Mein Vater und der Hamburger Aufstand

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Vom Steuerberater zum Millionär. Die Geschichte ist so ähnlich wie die vom Tellerwäscher zum Millionär. Nur realistischer. Der Mann um den es hier geht, ist von Beruf Steuerberater. Er nennt sich Steuersyndicus und ist arbeitslos. In der Zeit, als auch mein Vater arbeitslos ist. Sie wohnen im gleichen Ort. Er und mein Vater. In Bergedorf. Mein Vater hat eine Lohnstatistik angelegt. Wieviel er im Monat verdient. 1921 bekommt er monatlich 125,00 RM. 1922 steigt sein Gehalt auf 200,00 RM monatlich. Aber schon im April 1922 verdient er das doppelte 400,00 RM. Im Dezember 1922 bekommt er schon 7.000,00 RM. Im Oktober 1923 ist sein Gehalt schon auf 313.842.800.00,00 Reichsmark angestiegen. Dann die Gehaltskürzung. Im Dezember 1923 bekommt er nur noch 52,00 RM. Was ist da passiert? Hat er beim Hamburger Aufstand im Oktober 1923 mitgemacht? Grund genug hätte er ja gehabt. Aber kein Zeitzeuge berichtet davon.

Der Steuerberater, von dem hier berichtet wird, ist offensichtlich einem anderen, einem erfolgreichen Weg gefolgt, der ebenfalls in Hamburg Bergedorf möglich war. 1927 tritt er als Steuerberater in eine Firma ein, die zwei jüdischen Kaufleuten gehört. Er arbeitet sich hoch. 1932 ist er bereits Prokurist dieser Firma, die zu diesem Zeitpunkt bereits, durch diverse Neubauten, eine marktführende Position im Kinogewerbe in Hamburg hat. Er wird zu Verhandlungen nach Berlin geschickt. Zusammen mit einem der Inhaber dieser Firma. Sie verhandeln mit der großmächtigen UFA über eine Beteiligung oder einen Verkauf. Während der Verhandlungen nimmt sich einer der beiden Inhaber am 27. Januar 1933 das Leben. Die Verkaufsverhandlungen werden abgebrochen. Die UFA ist der Meinung, dass der Verkaufspreis dieser Firma in den nächsten Monaten weiter fallen werde.

Am ersten Mai 1933 ist es dann so weit. Der Prokurist einer jüdischen Firma wird Mitglied der NSDAP. Schon bald wird die Firma ihm gehören. Und so kommt es dann auch. Zu seinem Leidwesen können die restlichen Besitzer aus Deutschland fliehen. 1943 sind die meisten Kinos dieser Firma durch Bombenangriffe der Allierten zerstört. Der Prokurist investiert das angehäufte Geld in Immobilien. Von denen er 1945 eine Reihe sein eigen nennt. Eins in der Adolphstrasse 22 (heute Herbert Weichmannstrasse 22), vier in Husum (fast eine ganze Strasse in der Volquard Paulstrasse 18/20/22/24), eins in Flensburg, in der Moltkestrasse 38, zwei  in Wyk auf Föhr, das Kurhotel, Sandwall 23 und das Haus Daheim, Sandwall 60, eins in Ahrensburg in Hollstein, Jungborn 20. Alle Häuser ohne Bombenschaden. Nein, arm sind sie nicht geworden in den 12 Jahren. Auch dem Herren, der sie bei der „Arisierung“ (Enteignung) so gut unterstützt hatte, ging es nach dem Kriege nicht schlecht. Er sammelte in diesem 12 Jahren eine Menge Geld ein. Ein Haus an der Elbchaussee 99 (heute Elbchaussee 454), ein Haus in Kampen auf Sylt, Lerchenweg 5 („Paradieschen“). Ein Kino in Kiel am Dreiecksplatz. Achja. Da war doch was? Die Wiedergutmachung. Eine Kinobesitzerin in Hamburg meinte, sie hat nichts wieder gut zu machen. Die Justiz im Nachkriegsdeutschland ist auf ihrer Seite. Dafür musste sie nicht einmal in die Nazipartei eintreten. Im Gegenteil. Sie hat eben nur die Gunst der Stunde genutzt. Mein Papa hatte 1945 immerhin noch das Büchlein mit der Gehaltsstatistik, das er seinem Sohn hinterlassen hat.IMG_6176Hamburg Bergedorf, Glindersweg 47 Foto vom 23. Mai 2018. Hier wohnten meine Eltern von 1937 – 1967. Und ein Foto von 1952.Glindersweg1952P1040974Hamburg Bergedorf, Karolinenstrasse 10 (Heute Möllers Kamp 10). Hier wohnte der genannte Steuerberater. Später kaufte er zusammen mit seinem „Kameraden“ ein Haus in der Adolphstrasse 22 (Heute Herbert Weichmannstrasse 22) in Hamburg Uhlenhorst. Unter dem haben sie es nicht gemacht.P1040973P1040985By-nc-sa_colorNilpferdeinaugeFotos Jens Meyer

Aufnahmen vom 23. Mai 2018IMG_6212P1050014P10500581950 haben die beiden Arisierer es fast geschafft. In der Adolphstrasse 22 (heute Herbert Weichmannstrasse 22), einen Steinwurf entfernt von der Alster, besitzen sie ein Villa. Eine Villa mit sechs Wohnungen. Versteckt hinter Bäumen. Wie sichs gehört. Von den enteigneten zwölf Kinos der jüdischen Besitzer gibt es nur noch eins. Die restlichen Kinos wurden von allierten Bomberpiloten zerstört. Die vorhandenen Trümmergrundstücke, einstmals im Besitz des Henschel Film und Theaterkonzerns,  überlassen sie gerne dem Wiedergutmachungsprozess. Die Flüchtlinge von damals wollen in dieses Land nicht zurückkehren. Einige von ihnen, denen man die deutsche Staatsangehörigkeit weggenommen hatte, beantragen die Deutsche Staatsangehörigkeit neu. Und bekommen sie. Einer von ihnen will die deutsche Staatsangehörigkeit nicht wiederhaben. Das ist die Ausnahme.Tieresehendichan3

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Eine Antwort auf Mein Vater und der Hamburger Aufstand

  1. Wolfgang sagt:

    https://www.hamburg.de/clp/dabeigewesene-begriffserklaerungen/

    ADOLPHSTRASSE 22

    Alfred Kühne
    (14. April 1895 Bremen – 16. Oktober 1981 Lenzerheide, Schweiz)
    Unternehmer
    Adresse: Adolphstraße 22 (1933), Heilwigstraße128 (1940)
    Wirkungsstätte: Kühne & Nagel, Raboisen 40
    Alfred Kühne trat 1910 in den Speditionsbetrieb des Vaters ein und absolvierte in der Hamburger Niederlassung eine kaufmännische Lehre. Während des Ersten Weltkriegs war er als Kavallerieoffizier im Einsatz. Nach Kriegsende arbeitete er kurzzeitig in den Niederlanden, bevor er 1921 die Leitung der Importabteilung von Kühne & Nagel übernahm. Im Jahr 1923 erhielt er seine Prokura. Gemeinsam mit seinem Bruder Werner Kühne wurde er 1928 zum Teilhaber der Firma ernannt, als Teilhaber des Hamburger Hauses war zudem Adolf Maass, der mit 45% der Anteile beteiligt war, zu berücksichtigen. Nach dem Tod des Vaters Alfred Kühne Senior im Jahr 1932 übernahm Werner Kühne die Leitung des Stammhauses in Bremen und Alfred Kühne Junior die Hamburger Dependance. Im Jahr 1933 wurde Adolf Maass als Teilhaber ohne Abfindung aus der Firma gedrängt. Ein politischer Grund ist nicht auszuschließen, da Adolf Maass jüdischen Glaubens war und 1942 aus Hamburg deportiert und in Auschwitz ermordet wurde. Für ihn und weitere Familienmitglieder wurden in Hamburg Stolpersteine verlegt (www.stolpersteine-hamburg.de).
    Zum 1. Mai 1933 traten die Brüder Kühne in die NSDAP ein und arrangierten sich mit dem NS-Regime. Kühne & Nagel entwickelte sich in den kommenden Jahren zum nationalsozialistischen Musterbetrieb und wurde 1937 mit dem Gaudiplom ausgezeichnet. 1939 hatte das Unternehmen Niederlassungen in sieben Städten und beschäftigte 600 Mitarbeiter. Während des Zweiten Weltkriegs kam das Überseegeschäft zum Erliegen. Kühne & Nagel übernahm jedoch neue Aufträge. Das Unternehmen transportierte im großen Stil Möbel und andere Haushaltsgegenstände von zuvor deportierten Juden aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden nach Deutschland, insbesondere in den Hamburger Hafen. Dort wurden die enteigneten und geraubten Möbel und weitere Gegenstände zu sehr günstigen Preisen versteigert. Über dieses Kapitel der Firmengeschichte gibt Kühne & Nagel keine oder nur zögerlich Auskunft, so dass viele Fragen noch nicht abschließend geklärt werden konnten. Recherchen des Politikmagazins Kontrovers gehen davon aus, dass die Speditionsaufträge für Kühne& Nagel ein lukratives Geschäft gewesen seien.
    Nach Kriegsende wurden beide Brüder, Werner und Alfred Kühne entnazifiziert und als Mitläufer eingestuft, die Möbeltransporte wurden in den Entnazifizierungsverfahren nicht erwähnt. Bis heute konnte nicht eindeutig geklärt werden, warum die beiden Brüder ihr Speditionsgeschäft recht schnell nach Kriegsende wieder aufnehmen konnten.
    Ab 1948 ging der Wiederaufbau der Firma schnell voran. Im Hamburger Freihafen baute Kühne 1950 eine moderne Lager- und Umschlagsanlage. Kühne & Nagel expandierte, im Jahr 1965 hatte die Firma bereits 82 Niederlassungen und Schwestergesellschaften in 30 Ländern weltweit.
    1951 war Werner Kühne bereits aus dem Geschäft ausgeschieden, 1963 trat Klaus-Michael Kühne, Sohn von Alfred Kühne als Juniorpartner ein; 1966 übernahm dieser die Leitung der Firma.
    Text: Katharina Tenti

    Quellen:
    Hans Jaeger: “Kühne, Alfred“ in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 199 f. [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd136587402.html, 16.11.2015; Christian Stücken, Charlotte Theile: 126 Schränke, 32 Uhren, 2 Kinderwägen, in: http://www.Sueddeutsche.de, 15.4.2015,
    http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kuehne-nagel-schraenke-uhren-zwei-kinderwaegen-1.2436175, 16.11.2015
    Der Film des Politikmagazins „Kontrovers“ ist online unter http://www.br.de/fernsehen/bayerisches-fernsehen/sendungen/kontrovers/kuehne-nagel-ns-zeit-moebeltransport-100.html abrufbar.

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