Die lebendigen Bilder von Friderike und James

Die lebendigen Bilder von Friderike und James

Von Friderike Blumenthal und James Henschel wissen wir nicht viel. Nicht einmal die richtige Schreibweise ihrer Namen. Und das, was andere und ich herausgefunden haben, das haben wir zufällig herausgefunden. So wie ein Bauer beim Pflügen auch Steine an die Oberfläche bringt, die lange in der Erde verborgen waren. Eine systematische Suche sieht anders aus. Wo waren eigentlich die ganzen studierten Historiker die letzten neunzig Jahre-frage ich mich. Warum muß die Arbeit von Laien und Dilettanten, wie wir es sind, erledigt werden?

Hindenburghaus
Eingang Großer Burstah 31 Foto Jens Meyer
Stadthaus
Stadthaus Foto Jens Meyer

Das Ehepaar Henschel war sehr reich. Millionäre würde man heute sagen. Am Ende hatte man ihnen in Hamburg alles weggenommen. Zwei Behörden in der Hamburger Innenstadt, nicht weit entfernt vom Rathaus und voneinander, hatten bei dieser Enteignung zusammengearbeitet. Am Großen Burstah 31-Hindenburghaus (das heisst heute noch so) die eine, an der Stadthausbrücke 8 (GeStapo/das heisst heute nicht mehr so) die andere. Zu Fuss braucht man ungefähr fünf Minuten, wenn man von dem einen zum anderen Gebäude gelangen will. Und sie haben gut zusammengearbeitet. Die Beamten beider Behörden. Wer die Beweise für ihre Tätigkeit findet, der hat schon viel Zeit verbracht. Die Beweise sind gut versteckt. Das hat viele Varianten. Manchmal nennen sie es Datenschutz. Manchmal heisst es schlicht Gebührenordnung. Als ich anfing zu suchen, wußte ich von allem nichts.

Bei mir hat es begonnen mit meinem Studium an der dffb in Berlin. Ich hatte „auf der Arbeiterwelle“ einen dieser begehrten 15 Studienplätze erhalten, um drei Jahre lang das „Filmemachen“ zu lernen. Das war 1969. Ich war 23 Jahre alt, hatte eine 3½ jährige Ausbildung zum Maschinenschlosser hinter mir, war zur See gefahren und hatte mich drei Semester lang auf einer Ingenieurschule gequält. Die Perspektive, mein Leben lang Getriebe für VW Motoren zeichnen zu müssen, trieb mich aus Hamburg nach Berlin. Arbeitskräfte waren in Berlin gesucht und ich ließ mich als Schlosser anwerben. Es gab eine Lohnsteuerermäßigung – Berlin Zuschlag- genannt. Auf diese Weise konnte ich gleich noch der lästigen Bundeswehr eine Nase machen, während ich mich heimlich bei dieser Schule bewarb. Filmemachen, das schien mir viel besser als Getriebe zu zeichnen. Jedes Jahr bewarben sich über 200 Menschen, um einen der fünfzehn Studienplätze zu erlangen. Da mußte man (so wie ich) schon viel Glück haben, wenn man zur Aufnahmeprüfung eingeladen wurde. Die dauerte mehrere Tage und es waren 56 Kandidaten, die zur Aufnahmprüfung für einen Studienplatz eingeladen wurden. Die Kommission war mir gesonnen: Mit dem Proletenbonus – so habe ich es später genannt-schwappte ich in die Filmakademie: dffb.

Am 25. 08. 1970 unterzeichnete ich meinen Vertrag für das erste Studienjahr. Und war recht schnell in Konfrontation. Ich wollte weg vom Proletariat und die anderen StudentInnen (diese Schreibweise benutzte man damals noch nicht) wollten dahin. Und dann wollten sie mir auch noch erzählen, wie das Proletariat so ist und wie man es auf den rechten, linken Weg bringen könne. Ich dagegen wollte alle Möglichkeiten dieser Akademie so schnell wie möglich nutzen. Die hatten Schneidetische, Kameras, eine große Filmbibliothek und jede Menge Menschen mit Ahnung. Ich wollte viel und schnell lernen. Regelmäßig hielt ich mich auch in der Bibliothek auf. Eine freundliche Bibliothekarin führte mich in die unbekannten Schätze der gesammelten Texte ein. Renate Wilhelmi sei Dank.

Darunter waren auch so banale Sachen wie alte Adressbücher, Reichskinoadressbücher. Darin gesammelt die Anschriften und Inhaberan-gaben aller Kinos aus ganz Deutschland, als es groß war, was immer das auch meint. Das war mein erster Kontakt. Doch zunächst sollten mal Filme entstehen. Neue Filme, die das Bewusstsein verändern sollten. Die Verbesserung der Welt war von uns vorgesehen. Dazu mußte der Zustand der Welt genau untersucht werden.

Damit meine ich: Ich, genauer: wir waren es gewohnt, daß niemand dabei gewesen war, niemand etwas bemerkt hatte und niemand schuldig an irgendwas war. Alles war passiert irgendwie. Goebbels, Göring und Hitler hatten fast alles alleine gemacht. Ich traf niemanden, der dabei gewesen war. Eine ganze Generation hatte diese und ähnliche Erfahrungen gemacht. Wir haben dann nur noch zum Schein gefragt, weil wir wussten, wir werden sowieso angeschwiegen oder angelogen. Ein Gefühl wie bei der Mafia in Sizilien. Irgend wann hat dann eine ganze Generation aufgehört zu fragen. So kam es mir jedenfalls damals vor.

Gier nach Neuem steckte bei mir dahinter. Erst 1984 habe ich mich dann in meiner Heimatstadt Hamburg wieder an die alten Reichskinoadressbücher von 1930 erinnert. Und habe begonnen zu suchen. Lebende Zeugen. Dokumente. Die Ergebnisse mit den noch lebenden Zeugen waren wie immer. Aus den Reichskinoadressbüchern ging hervor: Es gab in Hamburg zwischen 1926 und 1940 eine Firma mit Namen „Henschel Film- & Theaterkonzern“. So begann meine Suche nach der Kinobesitzerfamilie von Friderika und James Henschel, von denen ich damals noch nicht einmal die Namen kannte. Für eine systematische Suche gab es keine Möglichkeit. Es gab niemand, der eine solche Suche mit ungewissem Ergebnis über längere Zeit finanziert hätte.

Auf dieser Grundlage sind alle Ergebnisse zufällig entstanden. In Hamburg gab es die entscheidenden Zeitungen, in denen man etwas hätte finden können, 1984 nicht. Weder als Papierversion noch als Mikro Film. Also kehrte ich zurück in die Bibliothek der Filmakademie in Berlin. Dort gab es damals nur ein Mikrofilmlesegerät. Aber im Gegensatz zu der Zeit als ich dort war, schien der Wissensdurst der Studenten in andere Richtung organisiert zu sein, als zu meiner Zeit. Man gewährte mir Zugang zum Mikrofilmlesegerät. Ich begann mit meiner Suche bei der „Licht Bild Bühne“. Eine „Tageszeitung des Films“. Der „Kinematograph“ war mir wegen des Eigentümers Alfred Hugenberg, der mit Hitler in einer großen Koalition war, suspekt. Die Licht Bild Bühne kam mit sechs Ausgaben in der Woche.

Zeitung lesen ist ja an sich keine Arbeit. Aber wenn man etwas bestimmtes sucht und nicht weiss, was es sein könnte und wann es passiert sein könnte, dann ist es doch anstrengende Arbeit. Nach einigen Tagen war ich immer noch erfolglos, ohne Mut und wußte nicht mehr, wo ich noch suchen sollte. Der Zufall mußte mir helfen. Mein Versuch begann mit Jahrestagen von der Qualität: Kaisers Geburtstag, Führers Geburtstag, Bismarcks Ernennung, Bismarcks Ablösung, der „Ausbruch des Krieges“, Kaiserabdankung und Flucht nach Holland, Ausrufung der Republik, Beginn des zweiten Weltkrieges, Beginn der Weltwirtschaftskrise, der Hamburger Aufstand und was die deutsche Geschichte sonst noch so an Katastrophen zu bieten hat.

Ich wollte die Suche schon aufgeben, da kam ich auf jenen Montag, an dem der Reichspräsident Paul von Hindenburg um 12.40 Uhr bekannt gegeben hatte:

„Der Reichspräsident hat Herrn Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt und auf dessen Vorschlag die Reichsregierung wie folgt gebildet: Adolf Hitler Reichskanzler, Stellvertreter des Reichskanzlers v. Papen, Freiherr v. Neurath Reichsaußenminister, Dr. Frick Reichsinnenminister, General Blomberg Reichswehrminister, Graf Schwerin von Krosigk Reichsfinanzminister, Dr. Hugenberg Reichswirtschaftsminister, Franz Seldte Reichsarbeitsminister, Freiherr von Eltz-Rübenach Reichspost und Reichsverkehrsminister, Reichstagspräsident Göring, Reichskommissar für Luftverkehr und Preußischer Innenminister. Reichskommissar für Arbeits-beschaffung Dr. Gereke wird in seinem Amte bestätigt. Die Besetzung des Reichsjustizministeriums bleibt vorbehalten….“ (Zitat aus: Deutsche Allgemeine Zeitung vom 31. Januar 1933)

In der „Licht Bild Bühne“ fand ich in der Ausgabe vom Sonnabend, d. 28. Januar 1933 diese Meldung von dreizehn Zeilen: „Nach Redaktionsschluß erreicht uns die furchtbare Nachricht, die wir wenigstens noch dem größeren Teil unserer heutigen Auflage beifügen möchten, daß gestern gegen Abend in Hamburg Hermann Urich-Saß, einer der führenden Köpfe des deutschen Lichtspielgewerbes und leitende Persönlichkeit im Henschel Konzern, an einem Herzschlag im frühen Alter von 45 Jahren gestorben ist. Seit kurzer Zeit hatte sich bei ihm ein Herzleiden bemerkbar gemacht. Man steht tief erschüttert vor diesem tragischen Fall.“

In der Ausgabe vom Montag, d. 30. Januar 1933 folgten Einzelheiten: „Hermann Urich-Saß zum Gedenken. Wie im größten Teil unserer Sonnabend Ausgabe mitgeteilt, ist Hermann Urich-Sass am Freitag abend im blühenden Alter von 45 Jahren einem Herzschlag erlegen. Seine Beerdigung findet heute, Montag, den 30. Januar, 3 Uhr nachmittags, in Hamburg Ohlsdorf auf dem Israelitischen Friedhof statt.“

Endlich wußte ich, wonach ich die ganze Zeit gesucht hatte. Ohne diesen „geschichtlichen Zeitpunkt“ und den Hinweis auf die Beerdigungsstätte hätte ich niemals die Spur nach dem Verschwinden des Henschel Konzerns aufnehmen können. Schließlich sind nicht alle Betriebe, die während der Nazizeit verschwunden sind, Opfer der rassistischen Enteignungen geworden. Erst zwanzig Jahre später erlange ich Kenntnisse, daß die Machtübergabe an Adolf Hitler und der Todeszeitpunkt von Hermann Urich-Sass durchaus einen logischen Zusammenhang haben, den ich damals aber noch nicht ahnte.

Für meine Recherche stellt sich heraus: Die jüdischen Beerdigungsriten sind für mich besser als die Beerdigungsriten der Christen, die nach 25 oder 50 Jahren ihre Gräber einebnen lassen. Bei den Juden -so lernte ich-ist das anders, die werden für die Ewigkeit beerdigt. So verlangt es der Brauch. Auf dem Israelitischen Teil des Hamburger Friedhofs Ohlsdorf (der streng getrennt von dem christlichen Teil des Friedhofs ist) beginne ich meine Suche und finde mit Hilfe von Friedhofswärter Horst Deggert den Grabstein von: Hermann Urich-Saß. Geb. 18. JUNI 1887-5647, Gest. 27. JAN. 1933-5693. Als Horst Deggert das Datum der Beerdigung liest, kommentiert er nur trocken: „Dann mußte er ja die ganze Scheisse nicht mehr mit erleben“. Ich fand, der Mann hat recht. Das Grab war gepflegt. Die Goldschrift des Grabsteines war vor kurzem erneuert worden. Nach deutschem Brauch muß für Grabpflege bezahlt werden. Es gab also Jemanden, der für die Pflege dieses Grabes bezahlt. Das war meine Vermutung.

Einen Entwurf (15 Seiten) für einen Dokumentarfilm unter dem Titel „Auf der Suche nach Henschel“ der meine Vermutungen über das Verschwinden der Henschel Kinos zusammenfasst und ein Anschreiben an die Angehörigen von Hermann Urich-Saß übergebe ich der jüdischen Gemeinde und bitte sie, beides an die Angehörigen weiter zu reichen, deren Namen und Aufenthaltsorte ich damals nicht kannte.

So wie diese Menschen in Deutschland von unseren Eltern und Großeltern behandelt wurden, würde es mich nicht wundern, wenn sie keine Kontakte mit jemandem aus Deutschland haben wollen. Damit wäre dann die Suche nach den Henschels mit ihren Kinos zu Ende gewesen.

Aber einige Wochen später kommt erst ein Telegramm und dann Post aus Mexiko und Brasilien. Im August 1989. Verwunderung auf der anderen Seite des großen Teiches. Seit sechzig Jahren hat niemand nach dem Verschwinden des Henschel Film und Theater Konzerns gefragt. Warum jetzt?

Es schreiben die Söhne der damaligen Besitzer. Horst Urich-Saß ist die Flucht nach Mexiko gelungen. Er ist am 1. Februar 1914 in Hamburg geboren. Als sein Vater starb und Hitler an die Macht gebracht wurde, war er 19 Jahre alt. Als er 22 Jahre alt ist, muß er aus Deutschland fliehen. Die Gestapo sucht ihn.

In seinem Brief schreibt er: “Gestern kam ich aus den USA und fand ihren Brief vom 17. Mai, den ich sofort beantworte. James Henschel war mein Großvater, Hugo Streit mein Onkel. Hermann Urich-Sass mein Vater. . . . Ich habe keine Absichten nach Europa zu kommen: Ich habe keine Beziehung zu Deutschland. Dass sie einen Dokumentarfilm “Auf der Suche nach Henschel“ beabsichtigen, erscheint mir unverständlich. Wer interessiert sich heute noch für das Schicksal von Menschen, die vor 56 Jahren derart gedemütigt wurden, dennoch verspreche ich Ihnen, sicherlich auch im Namen meiner Verwandten, volle Mitarbeit. Wir verloren das Vaterland, etwas, was schmerzhaft ist und materielle Dinge, solche kann man und haben wir in reichlichem Mass in unseren neuen Heimaten errungen ohne Antisemitismus, den ich schon lange vor der Hitlerzeit erleben musste und habe meine Zweifel, wenn man behauptet diese negative Gefühlsstimmung sei plötzlich verschwunden.“

Der Brief von Horst Urich Sass ist auf Firmenpapier geschrieben.“BACO. S.A.“ Links oben sind zwei Gebäude abgebildet, die aussehen wie Fabrikgebäude. Der Luftpostumschlag ist mit Namen und der Anschrift des Absenders bedruckt und hat, wenn man dem Stempel glauben kann, eine Reise von Mexico 10, D. F. über die USA (L. A. Beverly Hills) nach Hamburg 50 gemacht. Die Vermutung, daß es sich bei Horst Urich-Sass um den Besitzer dieser Fabrik handelt, löst bei mir gemischte Gefühle aus, war mein Leben bisher immer von der Erkenntnis geprägt, daß die Guten immer unten und die Bösen immer oben sind. Und das, obwohl ich auch unten schon viele Böse getroffen hatte. Aber einen deutschen Emigranten, der in Mexiko eine Fabrik und einen zweiten Wohnsitz in Beverly Hills in Los Angeles hat, das brachte mich damals ins Grübeln.

Den Söhnen von Hugo Streit, Rolf Arno Streit und Carl Heinz Streit ist die Flucht nach Brasilien gelungen. Sie waren dort auch im Filmgeschäft tätig und schreiben aus Belo Horizonte am 17. August 1989. Rolf Arno Streit ergänzt meine Recherchen zur Geschichte des Henschel Film und Theaterkonzerns, den sein Vater und sein Onkel in Hamburg betrieben haben. Er schreibt von einem Mann namens Adam, der bei der Enteignung seines Vaters eine wichtige Rolle hatte. Leider kennt er seinen Vornamen nicht.

Falls ich diesen Film über das Verschwinden der Henschel Kinos tatsächlich machen wollte, dann mußte zunächst einmal Geld für die Produktion und für die Reise besorgt werden. Einzige Möglichkeit: Ein Antrag bei der Hamburger Filmförderung: Das Hamburger Filmbüro e. V.. Frisch gegründet und selbstverwaltet. Leider ist Jens Meyer dort schon mehrfach als obstinat aufgefallen. Mein Filmemacherkollege Wolfgang Morell (Gründungsmitglied des Filmbüros) stellte dort jedes Jahr Anträge und hatte noch nie eine müde Mark für die Produktion eines Filmes von ihnen bekommen. Auch er konnte seine Schnauze immer nicht halten und hatte wiederholt offen seine Meinung über die sich entwickelnde Filmbürokratie vorgetragen.

Also, dachte ich mir, müssen mir meine Eltern helfen. Geld konnten sie mir leider nicht mehr geben. Dafür war es zu spät. Aber schließlich haben sie mir drei Vornamen gegeben und das muß ja irgendwie von Nutzen sein. Der Antrag auf Förderung wird nicht von Jens sondern von der Otto Meyer Filmproduktion gestellt. Und Otto Meyer hat Glück. Bekommt ein Darlehen von 75.000,– DM auszahlbar in drei Raten.

Wir (Der Kameramann Dietmar Bruns, Dorothea Koch und meine beiden Söhne Hannes und Fiete und ich) fahren in die USA nach Beverly Hills und nach Belo Horizonte in Brasilien. Und weil wir kein Geld hatten um eine U-Matic Kamera für diesen Zeitraum zu leihen (fragen sich jetzt alle, was war das noch mal?), kaufen wir eine S-VHS Kamera von JVC für 5.000,00 DM. Damals das beste, was es im semiprofessionellen Bereich gab. Horst Urich-Sass, der Sohn von Hermann Urich-Sass, den wir am 20. Juli 1990 in Beverly Hills in Los Angeles befragen, ist am 1. Februar 1914 in Hamburg geboren. Er ist 76 Jahre alt und ein reicher Mann. Geld konnte er bei seiner Flucht nach Mexiko keins mitnehmen und in Mexiko hat er sich mit dem Handel von Stoffen über Wasser gehalten. Und das ging so: Da er Spanisch weder sprechen, noch lesen oder schreiben konnte und nur einige Brocken Englisch kannte war das eine schwierige Veranstaltung, für Jemanden, der etwas verkaufen will. Aber die mit denen er gehandelt hat, sprachen Jiddisch und so konnte er sich mit Ihnen mit Deutsch verständlich machen. Die beiden Sprachen sind offenbar miteinander kompatibel.

Wenn Horst Urich Sass von Hamburg spricht, dann spricht er von der Angst, die er immer gehabt hat. Zu Recht, wie sich herausstellt. Er wird angezeigt, denunziert. Wegen „Rassenschande“. Seine Schwester Vera ist schon vor ihm nach Mexiko geflüchtet. Über die Besitzer, die die Kinos „übernommen haben“ wie er sich ausdrückt, mag er nichts schlechtes sagen: „Die haben ja durch den Krieg auch alles verloren. Die waren nach dem Krieg besiegt und lagen am Boden. Und man tritt nicht auf den, der am Boden liegt.“

Ich denke bei mir, vielleicht wäre es doch mal ganz gut gewesen, wenn nach dem Kriege mal getreten worden wäre. Aber wer bin ich denn, daß ich sowas sagen kann?

In Belo Horizonte treffen wir (Der Kameramann Dietmar Bruns und ich) die Söhne des Kinobesitzers von Hugo Streit. Rolf Arno Streit ist am 9. August 1912 Hamburg geboren, sein Bruder Carl Heinz ist ein Jahr älter. Er ist am 26. August 1911 in Hamburg geboren. Als wir mit ihnen am 30. und 31. Juli 1990 sprechen sind sie 78 und 79 Jahre alt.

Als sie 1936 aus Deutschland geflüchtet sind, um ihr Leben zu retten, waren sie 24 und 25 Jahre alt. Jetzt sind sie seit 54 Jahren in Brasilien. Sie haben die deutsche Sprache nur wenig benutzt. Aber langsam kommen doch viele vergessene Worte zurück.

Die Nazis hatten sie ausgebürgert aus Deutschland, doch nach dem Krieg haben Rolf Arno und seine Frau Hilde Streit wieder die deutsche Staatsangehörigkeit beantragt und bekommen. Sogar ihre Tochter Anja Streit-Daibert hat einen deutschen Pass. Sein Bruder Carl Heinz Streit wollte keinen deutschen Pass mehr haben.

Bei der Eröffnung unseres Kinos (3001-Kino) am 1. Mai 1991 bringe ich im Foyer ein Messingschild an. Dort ist zu lesen:

ZUM ANDENKEN AN DIE HAMBURGER KINO-PIONIERE JEREMIAS (genannt James) HENSCHEL HERMANN URICH-SASS HUGO STREIT GRÜNDER DER ERSTEN HAMBURGER GROSS-KINOS BESITZER DER LEGENDÄREN „SCHAUBURG“ KINOS VON HAMBURGER BÜRGERN WÄHREND DER NAZI-ZEIT VERFOLGT, ENTEIGNET UND AUS DEUTSCHLAND VERTRIEBEN Hamburg, d. 1. Mai 1991. (Da steht jetzt ein Kühlschrank vor)

Im Oktober 1994 ist der Film fertig. (63 Minuten). Für ein Fernsehfeature ist er zu lang (Die Normlänge ist zu dieser Zeit 45 Min.), für einen Kinofilm zu kurz. Der Arbeitstitel „Auf der Suche nach Henschel“ wird dem Film nicht gerecht.

Die Anfangszeile eines Werbeliedes, das damals für die Schauburg Kinos komponiert wurde, wird mein Filmtitel: „Leute seid vernünftig, lasst die Frau durch, denn sie will noch schnell mal in die Schauburg“. Ich versuche eine Kinoauswertung und einen Fernsehverkauf. Aber das Interesse bei den Sendern ist gering. Der Tenor lautet: das Thema Juden und Kino, das hatten wir schon mal. Er läuft ein paar mal bei uns im Kino in Hamburg und ich verschicke mehrere Jahre lang Ansichtskassetten an Fernsehstationen. Erfolglos.

Vielleicht ist es einfach nur ein schlechter Film geworden, denke ich manchmal. Andrerseits gibt es natürlich Gründe, warum sechzig Jahre lang niemand gefragt hat, wo die ehemaligen Besitzer der Schauburg Kinos geblieben sind.

Mein Freund Reinhold Sögtrop stellt einen Antrag bei den Grünen, um Gelder für eine Fotoausstellung zusammen zu bringen. Wir hatten viele Fotos aus Brasilien und einige aus den USA mitgebracht. Wir durften auch Blicke in die Fotoalben der „neuen Kinobesitzer“ in Hamburg, so nenne ich mal die Söhne und Töchter derer, die nach 1933 Kinobesitzer wurden, tun und einige sogar abfotografieren für unsere Ausstellung „Auf der Suche nach Henschel“. Das wir in Hamburg angelogen wurden, das waren wir schließlich gewöhnt und so war ich auch nicht traurig, das einer der Söhne, der damals noch lebte, Tim Schümann, uns kein Interview geben wollte.

Aber wie das manchmal so ist, wenn man mit einer Videokamera Fotos aufnimmt. Da stellt man beim Umblättern der Seiten des Fotoalbums manchmal Fragen und erhält Antworten und vergißt dabei schnell, daß die Kamera ja auch ein Mikrophon hat. Einige Jahre später habe ich mir dann den Ton noch einmal angehört und darüber gestaunt, was Söhne so manchmal veranstalten, um die braunen und die Blutflecken von der Jacken ihrer Väter zu entfernen.

Da entstehen sonderbare Mischungen. Noch Jahre nach dem Tod, werden so aus überzeugten Nazis und SA Männern, die freudig Zeitungsanzeigen aufgeben, daß das Kino jetzt endlich in »arischem« Besitz sei, Männer des (inneren) Widerstands. Mit der Fotoausstellung bei uns im Kino wollten wir eine größere Öffentlichkeit ansprechen und neue Informationen bekommen. Fehlanzeige. Wenn man mal von der Magisterarbeit von Gerti Keller und der Hausarbeit der Studentin Stephanie Baecker absieht.

Viele Fragen waren damals ungeklärt und so liess mich das Thema nicht mehr los. Wem gehörten die Kinogrundstücke? Warum wurden die zerstörten Kinos nicht wieder aufgebaut? Warum wurden so hervorragende Grundstücke, wie das vorne an der Reeperbahn, Ecke Zirkusweg nicht wieder bebaut oder verkauft?

Warum wurde das Grundstück am Gänsemarkt, später mit einem sog.“Ufa Palast“ bebaut, nicht zurückerstattet? Das waren nur einige dieser offenen Fragen. Und viele Auskünfte bekommt man nur, wenn man ein sog.“berechtigtes Interesse“ nachweisen kann. Geschichtsaufarbeitung gehört meist nicht dazu. Anschließend habe ich meine Hobbyforschung Heimatkunde genannt.

Im Laufe der Jahre entwickelt sich so eine Art Sammelleidenschaft bei mir. So wie andere Briefmarken sammeln, sammle ich seit 1984 Naziverbrecher und Naziopfer. So kommt es mir jedenfalls manchmal vor. In meiner Sammelleidenschaft traf ich auf den Kameramann Sven. Der schaute sich das Material an und ermunterte mich – laß uns ein Buch aus diesem zusätzlichen Material machen.

Manchmal nimmt man eben doch den Mund zu voll, jedenfalls war meine damalige an Antwort, das sei überhaupt kein Problem, das sei ja alles da und müsse nur noch kurz zusammengefügt werden. Pustekuchen. Sven brachte mich dann mit dem Geschichtsstudenten Jan Johannsen zusammen, der ein Thema für seine Diplomarbeit suchte und sich gleichzeitig noch als Fotograf betätigte. Ein wunderbare Kombination für die bevorstehenden Sucharbeiten.

Von Rolf Arno Streit hatte ich erfahren, daß ein maßgeblicher Mann in Hamburg bei der Enteignung der Kinobesitzer, ein Obernazi namens Adam gewesen sei. Leider wußten die Streit Brüder nicht viel von diesem Mann. Nicht einmal den Vornamen. Sie hatten erfahren, daß dieser Mann zusammen mit den beiden Nazis, die den Henschel Konzern „übernommen hatten“ ein Kino in Kiel hatte. Einen ganzen Tag habe ich damals in Kiel im Stadtarchiv verbracht, aber nichts herausgebracht.

Und die Zeugen waren wie immer sprachlos oder gestorben. Erst 1993 brachte die Studentin Gerti Keller, der ich meine Unterlagen zur Verfügung stellte, den Vornamen und eine Kurzbiografie dieses Obernazis Adam heraus.

Der Mann hiess Richard Adam und war Leiter der Landesfilmstelle in Hamburg. Im Laufe der weiteren Suche stellte sich heraus: Der Mann war Goebbels direkt unterstellt. Wieder begann die Suche. Ich schrieb über mehrere Jahre immer wieder an das Hamburger Landgericht, an die sog. Wiedergutmachungskammer.

Und irgendwann im Jahre 2005 rief mich dann Richter Dr. Lothar Weyhe vom Landgericht Hamburg an, und teilte mir mit, wenn ich von einem Beteiligten eine Vollmacht zur Akteneinsicht beibringen könne, dann hätte er noch so verschiedene interessante Akten.

Wieder schrieb ich nach Brasilien, in der Hoffnung, daß die Kinder des Kinobesitzers vom Waterloo Kino in der Dammtorstrasse 14 mir antworten würden. Und tatsächlich kam Post aus Sao Paulo von Günther Harald Hirschel, dem Sohn des Kinobesitzers Manfred Hirschel, dem die Flucht aus Deutschland gelungen war.

Günther Harald Hirschel stellte eine Vollmacht aus. Und so konnten wir (Jan Johannsen und ich) das erste Mal die Prozessakten aus dem Prozess Hirschel gegen Esslen ansehen und fotografieren, die vor uns noch niemand gesehen hatte. Die Entwicklung der Fototechnik war seit Beginn meiner Nachforschungen inzwischen vorangegangen.

Während Reinhold Sögtrop und ich noch umständlich mit einer Kleinbild-kamera im Staatsarchiv waren, konnten wir (Jan Johannsen und ich) mit seiner Digitalkamera alle Akten, von denen wir Kenntnis erhielten, fotografieren. Mit der vorgelegten Vollmacht von Günther Harald Hirschel durften wir die Akten des „Wiedergutmachungsprozeß“ (schon diese Wortschöpfung stellt eine Verhöhnung der Opfer dar) um das Waterloo Theater in der Dammtorstrasse 14 fotografieren. Die Prozessakte Hirschel gegen Esslen hat 246 MB und passt auf eine CD Rom. Zum Lesen vor Ort hatten wir keine Zeit.

Das war das Gefühl, das vermutlich Touristen aus Asien bei Europareisen haben. Alles wird auf Speicherchips gebracht. Erst zuhause werden die Objekte dann angesehen. Und dort fielen mir dann fast die Augen aus dem Kopf. Der Obernazi Richard Adam, der die Enteignung der jüdischen Kinobesitzer maßgeblich im Sinne der NSDAP vorangetrieben hatte, tritt in dem Rückerstattungsprozeß Waterloo Theater als Zeuge der „Arisierer“ (Clara Esslen und Heinz Heisig) auf und wird nicht (natürlich nicht) im Gerichtssaal sofort festgenommen.

Er darf dagegen vor Gericht ausführen, daß der jüdische Kinobesitzer Manfred Hirschel schon vor der Enteignung durch Klara Esslen und Heinz B. Heisig (der nach dem Kriege damit punkten konnte, der einzige Hamburger Kinobetreiber gewesen zu sein, der nicht Mitglied der NSDAP war) pleite gewesen sei und dass er oder die Partei, der er angehörte keinerlei Einfluß auf die Enteignung des jüdischen Kinobesitzers Manfred Hirschel genommen habe. Doch zurück an den Anfang der Hamburger Kinogeschichte. Die eigentliche Kinogeschichte der Henschels beginnt schon viel früher mit der Eröffnung des „Helios Theaters“ von Friderika und James Henschel im Dezember 1905. Der Enkel Rolf Arno Streit, der seine Großeltern noch kennengelernt hatte, beschreibt, wie seine Großeltern darauf gekommen sind, Kinos zu machen.: „In Paris, so hat er (James) gehört, gibt es einen Grammophon Laden, dass heißt die Leute konnten in den Laden gehen sich Telefone an die Ohren legen und konnten dann eine Musik wählen. Das wollte er in Hamburg auch machen. Auf dem Weg dorthin sind sie (Friderika und James) stehengeblieben vor einer riesigen Schlange von Menschen, die alle in ein sogenanntes Cine gehen wollten. Das war eine Neuigkeit für meine Großeltern. Da wurden die ersten Filme vorgeführt. Nachher sind sie ins Hotel gegangen und meine Großmutter Frida Henschel hat zu meinem Großvater gesagt, James ich habe es mir überlegt. Wir machen nicht Grammophon. Wir machen Kinos.“

Wann Friderika und James diese Reise nach Paris gemacht haben, weiß ich nicht. Vielleicht waren sie in Paris, als dort die Weltausstellung stattfand. Dort führten die Brüder Lumiere zum ersten Mal ihren „Cinematographe Geant“ vom 15. April bis 31. Oktober vor. Das war ein Breitwandverfahren für eine Leinwand von 25 x 15 Metern.

Fünf Jahre später (Im Dezember 1905) eröffnen Friderika und James Henschel ihr erstes Kino in Hamburg Altona. Es ist das „Helios Theater“ in der Bergstrasse 11. Das Kino hat 500 Plätze. James ist zu diesem Zeitpunkt 42 Jahre alt. Aus einem Zeitungsbericht erfahre ich, dass Anfang 1906 das Ehepaar Henschel ihr zweites Kino, das „Belle-Alliance-Theater“ in der Eimsbütteler Strasse 2 /Ecke Schulterblatt 115 eröffnen. „Es fasste 1.400 Personen, für die damalige Zeit eine unerhörte Zahl, und hat Zeit seines Bestehens nur einen „schwarzen Tag“ erlebt: den Tag, an dem die Michaelis Kirche niederbrannte und die gesamte Tageskasse-bei 1.400 Plätzen-nur 56 Mark aufwies“. steht in der Licht Bild Bühne vom 16. August 1930. (Der Tag an dem der Michel brannte war der 3. Juli 1906). Vergleicht man die Größe des „Belle Alliance“ mit heutigen Kinos, dann schneidet die Gegenwart schlecht ab. Das größte Kino Deutschlands steht heute in Essen. Die Lichtburg: Die hat 200 Sitzplätze weniger (1.200 Sitzplätze). Hamburgs größtes Kino im Cinemaxx hat mal grade 1.001 Sitzplätze. Es scheint mir dringend an der Zeit, eine Art Biografie dieser ersten Kinounternehmer zu versuchen. Eigentlich wäre das Aufgabe jener gewesen, die sich Historiker nennen. Warum müssen das Amateure und Dilettanten machen, so wie ich einer bin? Auf jeden Fall, finde ich, ist es höchste Zeit diese Lücke endlich zu schließen.

Die Frau, die James Henschel dazu brachte, Cine zu machen war: Friderike (Friderika) Blumenthal, geb. am 17. Oktober 1865 in Lübeck. Sie flüchtete 1939 aus Deutschland nach Mexiko und starb am 16. April 1945 in Manhattan, New York im Alter von 79 Jahren. Sie hatten fünf Kinder. Rolf Arno Streit berichtet von seiner Großmutter Friderika, dass diese eine sehr religiöse Jüdin gewesen sei. Sie habe einen koscheren Haushalt geführt. Der Opa James habe es dagegen nicht so genau genommen. Einmal im Jahr, wenn Friderika in der Synagoge zum Beten gewesen sei, dann sei er heimlich Schweinefleisch essen gegangen.

Mark (Hermann) Lissauer (der kleine Junge auf dem Balkon des Fotos vom Thalia Kinos in der Grindelallee 116) berichtet in einer E Mail vom 22. Dezember 2005: „Von meiner Mutter hörte ich, daß Oma Frida an der Kasse saß und sie und James mit einer Waschbalje voll mit 10 Pfennigstücken per Droschke nach Hause fuhren.“

Die biografischen Angaben über James Henschel sind auch nicht grade üppig: Geboren wurde er am 5. Februar 1863 in Hamburg. Er erlangte am 18. Dezember 1901 das Hamburger Bürgerrecht. Als Berufsangabe wird genannt: Kaufmann und Agent. Am 22. April 1897 wird seine Firma James Henschel ins Handelsregister eingetragen. Nach einem Zeitungsbericht kam er von der „Konfektion“, was vermutlich heissen soll, daß er sich mit dem“ Handel von Fertigkleidung“ (Duden Fremdwörterbuch) beschäftigte.

Er war Mitglied der Hugenberg Partei (DNVP). Was immer man davon hält. Für den Enkel von James Henschel war diese Parteimitgliedschaft lebensrettend. James erhielt von einem Parteifreund Nachricht, das sein Enkel Horst Urich-Sass von der Gestapo gesucht werde. Aus gleicher Quelle konnte er auch seinen Schwiegersohn Hugo Streit vor der Verhaftung durch die Gestapo warnen.

Hermann Lobbes von der Licht Bild Bühne schreibt in dem einzigen Bericht, den ich gefunden habe, über die Arbeit von James Henschel: „Die Sommersaison 1907 bedeutete dann den einzigen größeren Rückschlag für die junge Firma, wenn man von den beiden ersten Kriegsjahren absieht, deren Überwindung nur durch fortgesetzte und beträchtliche Zuschüsse aus den Reserven möglich war.

Aber als James Henschel im Herbst 1907 mit dem „Hauptmann von Köpenick“ (Buderus, Hannover) herauskam und diesem Sensationsfilm wenig später die nicht minder spannende und aufregende Tragödie vom „Untergang Messinas“ (Ambrosio) folgen ließ, war die Situation mit einem Schlage gerettet. Beide Filme schlugen wie eine Bombe ein. Hunderte warteten täglich in langen Ketten vor der Kasse.

Hunderte fanden keinen Einlass. In Altona gab es damals kaum irgendwelche regulierenden Polizeivorschriften, und so spielte man ununterbrochen von 3 Uhr nachmittags bis 1 Uhr nachts. An manchen Sonntagen wurde das Theater von mehr als 8.000 Personen besucht! Diese erfreuliche Konjunktur ließ die Kasse anschwellen und schaffte die Möglichkeit ein weiteres Theater in Betrieb zu nehmen. Ein günstiger Bauplatz fand sich an der Wandsbeker Chaussee und hier errichte Henschel nun, nach einer kurzen Entreprise in Lübeck, das erste Theater der Welt, das ausschließlich für Kinozwecke bestimmt war. Aufgeführt mit einem Kostenaufwand von 550.000 Mark wurde das Palast-Theater, heute gleich den übrigen Großtheatern Henschels im Besitz der Ufa, einer der gewaltigsten Saalbauten seiner Zeit.“

Als James Henschel 55 Jahre alt ist, macht die neugegründete UFA (gegründet am 18. Dezember 1917) ihm ein Angebot für den Kauf seiner Kinos. James Henschel verkauft an die UFA. Da die UFA offenbar daran interessiert ist, nicht mit eigenem Namen in Hamburg als Kinobesitzerin aufzutreten, wird eine „J. Henschel GmbH“ gegründet. Viele fallen darauf herein. Ich auch. Bis mein Sohn Hannes eines Tages im Bundesarchiv in Berlin zwei Ordner mit den Bilanzen der J. Henschel GmbH findet, die dort nur deshalb aufbewahrt worden waren, weil die Nazis die UFA verstaatlicht hatten. Es stellte heraus, daß die Firma zu 100 % der UFA gehörte. James Henschel hatte mit der Gründung dieser Firma alle seine Anteile und auch die ihm gehörenden Grundstücke an die UFA verkauft.

Mit dem Erlös aus den verkauften Kinos kauft sich James Henschel 1919 – 14 Wohnhäuser mit über hundert Wohnungen und übersteht dadurch die Inflation von 1923 und die Weltwirtschaftskrise von 1929.

Das Ehepaar Henschel flüchtet 1938 aus Deutschland zunächst zur Tochter Bianca Kahn, geb. Henschel, nach Holland. Bianca Henschel hatte dort den portugiesischen Konsul Isidor Kahn geheiratet. James Henschel stirbt am 26. August 1939 im Alter von 76 Jahren in Den Haag. Nach seinem Tode gab der Reichsminister am 16. 09. 1939 im Reichsanzeiger bekannt, daß James und Friderika Henschel „ausgebürgert“ wurden. Sie waren nun keine Deutschen mehr.

Gleichzeitig wurde bekannt gegeben, das das gesamte inländische Vermögen von James und Friderika Henschel beschlagnahmt sei. Das darf als Hinweis darauf gelten, daß die Nazis auch gerne das ausländische Vermögen gehabt hätten. Friderika ist zu diesem Zeitpunkt 74 Jahre alt, als sie mit falschen Papieren über Portugal nach Mexiko entkommt.

James Henschel hat mit seinem Tode den Nazi Juristen noch eine Nase gemacht. Zwischen Gestapo, Oberfinanzpräsident und anderen deutschen Nazibehörden gibt es einen längeren Schriftwechsel in den Unterlagen, ob sie nicht den richtigen Zeitpunkt der Enteignung, bzw. der Ausbürgerung verpasst hätten. Auch die Grundstücke der J. Henschel GmbH konnten nicht mehr enteignet werden. Denn die hatte er bereits 1918 an „seine“ GmbH verkauft.

Der Enkel Horst Urich-Sass berichtete von seinem Vater Hermann Urich-Saß, der große Lust hatte, Kinos zu bauen. Immer wenn sein Vater mal zu aggressiv gebaut hatte und das Geld ausging, dann sind sie (Hugo Streit und Hermann Urich-Sass) nach Monte Carlo gefahren und James mußte mal mit Geld aushelfen, was er auch getan hat. Das Ehepaar Henschel hatte fünf Kinder:

Hanns Henschel ist der Älteste. Ich finde sein Grab auf dem jüdischen Friedhof in Ohlsdorf. Dort steht bei den Toten aus dem ersten Weltkrieg ein Stein: Unteroffizier Hanns Henschel geb. am 21. September 1893 – 5654. Gef. 31. Oktober 1916- 5677. Der Stein vermerkt: Inhaber des eisernen Kreuzes und des hanseatischen Kreuzes. Er ist 23 Jahre alt, als sein Vaterland ihm das Leben nimmt.

Hedwig Henschel wird am 4. Juni 1888 in Hamburg geboren. Mutter Friderika ist damals 22 Jahre alt. Vater Jeremias 25 Jahre alt. Sie heiratet Hermann Urich-Saß. (Henschel Film und Theaterkonzern) und stirbt am 24. Januar 1960 im Alter von 71 Jahren in Mexiko.

Sophie Henschel wird am 07. April 1889 in Hamburg geboren. Mutter Friderika ist 23 Jahre alt, der Vater James ist 26 Jahre alt. Sie heiratet Hugo Streit. (Henschel Film und Theaterkonzern), flüchtet im Dezember 1938 aus Deutschland und stirbt am 14. November 1968 im Alter von 79 Jahren in Belo Horizonte, Brasilien.

Bianca Henschel wird am 8. März 1890 in Hamburg geboren. Mutter Friderika ist 24 Jahre alt, Vater James ist 27 Jahre alt. Bianca heiratet am 5. Mai 1931 den portugiesischen Konsul Dr. Isidor Kahn in Den Haag und zieht nach Holland. Sie stirbt nach Kriegsende in Manhattan, New York.

Grethe (Gretl) Henschel. Ich finde ihr Geburtsdatum auf dem jüdischen Friedhof in Ohlsdorf. Geb. am 8. April 1895 in Hamburg. Gestorben am 4. August 1921. (5655-5681 steht auf dem Grabstein). Mutter Friderika ist bei ihrer Geburt 29 Jahre alt.

Gretl (wie sie auf dem Grabstein genannt wird) ist verheiratet mit Hermann Lissauer. geb. am 5. November 1893 in Hamburg. Gestorben am 29. August 1922. (5654-5682). Sie hat einen Sohn: Hans Adolf Lissauer, der am 08.01. 1920 in Hamburg geboren wird, in die USA flüchtet und sich dort Henry Anthony Lissauer nennt.

Die Suche in den Akten des Staatsarchives ist zeitaufwendig. Eigentlich nur Menschen möglich, die jede Menge Zeit und viel Geduld haben. In den Bestandsverzeichnissen des Oberfinanzpräsidenten (so nennt sich die Ausplünderungsbehörde in dieser Zeit) sind die Akten aufgelistet, die im Archiv vorhanden sind. In den ersten Jahren nach Namen sortiert, später nicht mehr.

Die Nummern der Akten werden in Bestelllisten eingetragen, die bis 11.30 Uhr abgegeben werden müssen. Ab 13.30 Uhr werden diese dann im Lesesaal bereit gestellt. Um 16.00 Uhr wird der Lesesaal geschlossen. 150 Minuten sind nicht viel Zeit, um dem Fleiß der nationalsozialistischen deutschen Beamten gerecht zu werden.

Und langsam, beim Sammeln der vielen neuen Informationen stellt sich heraus, daß der Film von 1994 nur die halbe Wahrheit war. Damals ging ich davon aus, daß von den 50.000 Sitzplätzen in Hamburger Kinos ungefähr 30 % im Besitz von Menschen waren, die von den Nazis als Juden bezeichnet wurden und die sich selbst doch nur als Deutsche- als Hamburger- bezeichneten. (Zum Vergleich hatte Hamburg 1990 ca. 12.000 Sitzplätze in Kinos zur Verfügung).

Die neuen Tatsachen zeigen: Wenn jemand zwischen 1933 und 1945 in Hamburg Kinobesitzer geworden ist, dann nur durch die Enteignung, die die deutschen Nazis durchgeführt haben. Von den 50.000 Sitzplätzen, die 1930 in Hamburg vorhanden waren, wechselten 30.000 den Besitzer, wenn man es denn so ausdrücken will.

Der Tarnausdruck der Nazis heisst „arisieren“. Sie hatten auch noch andere Tarnausdrücke, die viele Menschen heute nicht mehr kennen: Für Mord hatten sie den Tarnausdruck „Sonderbehandlung“, um nur ein Beispiel zu nennen.

Geld ist bei dieser Enteignung keins geflossen, jedenfalls nicht an die, denen es zugestanden hätte. Und noch in dritter Generation halten die Enkel die Legenden von damals aufrecht: Die Schümanns, die Romahns, die Adams, die Meiningers, die Esslens, die Heisigs und wie die neuen Kinobesitzer von Führers Gnaden in Hamburg alle hießen. Und noch eine Information ist wichtig zum Verständnis. Würde ich heute meine Suche nach den „Verschwundenen Kinobesitzern“ von damals beginnen, dann würden 75.000 DM nicht einmal ausreichen, die Fotokopierkosten zu bezahlen, die laut Gebührenordnung des Hamburger Senats und anderer Bundesbehörden (Bundesarchiv) dafür fällig würden.

Die Archive sind inzwischen zu uneinnehmbaren Endlagern geworden. Das bettet sich nahtlos in die Schweigepolitik der Bundesrepublik ein. Nach heutigem Kurs sind meine zehn mit Dokumenten gefüllten Leitz Aktenordner inzwischen ein kleines Vermögen wert. Jede Din A 4 Kopie würde mit 0,60 € laut Gebührenordnung berechnet werden (inkl. Mehrwertsteuer). Mehrwertsteuer für die Ausplünderungsakten der deutschen Verwaltung?

Für jede Melderegisterauskunft werden in Hamburg 22,00 € fällig. Wer den Wohnsitz des Mannes herausfinden will, der in Hamburg die Kinobesitzer enteignet hat, dem kann es passieren (ich kenne das), dass sowohl die Gemeinde Blankenese, als auch die Gemeinde Kampen auf Sylt sich über mehrere Jahre weigern, eine Melderegisterauskunft zu geben und das obwohl Kampen auf Sylt am 31. 12. 2008 nur insgesamt 601 Einwohner hatte.

Dort hat sich Richard Franz Wilhem Adam, geb. am 30.09. 1893 in Hamburg Altona bis zu seinem Todestag am 26. November 1967 aufgehalten. Gegen ihn wurde niemals ermittelt.

Paradieschen
Alte Postkarte Lerchenweg 5 Kampen auf Sylt, Wohnsitz von Richard Adam bis zu seinem Tode (Villa Paradieschen)

Seinen letzten Wohnsitz erfahre 2005 bei Einsicht in eine sog. „Wiedergutmachungsakte“. Darin ist ein Brief enthalten, den er aus Kampen (Sylt) an das Hamburger Landgericht schreibt. Gerne tritt er als Zeuge auf, aber die Fahrt nach Hamburg kostet 54,20 DM. Das Geld möge man ihm bitte vorher schicken. Nur vier Personen aus dieser Kinobesitzerfamilie konnten in Deutschland bleiben. Sie liegen auf dem Jüdischen Friedhof in Hamburg Ohlsdorf. Sie starben vor der Zeit. Und einer von Ihnen hat sich das Leben genommen, als Hitler die Macht übergeben wurde. Nur dieser Stein konnte die Brücken zu den Überlebenden im Ausland finden. Und das ist das eigentlich Erschreckende.

Jens Meyer Hamburg, d. 14. Mai 2026

Apropos Ernst Henning

PDF Apropos Ernst Henning (II) (Zeichen 6.837)

Oortkatenweg
Oortkatenweg. Foto Jens Meyer
Motorrad
Ernst Henning (Foto Archiv Dreckmann)
Creative commons.org
cc
Tier Nilpferd
Zeichnung Helga Bachmann

Briefe an Eugen (LI-51) Verfranzt

Römische Zahlen

Hallo Eugen, jetzt kaufst Du keine Thueringer Wurst mehr? Wegen dem Wahlergebnis von gestern? Na ich weiß ja nicht. Ob das die richtige Strategie ist? Die Mauer, der antifaschistische Schutzwall, war ja auch keine so gute Idee, letztlich. Und nur wegen eines Wahlergebnisses gleich zum Vegetarier werden? Das hat schon Lubitsch herausgefunden, das das nicht funktioniert. Schließlich hat er den Hitler Schauspieler Bronski vor dem Schlachterladen von Maslowski in Prag fotografiert. Aber dieses Prag war natuerlich in Hollywood. Eine Drehgenehmigung fuer Prag haette die Besatzungsmacht, also wir, sicherlich nicht erteilt.

Mordsache Dünner Mann
1924
Foto Rudolf Heinrich Meyer

Salzbrenner

PDf Briefe an Eugen (8.156) (LI) Verfranzt

Hallo Eugen, Maslowskis Wurstladen war gar nicht in Prag? War in Warschau? Und aus dem off ertoent die Stimme »Wir sind hier offensichtlich in Polen?«. Magst Recht haben. Aber die Kulissen waren in Hollywood. Und nun kommst wieder Du, J.

Lothar Danner und der Hamburger Aufstand.

Hallo Eugen, das mit den Thueringer Wuersten, die man nicht mehr kaufen soll, wegen des verheerenden Wahlergebnisses am Sonnntag in Thueringen, hat mir keine Ruhe gelassen. Und deswegen meine Recherche bei der Firma Salzbrenner in der Lagerstraße. Thueringer Wuerste werden hier schon lange nicht mehr verkauft, sagt Frau Trovo, die Verkaeuferin. Krakauer schon. Aber die sind nicht nach dem beruehmten Autor des Buches von »Caligari bis Hitler« sondern nach der Stadt benannt, in der das Rezept fuer diese Wuerste erfunden wurde. Un nun kommst wieder duu, J.

pdf Thueringer Wuerste

Hallo Eugen, vermutlich wurde in Thueringen nix erfunden und deswegen wird auch der Name nicht mehr benutzt. Die heißen jetzt nur noch »Grillbratwuerste«. Die Recherchekosten (siehe Anlage) betragen 35,01 € (inkl. Steuer). Wie man an dem Beleg erkennt, heißen die anderen Wuerste auch nicht mehr »Wiener«. Obwohl, den Namen gibt es noch. Dafuer muß aber erst eine weitere Recherche erfolgen und finanziert werden, J.

Hallo Eugen, die Zeugin meiner Aussage ist, wie Du dem Beleg entnehmen kannst, die Frau Trovo, mit Vornamen P., die ist schon in dem Laden seit mindestens 30 Jahren, als ich dort zum ersten Mal Wuerstchen, damals auch noch Thueringer Wuerste, gekauft habe, J.

Aufstand
Aus der Bergedorfer Zeitung
Zeichnung Helga Bachmann

Briefe an Eugen (II-2) Bergedorf

Hallo Eugen, hier nur ein Zeitungsausschnitt, den ich heute im Netz gefunden hab. Du wirst nicht glauben in welcher Zeitung.

Aufstand
Bergedorfer Zeitung am 23.10.1923, Seite 3
Nilpferd
Zeichnung Helga Bachmann

Drei oder vier Dinge, die ich von ihnen weiss

PDF  Drei oder vier Dinge, die ich von ihnen weiß 2 (Zeichen19.825)

Wentorferstrasse 19-21

Meine Mutter:

Annelise, Maria, Elsa Meyer, geb. Hirte geboren am 27. Oktober 1904, gestorben am 20. Oktober 1987. Letzte Wohnanschrift: Hütten/Ecke Peterstrasse.

Mein Vater:

Rudolf Heinrich Meyer, geboren am 24. Januar 1904 in Hamburg Bergedorf, gestorben am 27. August 1979 in Hamburg. Letzte Wohnanschrift: Dorotheenstr. 184 a in 2000 Hamburg 39, Winterhude.

Meine Oma (1) (die Mutter von Annelise): Dora, Charlotta, Amalie Hirte geb. Eikens, geb. am 19. Juli 1862 in Hannover, gest. am 10. Mai 1907 an den Folgen eines Unfalls in Hamburg. Letzte Wohnanschrift: Steinstrassen Passage 1, Nummer 29, Haus 8.

Mein Opa (1) (der Vater von Annelise): Eduard, Ernst, Hermann Hirte, geb. am 12. Mai 1861 in Hannover. Gest. am 16. August 1934 in Hamburg. Von Beruf: Maurer. Später Maurermeister. Noch später: Architekt. Letzte Wohnanschrift: Bethesdastrasse 36 (Hamburg Borgfelde). (Die Angaben stammen aus den Adressbüchern von Hamburg).

Das Ehepaar Hirte hatte zehn Kinder.

Foto 1905 Familie Hirte (Im Kinderwagen Annelise)

Meine Mutter: Annelise, Maria, Else Hirte war die jüngste Tochter der Familie Hirte. Die älteste Tochter hieß Maria, Anna, Sofie, Louise Hirte. (Annelise ist das Kind im Kinderwagen. Aufnahme 1905. Die anderen vier Kinder sind bereits älter)

(Viele Kinder, viele Vornamen). Maria ist am 30. Januar 1884 geboren, gestorben am 03. Januar 1974.

Steinwegpassage Ecke Alter Steinweg. Im Keller der Cotton Club.

Die Namen der restlichen Hirte Kinder und die Reihenfolge ihres Erscheinens sind unsicher. Nur eine zehn Jahre ältere Schwester ist sicher. Sie hat nur zwei Vornamen: Leoni, Dorothea Hirte ist geboren am 10. Januar 1894 und gestorben am 28. Juli 1943 um 1.00 Uhr und 40 Minuten in Hamburg, „daselbst in Folge Fliegerangriffe gefallen.“ wie ich der Todesurkunde entnehmen konnte.

Letzte Wohnanschrift von Leonie Eikens, geb. Hirte: Eiffestrasse 505.

Zwei Söhne von ihr habe ich noch kennengelernt: Ihren Sohn Wolfgang (Wölfi) Eikens und seinen Bruder Karl Hermann Eikens. Wölfi war gerade 17 geworden und machte eine Lehre zum Autoschlosser, als ihn 1942 der Führer nach Russland schickte. Als seine Mutter 1943 “in ihrer Wohnung gegrillt wurde“, wie Wölfi sich auszudrücken pflegte, “sind mir bei Stalingrad die Füße abgefroren“ (Seine Füße hatten eine ganz glatte Haut). Der Führer hatte vergessen, seinen Kindersoldaten (volljährig wurde man erst mit 21 Jahren) Winterkleidung mitzugeben. Hatte sich was mit Blitzkrieg.

Die Kindheit meiner Mutter Annelise war schwierig. Wie schwierig, hat sie ihren Kindern oder Enkelkindern nie erzählt. Ihre Mutter war schwanger und ist beim Gardinenaufhängen in der Wohnung von der Leiter gefallen. Sie hatte eine Fehlgeburt. Sie soll im Krankenhaus verblutet sein. Annelise ist zwei Jahre alt, als ihre Mutter stirbt. Ihr Vater, mein Opa, war ein Hallodri. Darunter konnte ich mir als Kind nichts vorstellen. Was sie damit meinte, erfuhren wir erst viel, viel später. Es stellte sich heraus, dass mein Opa (1) (ihr Vater) schon lange eine Geliebte hatte, der er erzählt hatte, er habe drei volljährige Kinder. Das Gegenteil ist der Fall. Sieben seiner Kinder sind unter 21 Jahre alt, als seine Frau von der Leiter fällt. Die älteste Schwester von Annelise, Maria Else Hirte, ist bei dem Tod der Mutter dreiundzwanzig Jahre alt. Wir nannten sie Tante Ria. Tante Ria hat ihrem Enkel erzählt, dass die Familie Hirte oft umgezogen ist. Damals gab es das Ritual, dass neue Häuser zunächst von armen Familien “trocken gewohnt wurden“. Hermann war Maurer.

Immer, wenn ein Haus fertig war, zog die Familie in eine dieser feuchten Wohnungen zum “Trocken wohnen.“ Die Trocken-Wohn-Miete war günstig. Wenn die Wohnung nach zwölf Monaten trocken war, zogen sie in die nächste Feucht-Wohnung um. Als meine Mutter 1904 geboren wurde, wohnte die Familie Hirte in der Steinstraße 129. Die Anschrift führt leicht zur Verwirrung. Es gibt sie nicht, die Steinstraße 129. Vielmehr handelt es sich um die Strasse: Steinstrassenpassage Nr. 1, Haus Nummer 29, im Hinterhof Haus 8. Die Steinstrassen Passage ist heute an der selben Stelle wie 1904. In der Nähe vom Großneumarkt.

Steinwegpassage/ Ecke Alter Steinweg (Foto von 2020)

Das Vorderhaus Nummer eins steht noch. Die Hinterhäuser sind bombardiert oder abgerissen worden. Als Annelise 1904 geboren wird, wohnt Familie Hirte die Wohnung im ersten Stock “trocken“. Berufsangabe von Hermann Hirte im Adressbuch: “Mauermeister“. 1909 wird eine andere Wohnung “trocken“ gewohnt: In der Barmbeckerstr. 191. Ein Neubau, dicht am Winterhuder Marktplatz.

Opa (1) Hermann gibt die kleinen Hirte Kinder in Pflegefamilien. Annelise ist die jüngste. Dort geht es ihr nicht gut. Die Pflegefamilien nehmen die Kinder nur, weil sie das Geld, das dafür gezahlt wird, dringend brauchen. Die Kinder finanzieren den armen Familien den Lebensunterhalt.

Am 30. März 1912 heiratet Annelises Vater wieder und zieht in die neue Wohnung Eilbecker Weg 204. Die Auserwählte heißt Auguste Bieling. Als Auguste Bieling – Auguste Hirte – wird, ist sie ein Jahr und einen Monat jünger als Hermanns älteste Tochter Maria. Auguste Bieling ist am 23. Februar 1883 geboren. Maria Hirte ist am 30. Januar 1884 geboren. In der neuen Ehe werden von 1912-1920 vier weitere Kinder gezeugt. 1913 zieht die Familie Hirte (die Zusammensetzung dieser Familie ist unklar) in die neue (feuchte) Wohnung in der Himmelstrasse 26. Ob Annelise in dieser Zeit Kontakt zu ihrem Vater hatte, blieb ihr Geheimnis.

Sie spricht darüber nie. Auch zu den Enkelkindern kein Wort. Es scheint so, als sei der Kontakt abgebrochen oder gar nicht erst entstanden. Auch Tante Ria verliert kein Wort darüber.

Maria Hirte ist Verkäuferin in einem Schokoladengeschäft. 1910 gibt es das Chocoladengeschäft von Reese & Wichmann am Jungfernstieg 12. Das wäre so eine Möglichkeit. Passend in der Hamburger Innenstadt. Da gibt es einen jungen Mann, der sehr oft Chocolade kauft. Maria merkt bald, der Mann kommt gar nicht wegen der Schokolade, sondern wegen ihr. So viel Schokolade kann ein Mensch alleine gar nicht essen.

Der Mann heisst Otto Averdieck. Otto ist Rechtsanwalt. Seine Kanzlei betreibt er in der Mönckebergstrasse 18. Fleißig ist er auch. Die Sprechzeiten seiner Kanzlei sind im Adressbuch angegeben. Werktags von 9.00 bis 5.00 Uhr und Sonntags von 9.00 – 2.00 Uhr.

Ob es Liebe auf den ersten Blick ist und bei wem, ist nicht überliefert. Otto ist am 16. Februar 1881 geboren und wohnt in einer Wohnung in dem Haus seiner Eltern in der Bassinstrasse 12 in Uhlenhorst. 1912 verkaufen die Eltern das Haus in der Bassinstrasse 12, um eines in der Petkumstrasse 17 zu kaufen. Das ist eine Ecke weiter. Das Haus gibt es nicht mehr. Es wurde im Krieg zerstört. (nicht im ersten, sondern im zweiten)

Als im August 1914 der Erste Weltkrieg beginnt, den man erst nach dem Beginn des zweiten Weltkrieges nummeriert, ist Otto 33 Jahre alt. Otto ist kriegsbegeistert wie alle anderen. Seine Eltern leben ihren Standesdünkel. Sie halten sich für etwas Besseres und sind gegen die Verbindung ihres Sohnes mit Maria Hirte. Sie ist ja nur die Tochter eines Maurermeisters.

Otto ist das offensichtlich Wumpe.

1916 ist Maria Hirte schwanger und Otto überlässt ihr seine Wohnung in der Petkumstrasse 17, während er in Frankreich fleißig Franzosen abschießt. Seine Eltern, denen das Haus in der Petkumstrasse 17 gehört, wohnen im selben Haus. Jeden Tag wird Maria von ihnen daran erinnert, das der Sohn etwas Besseres, als die Tochter eines Maurers verdient hätte.

Am 8. April 1916 wird Otto, Leonhard geboren. Wie alle unehelichen Kinder erhält das Kind den Nachnamen der Mutter: Hirte. Selbst der Bruder, Rudolf Averdieck, der am 21. März 1920 geboren wird, weiß davon lange Zeit nichts. Der kleine Otto erhält den Nachnamen Averdieck erst, nachdem das Paar 1918 offiziell beim Standesamt geheiratet hat.

Meine Mutter – Annelise – ist dreizehn Jahre alt, als ihre Schwester Maria sie zu sich nach Hause holt. Bis 1926 wohnen die Averdiecks in der Allee 239 in Altona. In der Strasse Allee 239 steht ein hässlicher schwarzer Kasten, in dem sie ihre erste Wohnung hatten, erzählt Tante Ria ihrem Enkel Ulrich Graumann, und der erzählt es mir nach ihrem Tod am 30.01.1974- Jahrzehnte später.

1980 bekommt die Strasse Allee einen neuen Vor- und Nachnamen und heisst jetzt Max Brauer Allee. Die Max-Brauer-Allee wird bis zum Altonaer Rathaus verlängert. Sicher ein Grund, warum ich den hässlichen schwarzen Kasten in der Max Brauer Allee nicht gefunden habe. Tante Ria meidet nach dem 2. Krieg die Viertel, in denen sie früher einmal gewohnt hatte. Vor allem, weil sie nichts mehr wiedererkennt, wie sie mir erzählt hatte. Es ist alles anders, als es früher einmal war. Nur Bergedorf ist irgendwie gleich geblieben.

Stolz berichten Erwachsene uns Kindern, das in Bergedorf nur eine einzige Bombe gefallen ist. Einige glauben sogar zu wissen, dass es so ist, weil in Bergedorf das Eisenwerk – Bergedorfer Eisenwerk – einem schwedischen Besitzer gehört. Und mit den Schweden möchten es sich weder die Engländer noch die Amerikaner verderben, so behaupten die Erwachsenen.

Jedenfalls taucht mein Opa (1) Hermann ab und niemand hat Kontakt mit ihm. In der Familiengeschichte ist er wie ein schwarzer Fleck, den man am liebsten wegradieren würde. Gäbe es doch einen Opa Radierer, man würde ihn sofort nutzen. Manchmal ist er, wenn sein Name überhaupt genannt wird, nur Opa (1) -das Schwein- . Ein bisschen Neid ist bei den Männern auch dabei. Dass eine 23 jährige Frau sich mit einem 45 jährigen, einem uralten Mann, einlässt.

1927 zieht die Familie Otto Averdieck nach Bergedorf, wo sie im Schlebuschweg 28 ein Haus gekauft haben. Im Grundbuch eingetragen ist Averdieck, Otto. Zwei Jahre wohnt auch meine andere Oma (2), Marie Meyer, in diesem Haus im Schlebuschweg 28. Ein Haus mit drei Stockwerken, in dem vier Familien und einige Einzelpersonen wohnen. Das Haus hat die Jahrzehnte überstanden. Eine der ausgebombten Familien, die hier zwangsweise untergebracht wurde, will nach dem Krieg gar nicht wieder ausziehen. Aber kein Problem. Otto ist Anwalt.

Im obersten Geschoss, in der Mansarde im Dach, wohnte in einem Zimmer noch eine Schwester meiner Mutter. Wir nannten sie Tante Buddy. Sie verließ selten das Bett. Und wenn, dann nur um neue Zeitschriften zu kaufen. Den Eindruck hatte ich. Die neuen Zeitschriften mochten alle Jungs gern. Eine hieß Praline. Die erinnere ich noch. Dort wurden Frauen abgebildet, meist wenig bekleidet. Manchmal konnte man auf halb verdeckte Busen gucken. Ich erinnere noch, dass es immer etwas streng in ihrem Zimmer roch. Das mag daran gelegen haben, dass das Zimmer im Dachgeschoss keinen Wasseranschluss hatte. Tante Buddy hatte nur eine Schüssel, in der sie sich waschen konnte. Aber wegen der vielen Vorteile hat uns Kinder das nicht weiter gestört. Es ging immer die Legende, dass sie einen Mann geheiratet hätte, der ziemlich früh im ersten Weltkrieg gefallen war und um den sie immer noch trauerte. Vermutlich ist die Geschichte ganz anders gewesen. Vielleicht hat er auch nur die Flucht vor ihr ergriffen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich sie jemals auf der Straße getroffen habe.

Tante Ria hat mir oft fünf Mark Stücke als Taschengeld zugesteckt. Sie sprach dann immer von einem Taler. Sie hatte auch ganz viele verschiedene Münzen aus der Vergangenheit, die alle nichts mehr wert waren. Ich habe sie oft sortiert. Nach Größen, nach aufgedruckten Werten, nach eingeprägten Jahreszahlen. Sie hatte auch ein Grammophon, mit dem man mit Stahlnadeln die Schellack Platten abspielen konnte, die leicht zerbrachen. Zum Glück ist mir keine zerbrochen. Um das Haus herum war ein kleiner Garten, in dem wir oft Versteck gespielt haben. Onkel Otto, wie wir ihn nannten, war im Vorstand des Bergedorfer Briefmarkenvereins. In der Vergangenheit wusste er gut Bescheid. Er war der einzige Erwachsene, den ich kannte, der sich dazu bekannte, dass er früher, in der Nazizeit selber Nazi gewesen war.

Mein Vater.

Milchhändler Richard Schultz

Die Geschichte dieses Familienzweigs beginnt mit den Eltern meiner Oma (2) Meyer. Meine Oma (2) ist die Tochter von Paul und Margarethe Schumacher, die in Bergedorf in der Wentorferstrasse 19 wohnten. Das Haus gibt es noch. Ich habe ein Foto davon. Es ist ein kleines Haus. Eine Art Doppelhaushälfte mit zwei Eingängen. Wentorferstrasse 19 und 21. Wann der Vater von meiner Oma (2), Paul Schumacher, geboren ist, weiß ich nicht. Auch der Mädchenname von Margarethe Schumacher, meiner Uroma, und ihr Geburtsdatum ist mir unbekannt. Von Beruf ist mein Uropa, Paul Schumacher, Fuhrmann. Im Adressbuch steht, dass er 1875 in das Haus in der Wentorferstrasse 19 eingezogen ist. Dort wohnte er bis zu seinem Tode 1914. Wann er Margarete, seine Frau, kennenlernt hat, ist nicht bekannt. Nach der Heirat zieht sie bei ihm ein. Sie bekommen eine Tochter und nennen sie Marie.

Marie bleibt ein Einzelkind. Irgendwann lernt meine Oma Marie (2) meinen Opa Heinrich Meyer kennen. Der Opa war ein Fan von August Bebel, erzählt mir die Oma später. Zu dem Gespräch mit meiner Oma über August Bebel kommt es, weil sie selbst 1957 in dieser Strasse August Bebelstrasse Nr. 25 wohnt. Ich bin elf Jahre alt und interessiere mich nicht die Bohne für den Held eines Opas, den ich noch nie gesehen habe. 2020 bin ich für die Neugier alt genug und suche die Spuren dieses Opas. Unsicher. Nur eine zehn Jahre ältere Schwester ist sicher. Nachtrag: Gefunden die Daten von Oma und Opa Zwei: Opa (2), Heinrich Meyer (Opa) geboren am 15. Oktober 1867, gestorben am 21. Juni 1930, im Hamburg. Heinrich Meyer wird 62 Jahre alt. Oma (2), Marie Meyer, geb. Schumacher. geboren am 17. September 1877, gestorben am 21. Januar 1958, in Hamburg. Marie Meyer wird 80 Jahre alt.

Die erste Spur finde ich im Adressbuch von Bergedorf für das Jahr 1889. Der Eintrag lautet: Meyer, J. H. H., von Beruf: Arb., was vermutlich Arbeiter heisst. Von 1890 -1895 ist der Eintrag gleich: Meyer, J. H. H., Bleichertwiete 16, Postbote. Von 1911 an ist im Adressbuch eingetragen: Meyer, H. Postschaffner. Opa Heinrich steigt auf. 1914 zum Oberpostschaffner. Von 1922 bis 1929 ist er “Post-Betr.–Assist“, so lautet die Abkürzung im Bergedorfer Adressbuch. 1929 beendet er seine Karriere bei der Post. Ein Beamter im Ruhestand.

Mein Vater wird 1904 geboren. Sie nennen ihn Rudolf Heinrich. Auch Rudolf bleibt, wie seine Mutter ein Einzelkind. Bis 1910 wohnt Familie Meyer in Bergedorf in der Bleichertwiete 16. 1911 ziehen sie in den Kirchhofsweg Nr. 4. Rudolf ist jetzt ein Schulkind. Der Neubau der Schule Spieringstrasse 1, der ganz in der Nähe ist, wurde 1910 eröffnet. Schon möglich, dass Rudolf in die gleiche Schule gegangen ist, die auch ich später (ab 1953) besuche. Ich habe ihn nicht gefragt.

Schumacher und Schultz
Wentorferstraße 19 – 21. v.l.n.r. Paul Schumacher, Fuhrmann, Margarethe Schumacher, Johanna Schultz, Richard Schultz, Milchhändler, Vater von Richard Schultz . 1918 (?)

Als die Mutter meiner Oma, Margarethe Schumacher, 1922 stirbt, zieht Familie Meyer in das Haus in der Wentorferstrasse 19 ein. Das Haus Nr. 19 ist zwischenzeitlich an den Milchhändler von nebenan verkauft worden und gehört nun der Witwe des Milchhändlers Richard Schultz, Johanna Schultz, die in Nummer 21 wohnt.

Rudolf ist jetzt 17 Jahre alt. Volljährig wird man in dieser Zeit mit 21 Jahren. 1930 stirbt mein Opa Heinrich. Meine Oma ist nun die Witwe eines Beamten und der Eintrag im Adressbuch lautet 1931: Meyer, Wwe. Marie, Bergedorf, Wentorferstrasse 19. Bis 1935 wohnt meine Oma mit ihrem Sohn Rudolf in der Wentorferstrasse 19.

In dieser Zeit freundet sich mein Vater mit Walther Kellinghusen an. Einem Photograph, der zwei Häuser weiter, in der Wentorferstrasse 23 wohnt. Walther hat das Hobby meines Vaters, die Photographie, zu seinem Beruf gemacht. Gemeinsam üben sie sich in Porträt- und Landschaftsphotographie.

Der Vater von Walther ist Rechtsanwalt und Notar. Die Kellinghusens sind eine große Familie und wohnen seit 1886 in diesem Haus. In dem Nachlass meiner Eltern finde ich Aufnahmen beider Photographen. Sie fotografieren auf Filmen und auf Glasplatten. Die Glasplattenkameras haben die Formate 9 x 12 und 13 x 18. Auch Rudolf bestreitet seinen Lebensunterhalt mit Auftragsarbeiten und fertigt Porträts von jungen Frauen und Männern an. Bewerbungsfotos gehören auch dazu. Seine Mutter dringt darauf, das Rudolf noch einen “anständigen“ Beruf lernen soll. Das ist 1920 nicht ganz einfach.

Eine Lehrstelle bei einem Gewürzimporteur wird angeboten. Apkar Dilsizian, Import und Export GmbH. Sein Büro ist gegenüber dem Freihafen, Hohe Brücke 4, Handelsspanisch und Stenografie sind Voraussetzung für eine Einstellung. Rudolf behauptet beides zu können, was keiner überprüft und drei Monate später kann er anfangen. Die Zwischenzeit nutzt er, sich die geforderten Fähigkeiten anzueignen. Damit kommt er durch. Rudolf verdient 1921 sein erstes Geld und trägt das Gehalt in ein kleines DIN A 5 Büchlein ein. Im August 1923 ist er Millionär, im September Miliardär und in November 1923 bekommt er für den ganzen Monat Arbeit 12,50. Die Währung nennt sich Rentenmark. Bald kann er ein Foto aus dem Bürofenster, Hohe Brücke Nr. 4 machen.

Haus daneben: Hohe Brücke Nr. 1 (Foto vom Oktober 2020)
Blick aus dem Bürofenster Hohe Brücke Nr. 4 (Das Haus gibt es nicht mehr.)
links mein Vater Rudolf Meyer. Die anderen Personen sind mir nicht bekannt.

Am 5. Juni 1935 heiraten meine Eltern. Der Standesbeamte überreicht als Geschenk das Buch “Mein Kampf“ von Adolf Hitler. Die erste gemeinsame Wohnung meiner Eltern ist in der Wentorferstrasse 84. Die Wohnung hat Zentral Heizung, was offenbar so wichtig ist, dass es in Adressbüchern eingetragen wird.

1936 wird der Freund meines Vaters, der Photograph Walther Kellinghusen, verhaftet und kommt in die Untersuchungshaft ins Bergedorfer Gefängnis. Der Vorwurf lautet, er habe gegen den § 175 verstoßen.

Annelise ist schwanger. In Bergedorf in der Brauerstrasse 163 entsteht ein Neubau. Bei der Belegung des Neubaus werden Parteigenossen der NSDAP bevorzugt behandelt. Mein Vater wird Parteigenosse und erhält den Zuschlag. Eine Wohnung zum “Trocken Wohnen“ in der Brauerstrasse 163. Annelise kennt das schon. Hat sie doch ihre Kindheit mit dem “Trocken Wohnen“ verbracht. Am 11. August 1937 bringt Annelise meine Schwester Roswitha zur Welt. Im Elim. In Eimsbüttel. Vierzig Autominuten von der Brauerstrasse entfernt.

1945, beim Einmarsch der Engländer, verschwindet das Hochzeitsgeschenk des Standesbeamten im Heizungskessel im Glindersweg 47. Gottseidank gibt es keinen Koks im Mai 1945. Bis auf einen kleinen Wasserschaden, der den Buchrücken aufgelöst hat, ist dem Buch weiter nichts passiert.

Meine Schwester berichtete mir später, unsere Mutter hatte ihr erzählt, der Vater von Walther, der ein angesehener Rechtsanwalt in Bergedorf gewesen sei, habe seinen Sohn Walther Kellinghusen im Gefängnis besucht und ihm ein Handtuch oder ein Tuch gebracht. Dieses Tuch sei eine Art Code gewesen. Das Signal dafür, das man Walther nicht helfen könne. Darauf hin hat sich Walther im Gefängnis das Leben genommen.

Die Geschichte geisterte seit Jahren durch unsere Familie. Es wurde aber niemals geklärt, ob es tatsächlich so passiert ist. Auffällig ist, das mein Vater ein Reihe von Fotos aufgehoben hat, die von Walther Kellinghusen hergestellt worden sind oder ihn abbilden. So sind diese Aufnahmen nach dem Tode meiner Eltern in meinen Besitz gekommen.

Erst vor einigen Jahren habe ich mit der Recherchen zu Walther Kellinghusen begonnen. Ich stellte ich fest. Es ist noch viel schlimmer, als bisher bekannt. Im Staatsarchiv finde ich einen Mitarbeiter, der sich speziell mit der Verfolgung der Schwulen in Hamburg jahrelang beschäftigt hat. Uwe Bollmann. Zusammen mit einem Kollegen hatte er Reihe von Veröffentlichungen gemacht. Auch die beiden Fälle Kellinghusen haben sie bearbeitet. Der Fall Walther Kellinghusen, der sich im Bergedorfer Gefängnis das Leben genommen hat. Und der Fall seines siebzehn Jahre älteren Bruders Hans-Adolf Kellinghusen, der 1933 zum Professor und stellvertretender Direktor des Staatsarchives ernannt wurde.

Lange sinne ich darüber nach, warum meine Eltern, warum mein Vater nach dem Tode seines Freundes Walther Kellinghusen niemals mehr Kontakt mit einem Familienangehörigen der Kellinghusens aufgenommen hat. Schließlich haben wir bis 1963 in Bergedorf im Glindersweg 47 gewohnt. Ich komme zu keinem Ergebnis. Aber zu einer Entscheidung.

Walther Kellinghusen ist es wert, dass man über seine Person stolpert, so wie ich über ihn gestolpert bin. Ich nehme Kontakt mit Peter Hess auf. Es soll ein Stolperstein für Walther Kellinghusen werden. Verlegt an seiner letzten Wohnanschrift in der Wentorferstrasse 23.

Auf der Suche nach Angehörigen von Walther Kellinghusen ist Peter Hess erfolgreicher als ich. Ich hatte es telefonisch probiert, ohne Erfolg. Kein Verwandter dabei, der mit Walther verwandt war oder von seiner Geschichte wusste. Peter Hess hat es mit kleinen Zetteln an den Bäumen in der Wentorferstrasse in Bergedorf versucht. Er hat einen Kellinghusen gefunden und mir seine Telefonnummer gegeben.

Walther Kellinghusen Fotograf Das Foto hat Rudolf Heinrich Meyer von ihm gemacht.
Hans Adolf Kellinghusen Das Foto hat sein Bruder Walther Kellinghusen gemacht

Ich habe dann anschließend dreißig Minuten mit diesem Kellinghusen telefoniert. Er ist Jahrgang 1937. Die Villa des Vaters hat er nach dem Krieg abreißen lassen und auf dem Grundstück, das bis zur Strasse Am Baum 8 reicht, neu gebaut. Ein großes Grundstück. Das Haus in der Mitte. Weg von der lauten Wentorferstrasse.

Nach diesem Telefonat habe ich endlich verstanden, warum meine Eltern mit dem Rest der Familie Kellinghusen nach dem Tode von Walther nichts mehr zu tun haben wollten. Merkwürdige Formulierungen lassen mich stutzen. Hinterher denke ich: Wenn dieser Kellinghusen könnte, wie er wollte, aber das kann er nicht, dann würde er diesen Stolperstein verhindern. Er spricht von der Schande, die Walther über die Familie gebracht hat. Sprachlosigkeit überfällt mich. Ein Blick in den Kalender macht die Sache nur noch schlimmer. Die Gefängnisakten sind inzwischen vernichtet.

PDF Walther Kellinghusen Zelle 5

Es steht zu vermuten, dass die Vernichtung dieser Akten dem älteren Bruder, der 1933 zu stellvertretenden Direktor und Professor des Staatsarchives ernannt wurde, Hans-Adolf Kellinghusen sehr gelegen kam, wenn er die Vernichtung der Akten nicht selber initiiert hat, was zu vermuten ist. Einen Satz sollte ich vielleicht noch einmal wiederholen: Hans-Adolf Kellinghusen, war 1915 “Hilfsarbeiter im Staatsarchiv“ (Eintrag im Hamburger Adressbuch), 1932 Archivrat im Staatsarchiv und wurde im Jahre der Machtübernahme zum Professor und stellvertretenden Direktor des Staatsarchives ernannt. 1979 starb mein Papa. Er wurde 75 Jahre alt. 1987 starb meine Mama. Sie wurde 83 Jahre alt.

Gojenberg
Heinrich Meyer (Mein Opa) auf dem Gojenberg.
Heinrich Meyer geb. 15. Oktober 1867, gest. 21. Juni 1930, Fotografiert von Rudolf Heinrich Meyer
Tiere sehen Dich an (1)

Hamburg, d. 15. Dezember 2023

Hans-Adolf Kellinghusen (Ein Bruder des Photographen Walter Kellinghusen)

Walther Kellinghusen photographiert von Rudolf Heinrich Meyer
Archivrat Hans Adolf Kellinghusen, fotografiert von seinem Bruder Walther Kellinghusen.

Die Landeszentrale für politische Bildung schreibt über: Hans-Adolf Kellinghusen: „Hans Kellinghusen (1885 Bergedorf – 1971) 1908 Promotion zum Dr. phil. 1928 Archivrat, ab 1937 Mitglied der NSDAP, von 1948 bis 1951, Leiter des Hamburger Staatsarchivs, Roonstraße 7 in Hamburg Bergedorf (Privatadresse). Diese Straße gibt es heute nicht mehr. Jürgen Sielemann schreibt über Hans Kellinghusen: „ Seine Schreiben aus der NS-Zeit charakterisieren ihn als willigen und hartnäckigen Bürokraten der Rassenideologie, und dies auch im Dienst der mörderischen sogenannten Erbgesundheits-forschung. ‚Der gesamte Schriftverkehr mit parteiamtlichen Stellen vollzog sich […] völlig reibungslos‘, schrieb Kellinghusen 1935 und betonte die vielfältigen Beziehungen zum Sachverständigen für Rasseforschung beim Reichsminister des Innern und die umfangreiche Auskunftstätigkeit für den berüchtigten Fanatiker Dr. Wilhelm Holzmann vom Hamburger Amt für Rasseforschung. Für die Zukunft verkündete Kellinghusen 1935 das Folgende: ‚Der Erbgesundheitsforschung wird das Staatsarchiv ein ganz großes und reiches Material zur Verfügung stellen können. […] Die Ausnutzung dieses Materials für die Erbgesundheitsforschung steht erst in den Anfängen.‘(…)

In Kellinghusens Entnazifizierungsverfahren kam all dies nicht zur Sprache. In völliger Verkennung der Tatsachen charakterisierte ihn ein englischer Vernehmungsoffizier im September 1947 wie folgt: ‚Kellinghusen ist ein zivilisierter Mann westeuropäischen Zuschnitts. Er besitzt einen ausgeprägten Sinn für Humor und gutes Benehmen, aber kein Anzeichen für außer-gewöhnliche Intelligenz. Seine gesamte Persönlichkeit entspricht derjenigen eines unpoli-tischen Menschen und es ist äußerst unwahrscheinlich, dass er jemals mit radikalen Bewegungen sympathisierte.‘So war es dann kein Wunder, dass Kellinghusen in die Entnazifizierungskategorie V eingestuft wurde und damit zu den ‚Entlasteten‘ gehörte. Wenn Kellinghusen und Reincke [Heinrich Reincke Direktor des Staatsarchives] ‚nicht arische‘ Vorfahren von Antragstellern ermittelten, begnügten sich nicht damit, ihnen die geforderten Urkunden zuzustellen und den Fall damit als erledigt zu betrachten. In solchen Fällen informierten sie hinter dem Rücken der Antragsteller deren Arbeitgeber und Parteidienststellen vom Ergebnis der Nachforschungen. Zu diesen Denunziationen waren sie nicht gezwungen – sie handelten aus eigenem Antrieb. (…)

Wie viele Personen, die sich zur Urkundenbeschaffung an das Staatsarchiv gewandt hatten, von Kellinghusen und Reincke bei NSDAP- und anderen Stellen hinterrücks als ‚Vierteljuden‘, ‚Halbjuden‘ und ‚Volljuden‘ denunziert wurden, ist aufgrund der Aktenverluste nicht abzuschätzen. Nur ihre Auskünfte an die Gauleitungen von Berlin und Hamburg sind in größerem Umfang erhalten; sie weisen Mitteilungen über die jüdische Abstammung von über 300 Personen auf. (…)“. Was Kellinghusens und Reinckes Auskünfte in vielen Fällen angerichtet haben, lässt sich unschwer erahnen. (…)

Die erhalten gebliebenen Dokumente zeigen, dass Reincke und Kellinghusen durchaus nicht aus bloßem Opportunismus handelten, sondern von der nationalsozialistischen Rassenideologie überzeugt waren. Anders sind ihre Wortwahl und ihr Eifer auf diesem Gebiet schwerlich zu erklären. Davon war nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft allerdings keine Rede. 1951 trat Kellinghusen als Oberarchivrat in den Ruhestand, wurde 1960 mit der Lappenberg-Medaille des Vereins für Hamburgische Geschichte geehrt und 1966 zu dessen Ehrenmitglied ernannt. (…).“

„Als hauptverantwortliche Erfüllungsgehilfen des Rassenwahns sind die Professoren Heinrich Reincke und Hans Kellinghusen auszumachen“. (Seite 94, Jürgen Sielemann)

PDF  Walther Kellinghusen Zelle 5

Tier
Zeichnung Helga Bachmann

Geboren am 6. Oktober 1935. Interview mit Walter Tennigkeit

(Sohn von Käthe und Richard Tennigkeit)

Interview mit Walter Tennigkeit am 29. März 2011 (10.198 Zeichen) Geboren am 6. Oktober 1935 J.M.: Wann genau sind sie geboren?

W.T.: Am 6. Oktober 1935.

J.M.: Erinnern sie da aus ihrer Kindheit noch irgendwas, was sie da noch erlebt haben? War das schon hier in dieser Siedlung?

W.T.: Ich hab hier . . . also in dieser Siedlung nachdem ich aus der Klinik gekommen bin mit meiner Mutter gelebt bis . . . ich zu meinem Vormund gekommen bin . . . Und da war ich also . . . da war ich neun . . . vorher war ich . . . wie die Verhaftung war ich achteinhalb. J.M.: Wann war genau die Verhaftung?

W.T.: Müsste ich in irgendwelchen Sachen gucken . . .

J.M.: Steht auch vorne an der Tür . . . das war 1944 . . .

W.T.: Das war 1944, das war im Frühjahr.

J.M.: Wie alt waren sie da?

W.T.: Da war ich achteinhalb.

J.M.: Achteinhalb . . . und entsinnen sie da noch irgendwas? Auch vorher noch was, was sie so als Kind noch erlebt haben oder so ?

W.T.: Also hier in der Berner Siedlung war ja . . . praktisch sone Insel, wo es nicht ganz so schlimm war . . . umging . . . ich weiß wir mußten irgendwann kriegten wir son Ding an die Hauswand, da mußten wir dann zu bestimmten Tagen ne Fahne reinstecken, meine Eltern hatten aber kein Geld für ne Fahne, ham sie gesagt, ne und ham sich denn . . . so ein . . . das kleinere häßliche zusammengenäht . . . nur um der Vorschrift genüge zu tun . . . das sind so Sachen . . . also das da denn sowas hing, warum sie ne kleinere, das hab ich natürlich nicht erst später . . . hintergekommen. Man macht sich ja also auch nicht so viel Gedanken . . . als Kind . . . da hat man andere Probleme . . . denn die Probleme, die die Erwachsenen hatten, mit dem Regime, da erfuhren wir nichts von. Durften wir nichts von erfahren, denn es war ja so . . . Spielkameraden wo . . . die aus dem Hause wo also NS begeistert waren und wenn ich mit dem über was geredet hätte was ich wenn ich was gewußt hätte . . . dann hätte der das seinen Eltern . . . und dann wär das schlimm gewesen. In der Schule waren also einige der Lehrer auch darauf aus die Kinder in die Richtung auszufragen, abzuklopfen vor allen wo man wußte, aus welchem Haus sie kommen . . . Mein Vater war hier im Gemeinderat und da wußte man natürlich, wo er steht, politisch und wurde man natürlich angebohrt von Lehrern . . . hab ich es bewußt nicht mitgekriegt ich konnte ja auch nichts sagen, weil ich nichts wußte. Das war also bewußt. so . . .

J.M: Haben ihre Eltern dieses Haus gebaut? Oder ?

W.T.: Nein dies ist eine Genossenschaft . . . eine . . . in den zwanziger Jahren gegründet . . . wurde . . . der sogenannte Gartenstadtgedanke . . . war geplant . . . das wurde also sehr viel in Eigenhilfe gemacht und das man dann später das in eigen ist es als übernehmen konnte. Und denn kamen aber die erste große Wirtschaftskrise und dann ging das nicht mehr und dann wurde das in eine Genossenschaft umgewandelt . . . ich meine, das gesagt wurde da . . . hat hier . . . je . . . eine Sparkasse oder die . . . na wie heisst sie noch die Landwirtschaftliche Geschichte . . . die hat also hier . . . auch im . . . im Buut (?) und auch am Bahnhof und so weiter auch noch die Felder zum Teil noch bewirtschaftet über einen Pächter und die haben also . . . Geld auch reingeschossen und dann Genossenschaft . . . es wird also nie mehr Eigentum Es wurde hier sehr viel in Eigenhilfe gemacht, die Strassen zum Teil wurden planiert und mit Grand und so weiter . . . Asphalt und so was gabs damals ja alles oder war nicht nötig, kamen paar Begrenzungssteine und das wars dann. Es wurden zum Teil für die Fussböden noch aus dem Wald der zum Teil noch . . . was gerodet wurde, zum Teil sollen Fußbodenbretter selbst gesägt worden sein, die anderen, die Häuser, die da hinten sind, diese Putzbauten da haben sie also selbst Mauersteine gebacken, in der Scheune, wo jetzt das Volkshaus ist, da war ne Scheune und da wurde zum Teil also die Steine selbst fabriziert und denn verbaut, also sehr viel in Eigenhilfe . . . aber . . .

J.M.: Was war ihr Vater von Beruf?

W.T.: Der war Dreher. Heute heisst das ja Zerspanungstechniker . . . ja das hat alles ja neu Namen. Naja, er war also Dreher. Hat also gelernt bei der Vulkan Werft . . . oder . . . nen Tochterunternehmen . . . oder was weiss ich . . . mein Großvater kam aus Stettin von der Vulkan Werft . . . als Schmied und ob er nun hier sich her nach Hamburg beworben hat oder versetzt wurde, weiß ich nicht. Ich konnte ihn nicht mehr fragen. Also, der ist bevor ich geboren wurde ist der schon verstorben und wenn man anfangt sowas zu fragen , dann wäre er ja noch älter gewesen. Ne also, der war Schmied und seine drei Söhne, die mit her gekommen sind, der eine war auch Dreher und der andere war Tischler, der hat nachher . . . hier in Hamburg im Hamburg im Arbeitsamt war er tätig, hat die Tischler betreut . . . nach dem Krieg, ja das war also . . .

J.M.: Und ihre Mutter, hat die auch einen Beruf gehabt?

W.T.: Ja, die war Kontoristin . . . sagt man dazu . . . hat man das früher wohl genannt, die hat also im Büro gearbeitet . . . und zwar in verschiedenen gewerkschaftlichen Sachen . . . in . . . das hab ich aber auch dann nur gehört . . . in Bäckerverband und nachher auch im Transportarbeiterverband und hat über die Gewerkschaftsbund also bei der Gewerkschaftsarbeit meinen Vater näher kennengelernt, der also bei der IG . . . bei der Metallarbeiterverband hiess das früher . . . Metallarbeiterverband auch ehrenamtlich tätig war so nebenbei . . . Gewerkschaft . . . den

J.M: Wissen sie noch, wo er zuletzt gearbeitet hat ?‘

W.T.: Das hiess Spillingswerk, was die gemacht haben, weiss ich nicht. Ich war mal mit meiner Mutter da und es war ja als Kind natürlich faszinierend, wenn da diese Stahlspäne so vom Drehstahl . . . vom bunten . . . sich so langsam durch den Raum schlängeln so . . . so das war also ganz interessant, aber was er da gedreht hat . . . es muß . . . im nachhinein kann man das so vermuten . . . also in der überwiegend in der Rüstung gewesen sein . . . denn er war uk gestellt . . . nannte sich das ja damals . . . also unabkömmlich im Wehrpass war abgestempelt . . . er mußte also in der Rüstung . . . vermutlich . . . oder für die Rüstung arbeiten.

J.M.: Ihre Eltern waren in der Kommunistischen Partei, oder?

W.T.: Ja, also mein Vater, soviel ich entnehmen konnte, was man so hört, liest oder noch gefunden hat, ja, meine Mutter kam aus der SAJ, das war die sozialistische Arbeiterjugend, die Jugendorganisation der SPD . . . die Kinder, die da vor waren, das nannte sich Kinderfreunde und ab einem gewissen Alter war es die SAJ , nach dem Krieg die Falken . . . das ist also . . . naja. Sie ist denn nachher aber in der USPD gewesen und von da aus nachher auch in die KPD. Also so. Ob sie vorher in der SPD war, weiss ich nicht . . . als Kind interessiert man sich nicht und fragt da nicht nach und weiss gar nicht was das ist. So ungefähr. Also das immer nur so im nachhinein, was man denn so zum Teil gefunden hat in Schriften und so weiter oder . . .

J.M.: Als ihre Eltern verhaftet wurden, da hatten sie ja gesagt, das hätten sie noch miterlebt. Also . . .

W.T: Ja

J.M.: Können Sie das noch mal schildern?

W.T.: Ja, also mein Vater . . . der wurde von der Arbeit abgeholt, der ist gar nicht mehr erst nach Haus gekommen. Und meine Mutter . . . wir hatten ja auf der Strasse . . . Stück weiter . . . Fußball gespielt . . . mit nen paar . . . und denn kam hier n Auto . . . kam hier ein Auto vorbeigefahren . . . ich glaub das war Wanderer war das . . . son komisches W war da vorne . . . habe ich also nachher erst . . . das das so einen Typ gab . . . ne . . . und denn stiegen zwei Männer in langen braunen . . . schwarzen Ledermänteln aus und gingen ins Haus . . . da wird man natürlich neugierig und guckt . . . aber naja . . . aber dann haben wir aber weitergespielt und dann hat meine Mutter mich reingerufen . . . und denn sassen die beiden Kerle da und . . . Bücherstapel . . . Bücherschrank leer geräumt. Radio hatten sie mitgenommen . . . oder da erst mal hingestellt . . . nachher mitgenommmen und dann also ich . . . wenn ich so die Körpersprache meiner Mutter . . . war Alarmstufe für mich . . . ich konnte das nicht . . . irgendwie sagen, was das nun ist . . . aber ich wußte das Alarmstufe Vorsicht . . . dann hat man versucht, mich auch auszufragen . . . nach Onkel Max . . . das war der Max Heykendorf, der untergetaucht war . . . den sie gesucht hatten . . . da hatten sie nachgefragt . . . und noch einen . . . einen . . . einen Bruns oder Brun, aber den kannte ich gar nicht, der soll aber hier auch übernachtet haben und untergeschlüpft sein und tagsüber war er denn irgendwo anders so . . . aber das habe ich als Kind nicht mit gekriegt. Ich weiss nur, dass wir da oben ne Abseite hatten und . . . .

J.M.: Unterm Dach?

W.T.: Unter der Dachschräge war ne Abseite, die hab ich jetzt rausgenommen, damit der Raum grösser wird . . . aber (lacht) und da war so ne Ausbuchtung von dem vorderen Fenster und da konnte man so rumkriechen und dahinter . . . da haben denn auch welche übernachtet . . . in der Anfangszeit . . . was ich noch genau . . . also . . . das hat man mich ausgefragt nach allem möglichen aber . . . weiss ich nicht . . . weiss ich nicht . . . das war . . .

J.M.: Wissen sie noch wann das genau war? Das war ja sicher lange bevor sie ermordet worden . . . sag ich mal so? Oder welche Formulierung haben Sie dafür?

W.T.: Bitte?

J.M.: Lange bevor Ihre Eltern ermordet wurden, nehm ich mal an . . . war das ja?

W.T.: Ja das war an dem Tag, an dem sie verhaftet wurden. Sie sind also Anfang 44 . . . ja dann haben sie . . . dann hat meine Mutter gesagt . . . ich muß jetzt mal mitfahren mit dem Auto, die haben Bücher und Radio eingepackt . . . und Du gehst rüber zu Frau Lübcke, die wohnte denn in Nummer 23 und heute abend dann kommt Tante Erna, die war mit ihrer Tochter, die waren ausgebombt in Habichtstrasse Barmbek, da in der Ecke ham die gewohnt . . . Dieselstrasse . . . waren ausgebombt . . . die hatten wir dann hier aufgenommen . . . der Mann war als Soldat irgendwo an der Front . . . und die war aber mit ihrer Tochter in Hamburg gewesen, hatten da Verwandtenbesuche gemacht und sollte erst abends nach Haus kommen. Ob . . . und das sind so Vermutungen . . . die man hat sie bewußt da zu irgendwo zu jemand hingelockt, damit sie nicht hier ist . . . es sind nur Vermutungen . . . das kann man nicht . . . sagen das das so war . . . wird so zum Teil so vermutet . . . ne das man sie bewußt hier nicht haben wollte . . . he . . . die Beamten . . . die Bekannten, da irgendwo nen Tipp gekriegt haben . . . lad die doch mal ei . . . so ungefähr . . . weiss ich nicht . . . kann sein . . . ja und denn . . . kamen die nachher abends rüber und ich wieder her und denn hab ich meine Eltern nie wieder gesehen . . . also . . . das war also . . . mann . . . zu Anfang ist das ja so, da denkt man . . . naja die kommen wohl irgendwann wieder . . . aber was . . . also man weiss denn auch nicht . . . man macht sich Gedanken . . . warum und weshalb . . . warum sind sie nicht da. warum kommen sie denn . . . so ungefähr . . . warum lassen sie mich hier allein . . . solche Gedanken hat man als Kind . . . denn natürlich . . .

J.M.: Waren sie ein Einzelkind? Oder waren da noch Geschwister?

W.T.: Ich war als Einzelkind übrig geblieben. Ich hab also einen älteren Bruder gehabt, der noch vor meiner Geburt gestorben ist. Damals war ja die Kindersterblichkeit relativ groß . . . oder größer wie jetzt . . . er hatte irgendwie . . . ne Krankheit . . . irgendwo . . . mit Durchfall und was weiss ich nicht alles . . . und hat das also irgendwie vielleicht auch . . . nach damaligen Gesichtspunkten . . . nicht vielleicht nicht ganz richtig behandelt oder wie oder was aber er ist verstorben und meine Schwester, die nach mir geboren wurde, die ich also nur gefühlt hab, wie sie im Bauch gestrampelt hat von meiner Mutter . . . das durfte ich dann auch, guck mal das hier . . . das ist dein Bruder oder Schwester . . . wußte man damals noch hatte ja damals kein Ultraschall . . . also naja . . . die ist aber aus dem Krankenhaus gar nicht rausgekommen. Da waren also . . . das Herz soll auf der falschen Seite gewesen sein und noch ein paar organische Schäden, die also . . . nicht überlebensfähig waren . . . und somit bin ich praktisch der einzigste der nachgeblieben wurde . . . entsprechend natürlich verpiepelt von meiner Mutter. Kann man sich vorstellen . . . ne, zwei verloren, jetzt müssen wir aber aufpassen . . . ne . . . ich weiss, da hatten wir so komische lange Strümpfe noch bis fast in den Sommer rein. Ich war kaum um die Ecke habe ich sie runtergekrempelt . . . (lacht)

J.M.: Oder das Leibchen . . .

W.T.: Das Leibchen und diese Hemdhosen . . . das waren die Leibchen und mit den Gummibändern . . . die wurde sofort abgemacht . . . und auf dem Rückweg wieder . . . aber so Sachen . . . gut das waren so Sachen . . . woran ich mich also recht genau erinnern kann . . . hier hinten auf dem Hof . . . jetzt ist der Schuppen . . . weg . . . . . . da stand son Schuppen dahinter war n Birnbaum und drunter . . . hinter dem Schuppen und rundherum waren Johannisbeerbüsche gepflanzt und in der Mitte war Rasen . . . so da konnte man Sitzen, ohne gesehen zu werden und waren hin und wieder immer Diskussionsrunden. Da kamen Leute, die ich nicht kannte . . . also . . . aber eine Person, die war also . . . weil sie entsprechend etwas größer war wie die anderen und . . . hat mich irgend wie fasziniert . . . das war der Adolf Kummernuß . . . der spätere ÖTV Vorsitzende . . . der Adolf Kummernuß . . . der kam mehr aus der aus der sozialdemokratischen . . . Richtung und hier waren also auch Kontakte zwischen den . . . obwohl die sich ja ne zeitlang . . . was zwar idiotisch war . . . aber gut . . . praktisch bekämpft hatten in der Hoffnung das . . . das sie nachher über die Stärkeren sind, wenn das . . . der andere Spuk vorbei ist, aber der andere Spuk ist stärker geworden, weil sie sich zum Teil selbst behindert haben . . . also hier war so ne kleine Kontaktstelle . . . ich weiss das von anderen, die hinterher gesagt haben, ja . . . ich wir haben da auch immer mit deinem Vater und mit deinen Eltern diskutiert und so weiter . . . Ich weiss auch, dass einige, die damals bei der KPD waren . . . also hinterher . . . nachher gesagt haben, ne also was die Kommunisten in Rußland machen gefällt uns nicht, die sind dann nachher bei der . . . so ähnlich wie Herbert Wehner, die sind dann nachher bei der SPD gelandet . . . solch gibt . . . so einer, der hatte mich darauf hin mal angesprochen. Aber also hier also war ne kleine Kontaktstelle und hier kamen auch . . . und die die nach dem Krieg also auch hin und wieder . . . noch wieder für mich gesorgt oder oder oder Behördensachen erledigt undsoweiter . . . die Gertrud Meyer. Gertrud Meyer, die hat ja Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand mit der Ursel Hochmuth geschrieben. Die Gertrud Meyer, die war mit unseren Eltern befreundet, die kam hier öfter und wir waren auch da zu Besuch ja . . . die hat da

J.M.: Haben sie später mal rausgefunden . . . wie das . . . das war ja wahrscheinlich die Gestapo, die mit den grünen Mänteln . . . wie die da drauf gekommen sind?

W.T.: Es gibt dort verschiedene Versionen oder Vermutungen. Und die Vermutungen wer dahinter stecken könnte habe ich nie rausgekriegt, das hat man mir verweigert . . .

J.M.: Die Akte?

W. T.: Ne, habe ich nicht gesehen.

J.M.: Aber es gibt eine?

W.T.: Ja wahrscheinlich, die Verhörsakte . . . hab ich nicht gesehen. Ne ich wollte also gerne wissen, wer sie angeblich verpfiffen haben sollte. Gingen hier Gerüchte in Berne rum, aber wenn ich fragte, sie wissen es nicht. Sie hatten wahrscheinlich Befürchtung das ich dann irgendwie . . . hochkommende Rachegefühle hab und dann da . . . aber gut. Das ist also . . . mein Vater gehörte zu den Leuten, die kein Blatt vorn Mund nahmen und es ist so, wenn der in der Hochbahn sass und kam von der Arbeit und da war einer den kannte er gut aus der Bewegung heraus oder so, dann fing er an mit dem zu diskutieren und das war immer zieml . . . für die anderen oha Mensch Richard sei ruhig so ungefähr . . . und manche sind also wenn sie gesehen haben, dass er in die U-Bahn eingestiegen ist, in den nächsten Wagen gegangen, um . . . nicht der Gefahr ausgesetzt zu sein dass da irgendwelche Leute was mithören und sofort hinlaufen. Es kann also sein, daß diese . . . ja ich weiss nicht ob das mutig ist . . . vielleicht auch schon leichtsinnig zu bezeichnen, dazu geführt hat, dass ihn irgendeiner angezeigt hat. Meine Eltern aber . . . es gibt eben auch die andere Version, sie haben ja an dieser Widerstandsgruppe Bästler Jacobs Absagen, mit der Gruppe haben sie zusammen gearbeitet oder waren da mit bei und da soll einer . . . einen der gegen Franko gekämpf hat, ein Spanienkämpfer, der soll da gefangen genommen worden sein, umgedreht worden sein und hier nach Hamburg geschickt worden sein, und der war denn als Maulwurf hier und hat dann verschiedene Sachen hochgehen lassen. Das ist die andere Version.

J.M.: Hatten sie auch mal versucht, das rauszukriegen, da irgendwie im Staatsarchiv oder so?

W.T.: Ne ne ich bin . . .

J.M.: Es ist ja vielfach so gewesen, dass die Gestapo nicht so gut organisiert gewesen ist, nicht so viele Spitzel hatte, wie es der Staatssicherheitsdienst in der DDR hatte . . . Das die meisten durch Denunziation aufgeflogen sind.

W.T.: Es ist möglich, das die Version mit diesem Spanienkämpfer scheint mir wohl die richtige zu sein. Ich weiss das nicht. Denn die wußte ja auch verschiedene Namen und nach denen er gefragt hatte undsoweiter.

J.M.: Hat es denn einen Prozeß gegeben?

W.T.: Nein, es ist ohne Prozeß . . . sie sind ohne Prozeß . . . sind auch nicht hingerichtet worden . . . offiziell . . . mein Vater hatte es . . . durch die viele Arbeit und schlechte Ernährung . . . er hat nachher in Neuengamme, aus einem Brief geht das hervor, der er geschrieben hat . . . meinen Großeltern, dass er wieder als Dreher arbeitet . . . und mit Neuengamme, das habe ich dann auch mal wieder gehört und gelesen hatte Mauser mit Häftlingen zusammen gearbeitet . . . also da hatte er wieder als Dreher gearbeitet . . . Mauser war ja Waffenhersteller, nicht nur Schieblehren, sondern auch Waffen . . . also.

J.M.: Schieblehre hab ich ja noch.

W.T.: (lacht) Ja, ja der hat auch Waffen, Pistolen und Gewehre und so was gebaut.

J.M.: Im KZ?

W.T.: Im KZ oder ausserhalb, denn wurden sie eben irgendwo hingebracht in die Werkstatt und denn abends wieder zurück. Da ist er also krank geworden und ist angeblich an der Krankheit verstorben, ob er jetzt nun auch Folter ausgesetzt war in Verhören, wissen wir nicht. Es ist zu vermuten. Bei meiner Mutter war das so sich an Verführers Geburtstag erhängt haben, am 20. April war das glaub ich soll sich am 20. April am Bettgestell erhängt haben. Es gibt da eben Sachen . . . die sagen, man wollte sie erpressen, wenn sie nichts sagt, dann komm ich ins Heim, damit wollte man sie erpressen. Sie wollte aber nichts sagen. Das ist die einer Version und die andere Version ist an diesem Tagen wurde unter den Wachmannschaften heftig gefeiert und gesoffen und da kam es zu Übergriffen. Weiss ich nicht. Fuhlsbüttel. War ja Frauengefängnis und meine Tante, in dem Haushalt bin ich ja auch groß geworden, sein Vater war denn noch mein Vormund

(Ende Band 1)

(Band 2)

J.M.: Wo waren wir? Bei Detlev.

W.T.: Ja, also bei meiner Tante, die war mit ihren Eltern . . . also mit meinen Großeltern zusammen noch zu Leichenschau . . . und die hat gesagt . . . so sieht keiner aus, der sich erhängt hat. Weil sie auch schon . . . mal praktisch . . . Erhängte gesehen hat. So kann . . . ne . . . die muß anders umgekommen sein. So . . . aber wie, weiss man nicht . . . das war . . .

J.M.: In welcher Schulklasse waren sie als ihre Eltern abgeholt worden sind ?

W.T.: Ich war ja in der zweiten . . . hier in der Berner Schule . . . so ich war also in der Berner Schule . . . der Lehrer, den wir hatten, der schien ziemlich . . . naja . . . neutral zu sein, aber ich weiss das nicht genau, der war . . . der war hier mit einigen zusammen in der Klasse, die immer noch in Berne wohnen . . . früherer Sportsamtsleiter Heiner Widderich . . . der wohnte hier am Ende Moschlauer Kamp . . . oder . . . Rudolf Burack,

der Betriebsrat im Springer Verlag nachher war, mit dem waren meine Eltern auch befreundet und der Vater war aber im Krieg gefallen naja also, hier bin ich groß geworden . . . und ja wie das mit meiner Mutter dann . . . weiss ich nicht . . . also . . . das war eben . . . so offiziell, soll sie sich erhängt haben . . . und na . . . man weiss es nicht . . .

J.M.: Denen ist ja eigentlich nix zu glauben.

W.T.: Ja . . . nach dem Krieg hat sich denn der Adolf Kummernuß auch ein bißchen drum gekümmert, der hat dann über die . . . ÖTV, wie sie dann nach dem Krieg . . . mir eine kleine Zusatzrente . . . 50,00 Mark im Monat oder so hab ich da gekriegt . . . das weiss ich noch . . . bis ich dann selbst in die Lehre kam und denn . . .

J.M.: Was haben sie da gelernt?

W.T.: Ich hab ja . . . heute nennt sich das Konstruktions Mechaniker

J.M.: Maschinenschlosser?

W. T.: . . . Stahlbauschlosser

. . . beim Kampnagel. Den Kranbau.

J.M.: Hatte ich auch Leute, die in meiner Berufsschulklasse waren von Kampnagel. Ich hab doch HDW gelernt.

W.T.: Bei Kampnagel habe ich gelernt und denn bin ich vorher hin noch mal zum Gewerkschaftshaus . . . mich bedankt . . . hab ich zum Abschied noch ne Armbanduhr geschenkt bekommen . . . und die Frage war, was machst du, was lernst du auch bei Kampnagel . . . bist denn schon in der Gewerkschaft . . . ich sach . . . ne noch nicht, aber das ist für mich also ganz klar..und denn sagte er . . . Moment, denn is er runtergegangen . . . kam er wieder mit Mitgliedsbuch . . . März schon bezahlt . . . April mußt du selbst bezahlen, sagt er, denn bist du in der Lehre . . . denn bin ich also gleich ab ersten Tag in die Gewerkschaft . . . ich bin also . . . es hat bei mir . . . wollen wir mal ein büschen zurückblenden . . . ich war ja hier . . . nachdem mein Vater verstorben war . . . mußte mein Onkel, mußte einer die Vormundschaft übernehmen . . . das hat mein Onkel gemacht . . . und dat güng aber nur , wenn ich da wohn . . . so . . . und nun ist das

J.M.: Das war jetzt Detlevs Vater?

W.T.: Detlevs Vater . . . und hier dieses Haus . . . was also meine Eltern . . . man muß sagen . . . die Satzung sagt, das Nutzungsrecht in grader Linie vererbbar . . . So nun war ich Erbe für dies Nutzungsrecht . . . in vielen Gartenhäusern wurden eben auch Verfolgte rausgeschmissen und wurden Nazis reingesetzt . . . hier hat der damalige Geschäftsführer . . . ich glaub Ahrens hiess der . . . oder so . . . aber . . . bin ich nicht ganz sicher, gesagt, nein (klopft auf den Tisch dreimal) . . . das schreiben wir auf den Namen von Walter T. . . nur ich war nicht wohnberechtigt . . . und ich wohnte ja auch gar nicht mehr . . . ich wohnte ja bei meinem . . . Dings . . . und denn hatten wir ja aber die Ausgebombten noch wohnen und dann nachdem . . . deren Häuser . . . die haben dann also hier gewohnt . . . praktisch als Untermieter bei mir . . . komische Konstruktion . . . aber . . . das ist wieder die andere Seite, es gab auch bei den Nazis vernünftige Leute . . . oder . . . oder . . . vernünftig kann man da nicht sagen . . . vernünftige Leute sind keine Nazis geworden . . . aber, es gab also Leute, die bißchen humaner waren . . . ne das kriegt der Sohn und so weiter . . . und deswegen bin ich nachher . . . wie ich geheiratet habe, gleich wieder hier rein . . . so lange habe ich bei meinem Onkel und Tante gewohnt . . .

J.M.: Entsinnen sie noch wie man sie als Kind behandelt hat? Weil ja wahrscheinlich bekannt war . . . dass.

W.T.: Also hier in der Berner Schule war das natürlich bekannt. Aber in dem Moment . . . also von der Verhaftung im Frühjahr bis zum Herbst . . . bis zum Tod meines Vaters war ich hier noch an der Schule und dann kam ich nach Oldenfelde . . . weil mein . . . die wohnten damals in der . . . heute heisst sie Wolliner Strasse . . . früher hiess sie Farmsener Strasse . . . wohnten in der Farmsener Strasse und von da sind wir in der Oldenfelder Schule mit meinem Cousin . . . mit Detlevs . . . ja Detlev ist der jüngste, da ist der zweitjüngste Bruder . . . in einer Klasse . . . der ist also ja . . . vier Monate jünger wie ich, ich bin im Oktober und er ist im Februar geboren nich . . . also . . . waren wir in einer Klasse und da wußte das keiner . . . und den Lehrern hatte man das halt eben nicht gesagt . . . die Eltern sind . . . im Krieg umgekommen . . . um . . . damit ich von einigen . . . und wir hatten da eine Lehrerin, das war . . . die war so nicht ganz . . . die hat man zwar nachher übernommen, weil es keine anderen Lehrer gab . . . aber . . . das war sone Nazi Tante . . . aber . . . wußte man das halt nicht erzählt. Und denn sind wir, als denn meine Großeltern starben . . . also die Eltern von Detlevs Mutter . . . wo wir vorher gewohnt hatten in der Wolliner Strasse . . . das war der Vater von Detlevs Vater . . . und der hatte . . . sein Vater hatte noch zwei Schwestern . . . die eine wohnte aber in drüben in irgendwo . . . Riesengebirge . . . ist aber denn mit Krieg oder mit hergeflüchtet und die andere war hier irgendwo in Norddeutschland Krankenschwester und da hatten sie also erst den Vater von meinem Onkel . . . praktisch hat meine Tante mit versorgt . . . der war ja allein, er war Witwer . . . aber wie denn mein Großvater starb . . . also von Detlevs Mutter der Vater dann konnte meine Oma da am Knill . . . mit dem Haus und Garten nicht alllein zurecht kommen und denn haben sie gesagt, denn ziehen wir dahin . . . und denn bin ich nach Farmsen zur Schule gekommen. Ich weiss sie hatten . . . um jetzt noch mal wieder auf Schule zu kommen . . . einen Lehrer hatten wir . . . das war ein Fachlehrer . . . ich sag nicht, was der immer unterrichtet hat . . . jedenfalls hatten wir bei dem Physik oder Chemie oder irgend sowas . . . und wenn der aus dem Lehrerzimmer kam . . . riß er die Tür auf: Heil Hitler, dann machte er die Tür zu, guten Morgen Jungs . . . (lacht) also der . . . der mußte nach aussen hin . . . das sind so Sachen . . . so einzeln Sachen, die . . . sind dann irgendwo . . . das sind Erlebnisse . . . die hat man gespeichert . . . und das weiss ich noch . . . ja und und den Lehrer, den wir dann in Farmsen hatten, der war kurz vor der Pensionierung, das war auch ein Altnazi . . . und dann hatten wir einen gekriegt . . . der war als Lehrer sehr gut . . . war . . . inzwischen hat man sich ja politisch auch ein bißchen . . . würde sagen . . . na . . . ein deutsch-nationaler gewesen . . . aber kein Nazi, in dem Sinne, der hatte noch irgendwo einen klein bißchen Land draußen in Schleswig Holstein und ackerte da auch noch selbst und bei dem haben wir dann verdammt viel gelernt . . . nech wir sind also . . . ich sag mal so . . . aus der Volksschule entlassen worden . . . mit einem Niveau, was heute die Mittelschule hat, ausser Sprachen, ausser Englisch . . . in der Zeit, wo Englisch war, haben wir im Bunker gesessen, sag ich immer so . . . also wir haben nicht viel Englisch gehabt . . . aber . . . ja es kam nachher Englisch . . . aber den habe ich bewußt . . . mich rauskatapultiert, in dem ich Mist gemacht hab und dann wurde ich rausgeschmissen, ich wollte Englisch nicht . . . aus einem ganz anderen Grunde . . . ich hätte zur Mittleren Reife . . . zum Oberbau . . . hiess es ja damals und da war das Englisch Pflicht und das wollte ich nicht . . . ich wollte, so schnell wie möglich auf eigenen Füssen stehn, Geld verdienen, ich hatte immer son bißchen das Gefühl, ich lieg meinem Onkel und Tante auf der Tasche. Ich hatte zwar die . . . von der Gewerkschaft die kleine Rente und ich hatte die Waisenrente von meinen Eltern . . . ne aber das . . . ich wollte schnell selbst Geld verdienen . . . Das war so ein Grund, dass ich bewußt gesagt hab, ne ich will Volksschulabschluß . . . schnell raus in Büro . . . wollte eigentlich schon in der achten Klasse abgehen, aber dann hat man mich aber . . . nee . . . damals konnte man die neunte Klasse noch machen, ne ne machen wir alle. Und der hat uns also so kann ich zwar auch nicht mehr Algebra mit zwei Unbekannten . . . was ich gut noch genutzt hab war . . . er hat uns Stenografie gelernt . . . das konnte ich in der Berufsschule gut gebrauchen . . . das ist jetzt auch versandet, man braucht das nachher nicht mehr . . . all solche Sachen hat er gemacht . . . also das war gut . . . war ein guter Lehrer . . . muß ich schon sagen . . . der ist mit uns auf Klassenreise gegangen . . . Fahrradtouren . . . und all sowas ne . . . ins Zeltlager . . . Schulzeltlager . . . und alles . . . das war also die schulische Sache . . . aber bevor ich überhaupt wieder so bißchen sogenannten . . . an der Gesellschaft, oder an dem Leben in der Gesellschaft mich erst wieder mit eingebracht hat, das hat lange gedauert . . . ich hab mich also in meinen Schmollwinkel zurück gezogen, wie man so schön sagt . . . gut zuhaus in der Familie war es was anderes, aber nach aussen hin immer . . . ogott . . . und sind das vielleicht auch so welche, die son Mist gemacht haben und so weiter und . . . hat lange gedauert und an sich hab ich da . . . oder hat mir da geholfen unser Nachbar . . . der Sohn, der war beim Wandervogel . . . Bündische Jugend . . . und der erzählte immer . . . hallo und machen . . . machen wir . . . und das ist ja was . . . sag ich . . . da möchte ich mal mit . . . ne sagte mein Onkel und Tante . . . das ist nicht im Sinne deiner Eltern . . . wenn du so was machen willst, dann geh zu den Falken . . . so . . . ja natürlich . . . dann hab ich da in der Klasse . . . dann hatten wir in der Klasse einen Kameraden, der war in den Falken . . . und denn haben wir da mal auf dem Nachhauseweg so geschnackt . . . na dann komm doch mal mit und durch diese ganze Gruppengemeinschaft . . . Gruppenerlebnis bin ich also so . . . das war der Rückkehr wieder in die allgemeine Gesellschaft . . . sag ich mal so . . . und da haben wir uns natürlich auch politisch interessiert . . . und das war unten . . .

J.M.: Detlev hat davon erzählt, dass die Mutter, seine Mutter immer schlecht von den Kommunisten geredet hat irgendwie . . . ja die haben da nen Fehler gemacht . . .

W.T.: Ja natürlich . . . äh . . .

J.M.: Ja, sie war wohl mehr sozialdemokratisch . . .

W.T.: Mein Großvater, meine Großeltern, von meiner Tante die Eltern, die waren Sozialdemokraten durch und durch . . . ihr Bruder . . . ihr ältester Bruder ist im ersten Weltkrieg schwer beschädigt worden und ist später an diesen Kriegsschädenfolgen früher verstorben als normal. So kann man das wohl sagen . . . dann hatte sie eben meine Mutter, die war aber sechs Jahre älter wie sie, sie war die jüngste und dann war da noch ein Bruder, der . . . war bei der Hamburger Feuerwehr Brandmeister . . . und der ist also in Bremen . . . in Bremer Einsatz . . . Hamburger haben da Bremen geholfen wie die . . . da isser er . . . da ist ihm ein Balken ins Genick gefallen . . . wollt er noch mal rein . . .

J.M.: Während des Krieges?

W.T.: Ja, während der Bombenangriffe, da ist er umgekommen, der mußte aber um seinen Job zu behalten als Brandmeister bei der Feuerwehr . . . hatte er immer diese Wollhandkrabbe . . . wurde immer gesagt . . . ja . . . NSDAP Abzeichen, ja, ja, das mußte er, sonst hätte er seinen Job verloren . . .

J.M.: Wollhandkrabbe . . .

W.T: Ja, genauso der eine Bruder von meinem Vater, der Otto, der nachher im Arbeitsamt war, der war nach dem Krieg SPD und der hat auch . . . wie er in der . . . während der KZ Haft ist seine Frau fremd gegangen und anschliessend war die Scheidung, wie er wieder raus kam . . . und der hat als Tischler keine Arbeit gehabt und ist denn . . . weil er früher auch wandern und so weiter . . . meine Eltern waren ja auch Jugendliche . . . in Jugendbewegung gewesen . . . eben nicht in der Wandervogelbewegung . . . das war die bündische . . . aber in der Arbeiterjugendbewegung und da ist er . . . da hat man ihm einen Job angeboten beim KDF . . . das ist diese Urlaubssache . . . der Nazis Kraft durch Freude . . . nannte sich das . . . und dann hat er da Wanderungen, Touren, Reisen organisiert. und da war mein Vater . . . das weiss ich . . . die haben sich da gekanzelt . . . bloß so ungefähr . . . ja das war also so, daß einige sagten, also . . . ich muß irgendwie überleben. Dann brauchte er auch nicht zum Militär . . . und der andere On . . . äh Bruder Bruno, der war auch Dreher . . . hat auch in der Rüs . . . der hat bei Kampnagel Dreher als Dreher gearbeitet . . . die haben auch teilweise Rüstung gemacht . . . und . . . also insofern . . . ja soll man das verurteilen? . . . also das haben ja viele, um ihre Haut zu retten . . . zumindestens . . . ein bißchen mitgespielt . . .

J.M.: Es war ja von dem . . . den Fallada noch mal gelesen . . . ja nicht noch mal gelesen sondern jetzt grade gelesen. Der ist also in den USA jetzt grade so . . . Kleiner Mann . . . wie heisst der noch mal . . . Jeder stirbt für sich allein, weiß ich nicht, ob sie das kennen. Das ist war früher mal aufgelegt, das ist die Geschichte von zwei Eheleuten . . . Eheleuten, deren Sohn im Krieg fällt, wie man so sagt, irgendwie . . . und wo die Mutter dann anfängt . . . dann fangen sie an so Postkarten zu schreiben, die sie überall hinlegen und werden dann irgendwie aber nach zwei Jahren, obwohl das ganz heimlich läuft also werden sie festgenommen und umgebracht im Knast. Dieses Buch ist jetzt grade wieder . . . das kommt über Frankreich, das ist zwar schon 46 in Deutschland erschienen und ist jetzt in den USA ein großer Renner geworden, irgendwie . . . und jetzt hab ich es mir denn auch noch mal geholt . . . Das ist eine differenzierte Geschichtsdarstellung von so einer Berliner Paar.

W.T.: Ja, das sind also so . . . da bin ich ja so langsam wieder ich zwischendurch war ich auch dreimal verschickt . . . nicht von der Schule, dafür war ich zu schwer, obwohl ich dünn war, ich hatte immer das Gewicht, was man in meinem Alter haben mußte, aber ich war eben dünn . . . verschickt von der vom Komitee ehemals politischer Gefangener hiess das zu Anfang, daraus ist die VVN hervorgegangen und die Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten . . . die haben sich getrennt nachher . . . zuerst waren sie zusammen . . . als Komitee ehemaliger . . .

J.M.: Jetzt nach dem Krieg?

W.T.: Nach dem Krieg . . . und von diesem Komitee oder nachher war das wohl auch schon VVN war ich drei mal in Steinbeck . . . Steinbeck bei Buchholz, da hatten sie ein Kinderheim . . . und da wurden wir dann . . . einmal ernährungsmässig büschen aufgepeppelt . . . wir wurden . . . hatten da nen Lehrer, der Unterricht ging weiter . . . also weil wir da fast sechs Wochen oder was waren . . . wär der Schulausfall wohl zu groß gewesen . . . und dann war ich noch von Oktober bis Dezember in Dänemark bei Draning Mölle . . .

J.M.: In welchem Jahr war das?

W.T.: Das war . . . das war . . . schon nach dem Krieg . . . das war . . . wann kann das gewesen sein? 1947/48 . . . ich glaub 47 muß das gewesen sein, von Dezember bis Weihnachten . . . Neujahr warn wir wieder hier . . . und da war das also noch so . . . das waren alles aus ganz Deutschland Kinder von Opfern . . . vom NS Opfern . . . Kopenhagen auf dem Hauptbahnhof mit Blitzlicht und allem möglichen, ging durch alle . . . alle Zeitungen da in Kopenhagen . . . und wir waren in der Nähe von Helsingör, kleiner Ort . . . Drönningmölle, übersetzt heisst das Königsmühle , dronning ist der König, von der Drohne bei den Bienen . . . aber na gut, also gut . . . also in Dronningmölle waren wir und das in einem Hotel, das einer Reederfamilie gehörte und im Sommer aber keinen . . . deswegen von Oktober bis im Sommer war das also nicht belegt . . . da war nur im Sommerurlaub damals, heute macht man ja auch im Winter an der Küste Urlaub . . . aber damals war noch, da waren wir ein Vierteljahr . . . und das war eigenartig . . . obwohl das also bekannt war , was wir für Kinder waren . . . wenn wir auf der Strasse mit paar waren oder gingen und haben deutsch gesprochen wurden wir ganz schief angekuckt. Also ja, das war eigenartig . . . obwohl sie genau wußten, dass also wir imgrunde ja nicht zu gehörten . . . jetzt wissen sie ja, wenn Deutsche kommen, freuen sie sich, die bringen Geld mit . Aber gut, das war aber damals, gleich nach . . . der Zeit . . . das sind so Sachen, die man dann in Erinnerung hat . . .

J.M.: Wann haben sie das erste mal so erzählt, was mit ihren Eltern passiert ist und das das Kommunisten waren?

W.T.: Also das hab ich ja . . . praktisch immer nur durch hier und da mal gefragt . . . man hat mir zum Beispiel nie gesagt, dass meine Eltern nicht mehr leben . . . das hat man mir nie gesagt, das hab ich nur so dann . . . wenn man eins und eins zusammenzieht . . . dann und denn nachher . . . wie das also klar war . . . ich mußte also mindestens vier mal im Jahr mit Oma zum Friedhof . . . das hat mir die Sache so verleidet . . . ich sach also . . . ich denk mehr und öfter an meine Eltern, wie manch einer . . . aber ich brauch nicht irgendwo ein bestimmtes Stück Erde hinlaufen, mir drei Tränen abquetschen und wieder nach Haus gehen, das ist dummes Zeug sag ich, brauch ich das nicht . . . aber das ist Ansichtssache . . .

J.M.: Da ist ein Stein auf dem Friedhof . . . in Ohlsdorf oder wo?

W.T.: Mein Vater ist nicht auf Ohlsdorf, der ist da nicht hingekommen. Die hatten in Neuengamme ein eigenes Krematorium und die Asche wurde da verstreut. Ich hab dann mal ein paar Führungen mitgemacht . . . und hab mir das mal angekuckt und da sacht er . . . ja hier . . . hier ist irgendwo die Asche verstreut und meine Mutter war beigesetzt worden im Grab ihres ältesten Bruders, der also verstorben war durch die Kriegsein . . . verwundung, das ist nachher aufgehoben worden, die Witwe von dem, die wollte das auch nicht verlängern und meine Mutter ist . . . hat jetzt eine . . . die Gedenkspirale im Garten der Frauen . . . das war mir viel wichtiger als im . . .

J.M.: Haben sie noch . . . so . . . Erinnerungen an die 50iger und 60iger Jahre in Deutschland, was sie da so erlebt haben in Bezug auf ihre Eltern . . .

W.T.: Naja, ich war dann seit . . . acht . . . seit fünfzig . . . seit fünfzig . . . seit neunundvierzig fünfzig . . . da waren wir im Sommer viel unterwegs . . . Urlaub im Zeltlager . . . wir haben also sehr viele schöne Erlebnisse und gemeinsame Touren und Sachen gemacht und das ist nachher soweit . . . und wie wir nachher grösser wurden und die Gruppe sich auflöste . . . altersmässig . . . da haben wir dann noch jahrelang danach Zeltlagerbetreuung für andere Kinder gemacht also Gästekinder, die keine eigene Jugendgruppe hatte und so weiter . . . ich hab im Zeltlager immer den Technikbereich mit abgedeckt . . .

J.M.: Mir fällt das so ein, weil ich selber bin Jahrgang 46 und hab selber sehr viel gefragt so bei meinen ganzen Verwandten wie das so war in der Nazizeit, bin auch oft mit meinem Vater da um Neuengamme rum gefahren, aber er hat nie erzählt, was das eigentlich genau war, ja und den einzigen, den ich eigentlich hatte, der offen mit mir umgegangen ist, war mein Onkel, der warn strammer Nazi gewesen in der Zeit. Der war in Bergedorf beim Briefmarkenverein und das war der einzige, zu dem ich irgendwie Respekt hatte, alle anderen, habe ich immer gedacht, mein Gott, ihr seid da dicht dran vorbeigelaufen am Bergedorfer Bahnhof, Bergedorf West und da sind irgendwie 500.000 Menschen >umgeschlagen< worden.

W.T.: Müsst ihr doch gesehen haben.

J.M.: . . . und ihr habt mir erzählt, ihr hattet das nicht gesehen, was denn noch eine Erinnerung an diese 60iger Jahre oder sowas ist, das ich als Kind immer dachte, also die Kommunisten hätten den Krieg angefangen, weil das waren immer die Bösen, das waren die Bösewichter. Das das eigentlich die Nazis waren, die den Krieg angefangen haben, das habe ich erst viel später mitgekriegt . . .

W.T.: Den Sender Gleiwitz da überfallen haben, damit fing das ganze ja an. Da haben wir uns natürlich in der Jugendgruppe auch mit beschäftigt mit diesen Sachen. Und da hatten wir aber Referenten und Leute, die uns, was wir selbst nicht wußten, doch ziemlich offen über gesprochen haben. Der Verwandten und Bekanntenkreis, das Thema war son bißchen tabu, wollten alle nicht gerne darüber reden, befürchteten, dass ich vielleicht zu viel Fragen stelle oder nach der eigenen Haltung frag, wie sie sich verhalten haben Nazis und und und, das war also . . .

J.M.: Das war das einzige, was der Christian Geissler sagt . . . Christian Geissler, sagt ihnen das was ? Der hat son paar Romane geschrieben.

W.T.: Wer?

J.M.: Christian Geissler. Der ist jetzt schon längere Zeit tot, gestorben vor drei Jahren, der hat so mehrere Romane geschrieben unter anderem einen über die Nazizeit, in der ein Polizist die Seiten wechselt.

(Ende Band 2)

(Anfang Band 3)

J.M.: Wo waren wir, ja richtig Christian Geissler und der hat . . . der ist vor ein paar Jahren gestorben . . . ist jetzt zwei Jahre her . . . und der hatte gesagt, das einzige was den Deutschen nach dem Krieg geblieben ist, ist ihr Antikommunismus, den durften sie behalten

W.T.: Den durften sie behalten. Ja, da ist was dran . . . Also was wir damals in der Jugendgruppe durchgenommen, ein Buch das gelesen haben . . . so auf dem Gruppenabend mal ein zwei Kapitel, bis wir das durch hatten, das war aus der Zeit des Sozialistengesetzes, das war ja vor den Nazis . . . wie Bismarck die verboten hatte und da hab ich also viele Parallelen . . . wie im Hintergrund oder im Untergrund gearbeitet wurde . . . das hiess . . . Je dunkler die Nacht, desto heller die Sterne oder so ähnlich . . . das hat mich damals fasziniert und den anderen hier, den die Revolution entläßt ihre Kinder von Wolfgang Leonhardt und solche Sachen auch gelesen und verschiedene andere Sachen . . . . . . Der rechnet da ja mit seinen eigenen ehemaligen Kommunisten ab. Sicherlich, das ist eine Demo . . . eine Diktatur ist was ganz schlimmes, ist egal obs ne rechte oder ne linke Diktatur ist . . . ne Diktatur ist immer schlimm. Und das ist . . . ich sag immer . . . oder meine Meinung ist . . . für einen Sozialismus ist der Mensch noch nicht reif . . . der ist noch nicht reif . . . der muß zurückstecken . . . der wird nach wie vor von seinen Urtrieben geleitet, das ist also der Arterhaltungs und Selbsterhaltungstrieb und beide haben egoistische Motive, ich muß der andere nicht . . . so und damit müssen wir von runter eher funktioniert das mit dem Sozialismus nicht . . . weil wenn da wieder eine Kaste rankommt, die mit mal auch nur wieder an sich denken oder an ihr Umfeld, das hat man eben bei den Kommunisten gesehen . . . ne eigne Führungskaste, die auch um diesen Macht . . . diese Macht, die sie einmal hatten, vielleicht auch zum Teil demokratisch noch bekommen haben, dass sie diese Macht nachher mit allen Mitteln . . . allen schlechten Mitteln verteidigen . . . eben auch zu Diktatur werden und das ist das, was mich also nicht von der kommunistischen Idee trennt, aber von dem, was die Leute draus gemacht haben . . . und wenn jetzt einer sagt, ich bin bekennender Kommunist und sagt . . . ja was meint er denn damit? Meint er die gute Idee, die gar nicht schlecht ist? Oder nur, weil er aus Tradition so gewesen ist? Oder geworden ist, oder weil er sich unterdrückt gefühlt hat und so weiter.

J.M.: Haben sie Kinder?

W.T.: Ja.

J.M.: Wie denken die so?

W.T.: Ja die, meine Tochter hat sich da ne ganze Zeit lang auch, mit beschäftigt, die hat aber jetzt über Freunde und Bekannte eine Richtung . . . eingeschlagen . . . nicht politischer Art . . . politisch ist sie ok . . . da ist sie meiner Meinung nach auch auf den sozialen Bereich . . . sie ist nun in ein Gebiet durch Freunde reingekommen, wo ich nun gar nichts von halt, sie ist in ner freikirchlichen Gemeinde und mit Kirchen hab ich nichts am Hut. Ist egal mit welchen . . . welchen Glauben auch immer, das ist . . . man muß das glauben und nichts ist bewiesen . . .

J.M.: Ist die hier in diesem Haus groß geworden?

W.T.: Ja, ja . . . aber sie wohnt jetzt in Itzehoe . . . ne das ist durch Schulfreundinnen und so weiter . . . ist sie da mitn mal gelandet. Gut . . . Die freikirchlichen Gemeinde sind ja keine schlechten Menschen, aber . . . eben diese, was jede Religion für sich in Anspruch nimmt . . . diesen sogenannten Alleinvertretungsanspruch . . . wir sind die einzig richtige Religion, das lehne ich ab . . . und ich glaub an keinen Gott, an kein überirdisches Wesen, wer dran glauben soll . . . soll er von mir aus, aber er soll nicht von mir verlangen, daß ich das auch tue . . . Das ist eine Sache, wie ich in die Lehre kam, mußte ich ja ne Steuerkarte . . . Lohnsteuerkarte haben . . . Ortsamt in Farmsen und ich sag Steuerkarte . . . ja und in welcher Kirche sind sie ich sag in gar keiner, schreibt sie was hin fertig, krieg meine Steuerkarte als Lehrling war man ja . . . hatte man immer so wenig, daß man keine Kirchensteuer bezahlte . . . ich kriegte meinen ersten Gesellenlohn für drei Tage oder so, das war immer . . . monatliche Abrechung, aber nen wöchentlichen Abschlag . . . und da stand mitten mal 11 Pfennig Kirchensteuer . . . da war ich aber verdammt noch mal . . . 11 Pfenning, ich rauf, Werkstattschreiber, hier Lieschen da stimmt was nicht, ich bin doch gar nicht in der Kirche, . . . guckt sich an, ja . . . ruf ich mal im Lohnbüro an . . . sagt der im Lohnbüro, auf der Steuerkarte steht aber lt. . . . das heisst evangelisch-lutherisch und ich sag ja hab ich . . . dann hatten die da einfach das falsch reingeschrieben. Ich sag, in zwei Wochen hab ich Nachtschicht, dann hole ich mir die Steuerkarte und dann hin. Komm ich hin. Ich sag ich möchte gerne hier den Irrtum aufklären und möchte das geändert haben. Ja, sind sie denn nicht? Ich sag, nein, nein bin ich nicht, ja dann möchte ich mal ihre Austrittserklärung sehen. Ich sag, ich . . . sind sie Mitglied im HSV? Nein. Und wo ist ihre Austrittserklärung? . . . Ja, nun das ist ja ganz was anderes. Ich kann das nur ändern, wenn ich ne Austritts . . . Ich sag, ich bin in den Verein nicht eingetreten . . . ich bin weder getauft noch konfirmiert worden, meine Eltern haben . . . zu meinen Cousins auch alle gesagt . . . ab 16 bist du religionsmündig und dann kannst du machen, was du willst, wir lassen alles offen, wir machen nichts. Das ist ja praktisch ne Bevormundung, wenn man einen tauft und in die Kirche steckt, ohne zu wissen, ob er das nachher will. Das haben die . . . meine Eltern, Detlev und die auch alle nicht, meine Cousins, ich bin da nicht eingetreten, ich bin nicht getauft nicht konfirmiert, das möchte ich geändert haben, ich geh hier nicht eher raus . . . Ne das darf ich nicht, ich hab so meine Vorschriften, ich sag, dann haben sie doch sicher noch einen Vorgesetzten, vielleicht hat der nen anderen Spielraum . . . Ermessensspielraum . . . telefoniert sie einen Augenblick, später kommt er rein, da war das älteste Bruder meines Gruppenleiters bei den Falken . . . da sagt er was machst Du denn hier? Ich sag, hier so und so, schilder ich ihm das, ja sagt er, machen sie ne Notiz er hat glaubhaft versichert, daß er nicht und dann ändern sie die Karte . . . und dann ging das. Laut Anordnung von. Dann hat sie das hingeschrieben und hat das geändert . . . Wir waren von der Tochter da raus gekommen . . . also ich hab mit Kirche nichts am Hut, wobei die durchaus gute Sachen machen, nur was ist im Namen des Glauben alles für Unrecht geschehen auf der Welt und geschieht noch. Obs nun heutzutage noch Kindermißbrauch oder sonstwas ist . . . aber alles im Namen des Glaubens und der Religion und was weiss ich nicht, ist sind auch nur Menschen . . . Der Oberbeerdigungskasper da in Rom . . . ne der . . .

J.M.: Ich hab ja jahrelang diesen Witz erzählt . . . als dann vor drei Jahren . . . den kennen sie bestimmt auch . . . den mit dem Snickers und mit dem Mars. Der Witz ist uralt, ich glaub ich hab den schon von meinem Vater übernommen . . . da macht ein . . . Pastor geht in Urlaub, der Küster, also der die Glocken da ziehen muß, der macht sozusagen die Vertretung, bei der katholischen Kirche, also auch den Beichtstuhl, und er hat ihm alles gesagt, was so gibt, so viel dafür, so viel dafür . . . fünf Rosenkränze beten und so, naja und jedenfalls sitzt er denn im Beichtstuhl und denn sagt denn der da im Beichtstuhl sitzt . . . also ich hab Analverkehr gehabt . . . guckt er in seine Liste . . . Analverkehr hat er überhaupt gar nicht und denn kommen da zwei Jungs, so Messdiener vorbei und die fragt er denn . . . und sagt was gibt denn der Pastor bei Analverkehr? Mal ein Snickers, und mal nen Mars. Diesen Witz habe ich jetzt . . . nen Snickers? ein Schokoladenriegel, jahrelang erzählt und hatte nicht gedacht das das so realistisch ist . . .

W.T.: Mal nen Snickers mal ein Mars. Nein, den hatte ich noch nicht gehört.

J.M.: Der war uralt. Als das rauskam irgendwie . . .

W.T. : Ja, ja sowas gibt es . . . Ja da ist viel Schindluder gemacht worden von Gläubigen, die Wunder wie hoch stehen und von der Moral her und selbst . . . also deswegen ist das nicht mein Verein.

Muß jeder selbst wissen.

J.M.: Ich bin mal eingetreten, also mit . . . meine Eltern hatten mir das auch freigestellt . . . ich war dann irgendwann überzeugt . . . ich glaub mit dreizehn oder vierzehn habe ich mich taufen lassen und dann auch kirchlich geheiratet . . . und dann 1971 bin ich dann wieder ausgetreten.

W.T.: Ich hab in der Schule hatten wir ja Religionsunterricht und wir konnten uns befreien lassen und dann sagte mein Onkel, du kannst jederzeit den Zettel kriegen, aber hör dir das ruhig mal an, dann hab ich mir das zweimal angehört, und denn hab ich gesagt ne, nächstes mal bring ich nen Zettel mit, ich möchte nicht mehr, wieso denn nicht? . . . Ich sag ne, ich möchte Religionsunterricht haben, kein Konfessionsunterricht, ich möchte wissen, welche Religion gibt es auf der Welt, was sind deren Ziele und und und und wie sind die strukturiert aufgebaut . . . undsoweiter, das möchte ich wissen, ich möchte nicht hier das Vaterunser auswendig lernen . . . oder die zehn Gebote . . . eins kann ich sowieso nicht unterstreichen, das ist das das der Alleinvertretungsanspruch, du sollst keinen anderen Herren oder so irgendwie . . .

J.M.: Das haben die aber alle.

Hinweise: Käthe Tennigkeit, geb. Schlichting, geb. am 2. April 1903, ermordet am 20. April 1944 im KZ Fuhlsbüttel. Richard Tennigkeit, geb. am 5. 09. 1900 ermordet am 12. Dezember 1944 im KZ Neuenamme.

Walter Tennigkeit
Käthe Tennigkeit, geb. Schlichting
Otto F. Wildgruber Reklame
Reklame Otto F. Wildgruber Ludwigstrasse 1985 Ludwigstrasse Ecke Schanzenstrasse

Jens Meyer 20.05.2020 /Aufgenommen am 29. März 2011,

Durchgesehen 10. Februar 2020 Foto Jens Meyer (1985)

Der Hamburger Mantel 1905 – 2020

Foto von 1905. Familie Hirte. Im Kinderwagen Annelise Hirte. Mit Strohhut Hermann Hirte. Mit Blumenhut Cäcilie Hirte. Das Ehepaar hatte zehn Kinder. Die älteren Kinder sind nicht auf dem Foto.Hamburger Mantel (ganz links). Im Mantel Tante Püppi (mit Strohut).  Foto von 1905. Fotograf unbekannt Foto der Familie Hirte. Im Kinderwagen Annelise Hirte. Dahinter ihre Eltern. Nicht auf dem Foto: Weitere fünf Kinder.

Hamburger Mantel (Mitte)         Foto Werner Hensel 1938                                                          Foto links  unten Werner  Hensel   (1940)

Foto rechts unten  Hamburger Mantel  1953

Foto links Jens Meyer  (1982)

Fotos  Werner Hensel 1940 – 1953

Foto Rakna Abigt Arredondo

Mantel (Hamburg)

Foto (Ausschnitt) Werner Hensel. Hamburg 1954

Auf der Suche nach Ludwig Averdieck

Erinnerungen an die Zukunft der Vergangenheit Auf der Suche nach Ludwig Averdieck Förderantrag für einen Film. Exposee (1982) pdfErinnerungenaneinenDeserteur

Die Gräber wurden gepflegt. Man stieg von Motorrollern auf Kleinwagen um. Unbequeme Menschen waren längst vergessen. Nur einige Steine mit Namen konnte man noch lesen. Halb vergammelt. Moos und Schimmel bedeckten die Steine. Buchsbaumhecken, Heldengedenksteine. Jeden Sonntag der Ausflug mit meinem Vater zu seinem Vater. Stinkiges Blumenwasser und alte Frauen. „Auf der Suche nach Ludwig Averdieck“ weiterlesen

Hamburger Fotografen Werner Hensel, Walther Kellinghusen, Rudolf Heinrich Meyer

Paul und Margarete Schumacher (links) Wentorferstrasse 19 und Richard und Johanna Schultz Wentorferstrasse 21. Richard Schultz ist Milchhändler von Beruf. Paul Schumacher ist Privatier und hat seit 1901 ein Fuhrgeschäft.
Wentorferstrasse 19 / 21
Paul und Margarete Schumacher
Richard Schultz Milchhändler
Photograph Werner Hensel geb. 14. Dezember 1893, gestorben am 6. Januar 1986 und Anneliese Meyer, geb. Hirte. Geb. am 27. Oktober 1904 gestorben am 30. Oktober 1987 (Das Foto wurde 1951 gemacht-Fotograf war Rudolf Heinrich Meyer . geb. 24. Januar 1904, gest. am 29. August 1979)