvertüre für die Gleichschaltung der gesamten deutschen Filmindustrie.“ . . . “

In den Jahren 1936-39 steuerte Goebbels Ministerium erst 65 Mio. Reichsmark zum Aufkauf der Firmenanteile bei, dann von 1940-44 noch einmal 120 Mio. Reichsmark. Die Investitionen sollten sich lohnen. Dank dieser enormen Summen und der geschickten Vorgehensweise Winklers hatte die Cautio zum Ende des Geschäftsjahres 1940/41 vierzehn Filmgesellschaften unter Kontrolle: Tobis Tonbild Syndikat, Ufa, Film-Finanz GmbH, Terra Filmkunst, Tobis Filmkunst, Wien-Film, Bavaria, Ostmärkische Filmtheater Betriebe, Deutsche Lichtspielbau, Tobis Sascha Filmverleih, AB-Film AG Prag, Elektafilm Prag, Continental Paris, N.V. Internationale Tobiscinema Amsterdam.

Die Nazis hatten ihr Ziel erreicht, und am 10. Januar 1942 folgte schließlich die Vereinigung aller mittelbaren und unmittelbaren staatlichen Filmfirmen zu einer Holding: der Ufa-Film GmbH, genannt UFI. Die UFI, so Daniel Otto, bildete die Krönung und gleichzeitig den Abschluss von Winklers Neuorganisation der Filmwirtschaft für den NS-Staat: „Bewähren konnte sich Winklers UFI allerdings nicht mehr: Nach Fertigstellung verblieben bis zum Untergang des ‚Dritten Reiches‘ kaum mehr als drei Jahre.

Nach 1945 begann die Zerschlagung* der UFI durch Abbau und Ausverkauf. Und wer bot sich zur Entflechtung des komplizierten Machwerks Besseres an als ihr Konstrukteur, der Bürgermeister a.D. Dr. h.c. Max Winkler? So wurde die junge Bundesrepublik die einundzwanzigste Regierung, der er getreu seinem Beamtenkodex seine Dienste offerierte.“ Filmportal.de (Abgerufen am 3. Oktober 2021).

(*) Kleine Anmerkung: Eine Zerschlagung war das mit Sicherheit nicht. Sondern das genaue Gegenteil, wie an anderer Stelle ausgeführt.

Schauburg am Millerntor

Schauburg-am-Millerntor-1927-Foto-St.-Pauli-ArchivDas Kino Schauburg am Millerntor. Eröffnung am 24. Februar 1927. Das Foto kommt vom St. Pauli Archiv. Möglicherweise ist das Foto 1929 entstanden. Wenn mich meine Lupe nicht täuscht, dann ist als Film der Film „Möblierte Zimmer  – der sturmfreie Junggeselle“ mit Hans Albers angekündigt. Der Start dieses Filmes war laut Filmportal.de am 27. März 1929. Architekt der beiden Häuser (Kino und Bierhaus Nagler) war Carl Winand. Das Kino hatte 1932 1.632 Sitzplätze. SchauburgMillerntorgroßSchauburg Millerntor. Innenraum. Repro von Reinhold Sögtrop. Datum der Aufnahme ist uns nicht bekannt. Vermutlich Anfang 1930.

Die Anzahl der Sitzplätze wurde einem Bericht entnommen, den die UFA Revisionsabteilung Berlin zwecks Übernahme dieses Kinos gefertigt hat (datiert auf den 5. Februar 1932). Das Bierhaus Nagler mit 500 Sitzplätzen (links daneben) wurde ebenfalls von Carl Winand entworfen. Eigentümer der Gebäude war der >Henschel Film- und Theaterkonzern< wie er sich nannte. Eine OHG der Herren Hermann Urich Sass und seines Teilhabers Hugo Streit.  Das Grundstück gehörte weiterhin der Stadt Hamburg (Domäne). 1933 drohte die Arisierung, sprich Enteignung. Hermann Urich Sass hat sich am 27. Januar 1933 das Leben genommen und wurde am 30. Januar 1933 auf dem jüdischen Friedhof in Hamburg Ohlsdorf beigesetzt. Am 4. Mai 1942 wurde es von englischen Bombern bombardiert. Der Innenraum brannte aus.

Jetzt erinnern zwei Stolpersteine an die Arbeit von Hermann Urich Sass.                                                                                                                                                          Foto Stolpersteine Jens Meyernilpferd_tumbBy-nc-sa_colorIMG_5791StolpersteineUrichZuschauerraum4.5.1942BritischeBRandbombe

 

Foto Tanzende Türme Jan Johannsen

Stolpersteine vor den Tanzenden Türmen Reeperbahn 1 Foto Jan Johannsen 24. Oktober 2017

Auf der Suche nach Ilse Kramp – Ilse Kubaschewski und ihrem Ru-To-Li

Alt Rudow Berlin
Auf der Suche nach den Rudower Ton Lichtspielen (Ru-To-Li) Februar 2017 von Ilse Kubaschewski, geb. Kramp

Wo ist das Kino der Ilse Kramp? Vermutlich ist es das Gebäude an der Prierosser Strasse 32 (Berlin Rudow) in dem jetzt (2017) die Drogerie Rossmann einen Laden hat. Der Standort ihres zweiten Kinos, die >Mars Lichtspiele< soll an der Neuköllner Strasse 332 gewesen sein. Bisher habe ich von der verstorbenen Millionärin keine zeitgenössischen  Fotos ihrer Kinos gefunden. Also macht euch auf die Suche nach Fotos der Kinos von Ilse Kramp, Ilse Kubaschewski, fordert der Fotograf By-nc-sa_color Jens Meyer am 11. Februar 2017

Ilse Kramp und Hans Wilhelm Kubaschewski: Wikipedia schreibt: (16. November 2020) Ilse Kramp: Die Tochter eines Postbeamten und einer Begleitmusikerin für Stummfilme besuchte das Schiller-Lyzeum und die höhere Handelsschule in Berlin. Sie wurde 1931 Stenotypistin beim Siegel-Monopol-Filmverleih und brachte es bis zur Disponentin. Später wurde sie Teilhaberin eines Berliner Kinos und schloss 1938 die Ehe mit dem Filmkaufmann und UFA Filialleiter Hans Wilhelm Kubaschewski. Ab 1945 lebte sie in München und übernahm mit Partner Luggi Waldleitner die Kurlichtspiele in Oberstorf. 1949 gründete sie mit einem Bankkredit von 30.000 Mark zusammen mit Waldleitner in München die Gloria-Film GmbH und die Gloria-Film GmbH & Co. Filmverleih KG. Während der Zeit des deutschen Kinowunders dominierte ihre Firma in Deutschland weitgehend das Verleihgeschäft, erst in den sechziger Jahren wurde sie von der Constantin Film überholt. Ilse Kubaschewski war zeitweilig alleinige Deutschland-Vertreterin der Republic Pictures International und von 1953 bis 1962 auch Inhaberin der Produktionsfirma KG DIVINA-FILM GmbH & Co. (ursprünglich Diana-Film) mit dem Divina-Studio Baldham. Sie erbaute den Gloria-Filmpalast in München, der am 28. August 1956 eröffnet wurde. „Kubas“ Gloria-Bälle waren in den 50er und 60er Jahren in München ein wichtiges gesellschaftliches Ereignis. Was den Inhalt der Filme betraf, bevorzugte Ilse Kubaschewski lange Zeit Heimatfilme wie Schwarzwaldmädel und Grün ist die Heide oder zu Herzen gehende Lebensschicksale wie Die Trapp-Familie. Sympathische Hauptfiguren, viel Musik und ein Happy End hielt sie, wie sie einer Illustrierten erklärte, für unentbehrlich. Die Wende des Publikumsgeschmacks in den sechziger Jahren zu mehr Sex und Gewalt sowie das Aufkommen des Neuen Deutschen Films entsprachen nicht ihren Vorstellungen. 1974 verkaufte sie den Mehrheitsanteil des Filmverleihs an Barny Bernard und betrieb nur noch den Gloria-Filmpalast. In den 80er Jahren zog sie sich an den Starnberger See zurück. Im Jahr 1994 errichtete sie die Ilse Kubaschewski Stiftung, die zum einen in Not geratene Künstler unterstützt und sich zum anderen um eine humane Pflege im Alter bemüht. Ihre Grabstätte befindet sich auf dem Münchner Waldfriedhof.“

Hans Wilhelm Kubaschewski „1945 wurde Hans Wilhelm Kubaschewski in München Berater der Amerikanischen Militärregierung. US Sergeant Walter Klinger (1912–2003) nahm ihn in den Amerikanischen Film Verleih auf, der später in Allgemeiner Filmverleih unbenannt wurde. Dadurch konnte er unter anderem die Alliierten davon überzeugen, seiner Frau, die eine der ersten Verleiher-Lizenzen nach dem Krieg bekam, die Verleihrechte an 11 UFA-Erfolgsfilmen aus der NS-Zeit (vor allem mit Zarah Leander und Marika Rökk) zu überlassen, die selbst nach dem Krieg noch mehr einspielten als amerikanische oder französische Neuimporte. Von 1950 bis 1959 war Kubaschewski Direktor von Warner Bros in Deutschland. In dieser Eigenschaft war er unter anderem verantwortlich für die deutsche Synchronisation des Filmes Casablanca, der in einer gekürzten Version 1952 in die deutschen Kinos gelangte. In dieser Fassung ist der Major Strasser herausgeschnitten und aus dem Widerstandskämpfer ist ein Strahlenforscher geworden. Erst einige Jahre später gibt es eine vollständige deutsche Synchronisation. 1959 wechselte er als Vorstandsmitglied zur Bavaria Filmgesellschaft, wo er zeitweilig alleiniger Vorstand war. Kubaschewski litt durch eine Erkrankung an einer Sprachlähmung und starb im Alter von 54 Jahren. Beigesetzt wurde er am Münchner Waldfriedhof. „

Hinweise zu einem Leserbrief von dem Filmkritiker Kurt Joachim Fischer an die Neue Zeitung (München). Die Neue Zeitung wurde von der Amerikanischen Militärregierung lizensiert und erschien später als Süddeutsche Zeitung. Der Filmkritiker Kurt Joachim Fischer hatte in einer Vorführung die deutsche Synchronfassung von ‚Casablanca‘ von Michael Curtiz gesehen und sich darüber gewundert, warum der Film um 25 Minuten gekürzt wurde. Er schrieb darauf hin einen Brief an den Filmverleih ‚Warner Bros‘ in Frankfurt und hatte nachgefragt, warum der Film gekürzt wurde. Die Firma Warner Bros liess über ihren Geschäftsführer (Hans Wilhelm Kubaschewski) mitteilen, welche Beweggründe die Firma Warner Bros dafür gehabt hatte. Kurt Joachim Fischer war über die Antwort des Verleihs so empört, dass er einen Leserbrief an die Neue Zeitung (Vorgänger der Süddeutschen Zeitung) geschickt hat, in dem er aus der Antwort des Verleihs zitiert hat.

Das Zitat ist es wert, hier noch einmal präsentiert zu werden: „. . . Ich erhielt von (Warner Bros) folgende Antwort:

„Der Film ‚Casablanca‘ wurde im Jahre 1942 gedreht, und da er in seiner Originalfassung nicht mehr zeitgemäß und nicht zur Vorführung in Deutschland geeignet war, haben wir bei der Synchronisation des Filmes verschiedene Schnitte bzw. Änderungen vorgenommen, bevor der Film der Freiwilligen Selbstkontrolle vorgelegt wurde. Da ‚Casablanca‘ zu einem der eindrucksvollsten Bergmann Filme gehört, wollten wir diesen Film dem deutschen Publikum nicht vorenthalten und haben uns deshalb zu dieser deutschen Neufassung entschlossen“. Warner Bros. (Hans Wilhelm Kubaschewski)

(PS: Der Leserbrief von Kurt Joachim Fischer unter der Überschrift „Conrad Veidt wurde herausgeschnitten“ erschien in der Wochenendausgabe vom 24/25. Januar 1953, auf Seite 5 in der Rubrik „Briefe an die Redaktion“.

Nachtrag Fundstück Hans Wilhelm Kubaschewski:

Auf Seite 46 des Buches von Klaus Kreimeier (Kino und Filmindustrie in der BRD – Ideologie und Klassenwirklichkeit nach 1945, erschienen 1973 im Scriptor Taschenbuchverlag) steht: “Erstaunliche Karrieren zeichneten sich ab. Zu den Vertrauten der amerikanischen Militärbehörden gehörte Hans W. Kubaschewski, der schon vor dem Kriege mit Filmverleihern der USA verbunden war. Dann hatte er den Posten des Berliner Filialleiters der faschistischen Deutschen Film-Vertriebs-GmbH bekleidet, die zur UFA gehörte. Zusammen mit einem gewissen Walter Klinger aus Hollywood verlieh Kubaschewski nach 1945 die ersten Filme, vor allem Reprisen aus der Produktion vergangener Jahre. Der erzielte Gewinn ging in die Millionen. Kubaschewski war klug genug, sich nicht selber einen Filmverleih aufzubauen. Das tat seine Frau. Er, mit seinen guten Verbindungen zu den Amerikanern, knüpfte die Beziehungen und gab die richtigen Tips. Später wurde er der Verantwortliche des Warner-Brothers-Verleih und dann, von 1959 bis zu seinem Tode, Direktor der Bavaria in München. Ilse Kubaschewskis Gloria Verleih entwickelte sich zu einem der größten Verleihfirmen in Westdeutschland. Die Spezialität dieser Firma waren viele Jahre hindurch minderwertige Heimatfilme” (17). Wer unter der Nummer 17 des ersten Kapitels nachsieht, um herauszufinden, wer diese Sätze wo geschrieben hat, wird vom Autor Klaus Kreimeier in die Irre geführt. Dort verzeichnet unter Nummer 17: “Statistik bei Pleyer a.a.O. S. 26.f. (Peter Pleyer, Deutscher Nachkriegsfilm 1946 – 1948, Münster 1965) “Nun befindet sich das Buch von Peter Pleyer nicht in jedem Deutschen Haushalt. Aber in meinem. Und damit kommt an den Tag, warum mein ehemaliger Dozent an der dffb leider die Quelle vergessen hat und wer diese Sätze in Wahrheit geschrieben hat. Peter Pleyer war es jedenfalls nicht. Aber ich kann Klaus Kreimeier helfen. (Von Meyer zu Kreimeier): Die Sätze stehen in dem Buch von Horst Knietzsch “Film gestern und heute“ und es ist erschienen im Urania Verlag in Berlin. Es ist die 3. Auflage vom 31. August 1967, die mir zur Verfügung steht. Immerhin mit einer Gesamtauflage von 65 Tausend Stück. Doch im falschen Berlin erschienen und damit unzitierbar für einen, der Dozent an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin bleiben will. Ein gewisses Verständnis kann ich entwickeln, nachdem ich den Vortext von Horst Knietzsch zur Einleitung des Kapitels: “XVI Der westdeutsche Film zwischen Kunst und Kasse“ gelesen hatte. Dort steht- Zitat: “Im Gegensatz zur Filmindustrie in der Deutschen Demokratischen Republik, die in die Hände des Volkes gelegt wurde, nahm die westdeutsche Filmwirtschaft erneut Kurs auf eine kapitalistische Entwicklung und stellte sich im wesentlichen in den Dienst der herrschenden bürgerlichen Klasse.“ (Horst Knietzsch)-. Wie einfach doch die Welt sein kann. Und das kann ich mir, als einfacher Mensch, auch richtig gut vorstellen wie die Filmindustrie in der DDR in die „Hände des Volkes gelegt wurde“.

Dennoch zieht Klaus Kreimeier seine Schlüsse: “Die Biographie (von llse Kubaschewski, geb. Kramp), veranschaulicht die Komplizenschaft zwischen Imperialismus und nationaler Bourgeoisie im Bereich der Kulturindustrie – auch die strategische Rolle, die besonders reaktionäre, ehemals dem NS-Staat ergebene Kapitalisten im Zuge der Kolonialisierung der deutschen Märkte durch die US-Monopole übernehmen, und schließlich das Pfründensystem, das ihre Lakaiendienste belohnt. Die alliierte Verfügung, das gesamte reichseigene Filmvermögen – und damit auch die faschistische UFA – aufzulösen, wird von den deutschen Behörden formal befolgt und faktisch hintertrieben. Kreimeier hat alles richtig gemacht. Nur der Urheber des zitierten Textes ist ihm aus Versehen weggerutscht.

Literatur: Erich Scheibmayr: Letzte Heimat: Persönlichkeiten in Münchner Friedhöfen 1784-1984, Scheibmayr, München 1989, Wolfgang Becker: Film und Herrschaft. Zur politischen Ökonomie des NS-Filmes, Band 1, Verlag Volker Spiess, Berlin 1973. Jürgen Spiker: Film und Kapital, Verlag Volker Spiess Berlin. Hans Helmut Prinzler, CHRONIK DES DEUTSCHEN FILMS 1895 – 1994, Verlag J. B. Metzler, Stuttgart Weimar 1995. Klaus Kreimeier, Kino und Filmindustrie in der BRD, Scriptor Verlag 1973, Horst Knietzsch, FILM gestern und heute, Urania Verlag Berlin (Ost), 3. Auflage (Seite 264), Klaus Kreimeier, Die UFA Story Geschichte eines Filmkonzerns, Carl Hanser Verlag 1992, Aljean Harmetz, Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen, Wie Casablanca gemacht wurde. Berlin Verlag 2001. Peter Pleyer, DEUTSCHER NACHKRIEGSFILM 1946 -1948, Verlag C. J. Fahle, Münster 1065, Online Archive of California: Klinger, Walter A. Papers. Ilse Kubaschewski: Det greift ans Herz. In: DER SPIEGEL 4/1957. Jennifer M. Kapczynski, Michael David Richardson (Hrsg.): A New History of German Cinema. Boydell & Brewer, 2012 (S. 329) Tim Bergfelder: International Adventures: German Popular Cinema and European Coproductions in the 1960s. Berghahn Books, 2005 (S. 75) Hans W. Kubaschewski. In: DER SPIEGEL 19/1959. Hans Wilhelm Kubaschewski In: DER SPIEGEL 50/1961.Spiegel: Ilse Kubaschewski. Hamburg April 1957, S. 38–44.

Tier

Auf der Suche nach Henschel 15 / 18 Seiten Recherchen 1989 und einen Text von der Stolpersteinverlegung

AufderSuchenachHenschel15SeitenManuskript

Abschrift:

A U F   D E R   S U C H E   N A C H   H E N S C H E L

Vielleicht ist die Geschichte ganz einfach erklärbar. Vielleicht einfach so: DIE BANKEN KÜNDIGEN DIE KREDITE. Das Unternehmen wird zahlungsunfähig und muss Konkurs anmelden. Ein Konkurrent hatte seine Hand im Spiel, der Markt sollte bereinigt werden. Oder so: Henschel ist Jude und die Nazis ARISIEREN die Firma. Einer mit “deutschem oder artverwandten Blut“ bekommt einen Kredit und erwirbt die Firma fürn “Appel und Ei“. Der Name Henschel verschwindet. Keiner erinnert sich noch heute gerne an die “freundschaftliche Arisierung“, wie der Enteignungsvorgang von den Nazis genannt wurde. Mancher “deutsche“ Bäckermeister, mancher “deutsche“ Schlachtermeister kam auf diese Weise an einen eigenen Betrieb.

Oder so: Das Unternehmen musste mit der Einführung des Tonfilmes so große Mengen Geldes in die neuen Tonfilmgeräte stecken, dass die Firma Tobis oder die Firma Siemens Klangfilm die Großtheater übernommen haben, als die fälligen Raten nicht rechtzeitig bezahlt wurden. Oder so: Die Firma zeigte zu viele “antideutsche Filme“, die noch von den den Nazis “unabhängigen“ Filmverleihe wurden gezwungen, das Unternehmen Henschel nicht mehr zu beliefern. Begonnen hat alles mit einem anderen Konzern, der heute die Kinostruktur weitgehend beherrscht. Ein vertikaler Konzern, sagen die Filmwissenschaftler. Von diesem Konzern weiß keiner so recht, welche Ziele denn außer Geldverdienen noch verfolgt werden. Und über den es keine Öffentlichkeit gibt. Und das aus verschiedenen Gründen: Das Publikum ist an den Besitzverhältnissen der Abspielstellen nicht interessiert, der Konzernbesitzer hat die Printmedien im festen Griff über die Anzeigenabteilungen. Keine Zeile gegen die großen Anzeigenkunden. Geld ist eben immer noch die beste Waffe. Auch die Bank der deutschen Filmwirtschaft, genannt Filmförderungsanstalt will sich seinem Zugriff nicht entziehen. Mit den Zinssätzen kann keine andere Bank in Konkurrenz treten. Das vollzieht sich nach Recht und Gesetz, soll der Hebung der Filmkultur auf breiter Grundlage dienen und arbeitet doch nur nach dem alten Bibelspruch: “Wer hat, dem wird gegeben…“. Doch gibt es auch Widersprüche. Nicht immer lassen sich Redakteure ihre Texte von der Anzeigenabteilung diktieren. Manchmal bringen sie noch schnell 90 Zeilen irgendwo unter, weil sie doch in Wut geraten sind. Und das will etwas bedeuten. Schließlich setzen sie einen gut bezahlten Arbeitsplatz aufs Spiel. Am nächsten Tag ist das Geschrei jedenfalls groß über die veröffentlichte Wahrheit. In der Folgezeit interessieren sich dann nur noch die Juristen mit ihrer Gebührenordnung, die sich nach dem Streitwert richtet, für die 90 Zeilen über den Konzern. Bei der Finanzstärke des Kinokonzerns bleibt ein solcher Prozess eben nicht aus. Dann geht es durch 2 Instanzen, Streitwert 1.5 Millionen (DM). Würde dieser Betrag pro Druckzeile umgelegt, dann würde das pro Zeile 17.000,00 DM geben. Kein schlechtes Zeilenhonorar. Nach dem Prozess sind dann alle schlauer, insbesondere die, die für ein viel geringeres Zeilenhonorar arbeiten. Für den fehlenden Mut, sich mit den Großen anzulegen gibt es allerlei Rationalisierungen. Ausrutscher passieren in Zukunft nicht mehr, es wird jeden Monat neu lamentiert und an der Oberfläche gekratzt. Grundsätzliches wird besser nicht erörtert und das Publikum interessiert sich sowieso nicht für die Zusammenhänge. Die schamlose Ausbeutung des Filmpublikums ist im “mutigen“ Zeitungsdeutschland keine Zeile wert. Das verweist auf die Geschichte und die Zusammenhänge. Auch damals “im Dritten“ konnte nur gewählt werden zwischen “Keine Veröffentlichung – kein Auskommen“ und “Kopf an der Garderobe abgeben – aber dafür gut leben“. Auch hier wieder die Rationalisierungen für den fehlenden Mut. Die Geschichte vom Mc. Donalds für die Augen.

Der Schirmherr des deutschen Films (Foto in Agfacolor) legt fest, was ein deutscher Film ist: “Deutsche Filme sollen künftig nur von Deutschen hergestellt werden. Deutsch aber ist, wer deutscher Abstammung, deutschen oder artverwandten Blutes ist. Seitdem können allein Filme als deutsche Filme anerkannt werden, die von einer d e u t s c h e n Gesellschaft in d e u t s c h e n Ateliers mit d e u t s c h e r Idee,

d e u t s c h e m Autor, d e u t s c h e n Komponisten und d e u t s c h e n Filmschaffenden hergestellt sind. Durch jene Begriffsbestimmung des deutschen Films wird es möglich, in verhältnismäßig kurzer Zeit die jüdischen Einflüsse in der Produktion, dem Verleihgeschäft wie dem Filmtheaterwesen auszumerzen.“ J.G.

Kein Deutscher mehr

Am 28. Januar 1935 wird im Reichsanzeiger veröffentlicht, daß Ernst Lubitsch die deutsche Staatsbürgerschaft verloren hat.

IST HENSCHEL AUSGEMERZT WORDEN?

Wenn ich noch heute Hautreizungen bei dem Wort “deutscher Film“ bekomme, wen wundert das eigentlich?

Doch Abschaffung des Kinos durch Filmtheaterkonzerne? Durch Mc. Donalds für die Augen? Seit wie vielen Jahren ? Die Zusammenarbeit von Phantasie und Kapital hat “Sein oder Nichtsein“ hervorgebracht. Widersprüche. Was wenn Henschel sein Geld aus den Filmtheatern abgezogen hat, weil er im Waffengeschäft höhere Rendite erwartete und schließlich auch belohnt wurde mit dem zweiten Weltkrieg? Weitsichtiger Mann vielleicht? Der schon ahnte, dass 1943 durch Fliegerbomben 90 % seiner Kinos zerstört werden würden? Fakten sind gefragt. Der Vater: Im Dezember 1905 eröffnet James Henschel das “Helios Theater“ in der Großen Bergstr. 11-15 in Altona (Preussen). Das Theater hat 500 Sitzplätze. Henschel “kam von der Konfektion“ (wie Lubitsch). 1918 verkauft er seine Häuser und seine Firma Monopol Film Verleih an die neugegründete UFA (und andere Kinobesitzer) und “zieht sich ins Privatleben“ zurück. 1919 ist das Sturmjahr der Kommunalisierungsbewegung der Filmtheater. Im Badischen Landtag ebenso wie in Frankfurt a. M., Halle, München und anderen Orten fordert man staatlicher- oder städtischerseits die Kommunalisierung der Kinobetriebe. In München kam es dabei im September bis Dezember 1919 zu einem Kinostreik, denn der Stadtmagistrat forderte bis zur Durchführung der Kommunalisierung eine hundertprozentige Lustbarkeitssteuer. Am 11. November 1919 geht von der UFA eine ausführliche wohlbegründete Stellungnahme in der Angelegenheit an das Reichswirtschaftsministerium. Sie schließt mit dem nachdrücklichen Hinweis, dass bei einer Kommunalisierung der Theater schwere Gefahren für den Fortbestand unserer Gesellschaft und damit eine Gefährdung der Reichsbeteiligung bei unserer Gesellschaft drohen. Am 15. April 1920 stellt die Unabhängige Sozialdemokratie einen Antrag auf Kommunalisierung der Lichtspielhäuser. Er wird vom Reichstag abgelehnt. Ein Antrag der Linken auf Sozialisierung der Filmbetriebe wurde 1919 vom Reichstag als nicht zulässig an die Länder verwiesen.“

Henschels Schwiegersöhne Hermann Urich Saß und Hugo Streit beginnen 1919 mit dem Neuaufbau eines norddeutschen Kino Konzerns. (Henschel Film- und Theater Konzern OHG). Das “APOLLO THEATER“ in Hamburg Hammerbrook, Süderstrasse 56 mit 456 Sitzplätzen, das “CITY THEATER“ Steindamm 9 mit 550 Sitzplätzen, die “SCHAUBURG AM HAUPTBAHNHOF“, Mönckebergstr. 8, mit 883 Sitzplätzen, die “SCHAUBURG UHLENHORST“, Winterhuder Weg 106, mit 680 Sitzplätzen werden von ihnen gepachtet. 1926 (noch vor Beginn der Tonfilmzeit) beginnen sie mit dem Neubau riesiger Lichtspielpaläste. Im Februar 1927 wird die “SCHAUBURG AM MILLERNTOR“, Reeperbahn 1 / Ecke Circusweg mit 1156 Sitzplätzen eröffnet. Architekt ist Carl Winand. Ein Restaurant für 500 Gäste wird ebenfalls errichtet. Bauzeit 4 Monate. Baukosten etwa 500.000,– RM. “Ein geräumiger Vorraum führt zur Empfangshalle. Von hier aus ist der Zuschauerraum zu betreten. Breit angelegte Treppen führen zum Ranggeschoß. Notausgänge in genügender Anzahl nach dem Cirkusweg. Zu beiden Seiten der Bühnenwand ist eine Oskalyd Orgel mit Fernwerk von der Firma Furtwängler & Hammer aus Hannover eingebaut. Die Bühnenwand zeigt vor der Bildfläche einen Raum für Vorspiele.“

Und eine Korrektur aus der Festschrift die “im Februar 1927 unseren Besuchern überreicht wird“ der Herr heißt nicht Hermann Ulrich Saß, sondern Hermann Urich Saß. Ist deswegen sein späteres Verschwinden nicht bemerkt worden? Die Schwiegersöhne müssen mit Geld gut ein(ge)deckt sein, denn von nun an geht es Schlag auf Schlag: Im September 1928 kommt die “SCHAUBURG HAMMERBROOK“, Süderstrasse 73, mit 1450 Plätzen dazu. Architekt Georg Koyen. “1924 wurde auf dem Platz Süderstrasse von privater Seite eine Markthalle errichte, die aber nicht bestehen konnte. Am 16. September 1928 wird das Kino nach gründlichem Umbau eröffnet.“ Es folgen 1928 die “SCHAUBURG BARMBECK“, Denhaide 91-95 mit 1100 Sitzplätzen, 1929 die “SCHAUBURG WANDSBEK“, Hamburger Strasse 7, mit 1100 Sitzplätzen. Weitere Theaterneubauten 1929 sind: die “SCHAUBURG NORD“, Fuhlsbüttler Str. 165, mit 975 Plätzen und die “SCHAUBURG HAMM“, Hammer Landstr. 6-8, mit 1520 Sitzplätzen. Der “HENSCHEL FILM UND THEATERKONZERN“ wie er jetzt genannt wird, mit Sitz in Hamburg 36, Dammtorstr. 27 (direkt zwischen OBERSCHULBEHÖRDE UND STADTTHEATER-heute “Staatsoper“) pachtet bis Ende 1929 weitere Theater: das “BURG THEATER“ in Hamburg Rothenburgsort, Billhörner Röhrendamm 79-83 mit 410 Sitzplätzen und 1930 übernimmt Firma Henschel aus das ehemalige “Gründungs Kino“ des James Henschel “HELIOS THEATER“ in der Großen Bergstrasse 11-15 und wandelt es in die “SCHAUBURG ALTONA“ mit 500 Sitzplätzen um.  Damit verfügt das Unternehmen Henschel 1930 über 12 Filmtheater mit insgesamt 10.731 Sitzplätzen. Auch hier drängen sich Vergleiche zur Gegenwart auf. 1988 also 58 Jahre später hat der “Ramschladen“ Kino Besitzer (Hanseatisches Oberlandesgericht 6. Mai 1982) ebenso viele Sitzplätze in Hamburger Kinos. Henschel spielte in seinen Kinos die unabhängige Ware: Die neuen Filme von Chaplin, die “Russenfilme“ von Eisenstein, Vertov, Dowschenko (“ARSENAL“-nebenbei nach diesem Film von Dowschenko sind auch in Hamburg zwei Kinos benannt, aber noch nie dort gezeigt worden). Doch sicher auch die gängige Durchschnittsware. Doch andere Filme als in der Firma des “Geheimen Finanzrates Hugenberg“ der UFA. Dieser Konzern eröffnet sein neues Großkino im “DEUTSCHLANDHAUS“ Valentinskamp / Ecke Dammtorstrasse (Architekten Block und Hochfeld) mit 2600 Plätzen am 21.12.1929 mit dem deutschen Film von Leni Riefenstahl und Arnold Fank: “DIE WEISSE HÖLLE VOM PIZ PALÜ“ einem Film eben jener Dame die bei dem “Schirmherr des deutschen Films Josef Goebbels“ mit dem “Triumph des Willens“ (1934) so große Erfolge erringen konnte. Zur Eröffnung waren die 2600 Plätze des “UFA PALAST“ mit Vertretern des Senats, der Bürgerschaft und der Behörden besetzt. Unter der Regie von Hugenberg und Klitzsch (der gleichzeitig Vorsitzender der SPIO war) hielt die UFA die vermeintliche “deutsche“ Tradition hoch.“ Ähnliche Gründe bestimmen die UFA, keine Werbefilme linksgerichteter Zeitungen in den UFA Theatern zuzulassen, und 1929 lehnt man ab, für den amerikanischen Film “IM WESTEN NICHTS NEUES“ Atelierraum zur Synchronisation oder gar Theater zur Vorführung zu Verfügung zu stellen . . . Aus der gleichen Haltung heraus fasst man den Entschluss,  dass die UFA künftig keine sowjetrussischen Filme mehr für ihre Theater mietet . . . man wahrte unbedingte Zurückhaltung, wenn ausländische Bestrebungen sich gegen das d e u t s c h e Ansehen wandte oder von weltanschaulich untragbar erscheinenden Tendenzen geleitet wurden.“ Stattdessen wird dist“. er Reinertrag des Filmes “DER WELTKRIEG“ (1927) . . .der Erstaufführung zum Besten der Hindenburg Spende überwiesen“. Auch hier drängen sich Vergleiche auf. 1937 übernehmen die Nazis die Aktienmehrheit der UFA und gründen zur “Verwirklichung nationalsozialistischer Ziele“ den UFI Konzern. Nach der Kapitulation des Dritten Reiches werden beide Unternehmen von der Besatzungsmacht erneut zusammengefasst. Kurz darauf wird die UFA “Reprivatisiert“ und die UFI kraft Gesetzes aufgelöst. Die UFA (privat) entsteht neu in Gestalt zweier Teilgesellschaften der “UNIVERSUM FILM AG“ und der “UFA THEATER AG“. 1964 übernimmt die “Bertelsmann-Gruppe“. 1971 wird der Verkauf an Riech vorbereitet. Am 1. Januar 1972 übernimmt Riech die zum Verkauf gestellten Aktien mit einem Nominalbetrag von 12.5 Millionen DM. Über den Verkaufspreis liegen keine exakten Zahlen vor. Die Fachpresse spricht von 30-40 Millionen DM. Kurz gefasst die Geschichte der UFA: General Ludendorf – Hugenberg – Goebbels – Bertelsmann – Riech. Eine Kette von Namen. Die Firma Henschel ist nicht dabei. Bleibt Fakt: Die Firma „Henschel Film- und Theaterkonzern KG“ hat ein Kapital von 300.000,– RM. 1933 im Jahre der Machtübergabe wird eine Gesellschaft mit 20.000,– RM gegründet. Die Firma trägt den Namen: “SCHAUBURG LICHTSPIELBETRIEBSGESELLSCHAFT mit beschränkter Haftung“: Geschäftsführer Paul Romahn, Hamburg Bergedorf, Karolinenstr. 10 und Gustav Schümann, Oberaltenallee 22. P1040974MöllersKamp10kleinWohnhaus von Paul Romahn (1933) in Bergedorf, Karolinenstrasse 10 (Heute Möllers Kamp 10)

Foto Mai 2018 Foto Jens Meyer By-nc-sa_colorNilpferdeinauge

Prokurist: Robert Stauffenberg, Dannerallee 22, Bank: Commpribank. Diese Gesellschaft übernimmt 1934 mit 20.000.– RM (Kapital) 11 von 12 Filmtheatern der Firma „Henschel Film- und Theaterkonzern KG“. In den Adressverzeichnissen der Filmwirtschaft wird die Firma Henschel von nun an (1934) als „Henschel Film- und Theaterkonzern KG“ mit der neuen Anschrift: Spitaler Str. 12 geführt. Drei Jahre später (1937) taucht in eben den gleichen Adressverzeichnissen eine “J. HENSCHEL GMBH“ in Hamburg 36 mit einem Kapital von 300.000,– RM auf. Geschäftsführer der GmbH: Paul Lehmann, Alexander Grau, Max Stüdemann, Rudolf Schmidt. Als Bank wird angegeben: DEDIBANK. Welche Geschäfte da noch geführt werden? Wo doch alle Kinos verkauft oder verpachtet sind? Doch der Eintrag im Filmtheateradressbuch taucht auch 1939 noch auf: Ein Jahr später (1940) wird die Bank der J.Henschel GmbH gewechselt. Von nun an ist es die “DEUTSCHE BANK“. Auch die andere Gesellschaft, die “SCHAUBURG LICHTSPIELTHEATER GMBH ROMAHN UND SCHÜMANN“, wie sie sich 1941 nennt, wechselt zur Commerzbank. Eine neue zusätzliche Prokuristin wird eingestellt: Gretel Dubbert, Roßberg 5. Der eine Geschäftsführer Gustav Schümann zieht in die Goßlerstr. 84 in Wandsbek. 5 Jahre nach Beendigung des zweiten Weltkriegs (1950) gibt es im Adressverzeichnis keine J.HENSCHEL GMBH mehr. Die “Lichtspieltheatergesellschaft Romahn und Schümann hat (1950) eine neue Anschrift: Hamburg 21, Adolphstr. 22. (Heute 2018 Herbert Weichmann Strasse 22)P1050011HerbertWeichmannstrassekleinWohnhaus von Paul Romahn und Gustav Schümann in der Adolphstrasse 22 (1951) (Heute: Herbert Weichmannstrasse 22)By-nc-sa_colorNilpferdzweiaugen

Foto (Mai 2018) Jens Meyer

Zurzeit keine weiteren Spuren aufzufinden. Bei meinen Recherchen gerate ich an den alten Judenfriedhof in Altona. Heute liegt er verlassen zwischen Königsstrasse und Nobistor unweit des ehemaligen “HELIOS FILMTHEATERS“ des James Henschel. Die meisten “SCHAUBURGEN“ wurden von amerikanischen und englischen Bomberpiloten beseitigt. Nur eine Schauburg ist noch übrig: Die “SCHAUBURG UHLENHORST“ im feineren Stadtviertel gelegen. Alle anderen 11 Kinos in Barmbek, Hamm, Hammerbrook, Altona, St. Pauli und Wandsbek sind zerstört. Auch die Schauburg gegenüber des Judenfriedhofes existiert nicht mehr. Eine Mauer aus Klinkerstein und ein verschlossenes Gartentor. Kein Hinweis, keine Tafel, kein Name weist darauf hin, was sich hinter dieser Mauer befindet. Aber zwischen vielen Bäumen, die wohl erst nach dem Krieg gepflanzt wurden, stehen Grabsteine in jüdischer Manier. Einige Grabplatten sind dicht nebeneinander in die Erde eingelegt. Auch im Falk Plan kein Hinweis auf den Judenfriedhof, wo doch jedes öffentliche Klo, jede Post und jede noch so kleine Pup-Firma “lagerichtig“ eingetragen sind. Dagegen ein Stadtplan von 1914. Zwischen Großer Bergstrasse (dieser Teil der Großen Bergstrasse heißt heute Nobistor) und Königstrasse ein Isrealitischer Friedhof mit einer Teilung. Auf der Seite der Großen Bergstrasse die deutschen Juden, auf der kleinen Ecke zwischen Blücherstrasse und Königstrasse der Teil des Friedhofs für die portugiesischen Juden. Dort liegen die großen Steine nebeneinander in der Erde. Portugiesische Juden? Warum die Heimlichkeit? Wem gehört das Grundstück? Ein “wertvolles“ wie sich Altonaer Bezirkspolitiker gerne ausdrücken. Ein gleich großen Grundstück wie das auf dem bis 1943 eine Garnison und ein Lazarett standen, das 55 Jahre brach lag und nun doch so schnell bebaut werden soll, als käme es bei 55 Jahren auf ein paar Monate an. Und das nach Auskunft der FDP Altona doch zu wertvoll für einen Park oder einen Spielplatz ist. Da muss schon richtig Geld verdient werden. Doch selbst wenn sich auf diesem jüdische Friedhof ein Zugang finden liesse: Die meisten Juden, denen die Deutschen und Artverwandten das Eigentum und das Leben nahmen, sind sicher nicht auf Friedhöfen beerdigt worden. Die “Gnade der späten Geburt“. Es gibt in der Branche noch einige, die von früher berichten könnten. Der Theaterleiter des Streits Herr Franke (Einfügung 2017: Oswald Franke geb. 10. November 1914), zwar Angestellter des Riech Konzerns hilft weiter: Der Gustav Schümann hat ja lange bei dem Henschel Konzern gearbeitet. Er hat einen Sohn, den Tim Schümann, seine Firma Schümann und Haberland hat auch lange die Barke in der Mönckebergstrasse betrieben, vielleicht weiß der was. “Ich war solange im Krieg und als ich wieder kam war ja alles zerstört“. Doch kann ich ihn offen fragen, wie der Vater zu der Kinokette des Henschel Konzerns mit 20.000,– RM Kapital gekommen ist? Und wenn ich frage, wird er eine ehrliche Antwort geben? Ich rufe an. Doch auch er weiß am Telefon wenig über den Verbleib des Henschel Konzerns zu sagen. Ein Zweig der Familie lebt in Brasilien, ein anderer in Mexiko. Das ist die einzige Ausbeute am Telefon. Soll ich den Sohn des mutmaßlichen Arisierers genauer fragen, ohne dass ich selbst aus anderer Quelle genauere Informationen besitze? Vor der Reise nach Brasilien müssen doch auch hier Informationsquelllen sein, die noch nicht verschüttet sind. Vielleicht wurde Wiedergutmachung beantragt und gewährt. Und wenn nicht? In Altona gibt es noch einen alten Kinobesitzer Herrn Timmermann (Hugo Timmermann), er betrieb ein Kino in der Thedestr. 68 (bis 1945 Bürgerstrasse). In den 50iger wurde die gesamte Häuserzeile abgerissen, damit eine “Asbesthalle“ (die Aula der Gesamtschule Bruno Tesch) entstehen konnte. (Anmerkung 2017: Die Bruno Tesch Gesamtschule wurde inzwischen auch abgerissen. An gleicher Stelle wurde eine neue Gesamtschule gebaut, die auch einen anderen Namen erhielt. Statt eines Kommunisten wurde die Schule nach einer in Hamburg unbekannten SPD Genossin benannt). Herr Timmermann ist jetzt 83 Jahre alt und bekommt schon alles durcheinander. Er will jetzt auch nicht mehr über die Vergangenheit sprechen, aber früher soll er ein gebildeter Mann gewesen sein. Doch was soll ich jetzt mit seinen Informationen, auf die man sich nicht mehr verlassen kann. Auch Meta Schultrich vom “OLYMPIA PALAST“ in der Bachstr. “die mit den Erdbebenfilmen“ ist verstorben. Und die Jüngeren wie Robert Naht haben erst nach dem Kriege in der Branche als Vorführer angefangen. Doch von Riech Kinos hält er nichts.“Was dieser Mann mit den Kinos gemacht hat, ist wirklich eine Schweinerei“. Die Kinder der Bruno Tesch Gesamtschule wären ganz glücklich, wenn statt der Aula mit Asbest noch das alte Kino stehen würde. Aber auch ihnen hat niemand etwas über das Grundstück der Schule und das Kino erzählt. Die Einsicht ins Handelsregister erscheint als möglicher Weg. Doch die normale Unternehmensform für Filmtheaterbetriebe ist in der Regel nicht die eintragungspflichtige Kapitalgesellschaft. Und die Rechtsform des Henschel Konzerns zum Gründungszeitzpunkt durch Hermann Urich-Saß und Hugo Streit ist unklar.DER DEUTSCHE FILM“ Mitteilungsblatt der 1933 gegründeten Reichsfilmkammer, herausgegeben von Dr. Fritz Hippler, der heute noch zufrieden von seiner guten Pension lebt, liegt in der Bücherei der Landesbildstelle Hamburg in seiner vollständigen Ausgabe zwischen 1933 und 1941 vor. Es ist nicht einfach festzustellen, ob die Monatszeitschrift aus Berlin später nicht mehr erschienen ist oder nur nicht mehr bezogen wurde. Die vorliegenden Ausgaben enttäuschen mich. Sie entsprechen nicht dem Bild der Reichsfilmkammer, das ich mir gemacht habe. Ausgesprochen modern und relativ neutral. Kaum Angriffe gegen Juden oder jüdische Firmen. Jedenfalls keine Hinweise auf “Arisierung von Filmtheaterbetrieben“ wie die Enteignung von den Nazis damals genannt wurde. Wie viele “deutsche“ Bäckermeister sind damals auflegale“ Weise in den Besitz einer Bäckerei gekommen? In der Geschichte findet sich nur das ganz “Große“: Die Enteignung der Kaufhäuser, der Fabriken, der Reedereien. Auch die Alliierten untersuchen in den OMGUS Berichten nur die großen Geldschiebereien. Vom Henschel Konzern auch hier keine Spur. Mir fällt die Demonstration durch das ehemalige Judenviertel in Hamburg Harvestehude wieder ein und die Nachdenklichkeit, die mich damals beim Gang durchs Villenviertel beschlichen hat. Die großen Häuser, die teuren Grundstücke und wie leicht es den Nazis gewesen sein muss, die Juden als die “Blutsauger“ des Volkes hinzustellen, mit deren Ausrottung alle sozialen Ungerechtigkeiten zu beseitigen wären. Und auch der Gedanke, dass die hier lebenden Juden wahrscheinlich gar nicht in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten gelandet sind, sondern in Nord- und Südamerika. Vernichtet wurden doch wohl die armen Juden. Wie der Bombenhagel, der auf Hammerbrook und Altona aber nicht auf Harvestehude und Blankenese niedergegangen ist. Das “Kellerloch am Hauptbahnhof“ sein Besitzer hat es “Kino Center am Hauptbahnhof“ genannt, sieht heute noch genauso aus, wie es Wolf Donner es 1975 in seinem 90 Zeilen Wutausbruch (in der Zeit) beschrieben hat. Die Zuschauer lassen es sich gefallen, dass Bilder nur halb zu sehen sind, dass Versorgungsleitungen die Sicht behindern, dass in der einen Schachtel der Ton von der anderen Schachtel zu hören ist. Sie sind wie der Feuerwehrmann, der diese Räume abgenommen hat. Warum er überall beide Augen zugedrückt hat, waren überall Blaue verteilt? Wer will im Falle eines Brandes verantworten, wenn aus dem Kellerloch nur noch wenige lebend herauskommen? Dem Publikum ist es scheints egal, wie und auf welche Weise ihnen die Ware geboten wird. Auch die Besitzverhältnisse interessieren niemand, wo die Kohle hingeht, die sie an der Kasse abdrücken müssen. Die Fassade des “UFA-PALASTES“ (vom ursprünglichen “LESSING THEATER“ keine Spur) wird renoviert. “Nun warten wir doch erst einmal ab, was der Riech das vorhat. Wir haben schon genug auf ihm herumgehauen“. sagt der Szene Filmredakteur, der niemanden etwas zuleide tun will.

NOSTALGIE

Die Filmgeschichte besteht aus Produktionsfirmen, aus Regisseuren, aus Schauspielern, Kameraleuten, Filmarchitekten, Drehbuchschreibern und großen Verleihfirmen. Für die Händler, die die Ware an das Publikum bringen interessiert sich die Filmgeschichte nicht. Und wenn Filme über Kinobesitzer entstanden sind, dann haben sie mit der Realität wenig zu tun: Interessant sind nur abseitige oder nostalgische Personen und Geschichten: Die Dorfkinobesitzerin, die nach dem verlorenen Kriege das Kino wieder renoviert hat, selbst Kohlen klauen gegangen ist, damits im Kino warm wurde, das gibt einen Film. Die anderen sind keine Zeile und kein Bild wert. Doch sie sind der eigentliche Motor des Geschehens. Sie bestimmen letztendlich, ob sich ein Film realisieren kann. Und dies geschieht erst, wenn der Film gezeigt wird, egal wo. Und diese Struktur der Besitzverhältnisse bestimmt letztlich auch, welche Filme an die Öffentlichkeit gelangen und welche nicht. 1930 jedenfalls ist die Zeit des Gemüsehändlers, der seinen Laden zum Kino umbaut, längst vorbei. Mit der Einführung des Tonfilmes kommen Banken und Elektrokapital im Kino zum Zuge. Sie können die hohen Investitionen bezahlen, die durch Einführung des Siemens Klangfilmsystems notwendig geworden sind. Sollte es das sein, was den Henschel Konzern 1934 verschwinden lässt? Ein anderer Kino Konzern, der auch Produktionsfirmen hatte: der “EMELKA KONZERN“ verschwinden 1932 auf diese Weise, geht pleite und wird in der BAVARIA FILM mit Unterbrechungen bis heute fortgeführt. Aber Henschel? Heinz Riech wird 1922 in Ostpreußen geboren. (Am 5. Juli 1922 in Adlig Kermuschienen in Ostpreussen, gest. am 11. Januar 1992). Dort soll er Großhandelskaufmann und landwirtschaftlicher Inspektor gelernt haben. Nach der Flucht vor der Roten Armee eröffnet er 1945 in Hiltrup im Münsterland sein erstes Kino. Rührende Geschichten werden von der Ehefrau erzählt, die noch in der Nacht vor der Eröffnung mit der Nähmaschine an dem Vorhang näht. 1952 hat er bereits drei weitere Kinos: Die “FILMBÜHNE ALBERSLOH“, in der Trensteinfurther Str., die “FILMBÜHNEWOLBECK“, in der Bahnhofstr. 227, die “RÖMERLICHTSPIELE“ in Gemmendorf, Albersloher Weg. Gewiß ein Kinounternehmer der ersten Stunde. Mit dreissig Jahren bereits vier Kinos. Heute mit 66 Jahren (andere wären da längst im Vorruhestand) besitzt er knapp vierhundert Kinos und verfügt durch seine Stellung in den Großstädten über weitere 200 Kinos, die von ihm abhängig sind. Die kleinen Kinobesitzer hören es nicht gern, denn “abhängig“ hört sich nicht gut an. Hamburg und Frankfurt gehören ihm ganz, hier kann er entscheiden, welcher Film in welchem Kino wie lange laufen soll. In Berlin teilt er sich den Kuchen mit einem anderen, ob immer freundschaftlich   – Geschäft ist eben Geschäft – bleibt zu fragen. Auch scheinbar unsinnige Anmietungen wie das “Studio am Pferdemarkt“ in der Bernstorffstr. in Altona, oder das “Cinema“ in der Bundesallee in Berlin machen unter dem Gesichtspunkt der Marktbeherrschung einen Sinn. Und auch wenn der Szene Redakteur Schröder (Nicolaus Schröder) nur Rachefeldzüge zwischen Riech und dem neuen Konkurrenten Flebbe erkennen kann, dahinter verbirgt sich doch das geschäftliche Kalkül. Der neue – Hans Joachim Flebbe aus Hannover – muß sich jedenfalls beeilen, will er denn genauso groß werden wie Riech, hat er doch erst knapp 90 Kinos. Doch hinter diesen Kämpfen um Marktanteile scheint es ein Gesetz zu geben das so ähnlich funktioniert wie beim Kampf der Lebensmittelketten. Zunächst ist es so: DIE GROSSEN FILMVERLEIHER BELIEFERN NUR DIE GROSSEN FILMTHEATERBESITZER MIT ATTRAKTIVEN SPRICH “KASSENSTARKEN“ FILMEN. Alle anderen Kinobesitzer kommen erst dran, wenn die Ware von den Großen schon völlig “ausgelutscht“ ist. Gemäß dem Brecht Zitat: “Wenn du nicht untergehen willst, musst du dich wehren, das wirst du doch verstehen.“ – wehrt sich der kleine Kinobesitzer auf Marktwirtschaftart – die einzige, die ihm zur Verfügung steht. Er muss versuchen, anderen Filmtheaterbetrieben lukrative Filme abzujagen, und so schnell wie möglich das Imperium mit anderen Kinos zu vergrößern. Je mehr Kinos, desto mächtiger ist der Kinobesitzer gegenüber den Verleihen. Desto größer der Umsatz, desto leichter ist die Übernahme weiterer Kinos. Und damit weitere Auswahlvielfalt. Was zunächst ein Ziel mit auch kulturellem Inhalt ist, wird ab einer bestimmten Betriebsgröße nebensächlich. Dann geht es nur noch um die Einspielergebnisse. Inzwischen hat er selbst für die Umstellung des Publikums gesorgt: Es sind die KIDS zwischen 12 und 19 Jahren. Eine Umstellung bei der jetzigen Betriebsgröße auf eine andere Besuchergruppe, denen das Kino schon lange abgewöhnt wurde, kostet viel Geld. Also lässt er es. Schließlich kommt es zur nächsten Phase: Der Konzern wird unübersichtlich. Fehlinvestitionen bleiben nicht aus. Der Konzern geht pleite und wird von dem nächsten Neueinsteiger mit neuen Ideen übernommen. Dafür gibt es im Nachkriegsdeutschland eine Reihe von Beispielen in Verleih – und Filmtheaterbereich: Die Firma Atlas des Jungunternehmers Eckelkamp, er investierte aufgrund guter Geschäftsergebnisse (z.B. Bergmann “Das Schweigen“) in die Produktionen, die eine große Summe Geldes für lange Zeit banden (z.B. Tati: “Traffic“ und Kawalerovicz “Pharao“) und der ehrgeizige Aufbau eines 16 mm Verleihs für nichtgewerbliche Zwecke. Das Unternehmen muß Konkurs anmelden und die Auswertung der Filme wurde von verschiedenen Auffanggesellschaften übernommen. Auch die “NEUE FILMKUNST WALTER KIRCHNER“ hat in den 60iger Jahren Unsummen in den Aufkauf und Ausbau der “Lupe Kinos“ gesteckt. Wohl auch in der Erwartung, dass die Geschäftslage des eigenen Filmverleihs mit gleicher “Filmkunststaffel“ immer so weiter geführt werden könne. Die Neuanschaffung von Filmen wurde aus Kostengründen zurückgestellt. Kaum setzte die “Filmkunstflaute“ ein, konnten die aufgenommenen Kredite nicht mehr zurückgezahlt werden. Das Unternehmen meldete Konkurs an, musste eine Reihe von Lupe Kinos (bis auf 2 Kinos in München und Köln) verkaufen und konnte die Lizenzen von gut gehenden Titeln wie z. B. “Sein oder Nichtsein“ von Ernst Lubitsch nicht mehr verlängern. (Flebbe mit Impuls Film griff zu). Auch hier wieder eine Auffanggesellschaft: Die Lupe GmbH. Und der Henschel Konzern? Wird der Film darauf eine Antwort finden? Das weiß ich heute noch nicht. Ich habe das Gefühl, ich stehe erst am Anfang der Recherche und der Zuschauer wird alles Mögliche erfahren aber nicht unbedingt über das Schicksal des Henschel Konzerns der Schwiegersöhne des James Henschel aus der Textilbranche. Vielleicht ist die Geschichte ganz einfach erklärbar. Vielleicht einfach so: DIE BANKEN KÜNDIGEN DIE KREDITE. Das Unternehmen wird zahlungsunfähig und muß Konkurs anmelden. Ein Konkurrent hatte seine Hand im Spiel, der Markt sollte bereinigt werden. Oder so: Henschel ist Jude und die Nazis ARISIEREN die Firma. Einer mit “deutschem oder artverwandten Blut“ bekommt einen Kredit und erwirbt die Firma fürn Appel und n Ei. Der Name Henschel verschwindet: Keiner erinnert sich heute noch gerne an die “freundschaftliche Arisierung“, wie der Enteignungsvorgang von den Nazis genannt wurde. Mancher “deutsche“ Bäckermeister, mancher “deutsche“ Schlachtermeister kam auf diese Weise zu einem eigenen Betrieb. Warum nicht auch ein Filmtheaterbesitzer?

Hamburg, d. 16. April 1989 Otto Meyer

Ps: Eltern machen das manchmal, dass sie ihren Kindern mehrere Vornamen verpassen. Vermutlich damit das Kind überhaupt irgend was erbt, wenn sie nicht mehr sind. Mir haben sie drei gegeben. Und die müssen ja für irgend was gut sein.

(Folgt eine Kalkulation für einen Film auf U-Matic High Band). Bei der Durchsicht und Abschrift dieses Textes aus dem Jahr 1989 fällt mir auf, dass sich wenig sachliche Fehler in meinen Recherchen und Vermutungen befinden, die in diesem Text verarbeitet sind. Immerhin ist der Text jetzt schon 28 Jahre alt und fast alle Vermutungen haben sich bestätigt. Insbesondere die Beraubung und Ausplünderung der Hamburger Jüdischen Kinobesitzer. Insbesondere die, die damals Kinder und Jugendliche waren und von mir befragt wurden, als ich knapp 40 und sie 76 Jahre alt waren. Meist hatten sie als Kinder keine Kenntnis davon, dass sie Juden waren, weil sie sehr freiheitlich erzogen wurden. Die Religion kam ganz zuletzt. Überraschend ist, dass sich alle Deutschen bereichert haben, egal ob sie mit den Ansichten der Nazis übereinstimmten oder nicht. Auch das Waterloo Theater und das Thalia Kino wurde jüdischen Kinobesitzern „weggenommen“. Hamburg, d. 6. November 2017  Jens Meyer

Foto vom Thalia Kino Grindelallee 116 in Hamburg von Marc Lissauer. Das  Foto ist nach dem 17. Oktober 1928 entstanden. Das erkennt man an dem angezeigten Film mit Ossi Oswalda „Das Haus ohne Männer“, dessen Start war am 17. Oktober 1928. Marc (Hermann) Lissauer ist zu diesem Zeitpunkt fünf Jahre alt. (geb. am 18. März 1923. Seine Mutter Pauline (Paula) Lissauer flieht zusammen mit ihrem Sohn am 18. März 1937 aus Deutschland nach Rotterdam. Hermann ist gerade 14 Jahre alt geworden. Pauline stirbt 1989. Marc Lissauer stirbt am 28. Februar 2016 in Elwood in Australien. Frida und Jeremias Henschel waren seine „dritten Großeltern“. In einer Mail schreibt Marc Lisssauer aus Australien: „Frida sass an der Kino Kasse und fuhr abends zusammen mit James Henschel und der Waschbalje voll mit 10 Pfennigstücken per Droschke nach Hause. Vor dem Belle Kino gab es auch eine elektrische Strassenbahn, die sie manchmal benutzten.“ThaliaKino1

By-nc-sa_colornilpferd_tumbBelleAllianceBallsaal1908Anmerkung 2018: Die Bildunterschrift ist eine Falschmeldung (um 1908). Bereits am 1. Januar 1906 war hier das Unternehmen: VORFÜHRUNG LEBENDER PHOTOGRAPHIEN“ in den ehemaligen Ballsaal eingebaut. Das Buch mit diesem Bild und diesem Text erschien im Verlag Christians.

Stolpersteine Reeperbahn 1 Ecke Zirkusweg

Text vom 24. Oktober 2017

Hier werden heute zwei Stolpersteine für den jüdischen Kinounternehmer Hermann Urich Sass verlegt.

Hermann Urich Sass hat sich am 27. Januar 1933 das Leben genommen. Er wurde am 30. Januar 1933 auf dem jüdischen Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf beerdigt. Der Selbstmord wurde lange Zeit verschwiegen.

Während meiner Studienzeit von 1970 bis 1974 an der dffb hielt ich mich auch oft in der Bibliothek der Film- und Fernsehakademie auf. Dort gab es die Reichskinoadressbücher, sauber geordnet nach Jahren, Städten und Verleihbezirken. Im Bezirk Hamburg/Norddeutschland fiel mir ein Unternehmen auf, das sich „Henschel Film- und Theaterkonzern“ nannte und im Laufe der Jahre 1934 bis 1938 erst den Besitzer und dann auch noch den Namen wechselte. Weitergehende Literatur über den „Henschel Film- und Theaterkonzern“ fand ich nicht. Verwundert war ich über die Bautätigkeit dieses Konzerns und die Größe der Kinos. Sie waren im Krieg alle zerstört worden. Dann hab ich die Sache vergessen.

Erst 1987 habe ich den Faden wieder aufgenommen. Es muss doch herauszubekommen sein, warum so viele Kinos zwischen 1933 und 1938 den Besitzer gewechselt haben, dachte ich, und machte mich über die Mikrofilme her, von denen ich wusste, dass sie in der Bibliothek der dffb zu finden waren. Es sollten Recherchen für einen Dokumentarfilm werden. Vielleicht verbarg sich hinter dem Verschwinden eine spannende Geschichte, die bisher niemand beachtet hatte.

Ich weiß nicht, ob jemand schon mal längere Zeit vor einem Mikrofilm-Lesegerät verbracht hat. Es ist langweilig, mühselig und in der Sache ermüdend. Besonders dann, wenn man eigentlich nicht weiß, was man sucht. So ging es mir auch, und ich wollte die Sache schon aufgeben. Aus der systematischen Suche von Januar bis Dezember wechselte ich in den Modus der unsystematischen Suche nach bestimmten Tagen in bestimmten Jahren. Also machte ich mich auf die Suche nach den Tagen, die man uns im Geschichtsunterricht als wichtig beigebracht hatte: die Ermordung des Thronfolgers, Kriegserklärung, erster Weltkrieg, Kapitulation, Flucht des Kaisers nach Belgien, Aufstand der Matrosen, schwarzer Freitag, Inflation, Hamburger Aufstand und der Tag der „Machtergreifung“, wie ich diesen Tag damals ebenfalls nannte. (Der Hamburger Aufstand wurde im Unterricht meist vergessen).

In der Lichtbild-Bühne (LBB) fand ich dann die Meldung:

Am 27. Januar 1933 verstarb in Hamburg der Kinounternehmer Hermann Urich Sass und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Hamburg Ohlsdorf am 30. Januar 1933 um 15.00 Uhr beerdigt.“

Das Grab in Ohlsdorf war mit Hilfe des Friedhofswärters schnell gefunden. Anders als andere Religionen, die nur 25 Jahre ihre Steine stehen lassen, sollen die Gräber der Juden dort bis zum jüngsten Tag stehen. Der Friedhofswärter bemerkte die goldene Schrift auf dem Stein und kommentierte trocken: „Da hat er ja die ganze Scheiße nicht mehr miterleben müssen.“ Dem konnte ich zustimmen und war noch neugieriger als vorher. Ich dachte bei mir: Ein klug gewähltes Todesdatum. Ohne dieses Datum hätte ich weder das Eine noch das Andere erfahren. Der Grabstein war gut erhalten, und es sah so aus, als wenn jemand für diese Grabpflege bezahlen würde. Die erste Spur auf der Suche nach glaubwürdigen Zeugen.

Auf 15 Schreibmaschinenseiten notierte ich meine Recherchen und meine Vermutungen über den „Henschel Film- und Theaterkonzern“ und gab dieses Manuskript bei der Friedhofsverwaltung des Jüdischen Friedhofes Ohlsdorf ab mit der Bitte, dieses Manuskript an diejenigen weiterzureichen, die für die Grabpflege bezahlten. Und habe gewartet. Nach drei Wochen erhielt ich Antwort. Aus Belo Horizonte in Brasilien. Aus Beverly Hills in den USA. Aus Mexico City. In den Briefen schrieben der Sohn von Hermann Urich Sass – Horst Urich Sass – und die Söhne von Hugo Streit – Rolf Arno Streit und Carl Heinz Streit.

Der Henschel Film- und Theaterkonzern war eine Firma, die ihren Vätern Hermann Urich Sass und Hugo Streit gehört hatte. Auch ihre Großeltern waren schon Kinobesitzer gewesen. Jeremias Henschel und seine Frau Frida haben das Gewerbe angefangen.

In der Zwischenzeit war es mir gelungen, das Filmbüro Hamburg auf meine Entdeckung aufmerksam zu machen. Für ein Filmprojekt stellten sie 80.000 DM zur Verfügung. Eingetroffen in Belo Horizonte und Beverly Hills war die erste Frage der Emigranten: „Warum dauert das so lange, dass mal einer aus Deutschland kommt und fragt, wo die Kinobesitzer von damals geblieben sind?“ Ich hatte keine Antwort. Selbst kannte ich nur unglaubwürdige Zeugen zu Hauf.

Der Ordnung halber habe ich bestimmte Schubladen in meinem Kopf für ihre Abfälle bereitgestellt. Einen hatten wir mal vor dem Mikrofon, vor das er gar nicht wollte. Doch während wir sein Fotoalbum filmten, das er von seinem Vater geschenkt bekommen hatte mit der Widmung “Zur Erinnerung an die alten guten Zeiten“, hatten wir doch glatt vergessen, das eingebaute Mikrofon an der Kamera abzustellen. So konnten wir seinen Lügen von damals auch noch Jahrzehnte später lauschen.

Die Darstellung der Geschichte der deutschen Kinobesitzer, die erst 1933 zu solchen wurden, ist fast immer gleich. Da wird davon geschwafelt, der Vater, der Großvater habe das Kino einem Menschen abgekauft und habe es dann seinem Sohn oder seiner Tochter vererbt. Diese Geschichte wird immer wiederholt und ist ebenso falsch wie verlogen.

Einer hatte während der Nazizeit auch andere, amerikanische Filme gezeigt. Nach dem Krieg war er der einzige Kinobesitzer in Hamburg, der nicht Mitglied der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen gewesen war. Lange nach seinem Tod fand ich dann heraus: Auch er hatte “sein Kino” einem Juden weggenommen. Dieser hatte überlebt und forderte nach dem Krieg sein Eigentum zurück. Aber die deutsche Justiz war nicht auf Seiten der beraubten Juden. Ein “Obernazi”, der in Hamburg maßgeblich die Enteignung der jüdischen Kinobesitzer vorangetrieben hatte, trat gar als Zeuge der “Beklagten” auf und wurde nicht direkt im Gerichtssaal verhaftet, was eigentlich hätte passieren müssen. Am Ende haben sie Manfred Hirschel ein Almosen für sein Waterloo-Kino gegeben

(5 TDM). Sie haben es „Vergleich“ genannt.

Billy Wilder hat 1942 den Film „Der Major und das Mädchen“ gemacht. Er kam am 16. September 1942 in die amerikanischen Kinos. Bei uns kam er nicht in die Kinos. Man konnte ihn zum ersten Mal am 7. Januar 1972 im deutschen Fernsehen bewundern. Der Film spielt im New York von 1942. In einem Vorspanntitel ist zu lesen: “Im Jahr 1626 kauften die Holländer den Indianern New York ab. Im Jahr 1942 war kein Indianer mehr da, der dies bedauern konnte.“

Dieser Satz passt auch auf die Situation in Deutschland im Jahre 1945.

Als Billy Wilder als Offizier der amerikanischen Armee nach Deutschland zurückkehrte, war seine erste Tätigkeit, einen Dokumentarfilm aus den Aufnahmen zu machen, die amerikanische Kameramänner in den deutschen Konzentrationslagern gemacht hatten. Den Film „Todesmühlen“ wollte keiner sehen. Nicht zu vergleichen mit den Zuschauerzahlen, die Veit Harlans Machwerk „Jud Süß“ ein paar Jahre zuvor erzielt hatte. Ein Bestseller, obwohl es dieses Wort damals noch nicht gab.

Befragt, ob man in Oberammergau 1947 die Passionsspiele aufführen dürfe, äußerte sich Billy Wilder so:

Wir hatten nur ein bißchen recherchiert. Da war eins ganz klar geworden: Das Ensemble, ob Römer, ob Juden oder Jünger hatte natürlich so gut wie ausschließlich aus Nazis bestanden. Und am schlimmsten war derjenige, der den Jesus spielen sollte: Anton Lang war in der Waffen-SS gewesen. Durfte er den Jesus spielen? Ich habe meinem Kollegen damals die folgende Antwort diktiert: Sie dürfen spielen, aber nur unter einer Bedingung: dass Sie richtige Nägel benutzen.”

Vielleicht wäre es mit Hilfe solcher Drohungen schneller gelungen, die Täter dingfest zu machen und zu bestrafen. Und der Prozess der Aufarbeitung wäre nicht so unvollständig geblieben. Selbst heute, vierundachtzig Jahre später, suchen wir immer noch nach den Tätern. Nur damit so etwas hergestellt werden kann, das man Gerechtigkeit nennen könnte.

Vor knapp dreißig Jahren habe ich dem Sohn von Hermann Urich, Horst Urich Sass, versprochen, dass ich über den Selbstmord seines Vaters so lange schweige, bis er selber und seine Gattin Ciedra Urich Sass verstorben sind. Ciedra Urich Sass ist 2016 in Beverly Hills gestorben.

Aus den umfangreichen Unterlagen des späteren Staatskonzerns UFA kann man die Beweggründe des Selbstmordes von Hermann Urich Sass genau herauslesen.

Die Herren der UFA wussten bei den Verhandlungen von 1930 bis 1933 mit dem Henschel Film- und Theaterkonzern genau, das die Zeit für sie arbeitete und sie nur ein wenig Geduld haben müssten, bis ihnen der Henschel-Konzern in die Hände fallen würde. Das Material, das uns heute von der UFA vorliegt, belegt dies. Damals waren diese internen Berichte der UFA den Verhandlungspartnern aus Hamburg sicher nicht bekannt. Ich vermute, es gehört eine besondere Gabe dazu, bestimmte Entwicklungen in der Gesellschaft vorauszusehen. Hermann Urich Sass verfügte offenbar über diese besondere Gabe.

Wer die Geschichte von Jeremias und seiner Frau Frida Henschel untersucht, wird zu ähnlichen Erkenntnissen kommen. Selbst die Enkelkinder, denen es nicht komisch war, dass sie drei oder mehr Omas und Opas hatten, verfügten offensichtlich über die Gabe, bestimmte Entwicklungen zu erahnen. Oft haben sie ihre Omas, die in den Kinos an der Kasse saßen, besucht, um selbst von den Bildern zu naschen, die dort präsentiert wurden. Und manchmal sind sie mit ihnen nach dem Kino nach Hause gefahren. An die Waschbalje voller Münzen und an die Straßenbahnen haben sie noch Erinnerungen. Alles ist schon mehr als siebzig Jahre her. Auch an die heimlichen Besuche der Tanzlokale, die ihren Eltern gehörten und die man doch erst im Alter von achtzehn Jahren betreten durfte, haben sie noch Erinnerungen. Faun am Gänsemarkt war so ein Tanzlokal, im Haus des Kinos Lessing-Theater.

Einer von ihnen ist letztes Jahr verstorben. (Am 28. Februar 2016). In Australien. Geboren in Hamburg als Hermann Lissauer. In Australien nahm er einen neuen Vornamen an. Von nun an hieß er Marc. Von ihm stammt das Foto vom Thalia Kino, das ihn auf dem Balkon im vierten Stock in der Grindelallee 116 zeigt. Unten war das Kino seiner Oma, die Ranette Salfeld hieß und der das Thalia Kino gehörte – auch ein Haus mit einem Kino, das einer deutschen Jüdin weggenommen wurde.

Jens Meyer

Hamburg, 24. Mai 2018

 pdfBerichtvonFritzKuhnertUFA05021932

Fundstück: Fritz Kuhnert  (21. November 2020)

In dem Buch von Jürgen Spiker: Film und Kapital – Der Weg der deutschen Filmwirtschaft zum nationalsozialistischen Einheitskonzern, (Verlag Volker Spiess 1975, Berlin: ISBN 3-920889-045) gibt es auf Seite 296 einen Hinweis auf Fritz Kuhnert (Vorstandsmitglied der UFA):

KUHNERT, Fritz (geb. 24.5. 18901 – 3.3. 1951) (12).

Seit 28.4.1919 bei der UFA, ab 1928 Leitung der Revisionsabteilung. Ab November1932 stellvertretendes, ab ¹.11.1937 ordentliches Vorstandsmitglied mit Zuständigkeit für Finanzen, Buchhaltung, Steuern usw.. Nebenher in der Geschäftsführung zahlreicher Tochtergesellschaften der UFA AG.