Drei oder vier Dinge, die ich von ihnen weiss

PDF  Drei oder vier Dinge, die ich von ihnen weiß 2 (Zeichen19.825)

Wentorferstrasse 19-21

Meine Mutter:

Annelise, Maria, Elsa Meyer, geb. Hirte geboren am 27. Oktober 1904, gestorben am 20. Oktober 1987. Letzte Wohnanschrift: Hütten/Ecke Peterstrasse.

Mein Vater:

Rudolf Heinrich Meyer, geboren am 24. Januar 1904 in Hamburg Bergedorf, gestorben am 27. August 1979 in Hamburg. Letzte Wohnanschrift: Dorotheenstr. 184 a in 2000 Hamburg 39, Winterhude.

Meine Oma (1) (die Mutter von Annelise): Dora, Charlotta, Amalie Hirte geb. Eikens, geb. am 19. Juli 1862 in Hannover, gest. am 10. Mai 1907 an den Folgen eines Unfalls in Hamburg. Letzte Wohnanschrift: Steinstrassen Passage 1, Nummer 29, Haus 8.

Mein Opa (1) (der Vater von Annelise): Eduard, Ernst, Hermann Hirte, geb. am 12. Mai 1861 in Hannover. Gest. am 16. August 1934 in Hamburg. Von Beruf: Maurer. Später Maurermeister. Noch später: Architekt. Letzte Wohnanschrift: Bethesdastrasse 36 (Hamburg Borgfelde). (Die Angaben stammen aus den Adressbüchern von Hamburg).

Das Ehepaar Hirte hatte zehn Kinder.

Foto 1905 Familie Hirte (Im Kinderwagen Annelise)

Meine Mutter: Annelise, Maria, Else Hirte war die jüngste Tochter der Familie Hirte. Die älteste Tochter hieß Maria, Anna, Sofie, Louise Hirte. (Annelise ist das Kind im Kinderwagen. Aufnahme 1905. Die anderen vier Kinder sind bereits älter)

(Viele Kinder, viele Vornamen). Maria ist am 30. Januar 1884 geboren, gestorben am 03. Januar 1974.

Steinwegpassage Ecke Alter Steinweg. Im Keller der Cotton Club.

Die Namen der restlichen Hirte Kinder und die Reihenfolge ihres Erscheinens sind unsicher. Nur eine zehn Jahre ältere Schwester ist sicher. Sie hat nur zwei Vornamen: Leoni, Dorothea Hirte ist geboren am 10. Januar 1894 und gestorben am 28. Juli 1943 um 1.00 Uhr und 40 Minuten in Hamburg, „daselbst in Folge Fliegerangriffe gefallen.“ wie ich der Todesurkunde entnehmen konnte.

Letzte Wohnanschrift von Leonie Eikens, geb. Hirte: Eiffestrasse 505.

Zwei Söhne von ihr habe ich noch kennengelernt: Ihren Sohn Wolfgang (Wölfi) Eikens und seinen Bruder Karl Hermann Eikens. Wölfi war gerade 17 geworden und machte eine Lehre zum Autoschlosser, als ihn 1942 der Führer nach Russland schickte. Als seine Mutter 1943 “in ihrer Wohnung gegrillt wurde“, wie Wölfi sich auszudrücken pflegte, “sind mir bei Stalingrad die Füße abgefroren“ (Seine Füße hatten eine ganz glatte Haut). Der Führer hatte vergessen, seinen Kindersoldaten (volljährig wurde man erst mit 21 Jahren) Winterkleidung mitzugeben. Hatte sich was mit Blitzkrieg.

Die Kindheit meiner Mutter Annelise war schwierig. Wie schwierig, hat sie ihren Kindern oder Enkelkindern nie erzählt. Ihre Mutter war schwanger und ist beim Gardinenaufhängen in der Wohnung von der Leiter gefallen. Sie hatte eine Fehlgeburt. Sie soll im Krankenhaus verblutet sein. Annelise ist zwei Jahre alt, als ihre Mutter stirbt. Ihr Vater, mein Opa, war ein Hallodri. Darunter konnte ich mir als Kind nichts vorstellen. Was sie damit meinte, erfuhren wir erst viel, viel später. Es stellte sich heraus, dass mein Opa (1) (ihr Vater) schon lange eine Geliebte hatte, der er erzählt hatte, er habe drei volljährige Kinder. Das Gegenteil ist der Fall. Sieben seiner Kinder sind unter 21 Jahre alt, als seine Frau von der Leiter fällt. Die älteste Schwester von Annelise, Maria Else Hirte, ist bei dem Tod der Mutter dreiundzwanzig Jahre alt. Wir nannten sie Tante Ria. Tante Ria hat ihrem Enkel erzählt, dass die Familie Hirte oft umgezogen ist. Damals gab es das Ritual, dass neue Häuser zunächst von armen Familien “trocken gewohnt wurden“. Hermann war Maurer.

Immer, wenn ein Haus fertig war, zog die Familie in eine dieser feuchten Wohnungen zum “Trocken wohnen.“ Die Trocken-Wohn-Miete war günstig. Wenn die Wohnung nach zwölf Monaten trocken war, zogen sie in die nächste Feucht-Wohnung um. Als meine Mutter 1904 geboren wurde, wohnte die Familie Hirte in der Steinstraße 129. Die Anschrift führt leicht zur Verwirrung. Es gibt sie nicht, die Steinstraße 129. Vielmehr handelt es sich um die Strasse: Steinstrassenpassage Nr. 1, Haus Nummer 29, im Hinterhof Haus 8. Die Steinstrassen Passage ist heute an der selben Stelle wie 1904. In der Nähe vom Großneumarkt.

Steinwegpassage/ Ecke Alter Steinweg (Foto von 2020)

Das Vorderhaus Nummer eins steht noch. Die Hinterhäuser sind bombardiert oder abgerissen worden. Als Annelise 1904 geboren wird, wohnt Familie Hirte die Wohnung im ersten Stock “trocken“. Berufsangabe von Hermann Hirte im Adressbuch: “Mauermeister“. 1909 wird eine andere Wohnung “trocken“ gewohnt: In der Barmbeckerstr. 191. Ein Neubau, dicht am Winterhuder Marktplatz.

Opa (1) Hermann gibt die kleinen Hirte Kinder in Pflegefamilien. Annelise ist die jüngste. Dort geht es ihr nicht gut. Die Pflegefamilien nehmen die Kinder nur, weil sie das Geld, das dafür gezahlt wird, dringend brauchen. Die Kinder finanzieren den armen Familien den Lebensunterhalt.

Am 30. März 1912 heiratet Annelises Vater wieder und zieht in die neue Wohnung Eilbecker Weg 204. Die Auserwählte heißt Auguste Bieling. Als Auguste Bieling – Auguste Hirte – wird, ist sie ein Jahr und einen Monat jünger als Hermanns älteste Tochter Maria. Auguste Bieling ist am 23. Februar 1883 geboren. Maria Hirte ist am 30. Januar 1884 geboren. In der neuen Ehe werden von 1912-1920 vier weitere Kinder gezeugt. 1913 zieht die Familie Hirte (die Zusammensetzung dieser Familie ist unklar) in die neue (feuchte) Wohnung in der Himmelstrasse 26. Ob Annelise in dieser Zeit Kontakt zu ihrem Vater hatte, blieb ihr Geheimnis.

Sie spricht darüber nie. Auch zu den Enkelkindern kein Wort. Es scheint so, als sei der Kontakt abgebrochen oder gar nicht erst entstanden. Auch Tante Ria verliert kein Wort darüber.

Maria Hirte ist Verkäuferin in einem Schokoladengeschäft. 1910 gibt es das Chocoladengeschäft von Reese & Wichmann am Jungfernstieg 12. Das wäre so eine Möglichkeit. Passend in der Hamburger Innenstadt. Da gibt es einen jungen Mann, der sehr oft Chocolade kauft. Maria merkt bald, der Mann kommt gar nicht wegen der Schokolade, sondern wegen ihr. So viel Schokolade kann ein Mensch alleine gar nicht essen.

Der Mann heisst Otto Averdieck. Otto ist Rechtsanwalt. Seine Kanzlei betreibt er in der Mönckebergstrasse 18. Fleißig ist er auch. Die Sprechzeiten seiner Kanzlei sind im Adressbuch angegeben. Werktags von 9.00 bis 5.00 Uhr und Sonntags von 9.00 – 2.00 Uhr.

Ob es Liebe auf den ersten Blick ist und bei wem, ist nicht überliefert. Otto ist am 16. Februar 1881 geboren und wohnt in einer Wohnung in dem Haus seiner Eltern in der Bassinstrasse 12 in Uhlenhorst. 1912 verkaufen die Eltern das Haus in der Bassinstrasse 12, um eines in der Petkumstrasse 17 zu kaufen. Das ist eine Ecke weiter. Das Haus gibt es nicht mehr. Es wurde im Krieg zerstört. (nicht im ersten, sondern im zweiten)

Als im August 1914 der Erste Weltkrieg beginnt, den man erst nach dem Beginn des zweiten Weltkrieges nummeriert, ist Otto 33 Jahre alt. Otto ist kriegsbegeistert wie alle anderen. Seine Eltern leben ihren Standesdünkel. Sie halten sich für etwas Besseres und sind gegen die Verbindung ihres Sohnes mit Maria Hirte. Sie ist ja nur die Tochter eines Maurermeisters.

Otto ist das offensichtlich Wumpe.

1916 ist Maria Hirte schwanger und Otto überlässt ihr seine Wohnung in der Petkumstrasse 17, während er in Frankreich fleißig Franzosen abschießt. Seine Eltern, denen das Haus in der Petkumstrasse 17 gehört, wohnen im selben Haus. Jeden Tag wird Maria von ihnen daran erinnert, das der Sohn etwas Besseres, als die Tochter eines Maurers verdient hätte.

Am 8. April 1916 wird Otto, Leonhard geboren. Wie alle unehelichen Kinder erhält das Kind den Nachnamen der Mutter: Hirte. Selbst der Bruder, Rudolf Averdieck, der am 21. März 1920 geboren wird, weiß davon lange Zeit nichts. Der kleine Otto erhält den Nachnamen Averdieck erst, nachdem das Paar 1918 offiziell beim Standesamt geheiratet hat.

Meine Mutter – Annelise – ist dreizehn Jahre alt, als ihre Schwester Maria sie zu sich nach Hause holt. Bis 1926 wohnen die Averdiecks in der Allee 239 in Altona. In der Strasse Allee 239 steht ein hässlicher schwarzer Kasten, in dem sie ihre erste Wohnung hatten, erzählt Tante Ria ihrem Enkel Ulrich Graumann, und der erzählt es mir nach ihrem Tod am 30.01.1974- Jahrzehnte später.

1980 bekommt die Strasse Allee einen neuen Vor- und Nachnamen und heisst jetzt Max Brauer Allee. Die Max-Brauer-Allee wird bis zum Altonaer Rathaus verlängert. Sicher ein Grund, warum ich den hässlichen schwarzen Kasten in der Max Brauer Allee nicht gefunden habe. Tante Ria meidet nach dem 2. Krieg die Viertel, in denen sie früher einmal gewohnt hatte. Vor allem, weil sie nichts mehr wiedererkennt, wie sie mir erzählt hatte. Es ist alles anders, als es früher einmal war. Nur Bergedorf ist irgendwie gleich geblieben.

Stolz berichten Erwachsene uns Kindern, das in Bergedorf nur eine einzige Bombe gefallen ist. Einige glauben sogar zu wissen, dass es so ist, weil in Bergedorf das Eisenwerk – Bergedorfer Eisenwerk – einem schwedischen Besitzer gehört. Und mit den Schweden möchten es sich weder die Engländer noch die Amerikaner verderben, so behaupten die Erwachsenen.

Jedenfalls taucht mein Opa (1) Hermann ab und niemand hat Kontakt mit ihm. In der Familiengeschichte ist er wie ein schwarzer Fleck, den man am liebsten wegradieren würde. Gäbe es doch einen Opa Radierer, man würde ihn sofort nutzen. Manchmal ist er, wenn sein Name überhaupt genannt wird, nur Opa (1) -das Schwein- . Ein bisschen Neid ist bei den Männern auch dabei. Dass eine 23 jährige Frau sich mit einem 45 jährigen, einem uralten Mann, einlässt.

1927 zieht die Familie Otto Averdieck nach Bergedorf, wo sie im Schlebuschweg 28 ein Haus gekauft haben. Im Grundbuch eingetragen ist Averdieck, Otto. Zwei Jahre wohnt auch meine andere Oma (2), Marie Meyer, in diesem Haus im Schlebuschweg 28. Ein Haus mit drei Stockwerken, in dem vier Familien und einige Einzelpersonen wohnen. Das Haus hat die Jahrzehnte überstanden. Eine der ausgebombten Familien, die hier zwangsweise untergebracht wurde, will nach dem Krieg gar nicht wieder ausziehen. Aber kein Problem. Otto ist Anwalt.

Im obersten Geschoss, in der Mansarde im Dach, wohnte in einem Zimmer noch eine Schwester meiner Mutter. Wir nannten sie Tante Buddy. Sie verließ selten das Bett. Und wenn, dann nur um neue Zeitschriften zu kaufen. Den Eindruck hatte ich. Die neuen Zeitschriften mochten alle Jungs gern. Eine hieß Praline. Die erinnere ich noch. Dort wurden Frauen abgebildet, meist wenig bekleidet. Manchmal konnte man auf halb verdeckte Busen gucken. Ich erinnere noch, dass es immer etwas streng in ihrem Zimmer roch. Das mag daran gelegen haben, dass das Zimmer im Dachgeschoss keinen Wasseranschluss hatte. Tante Buddy hatte nur eine Schüssel, in der sie sich waschen konnte. Aber wegen der vielen Vorteile hat uns Kinder das nicht weiter gestört. Es ging immer die Legende, dass sie einen Mann geheiratet hätte, der ziemlich früh im ersten Weltkrieg gefallen war und um den sie immer noch trauerte. Vermutlich ist die Geschichte ganz anders gewesen. Vielleicht hat er auch nur die Flucht vor ihr ergriffen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich sie jemals auf der Straße getroffen habe.

Tante Ria hat mir oft fünf Mark Stücke als Taschengeld zugesteckt. Sie sprach dann immer von einem Taler. Sie hatte auch ganz viele verschiedene Münzen aus der Vergangenheit, die alle nichts mehr wert waren. Ich habe sie oft sortiert. Nach Größen, nach aufgedruckten Werten, nach eingeprägten Jahreszahlen. Sie hatte auch ein Grammophon, mit dem man mit Stahlnadeln die Schellack Platten abspielen konnte, die leicht zerbrachen. Zum Glück ist mir keine zerbrochen. Um das Haus herum war ein kleiner Garten, in dem wir oft Versteck gespielt haben. Onkel Otto, wie wir ihn nannten, war im Vorstand des Bergedorfer Briefmarkenvereins. In der Vergangenheit wusste er gut Bescheid. Er war der einzige Erwachsene, den ich kannte, der sich dazu bekannte, dass er früher, in der Nazizeit selber Nazi gewesen war.

Mein Vater.

Milchhändler Richard Schultz

Die Geschichte dieses Familienzweigs beginnt mit den Eltern meiner Oma (2) Meyer. Meine Oma (2) ist die Tochter von Paul und Margarethe Schumacher, die in Bergedorf in der Wentorferstrasse 19 wohnten. Das Haus gibt es noch. Ich habe ein Foto davon. Es ist ein kleines Haus. Eine Art Doppelhaushälfte mit zwei Eingängen. Wentorferstrasse 19 und 21. Wann der Vater von meiner Oma (2), Paul Schumacher, geboren ist, weiß ich nicht. Auch der Mädchenname von Margarethe Schumacher, meiner Uroma, und ihr Geburtsdatum ist mir unbekannt. Von Beruf ist mein Uropa, Paul Schumacher, Fuhrmann. Im Adressbuch steht, dass er 1875 in das Haus in der Wentorferstrasse 19 eingezogen ist. Dort wohnte er bis zu seinem Tode 1914. Wann er Margarete, seine Frau, kennenlernt hat, ist nicht bekannt. Nach der Heirat zieht sie bei ihm ein. Sie bekommen eine Tochter und nennen sie Marie.

Marie bleibt ein Einzelkind. Irgendwann lernt meine Oma Marie (2) meinen Opa Heinrich Meyer kennen. Der Opa war ein Fan von August Bebel, erzählt mir die Oma später. Zu dem Gespräch mit meiner Oma über August Bebel kommt es, weil sie selbst 1957 in dieser Strasse August Bebelstrasse Nr. 25 wohnt. Ich bin elf Jahre alt und interessiere mich nicht die Bohne für den Held eines Opas, den ich noch nie gesehen habe. 2020 bin ich für die Neugier alt genug und suche die Spuren dieses Opas. Unsicher. Nur eine zehn Jahre ältere Schwester ist sicher. Nachtrag: Gefunden die Daten von Oma und Opa Zwei: Opa (2), Heinrich Meyer (Opa) geboren am 15. Oktober 1867, gestorben am 21. Juni 1930, im Hamburg. Heinrich Meyer wird 62 Jahre alt. Oma (2), Marie Meyer, geb. Schumacher. geboren am 17. September 1877, gestorben am 21. Januar 1958, in Hamburg. Marie Meyer wird 80 Jahre alt.

Die erste Spur finde ich im Adressbuch von Bergedorf für das Jahr 1889. Der Eintrag lautet: Meyer, J. H. H., von Beruf: Arb., was vermutlich Arbeiter heisst. Von 1890 -1895 ist der Eintrag gleich: Meyer, J. H. H., Bleichertwiete 16, Postbote. Von 1911 an ist im Adressbuch eingetragen: Meyer, H. Postschaffner. Opa Heinrich steigt auf. 1914 zum Oberpostschaffner. Von 1922 bis 1929 ist er “Post-Betr.–Assist“, so lautet die Abkürzung im Bergedorfer Adressbuch. 1929 beendet er seine Karriere bei der Post. Ein Beamter im Ruhestand.

Mein Vater wird 1904 geboren. Sie nennen ihn Rudolf Heinrich. Auch Rudolf bleibt, wie seine Mutter ein Einzelkind. Bis 1910 wohnt Familie Meyer in Bergedorf in der Bleichertwiete 16. 1911 ziehen sie in den Kirchhofsweg Nr. 4. Rudolf ist jetzt ein Schulkind. Der Neubau der Schule Spieringstrasse 1, der ganz in der Nähe ist, wurde 1910 eröffnet. Schon möglich, dass Rudolf in die gleiche Schule gegangen ist, die auch ich später (ab 1953) besuche. Ich habe ihn nicht gefragt.

Schumacher und Schultz
Wentorferstraße 19 – 21. v.l.n.r. Paul Schumacher, Fuhrmann, Margarethe Schumacher, Johanna Schultz, Richard Schultz, Milchhändler, Vater von Richard Schultz . 1918 (?)

Als die Mutter meiner Oma, Margarethe Schumacher, 1922 stirbt, zieht Familie Meyer in das Haus in der Wentorferstrasse 19 ein. Das Haus Nr. 19 ist zwischenzeitlich an den Milchhändler von nebenan verkauft worden und gehört nun der Witwe des Milchhändlers Richard Schultz, Johanna Schultz, die in Nummer 21 wohnt.

Rudolf ist jetzt 17 Jahre alt. Volljährig wird man in dieser Zeit mit 21 Jahren. 1930 stirbt mein Opa Heinrich. Meine Oma ist nun die Witwe eines Beamten und der Eintrag im Adressbuch lautet 1931: Meyer, Wwe. Marie, Bergedorf, Wentorferstrasse 19. Bis 1935 wohnt meine Oma mit ihrem Sohn Rudolf in der Wentorferstrasse 19.

In dieser Zeit freundet sich mein Vater mit Walther Kellinghusen an. Einem Photograph, der zwei Häuser weiter, in der Wentorferstrasse 23 wohnt. Walther hat das Hobby meines Vaters, die Photographie, zu seinem Beruf gemacht. Gemeinsam üben sie sich in Porträt- und Landschaftsphotographie.

Der Vater von Walther ist Rechtsanwalt und Notar. Die Kellinghusens sind eine große Familie und wohnen seit 1886 in diesem Haus. In dem Nachlass meiner Eltern finde ich Aufnahmen beider Photographen. Sie fotografieren auf Filmen und auf Glasplatten. Die Glasplattenkameras haben die Formate 9 x 12 und 13 x 18. Auch Rudolf bestreitet seinen Lebensunterhalt mit Auftragsarbeiten und fertigt Porträts von jungen Frauen und Männern an. Bewerbungsfotos gehören auch dazu. Seine Mutter dringt darauf, das Rudolf noch einen “anständigen“ Beruf lernen soll. Das ist 1920 nicht ganz einfach.

Eine Lehrstelle bei einem Gewürzimporteur wird angeboten. Apkar Dilsizian, Import und Export GmbH. Sein Büro ist gegenüber dem Freihafen, Hohe Brücke 4, Handelsspanisch und Stenografie sind Voraussetzung für eine Einstellung. Rudolf behauptet beides zu können, was keiner überprüft und drei Monate später kann er anfangen. Die Zwischenzeit nutzt er, sich die geforderten Fähigkeiten anzueignen. Damit kommt er durch. Rudolf verdient 1921 sein erstes Geld und trägt das Gehalt in ein kleines DIN A 5 Büchlein ein. Im August 1923 ist er Millionär, im September Miliardär und in November 1923 bekommt er für den ganzen Monat Arbeit 12,50. Die Währung nennt sich Rentenmark. Bald kann er ein Foto aus dem Bürofenster, Hohe Brücke Nr. 4 machen.

Haus daneben: Hohe Brücke Nr. 1 (Foto vom Oktober 2020)
Blick aus dem Bürofenster Hohe Brücke Nr. 4 (Das Haus gibt es nicht mehr.)
links mein Vater Rudolf Meyer. Die anderen Personen sind mir nicht bekannt.

Am 5. Juni 1935 heiraten meine Eltern. Der Standesbeamte überreicht als Geschenk das Buch “Mein Kampf“ von Adolf Hitler. Die erste gemeinsame Wohnung meiner Eltern ist in der Wentorferstrasse 84. Die Wohnung hat Zentral Heizung, was offenbar so wichtig ist, dass es in Adressbüchern eingetragen wird.

1936 wird der Freund meines Vaters, der Photograph Walther Kellinghusen, verhaftet und kommt in die Untersuchungshaft ins Bergedorfer Gefängnis. Der Vorwurf lautet, er habe gegen den § 175 verstoßen.

Annelise ist schwanger. In Bergedorf in der Brauerstrasse 163 entsteht ein Neubau. Bei der Belegung des Neubaus werden Parteigenossen der NSDAP bevorzugt behandelt. Mein Vater wird Parteigenosse und erhält den Zuschlag. Eine Wohnung zum “Trocken Wohnen“ in der Brauerstrasse 163. Annelise kennt das schon. Hat sie doch ihre Kindheit mit dem “Trocken Wohnen“ verbracht. Am 11. August 1937 bringt Annelise meine Schwester Roswitha zur Welt. Im Elim. In Eimsbüttel. Vierzig Autominuten von der Brauerstrasse entfernt.

1945, beim Einmarsch der Engländer, verschwindet das Hochzeitsgeschenk des Standesbeamten im Heizungskessel im Glindersweg 47. Gottseidank gibt es keinen Koks im Mai 1945. Bis auf einen kleinen Wasserschaden, der den Buchrücken aufgelöst hat, ist dem Buch weiter nichts passiert.

Meine Schwester berichtete mir später, unsere Mutter hatte ihr erzählt, der Vater von Walther, der ein angesehener Rechtsanwalt in Bergedorf gewesen sei, habe seinen Sohn Walther Kellinghusen im Gefängnis besucht und ihm ein Handtuch oder ein Tuch gebracht. Dieses Tuch sei eine Art Code gewesen. Das Signal dafür, das man Walther nicht helfen könne. Darauf hin hat sich Walther im Gefängnis das Leben genommen.

Die Geschichte geisterte seit Jahren durch unsere Familie. Es wurde aber niemals geklärt, ob es tatsächlich so passiert ist. Auffällig ist, das mein Vater ein Reihe von Fotos aufgehoben hat, die von Walther Kellinghusen hergestellt worden sind oder ihn abbilden. So sind diese Aufnahmen nach dem Tode meiner Eltern in meinen Besitz gekommen.

Erst vor einigen Jahren habe ich mit der Recherchen zu Walther Kellinghusen begonnen. Ich stellte ich fest. Es ist noch viel schlimmer, als bisher bekannt. Im Staatsarchiv finde ich einen Mitarbeiter, der sich speziell mit der Verfolgung der Schwulen in Hamburg jahrelang beschäftigt hat. Uwe Bollmann. Zusammen mit einem Kollegen hatte er Reihe von Veröffentlichungen gemacht. Auch die beiden Fälle Kellinghusen haben sie bearbeitet. Der Fall Walther Kellinghusen, der sich im Bergedorfer Gefängnis das Leben genommen hat. Und der Fall seines siebzehn Jahre älteren Bruders Hans-Adolf Kellinghusen, der 1933 zum Professor und stellvertretender Direktor des Staatsarchives ernannt wurde.

Lange sinne ich darüber nach, warum meine Eltern, warum mein Vater nach dem Tode seines Freundes Walther Kellinghusen niemals mehr Kontakt mit einem Familienangehörigen der Kellinghusens aufgenommen hat. Schließlich haben wir bis 1963 in Bergedorf im Glindersweg 47 gewohnt. Ich komme zu keinem Ergebnis. Aber zu einer Entscheidung.

Walther Kellinghusen ist es wert, dass man über seine Person stolpert, so wie ich über ihn gestolpert bin. Ich nehme Kontakt mit Peter Hess auf. Es soll ein Stolperstein für Walther Kellinghusen werden. Verlegt an seiner letzten Wohnanschrift in der Wentorferstrasse 23.

Auf der Suche nach Angehörigen von Walther Kellinghusen ist Peter Hess erfolgreicher als ich. Ich hatte es telefonisch probiert, ohne Erfolg. Kein Verwandter dabei, der mit Walther verwandt war oder von seiner Geschichte wusste. Peter Hess hat es mit kleinen Zetteln an den Bäumen in der Wentorferstrasse in Bergedorf versucht. Er hat einen Kellinghusen gefunden und mir seine Telefonnummer gegeben.

Walther Kellinghusen Fotograf Das Foto hat Rudolf Heinrich Meyer von ihm gemacht.
Hans Adolf Kellinghusen Das Foto hat sein Bruder Walther Kellinghusen gemacht

Ich habe dann anschließend dreißig Minuten mit diesem Kellinghusen telefoniert. Er ist Jahrgang 1937. Die Villa des Vaters hat er nach dem Krieg abreißen lassen und auf dem Grundstück, das bis zur Strasse Am Baum 8 reicht, neu gebaut. Ein großes Grundstück. Das Haus in der Mitte. Weg von der lauten Wentorferstrasse.

Nach diesem Telefonat habe ich endlich verstanden, warum meine Eltern mit dem Rest der Familie Kellinghusen nach dem Tode von Walther nichts mehr zu tun haben wollten. Merkwürdige Formulierungen lassen mich stutzen. Hinterher denke ich: Wenn dieser Kellinghusen könnte, wie er wollte, aber das kann er nicht, dann würde er diesen Stolperstein verhindern. Er spricht von der Schande, die Walther über die Familie gebracht hat. Sprachlosigkeit überfällt mich. Ein Blick in den Kalender macht die Sache nur noch schlimmer. Die Gefängnisakten sind inzwischen vernichtet.

PDF Walther Kellinghusen Zelle 5

Es steht zu vermuten, dass die Vernichtung dieser Akten dem älteren Bruder, der 1933 zu stellvertretenden Direktor und Professor des Staatsarchives ernannt wurde, Hans-Adolf Kellinghusen sehr gelegen kam, wenn er die Vernichtung der Akten nicht selber initiiert hat, was zu vermuten ist. Einen Satz sollte ich vielleicht noch einmal wiederholen: Hans-Adolf Kellinghusen, war 1915 “Hilfsarbeiter im Staatsarchiv“ (Eintrag im Hamburger Adressbuch), 1932 Archivrat im Staatsarchiv und wurde im Jahre der Machtübernahme zum Professor und stellvertretenden Direktor des Staatsarchives ernannt. 1979 starb mein Papa. Er wurde 75 Jahre alt. 1987 starb meine Mama. Sie wurde 83 Jahre alt.

Gojenberg
Heinrich Meyer (Mein Opa) auf dem Gojenberg.
Heinrich Meyer geb. 15. Oktober 1867, gest. 21. Juni 1930, Fotografiert von Rudolf Heinrich Meyer
Tiere sehen Dich an (1)

Hamburg, d. 15. Dezember 2023

Hans-Adolf Kellinghusen (Ein Bruder des Photographen Walter Kellinghusen)

Walther Kellinghusen photographiert von Rudolf Heinrich Meyer
Archivrat Hans Adolf Kellinghusen, fotografiert von seinem Bruder Walther Kellinghusen.

Die Landeszentrale für politische Bildung schreibt über: Hans-Adolf Kellinghusen: „Hans Kellinghusen (1885 Bergedorf – 1971) 1908 Promotion zum Dr. phil. 1928 Archivrat, ab 1937 Mitglied der NSDAP, von 1948 bis 1951, Leiter des Hamburger Staatsarchivs, Roonstraße 7 in Hamburg Bergedorf (Privatadresse). Diese Straße gibt es heute nicht mehr. Jürgen Sielemann schreibt über Hans Kellinghusen: „ Seine Schreiben aus der NS-Zeit charakterisieren ihn als willigen und hartnäckigen Bürokraten der Rassenideologie, und dies auch im Dienst der mörderischen sogenannten Erbgesundheits-forschung. ‚Der gesamte Schriftverkehr mit parteiamtlichen Stellen vollzog sich […] völlig reibungslos‘, schrieb Kellinghusen 1935 und betonte die vielfältigen Beziehungen zum Sachverständigen für Rasseforschung beim Reichsminister des Innern und die umfangreiche Auskunftstätigkeit für den berüchtigten Fanatiker Dr. Wilhelm Holzmann vom Hamburger Amt für Rasseforschung. Für die Zukunft verkündete Kellinghusen 1935 das Folgende: ‚Der Erbgesundheitsforschung wird das Staatsarchiv ein ganz großes und reiches Material zur Verfügung stellen können. […] Die Ausnutzung dieses Materials für die Erbgesundheitsforschung steht erst in den Anfängen.‘(…)

In Kellinghusens Entnazifizierungsverfahren kam all dies nicht zur Sprache. In völliger Verkennung der Tatsachen charakterisierte ihn ein englischer Vernehmungsoffizier im September 1947 wie folgt: ‚Kellinghusen ist ein zivilisierter Mann westeuropäischen Zuschnitts. Er besitzt einen ausgeprägten Sinn für Humor und gutes Benehmen, aber kein Anzeichen für außer-gewöhnliche Intelligenz. Seine gesamte Persönlichkeit entspricht derjenigen eines unpoli-tischen Menschen und es ist äußerst unwahrscheinlich, dass er jemals mit radikalen Bewegungen sympathisierte.‘So war es dann kein Wunder, dass Kellinghusen in die Entnazifizierungskategorie V eingestuft wurde und damit zu den ‚Entlasteten‘ gehörte. Wenn Kellinghusen und Reincke [Heinrich Reincke Direktor des Staatsarchives] ‚nicht arische‘ Vorfahren von Antragstellern ermittelten, begnügten sich nicht damit, ihnen die geforderten Urkunden zuzustellen und den Fall damit als erledigt zu betrachten. In solchen Fällen informierten sie hinter dem Rücken der Antragsteller deren Arbeitgeber und Parteidienststellen vom Ergebnis der Nachforschungen. Zu diesen Denunziationen waren sie nicht gezwungen – sie handelten aus eigenem Antrieb. (…)

Wie viele Personen, die sich zur Urkundenbeschaffung an das Staatsarchiv gewandt hatten, von Kellinghusen und Reincke bei NSDAP- und anderen Stellen hinterrücks als ‚Vierteljuden‘, ‚Halbjuden‘ und ‚Volljuden‘ denunziert wurden, ist aufgrund der Aktenverluste nicht abzuschätzen. Nur ihre Auskünfte an die Gauleitungen von Berlin und Hamburg sind in größerem Umfang erhalten; sie weisen Mitteilungen über die jüdische Abstammung von über 300 Personen auf. (…)“. Was Kellinghusens und Reinckes Auskünfte in vielen Fällen angerichtet haben, lässt sich unschwer erahnen. (…)

Die erhalten gebliebenen Dokumente zeigen, dass Reincke und Kellinghusen durchaus nicht aus bloßem Opportunismus handelten, sondern von der nationalsozialistischen Rassenideologie überzeugt waren. Anders sind ihre Wortwahl und ihr Eifer auf diesem Gebiet schwerlich zu erklären. Davon war nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft allerdings keine Rede. 1951 trat Kellinghusen als Oberarchivrat in den Ruhestand, wurde 1960 mit der Lappenberg-Medaille des Vereins für Hamburgische Geschichte geehrt und 1966 zu dessen Ehrenmitglied ernannt. (…).“

„Als hauptverantwortliche Erfüllungsgehilfen des Rassenwahns sind die Professoren Heinrich Reincke und Hans Kellinghusen auszumachen“. (Seite 94, Jürgen Sielemann)

PDF  Walther Kellinghusen Zelle 5

Tier
Zeichnung Helga Bachmann

Schiffe Fotos von Werner Hensel, Rudolf Heinrich Meyer, John Holler und . . .

Fotos von Werner Hensel, Rudolf Heinrich Meyer, John Holler.

 

Auf der Suche nach Ludwig Averdieck

Erinnerungen an die Zukunft der Vergangenheit Auf der Suche nach Ludwig Averdieck Förderantrag für einen Film. Exposee (1982) pdfErinnerungenaneinenDeserteur

Die Gräber wurden gepflegt. Man stieg von Motorrollern auf Kleinwagen um. Unbequeme Menschen waren längst vergessen. Nur einige Steine mit Namen konnte man noch lesen. Halb vergammelt. Moos und Schimmel bedeckten die Steine. Buchsbaumhecken, Heldengedenksteine. Jeden Sonntag der Ausflug mit meinem Vater zu seinem Vater. Stinkiges Blumenwasser und alte Frauen. „Auf der Suche nach Ludwig Averdieck“ weiterlesen

Hamburger Fotografen Werner Hensel, Walther Kellinghusen, Rudolf Heinrich Meyer

Paul und Margarete Schumacher (links) Wentorferstrasse 19 und Richard und Johanna Schultz Wentorferstrasse 21. Richard Schultz ist Milchhändler von Beruf. Paul Schumacher ist Privatier und hat seit 1901 ein Fuhrgeschäft.
Wentorferstrasse 19 / 21
Paul und Margarete Schumacher
Richard Schultz Milchhändler
Photograph Werner Hensel geb. 14. Dezember 1893, gestorben am 6. Januar 1986 und Anneliese Meyer, geb. Hirte. Geb. am 27. Oktober 1904 gestorben am 30. Oktober 1987 (Das Foto wurde 1951 gemacht-Fotograf war Rudolf Heinrich Meyer . geb. 24. Januar 1904, gest. am 29. August 1979)

Zitronen

Fotos (oben) Jens Meyer

Foto von Walter Kellinghusen (Photograph) Hamburg Bergedorf. Das Adressbuch von Hamburg gibt als letzte Wohnanschrift (1936) Hamburg Bergedorf, Wentorferstrasse 23 an. Die Nachforschungen haben ergeben, daß er 1936 verhaftet und in das Gefängnis  in Hamburg Bergedorf eingeliefert wurde. Sein Vater war Rechtsanwalt. In der Haft hat er sich das Leben genommen. Der § 175 wurde erst am 11. Juni 1994 aus dem StGB Deutschland ersatzlos gestrichen.

Fotografiert von Rudolf Heinrich Meyer 1928.

Walther Kellinghusen

14. / 15. März 1931 Der Mord im Nachtbus

IMG_6069IMG_6068IMG_6074By-nc-sa_colorNilpferd7Fotos Jens Meyer

 

 

Der Mord im Nachtbus

Der erste Mord fand in einem Nachtbus der Hamburger Verkehrsbetriebe statt. In der Nacht vom 14.  auf den 15. März 1931. Kurz nach Mitternacht. Auf der Fahrt von Zollenspieker über Kirchwerder nach Hamburg. Zwölf Minuten später stiegen in Fünfhausen neue Fahrgäste ein. Der SA Sturm 14. Fünf Männer. Einer in SA Uniform. Mit dabei Albert Jansen. Dreiundzwanzig Jahre alt. Berufsangabe: Polizist. Wegen Unterstützung einer staatsfeindlichen Partei, der NSDAP, nach acht Monaten 1928 aus dem Polizeidienst entlassen. Hans Höckmair. SA Scharführer im Sturm 14, Hammerbrook. Achtundzwanzig Jahre alt. Otto Bammel, SA Scharführer im Sturm 14, Hammerbrook. Siebenundzwanzig Jahre alt. Es hat sogar einen Prozeß gegeben. Der begann 1931 vor dem Schwurgericht in Hamburg. Drei Männer wurden verurteilt. Wegen Totschlags. Albert Jansen, Otto Bammel, Hans Höckmair. Die Urteile lauteten sieben Jahre für Hans Höckmair und Albert Jansen und sechs Jahre für Otto Bammel. Das Urteil wurde am 3. November 1931 verkündet. Sie waren nicht lange im Gefängnis. Am 9. März 1933 wurden alle drei amnestiert. Aber es gibt eine Besonderheit. Als es im Mai 1945 vorbei war mit dem dritten deutschen Reich, mußten die Mörder ihre Reststrafe im Gefängnis verbüßen. Selten sowas.  Ernst Henning hat in Hamburg zwei Stolpersteine. Einen links vor dem Hamburger Rathaus und einen in Hamburg Bergedorf in der Hassestrasse 11, wo er bis zu seiner Ermordung gewohnt hat.

Es gibt ein kleines Büchlein, das über den Mord an Ernst Henning ausführlich berichtet. „Mord über Deutschland- Die Hamburger KPD und der Mord an Ernst Henning 1931“  von Martina Scheffler. Es ist erschienen im LIT Verlag Hamburg/Münster  2006. Dr. Wilhelm Hopf und kostet 14,90 €.Tieresehendichan1

Bille Bad Bergedorf 1929 RHM

BilleBad1929RHMBy-nc-sa_colorNilpferd7Foto Rudolf Heinrich Meyer, Hamburg Bergedorf, 1929

Pädagogisches Institut der Universität Hamburg

GlasplatteTalmudTora1Glasnegativ von Rudolf Heinrich Meyer (1904 – 1979By-nc-sa_colorTieresehendichan3) Wann diese Aufnahme entstanden ist, ist mir nicht bekannt. Ich vermute, die Aufnahme ist zwischen 1916 – 1930 entstanden. Jens Meyer

Foto Rudolf Heinrich Meyer

Christian Geissler Kampagne für Abrüstung 1964

HeldentodgroßFoto Rudolf Heinrich MeyerNilpferd7By-nc-sa_color

Abschrift: aus dem Buch von Christian Geissler ENDE DER ANFRAGE

RÜTTEN + LOENING VERLAG MÜNCHEN

Vorwort (Seite 9)

Zum Titel dieses Buches:

Mein erstes Buch heißt ANFRAGE.

Als ich es schrieb, war ich erstaunt darüber, daß bei uns in der Bundesrepublik aus der Erfahrung mit dem Nationalsozialismus keine vernünftige, d. h. politisch wirksame Konsequenz gezogen worden ist. Heute bin ich nicht mehr erstaunt.

Ich halte das, was in unserer Gesellschaft an Mißständen aufkommt und sich verfestigt und was so viel Ähnlichkeit hat mit dem, was wir schon mal erlebt haben, für eine Folge der bei uns herrschenden politischen, d. h. ökonomischen Verhältnisse. Man kann auf alten Fundamenten kein neues Haus bauen.

Das ist das ENDE DER ANFRAGE.

Und das ist nicht Resignation, sondern der Ausgangspunkt für die Herstellung von Antworten.

Christian Geissler

Christian Geissler

Rede in der Kampagne für Abrüstung,

Frankfurt 1964 (Seite 81 – 99)

Meine Damen und Herren, (Seite 81)

zunächst drei Vorbemerkungen:

1. Das Referat wird etwa 40 Minuten in Anspruch nehmen. Es wäre mir selbst lieb, wenn es kürzer geraten wäre. Aber die gesellschaftlichen Bedingungen für Krieg und Gewalt sind kompliziert.

2. Konrad Adenauer hat unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg, hinter dem Rücken eines bis fast zur physischen Vernichtung geschlagenen Volkes, den westlichen Alliierten neues deutsches Militär gegen den Kommunismus angeboten. Er hat damit gehandelt als ein Mann mit einem uralten Sinn für Macht. Die außenpolitischen Folgen dieser Machtausübung sind inzwischen deutlich. Es gibt jetzt bis auf weiteres zwei deutsche Staaten. Die innenpolitischen Folgen stellen sich von Jahr zu Jahr klarer heraus. Demnächst wird es Notstandsgesetze geben. Das alles ist bekannt. Mich interessiert hier heute etwas anderes. Mich interessiert die Frage: Was ist das für eine Gesellschaft, was sind das denn eigentlich für Leute, die sich nach zwölf Jahren Nationalsozialismus und fünf Jahren Krieg eine derartige Entwicklung nahezu tatenlos bieten lassen?

3. Es wird von Krieg und von der Vorbereitung eines Krieges die Rede sein. Diese Rede wird, wie man sich denken kann, vergleichsweise hart ausfallen. Deshalb bitte ich Sie dringend, folgendes genau zu beachten und im Kopf zu behalten: Krieg wird von Menschen gemacht. Das ist ein Erfahrungssatz, um den heute so leicht niemand mehr herumkommt. Es erhebt sich aber immer wieder die Frage: Wer ist denn das nun genau, der den Krieg macht? Will der Politiker, der Bischof, der Panzerproduzent, der Zeitungschef — wollen denn diese Leute tatsächlich subjektiv klar bei Verstand aktiv den Krieg?

(Seite 82)

Ich behaupte, nein. Das macht die Situation indessen keineswegs harmloser. Denn ich behaupte gleichzeitig, daß die ebengenannten öffentlich Mächtigen hier in unserem Land — nicht zuletzt mit Hilfe unser aller politischer Nachlässigkeit und Dummheit — ein gesellschaftliches Verhaltenschema, vor allem eine wirtschaftliche Basis aufgebaut und geheiligt haben, die hochexplosive Elemente enthält, in der Gewalttendenzen stecken, unter deren Wirkung wir alle und die Mächtigen obendrein sehr plötzlich zu Opfern eines totalen letzten Krieges werden könnten. Die Mächtigen hier bei uns sind also nicht als denkende Einzelpersonen, nicht in ihrem persönlichen Bewußtsein für Kriegsgewalt, aber — und das ist entscheidend, und darum müssen wir sie so scharf angreifen — sie sind als machtausübende Hersteller eines bestimmten gewalttätigen wirtschaftlichen und ideologischen Systems verantwortlich und haftbar zu machen für die unmenschlichen Zustände kriegerischer Gewalt, die uns bedrohen.

Meine Damen und Herren, wir haben uns hier heute versammelt in einer gemeinsamen Sorge und, wie ich denke, auch in einer gemeinsamen Hoffnung. Unsere Sorge richtet sich auf eine Gesellschaft, die in einer fürchterlichen Vergeßlichkeit sich daran gewöhnt hat, Lügen für Wahrheit zu nehmen; die sich Tag für Tag zum Beispiel das Wort Krieg und damit die Wirklichkeit des Krieges umfälschen läßt in das Gerede vom Verteidigungsfall. So, als hätten wir nicht die Erfahrung gemacht, wie leicht man einen Raubüberfall in Vergeltung und Verteidigung öffentlich ummünzen kann. Die Vergeßlichkeit geht inzwischen so weit und die Verfälschungen nehmen inzwischen so selbstverständliche Formen an, daß eine große Hamburger (Seite 83)

Zeitung vor vierzehn Tagen zum amerikanischen Angriff auf Nordvietnam auf Seite 1 die Schlagzeile bringen kann: »Seit heute früh wird zurückgeschossen.« Ganz so, als habe nicht Hitler mit eben diesen Worten den zweiten Weltkrieg eröffnet. Das nenne ich eine fürchterliche Vergeßlichkeit.

Aber Krieg bleibt Krieg, gleichgültig wie die Machthabenden das nennen, Mord bleibt Mord, Lüge bleibt Lüge. Daß das vergessen werden könnte, macht uns Sorge. Vergessen werden könnte von Leuten, mit denen wir doch leben wollen und nicht sterben. Und was macht uns Hoffnung? Tatsächlich der Mensch, Der lebendige Mensch kann nämlich lernen. Er kann lernen, wie man bisher Falsches zukünftig richtiger macht.

Der hier gezeigte Film »Kirmes« ist ein sehr guter Film. In der Kernszene des Filmes steckt allerdings eine Frage, die noch klarer beantwortet werden muß. Ich meine die Frage: Wie kommt es denn, daß unter Menschen ein junger Mann, der endlich leben will und nicht gewalttätig sterben, eben deshalb, weil er das will, sein Leben verliert, ja sogar das Leben verliert unter der stillschweigenden beziehungsweise ausdrücklichen Billigung seiner nächsten Mitmenschen. Welches ist die Herkunft von dermaßen miserablen Zuständen? Auf was für einem Boden wachsen menschliche beziehungsweise so unmenschliche Gesellschaften, in denen ganze Generationen von Eltern stolz trauern, wenn ihr Sohn gehorsam totgeschlagen wird wie ein Hund, sich aber ängsten und schämen, wenn der Sohn ungehorsam sein Leben behalten möchte wie ein erwachsener Mensch?

Wer oder was hat unter Menschen immer wieder die Macht, Mütter und Väter dergestalt zu pervertieren, sie krank und verkehrt zu machen gegen alle einfache Liebe und Vernunft? (Seite 84)

Der Film von Staudte gibt über die Herkunft dieser menschlichen Verkehrtheiten nur wenig Auskunft. Oder liegt es etwa in eines Menschen Charakter, ob er versagt oder siegt, ob er lebt oder stirbt? Was ist denn das überhaupt: Charakter? Der Film zeigt uns das, was uns bedroht, anhand von bestimmten unangenehmen menschlichen Typen. Er zeigt uns den verhurten Parteifunktionär mit miesen Texten im Mund, und überm Hals, wo andere ein Gesicht haben, hat er einen Schweinekopf. Kann man denn aber etwa am Schweinekopf, an der Hurerei, den Gegner erkennen, die Gefahr, den Krieg, den Mord?

Meine Damen und Herren, ich selbst habe jahrelang in unmittelbarer Nähe mit Nationalsozialisten gelebt. Weder haben diese Leute besonders herumgehurt noch hatten sie ekelhafte Gesichter. Es waren, wie man so sagt, aufrichtige, saubere, anständige deutsche Menschen. Aber sie waren für den deutschen Krieg. Sie waren für den Tod derer, die gegen den Krieg kämpften. Sie waren mit schmalen Lippen und feiner Bildung für Pflichterfüllung und Gehorsam bis hin zu Totschlag und Mord. Nein, meine Damen und Herren, was uns bedroht an Leib und Leben, das ist weder mit physiognomischen noch mit moralischen Vorurteilen zu packen.

Es sind nicht die Charaktere, die die Welt mißraten lassen. Was aber sonst? Hat irgendein Gott diese Welt so bestellt, wie sie ist? Sind etwa all das Elend und die Gemeinheit, in der Menschen im Krieg sich vorfinden, gedeckt von einem großen lebendigen Vater-Gott? Ich sehe in dieser Welt keinen Anlaß, solches zu glauben. Ich sehe in dieser Welt aber etwas anderes, nämlich dies: Es gibt — auch in allerletzter Instanz nicht — keinen Fluchtwinkel, in welchem es dem Menschen erlaubt werden könnte, seine Pläne und seine Taten, seinen (Seite 85)

Kopf und seine Hände in die Überhände irgendeines Vaters zu legen.

Wir sind unter uns hier auf der Erde, soweit ich weiß, wir alle zusammen, allein.

Das ist die Gefahr.

Das ist aber auch die Chance.

Nun wird es Leute geben, die solches Reden anmaßend und frivol finden, die uns beibringen wollen: Das Böse, das Leid, Mord und Totschlag und Menschenschinden — das alles liegt am Ende bei Gott. Wir sollen Geduld haben mit dem Elend und an die Erlösung glauben. Wer im Ernst solches glaubt, der mag, ich weiß es nicht, irgendwo Frieden finden in sich selbst. Der Welt aber wird er, soweit mich das historische Zeugnis nicht trügt, den Frieden nicht finden, ja nicht einmal finden können. Denn, soweit wir mit menschlichen Augen sehen können, meine Damen und Herren, funktionieren Krieg und Frieden in dieser Welt nun einmal zuallererst nach materiellen, greifbaren, daher auch angreifbaren Gesetzen, nach Gesetzen der ökonomischen Macht. Ob Frieden passiert oder Krieg in dieser Welt, das liegt, meine ich, nicht bei einem Gott, sondern das liegt bei bestimmten Menschen, und zwar bei denen, die Macht haben, Macht über ein gesellschaftliches Bewußtsein mit Hilfe von Macht über Geld und Maschinen. Darum ist es ja auch so wichtig zu prüfen, wer in einem Land Macht hat über Geld und Maschinen: die friedlichen Leute oder die unfriedlichen. Darum eben ist es so wichtig, daß die friedlichen Leute sich endlich die Macht nehmen, das heißt kämpfen, um den Frieden dauerhaft herzustellen. Und keiner sollte den friedlichen Leuten einreden, sie seien öffentlich ohnmächtig und schwach von Natur, von Gott her.

Kriege werden nun einmal einzig und allein, wenn

(Seite 86)

überhaupt, dann von mächtigen, selbstbewußten Massen verhindert, und nur von Minderheiten werden sie angezettelt mit Hilfe der Ohnmacht und der Selbstmißachtung von vielen. Nein, meine Damen und Herren, es ist, soweit ich sehen kann, kein Gott da, der uns die Welt, so, wie sie uns von Mal zu Mal mrät, abnimmt und tragen hilft, der uns vergibt, in Liebe und Geduld. Und gäbe es ihn, dann sollten wir ihn vergessen, bis wir gelernt haben, daß alle bösen und besten Möglichkeiten dieser Welt von unseren Händen verwirklicht beziehungsweise vertan werden, von uns allen zusammen, ganz allein. Gehen wir aber noch einmal zurück auf die Kernszene des Filmes.

Wenn es nun so ist, daß diese menschenfeindliche Szenerie, in der ein lebendiger Bursche, weil er leben will, sterben muß — wenn diese Szene weder mit psychologischen Charakterstudien noch mit religiösen Hoffnungen zu packen und beim Namen zu nennen ist — geht es dann vielleicht mit dem schon bei vielen Leuten zur Gewohnheit gewordenen Zynismus besser, diesem Zynismus, der selbstverächtlich sagt: Der Mensch, das ist nun mal ein unter sinnlosen Mutationen sich ständig selbst pervertierendes mißratenes Tier? Meine Damen und Herren, was den Krieg mehr fördert als alle psychologischen Klischees, was schlimmer für die Vorbereitung von Kriegen sorgt als alle religiösen Ohnmachtsbehauptungen — was das Kommen eines Krieges meines Erachtens mehr beschleunigen wird als alles andere, das ist, abgesehen von der ökonomischen Situation, die Selbstmißachtung des Menschen en masse.

Den Menschen lachend zurückstoßen über Jahrtausende in primitive biologische Zwangsverkettungen, ihn als eine biologische Verzerrung und als eine sich fortpflanzende Degenerationserscheinung von früher einmal

(Seite 87)

dumpf intakten Affen auffassen, den Menschen heute so beschreiben, das nenne ich Zynismus, das ist Selbstmißachtung, und aus beiden kommt Lust am Tod, kommt schließlich dann auch Lust am Krieg. Von dieser Selbstmißachtung des Menschen, von der Verzerrung des menschlichen Gesichtes hinab in nur noch Hohn und Öde und Ekel und Fatalität müssen wir, meine ich, reden, wenn wir Mittel finden wollen, den Krieg zu bekämpfen. Denn Massen von lebendigen Menschen, die ihr Selbstbewußtsein, ihre Selbstachtung verloren haben oder verlachen, solche erschöpften Leute können nicht kämpfen gegen Machthaber, die mit irgendwelchen Kanonenbooten zu beliebiger Zeit den Krieg von irgendwelchen fernen Küsten auf uns alle herunterzuschießen imstande sind.

Leute, die gelernt haben, sich selbst, ihren Kopf und ihre Hände, ihren Schmerz und ihren Traum zu mißachten, solche Leute werden, fürchte ich, eines Tages lachend sterben wollen. Menschen dieser Schadensklasse werden dunkel den letzten großen Krieg suchen wie einen endgültigen schwarzen Frieden.

Reden wir also von der massenhaften Selbstmißachtung des Menschen. Was heißt es aber, davon reden?

Von der Selbstmißachtung des Menschen reden, das heißt, den Raum bestimmen, den Boden genau in Augenschein nehmen, in welchem lebendige Menschen hier bei uns langsam aber sicher bis in ein mörderisches Gelächter hinein vollkommen verblöden. Raum und Boden, was heißt das? Das heißt: Der gesellschaftliche Raum hier, und die gesellschaftliche Basis, die ökonomische Basis hier, müssen geprüft, in Frage gestellt, wohlmöglich schärfstens attackiert werden. Fragt sich nur, wer sich findet, diese Attacke zu reiten. Um offen zu sein: Ich habe Angst, das zu tun. Ich werde es zwar tun, (Seite 88)

aber mit einer gewissen Angst um mein künftiges Wohlbefinden. Für den Frieden reden, wird hier bei uns allzu leicht umgefälscht in ein Reden gegen die freiheitlich-demokratischen Grundrechte, und solches Reden kann bestraft werden. Aber ich glaube in allein Ernst, daß wir endlich laut und böse und möglichst genau in der Sache und an möglichst vielen Plätzen möglichst bald reden sollten von den menschenverächtlichen Verblödungsstadien, die auf uns zukommen, wenn wir nicht endlich wieder Achtung und Zutrauen zu uns selbst, unserem Kopf und unseren Händen entwickeln. Verblödungsstadien sind im Kommen, die uns ummauern werden wie einen Gefangenen das Haus ohne Fenster, die uns überstülpen und unkenntlich machen werden, so wie der Henker und das Opfer unkenntlich werden unter schwarzen Kopfsäcken.

Aber ich habe Angst. Was ist da zu machen?

Was ist das überhaupt für ein Land, in dem man schon wieder Angst haben muß, für den Frieden zu reden?

Als im letzten Kriegsjahr einmal nachts unser Batterieführer, ein Oberleutnant, zu mir in die Telefonbaracke kam und sagte: Halten Sie Ihr Maul, Geissler, Sie reden sich mit Ihrem Blödsinn um Kopf und Kragen, da fand ich dieses Land widerlich.

Und als sechs Monate später die Engländer kamen, mußte ich lachen und winkte ihnen zu. Ich dachte: Jetzt gehts los, jetzt sind wir frei, jetzt sagt dir keiner mehr »Halts Maul!« auf Sachen, die dir lieb und teuer sind, zum Beispiel langes Leben, Spaß und Frieden unter den Leuten. Jetzt fangen wir einfach an, dachte ich.

Und heute? Was haben wir denn angefangen? Warum denn schon wieder Angst, wenn frei nachgedacht und geredet wird? Wir haben nicht aufgepaßt! Wir sind im Sentimentalen, im Verschwärmten, im Idealischen steckengeblieben.

(Seite 89)

Unsere Hoffnungen und Pläne sind aus dem Bauch und aus dem Herzen nicht vorwärtsgekommen bis in den Kopf. Wir haben, so scheint mir heute, die realen Bedingungen nicht rechtzeitig begriffen, nach denen gesellschaftliche Wirklichkeit sich entweder vernünftig entwickelt oder blöde verdirbt. Jetzt müssen wir laut, auch wenn wir schon wieder Angst haben, laut gegen Krieg und gegen die Pläne der Gewalt reden und rufen. Wir müssen jetzt nach Frieden und freundlichen Zeiten schreien wie ein Mann in der Wüste nach Wasser. Und wir müssen schreien, bevor die Notstandsgesetze in den Händen der Mächtigen zu Lappen werden, mit denen man uns das Maul stopfen kann. Ich fürchte, wir haben nicht mehr viel Zeit. Unter pausenlosen und grölenden Hinweisen auf die Unwahrheiten drüben im Osten wird man uns hier mehr und mehr unsere eigene Wahrheit zerschlagen. Denn haben wir erst einmal die Gesetze, dann wird es künftigen, möglicherweise unfriedlichen Machthabern ein leichtes sein, den brauchbaren Notstand zu erfinden, der es zuläßt, das Sagen der Wahrheit, das laute Schreien nach Frieden, legal zu ersticken.

Nutzen wir also die Zeit; noch sind wir ziemlich freie Leute in einem ziemlich freien Land. Vielleicht klingen manchem vernünftigen Mann hier solche Sätze ein bißchen zu pathetisch.

Meine Damen und Herren, ich bin für Pathos, wo gelitten wird. Und es wird gelitten in unserer Gesellschaft. In unserer Gesellschaft leiden Menschen an bohrender Ratlosigkeit, an Angst und Dummheit. Und diejenigen, die diesen Zustand bekämpfen, erleiden Drohungen und Diffamierungen.

Stimmt das?

Ich nenne ein Beispiel für viele: (Seite 90)

Gegen den Krieg, das heißt gegen die Aufrüstung organisiert reden und handeln ist hier in unserem Land bereits wieder derartig verpönt, daß man den, der ausdrücklich für den Frieden und gegen den Krieg arbeitet, mit dem Titel bewirft, den man, aus einer uralten Begriffsstutzigkeit heraus, für den schmutzigsten aller Begriffe hält. Man nennt Männer und Frauen, die offen gegen Krieg und seine Kalkulation auftreten, Kommunisten.

Meine Damen und Herren, machen wir uns nichts vor:

Dieser Titel ist in der Bundesrepublik eine angsteintreibende Drohung.

Leute, die den Frieden zu ihrer Sache machen, Kommunisten zu nennen, das ist durchaus nicht lächerlich, auch nicht nur irgendein Trick — das ist, mindestens auf oberster Ebene, auch nicht nur einfach dummes Gewäsch. Das ist eine Drohung. Eine massive Nötigung von friedfertigen Leuten Tag für Tag. Denn jedermann weiß doch, daß aktive Kommunisten hier bei uns Gefängniskandidaten sind, und so macht man dann hier blitzschnell ganz allgemein die Leute, die sich aktiv um den Frieden in der Welt kümmern, gefängnisreif. Das nenne ich eine freche legalisierte Nötigung von vernünftigen Leuten. Und ich protestiere deshalb an dieser Stelle ausdrücklich öffentlich, daß man mir Angst macht, weil ich frei nachdenken und frei reden will.

Angst tut weh und kostet Kraft.

Gut.

Noch sind wir frei. Und mit den Ängsten kann man ja fertig werden. Lassen Sie uns also zusammen nachdenken, damit uns Vernünftiges in den Kopf kommt: Ein Bursche will also leben, und weil er das will, wird er mit dem Tode bestraft. Genau das ist Krieg; eine verbrecherische Wirklichkeit, in der Menschen verderben. Eine

(Seite 91)

Wirklichkeit, in der der lebendige Mensch verzerrt wird in sein Gegenteil, in stumpfe Abtötung, in einen Rest aus Blut und Dreck. Und ich schlage vor, daß wir in Zukunft, jeder an seinem Platz, aus Respekt vor den zahllosen Kriegsopfern, scharf protestieren, wenn man, wie bisher, der kriegerischen Wirklichkeit auch nur irgendeinen einzigen menschlichen Wert glaubt unterschieben zu dürfen, etwa Tapferkeit, Männlichkeit, Mut. Daß solche Dinge im Krieg vorkommen, sagt nichts über den Krieg selbst. So wenig, wie ja ein Verbrechen dadurch besser wird, daß die Beteiligten in der verbrecherischen Aktion selbst Mut und Tapferkeit und Männlichkeit zeigen. Man hat mir oft gesagt, ich zöge mit meinen Texten vom betrogenen krepierten Soldaten die Toten in den Dreck. Ich will jetzt klipp und klar auf diesen Vorwurf antworten: Man zieht tote Soldaten in den Dreck, indem man ihr Elend in Heldentod umlügt. Man ehrt die Toten auf eine einzige Weise: indem man, an ihrer Statt, eingedenk ihrer Qualen und ihres vertanen Lebens, nur noch die Wahrheit sagt über den Krieg und wie er gemacht wird. Aber Schweigen ringsum und Kranzniederlegungen und stupide Trauermusik, und kaum irgendwo wirksamer Kampf gegen den Krieg. Wie kommt das?

Erstens: weil öffentlich gelogen wird.

Zweitens: weil öffentlich verdummt wird.

Drittens: weil mit Hilfe eines wirtschaftlichen Systems Gewalt und Angst unter die Haut der Leute gebracht werden.

Ganz genauso wie in der Kernszene des Films passiert es ja auch heute: Lüge, Dummheit und Angst irritieren das Selbstbewußtsein des Menschen, machen ihn unfähig in den einfachsten, wichtigsten menschlichen Dingen. (Seite 92)

Reden wir aber der Reihe nach.

Wieso öffentliche Lüge?

Meine Damen und Herren, das ist ein weites Feld. Mit den offiziellen Sprachregelungen fängt es an. Man redet zum Beispiel nicht von Krieg. Man redet von Vorwärtsverteidigung oder vom Verteidigungsfall.

Bei uns »fällt« ein Soldat; er wird nicht totgeschlagen. Er fällt »auf dem Felde der Ehre«; er blutet nicht aus in irgendeinem Keller; verbrennt nicht unter Geschrei in einem Panzer aus Kassel; erstickt nicht in einem U-Boot aus Kiel.

Bei uns steht auf großen Steinen überall in Stadt und Land etwas von »unseren Helden«; nichts von unseren armen, betrogenen, verratenen Brüdern. Steht etwas von »Dankbarkeit« der Überlebenden, nichts vom Zorn und vom Haß der Überlebenden auf die, die das Massensterben ausgedacht und befohlen haben. Bei uns in Hamburg zum Beispiel findet man auf den beiden zentralen Plätzen der Stadt, dem Stephansplatz und dem Rathausmarkt, die folgenden Lügen zum Thema Krieg, in Stein gehauen wie für alle Zeit:

»Sie ließen ihr Leben für euch. Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen. Die Großtaten der Vergangenheit sind Brückenpfeiler der Zukunft.«

Es gibt in Hamburg keinen einzigen Stein, auf den man geschrieben hat: Millionen sind unfrei einen gemeinen Tod gestorben, nach dem Willen und zum Nutzen und unter dem Befehl und mit dem Segen von Wenigen. Holt die Schuldigen aus der Macht, zur Ehre der Toten, zur Rettung der Lebendigen. Soviel zum Thema: die öffentliche Lüge vom Krieg. Wo eine Gesellschaft sich dermaßen um Realitäten herumlügt, beziehungsweise sich herumlügen läßt, da wird (Seite 93)

sie im Laufe der Zeit zwangsläufig unglaubwürdig werden. Zweitens: Weil öffentlich verdummt wird, weiß unsere Gesellschaft auf die Realität Krieg keine angemessene Antwort mehr. Was heißt aber öffentliche Verdummung?

Ich kann hier nur andeuten, was überall im Bundesgebiet auf breitester Ebene stattfindet. In Kriegsdingen den Menschen öffentlich verdummen, heißt, ihm sagen, daß im Atomkrieg jeder eine Chance hat zu überleben. Richtig muß es heißen: Die Waffen, die produziert werden, werden produziert zum Zwecke der Massenvernichtung. Hätte jeder eine Chance zu überleben, dann würden die Waffen nichts taugen; dann würde die Kalkulation der Generale nichts taugen.

In Kriegsdingen öffentlich verdummen, heißt, Leuten bunte Postwurfsendungen in den Briefkasten werfen, auf denen Hinweise gegeben werden zur Bevorratung der Haushalte, denn, so heißt es auf den bunten Zettelchen, sehr leicht können Krieg und Katastrophe die Versorgung des Menschen stören. Richtig muß es heißen: Diejenigen, die Macht haben, solche Postwurfsendungen zu bezahlen und zu verteilen, haben auch die Macht, Kriege und Katastrophen zu verhindern. Um diese Macht auszuüben, haben wir diese Leute gewählt. Sollten die Machthabenden sich als ohnmächtig erachten in Sachen Krieg und Katastrophen, dann sollen sie verschwinden aus dem Bereich der Macht; dann haben wir falsch gewählt. Öffentlich verdummen in der Kenntnis vom Krieg nenne ich es, wenn es in einer Gesellschaft zugelassen wird, daß ungefähr acht Millionen Landserhefte pro Jahr ausgedruckt und verkauft werden. Ich habe etliche (Seite 94)

Hefte gelesen. Mir fehlt die Zeit zu zitieren. Ich behaupte aus Kenntnis: Diese Hefte verherrlichen den Krieg als eine Form der männlichen Selbstverwirklichung.

Dabei fällt übrigens etwas auf: Mord vom Maschinengewehr aus als einen männlichen Sport beschreiben und diese Meinung in Traditionsgruppen pflegen, das ist bei uns erlaubt. Die Verkettung der Massen an wenige Mächtige als ein Unrecht und eine Gefahr beschreiben und diese Meinung politisch organisieren, das ist bei uns verboten. Öffentlich in Kriegsdingen den Dummen spielen, nenne ich es, wenn verantwortlicherseits so getan wird, als seien Wildwestfilme der üblichen Machart uninteressant in Sachen Vorbereitung und Masseneinübung auf Kriegsabenteuer. Will man denn nicht sehen, daß die Westernmoral gegebenenfalls sehr schnell und sehr real nutzbar gemacht werden kann in einer passenden Umwelt, zum Beispiel in einer »Goldwater«-Umwelt? Diese Filme, zusammen mit den — gezählt — 737 Kriegsfilmen der letzten zehn Jahre, machen in der Bundesrepublik das Gros der gezeigten Filme aus. Ihre unmenschliche Tendenz prägt, wenn noch nicht das Bewußtsein, dann das Unterbewußtsein der Mehrzahl der Bundesbürger. Wer das leugnet, betreibt planmäßig oder fahrlässig die bundesdeutsche Verdummung und damit die Herstellung einer willkürlich handhabbaren Haß- und Aggressionsbereitschaft. Öffentlich verdummen, freilich auf verhältnismäßig feine Weise, nenne ich schließlich das, was neuerdings auch in den intelligenteren Presseerzeugnissen betrieben wird. Ich denke an Texte, in denen bestimmte menschliche Hoffnungen, witzig verpackt, einem wegwerfenden Gelächter preisgegeben werden. Ich greife einen typischen Fall heraus: Der amerikanische Bomberpilot Eatherley galt jahrelang (Seite 95)

bestimmten Leuten als ein tragisches Zeugnis für ein überaus empfindliches menschliches Gewissen. Da nun ein derartiges Gewissen z. Z. überall knapp ist, gab es ein verständliches Bedürfnis, auf diesen Mann zu hoffen. Jetzt hat sich herausgestellt, daß dieser Pilot wahrscheinlich das, was wir sein Gewissen nannten, zu seinem privaten, neurotischen Vergnügen nur hochgespielt hat.

Mag das stimmen. Dann, finde ich, ist das kein Grund zur Freude. Freude und Hohn steckten aber in den Texten seriöser Blätter, in denen ich über diesen Fall gelesen habe. Freude und Hohn hierüber verbreiten, das nenne ich eine feinnervige Art der Verdummung. Richtiger wäre in einem solchen Fall, klar die Enttäuschung beschreiben darüber, daß der einzige Zeuge für ein in Sachen Hiroshima noch irgendwie moralisch intaktes Amerika nun wertlos geworden ist. Wieviel menschliche Selbstmißachtung kommt zum Vorschein, wenn Vergnügen ausbricht, wo ein wichtiger Zeuge im Kampf gegen Massenvernichtung sich als ein Kranker oder gar als ein Lügner erweist. Wen verspottet denn dieser Spott, wenn nicht die Hoffnung des Menschen auf bessere Zeiten?

Soviel zum zweiten Punkt: Verdummung in Sachen Krieg.

So wird also gelogen über den Krieg. So wird verdummt bis zur zynischen Selbstmißachtung. Die Mechanismen und die Machtträger der Lüge — und die Mechanismen und die Machtträger der Verdummung müssen bekämpft werden, wenn Krieg und Kriegsvorbereitungen bekämpft werden sollen. Drittens muß jetzt gesprochen werden von Herkunft und Wirkung der Gewalt und der Angst in unserer Gesellschaft. Ich behaupte: Gewalt und Angst beherrschen

(Seite 96)

bis unter die Haut des einzelnen die ganze Gesellschaft. Die meisten Gesten sind von unerhörter Ohnmächtigkeit und Ratlosigkeit; die meisten Gesichter von einer tiefen Resignation und Selbstmißachtung, oft schon bei jungen Leuten von Zynismus gezeichnet. Eine gespenstische Herrschaft der Klischees wird beobachtet, ob nun gelacht, geweint, geliebt oder gestorben wird. Kaum noch irgendwo Ahnung, was Leben und Lebendigkeit unter Menschen tatsächlich sein könnten; nirgendwo Stolz und Freude und Kühnheit; nirgendwo gelassenes und unverlogenes Vergnügen an Bauch, Kopf und Händen! Alle Spielarten der Aggression kommen vor, kreischende Ödenei, massenhaft Kopflosigkeit —die miserable Physiognomie einer verdorbenen Gesellschaft.

Wer die glänzende Oberfläche für das Ganze nimmt, übersieht das Grundsätzliche: Den unmenschlichen, aus Angst und Gewalt kommenden und in Angst und Gewalt auslaufenden Kampf aller gegen alle hinter jeder Fassade, hinter fast jedem Auge. Und wieso das? Woher dieser Mißstand? Wer erzeugt diese hochkomplizierte glänzende Verelendung der Massen?

Dieser gemeine Zustand kommt aus einem System der Angst und der Gewalt, nach welchem unsere Wirtschaft, also die Basisereignisse in unserer Gesellschaft, funktio­nieren.

Von was für einer Angst ist die Rede? Von welcher Gewalt?

Ich rede von der nach hiesigen Wirtschaftsgesetzen legalisierten — und nach der kirchlichen Privateigentumslehre sanktionierten! — Gewalt, nach der der Stärkere recht hat. Und ich rede von der überall vorherrschenden Angst, dem Nebenmann zu unterliegen — auf der (Seite 97)

Autobahn, am Arbeitsplatz, im Bett. Lesen Sie Werbetexte. Diese Texte leben von versteckten Drohungen und kaum noch verheimlichten Ängsten des Menschen. Was hat das alles aber mit Krieg zu tun? Meine Damen und Herren, der herkömmliche Krieg einerseits und unser Wirtschaftssystem andererseits haben das wichtigste Gesetz gemeinsam. Gemeinsam ist den Kriegsvorgängen wie den hiesigen Wirtschaftsvorgängen ein ganz bestimmtes, primitives Grundgesetz praktischen Verhaltens. Das primitive Grundgesetz des Krieges wie das primitive Grundgesetz unserer Wirtschaft heißt:

»Der Stärkere hat recht.«

Ist das so gefährlich?

Ja.

Denn das ist ein den Menschen in Primitivzustände zurückzwingendes Gesetz aus der Welt der Vorfahren, aus der Welt der Affen und Wölfe. Ein Gesetz aus uralten Tagen ist das, ein Gesetz aus der Zeit, als die Natur noch mehr galt als die vom Menschen begriffene und also veränderte Welt. Ein Gesetz ist das, das die vernünftigen Chancen des Menschen leugnet und zerstört, das jeden vernünftigen Menschen in seinem Selbstbewußtsein beleidigen muß.

Denn aus der Zeit, in der ein Affe aus Prestigegründen seinem Nebenmann zeigen mußte, wie vielen Kollegen er schon das Fressen weggebissen hat, aus dieser Phase sind wir Menschen unserer Möglichkeit nach längst heraus. Davon allerdings scheinen die, die uns unser Wirtschaftssystem eingerichtet haben, bisher kaum etwas gehört zu haben. Wider alle besseren Möglichkeiten des Menschen haben sie ein Wirtschaftssystem beibehalten, das uns wie Wölfe, wie hastige Affen hantieren heißt von morgens bis abends. Wer sich unter dieses Gesetz nicht beugen will, wer sich (Seite 98)

nicht zurückzwingen lassen will in brutale Verhaltensweisen, der geht hier bei uns über kurz oder lang vor die Hunde. Er wird weggebissen werden vom stärkeren Männchen in der Herde. Wer aber nach dem Gesetz, der Stärkere hat recht, leben will, der muß bereit sein — und das scheint mir sehr bedeutungsvoll und wichtig — der muß bereit sein, täglich seine eigentlich menschlichen Möglichkeiten zu verleugnen und zu knebeln. Nun ist es aber so, meine Damen und Herren: Jeder Mensch, auch der blödeste, hat eine eigenartig hartnäckige Ahnung von sich — von dem, was das sein könnte und eines Tages auch sein wird: ein Mensch. Jeder — ich mache diese Erfahrung, sooft zum Beispiel fremde Leute als Anhalter in meinem Auto sitzen und wir Zeit haben zu reden und zu fragen, wies so geht und steht jeder von uns, sage ich, hat irgendwo verschüttet noch eine Ahnung herumliegen von dem, was Schönheit ist und Freundlichkeit unter Menschen und Freiheit. Wenn das aber so ist mit der Ahnung von dem, was der Mensch irgendwann mit allen anderen zusammen mal sein könnte, dann ergibt sich doch folgendes hier bei uns: Man zwingt den Menschen pausenlos von sich selbst weg, zwingt ihn mit Hilfe wirtschaftlicher Druckmittel weg von seinen schönen und vernünftigen Ahnungen, abwärts ins Tierische, zurück ins Hauen und Stechen und Beißen.

Und was folgt?

Man erzeugt in einem derart zurückgeworfenen Menschen einen gefährlichen Notwehrakt, eine tief sich einfressende Mißachtung gegenüber der großartigen eigenen Ahnung; man erzeugt die Selbstmißachtung des Menschen. Denn nur unter Absehung von seiner Hoffnung auf menschliche Zukunft und menschlichen

(Seite 99)

Fortschritt kann er schließlich in die Wolfsmoral hier sich zurückfinden; kann er den Primitivgesetzen dieser Wirtschaft folgen und Eigentum sammeln, wie der Bischof und der Kanzler es wünschen. Hat man aber einmal mit Hilfe der wirtschaftlichen Zwänge die gründliche Selbstmißachtung der Massen erreicht, dann hat man diese lebendigen Massen auch schon bestens präpariert für den nächsten Krieg. Denn wenn in einem nächsten Krieg irgend etwas Bedingung sein wird, dann die Selbstmißachtung der Massen. So bereitet unser Wirtschaftsverhalten künftiges Kriegsverhalten unmittelbar vor. Und so kommt es, daß, wer den Krieg bekämpfen will, dieses Wirtschaftssystem bekämpfen muß.

Christian Geissler

Kampagne für Abrüstung, Frankfurt 1964

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soldatenfriedhofStQuentinSoldatenfriedhof in Nordfrankreich (St. Quentin) Juli 1963st2Quentin193StQuentin3Fotos St. Quentin Nordfrankreich 1963  Jens Meyer

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Douaumont Beinhaus. Fotografie von Holger Weinandt. Wikipedia. Gemeinfrei