Briefe an Wiebeke Über langweilige Märchen (XXIII)

Briefe an Wiebeke (XXIII)

Romische Zahlen am BUG

Hallo Wiebeke,

ich hab ein wenig geschummelt mit den zwei Baenden Hans Christian Andersen. Die letzten dreissig Seiten vom zweiten Band sind genauso langweilig wie der Rest. Einen Satz habe mir jedoch rausgeschrieben.

Der ist im zweiten Band auf Seite 536:

„Die Kammerraetin nannte davon keins: sie sagte ihr Mann waere unter dem Zeichen der Schiebkarre geboren, man haette ihn stets schieben muessen.“ (Zitat aus dem Maerchen: Der Hausschluessel, Andersens Maerchen Band 2, Seite 536).

Den Satz kann man doch noch gebrauchen, oder? Das ist fast so gut, wie der Satz den meine Mutter immmer fuer die traegen Maenner (und auch Frauen) hatte:

“Dem kann man beim Gehen die Schuhe besohlen“, die weibliche Form gab es aber glaube ich nicht. Gerade habe ich mit dem Lederladen telefoniert. Die IFB will jetzt von Ihnen das ganze Geld zurueck. Bleibt vermutlich auch nur die Klage.

Und das ist ja auch eine ziemlich lange Bank. Martin K. hat erzählt, dass er in einer anderen Sache seit drei Jahren auf einen Termin beim Verwaltungsgericht wartet. Vermutlich sind wir schon alle tot, wenn die Urteile gesprochen werden.

Das war das Wort zum Donnerstag. Es hat eben hier ein wenig geregnet, J.

Hallo J.,

als du geschrieben hast, du waerst „schon auf S. 507“, dachte ich kurz, du meintest damit dein eigenes Buch, das ja immerhin auch noch zu Ende geschrieben werden muss. Waere das nicht eine gewinnbringendere Beschaeftigung, als sich durch ein halbes tausend Seiten Andersen zu quaelen?

Andererseits: Der Spruch mit der Schiebkarre ist wirklich schoen, und den hat wahrscheinlich seit Jahrzehnten kein Mensch mehr gelesen, weil niemand es schafft, sich bis auf S. 500 – plus durchzukaempfen, also vielen Dank.

»Das mit dem beim Gehen die Schuhe besohlen« ist super; das kannte ich nicht. Leider werde ich selten dazu kommen, es zu benutzen, denn die Personen in meinem Bekanntenkreis, auf die es am ehesten zutrifft, sind maennliche Teenager, und die wissen nicht, was Schuhe besohlen ist.

Ich bin in Prag, und hier ist es auch krachheiss (wer haette das gedacht). An den meisten Tagen fahre ich mittags ins Schwimmbad, schwimme ein Stuendchen und fahre dann wieder nach Hause.

Dieses Schwimmbad ist eine Neuentdeckung; bisher hatte ich die Prager Freibaeder im Sommer immer gemieden, weil: voll, laut, Sonnencreme, Pommes, Musike, Tourist*innen, fiese Kronenkorken im Gras, alte Maenner in Liegestuehlen, die Frauenhintern benoten . . . die Liste ist lang.

Aber jetzt habe ich das Slavia-Bad entdeckt, einen haesslichen, extrem schmucklosen 70er – Jahre – Komplex (Betonrechtecke mit einem Streifen Kunstrasen drumrum, fertig), der nur von Anwohner*innen frequentiert wird.

Da ist es zwar auch krachvoll, aber die 450 Leute (wie mich der Zaehler am Eingang informiert) verteilen sich wie folgt: Planschbecken (Muetter mit kleinen Kindern): 200; Erlebnisbecken mit Wasserrutsche (aeltere Kinder und Teenager) 200; Schwimmerbecken: fuffzig. Und da bin ich und ziehe meine Bahnen.

Das ist sehr friedlich. Und die oben erwaehnten aelteren Herren in ihren Liegestuehlen scharen sich natuerlich ums Teeniebecken.

Links das Bier, rechts die Kippe (beides in tschechischen Schwimmbaedern erlaubt), und der Blick schweift ueber die Bikinis.

Das Slavia-Bad hat fuer alle was. So, und da fahre ich jetzt hin.

Es ist neun Uhr morgens, und das Außenthermometer steht auf 34 Grad. Bis die Tage. Das mit dem heiligen Stuhl ist schoen. Ich hab hier auch Stuehle, aber die geben keine Warnungen ab. Sehen auch nicht so heilig aus; ist vielleicht ganz gut, dass sie den Mund halten.

Was Dryaden sind, wusste ich uebrigens, aber das andere Wort – das ich nun auch prompt wieder vergessen habe – kannte ich nicht. Muss ich noch mal nachgucken; Woerter fuer Ueberlaeufer braucht man – ich jedenfalls – ja oefter als Woerter fuer Baumnymphen. (Diszession = Uebertritt zu einer anderen Partei)

W.

PDF Briefe an Wiebeke (XXIII)

Briefe an Wiebeke (XIX) Über die Dryade

PDF Briefe an Wiebeke (XIX)

Hallo Wiebeke,

bald habe ich es geschafft. Ich bin schon auf Seite 507 des zweiten Bandes, insgesamt 570 Seiten. Ich weiss wirklich nicht, wie der Weltruhm von Hans Christian Andersen entstanden ist. Er ist wirklich der Koenig der Langweiler. Mit einer Einschraenkung. Er hat mir ein neues Wort beigebracht, das ich bis dahin nicht kannte und bevor ich es wieder vergesse, schreibe ich es Dir: Dryade.  Vermutlich kennst Du dieses Wort. Ich habe es in meinem Fremdwoerter Buch gefunden. »Dryade« = »weiblicher Baumgeist«.

Daneben habe ich dann noch gefunden: Diszession. Das werde ich demnaechst mal benutzen. Eigentlich merkwuerdig, dass es niemand benutzt, wo es doch so oft eingesetzt werden koennte. Auch dieses Wort kennst Du vermutlich, aber die Bedeutung, die mir mein Fremdwoerter Buch preis gibt, moechte ich Dir nicht vorenthalten: Diszession = Uebertritt  zu einer anderen Partei.

Wie derjenige genannt wird, der diesen Vorgang vollzieht, habe ich nicht herausgefunden. Diszessionent?  Zwei sehenswerte Filme, geschrieben von Holger Karsten Schmidt habe ich auf der Medieathekseite der ARD gefunden. Beziehungsweise hat mich mein Neffe Joerg darauf hingewiesen. Der hat son aehnlichen Geschmack wie ich. Die sind beide in der Reihe »Harter Brocken« entstanden und vorhanden: »Die Faelscherin« und der zweite ebenfalls gelungen: »Die Kronzeugin«, vielleicht kennst Du die, die sind schon beide etwas aelter.

Apropos Worte, warum immer das Wort »Fokus« benutzt wird, muss etwas mit unserer Kultur zu tun haben: Es ist so viel nichtssagender als das Wort »Brennpunkt«, das ich benutze. Achso: Die Walde Anzeige. Ich hab eine Mail an Doro geschickt.

Die ist noch in Berlin und hat auch mal in der Walde gewohnt, sie hat eine Tochter, die gleichaltrig ist mit Hannes. Jedenfalls hat sie auf meine Mail reagiert und will heute oder morgen mal in die Stabi in Berlin gehen. Heisst die wirklich Stabi in Berlin?

Auf meinem Balkon sind jetzt 50 Grad und da haben die Leute Angst, dass der Russe kein Gas mehr schickt und wir frieren muessen. Hoffentlich wird der Heini von der FDP Diszessionent, das waers doch. 

Was ich fast vergessen hätte. Da gibt es ein Heft der Filmkritik vom Mai 1970 bei mir. Darin ein Artikel, auf Seite 254 – (die haben ihre Hefte immer durchnummeriert, die erste Seite des Heftes hat die Nummer 229) mit der Überschrift: »Emotion Pictures«, darunter in Klammern »(Slowly Rockin‘ On)«, weiss der Teufel, was er uns damit sagen wollte, von dem damals noch völlig unbekannten Wim Wenders.

Er berichtet, dass er in München in Nachtvorstellungen Western von John Ford gesehen hatte, „in schlechten Kopien, häufig schlecht synchronisiert, das ist schmerzhaft, aber schwieriger ist es, das immer unwilliger reagierende Publikum zu ertragen, das einem ständig vor Augen führt, daß sich die scheußlichen Z-Filme die Zukunft gesichert haben, die Bilder, die einem die Sicht versperren und die Töne, die einen übers Ohr hauen“.

Auf Seite 256 dann ein Hinweis, auf eine Schallplatte von den Rolling Stones: “Die beste Platte von den Rolling Stones ist ihre einzige amerikanische: LIVEr than you‘ll ever be, und der Titel ist so gut wie die Musik, ist ein Raubdruck
von Mitschnitten bei der Amerikatournee der Stones aus dem letzten Jahr. Lebendiger und kraftvoller und metallischer und aggressiver haben sie nie vorher auf einer Platte gesungen“.

Man beachte dabei, dass der Artikel im Mai 1970 erschienen ist. Heute hat die Raubkopie Platte schon einen Wikipedia Eintrag. Und dabei stellt sich heraus: Der illegale Mitschnitt hat das Wort »Bootleg« was die Suchmaschine mit Stiefelschaft und Schmuggel übersetzt, bekommen und soll mit einem Tonbandgerät der Firma UHER entstanden sein.

Genauer mit einem UHER Report 4000. Ein legendäres Tonbandgerät, aber vermutlich in der Mono Ausführung. Und ich bin im Besitz eines Nachfolgemodelles der Firma UHER, das funktioniert: »UHER Report 1200 synchro«. Ein Stereo Gerät. Zwar hat der Akku vor einigen Jahren seinen Geist aufgegeben. Aber am Netz ist das Gerät voll funktionsfähig. Ich habe nicht nachgesehen, zu welchen Preis solche UHER Tonbandgeräte heute gehandelt werden, weil ich es nicht verkaufen will, so lange es noch so gut funktioniert. J.

PDF WimWendersMai1970

PDF WimWendersMai1970256