Die lebendigen Bilder von Friderike und James

Die lebendigen Bilder von Friderike und James

Von Friderike Blumenthal und James Henschel wissen wir nicht viel. Nicht einmal die richtige Schreibweise ihrer Namen. Und das, was andere und ich herausgefunden haben, das haben wir zufällig herausgefunden. So wie ein Bauer beim Pflügen auch Steine an die Oberfläche bringt, die lange in der Erde verborgen waren. Eine systematische Suche sieht anders aus. Wo waren eigentlich die ganzen studierten Historiker die letzten neunzig Jahre-frage ich mich. Warum muß die Arbeit von Laien und Dilettanten, wie wir es sind, erledigt werden?

Hindenburghaus
Eingang Großer Burstah 31 Foto Jens Meyer
Stadthaus
Stadthaus Foto Jens Meyer

Das Ehepaar Henschel war sehr reich. Millionäre würde man heute sagen. Am Ende hatte man ihnen in Hamburg alles weggenommen. Zwei Behörden in der Hamburger Innenstadt, nicht weit entfernt vom Rathaus und voneinander, hatten bei dieser Enteignung zusammengearbeitet. Am Großen Burstah 31-Hindenburghaus (das heisst heute noch so) die eine, an der Stadthausbrücke 8 (GeStapo/das heisst heute nicht mehr so) die andere. Zu Fuss braucht man ungefähr fünf Minuten, wenn man von dem einen zum anderen Gebäude gelangen will. Und sie haben gut zusammengearbeitet. Die Beamten beider Behörden. Wer die Beweise für ihre Tätigkeit findet, der hat schon viel Zeit verbracht. Die Beweise sind gut versteckt. Das hat viele Varianten. Manchmal nennen sie es Datenschutz. Manchmal heisst es schlicht Gebührenordnung. Als ich anfing zu suchen, wußte ich von allem nichts.

Bei mir hat es begonnen mit meinem Studium an der dffb in Berlin. Ich hatte „auf der Arbeiterwelle“ einen dieser begehrten 15 Studienplätze erhalten, um drei Jahre lang das „Filmemachen“ zu lernen. Das war 1969. Ich war 23 Jahre alt, hatte eine 3½ jährige Ausbildung zum Maschinenschlosser hinter mir, war zur See gefahren und hatte mich drei Semester lang auf einer Ingenieurschule gequält. Die Perspektive, mein Leben lang Getriebe für VW Motoren zeichnen zu müssen, trieb mich aus Hamburg nach Berlin. Arbeitskräfte waren in Berlin gesucht und ich ließ mich als Schlosser anwerben. Es gab eine Lohnsteuer-ermäßigung – Berlin Zuschlag- genannt. Auf diese Weise konnte ich gleich noch der lästigen Bundeswehr eine Nase machen, während ich mich heimlich bei dieser Schule bewarb. Filmemachen, das schien mir viel besser als Getriebe zu zeichnen. Jedes Jahr bewarben sich über 200 Menschen, um einen der fünfzehn Studienplätze zu erlangen. Da mußte man (so wie ich) schon viel Glück haben, wenn man zur Aufnahmeprüfung eingeladen wurde. Die dauerte mehrere Tage und es waren 56 Kandidaten, die zur Aufnahmprüfung für einen Studienplatz eingeladen wurden. Die Kommission war mir gesonnen: Mit dem Proletenbonus – so habe ich es später genannt-schwappte ich in die Film-akademie: dffb.

Am 25. 08. 1970 unterzeichnete ich meinen Vertrag für das erste Studienjahr. Und war recht schnell in Konfrontation. Ich wollte weg vom Proletariat und die anderen StudentInnen (diese Schreibweise benutzte man damals noch nicht) wollten dahin. Und dann wollten sie mir auch noch erzählen, wie das Proletariat so ist und wie man es auf den rechten linken Weg bringen könne. Ich dagegen wollte alle Möglichkeiten dieser Akademie so schnell wie möglich nutzen. Die hatten Schneidetische, Kameras, eine große Filmbibliothek und jede Menge Menschen mit Ahnung. Ich wollte viel und schnell lernen. Regelmäßig hielt ich mich auch in der Bibliothek auf. Eine freundliche Bibliothekarin führte mich in die unbekannten Schätze der gesammelten Texte ein. Renate Wilhelmi sei Dank.

Darunter waren auch so banale Sachen wie alte Adressbücher, Reichs-kinoadressbücher. Darin gesammelt die Anschriften und Inhaberangaben aller Kinos aus ganz Deutschland, als es groß war, was immer das auch meint. Das war mein erster Kontakt. Doch zunächst sollten mal Filme entstehen. Neue Filme, die das Bewusstsein verändern sollten. Die Verbesserung der Welt war von uns vorgesehen. Dazu mußte der Zustand der Welt genau untersucht werden.

Damit meine ich: Ich, genauer: wir waren es gewohnt, daß niemand dabei gewesen war, niemand etwas bemerkt hatte und niemand schuldig an irgendwas war. Alles war passiert irgendwie. Goebbels, Göring und Hitler hatten fast alles alleine gemacht. Ich traf niemanden, der dabei gewesen war. Eine ganze Generation hatte diese und ähnliche Erfahrungen gemacht. Wir haben dann nur noch zum Schein gefragt, weil wir wussten, wir werden sowieso angeschwiegen oder angelogen. Ein Gefühl wie bei der Mafia in Sizilien. Irgend wann hat dann eine ganze Generation aufgehört zu fragen. So kam es mir jedenfalls damals vor.

Gier nach Neuem steckte bei mir dahinter. Erst 1984 habe ich mich dann in meiner Heimatstadt Hamburg wieder an die alten Reichskinoadressbücher von 1930 erinnert. Und habe begonnen zu suchen. Lebende Zeugen. Dokumente. Die Ergebnisse mit den noch lebenden Zeugen waren wie immer. Aus den Reichskinoadressbüchern ging hervor: Es gab in Hamburg zwischen 1926 und 1940 eine Firma mit Namen „Henschel Film- & Theaterkonzern“. So begann meine Suche nach der Kinobesitzerfamilie Friderika und James Henschel, von denen ich damals noch nicht einmal die Namen kannte. Für eine systematische Suche gab es keine Möglichkeit. Es gab niemand, der eine solche Suche mit ungewissem Ergebnis über längere Zeit finanziert hätte.

Auf dieser Grundlage sind alle Ergebnisse zufällig entstanden. In Hamburg gab es die entscheidenden Zeitungen, in denen man etwas hätte finden können, 1984 nicht. Weder als Papierversion noch als Mikro Film. Also kehrte ich zurück in die Bibliothek der Filmakademie in Berlin. Dort gab es damals nur ein Mikrofilmlesegerät. Aber im Gegensatz zu der Zeit als ich dort war, schien der Wissensdurst der Studenten in andere Richtung organisiert zu sein, als zu meiner Zeit. Man gewährte mir Zugang zum Mikrofilmlesegerät. Ich begann mit meiner Suche bei der „Licht Bild Bühne“. Eine „Tageszeitung des Films“. Der „Kinematograph“ war mir wegen des Eigentümers Alfred Hugenberg, der mit Hitler in einer großen Koalition war, suspekt. Die Licht Bild Bühne kam mit sechs Ausgaben in der Woche.

Zeitung lesen ist ja an sich keine Arbeit. Aber wenn man etwas bestimmtes sucht und nicht weiss, was es sein könnte und wann es passiert sein könnte, dann ist es doch anstrengende Arbeit. Nach einigen Tagen war ich immer noch erfolglos, ohne Mut und wußte nicht mehr, wo ich noch suchen sollte. Der Zufall mußte mir helfen. Mein Versuch begann mit Jahrestagen von der Qualität: Kaisers Geburtstag, Führers Geburtstag, Bismarcks Ernennung, Bismarcks Ablösung, der „Ausbruch des Krieges“, Kaiserabdankung und Flucht nach Holland, Ausrufung der Republik, Beginn des zweiten Weltkrieges, Beginn der Weltwirtschaftskrise, der Hamburger Aufstand und was die deutsche Geschichte sonst noch so an Katastrophen zu bieten hat.

Ich wollte die Suche schon aufgeben, da kam ich auf jenen Montag, an dem der Reichspräsident Paul von Hindenburg um 12.40 Uhr bekannt gegeben hatte:

„Der Reichspräsident hat Herrn Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt und auf dessen Vorschlag die Reichsregierung wie folgt gebildet: Adolf Hitler Reichskanzler, Stellvertreter des Reichskanzlers v. Papen, Freiherr v. Neurath Reichsaußenminister, Dr. Frick Reichsinnenminister, General Blomberg Reichswehrminister, Graf Schwerin von Krosigk Reichsfinanzminister, Dr. Hugenberg Reichswirtschaftsminister, Franz Seldte Reichsarbeitsminister, Freiherr von Eltz-Rübenach Reichspost und Reichsverkehrsminister, Reichstagspräsident Göring, Reichskommissar für Luftverkehr und Preußischer Innenminister. Reichskommissar für Arbeits-beschaffung Dr. Gereke wird in seinem Amte bestätigt. Die Besetzung des Reichsjustizministeriums bleibt vorbehalten….“ (Zitat aus: Deutsche Allgemeine Zeitung vom 31. Januar 1933)

In der „Licht Bild Bühne“ fand ich in der Ausgabe vom Sonnabend, d. 28. Januar 1933 diese Meldung von dreizehn Zeilen: „Nach Redaktionsschluß erreicht uns die furchtbare Nachricht, die wir wenigstens noch dem größeren Teil unserer heutigen Auflage beifügen möchten, daß gestern gegen Abend in Hamburg Hermann Urich-Saß, einer der führenden Köpfe des deutschen Lichtspielgewerbes und leitende Persönlichkeit im Henschel Konzern, an einem Herzschlag im frühen Alter von 45 Jahren gestorben ist. Seit kurzer Zeit hatte sich bei ihm ein Herzleiden bemerkbar gemacht. Man steht tief erschüttert vor diesem tragischen Fall.“

In der Ausgabe vom Montag, d. 30. Januar 1933 folgten Einzelheiten: „Hermann Urich-Saß zum Gedenken. Wie im größten Teil unserer Sonnabend Ausgabe mitgeteilt, ist Hermann Urich-Sass am Freitag abend im blühenden Alter von 45 Jahren einem Herzschlag erlegen. Seine Beerdigung findet heute, Montag, den 30. Januar, 3 Uhr nachmittags, in Hamburg Ohlsdorf auf dem Israelitischen Friedhof statt.“

Endlich wußte ich, wonach ich die ganze Zeit gesucht hatte. Ohne diesen „geschichtlichen Zeitpunkt“ und den Hinweis auf die Beerdigungsstätte hätte ich niemals die Spur nach dem Verschwinden des Henschel Konzerns aufnehmen können. Schließlich sind nicht alle Betriebe, die während der Nazizeit verschwunden sind, Opfer der rassistischen Enteignungen geworden. Erst zwanzig Jahre später erlange ich Kenntnisse, daß die Machtübergabe an Adolf Hitler und der Todeszeitpunkt von Hermann Urich-Sass durchaus einen logischen Zusammenhang haben, den ich damals aber noch nicht ahnte.

Für meine Recherche stellt sich heraus: Die jüdischen Beerdigungsriten sind für mich besser als die Beerdigungsriten der Christen, die nach 25 oder 50 Jahren ihre Gräber einebnen lassen. Bei den Juden -so lernte ich-ist das anders, die werden für die Ewigkeit beerdigt. So verlangt es der Brauch. Auf dem Israelitischen Teil des Hamburger Friedhofs Ohlsdorf (der streng getrennt von dem christlichen Teil des Friedhofs ist) beginne ich meine Suche und finde mit Hilfe von Friedhofswärter Horst Deggert den Grabstein von: Hermann Urich-Saß. Geb. 18. JUNI 1887-5647, Gest. 27. JAN. 1933-5693. Als Horst Deggert das Datum der Beerdigung liest, kommentiert er nur trocken: „Dann mußte er ja die ganze Scheisse nicht mehr mit erleben“. Ich fand, der Mann hat recht. Das Grab war gepflegt. Die Goldschrift des Grabsteines war vor kurzem erneuert worden. Nach deutschem Brauch muß für Grabpflege bezahlt werden. Es gab also Jemanden, der für die Pflege dieses Grabes bezahlt. Das war meine Vermutung.

Einen Entwurf (15 Seiten) für einen Dokumentarfilm unter dem Titel „Auf der Suche nach Henschel“ der meine Vermutungen über das Verschwinden der Henschel Kinos zusammenfasst und ein Anschreiben an die Angehörigen von Hermann Urich-Saß übergebe ich der jüdischen Gemeinde und bitte sie, beides an die Angehörigen weiter zu reichen, deren Namen und Aufenthaltsorte ich damals nicht kannte.

So wie diese Menschen in Deutschland von unseren Eltern und Großeltern behandelt wurden, würde es mich nicht wundern, wenn sie keine Kontakte mit jemandem aus Deutschland haben wollen. Damit wäre dann die Suche nach den Henschels mit ihren Kinos zu Ende gewesen.

Aber einige Wochen später kommt erst ein Telegramm und dann Post aus Mexiko und Brasilien. Im August 1989. Verwunderung auf der anderen Seite des großen Teiches. Seit sechzig Jahren hat niemand nach dem Verschwinden des Henschel Film und Theater Konzerns gefragt. Warum jetzt?

Es schreiben die Söhne der damaligen Besitzer. Horst Urich-Saß ist die Flucht nach Mexiko gelungen. Er ist am 1. Februar 1914 in Hamburg geboren. Als sein Vater starb und Hitler an die Macht gebracht wurde, war er 19 Jahre alt. Als er 22 Jahre alt ist, muß er aus Deutschland fliehen. Die Gestapo sucht ihn.

In seinem Brief schreibt er: “Gestern kam ich aus den USA und fand ihren Brief vom 17. Mai, den ich sofort beantworte. James Henschel war mein Großvater, Hugo Streit mein Onkel. Hermann Urich-Sass mein Vater. . . . Ich habe keine Absichten nach Europa zu kommen: Ich habe keine Beziehung zu Deutschland. Dass sie einen Dokumentarfilm “Auf der Suche nach Henschel“ beabsichtigen, erscheint mir unverständlich. Wer interessiert sich heute noch für das Schicksal von Menschen, die vor 56 Jahren derart gedemütigt wurden, dennoch verspreche ich Ihnen, sicherlich auch im Namen meiner Verwandten, volle Mitarbeit. Wir verloren das Vaterland, etwas, was schmerzhaft ist und materielle Dinge, solche kann man und haben wir in reichlichem Mass in unseren neuen Heimaten errungen ohne Antisemitismus, den ich schon lange vor der Hitlerzeit erleben musste und habe meine Zweifel, wenn man behauptet diese negative Gefühlsstimmung sei plötzlich verschwunden.“

Der Brief von Horst Urich Sass ist auf Firmenpapier geschrieben.“BACO. S.A.“ Links oben sind zwei Gebäude abgebildet, die aussehen wie Fabrikgebäude. Der Luftpostumschlag ist mit Namen und der Anschrift des Absenders bedruckt und hat, wenn man dem Stempel glauben kann, eine Reise von Mexico 10, D. F. über die USA (L. A. Beverly Hills) nach Hamburg 50 gemacht. Die Vermutung, daß es sich bei Horst Urich-Sass um den Besitzer dieser Fabrik handelt, löst bei mir gemischte Gefühle aus, war mein Leben bisher immer von der Erkenntnis geprägt, daß die Guten immer unten und die Bösen immer oben sind. Und das, obwohl ich auch unten schon viele Böse getroffen hatte. Aber einen deutschen Emigranten, der in Mexiko eine Fabrik und einen zweiten Wohnsitz in Beverly Hills in Los Angeles hat, das brachte mich damals ins Grübeln.

Den Söhnen von Hugo Streit, Rolf Arno Streit und Carl Heinz Streit ist die Flucht nach Brasilien gelungen. Sie waren dort auch im Filmgeschäft tätig und schreiben aus Belo Horizonte am 17. August 1989. Rolf Arno Streit ergänzt meine Recherchen zur Geschichte des Henschel Film und Theaterkonzerns, den sein Vater und sein Onkel in Hamburg betrieben haben. Er schreibt von einem Mann namens Adam, der bei der Enteignung seines Vaters eine wichtige Rolle hatte. Leider kennt er seinen Vornamen nicht.

Falls ich diesen Film über das Verschwinden der Henschel Kinos tatsächlich machen wollte, dann mußte zunächst einmal Geld für die Produktion und für die Reise besorgt werden. Einzige Möglichkeit: Ein Antrag bei der Hamburger Filmförderung: Das Hamburger Filmbüro e. V.. Frisch gegründet und selbstverwaltet. Leider ist Jens Meyer dort schon mehrfach als obstinat aufgefallen. Mein Filmemacherkollege Wolfgang Morell (Gründungsmitglied des Filmbüros) stellte dort jedes Jahr Anträge und hatte noch nie eine müde Mark für die Produktion eines Filmes von ihnen bekommen. Auch er konnte seine Schnauze immer nicht halten und hatte wiederholt offen seine Meinung über die sich entwickelnde Filmbürokratie vorgetragen.

Also, dachte ich mir, müssen mir meine Eltern helfen. Geld konnten sie mir leider nicht mehr geben. Dafür war es zu spät. Aber schließlich haben sie mir drei Vornamen gegeben und das muß ja irgendwie von Nutzen sein. Der Antrag auf Förderung wird nicht von Jens sondern von der Otto Meyer Filmproduktion gestellt. Und Otto Meyer hat Glück. Bekommt ein Darlehen von 75.000,– DM auszahlbar in drei Raten.

Wir (Der Kameramann Dietmar Bruns, Dorothea Koch und meine beiden Söhne Hannes und Fiete und ich) fahren in die USA nach Beverly Hills und nach Belo Horizonte in Brasilien. Und weil wir kein Geld hatten um eine U-Matic Kamera für diesen Zeitraum zu leihen (fragen sich jetzt alle, was war das noch mal?), kaufen wir eine S-VHS Kamera von JVC für 5.000,00 DM. Damals das beste, was es im semiprofessionellen Bereich gab. Horst Urich-Sass, der Sohn von Hermann Urich-Sass, den wir am 20. Juli 1990 in Beverly Hills in Los Angeles befragen, ist am 1. Februar 1914 in Hamburg geboren. Er ist 76 Jahre alt und ein reicher Mann. Geld konnte er bei seiner Flucht nach Mexiko keins mitnehmen und in Mexiko hat er sich mit dem Handel von Stoffen über Wasser gehalten. Und das ging so: Da er Spanisch weder sprechen, noch lesen oder schreiben konnte und nur einige Brocken Englisch kannte war das eine schwierige Veranstaltung, für Jemanden, der etwas verkaufen will. Aber die mit denen er gehandelt hat, sprachen Jiddisch und so konnte er sich mit Ihnen mit Deutsch verständlich machen. Die beiden Sprachen sind offenbar miteinander kompatibel.

Wenn Horst Urich Sass von Hamburg spricht, dann spricht er von der Angst, die er immer gehabt hat. Zu Recht, wie sich herausstellt. Er wird angezeigt, denunziert. Wegen „Rassenschande“. Seine Schwester Vera ist schon vor ihm nach Mexiko geflüchtet. Über die Besitzer, die die Kinos „übernommen haben“ wie er sich ausdrückt, mag er nichts schlechtes sagen: Die haben ja durch den Krieg auch alles verloren. Die waren nach dem Krieg besiegt und lagen am Boden. Und man tritt nicht auf den, der am Boden liegt.“

Ich denke bei mir, vielleicht wäre es doch mal ganz gut gewesen, wenn nach dem Kriege mal getreten worden wäre. Aber wer bin ich denn, daß ich sowas sagen kann?

In Belo Horizonte treffen wir (Der Kameramann und ich) die Söhne des Kinobesitzers von Hugo Streit. Rolf Arno Streit ist am 9. August 1912 Hamburg geboren, sein Bruder Carl Heinz ist ein Jahr älter. Er ist am 26. August 1911 in Hamburg geboren. Als wir mit ihnen am 30. und 31. Juli 1990 sprechen sind sie 78 und 79 Jahre alt.

Als sie 1936 aus Deutschland geflüchtet sind, um ihr Leben zu retten, waren sie 24 und 25 Jahre alt. Jetzt sind sie seit 54 Jahren in Brasilien. Sie haben die deutsche Sprache nur wenig benutzt. Aber langsam kommen doch viele vergessene Worte zurück.

Die Nazis hatten sie ausgebürgert aus Deutschland, doch nach dem Krieg haben Rolf Arno und seine Frau Hilde Streit wieder die deutsche Staatsangehörigkeit beantragt und bekommen. Sogar ihre Tochter Anja Streit-Daibert hat einen deutschen Pass. Sein Bruder Carl Heinz Streit wollte keinen deutschen Pass mehr haben.

Bei der Eröffnung unseres Kinos (3001-Kino) am 1. Mai 1991 bringe ich im Foyer ein Messingschild an. Dort ist zu lesen:

ZUM ANDENKEN AN DIE HAMBURGER KINO-PIONIERE JEREMIAS (genannt James) HENSCHEL HERMANN URICH-SASS HUGO STREIT GRÜNDER DER ERSTEN HAMBURGER GROSS-KINOS BESITZER DER LEGENDÄREN „SCHAUBURG“ KINOS VON HAMBURGER BÜRGERN WÄHREND DER NAZI-ZEIT VERFOLGT, ENTEIGNET UND AUS DEUTSCHLAND VERTRIEBEN Hamburg, d. 1. Mai 1991. (Da steht jetzt ein Kühlschrank vor)

Im Oktober 1994 ist der Film fertig. (63 Minuten). Für ein Fernsehfeature ist er zu lang (Die Normlänge ist zu dieser Zeit 45 Min.), für einen Kinofilm zu kurz. Der Arbeitstitel „Auf der Suche nach Henschel“ wird dem Film nicht gerecht.

Die Anfangszeile eines Werbeliedes, das damals für die Schauburg Kinos komponiert wurde, wird mein Filmtitel: „Leute seid vernünftig, lasst die Frau durch, denn sie will noch schnell mal in die Schauburg“. Ich versuche eine Kinoauswertung und einen Fernsehverkauf. Aber das Interesse bei den Sendern ist gering. Der Tenor lautet: das Thema Juden und Kino, das hatten wir schon mal. Er läuft ein paar mal bei uns im Kino in Hamburg und ich verschicke mehrere Jahre lang Ansichtskassetten an Fernsehstationen. Erfolglos.

Vielleicht ist es einfach nur ein schlechter Film geworden, denke ich manchmal. Andrerseits gibt es natürlich Gründe, warum sechzig Jahre lang niemand gefragt hat, wo die ehemaligen Besitzer der Schauburg Kinos geblieben sind.

Mein Freund Reinhold Sögtrop stellt einen Antrag bei den Grünen, um Gelder für eine Fotoausstellung zusammen zu bringen. Wir hatten viele Fotos aus Brasilien und einige aus den USA mitgebracht. Wir durften auch Blicke in die Fotoalben der „neuen Kinobesitzer“ in Hamburg, so nenne ich mal die Söhne und Töchter derer, die nach 1933 Kinobesitzer wurden, tun und einige sogar abfotografieren für unsere Ausstellung „Auf der Suche nach Henschel“. Das wir in Hamburg angelogen wurden, das waren wir schließlich gewöhnt und so war ich auch nicht traurig, das einer der Söhne, der damals noch lebte, Tim Schümann, uns kein Interview geben wollte.

Aber wie das manchmal so ist, wenn man mit einer Videokamera Fotos aufnimmt. Da stellt man beim Umblättern der Seiten des Fotoalbums manchmal Fragen und erhält Antworten und vergißt dabei schnell, daß die Kamera ja auch ein Mikrophon hat. Einige Jahre später habe ich mir dann den Ton noch einmal angehört und darüber gestaunt, was Söhne so manchmal veranstalten, um die braunen und die Blutflecken von der Jacken ihrer Väter zu entfernen.

Da entstehen sonderbare Mischungen. Noch Jahre nach dem Tod, werden so aus überzeugten Nazis und SA Männern, die freudig Zeitungsanzeigen aufgeben, daß das Kino jetzt endlich in »arischem« Besitz sei, Männer des (inneren) Widerstands. Mit der Fotoausstellung bei uns im Kino wollten wir eine größere Öffentlichkeit ansprechen und neue Informationen bekommen. Fehlanzeige. Wenn man mal von der Magisterarbeit von Gerti Keller und der Hausarbeit der Studentin Stephanie Baecker absieht.

Viele Fragen waren damals ungeklärt und so liess mich das Thema nicht mehr los. Wem gehörten die Kinogrundstücke? Warum wurden die zerstörten Kinos nicht wieder aufgebaut? Warum wurden so hervorragende Grundstücke, wie das vorne an der Reeperbahn, Ecke Zirkusweg nicht wieder bebaut oder verkauft?

Warum wurde das Grundstück am Gänsemarkt, später mit einem sog.“Ufa Palast“ bebaut, nicht zurückerstattet? Das waren nur einige dieser offenen Fragen. Und viele Auskünfte bekommt man nur, wenn man ein sog.“berechtigtes Interesse“ nachweisen kann. Geschichtsaufarbeitung gehört meist nicht dazu. Anschließend habe ich meine Hobbyforschung Heimatkunde genannt.

Im Laufe der Jahre entwickelt sich so eine Art Sammelleidenschaft bei mir. So wie andere Briefmarken sammeln, sammle ich seit 1984 Naziverbrecher und Naziopfer. So kommt es mir jedenfalls manchmal vor. In meiner Sammelleidenschaft traf ich auf den Kameramann Sven. Der schaute sich das Material an und ermunterte mich – laß uns ein Buch aus diesem zusätzlichen Material machen.

Manchmal nimmt man eben doch den Mund zu voll, jedenfalls war meine damalige an Antwort, das sei überhaupt kein Problem, das sei ja alles da und müsse nur noch kurz zusammengefügt werden. Pustekuchen. Sven brachte mich dann mit dem Geschichtsstudenten Jan Johannsen zusammen, der ein Thema für seine Diplomarbeit suchte und sich gleichzeitig noch als Fotograf betätigte. Ein wunderbare Kombination für die bevorstehenden Sucharbeiten.

Von Rolf Arno Streit hatte ich erfahren, daß ein maßgeblicher Mann in Hamburg bei der Enteignung der Kinobesitzer, ein Obernazi namens Adam gewesen sei. Leider wußten die Streit Brüder nicht viel von diesem Mann. Nicht einmal den Vornamen. Sie hatten erfahren, daß dieser Mann zusammen mit den beiden Nazis, die den Henschel Konzern „übernommen hatten“ ein Kino in Kiel hatte. Einen ganzen Tag habe ich damals in Kiel im Stadtarchiv verbracht, aber nichts herausgebracht.

Und die Zeugen waren wie immer sprachlos oder gestorben. Erst 1993 brachte die Studentin Gerti Keller, der ich meine Unterlagen zur Verfügung stellte, den Vornamen und eine Kurzbiografie dieses Obernazis Adam heraus.

Der Mann hiess Richard Adam und war Leiter der Landesfilmstelle in Hamburg. Im Laufe der weiteren Suche stellte sich heraus: Der Mann war Goebbels direkt unterstellt. Wieder begann die Suche. Ich schrieb über mehrere Jahre immer wieder an das Hamburger Landgericht, an die sog. Wiedergutmachungs-kammer.

Und irgendwann im Jahre 2005 rief mich dann Richter Dr. Lothar Weyhe vom Landgericht Hamburg an, und teilte mir mit, wenn ich von einem Beteiligten eine Vollmacht zur Akteneinsicht beibringen könne, dann hätte er noch so verschiedene interessante Akten.

Wieder schrieb ich nach Brasilien, in der Hoffnung, daß die Kinder des Kinobesitzers vom Waterloo Kino in der Dammtorstrasse 14 mir antworten würden. Und tatsächlich kam Post aus Sao Paulo von Günther Harald Hirschel, dem Sohn des Kinobesitzers Manfred Hirschel, dem die Flucht aus Deutschland gelungen war.

Günther Harald Hirschel stellte eine Vollmacht aus. Und so konnten wir (Jan Johannsen und ich) das erste Mal die Prozessakten aus dem Prozess Hirschel gegen Esslen ansehen und fotografieren, die vor uns noch niemand gesehen hatte. Die Entwicklung der Fototechnik war seit Beginn meiner Nach-forschungen inzwischen vorangegangen.

Während Reinhold Sögtrop und ich noch umständlich mit einer Kleinbild-kamera im Staatsarchiv waren, konnten wir (Jan Johannsen und ich) mit seiner Digitalkamera alle Akten, von denen wir Kenntnis erhielten, fotografieren. Mit der vorgelegten Vollmacht von Günther Harald Hirschel durften wir die Akten des „Wiedergutmachungsprozeß“ (schon diese Wortschöpfung stellt eine Verhöhnung der Opfer dar) um das Waterloo Theater in der Dammtorstrasse 14 fotografieren. Die Prozessakte Hirschel gegen Esslen hat 246 MB und passt auf eine CD Rom. Zum Lesen vor Ort hatten wir keine Zeit.

Das war das Gefühl, das vermutlich Touristen aus Asien bei Europareisen haben. Alles wird auf Speicherchips gebracht. Erst zuhause werden die Objekte dann angesehen. Und dort fielen mir dann fast die Augen aus dem Kopf. Der Obernazi Richard Adam, der die Enteignung der jüdischen Kinobesitzer maßgeblich im Sinne der NSDAP vorangetrieben hatte, tritt in dem Rückerstattungsprozeß Waterloo Theater als Zeuge der „Arisierer“ (Clara Esslen und Heinz Heisig) auf und wird nicht (natürlich nicht) im Gerichtssaal sofort festgenommen.

Er darf dagegen vor Gericht ausführen, daß der jüdische Kinobesitzer Manfred Hirschel schon vor der Enteignung durch Klara Esslen und Heinz B. Heisig (der nach dem Kriege damit punkten konnte, der einzige Hamburger Kinobetreiber gewesen zu sein, der nicht Mitglied der NSDAP war) pleite gewesen sei und dass er oder die Partei, der er angehörte keinerlei Einfluß auf die Enteignung des jüdischen Kinobesitzers Manfred Hirschel genommen habe. Doch zurück an den Anfang der Hamburger Kinogeschichte. Die eigentliche Kinogeschichte der Henschels beginnt schon viel früher mit der Eröffnung des „Helios Theaters“ von Friderika und James Henschel im Dezember 1905. Der Enkel Rolf Arno Streit, der seine Großeltern noch kennengelernt hatte, beschreibt, wie seine Großeltern darauf gekommen sind, Kinos zu machen.: „In Paris, so hat er (James) gehört, gibt es einen Grammophon Laden, dass heißt die Leute konnten in den Laden gehen sich Telefone an die Ohren legen und konnten dann eine Musik wählen. Das wollte er in Hamburg auch machen. Auf dem Weg dorthin sind sie (Friderika und James) stehengeblieben vor einer riesigen Schlange von Menschen, die alle in ein sogenanntes Cine gehen wollten. Das war eine Neuigkeit für meine Großeltern. Da wurden die ersten Filme vorgeführt. Nachher sind sie ins Hotel gegangen und meine Großmutter Frida Henschel hat zu meinem Großvater gesagt, James ich habe es mir überlegt. Wir machen nicht Grammophon. Wir machen Kinos.“

Wann Friderika und James diese Reise nach Paris gemacht haben, weiß ich nicht. Vielleicht waren sie in Paris, als dort die Weltausstellung stattfand. Dort führten die Brüder Lumiere zum ersten Mal ihren „Cinematographe Geant“ vom 15. April bis 31. Oktober vor. Das war ein Breitwandverfahren für eine Leinwand von 25 x 15 Metern.

Fünf Jahre später (Im Dezember 1905) eröffnen Friderika und James Henschel ihr erstes Kino in Hamburg Altona. Es ist das „Helios Theater“ in der Bergstrasse 11. Das Kino hat 500 Plätze. James ist zu diesem Zeitpunkt 42 Jahre alt. Aus einem Zeitungsbericht erfahre ich, dass Anfang 1906 das Ehepaar Henschel ihr zweites Kino, das „Belle-Alliance-Theater“ in der Eimsbütteler Strasse 2 /Ecke Schulterblatt 115 eröffnen. „Es fasste 1.400 Personen, für die damalige Zeit eine unerhörte Zahl, und hat Zeit seines Bestehens nur einen „schwarzen Tag“ erlebt: den Tag, an dem die Michaelis Kirche niederbrannte und die gesamte Tageskasse-bei 1.400 Plätzen-nur 56 Mark aufwies“. steht in der Licht Bild Bühne vom 16. August 1930. (Der Tag an dem der Michel brannte war der 3. Juli 1906). Vergleicht man die Größe des „Belle Alliance“ mit heutigen Kinos, dann schneidet die Gegenwart schlecht ab. Das größte Kino Deutschlands steht heute in Essen. Die Lichtburg: Die hat 200 Sitzplätze weniger (1.200 Sitzplätze). Hamburgs größtes Kino im Cinemaxx hat mal grade 1.001 Sitzplätze. Es scheint mir dringend an der Zeit, eine Art Biografie dieser ersten Kinounternehmer zu versuchen. Eigentlich wäre das Aufgabe jener gewesen, die sich Historiker nennen. Warum müssen das Amateure und Dilettanten machen, so wie ich einer bin? Auf jeden Fall, finde ich, ist es höchste Zeit diese Lücke endlich zu schließen.

Die Frau, die James Henschel dazu brachte, Cine zu machen war: Friderike (Friderika) Blumenthal, geb. am 17. Oktober 1865 in Lübeck. Sie flüchtete 1939 aus Deutschland nach Mexiko und starb am 16. April 1945 in Manhattan, New York im Alter von 79 Jahren. Sie hatten fünf Kinder. Rolf Arno Streit berichtet von seiner Großmutter Friderika, dass diese eine sehr religiöse Jüdin gewesen sei. Sie habe einen koscheren Haushalt geführt. Der Opa James habe es dagegen nicht so genau genommen. Einmal im Jahr, wenn Friderika in der Synagoge zum Beten gewesen sei, dann sei er heimlich Schweinefleisch essen gegangen.

Mark (Hermann) Lissauer (der kleine Junge auf dem Balkon des Fotos vom Thalia Kinos in der Grindelallee 116) berichtet in einer E Mail vom 22. Dezember 2005: „Von meiner Mutter hörte ich, daß Oma Frida an der Kasse saß und sie und James mit einer Waschbalje voll mit 10 Pfennigstücken per Droschke nach Hause fuhren.“

Die biografischen Angaben über James Henschel sind auch nicht grade üppig: Geboren wurde er am 5. Februar 1863 in Hamburg. Er erlangte am 18. Dezember 1901 das Hamburger Bürgerrecht. Als Berufsangabe wird genannt: Kaufmann und Agent. Am 22. April 1897 wird seine Firma James Henschel ins Handelsregister eingetragen. Nach einem Zeitungsbericht kam er von der „Konfektion“, was vermutlich heissen soll, daß er sich mit dem“ Handel von Fertigkleidung“ (Duden Fremdwörterbuch) beschäftigte.

Er war Mitglied der Hugenberg Partei (DNVP). Was immer man davon hält. Für den Enkel von James Henschel war diese Parteimitgliedschaft lebensrettend. James erhielt von einem Parteifreund Nachricht, das sein Enkel Horst Urich-Sass von der Gestapo gesucht werde. Aus gleicher Quelle konnte er auch seinen Schwiegersohn Hugo Streit vor der Verhaftung durch die Gestapo warnen.

Hermann Lobbes von der Licht Bild Bühne schreibt in dem einzigen Bericht, den ich gefunden habe, über die Arbeit von James Henschel: „Die Sommersaison 1907 bedeutete dann den einzigen größeren Rückschlag für die junge Firma, wenn man von den beiden ersten Kriegsjahren absieht, deren Überwindung nur durch fortgesetzte und beträchtliche Zuschüsse aus den Reserven möglich war.

Aber als James Henschel im Herbst 1907 mit dem „Hauptmann von Köpenick“ (Buderus, Hannover) herauskam und diesem Sensationsfilm wenig später die nicht minder spannende und aufregende Tragödie vom „Untergang Messinas“ (Ambrosio) folgen ließ, war die Situation mit einem Schlage gerettet. Beide Filme schlugen wie eine Bombe ein. Hunderte warteten täglich in langen Ketten vor der Kasse.

Hunderte fanden keinen Einlass. In Altona gab es damals kaum irgendwelche regulierenden Polizeivorschriften, und so spielte man ununterbrochen von 3 Uhr nachmittags bis 1 Uhr nachts. An manchen Sonntagen wurde das Theater von mehr als 8.000 Personen besucht! Diese erfreuliche Konjunktur ließ die Kasse anschwellen und schaffte die Möglichkeit ein weiteres Theater in Betrieb zu nehmen. Ein günstiger Bauplatz fand sich an der Wandsbeker Chaussee und hier errichte Henschel nun, nach einer kurzen Entreprise in Lübeck, das erste Theater der Welt, das ausschließlich für Kinozwecke bestimmt war. Aufgeführt mit einem Kostenaufwand von 550.000 Mark wurde das Palast-Theater, heute gleich den übrigen Großtheatern Henschels im Besitz der Ufa, einer der gewaltigsten Saalbauten seiner Zeit.“

Als James Henschel 55 Jahre alt ist, macht die neugegründete UFA (gegründet am 18. Dezember 1917) ihm ein Angebot für den Kauf seiner Kinos. James Henschel verkauft an die UFA. Da die UFA offenbar daran interessiert ist, nicht mit eigenem Namen in Hamburg als Kinobesitzerin aufzutreten, wird eine „J. Henschel GmbH“ gegründet. Viele fallen darauf herein. Ich auch. Bis mein Sohn Hannes eines Tages im Bundesarchiv in Berlin zwei Ordner mit den Bilanzen der J. Henschel GmbH findet, die dort nur deshalb aufbewahrt worden waren, weil die Nazis die UFA verstaatlicht hatten. Es stellte heraus, daß die Firma zu 100 % der UFA gehörte. James Henschel hatte mit der Gründung dieser Firma alle seine Anteile und auch die ihm gehörenden Grundstücke an die UFA verkauft.

Mit dem Erlös aus den verkauften Kinos kauft sich James Henschel 1919 – 14 Wohnhäuser mit über hundert Wohnungen und übersteht dadurch die Inflation von 1923 und die Weltwirtschaftskrise von 1929.

Das Ehepaar Henschel flüchtet 1938 aus Deutschland zunächst zur Tochter Bianca Kahn, geb. Henschel, nach Holland. Bianca Henschel hatte dort den portugiesischen Konsul Isidor Kahn geheiratet. James Henschel stirbt am 26. August 1939 im Alter von 76 Jahren in Den Haag. Nach seinem Tode gab der Reichsminister am 16. 09. 1939 im Reichsanzeiger bekannt, daß James und Friderika Henschel „ausgebürgert“ wurden. Sie waren nun keine Deutschen mehr.

Gleichzeitig wurde bekannt gegeben, das das gesamte inländische Vermögen von James und Friderika Henschel beschlagnahmt sei. Das darf als Hinweis darauf gelten, daß die Nazis auch gerne das ausländische Vermögen gehabt hätten. Friderika ist zu diesem Zeitpunkt 74 Jahre alt, als sie mit falschen Papieren über Portugal nach Mexiko entkommt.

James Henschel hat mit seinem Tode den Nazi Juristen noch eine Nase gemacht. Zwischen Gestapo, Oberfinanzpräsident und anderen deutschen Nazibehörden gibt es einen längeren Schriftwechsel in den Unterlagen, ob sie nicht den richtigen Zeitpunkt der Enteignung, bzw. der Ausbürgerung verpasst hätten. Auch die Grundstücke der J. Henschel GmbH konnten nicht mehr enteignet werden. Denn die hatte er bereits 1918 an „seine“ GmbH verkauft.

Der Enkel Horst Urich-Sass berichtete von seinem Vater Hermann Urich-Saß, der große Lust hatte, Kinos zu bauen. Immer wenn sein Vater mal zu aggressiv gebaut hatte und das Geld ausging, dann sind sie (Hugo Streit und Hermann Urich-Sass) nach Monte Carlo gefahren und James mußte mal mit Geld aushelfen, was er auch getan hat. Das Ehepaar Henschel hatte fünf Kinder:

Hanns Henschel ist der Älteste. Ich finde sein Grab auf dem jüdischen Friedhof in Ohlsdorf. Dort steht bei den Toten aus dem ersten Weltkrieg ein Stein: Unteroffizier Hanns Henschel geb. am 21. September 1893 – 5654. Gef. 31. Oktober 1916- 5677. Der Stein vermerkt: Inhaber des eisernen Kreuzes und des hanseatischen Kreuzes. Er ist 23 Jahre alt, als sein Vaterland ihm das Leben nimmt.

Hedwig Henschel wird am 4. Juni 1888 in Hamburg geboren. Mutter Friderika ist damals 22 Jahre alt. Vater Jeremias 25 Jahre alt. Sie heiratet Hermann Urich-Saß. (Henschel Film und Theaterkonzern) und stirbt am 24. Januar 1960 im Alter von 71 Jahren in Mexiko.

Sophie Henschel wird am 07. April 1889 in Hamburg geboren. Mutter Friderika ist 23 Jahre alt, der Vater James ist 26 Jahre alt. Sie heiratet Hugo Streit. (Henschel Film und Theaterkonzern), flüchtet im Dezember 1938 aus Deutschland und stirbt am 14. November 1968 im Alter von 79 Jahren in Belo Horizonte, Brasilien.

Bianca Henschel wird am 8. März 1890 in Hamburg geboren. Mutter Friderika ist 24 Jahre alt, Vater James ist 27 Jahre alt. Bianca heiratet am 5. Mai 1931 den portugiesischen Konsul Dr. Isidor Kahn in Den Haag und zieht nach Holland. Sie stirbt nach Kriegsende in Manhattan, New York.

Grethe (Gretl) Henschel. Ich finde ihr Geburtsdatum auf dem jüdischen Friedhof in Ohlsdorf. Geb. am 8. April 1895 in Hamburg. Gestorben am 4. August 1921. (5655-5681 steht auf dem Grabstein). Mutter Friderika ist bei ihrer Geburt 29 Jahre alt.

Gretl (wie sie auf dem Grabstein genannt wird) ist verheiratet mit Hermann Lissauer. geb. am 5. November 1893 in Hamburg. Gestorben am 29. August 1922. (5654-5682). Sie hat einen Sohn: Hans Adolf Lissauer, der am 08.01. 1920 in Hamburg geboren wird, in die USA flüchtet und sich dort Henry Anthony Lissauer nennt.

Die Suche in den Akten des Staatsarchives ist zeitaufwendig. Eigentlich nur Menschen möglich, die jede Menge Zeit und viel Geduld haben. In den Bestandsverzeichnissen des Oberfinanzpräsidenten (so nennt sich die Ausplünderungsbehörde in dieser Zeit) sind die Akten aufgelistet, die im Archiv vorhanden sind. In den ersten Jahren nach Namen sortiert, später nicht mehr.

Die Nummern der Akten werden in Bestelllisten eingetragen, die bis 11.30 Uhr abgegeben werden müssen. Ab 13.30 Uhr werden diese dann im Lesesaal bereit gestellt. Um 16.00 Uhr wird der Lesesaal geschlossen. 150 Minuten sind nicht viel Zeit, um dem Fleiß der nationalsozialistischen deutschen Beamten gerecht zu werden.

Und langsam, beim Sammeln der vielen neuen Informationen stellt sich heraus, daß der Film von 1994 nur die halbe Wahrheit war. Damals ging ich davon aus, daß von den 50.000 Sitzplätzen in Hamburger Kinos ungefähr 30 % im Besitz von Menschen waren, die von den Nazis als Juden bezeichnet wurden und die sich selbst doch nur als Deutsche- als Hamburger- bezeichneten. (Zum Vergleich hatte Hamburg 1990 ca. 12.000 Sitzplätze in Kinos zur Verfügung).

Die neuen Tatsachen zeigen: Wenn jemand zwischen 1933 und 1945 in Hamburg Kinobesitzer geworden ist, dann nur durch die Enteignung, die die deutschen Nazis durchgeführt haben. Von den 50.000 Sitzplätzen, die 1930 in Hamburg vorhanden waren, wechselten 30.000 den Besitzer, wenn man es denn so ausdrücken will.

Der Tarnausdruck der Nazis heisst „arisieren“. Sie hatten auch noch andere Tarnausdrücke, die viele Menschen heute nicht mehr kennen: Für Mord hatten sie den Tarnausdruck „Sonderbehandlung“, um nur ein Beispiel zu nennen.

Geld ist bei dieser Enteignung keins geflossen, jedenfalls nicht an die, denen es zugestanden hätte. Und noch in dritter Generation halten die Enkel die Legenden von damals aufrecht: Die Schümanns, die Romahns, die Adams, die Meiningers, die Esslens, die Heisigs und wie die neuen Kinobesitzer von Führers Gnaden in Hamburg alle hießen. Und noch eine Information ist wichtig zum Verständnis. Würde ich heute meine Suche nach den „Verschwundenen Kinobesitzern“ von damals beginnen, dann würden 75.000 DM nicht einmal ausreichen, die Fotokopierkosten zu bezahlen, die laut Gebührenordnung des Hamburger Senats und anderer Bundesbehörden (Bundesarchiv) dafür fällig würden.

Die Archive sind inzwischen zu uneinnehmbaren Endlagern geworden. Das bettet sich nahtlos in die Schweigepolitik der Bundesrepublik ein. Nach heutigem Kurs sind meine zehn mit Dokumenten gefüllten Leitz Aktenordner inzwischen ein kleines Vermögen wert. Jede Din A 4 Kopie würde mit 0,60 € laut Gebührenordnung berechnet werden (inkl. Mehrwertsteuer). Mehrwertsteuer für die Ausplünderungsakten der deutschen Verwaltung?

Für jede Melderegisterauskunft werden in Hamburg 22,00 € fällig. Wer den Wohnsitz des Mannes herausfinden will, der in Hamburg die Kinobesitzer enteignet hat, dem kann es passieren (ich kenne das), dass sowohl die Gemeinde Blankenese, als auch die Gemeinde Kampen auf Sylt sich über mehrere Jahre weigern, eine Melderegisterauskunft zu geben und das obwohl Kampen auf Sylt am 31. 12. 2008 nur insgesamt 601 Einwohner hatte.

Dort hat sich Richard Franz Wilhem Adam, geb. am 30.09. 1893 in Hamburg Altona bis zu seinem Todestag am 26. November 1967 aufgehalten. Gegen ihn wurde niemals ermittelt.

Paradieschen
Alte Postkarte Lerchenweg 5 Kampen auf Sylt, Wohnsitz von Richard Adam bis zu seinem Tode (Villa Paradieschen)

Seinen letzten Wohnsitz erfahre 2005 bei Einsicht in eine sog. „Wiedergutmachungsakte“. Darin ist ein Brief enthalten, den er aus Kampen (Sylt) an das Hamburger Landgericht schreibt. Gerne tritt er als Zeuge auf, aber die Fahrt nach Hamburg kostet 54,20 DM. Das Geld möge man ihm bitte vorher schicken. Nur vier Personen aus dieser Kinobesitzerfamilie konnten in Deutschland bleiben. Sie liegen auf dem Jüdischen Friedhof in Hamburg Ohlsdorf. Sie starben vor der Zeit. Und einer von Ihnen hat sich das Leben genommen, als Hitler die Macht übergeben wurde. Nur dieser Stein konnte die Brücken zu den Überlebenden im Ausland finden. Und das ist das eigentlich Erschreckende.

Jens Meyer Hamburg, d. 14. Mai 2026

Briefe an Eugen. Warum Henschel?

(Zeichen 9.561)

Briefe an Eugen. Die Henschel Suche. Hallo Eugen, Deine Fragen sind nicht einfach zu beantworten. Aber ich versuche es mal. Die Suche nach Henschel und warum. Als ich am 1. 9. 1970 mein Studium an der dffb begann, war ich 24 Jahre alt. Es gab in der Pommernallee 1 (Berlin 19) im 4. Stock einen Leseraum mit einer großen Filmbibliothek. Und weil ich sehr hungrig war, verschlang ich alles, was sich mir dort bot. Renate Wilhelmi sei Dank.

Ich gehöre zu der Generation, die von ihren Eltern keine oder nur unbefriedigende Antworten bezüglich der Geschichte zwischen 1930 und 1945 bekommen hatte. Noch heute habe ich Fleisch-Sonderkarten, die meine Mutter bis zu ihrem Tode aufbewahrt hat (Fleisch Sonderkarte für 4 Wochen). Auch einen ganzen Stapel FI-Wochenkarten des Landes- und Haupternährungsamt Hamburg).

Auch zwanzig unbeschriebene Postkarten, Deutsches Reich 7 ½ mit dem Aufdruck Gen.-Gouv. Warschau gehören zu den geerbten Sachen aus jener Zeit. Erst viel später habe ich mich an die offenen Fragen wieder erinnert, die damals einfach offen geblieben waren. Es gab so viel Wichtiges zu fragen, da kam die Geschichte der Kinos erst ganz zu Letzt. Es muß so ca. 1985 gewesen sein, als ich beschloss, diese Lücken von damals zu schließen. Warum ich in dieser Zeit anfing zu suchen, weiß ich nicht mehr. Und als ich sie dann gefunden hatte, die Söhne und Töchter jener Kinobesitzer, dann haben sie mir die gleiche Frage gestellt.

Wieso hat es sechzig Jahre gedauert, bis jemand nach unserem Verbleib fragt? Die konnte ich nicht beantworten. Schon zehn Jahre vorher als Student der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) waren mir in der dazu gehörenden Bibliothek in der Pommernallee die Reichskinoadressbücher in die Hand gefallen. Jedes Jahr eine neue Ausgabe.

Da tauchte sie auf: eine Firma mit Namen Henschel. Die hatte in Hamburg und in Lübeck Kinos. Kinos, von denen ich noch nie gehört hatte. Kinos in Hamburg, die ich nicht kannte. Nicht in Bergedorf, wo ich aufgewachsen war und auch nicht in der Hamburger Innenstadt. Grosse Kinos: Kinos mit mehr als 1.500 Sitzplätzen.

Das begann mit Beginn der Filmgeschichte und endete 1940. Irgendwann habe ich dann angefangen zu suchen. Nicht systematisch. Sondern eben nur so nebenbei. Auch wenn es auffällig war, daß diese Firma, die 1930 so groß war und 1952 im Kinoadressbuch für die Westzonen nicht mehr auftauchte. Die Mörder von damals liefen alle frei herum. Eine ganze Generation hatte teilgenommen.

Am Ende waren alle Täter zu Mitläufern erklärt worden. Wer lange genug Krimis liest, weiss um das größte Problem des Mörders und der Mörderin: Das Verstecken der Leiche und dabei insbesondere der Kopf, der sich nicht leicht verstecken lässt. Krimileser sind immer noch auf der Suche nach dem perfekten Mord und der wird mit den neuen technischen Moeglichkeiten immer unmöglicher. Und kann deshalb natuerlich auch nicht verfilmt werden.

Anders dagegen ist es, wenn sich ganze Völker auf vielfältige Weise an diesem Mord beteiligen, gemeinsam die Beute teilen und die Leichen gemeinsam verstecken. Dann wird die Sache für jeden Einzelnen schon viel leichter. Dann halten sie alle zusammen. Und wenn es dann auch noch um Leute geht, die man normalerweise nicht wahrnimmt, weil sie selbst in einem Teil des Unternehmens arbeiten, dass man als Kunde nicht wahrnimmt. Oder kennst Du den Menschen, der für die Cinemaxxe die Filme aussucht? Oder gar jenen Menschen, der noch vor einigen Jahren als Besitzer jener Kinos den Zeitungen Interviews gab? Natürlich nicht.

Manchmal begegnen uns die Kassiererin, manchmal der Vorführer, aber schon der Buchhalter ist dem Publikum nicht bekannt. Und noch ein Tatsache aus den Krimis. Verstecken lässt sich etwas am besten, wenn es mit anderen gleichen Sachen zusammenliegt. Fleisch am besten bei Fleisch, Papier bei Papier. Auch diese Erkenntnisse haben eine weite Verbreitung. Wenn man Papier nicht mehr rechtzeitig vernichten kann, dann versteckt man es am besten bei anderem Papier und erfindet Regeln, nach denen es nicht gelesen und nicht veröffentlicht werden darf. Sie nennen es Datenschutz.

Manchmal helfen auch Zugangsregelungen und Gebührenordnungen, die es nur den ganz Hartnäckigen erlauben, ihre Suche fortzusetzen. Im Falle der jüdischen Mitbürger war die Sache einfach. Man brauchte keine Ängste zu haben. Die überlebten, waren froh zu leben und wollten nicht auch noch daran erinnert werden, wie es war als man sie mit dem Tode bedrohte und die anderen waren ermordet worden. Das Papier, mit dem man die Vorgänge von damals hätte aufklären können war verbrannt. Alles verbrannt, so klang es fröhlich.

Als ich aus Brasilien von einem Obernazi namens Adam hörte, der maßgeblich die Enteignung der jüdischen Kinobesitzer in Norddeutschland “vorangetrieben“ hatte, ahnte ich nicht, daß es fast zwanzig Jahre dauern würde, bis wir Richard Adam endlich finden würden. Auf dem Friedhof in Kampen fanden wir seinen Grabstein. Bis zu seinem Tode am 26. November 1967 hatte niemand nach ihm gesucht. Auch, als er noch lebte, wohnte er an Orten, die mir im Traum nicht eingefallen wären. In einem Haus an der Prachtstraße Elbchaussee Nr. 99 [heute Elbchaussee Nr. 454] in Hamburg und in Kampen auf Sylt in der »Villa Paradieschen«.

Richard Adam
Zehn Jahre haben wir nach einem Foto des Täters gesucht, der damals die Enteignung der jüdischen Kinobesitzer in Hamburg (Henschel Film und Theaterkonzern) massgeblich organisiert hat. Dann haben wir seinen Wohnort gefunden. Elbchaussee 451 in Hamburg und anschliessend in Kampen auf Sylt. Beerdigt ist er in Keitum auf Sylt. Ein hübsches Grab mit Blick auf die Nordsee. Einfach ein wenig zu spät zum Suchen. Aber vorher hatte keiner gesucht. Anmerkung 2017. Auf dem gleichen Friedhof liegt auch Heinz Friedrich Reinefarth. Todestag 7. Mai 1979. Letzte Wohnanschrift Stadumstrasse 43, 2280 Westerland

Die Akte aus dem »Wiedergutmachungsprozeß« des Waterloo Kinos in Hamburg enthält einen Brief von diesem Richard Adam. Dort wird er als Zeuge benannt und vernommen. Adam schreibt am 25. Juli 1951 an das Landgericht Wiedergutmachungskammer in Hamburg 36, Sievekingsplatz: (Aktenzeichen: 1 Wik 2/50)

»In Sachen Hirschel 1./.1 Esslen. Ihre Zeugenvorladung in obiger Angelegenheit (Hirschel gegen Esslen) vom 17. Juli mit dem Poststempel vom 23. Juli erreichte mich heute hier in Kampen a. Sylt, wohin ich seit einiger Zeit meinen Wohnsitz verlegt habe. Ich bin gerne bereit, als Zeuge zu erscheinen, mache Sie jedoch darauf aufmerksam, dass mir dadurch an Fahrtkosten 2. Kl. Eisenbahn DM 54.20 entstehen. Ich bitte Sie, mir diesen Betrag rechtzeitig vorher zuzusenden und zwar an die Adresse Richard Adam, Kampen a. Sylt. Ich sehe Ihrer entsprechenden Nachricht entgegen. Hochachtungsvoll. Richard Adam«

(Das Schreiben hat einen Eingangsstempel vom Landgericht vom 27. Juli 1951)

Kampen hatte 2008 – 670 Einwohner und war und ist die reichste Gemeinde Deutschlands. Genauer: Im Hamburger Abendblatt vom 07. Juni 2012 wird der Hausmakler Engel & Völkers zitiert: Der Quadrat Meter Preis bei einem Hauskauf im Kampen beträgt zwischen 28.000 € und 35.000 € pro Quadratmeter. 1952 kommt das Gericht seiner Bitte um eine Vorauszahlung der Fahrkosten nach Hamburg nicht nach. Es wird verfügt, daß er vor einem Richter in Westerland seine Zeugenaussage machen kann. Nur nebenbei: In dieser Zeit ist der Schlächter vom Warschauer Ghetto, Heinz Reinefahrt, der Bürgermeister von Westerland.

Richard Adam befindet sich also in Gesellschaft. Keiner guten. Im Gegenteil, wenn die Justiz 1952 so arbeiten würde, wie man sich das als Laie vorstellt, dann hätte im Gerichtssaal eine Festnahme stattfinden müssen. Aber nein. Die Fahrtkosten werden ihm nicht erstattet, denn von Kampen nach Westerland hätte er auch mit der Inselbahn kommen können, die es damals noch gab.

Richard Adam ist zu dieser Zeit Kinobesitzer in Kiel. Zusammen mit Paul Romahn und Gustav Schümann betreibt er seit vielen Jahren das Capitol Kino am »Dreieckplatz 1« mit 881 Sitzplätzen. Romahn und Schümann haben dieses Kino vermutlich gekauft und bezahlt. Die Vermutung leitet sich aus dem Umstand her, daß der Vorbesitzer, Ewald Stoldt, der am 26. Februar 1935 starb und zwei Gesellschaften hinterließ, die Nord Film GmbH und die Nord Film Theater GmbH auch ein Freund der »neuen Gesellschaftsordnung« war.

In einem Nachruf im Hamburger Anzeiger vom 27. Februar 1935 wird er für seine »hervorragende Gesinnung« gelobt. Ein »Arier« war gestorben. Geschäftsführer zum Zeitpunkt seines Todes war der Rechtsanwalt Dr. Otto Bauer, der in Kinodingen auch bei der Enteignung des »Waterloo Kinos« in Erscheinung getreten ist.

1937 übernahmen dann Paul Romahn und Gustav Schümann das Capitol Kino in Kiel. Sie nehmen den »Ariseur« Richard Adam als Teilhaber in ihre Firma auf. Es steht zu vermuten, daß Romahn und Schümann sich Richard Adam zu Dank verpflichtet fühlten. Immerhin hatte er Ihnen durch die Enteignung, Arisierung genannt, einen Kinokonzern in Hamburg mit zwölf Kinos und einem Jahresumsatz von fünf Millionen Reichsmark verschafft.

Aus Kiel kommt ähnliches. Die Kaiserkrone ist Theater, Kino, Restaurant und Treffpunkt des Jüdischen Kegelklubs. Sie gehört seit 1923 Josef Ehrlich. Ehrlich ist Jude und wohlhabend. Dazu gibt es eine Zeitungsnotiz, die in dem Buch von Horst Reimers, »Von der Kaiserkrone zum Cinemaxx«, erschienen 1999, so zitiert wird:

„Jetzt in arischem Besitz und unter arischer Leitung“ (KNN-Kieler Neueste Nachrichten vom 11. 1. 1936), die von Reimers so kommentiert wird: “Der Käufer, der das Kino übernommen hat, ist August G. Scepanik, der damit seine Kinotätigkeit in Kiel beginnt.“ (Horst Reimers, Von der Kaiserkrone zum Cinemaxx, S. 230)

Wahrheit sieht anders aus. Kieler Schüler haben 2015 herausgefunden, was tatsächlich passiert ist. Josef Ehrlich wollte sein Kino nicht verkaufen. Der »Käufer« [August G. Scepanik] der Kaiserkrone kannte diese gut. Er war im Restaurant der Kaiserkrone von Josef Ehrlich als Oberkellner angestellt gewesen. Am 31.12. 1935 wird Josef Ehrlich enteignet. Am 9. 11. 1938 verhaftet. Sie nennen es »Schutzhaft«. Am 4. Dezember 1941 nach Riga deportiert. Am 5. Januar 1942 im Lager Riga-Jungfernhof ermordet.

Diese Version gelangte nicht in das Buch »Von der Kaiserkrone zum Cinemaxx« von Horst Reimers. Wie hat es angefangen? Lügen und Schweigen. Informationen keine. Warum, wollte ich wissen. Nun denn, zwanzigtausend Zeichen sollen es sein und spannend. Gar nicht so einfach. Und dann soll es auch noch jemanden interessieren. Alles ist schon lange her.

Doch ist es nie so richtig bekannt geworden. Warum ich eigentlich damals damit angefangen habe, weiß ich auch nicht genau. Einen Film machen? Es war doch so weit weg. Aber es hatte was mit Kino zu tun und dafür interessiere ich mich schon so lange, wie ich denken kann. Eugen, lass es! Ja, ich kenne den Dialog aus dem Dschungelbuch. Ja, ich kenne Deine Zwischenrufe.

Auf der Suche nach dem Fotograf Louis Segall, der das Foto von den Angestellten des Henschel Film & Theater-Konzerns am 1. Mai 1936 gemacht hatte, stelle ich fest, daß sein Verbleib nach 1937 ungeklärt ist. 1936 hat er ein Foto Atelier [zusammen mit Paul Waibel / Paul Weibel] in der Fuhlsbüttler Straße 165 im Erdgeschoß, neben der Schauburg Nord. Außerdem ist er Inhaber des »Atelier Schauburg« in Hmb 15, Süderstraße 73 und wohnt in der Beneckestraße 22. 1937 ist er in die Bismarckstraße 108 umgezogen. [Nebenbei: Auch das Haus in dem der genannte Rechtsanwalt Dr. Otto Bauer 1936 wohnt. Stichwort: Enteignung Waterloo Theater.] Ein Jahr später, 1938, wohnt ein Lilje, O. Prok. in dieser Wohnung.

Im Telefonbuch von 1938 [Handels-, Gewerbe- und Berufsverzeichnis zum amtlichen Fernsprechbuch für den Reichpostdirektionsbezirk] findet sich der Hinweis, das die Firma »Atelier Schauburg« von Louis Segall + Paul Waibel 1938 nur noch einen Inhaber hat und sich jetzt »Atelier Schauburg Inhaber Paul Waibel« nennt.

Das heißt, da muß noch mal gekratzt werden. Die Frau, die ich liebe, mag schon keine fremden Städte mehr mit mir zusammen besuchen. Irgendwann würde ich immer so einen merkwürdigen Drall bekommen und sie in eine bestimmte Richtung zerren und dann wisse sie schon was bald zu sehen sein werde: Ein Kino oder ein ehemaliges Kino. Und nun kommst Du. J.

Zeichnung Helga Bachmann
Zeichnung Helga Baumann

Apropos Casablanca Film Echo (30. 08.1952)

Filmecho_1952_Nr._35_vom_1952_08_30_Seite_784_Casablanca

Abschrift aus Film Echo vom 30. August 1952                                                      (Erscheinungsort Wiesbaden)                                                                                                        Filmspiegel auf Seite 784                                     

Besprochen werden:                                                                                                                            Sie tanzte nur einen Sommer (1558) (G.H.)                                                                            Die Todesranch (1559) (wtg.)                                                                                           Dschingis Khan – die goldene Horde (1560) (G.H.)                                                               Die Wochenschauen (1561) (G.H.)                                                                                             Rivalen am reißenden Strom (1562) (G.H.)                                                                       Casablanca (1563) (F.)                                                                                                            Schwarze Trommeln (1564) (G.H.)                                                                                   

Casablanca (1563)                                                                                                                Verleih: Warner Bros.; Länge 2236 m; Spielzeit: 83 Minuten. Regie: Michael Curtiz; Buch: Julius Epstein und Howard Koch; Kamera: Arthur Edeson; Musik: Max Steiner. Darsteller: Humphrey Bogart, Ingrid Bergmann, Paul Henreid, Claude Rains, Sydney Greenstreet, Peter Lorre, Szöke Szakall, Leonid Kinskey, Dooly Wilson.       

Das Thema des Filmes ist schon vom Millieu her dankbar. Es ist in Casablanca angesiedelt, jener abenteuerlichen Umschlagstation zahlloser europäischer Schicksale. Ein geheimnisvoller Mordfall bildet den Kern der Handlung. Eine Spielhölle sowie eine neue Vernichtungswaffe sind auch dabei. Am Ende aber startet ein Flugzeug in das lange gefährdete Liebesglück der beiden Hauptpersonen.  Die Regie von Michael Curtiz ließ die darstellerischen Kräfte voll zur Geltung kommen und vermittelte auf diese Weise starke Eindrücke von der Rollengestaltung her. F.  Verleihprogramm: 1952/53 ― FSK: Jv., Ffr.

Leider gibt es auf der Seite keinen Hinweis auf den Schreiber oder die Schreiberin, die sich F. nennt.

Tier
Zeichnung Helga Bachmann

Fundstücke: Axtmann, Otto

Otto (genannt Horst) Axtmann und Der weisse Hai

PDF Abschrift Otto genannt Horst Axtmann

Tier
Zeichnung Helga Bachmann

Abschrift Joseph Roth Die Generallinie (S. M. Eisenstein)

PDF Abschrift Roth Die Generallinie

Joseph Roth Abbild im Klappentext des Buches „Berliner Saisonbericht“. Der Fotograf wird dort nicht genannt.

(Zeichen 9.886) Abschrift aus Joseph Roth aus Berliner Saisonbericht (Unbekannte Reportagen und journalistische Arbeiten 1920-39 Herausgegeben und mit einem Vorwort von Klaus Westermann)

Feuilletons: Die Generallinie (Seite 356-361) Der Russe S. M. Eisenstein [Sergei Michailowitsch Eisenstein Сергей Михайлович Эйзенштейн Sergej Michajlovič Ėjzenštejn] — ein atavistischer Mechanismus [Fremdwörterbuch: Atavismus = das Wiederauftreten von Merkmalen der Vorfahren, die den unmittelbar vorhergehenden Generationen fehlen (bei Pflanzen, Tieren und Menschen)] zwingt mich manchmal, die Initialen seiner beiden Vornamen für die übliche Abkürzung eines bereits historischen Prädikats zu halten — gilt unter den Sachverständigen des Films als einer der genialsten Regisseure dieser Zeit. Wenn ich in den nachfolgenden Zeilen über seinen letzten Film »Die Generallinie« einiges zu schreiben gedenke, so wage ich damit keineswegs, sein Werk, wie man zu sagen pflegt, vom »sachlichen Standpunkt aus« zu beurteilen und mir die Rechte jener Kenner zu usurpieren, [Fremdwörterbuch: usurpieren = widerrechtlich die (Staats) gewalt an sich reißen] die infolge einer Neigung oder Notwendigkeit in den Zeitungen regelmäßig Filme kritisieren. Ich vertraue den Sachverständigen, die mir versichern, die »Generallinie« sei »filmisch« hervorragend, und traute ich mir selbst ein Urteil zu, ich traute mich kaum, es auch drucken zu lassen. Immerhin erinnere ich mich noch genau der Ergriffenheit, mit der ich zum erstenmal den Eisensteinfilm »Potemkin« abrollen sah, und der leidenschaftlichen Empörung, die in mir einige seiner Bilder — man war versucht, sie »geharnischte Bilder« zu nennen — wachgerufen haben. Andere, von den Kritikern besonders gerühmte Stellen, sogenannte »photographische Meisterleistungen« war ich geneigt, eher als kunstgewerbliche Meisterstücke zu betrachten. Verdienste des Apparats ebenso, wie desjenigen, der ihn dirigierte, Folgen eines Einfalls und eines Spieltriebs, dessen Resultate sehr oft überschätzt werden — im Film wie auf anderen Gebieten. Die sogenannte »künstlerische Wirkung« eines auf ungewöhnliche Weise photographierten Kanonenlaufs beruht zum Teil auf dem psychologisch wichtigen Moment der Überraschung, die der Zuschauer nur selten als gesonderte Empfindung erlebt, die er vielmehr mit Ergriffenheit verwechselt. Die karikierenden und auf eine sehr direkte Wirkung berechneten Stellen, wie jene von dem physisch lächerlichen Marinearzt und den Maden in den Fleischrationen der Matrosen, glaubte ich als künstlerische Billigkeit agnoszieren [Fremdwörterlexikon: 1) anerkennen 2) die Identität feststellen] zu müssen und — künstlerisch betrachtet — vorausgesetzt, daß ich es als Nichtfachmann überhaupt durfte — als fehlerhaft und verlogen. Denn innerhalb dieser durchaus, sogar erschreckend realistischen Welt des meuternden Kriegsschiffes durften die Maden in den Fleischrationen nicht größer erscheinen, als sie wirklich waren, und es war außerdem billig, den Marinearzt in dem Maß winzig erscheinen zu lassen, in dem man die Würmer vergrößerte. Ein so lächerlich kleiner Doktor wirkte schon durch seine Physis aufreizend, besonders, wenn er so große Würmer als gar nicht vorhanden bezeichnete. Und je besser mir der Film im ganzen gefiel, desto sehnlicher wünschte ich, sein trefflicher Regisseur hätte in mir die gleiche Empörung hervorzurufen vermocht, wenn der Doktor mittelgroß und die Maden winzig geblieben wären. Sogenannte Kunstmittel sind selten auch Mittel der Kunst. Und also sah ich den »Potemkin« zum zweitenmal bereits mit wacheren Sinnen und ermüdeter Leidenschaft.

Immerhin: der »Potemkin« war ein Riesenerfolg, und die »Generallinie« mußte nach einigen Tagen abgesetzt und aus einem großen Kino in ein kleineres verbannt werden. Nun ist für mich, einen ziemlich erfolglosen Schriftsteller, der Erfolg zwar keineswegs ein Kriterium, und die Zahl imponiert mir so wenig, daß sie mich sogar mißtrauisch zu machen imstande wäre. Allein, den Sowjets imponiert die Zahl, imponiert auch der Erfolg. Wer eine Massenwirkung zu erzielen bestrebt ist, wer sogar Konzessionen macht, wer diese Konzessionen, sein Talent und die Kunst überhaupt mit seiner Weltanschauung erklärt, ja, wer die Kunst und sein Talent und sein Werk nur entschuldbar findet, wenn sie in den Dienst seiner sogenannten Weltanschauung getreten sind — der ist allerdings verpflichtet, aus der Erfolglosigkeit seines Werkes Konsequenzen zu ziehen. Er gestatte mir für einen Augenblick, es für ihn zu tun — und ich will versuchen, den Erfolg des »Potemkin« und die Erfolglosigeit der »Generallinie« aus dem Thematischen zu erklären: im ersten Film Eisensteins handelt es sich um eine Anklage gegen das zaristische Rußland. Dieses war, jedenfalls nach westeuropäischen Begriffen, eine verdammenswürdige Angelegenheit. Man mag vor Westeuropa so wenig Respekt haben, wie zum Beispiel ich selbst: Kosakenstiefel und Nagajkas [Fremdwörterbuch aus Lederstreifen geflochtene Peitsche der Kosaken u. Tataren] waren ihm immer ebenso peinlich gewesen, wie ihm heute die Weltrevolution peinlich sein mag. Diese direkte Tyrannenmethode, diese osteuropäische Nagajkatradition hätte das sogenannte »westeuropäische Gewissen« (vor dem Kriege scheint es eine Art Verantwortung für europäische Kultur im Westen gegeben zu haben) auf jeden Fall gegen Rußland revolutionieren können. Der Potemkinfilm fand also eine allgemeine Anerkennung, weil er die (angeblichen oder wirklichen) Abscheulichkeiten des zaristischen Rußlands anklagte. Die »Generallinie« findet keinen Beifall, weil sie die Vorzüge Sowjetrußlands verherrlicht.

Worum handelt es sich bei der »Generallinie«? Um die Segnungen der Zivilisation. Maschinen kommen in ein Dorf. Das Dorf ist mißtrauisch gegen Maschinen. Allmählich aber überwinden es, überzeugen es die Maschinen. Die Maschinen erobern das Dorf. Und wo die Sense mähte, arbeitet der Traktor. Und wo der Traktor arbeitet, fließt der Segen. Und der Sinn der »Generallinie« ist der: die Zivilisation ist eine herrliche Sache. Die sturen Bauern gehn hinter dem blöden Pflug. Sie bebauen ihre Felder höchst mangelhaft. Sie haben also wenig Getreide. Das ganze Dorf hat wenig zu essen. Da aber das Dorf ein Teil der Sowjetunion ist, hat die Sowjetunion weniger zu essen. Wenn die Sowjetunion weniger zu essen hat, leidet dass Weltproletariat Mangel. Das Proletariat aber soll keinen Mangel leiden, denn es muß siegen. Also muß das Dorf Maschinen haben. Das ist natürlich nicht der Inhalt des Films, wohl aber seine Tendenz und besonders der Sinn seines Titels. Dieser Titel will heißen: dies ist die Generallinie, auf der Sowjetrußland zu marschieren hat, die Stalin uns vorzeichnet. Weg mit den Pflügen! Traktoren her! Gesteigerte Produktion! Alle Räder gehen laut. Rußland wieder aufgebaut! Der Film ist, er gesteht es selbst, ein Propagandaplakat für die Industrialsierung des russischen flachen Landes.

Nun — was dIe Industrialisierung betrifft, so sind wir im Westen die geborenen Fachleute. Die Maschinen haben wir erfunden, und die Segnungen der Zivilisation sind eine von den Schmonzes, an denen unser westliches Vokabular so reich ist und die in Sowjetrußland ein »Programm« werden. Wir wissen beinahe nicht mehr, wie ein Pflug aussieht, vor lauter Traktoren, Melkmaschinen und landwirtschaftlichen Geräten. Unsere Milch schmeckt nach Elektrizität, unsere Butter nach Pappendeckel, seit Jahrzehnten haben wir kein Brathuhn gegessen, das eine richtige Henne ausgebrütet hättet, unsere Dörfer stinken nicht nach Dünger, sondern nach Asphalt, unsere Bauern haben Telephon und Normaluhren und fahren mit Aktentaschen im Auto auf die Felder, wie Bankbeamte ins Büro. Wenn bei uns zu Lande irgendwo ein Hahn kräht, fragen wir uns, ob’s nicht ein Tierstimmenimitator im Radio ist, und es fehlt nicht viel, so geben die strotzenden Euter unserer Kühe keine flüssige Milch mehr, sondern Konservenbüchsen aus Blech. Mit Maschinen also imponiert man uns nicht. So weit wären wir bereits industrialisiert und aufgebaut. Ja, allmählich beginnt unser Widerwille gegen Konserven so stark zu werden, wie es unser Abscheu vor Kosakenstiefeln war.

Man gestatte mir an dieser Stelle ein kleines privates Geständnis, damit sachliche Mißverständnisse vermieden werden. Mein Mangel an Begeisterung für landwirtschaftliche Maschinen, elektrisch erzeugtes Brot und chemische Eierspeisen resultiert nicht etwa aus einer Veranlagung zum Schollendichter oder aus einer Vorliebe zur Landschaft. Niemals habe ich auch nur in zehn Zeilen bukolische [Fremdwörterbuch: Bukolik = Hirten oder Schäferdichtung] oder romantische Talente verraten, niemals öffentlich eine der beliebten Jahreszeiten besprochen, ja, selbst einen kurzfristigen Sommeraufenthalt vermeide ich gern, fließendes Wasser, warm und kalt, im Zimmer, scheint mir eines der wichtigsten Erfordernisse der Existenz. Dennoch ist ein Hahnenschrei meinem Ohr angenehmer als eine Autohupe, eine Kuhglocke freundlicher als eine Telephonklingel, und der Gesang der Sensen sympathischer als das Gedröhn eines Traktors. Ich begreife selbstverständlich, daß die Autohupen, die Telephonklingeln und die Traktoren die Hähne, die Kühe und die Sensen allmählich zum Schweigen bringen werden, und ich mache mir wenig aus einer so selbstvertändlichen, [selbstverständlichen?] wenn auch peinlichen Entwicklung der Welt. Aber lächerlich wie die Bukoliker erscheint mir der Romantiker der Technik, der den Traktor imposant findet und dem die Konservenmilch besser schmeckt, der sich an Chemikalien delektiert und auf den Motor stolz ist. Und die »Generallinie«, die Stalin dem russischen Volk und dem Weltproletariat vorzeichnet und die Eisenstein uns vorfilmt, propagiert nicht nur den Traktor, sondern auch den naiven Stolz auf den Traktor. Sie preist nicht nur die Resultate des Fortschritts, sondern auch den Fortschritt. Sie wünscht nicht nur die Zivilisation, sie betet auch zu ihr. Sie macht in der Tat aus der Zivilisation die neue Religion, kein Opium für das Volk mehr, kein Schlafmittel, sondern Wachmittel, ein Putz- und Nutzmittel vielleicht auch. Stehe ich aber vor der Wahl, ein übermächtiges Walten zu erkennen: im Brutofen oder in der brütenden Henne, so ziehe ich die Henne vor, und obwohl ich mich noch an das Gedröhn der russischen Kirchenglocken sehr wohl als eine Störung meiner privaten Ruhe erinnern kann, fällt es mir schwer, das nützliche Wunder einer Telephonklingel als eine Art Garantie für eine segensreiche Gegenwart anzuhören oder als eine frohe Botschaft für die Zukunft.Und da nach der offiziellen Kunsttheorie der Sowjets der Inhalt und die Tendenz eines Kunstwerks seinen Wert allein bestimmen, Eisenstein selbst dieser Meinung sein dürfte, bin ich, ein Nichtkenner der Filmgesetze, ausnahmsweise einmal in der Lage, frank sagen zu können: die Generallinie ist ein schlechter Film. Und Eisenstein muß mir recht geben. Der Mißerfolg des Films zeugt gegen ihn (fast ebenso, wie zum Beispiel meine materiellen Mißerfolge für mich zeugen).

Der Potemkinfilm fand eine günstige Bereitschaft: das humane Gewissen Europas, das immer ein Feind des Zarismus gewesen war. Die »Generallinie« findet überhaupt keine Bereitschaft: erstens, weil unsere Maschinenmüdigkeit zu groß ist; zweitens, weil uns Stalins (und selbst Lenins) Programm zu banal ist. Wir haben ganz andere, viel kompliziertere Sorgen. Und allerdings auch noch einen Rest von romantischer Zuneigung zum »rätselhaften Osten«, der sich so lächerlich krampfhaft bemüht, alle seine Rätsel zu erklären, nach der Methode der beliebten Ecke in der Zeitung: Auflösung folgt in der nächsten Nummer . . . (Aus Joseph Roth, Der Scheinwerfer (Essen), März 1930 (Abgeschrieben aus dem Buch Joseph Roth, Berliner Saisonberichte, Unbekannte Reportagen und journalistische Arbeiten 1920-39, herausgegeben und mit einem Vorwort von Klaus Westermann, erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1984) Aus dem Klappentext: „Joseph Roth (1894-1939) wuchs in Galizien auf. studierte in Lemberg und Wien Germanistik. nahm am 1. Weltkrieg teil. Ab 1918 war er Journalist in Wien. reiste später als ständiger Mitarbeiter der Frankfurter Zeitung durch Europa. 1933 ging Roth nach Frankreich ins Exil: er starb 1939 in Paris. (ISBN 3 462 01660 1)

Les Fantomes de Staline
Cahiers du Cinema Januar 1990
Tier
Zeichnung Helga Bachmann
v.l.n.r. Grigorij Alexandrow, Sergej Michailowitsch Eisenstein, Walt Disney, Edvard Tissé (Kameramann) in den USA
Creative commons.org
cc

Lehrzeit Heinz Heisig

PDF Heinz Heisig Lehrjahre (Zeichen 3.140)

(Zeichen 3.140)

In einer Broschüre der Landeszentrale für politische Bildung ist (auszugsweise) ein Schreiben an das:

„Komitee ehemaliger politischer Gefangener“ vom 15. April 1946 abgedruckt, in dem Heinz (Heinrich) Bernhard Heisig seinen »Werdegang« beschreibt:

Die äußeren Daten meines Lebensweges finden Sie in den Antworten des Fragebogens. Was sie nicht aussagen, möchte ich in dem anschließenden Lebenslauf niederlegen: Ich entstammte kleinbürgerlichen Kreisen, besuchte sieben Jahre lang die Volksschule meiner kleinen westfälischen Heimatstadt und trat mit dreizehn einhalb Jahren als Lehrling in das kaufmännische Büro unseres heimischen Amtsblattes ein. Schule und Lehrstätte lenkten mein Denken in nationale Bahnen, so dass ich, nachdem ich als Neunzehnjähriger an den letzten Schlachten der Westfront teilgenommen hatte, zum Grenzschutz »Ost« übertrat, dem ich bis zum Juli 1919 angehörte. Diese Flucht vor der drohenden Arbeitslosigkeit war aber für mich in vielerlei Hinsicht heilsam, denn ich machte als Soldat des Grenzschutzes allzu nahe Bekanntschaft mit dem Militarismus. Nicht zuletzt war es der lebendige Anschauungsunterricht über die menschenunwürdige Behandlung der Deputatarbeiter auf den adligen Großgrundbesitzen, der mich von jeder Art Nationalismus kurierte.

Während der anschließenden Lehr- und Wanderjahre in allen Teilen Deutschlands vertiefte sich meine Einsicht noch, da ich im Laufe meiner Tätigkeit in verschiedenen Berufen in enge Berührung mit dem Leben des werktätigen Volkes kam und seinen Kampf um seine Sehnsüchte aus eigener Anschauung kennenlernte. Was Wunder, dass ich mich zum Sozialismus bekannte und die großen internationalen Dichter und Polemiker mir den Weg zu einer klaren und eindeutigen Weltanschauung wiesen.
( . . . )

Als ich ( . . . ) im Jahre 1930 nach Hamburg ans Waterloo-Theater kam, brachte ich ein gutes Rüstzeug mit. Ich betrachtete es als meine Mission, dem werktätigen Volk beim Kampf um die Besserung seiner sozialen Lage mit meinen Einflussmöglich-keiten zu helfen und beizustehen. Die Spielplangestaltung des Waterloo-Theaters weist das eindeutig auf, und ich darf für mich in Anspruch nehmen, dass viele amerikanische, englische, russische und französische Filme ohne meine Initiative nie in Hamburg gezeigt worden wären. In den aufreibenden Jahren der Nazi-Herrschaft konnte ich meinem Ziel und meinen Absichten nur treu bleiben, weil ich, wie es gar nicht anders denkbar und möglich war, manches in Kauf nehmen musste, denn dass eine so polemisch festgelegte Spielplangestaltung allen nur denkbaren Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt war, versteht sich von selbst. Trotz der wütenden Angriffe der Nazipresse zeigte ich, wie ich heute noch mit Genugtuung feststellen kann, bis zum November 1940 amerikanische Filme. Aus dem Fragebogen ersehen Sie, welche Verfolgungen mir meine Standardhaltung und Einstellung eingetragen hat.

Was der Fragebogen nicht ausweist, sind die Fülle der kleinen Tücken und Schikanen, und hierzu möchte ich nur folgende kleine Aufstellung hinzufügen: Eine Anzeige wegen öffentlicher Zerreißung eines Hitlerbildes, Anzeige wegen Verweigerung des Hitler-Grußes, Verfahren zur Aberkennung der Betriebsführer-Eigenschaft, Verlust meiner Wohnung wegen meines Aufenthaltes im KZ., Anzeige wegen nationaler Würdelosigkeit, Anschuldigung des damaligen Kultursenators Dr. [Helmuth] Becker [1902–1962], ich führe einen „Juden- und Kommunisten-Kintopp“ usw. usw.

Zitiert nach einer Broschüre der Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg, nach einem Dokument, das sich im Staatsarchiv Hamburg befindet, unter der Nummer 622, Familie Heisig. 2.4.

Tier
Zeichnung Helga Bachmann

Briefe an Eugen (LXXVII-78) Negül für die Sizan

Hallo Eugen
Römische Zahlen

(Zeichen 3.566)

PDF Briefe_an_Eugen (LXXVIII) Negül für die Sizan

Briefe an Eugen . Negül für die Sizan (LXXVIII – 78)

Hallo Eugen, ja, das ist natürlich ein Palindrom. Von Robert Gernhardt stammen die Zeichnungen und der Text vom Kragenbär, der nur einmal seinen Kopf dem Betrachter zeigt und von dem Robert Gernhardt schreibt: „Der Kragenbär, der holt sich munter einen nach dem anderen runter:“ Ja, Du hast Recht mit Deiner Vermutung. Es geht natürlich um was anderes. J.

Hallo Eugen, genau genommen gehts um Otto, Ludwig, Wilhelm (genannt Horst) Axtmann und die Vereinfachung durch die Digitalisierung. Gestern habe ich die Seite der Stadt Wiesbaden, die offizielle, gefunden. Stolz berichtet die Stadtverwaltung , daß ihre Seite »seit dem 26. März 2025 online« ist. Und da findet sich auf der »Webseite der Landeshauptstadt Wiesbaden« folgender Text. [Nicht gekürzt und nicht verändert!]. J.

Axtmann, Otto Ludwig (gen. Horst); Filmjournalist, Verleger; geboren: 27.06.1917 in München; gestorben: 19.10.1995 in Wiesbaden. Nach dem Studium der Zeitungswissenschaften in München begann Axtmann seine berufliche Laufbahn als Journalist, ehe sie der Zweite Weltkrieg unterbrach. 1946 eröffnete er in München ein Pressebüro, das unter anderem die Mitteilungen des Verbandes bayrischer Filmtheater herausgab. Ein Jahr später wurde er Korrespondent der in Baden-Baden erscheinenden Fachzeitschrift »Illustrierte Filmwoche«. Anfang 1950 übernahm er die Chefredaktion des »Filmecho« in Hamburg. Mit dem offiziellen Organ des damaligen Wirtschaftsverbandes der Filmtheater siedelte er wenige Monate später nach Wiesbaden um, wo wichtige Zweige des sich neu formierenden bundesdeutschen Filmproduktions- und Filmverbandswesens ihren Sitz fanden. 1962 übernahm er auch die »Filmwoche« und verschmolz beide Zeitschriften zu einem gemeinsamen Titel. Sieben Jahre später kamen die »Filmblätter« hinzu. Unter seiner Leitung wurde »filmecho/filmwoche« zum zentralen (zwischen 1969 und 1975 einzigen) Fachorgan der deutschen Filmwirtschaft. In seinen regelmäßigen Kolumnen stritt er für den qualitätsvollen, zugleich kommerziell erfolgreichen Kinofilm. Er scheute vor Kontroversen (besonders mit Vertretern des sogenannten neuen deutschen Films der 1960er-Jahre) nicht zurück, appellierte aber auch stets an die einheitliche Interessenlage der gesamten Branche. Daneben brachte er einen seit 1950 jährlich erscheinenden Verleih-Katalog heraus und galt als Mit-Initiator der vom Hauptverband der Filmtheater und »filmecho/filmwoche« gestifteten »Goldenen Leinwand« für besondere Kinoerfolge. 1969 gab er die redaktionelle Leitung der Zeitschrift ab und blieb bis zu seinem Tod ihr Herausgeber. Der Verlag Horst Axtmann GmbH hat auch 2016 seinen Sitz in Wiesbaden.

Hallo Eugen, ja der obige Text wurde von Friedemann Beyer geschrieben, der es sicher besser wußte. Ernst Klee hat 2007 in seinem »Kulturlexikon zum Dritten Reich — Wer war was vor und nach 1945« den Werdegang dieses Mannes vom Völkischen Beobachter bis zur Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) so beschrieben:

Axtmann, Otto Horst. Jugendschriftleiter beim NSDAP-Zentralorgan Völkischer Beobachter München. *27.6.1917 (!). 1937 NSDAP (Nr. 5 917445).

1938 Jugendbuch: Kinder werden Pimpfe. 1939: Marsch des Glaubens. Ein Buch vom Hitlermarsch der HJ. 1939 Wehrmacht. 1941 Lied vom Spaten. Tagebuch eines Arbeitsmannes. 1941: Wir schreiten zum Sieg! Frontgedichte. 1943 Leutnant. Nach 1945 als Horst Otto Axtmann Filmjournalist. Chefredakteur der Fachzeitschriften Filmecho, Filmvorführer, Filmtechnikum. Verlag Horst Axtmann GmbH in Wiesbaden. Journalisten-Handbuch 1960: Im Arbeits- und Hauptausschuss der freiwilligen Selbstkontrolle der Deutschen Filmwirtschaft (FSK). Q.: Literatur-Kürschner 1943; Stockhorst.

Das klingt doch gleich schon ganz anders. Und wie peinlich ist doch der Text von Friedemann Beyer. J.

Dr. Alfred Bauer
Buchbesprechung aus dem Völkischen Beobachter Ausgabe Wien

Hallo Eugen, Du hast Recht. Das Verstecken der Nazibiografie von Otto Ludwig, genannt Horst Axtmann [18 Jahre später!!] ist peinlich. Aber es erklärt immerhin, warum in genannter Zeitschrift Nachforschungen über den Werdegang von Dr. Alfred Bauer nie stattgefunden hatten. Und nun kommst wieder Du. J.

Tier Nilpferd
Zeichnung Helga Bachmann

PDF Herausgeber Horst Axtmann

Briefe an Eugen (LXV-65) Staudte im Russischen Sektor

Hallo Eugen

PDF Briefe an Eugen (LVXV) Staudte im Russischen Sektor

Scherl Adressbuch Berlin 1940


Bambergerstraße 47 (1945)

Hallo Eugen, ja, Dein Einwand, das es keine Zeitzeugen mehr gibt, die das bestätigen könnten, ist nicht von der Hand zu weisen. Aber was haben uns die Zeitzeugen denn bisher genutzt? Die ham ja die schlimmen Sachen auch alle für sich behalten. Als ich jedenfalls 1970 mit dieser S-Bahn von Lankwitz nach Gesundbrunnen gefahren bin (Jeden Morgen um 6.30 Uhr, um zum Bauplatz der Gleisbaufirma Max von Knoblauch GmbH in der Swinemünderstraße neben Grundstück Nummer 46 zu kommen) waren es insgesamt 12 Stationen (Lankwitz und Gesundbrunnen eingeschlossen) von denen allerdings nicht alle „bedient“ wurden. Da hielt die S-Bahn nicht an, sodaß man weder ein- noch aussteigen konnte. Nur an der Friedrichstraße hielt die S-Bahn an. Dort gab es zollfrei Zigaretten und Schnapps zu kaufen. Man durfte sich aber beim Aussteigen und Verlassen des S-Bahngeländes nicht erwischen lassen. Meine Lieblingsmarke war damals Pall Mall, und nun kommst wieder Du, J.

Hallo Eugen, wie lange die von Lankwitz nach Gesundbrunnen gebraucht hat? Hab ich vergessen. Jetzt braucht sie beim Halt an allen zwölf Haltestellen 32 Minuten und um Deinen Wissensdurst zu löschen: Die Ringbahn der S-Bahn braucht, egal ob sie links oder rechtsrum gefahren ist, 60 Minuten. Wie das 1970 war? Die konnte man damals ja gar nicht nutzen, weil sie oben rum gefahren ist und an der Mauer angehalten wurde. Und noch was. Die Westberliner, nicht alle natürlich, aber viele, fanden das doof dass die Westdeutschen (also wir) die S-Bahn benutzt haben, weil sie ja vom Osten war. Und übrigens auch ganz billig, und nun kommst wieder Du. J.

Hallo Eugen, ja natürlich gabs und gibs Korruption auch anderswo. Da gab es nach dem Krieg am Gesundbrunnen noch ein großes Kino, das habe ich erst viel später erfahren. Eins mit mehr als 1.500 Plätzen. Das hieß nach dem Krieg „Corso Kino“. Da fand 1951 unter anderem die erste Berlinale statt. Das war nach dem Krieg der Französische Sektor, der an den Russischen Sektor grenzte. Und die hatten ja die Ostmark, die viel weniger Wert war. Kurs war, glaub ich mich zu erinnern 1:7. Und die Zuschauer aus dem Osten, also dem russischen Sektor, konnten dann in Ostmark bezahlen. Und der Kinobesitzer bekam die Differenz in Westmark erstattet. Mehr Geld konnte man als Kinobesitzer nicht machen. Nach dem 13. August 61 war damit dann Schluß. Aber bis dahin war das ein gutes Geschäft. Die Geschichte dieses Kinos habe ich dann erst viel später erfahren, aber das ist eine andere Geschichte, nun kommst wieder Du, J.

Hallo Eugen, was ich da gemacht habe, bei der adligen Firma von Knoblauch? Ja eben Gleisbau und die Dehnungsfugen an der Stadt-Autobahn repariert. Wieviele Leute da gearbeitet haben? Na die „Gewerblichen“ waren zwölf und dann gab es noch welche im Büro. Was mir noch einfällt: In der Swinemünder Straße neben dem Grundstück Nummer 46 gab es 6 große Schuppen, in denen die Werkzeuge untergebracht waren. Was man so braucht im Gleisbau. Große Schlüssel für die Schwellenschrauben, Spitzhacken, Schaufeln, Spaten und die kleinen Maschinen zum Bohren, Schleifen und zur Stromerzeugung. Ein Kriegsversehrter, so nannten sie den, war angestellt um darauf aufzupassen, daß nix geklaut wurde. (Es gab auch noch einen Schäferhund, der ihm dabei half, beim Aufpassen). Du wirst es nicht glauben in welchen Mengen die Werkzeuge vorhanden waren. Ich hab nicht gezählt, aber ungelogen, das waren mindestens 200 Schaufeln und Spitzhacken. Das erweckte sofort meine Neugier und Max, der Kriegsversehrte, der schon seit Kriegsende dort beschäftigt war hat es mir dann in einer ruhigen Minute, die es auch gab, erzählt. Es gab ja nach dem Krieg viele Förderprogramme zur Trümmerbeseitung in Berlin. Du kennst doch noch die 2 Pfennig Briefmarke „Notopfer Berlin“? Also die Schaufeln wurden an Männer ausgegeben, die auf den Baustellen morgens erscheinen sollten. Dann kam einer vom Senat, hat die Personen gezählt und dafür gabs dann Geld. Wieviel das war, wußte Max natürlich nicht. Als der vom Senat wieder weg war, durften die „Schauspieler“ wieder nach Hause, die „Baustelle“ verlassen . Ungefähr 20 Westmark gabs dafür, hatte mir Max erzählt. Viel Geld zu der Zeit. Das war nach der Einführung der DM. Der adlige Unternehmer hat natürlich das meiste Geld eingestrichen und nur einen kleinen Teil an die „Schauspieler“ weitergegeben. Ich glaub, die Korruption ist eine Berliner Erfindung. Und nun kommst wieder Du, J.

Hallo Eugen, in dem Film „Rotation“ von Wolfgang Staudte, der 1949 in die Kinos kam, wird die Sprengung am Gleisdreieck am 2. Mai 1945 gezeigt. Die S-Bahn fährt an dieser Stelle unter dem Landwehrkanal durch. Die Sprengung, so ist die Vermutung, wurde von Fachleuten durchgeführt. Der S-Bahn Tunnel wurde zu dieser Zeit als Luftschutzbunker genutzt. Durch die Sprengung gelangte das Wasser aus dem Landwehrkanal in den Tunnel und es sind haufenweise Menschen ertrunken. In der Aufarbeitung dieser Geschichte, die bei Staudte noch sonnenklar war, ist es zu zahlreichen Spekulationen gekommen. So kurz vor der Kapitulation einen Tunnel sprengen? Vielleicht, und so kommt eine weitere Spekulation in die Geschichte, ist es so gewesen: Dort hatte die SS eine Sprengfalle vorbereitet, die durch die Bomben eines amerikanischen Luftangriffs in Gang kam. Wär doch möglich? Und nun kommst wieder Du, J.

Hallo Eugen, nein die hieß natürlich nicht Ostmark. Die hieß Mark der DDR. Würde mich nicht wundern, wenn die aus Westberlin in Ostberlin das Brot für Ostmark gekauft haben, J.

Hallo Eugen, Dich interessiert die andere Geschichte? Ja die ist wirklich ein bißchen lang. Also die erste Berlinale 1951 wurde von einem Nazi organisiert. Und zwar einem, der sich gut getarnt hatte. Er kannte dieses Kino, das 1932 Lichtburg hieß, gut. Denn die Firma, in der er ab 1941 gearbeitet hatte, hatte dieses Kino einem Juden weggenommen. Einem, dem die Flucht gelungen war und der aus diesem Grunde überlebt hatte. Der ist dann nach dem Krieg nach Berlin zurückgekommen ist. Und nun kommst wieder Du,. J.

Oscar Martay US- Offizier (Film Offizier der amerikanischen Militärregierung)

Hallo Eugen, wie das passieren konnte? Der Mann hat eben Glück gehabt. J.

Hallo Eugen, wie das Glück aussah? Ja, die Umstände eben. Für manche Menschen war das überhaupt kein Glück. Für ihn aber schon. In Würzburg hatte er vor dem Krieg studiert und eine Doktorarbeit geschrieben. Irgend was mit Film. Vorraussetzung für den Job bei der Reichsfilmkammer in Berlin. Als der Krieg dann verloren war und einem Offizier der US-Army die Berlinale einfiel (Oscar Martay), war er nur die zweite Wahl. Vor ihm einer, dessen Ruf als Obernazi schon bis nach Hollywood gelangt war (Oswald Cammann-„Nazi Movie Moguls Powerful in Germany“, in „The American Jewish World“, 19. Januar 1951, S. 6). Diese amerikanische Zeitung kannte diesen Obernazi, den sie da zum Direktor der Berlinale machen wollten. Also wurde Kandidat Nr. Eins aussortiert.

Lichtburg_Berlin_Grundriss_und_Schnitt

Universität Würzburg 1945

Kandidat Nr. Zwei hatte das Glück, das ein Bomberkommando aus 280 Flugzeugen Würzburg kurz vor Kriegsende in Schutt und Asche gelegt hatte. Sein Glück war, auch das Archiv der Dissertationen war verbrannt. Seine Dissertation auch. Nicht mal an den Titel dieser Arbeit konnte er sich nach Kriegsende erinnern. Damit war viel Beweismaterial für seine Nazivergangenheit beseitigt. Dann kam ihm auch noch Stalin mit seiner Blockade zu Hilfe. Westberlin sollte ausgehungert und eingemeindet werden und wurde von den Amis deshalb über eine Luftbrücke versorgt. Da hatten die Verantwortlichen von Westberlin anderes zu tun, als sich um die Vergangenheit ihres Berlinale Direktors zu kümmern. Immerhin kannte dieser ein Kino am Gesundbrunnen, das für die erste Berlinale geradezu geschaffen war. Größe: 1.500 Sitzplätze. Standort: Französischer Sektor an der Grenze zum Russischen Sektor, waren dabei ausschlaggebend. Und nun kommst wieder Du, J.

Lichtburg Berlin Gesundbrunen Nachtfoto

Hallo Eugen, was mit dem Besitzer des Kinos passiert ist? Der kam nach Deutschland zurück und hat seine Ansprüche vor Gericht geltend gemacht. Aber, als er starb, war der Restituionsprozeß vor einem deutschen Gericht noch nicht entschieden. Und nun kommst wieder Du, J.

Lichtburg Kino Berlin Gesundbrunnen 1932

1951 Berlinale
Weisse Bär aus Berlin
Foto Jens Meyer

Hallo Eugen, wie es mit dem Berlinale Direktor weiterging? Am Anfang gab es noch Fragen und Hinweise, aber der Mann hat das Rampenlicht nicht so sehr gesucht. Und nach 25 Jahren im Amt hatte er sich eine gute Pension erarbeitet. Bis jemand nach seinem Tod auf die Schnappsidee kam, nach seiner Person einen Berlinale Preis aus der Taufe zu heben. Keinen goldenen, aber einen silbernen Bären. Sein Nachfolger als Berlinale Direktor war ein Redakteur der Zeit (Die Zeit-Wolf Donner), der sich mit den Schuhkartons des Herrn Riech, der die Ufa Kinos gekauft und entsprechend umgebaut hatte, angelegt hatte. Und so kam es dann wohl, daß viele Jahre später, eine von der Zeit angestellte Filmjournalistin sich doch mal mit diesen alten Geschichten von damals beschäftigt hatte. Ein „Hobby Filmhistoriker“ hatte sie drauf gebracht. Da sind sie dann alle aus allen Wolken gefallen. Das ist noch gar nicht so lange her. Wir von der Medienberatung hatten ihnen vorgeschlagen, sie sollten doch einfach die Farbe des Bäres ändern. Ham se nich jemacht. Und braune Bären sind ja in der Natur viel häufiger anzutreffen, als diese angemalten silberen Bären. Und nun kommst wieder Du, J.

Les Fantomes de Staline aus Cahiers du Cinema Januar 1990
Special URSS

Hallo Eugen, ob es einen Nachfolger Preis gibt? Habe so was nicht bemerkt. Es gab ein Bohei, aber jetzt ist es auch schon wieder vergessen, und nun kommst wieder Du, J.

Hallo Eugen, ja ich kenne den Namen dieses Hobby Historikers, aber der möchte nicht, dass sein Name wieder irgendwo auftaucht. Der Zusammenhang stört ihn zu Recht. Aber Eugen, es gibt ja das Netz. Und wie ich Dich kenne, wird Dir eine Suche nicht schwer fallen. Und nun kommst wieder Du, J.

Hallo Eugen, ja das ist richtig. Wenn die, die da aus den Wolken gefallen sind schon 1972 auf die Hinweise von Wolfgang Becker und Jürgen Spiker reagiert und vielleicht einmal ihre Dissertationen gelesen hätten. Ich will das mit der Fahrradkette nicht wiederholen. Und, den Namen gefunden? Na, jedenfalls kommst jetzt wieder Du, J.

Hallo Eugen, Du bist aber auch neugierig. Woher ich die beiden Fotos von Wolfgang und Fritz Staudte habe? Die stammen aus dem „Almanach der Filmschaffenden von 1943“. Das habe ich mal in einem Antiquariat gefunden. Hat mich damals 120 Mark gekostet. Und ich hatte lange überlegt, ob ich das Geld ausgeben und das Buch wirklich haben wollte. Auf der ersten Seite ein Bild des Herausgebers und ein Vorwort von ihm. (Die Bilder wurden von den Darstellern selbst zur Verfügung gestellt, steht auf Seite 2). Auf jeder Seite zwei Fotos. Auf Seite 272 die beiden Staudtes. Und nun kommst wieder Du, J.

Hallo Eugen, ja das Foto von Recha und Karl Wolffsohn stammt aus dem Buch von Ulrich Döge. Dort befindet es sich auf Seite 26, wie Du siehst. Die Fotografin oder der Fotograf ist in dem Buch nicht angegeben, oder ich hab es nur nicht gefunden, J.

Hallo Eugen, ja dick ist das Buch auch. Das Buch von der Reichsfilmkammer. Es hat 543 Seiten und einige fehlen auch schon. Herausgegeben vom Reichsfilmintendanten in Max Hesses Verlag Berlin. Druck : Großdruckerei Erich Thieme, Berlin-Niederschöneweide, Haselwerder Straße 27-31. Und jetzt bist wieder Du dran, J.

Hallo Eugen, danke der Nachfrage. Ja, ein Buch über die Aufarbeitung der Tätigkeit des ehemaligen Berlinale Direktors gibt es auch. Zwielicht genannt. Hier ist der Umschlag. Kann man kaufen. Aber da steht auch nur drin, was Du jetzt schon alles weisst. Und nun kommst wieder Du, J.

Dr._Alfred_Bauer
Berlin
Foto Jens Meyer (Man beachte bitte auch, wer diese Tafel finanziert hat)

Brief der Berliner Gaswerke
Brief der Berliner Gaswerke vom 3. September 1944 an den Oberfinanzpräsidenten Berlin Brandenburg (Die Ausplünderungsbehörde der Nazis)
Zeichnung Helga Bachmann

Briefe an Eugen (LXIV-64) Schöne Stunden sehen anders aus

Hallo Eugen
Römische Zahlen

Hallo Eugen, wieder mal ein Griff ins Buchregal. Ja es war damals bei Erscheinen (2008) ein ärgerliches Buch. Hier kommt zur Erinnerung die Buchkritik von damals. Etwas aktualisiert. J.

Das Foto stammt von Mark Lissauer (Australien). Gemacht im Juli 1931. Grindelallee 116-118 Hamburg. Mark Lissauer ist der kleine Junge, der im vierten Stock auf dem Balkon zu sehen ist. Neben ihm steht die Hausbesitzerin Ranette Salfeld und ihre Tochter Elisabeth Fanny Salfeld. (Nach der Heirat: Elisabeth Fanny Lilienthal). Von Ranette Salfeld haben wir bisher kein Foto gefunden.

PDF Schöne Stunden sehen anders aus

Foto von Mark Lissauer
Architekt des Deutschlandhaus
Fritz Block vom Architektur Büro Block & Hochfeld (Fritz Block & Ernst Hochfeld) (Deutschlandhaus) Inzwischen abgerissen und von einem Nachbau ersetzt.
Elisabeth Fanny Salfeld Tochter von Ranette Salfeld und Emil Salfeld

Block & Hochfeld
Carl Später Eisenbau Foto Fritz Block
Block & Hochfeld
Deutschlandhaus Foto Jens Meyer
Creative commons.org
cc
Tier Nilpferd
Zeichnung Helga Bachmann

Briefe an Eugen (LXII-62) Renate Holland-Moritz (III)

PDF Briefe an Eugen Holland Moritz Geschmacksgleiche

Renate Holland Moritz

Renate Holland-Moritz. (übrigens kommt die merkwürdige Haltung durch den Umstand hervor, dass Renate Holland Moritz in einem Liegestuhl sitzt, als sie von dem unbekannten Fotografen fotografiert wurde. Das hier abgebildete Foto ist also nur ein Ausschnittt aus einem anderen Foto. So kommt das alles zustande.)

Zeichnung Helga Bachmann