Briefe an Wiebeke (XVI) Übers Pokulieren (Wilfried Berghahn)

Hallo Wiebeke.

die Pandemie hat auch ihre guten Seiten. Ich habe das Buch von Michael Wedel: „Wilfried Berghahn – Filmkritiker“ mal anders gelesen als sonst meine Buecher. Vorwiegend im Umgang mit dem Gebrauch und dem Lesen von Fremdworten. Michael Wedel hat viele Texte von Wilfried Berghahn herausgesucht. Einige davon kannte ich aus meiner Filmjugend. Die hatte ich in meiner damaligen Lieblingszeitschrift „Filmkritik“ gelesen, aber meistens nicht verstanden. Das geht mir heute natuerlich anders. Auch den Umgang mit mir fremden Worten hat sich seit dieser Zeit bei mir geaendert.

Zum Umgang mit Fremdworten: Ich habe da verschiedene Entwicklungsstufen. Erste Stufe: Wenn mir Worte fremd sind und ich ihre Bedeutung nicht erkennen kann, schaue ich nach. Zweite Stufe: war dann oft die Feststellung, das die eingesetzten Worte falsch verwendet wurden oder ihr Einsatz machte bei vielen Texten keinen Sinn. Im Gegenteil: Der Autor, oder die Autorin versteckt sich hinter etwas und taeuscht Wissen vor, das nicht vorhanden ist. Schaumschlaegerei. Vortaeuschung von Intellektualitaet, die aber auch nicht vorhanden ist. Angeberei.

Daraus folgend die dritte Stufe. Nach der Erfahrung mit Texten, wo der Einsatz der Worte fehlerhaft ist: Einfach ueberlesen und so stehen lassen. Bei den Texten von Wilfried Berghahn habe ich es anders gemacht und mir jedes mir fremde Wort nachgesehen und habe erfahren, dass es tatsaechlich Texte gibt, wo es einen Sinn macht, im Fremdwoerterbuch nachzusehen. So ist eine stattliche Summe von Worten entstanden, die in den Texten von W.B. tatsaechlich Sinn machen.

Hier eine kleine Auswahl der von ihm verwendeten Worte: denaturieren=introspektiv=puerilen=evaporieren=travestieren=ridikuele.

Und ich stelle fest. Zum ersten Mal in meinem Leben, hat mir das Fremdwoerterbuch die Sicherheit verschafft, dieser Wilfried Berghahn kennt (kannte = weil schon verstorben) tatsaechlich die fremden Worte, die er benutzt, Verzeihung, natuerlich benutzte.

Manchmal kommen natuerlich die Fragen, ob es nicht die einfachen Worte auch gebracht haetten. Aber was solls. Darauf lasst uns pekulieren. Verzeihung- ich meinte natuerlich: pokulieren.

Und fuer alle Menschen, die ueber kein Fremdwoerterbuch verfuegen:(abgeschrieben aus dem Duden Fremdwörterbuch vom Juli 2001):

denaturieren= 1) Stoffe durch Zusaetze so veraendern, dass sie ihre urspruenglichen Eigenschaften verlieren, 2) vergaellen, ungenießbar machen 3) Eiweißstoffe chemisch irreversiberl veraendern. Darunter das naechste Wort ist: denazifizieren = entnazifizieren. introspektiv = auf dem Weg der Innenschau, der psychologischen Selbsterkenntnis. puerilen = kindlich, im Kindesalter vorkommend, dafuer typisch. evaporieren = a) verdunsten, b) Wasser aus einer Fluessigkeit (bes. Milch) verdampfen lassen u. sie auf diese Weise eindicken. travestieren = 1) als Travestie darbieten. 2) ins Laecherliche ziehen. (Anmerkung des Lesers: Ein Fremdwort mit einem anderen Fremdwort zu erklaeren, dazu gehoert schon was, aber das genannte Wort steht direkt da drueber: Travestie = Umkleidung: komisch-satirische literarische Gattung, die bekannte Stoffe der Dichtung in eine ihnen nicht angemessene Form uebertraegt; vgl. Parodie. ridikuel = laecherlich (dahinter steht noch: veraltend, was auch immer das heissen soll). Pekulieren fehlt in dieser Dudenausgabe, aber das Wort pokulieren ist da = zechen, stark trinken. Hier steht dahinter: (veraltet) und das wollen wir den Damen und Herren aus Mannheim, Leipzig, Wien und Zürich mal glauben. Jens

Tier

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