Brief an Wiebeke (IX)

Sag dem Abenteuer, dass ich komme (1) Die DDR

Es muss so 1968 gewesen sein. Während andere die Auslieferung der Bild Zeitung verhinderten, hatte ich mich abgesetzt, um nicht zu Bundeswehr zu müssen. Meine Antwort war das Seefahrtsbuch. Als Ing. Assi auf mittlere Fahrt. Später sollte es ein Schiffsingenieur werden. Ein Beruf, den mein Vater gerne ergriffen hätte. Die Welt sehen. Vorerst sah ich per OPDR Marokko, Algerien, Tunesien, DDR und Klaeipeda, was früher Memel hieß, eine Zeit lang zu Deutschland gehörte und jetzt eine Enklave der SU ist. Ein vier Wachen Schiff. Ceuta. Ein doppelt wirkender MAN Dieselmotor, betrieben mit Gasöl. Auf der 12 – 4 Wache der dritte Ingenieur und ich der Offiziersanwärter. Berufsbezeichnung Schiffsingenieurs Assistent. An Bord kurz Assi genannt. Wir hatten Apfelsinen geladen. In Kisten. Februar. Durch den Nord-Ost-See-Kanal, Richtung Rostock. Der dritte Ingenieur und ich wollten zusammen an Land gehen. Rostock besichtigen. Der Hafen eingezäunt, so wie der Freihafen in Hamburg. An der Grenzstation des Hafens Kontrolle durch die Grenzorgane der DDR. Mein Dritter, wie der dritte Ingenieur bei uns genannt wurde, kam aus Ägypten, Körpergrösse 1,67 m und war naturgemäß mit einer etwas dunkleren Hautfarbe ausgestattet als ich. Seine deutschen Sprachkenntnisse waren meinen weit überlegen.

An der Grenzstation wurde in unserem Beisein ein Hafenarbeiter festgenommen, den man mit einer oder zwei Apfelsinen erwischt hatte, die vermutlich geklaut waren. Ich konnte meinen Dritten nicht davon überzeugen, sich da rauszuhalten. Du bist hier in Deutschland, halt bloß die Schnauze, war meine gezischelte Rede. Aber nein. Er fand das empörend. Ich auch. Wegen zwei Apfelsinen! Überall in der Welt schaffen Hafenarbeiter etwas beiseite. Wenn sie dabei erwischt werden, ist das natürlich nicht so gut. Meist wird bei Kleinigkeiten, die Kleinigkeit von zwei Apfelsinen, darüber hinweg gesehen. Für eine Kiste, ein Meter lang, fünfzig Zentimeter breit und hoch zahlten wir an die Reederei OPDR (Oldenburgportugiesische Dampfschiffs Rhederei) damals 10,00 DM. Er würde morgen eine Kiste vorbeibringen, hat er laut gesagt. Und man solle den Mann endlich in Ruhe lassen. Schließlich sei das doch hier ein Arbeiter- und Bauernstaat und wenn dieser Hafenarbeiter zwei Apfelsinen davon klauen müsste, dann sei das ein Armutszeugnis dieses Staates. Und, und, und. Ich hatte ihn gewarnt. Es hatte nichts genutzt. Sie haben den Dritten nicht in ihr Arbeiterparadies hineingelassen. Also musste ich alleine die Stadt besichtigen. Rostock völlig vereist. Mein Ingenieur, der Dritte, bekam vom Staat der Arbeiter- und Bauernstaat ein Einreiseverbot für alle Zeit. Wie sich später herausstellte war alle Zeit nicht besonders lang. Als es mit dem Arbeiter- und Bauernstaat zu Ende war, bin ich dann noch mal nach Rostock gefahren.

Der Staat war schon lange weck. Aber das Häuschen war noch da. Das Häuschen an der Grenzstation, wo sie unseren Dritten verhört hatten, weil dieser sich empört hatte. Der Hafen war völlig leer. Ich empfand eine gewisse Genugtuung angesichts des leeren Hafens. Strafe muss sein, fand ich. So ist das eben, wenn man wegen zwei geklauter Apfelsinen so einen Aufriss macht. Und das mit der Kiste, die er morgen als Geschenk vorbeibringen wollte, das hatte mein Dritter ernst gemeint.

(2) Der Wald, das Holzbein und die vier Feinde. (1971)

Es gab eine Zeit, da brauchte man mit dem Interzonenzug von Hamburg nach Berlin manchmal sieben Stunden. Das hatte verschiedene Ursachen. Eine war, dass die Russen das zweite Gleis nach Russland geschafft hatten. Ein anderer war, das der Zug zweimal kontrolliert wurde. An beiden Grenzen. Ganz sorgfältig. Drinnen und draußen. Ob sich vielleicht jemand heimlich in die DDR reinschmuggeln wollte? Das sollte auf jeden Fall verhindert werden. Noch mehr Personen, die überwacht werden müssten. In Schwanheide war einer dieser Kontrollpunkte. Dann musste noch allerlei Papierkram ausgefüllt werden. In einem dieser Züge lernte ich auf der Fahrt von Berlin nach Hamburg einen Mann kennen, der sich als ehemaliger Bewohner der DDR zu erkennen gab. Genau genommen hatte der Mann nur zweimal mit mir gesprochen. Während dieser sieben Stunden. Kurz nach dem Passieren der Grenze in Griebnietzsee berichtete er davon, dass die Deutsche Reichsbahn, die diesen Interzonenzug betreibe, vier Feinde hätte. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Das zweite Mal äußerte er sich im Wald von Friedrichsruh. Also nach dem Passieren der Grenze in Schwanheide. Der Kaiser habe die Kriegsteilnehmer des ersten Weltkrieges belohnt. Mit Holz. Er habe vom Kaiser ein Holzbein bekommen und der andere eben einen Wald. Und weil wir grade den Sachsenwald bei Friedrichsruh passierten, war auch klar, von welchem Geschenkeempfänger er sprach.

Angenagelt, Schwerin
Kopf ab Hilde
MS Ceuta
MS Ceuta in Oran lädt Apfelsinen Kisten
Tier

Fotos Jens Meyer

cc

Vor zwanzig Jahren, als Tourist nach Hamburg. Ist es besser geworden?

Vor zwanzig Jahren

Ein Reisebericht: Als Tourist in Hamburg (1999)

Nach einer Reise durch Norwegen, Schweden und Dänemark, versuche ich mich in die Rolle eines Touristen im Heimatort Hamburg hinein zu finden. Auf der Rückfahrt von Åarhus sitze ich in einem deutschen Interregio seit Fredericia. Dänisches Zugpersonal. Die Ansagen erfolgen auf Dänisch, Deutsch und Englisch. Engländer gibt es kaum im Zug, Deutsche auch wenig, die meisten Reisenden sind Dänen.

Kurz nach der Grenze (Flensburg) meldet sich der >deutsche Zugchef<, wie er sich nennt, und seine Ansage erfolgt nur auf Deutsch. Kein Dänisch, kein Englisch, obwohl der Zug aus Fredericia kommt. In Hamburg Hbf angekommen, versuche ich das, was ich in Oslo, Bergen, Trondheim, Narvik, Kiruna, Stockholm und Åarhus versucht habe. Der Sprache unkundig, nur mit Hilfe von Hinweisschildern eine Unterkunft zu finden. Oder Touristeninformation. Überall in den Orten, die ich besucht hatte, war das ganz einfach.

Überall fand ich in den Bahnhöfen diese Hinweisschilder. Sogar in Narvik, wo täglich nur zwei Züge ankommen. Da gibt es diese Touristenhinweise. Auf dem Hamburger Hauptbahnhof nicht. Ich irre herum. Ein Schild der Information stellt sich nach langem Suchen als Fahrkartenschalteraufsteller der deutschen Bahn heraus, die zu diesem Zeitpunkt, es ist Sonntag d. 5. September (1999) kurz nach 13.00 Uhr, hoffnungslos überfüllt ist.

Nirgends kann man eine Wartenummer ziehen und die Leute stellen sich offensichtlich nach gut Glück in irgendeine Schlange. Gottseidank bin ich hier zu Hause und weiß, dass die Bahn keine Informationen über Hotelzimmer gibt. Höchstens – und auch da bin mir nicht sicher – für die Bahn eigenen Hotels in den anderen Städten. Als Einheimischer weiß ich jedoch, wo ich suchen muss: In der Wandelhalle. Und da ist sie dann auch die Touristeninformation.

Zwanzig Minuten habe ich gesucht. Es ist Sonntag 13.30 Uhr. Drei Schalter sind besetzt. Ein rotes Schild über jedem Schalter weist die Einheimischen darauf hin, dass hier “Keine HVV Informationen zu erhalten sind“. Die Schilder sind auf deutsch da. Im Ernst wird ja auch kein Tourist Ahnung davon haben können, was das denn bitte sein soll, ein HVV? Aber ich will ja eine Hotelinformation. In jeder besuchten Stadt Skandinaviens lag ein kleiner abreißbarer Sonderdruck der jeweiligen Stadt. Aber hier liegt nichts, gar nichts. Die Dame am Schalter ist freundlich. Ich äußere meinen Wunsch nach einem Einzelzimmer für eine Nacht. In jeder Stadt in Skandinavien wurde ich gefragt, was meine Wünsche seien, mit Dusche, mehr im Zentrum, mehr dies mehr das. Kleine, fotokopierte, Listen wurden mir vorgelegt, auf denen infrage kommenden Hotels mit ihrer Preiskategorie standen. In Hamburg gibts das nicht.

In Hamburg antwortet die freundliche Dame am Schalter nur, das kann ich ihnen buchen. Stolz schaut sie auf ihren Bildschirm und will jetzt buchen. Ich frage nach den Preisen. Es gibt preisgünstige Last Minute Angebote, ist ihre Antwort. Dann sieht sie ein wenig abfällig an mir herunter, nach einer dreiwöchigen Reise sieht man nicht mehr so ganz propper aus, wie am Anfang und macht schon mal ein paar Komfort Abstriche. Ob es denn mit einer Dusche sein muss? Nein, muss nicht. Das billigste, was sie hat, ohne Dusche und Klo kostet 68,00 DM die Nacht. Sie ist wild entschlossen für mich zu buchen. Ohne auch nur den Namen oder die Lage des Hotels zu nennen.

Und ich habe ja mein Bett zu Haus und murmele, vor so viel wilder Entschlossenheit, dass ich gleich wieder käme, weil ich das noch mit meinen Kollegen besprechen müsse. Und steige anschließend in die S-Bahn und freue mich, dass ich in Hamburg kein Tourist bin. Das wäre viel schwerer, als es in Oslo, Bergen, Trondheim, Narvik, Kiruna, Frederikshavn und Åarhus als Tourist war.

Ich gebe zu, die Reise liegt schon ein wenig zurück. Es war am 5. September 1999. Aber ich würde jede Wette annehmen, dass es im Hamburger Hauptbahnhof nicht besser geworden ist.

Jens

Als Tourist in Hamburg

Als Tourist in Hamburg

Nach einer Reise durch Norwegen, Schweden und Dänemark versuche ich mich in die Rolle eines Touristen im Heimatort Hamburg hinein zu finden. Auf der Rückfahrt von Åarhus sitze ich in einem deutschen Interregio seit Fredericia. Dänisches Zugpersonal. Die Ansagen erfolgen auf Dänisch, Deutsch und Englisch. Engländer gibt es kaum im Zug, Deutsche auch wenig, die meisten Reisenden sind Dänen. „Als Tourist in Hamburg“ weiterlesen

Meckis Abenteuer beim wilden Stamm der Arbeiter

Beim Aufräumen wieder gefunden: Ein Vorwort für einen Filmkatalog, der zwar erschienen ist. Allerdings ohne das Vorwort. Die Zeit war damals (1982) noch nicht reif. MECKIS ABENTEUER BEIM WILDEN STAMM DER ARBEITER                      Die Wende: Die Wende ist schon da. Wir haben sie nur noch nicht bemerkt. Letzte Woche auf dem Arbeitsamt. Um 8.00 Uhr machen die auf. Ich bin um 8.05 Uhr an dem Nummernzieher. Meine Nummer 451. „Meckis Abenteuer beim wilden Stamm der Arbeiter“ weiterlesen