Briefe an Wiebeke (XVIII) Nur bei uns!

Romische Zahlen am BUG

hallo Wiebeke. Woher ich das habe? Da gabs mal einen Laden in Hamburg und in fast jeder deutschen Großstadt. Ihr Hauptgeschäft: Schallplatten und Bücher mit dem Alleinstellungshinweis: Nur bei uns. Ja einen Brotladen mit dem Alleinstellungsmerkmal: Nur hier gab es auch mal in Hamburg. Oder gibt es den gar noch? Ich weiß es nicht. Jedenfallls, die mit den Büchern und Schallplatten Nur bei uns, die haben den Text des Gedichtes auf ihre Verkaufstüten gedruckt. Später habe ich dann festgestellt, das von dem Gedicht von Heinrich Heine immer nur die vierte Strophe abgedruckt wird. Das hat ein wenig Ähnlichkeit mit unserer Hymne, wo ja auch nur immer eine Strophe genannt oder gesungen wird.

Das ganze Gedicht hat vier Strophen:

AN EINEN POLITISCHEN DICHTER

Du singst, wie einst Tyrtäus sang,
Von Heldenmut beseelet,
Doch hast du schlecht dein Publikum
Und deine Zeit gewählet.

Beifällig horchen sie dir zwar,
Und loben, schier begeistert:
Wie edel dein Gedankenflug,
Wie du die Form bemeistert.

Sie pflegen auch beim Glase Wein
Ein Vivat dir zu bringen
Und manchen Schlachtgesang von dir
Lautbrüllend nachzusingen.

Der Knecht singt gern ein Freiheitslied
Des Abends in der Schenke:
Das fördert die Verdauungskraft,
Und würzet die Getränke.

(Es befindet sich in der mir vorliegenden Ausgabe: Heinrich Heines Sämtliche Werke in zwölf Bänden im Dritten Band auf Seite 147, erschienen (ohne Jahresangabe) in Max Hesses Verlag in Leipzig. Glaubt man den Herausgebern, dann ist das Gedicht zwischen 1840 und 1850 entstanden.

Beim Suchen in der zwölfbändigen Ausgabe (Es handelt sich dabei um vier Bücher: 1-3 / 4-6 / 7-9 / 10-12) habe ich noch andere interessante Texte von dem Herren gefunden.:

„Die Philosophen zerstörten in ihrem Kampfe gegen die Religion die heidnische, aber eine neue, die christliche, stieg hervor. Auch diese ist bald abgefertigt, doch es kommt gewiß eine neue, und die Philosophen werden wieder neue Arbeit bekommen jedoch wieder vergeblich: die Welt ist ein großer Viehstall, der nicht so leicht wie der des Augias gereinigt werden kann, weil, während gefegt wird, die Ochsen drin bleiben und immer neuen Mist anhäufen.“ (Aus: Heinrich Heines sämtliche Werke in zwölf Bänden. Max Hesses Verlag Leipzig. Zwölfter Band, Vermischte Schriften, Seite 154)

“Daß ich Christ ward, ist die Schuld der Sachsen, die bei Leipzig plötzlich umsattelten, oder Napoleons, der doch nicht nötig hatte, nach Rußland zu gehen, oder seines Lehrers, der ihm zu Brienne Unterricht in Geographie gab und ihm nicht gesagt hat, daß es zu Moskau im Winter sehr kalt ist.“ (Aus: Zwölfter Band. Seite 147)

Gedanken und Einfälle.*)

I. Persönliches

“Ich habe die friedlichste Gesinnung. Meine Wünsche sind: eine bescheidene Hütte, ein Strohdach, aber ein gutes Bett, gutes Essen, Milch und Butter, sehr frisch, vor dem Fenster Blumen, vor der Thür einige schöne Bäume, und wenn der liebe Gott mich ganz glücklich machen will, läßt er mich die Freude erleben, daß an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden. Mit gerührtem Herzen werde ich Ihnen vor ihrem Tode alle Unbill verzeihen, die sie mir im Leben zugefügt – ja, man muß seinen Feinden verzeihen, aber nicht früher, als bis sie gehenkt worden.“

(Aus: Zwölfter Band, Seite 147)

*Anmerkung des Herausgebers Gustav Karpeles: „Die nachstehenden Aphorismen sind aus den Nachlaßpaieren Heines gesammelt und verdanken ihre Entstehung der Gewohnheit des Dichters, jeden Gedanken, der ihm späterer Verarbeitung würdig erschien, in der Form wie ihn der Augenblick erzeugte, einzeln zu Papier zu bringen. Der Herausgeber“.

Heinrich Heine, Sämtliche Werke in zwölf Bänden, Max Hesses Verlag Leipzig. Ohne Jahresangabe. Herausgegeben von Gustav Karpeles. Im Suchmaschinen Antiquariat wird diese Ausgabe in Halbleder meist mit den Jahreszahlen 1900/1905 und 1910 datiert. Die Verkaufspreise schwanken zwischen 25,00 € und 40,00 € für vier Bände. Im ersten Band gibt es zwei Vorreden von Heinrich Heine geschrieben: Die Vorrede zur zweiten Auflage geschrieben in Paris im Frühjahr 1837 und die Vorrede zur dritten Auflage, geschrieben in Paris am 20. Februar 1839. Die vorgestellte Biographie wurde von Gustav Karpeles geschrieben und umfaßt 156 Seiten. Ich habe mir vorgenommen, wenn mir mal langweilig ist, diese Biografie zu lesen. Ja Wiebeke ich weiß, das wolltest Du alles gar nicht wissen, aber so ist das nun mal bei Brieffreundschaften, da kann man den Redefluß gar nicht stoppen mit dem berühmten Satz, das hast Du mir schon vier mal erzählt. Am besten ist immer noch, den Kelch ohne Bemerkung vorbeigehen lassen. Das spart Zeit, J.

PDF Heinrich Heine Geburtsort

PDF-Briefe-an-Wiebeke-XVIII

Die in der Nacht sich umgedreht, den Mantel nach dem Winde hängen und sich zu jedem Staat bekennen, das sind die Praktiker der Welt – man könnte sie auch Schurken nennen

Die über Nacht sich umgedreht. In der Taz hatte ich gelesen: “Die über Nacht sich umgedreht, zu jedem Staate sich bekennen, das sind die Praktiker der Welt – man könnte sie auch Schurken nennen.“ Dort wurde dieses Gedicht dem Herrn von Goethe zugeordnet, was aber nach der Meinung meiner Freundin Sabine, die sich viel mit Literatur beschäftigt, nicht sein kann. Der Geheime Legationsrat Johann Wolfgang von Goethe hätte so was niemals geschrieben war ihre Meinung. Der Dichter Beamte! Heute nun konnte ich Sabine berichten, welche Ergebnisse meine zweimonatige Suche nach diesem Text gehabt haben. Aber Eugen! Natürlich habe ich dich dabei nicht vergessen! Eugen! Ich weiß, wie wichtig dir die Antworten auf solche letzte Fragen sind. Auch in Corona Zeiten. So viel Zeit muß sein. Es darf nicht weitere zwölf Jahre bei www.Taz.de liegen, ohne dass jemand Notiz davon nimmt. Durch das Liegenbleiben oder Liegenlassen, das wissen wir beide, wird nichts besser.

Der Leserbriefschreiber aus Pulsnitz hat es den letzten Fragen der taz angedient. Schon am 9. Februar 2008!! Dort hat es nun zwölf Jahre herumgelegen. Die Behauptung, das Gedicht oder der Aphorismus sei von unserem Beamten Dichter Johann Wolfgang von Goethe. Geboren am 28. August 1749. Nur nebenbei: Erst ab 1782 verwendet er das von! von Goethe!

Nur noch mal zur Klarheit und damit es keine Mißverständnisse gibt: Wer diesen Text in eine Suchmaschine eingibt: Wer in der Nacht sich umgedreht, den Mantel nach dem Winde . . . landet bei der Suchmaschine Google automatisch auf der Taz Seite mit der Beantwortung der letzten Fragen. Eine Vermutung, der Text stamme nicht von von Goethe, sondern von Heinrich Heine führte mich dazu, ein wunderbares Büchlein zu kaufen (Sehr zu empfehlen) „Heine Sämtliche Gedichte“. Dünndruck. (Sämtliche Gedichte in zeitlicher Folge. Herausgegeben von Klaus Briegleb. Insel Taschenbuch 1963). Die 917 Seiten habe ich alle gelesen, aber das gesuchte Gedicht dort nicht gefunden.

Weitere Befragungen (z. B. im Buchladen in der Osterstrasse – 40 Jahre Buchladen Osterstrasse!!) führten mich zu Frage, ob vielleicht Goethe Kenner unter meinen Freundinnen und Freunden seien. Was merkwürdiger Weise nicht der Fall war. Die Buchhändlerin in der Osterstrasse hat mir dann geraten, mich in die HÖB (Hamburger Öffentliche Bücherhalle) am Hauptbahnhof zu setzen und die Gesamtausgaben von von Goethe zu studieren (was ich nicht gemacht habe). Aber dann habe ich im Antiquariat Pabel gefragt, ob sie vielleicht wissen, wem dieser Text zuzuordnen ist. Und heute morgen hat mir die Buchhändlerin mitgeteilt, was sie da herausgefunden hat. Eigentlich eine typisch deutsche Suche. Sie hat herausgefunden, wer diese Zeilen wirklich gedichtet hat und wem diese Zeilen noch so alles zugeschrieben werden. Ich würde sagen: Eine deutsche Suche hat jetzt ein Ende gefunden. Leider: Kein Heine. Kein Wilhelm Busch. Kein Goethe!

Welche Hilfsmittel ihr geholfen haben, weiß ich nicht. Vermutlich werden auch bei ihr Suchmaschinen mit im Spiel sein. Und jetzt habe ich auch kaum noch Zweifel an den Ergebnissen, wer dieses Gedicht, dass Heine, Goethe und Wilhelm Busch (Max und Moritz) zugeschrieben wird, in Wahrheit geschrieben hat. Also noch mal: Es ist nicht von Heine, nicht von von Goethe oder von Wilhelm Busch. NEIN!

Der Verfasser heißt: Bogislav Freiherr von Selchow. In seinem Gedichtbuch, das 1921 erschienen sein soll, soll es abgedruckt sein. Bogislav Freiherr von Selchow lebte vom 4. Juli 1877 – bis zum 6. Februar 1943 in Deutschland und wurde in Berlin beerdigt.

Von Beruf war Boguslaw, wie er auch genannt wird, Fregattenkapitän. Eugen, du kennst meine Biografie wie kein anderer. Ja, auch ich habe eine Seefahrtszeit hinter mir. Und richtig, auch an der Herstellung einer Fregatte war ich zeitweise beteiligt. Habe sie mitgebaut. Und deswegen war mir der Fregattenkapitän einige Momente lang irgendwie nah. Aber dann doch nicht mehr. Nachdem ich die Bewertung der Uni Marburg (die ihn einst verehrte) im Internet gelesen hatte:

Bogislav Freiherr von Selchow (04.07.1877-06.02.1943), Fregattenkapitän a. D. . Von Selchow kämpfte nach seinem Ausscheiden aus der Marine als Kommandant des Studentenkorps Marburg, einem bewaffneten Zeitfreiwilligenverband der Reichswehr, und als Anführer der paramilitärischen „Organisation Escherich“ in Westdeutschland gegen die Weimarer Republik. In seinen antisemitischen, völkisch-nationalistischen und republikfeindlichen Schriften trat er für den NS-Staat ein. Die Beteiligung an der Ermordung politischer Gegner konnte ihm nicht nachgewiesen werden. In dem bereits 1920 als Justizskandal wahrgenommenen Prozess gegen Mitglieder des Marburger Studentenkorps verteidigte von Selchow jedoch die Erschießung von 15 unbewaffneten Arbeitern nahe Mechterstädt und den anschließenden Freispruch durch das Kriegsgericht in Marburg. Die Ehrensenatorwürde wurde ihm am 09. 07. 1939 im Rahmen des vom Nationalsozialistischen Studentenbund veranstalteten Marburger Studententags „für seinen Kampf für die nationalen Ideale“ verliehen. Die Ehrung ist aus heutiger Sicht untragbar. Der Senat der Philipps-Universität Marburg missbilligt und distanziert sich von der Verleihung der Ehrensenatorenwürde. Er verurteilt das menschenverachtende Wirken von Selchows in der Weimarer Republik auf das schärfste.

Immerhin auf der Internet Seite der betreffenden Uni Marburg gefunden. Das hätten wir doch nicht gedacht oder? Und dieses Wissen verdanken wir der Buchhändlerin vom Antiquariat Pabel. Wieder etwas, was wir eigentlich gar nicht wissen wollten.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text, Ich kenn‘ auch die Herren Verfasser; Ich weiß, sie tranken heimlich Wein. Und predigten öffentlich Wasser. (Aus: Heinrich Heine. Deutschland. Ein Wintermärchen)

Heinrich Heine, Sämtliche Gedichte in zeitlicher Folge, herausgegeben von Klaus Briegleb als Insel Taschenbuch, Dünndruckausgabe, Seite 441. Überschrift: Gegen Tendenzdichter. 3 (1837 – 1844)

 Du singst wie einst Tyrtäus sang,
 Von Heldenmut beseelet,
 Doch hast du schlecht dein Publikum  
 Und deine Zeit gewählet. 
 
 Beifällig horchen sie dir zwar,
 Und loben schier begeistert:
 Wie edel dein Gedankenflug,
 Wie du die Form bemeistert. 
 
 Sie pflegen auch beim Glase Wein
 Ein Vivat dir zu bringen,
 Und manchen Schlachtgesang von dir
 Lautbrüllend nachzusingen. 
 
 Der Knecht singt gern ein Freiheitslied
 Des Abends in der Schenke:
 Das fördert die Verdauungskraft  
 Und würzet die Getränke. 

Nachtrag:

Originalton aus der Taz vom 9. Februar 2008, Letzte Fragen:
“Wer der Zeit hinterherhinkt, wie Erich Honecker: „Der antifaschistische Schutzwall wird noch in hundert Jahren Bestand haben“, oder ihr vorauseilt, wie Giordano Bruno: „Die Erde steht nicht starr im Mittelpunkt der Welt“, hat es schwer in der jeweiligen Zeit. Nur die sich dem Zeitgeist anpassen, wie zum Beispiel Günter Schabowski und Wolf Biermann, kommen ganz gut zurecht. Hier erinnere ich an den Aphorismus von Johann Wolfgang von Goethe: „Die in der Nacht sich umgedreht, den Mantel nach dem Winde hängen und sich zu jedem Staat bekennen, das sind die Praktiker der Welt – man könnte sie auch Schurken nennen!“ von Erhard Jakob, Pulsnitz.


Bleiben ein paar Fragen. Stimmt die Herkunft der Zitate, die von Erhard Jakob aus Pulsnitz den Autoren Giordano Bruno und Erich Honecker zugeordnet werden? Ich habe es nicht überprüft. Wobei der Wechsel vom Freiherr zum Geheimen Legationsrat teilweise der Tatsache geschuldet ist, das die Militärregierung (wie wir das im Westen genannt haben) die Bücher des Fregattenkapitäns Bogislav Freiherr von Selchow auf die Liste der auszusortierenden Literatur gesetzt hatten. Und das hat nicht nur in der SBZ, sondern auch in der BZ (Britische Zone) in Hamburg gut funktioniert. Keine Bücher des Fregattenkapitäns im Katalog der HÖB. Vielleicht unter dem Ladentisch? Wer weiß.


Der Katalog der HÖB (Hamburger Öffentliche Bücherhallen) enthält keine Literatur (auch keine Gedichte) von Bogislav Freiherr von Selchow, aber jede Menge Literatur des Geheimen Legationsrates Johann Wolfgang von Goethe (von Goethe ab 1782). Für die Zukunft merken wir uns: Abschreiben ja. Aber noch mal selber nachsehen. So viel Zeit muß sein.
Howaldtswerke (HDW) am 18. September 1964. Stapellauf des Schiffes Maratha Progress, Heimathafen Bombay. Foto von Jens Meyer

Sonnabend, d. 18.09.1964 Stapellauf bei HDW. Maratha Progress. Foto Jens Meyer

Auch ein Pabel kann sich irren: Die Elbstrasse in Hamburg

Reinhold Pabel Alt Hamburger Strassennamen. Edition Temmen. 2. Auflage 2004. Seite 84:

ELBSTRASSE

„Bis 1899 war der Weg in Erste, Zweite und Dritte Elbstrasse geteilt. Die erste ging von den Hütten bis zur Peterstrasse, die Zweite von dort bis zum Steinweg und die Dritte bis zur Schlachterstraße.“ (Seite 85)

Offensichtlich irrt hier Reinhold Pabel. Nach dem Adressbuch von Hamburg ist es bis 1899 genau anders herum. Nach den Adressbüchern (nach Strassen und nach Namen sortiert), beginnt die Erste Elbstrasse an der Schlachterstr. (die es nicht mehr gibt) und geht bis zum Neuen Steinweg. Von da an heisst die Strasse Zweite Elbstr, die geht weiter bis zur Peterstrasse und dann kommt die Dritte Elbstrasse die geht von der Peterstrasse bis zur Marienstrasse (die es auch nicht mehr gibt). 1900 wird dann alles anders. 1900 ist die Richtung die gleiche aber die Nummerierung wechselt. Die ungeraden Zahlen sind von der Mühlenstrasse links (Nummer 3) bis zu Hütten Nummer 149. Die geraden Zahlen sind gegenüber und beginnen rechts von Schlachterstrasse mit der Nummer 4 bis zur Marienstrasse Nr. 134. Die Marienstrasse gibts auch nicht mehr. Und die Elbstrasse ist in Neanderstrasse umgetauft worden. Warum eigentlich? Passiert ist es 1946. Warum wurde die alte Elbstrasse in Neanderstrasse umgetauft? Die alte Bebauung von 1900 ist fast komplett weg. (Krieg?). Bemerkt wurde der Vorgang von mir erst als ich die »Israelitische Armenschule Talmud Tora Schule« von 1805 unter der genannten Anschrift Elbstrasse 122 gesucht und nicht gefunden habe. So eine lange Elbstrasse gab es bis 1900 nicht. Die war in drei Teile geteilt (Erste, Zweite und Dritte Elbstrasse). Das haben sie alle immer nur voneinander abgeschrieben, vermute ich.

Wie kommt es nun, daß die Arbeiter trotzdem weiterleben?

Darstellung der Realität im Kinderbuch – Leseprobleme von Arbeiterkindern im 19. Jahrhundert Auf dem Dachboden gefunden. Ein Text aus dem Jahr 1970:

Wie kommt es nun, daß die Arbeiter trotzdem weiterleben? „Wie kommt es nun, daß die Arbeiter trotzdem weiterleben?“ weiterlesen

Heinrich Heines Brief an Varnhagen von Ense

Ein Brief Heinrich Heine’s
an Varnhagen von Ense über Ferdinand Lassalle.

Paris, 3. Januar 1845.

Theuerster Varnhagen!

Es ist dies der erste Brief, den ich in diesem neuen Jahre schreibe und ich beginne ihn mit dem herzlichsten Glückwunsch. Möge in diesem Jahre leibliches und geistiges Wohlsein Sie beglücken. Daß Sie von körperlichen Leiden so oft niedergedrückt, höre ich mit größter Betrübniß. Ich hätte Ihnen gern zuweilen ein tröstendes Wort zugerufen, aber Hekuba ist eine schlechte Trösterin. Mir ging es nämlich in der letzten Zeit spottschlecht und das Schreiben erinnert mich beständig an mein körperliches Mißgeschick: ich kann kaum meine eigenen Schriftzüge sehen, indem ich ein ganz geschlossenes und ein bereits sich schließendes Auge habe und jeder Brief mir nur neue Pein verursacht.

Ich ergreife daher mit innigster Freude die Gelegenheit, Ihnen durch einen Freund mündlich Nachrichten von mir zukommen zu lassen und da dieser Freund in alle meine Nöthe eingeweiht ist, so kann er Ihnen umständlich mittheilen, wie entsetzlich mir von meinen nächsten Sippen mitgespielt worden und was etwa in dieser Beziehung noch für mich zu thun wäre.

Herr Lassalle, der Ihnen diesen Brief bringt, ist ein junger Mann von den ausgezeichnetsten Geistesgaben, mit der gründlichsten Gelehrsamkeit, mit dem weitesten Wissen, mit dem größesten Scharfsinn, der mir je vorgekommen. Mit der reichsten Begabniß der Darstellung verbindet er eine Energie des Willens, eine Habilité im Handeln, die mich wahrhaft in Erstaunen setzen, und wenn seine Sympathie für mich nicht erlöscht, so erwarte ich von ihm den thätigsten Vorschub. Jedenfalls war diese Vereinigung von Wissen und Können, von Talent und Charakter für mich eine freudige Erscheinung und Sie bei Ihrer Vielseitigkeit im Anerkennen werden gewiß ihm volle Gerechtigkeit wiederfahren lassen.

Herr Lassalle ist nun einmal so ein ausgezeichneter Sohn der neuen Zeit, der nichts von jener Entsagung und Bescheidenheit wissen will, womit wir uns mehr oder minder in unserer Zeit hindurchgelungert und hindurchgefaselt.

Dieses neue Geschlecht will genießen und sich geltend machen im Sichtbaren; wir, die Alten, beugten uns demüthig vor dem Unsichtbaren, fischten nach Schattenküssen und blauen Blumengerüchen, entsagten und flennten und waren doch vielleicht glücklicher, als jene harten Gladiatoren, die so stolz dem Kampftode entgegengehen.

Das tausendjährige Reich der Romantik hat ein Ende und ich selbst war sein letzter und abgedankter Fabelkönig. Hätte ich nicht die Krone vom Haupte fortgeschmissen, sie hätten mich richtig geköpft — —

Vor vier Jahren hatte ich, ehe ich abtrünnig wurde von mir selber, noch ein Gelüste mit den alten Traumgestalten herumzutummeln im Mondschein, und ich schrieb Atta Troll, den Schwanengesang der untergehenden Periode und Ihnen habe ich ihn gewidmet. Das gebührte Ihnen, denn Sie sind immer mein wahlverwandtester Waffenbruder gewesen, in Spiel und Ernst. Sie haben gleich mir die alte Zeit begraben helfen und bei der neuen Hebammendienst geleistet — ja, wir haben sie zu Tage gefördert unter Schrecken — es geht uns wie dem armen Huhn, das Enten-Eier ausgebrütet hat und mit Entsetzen sieht, wie die junge Brut sich in’s Wasser stürzt und wohlgefällig schwimmt.

Ich bin durch Buchhändlerkontrakt verpflichtet, den Atta Troll herauszugeben; das soll in einigen Monaten geschehen — mit Vorsicht, damit man mir nicht den Prozeß macht und mich köpft.

Sie merken, theurer Freund, wie vag‘, wie ungewiß mir zu Muthe ist. Solche schwachmatische Stimmung ist jedoch zumeist in meiner Kränklichkeit begründet. Schwindet der Lähmungsdruck, der gleich einem eisernen Reifen mir die Brust einklemmt, so wird auch die alte Energie wieder flügge werden. Ich fürchte jedoch, das wird noch lange dauern. Der Verrath, der im Schooße der Familie, wo ich waffenlos und vertrauend war, an mir verübt wurde, hat mich wie ein Blitz aus heiterer Luft getroffen, und fast tödlich getroffen.

Wer die Umstände erwägt, wird hierin einen Meuchelmords-Versuch sehen. Die schleichende Mittelmäßigkeit, die 20 Jahre lang harrte, ingrimmig neidisch gegen den Genius, hatte endlich ihre Siegesstunde erreicht. Im Grunde ist auch das eine alte Geschichte, die sich immer erneut.

Ja, ich bin sehr körperkrank, aber die Seele hat wenig gelitten. Eine müde Blume, ist sie ein bischen gebeugt, aber keineswegs welk und wurzelt noch fest in Wahrheit und Liebe.

Und nun leben Sie wohl, theuerster Varnhagen. Mein Freund Lassalle wird Ihnen sagen, wie viel und wie unaufhörlich ich an Sie denke, was um so begreiflicher, da ich jetzt gar nicht lesen kann und bei den langen Winterabenden nur von Erinnerungen mich erheitere.

Heinrich Heine

pdfHeinrichHeineBriefanVarnhagen

Ja, Madame, dort bin ich geboren, und ich bemerke dieses ausdrücklich für den Fall, daß etwa nach meinem Tode sieben Städte – Schilda, Krähwinkel, Polkwitz, Bochum, Dülken, Göttingen und Schöppenstedt – sich um die Ehre streiten, meine Vaterstadt zu sein.

Düsseldorf ist eine Stadt am Rhein, es leben da sechzehntausend Menschen, und viele hunderttausend Menschen liegen noch außerdem da begraben.

Und darunter sich manche, von denen meine Mutter sagt, es wäre besser sie lebten noch, z. B. mein Großvater und mein Oheim, der alte Herr v. Geldern und der junge Herr v. Geldern, die beide so berühmte Doktoren waren, und so viele Menschen vom Tode kuriert, und doch selber sterben mußten.“ (Heinrich Heine sämtliche Werke, Fünfter Band Kapitel VI, Seite 95)

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