Frau Friedrich im Lande der Pandemie. Frau Friedrich von der FFA hat es wirklich schwer. Ihre Arbeit bei der FFA ist: Die Erfassung der Umsatzzahlen der Kinos. Nun finden seit fast 12 Monaten in den Kinos keine Umsätze mehr statt. Das weiß auch Frau Friedrich. Das weiß auch der Chef von Frau Friedrich. Sein Name tut hier nichts zur Sache. Vermutlich ein Mann. Warum sollte es anders sein? Die FFA ist eine Staatsveranstaltung. Sie soll den Bürgern dienen. Den Bürgern dienen ist das eine. Aber wer dauerhaft dienen und dafür auch bezahlt werden will, der muß seine Tätigkeit, wenn sie nicht durch Wirkung in Erscheinung tritt, dokumentieren, präsentieren, legitimieren. Nun sind die Kinos seit 12 Monaten, mit kleinen Unterbrechungen, geschlossen. Umsätze finden nicht statt. Und dennoch gibt es Menschen, deren Tätigkeit darin besteht, die (nicht vorhandenen Umsätze) zu erfassen, zu dokumentieren, zu präsentieren und damit ihre Tätigkeit zu legitimieren. Frau Friedrich von der FFA könnte einfach, wie die Kinobesitzer und Kinoangestellten schön zu Hause sitzen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, wären da nicht die Gesetze, in denen eine solche Auszeit nicht vorgesehen ist. Also geht sie täglich an ihren Nichtarbeitsplatz und schickt an die vorhandenen Kinos (geschätzt 3001 und mehr) die Aufforderung zur Nullmeldung. Aktuell für die Monate Januar und Februar 2021. Und keiner in der FFA oder anderswo kann diesen Unsinn stoppen, wollte er oder vielleicht sogar sie, es. Der Präsident oder die Präsidentin von der FFA? Man weiss es nicht. Und so schickt Frau Friedrich von der FFA weiter ihre Aufforderungen zur Umsatzmeldung in die Lande. Man kann sich schließlich nicht nur mit dem Impfen und der Früherkennung der Krankheiten beschäftigen. Es muß auch andere Tätigkeiten im Lande der Pandemie geben! Jawoll! Frau Friedrich von der FFA hat es wirklich schwer. 20. März 2021 Jens Meyer vom 3001 Kino in Hamburg.
Annelise, Maria, Elsa Meyer, geb. Hirte geboren am 27. Oktober 1904, gestorben am 20. Oktober 1987. Letzte Wohnanschrift: Hütten/Ecke Peterstrasse.
Mein
Vater:
Rudolf Heinrich Meyer, geboren am 24. Januar 1904 in Hamburg Bergedorf, gestorben am 27. August 1979 in Hamburg. Letzte Wohnanschrift: Dorotheenstr. 184 a in 2000 Hamburg 39, Winterhude.
Meine Oma (1) (die Mutter von Annelise): Dora, Charlotta, Amalie Hirte geb. Eikens, geb. am 19. Juli 1862 in Hannover, gest. am 10. Mai 1907 an den Folgen eines Unfalls in Hamburg. Letzte Wohnanschrift: Steinstrassen Passage 1, Nummer 29, Haus 8.
Mein Opa (1) (der Vater von Annelise): Eduard, Ernst, Hermann Hirte, geb. am 12. Mai 1861 in Hannover. Gest. am 16. August 1934 in Hamburg. Von Beruf: Maurer. Später Maurermeister. Noch später: Architekt. Letzte Wohnanschrift: Bethesdastrasse 36 (Hamburg Borgfelde). (Die Angaben stammen aus den Adressbüchern von Hamburg).
Das
Ehepaar Hirte hatte zehn Kinder.
Foto 1905 Familie Hirte (Im Kinderwagen Annelise)
Meine Mutter: Annelise, Maria, Else Hirte war die jüngste Tochter der Familie Hirte. Die älteste Tochter hieß Maria, Anna, Sofie, Louise Hirte. (Annelise ist das Kind im Kinderwagen. Aufnahme 1905. Die anderen vier Kinder sind bereits älter)
(Viele
Kinder, viele Vornamen). Maria ist am 30. Januar 1884 geboren,
gestorben am 03. Januar 1974.
Steinwegpassage Ecke Alter Steinweg. Im Keller der Cotton Club.
Die Namen der restlichen Hirte Kinder und die Reihenfolge ihres Erscheinens sind unsicher. Nur eine zehn Jahre ältere Schwester ist sicher. Sie hat nur zwei Vornamen: Leoni, Dorothea Hirte ist geboren am 10. Januar 1894 und gestorben am 28. Juli 1943 um 1.00 Uhr und 40 Minuten in Hamburg, „daselbst in Folge Fliegerangriffe gefallen.“ wie ich der Todesurkunde entnehmen konnte.
Letzte Wohnanschrift von Leonie Eikens, geb. Hirte: Eiffestrasse 505.
Zwei Söhne von ihr habe ich noch kennengelernt: Ihren Sohn Wolfgang (Wölfi) Eikens und seinen Bruder Karl Hermann Eikens. Wölfi war gerade 17 geworden und machte eine Lehre zum Autoschlosser, als ihn 1942 der Führer nach Russland schickte. Als seine Mutter 1943 “in ihrer Wohnung gegrillt wurde“, wie Wölfi sich auszudrücken pflegte, “sind mir bei Stalingrad die Füße abgefroren“ (Seine Füße hatten eine ganz glatte Haut). Der Führer hatte vergessen, seinen Kindersoldaten (volljährig wurde man erst mit 21 Jahren) Winterkleidung mitzugeben. Hatte sich was mit Blitzkrieg.
Die Kindheit meiner Mutter Annelise war schwierig. Wie schwierig, hat sie ihren Kindern oder Enkelkindern nie erzählt. Ihre Mutter war schwanger und ist beim Gardinenaufhängen in der Wohnung von der Leiter gefallen. Sie hatte eine Fehlgeburt. Sie soll im Krankenhaus verblutet sein. Annelise ist zwei Jahre alt, als ihre Mutter stirbt. Ihr Vater, mein Opa, war ein Hallodri. Darunter konnte ich mir als Kind nichts vorstellen. Was sie damit meinte, erfuhren wir erst viel, viel später. Es stellte sich heraus, dass mein Opa (1) (ihr Vater) schon lange eine Geliebte hatte, der er erzählt hatte, er habe drei volljährige Kinder. Das Gegenteil ist der Fall. Sieben seiner Kinder sind unter 21 Jahre alt, als seine Frau von der Leiter fällt. Die älteste Schwester von Annelise, Maria Else Hirte, ist bei dem Tod der Mutter dreiundzwanzig Jahre alt. Wir nannten sie Tante Ria. Tante Ria hat ihrem Enkel erzählt, dass die Familie Hirte oft umgezogen ist. Damals gab es das Ritual, dass neue Häuser zunächst von armen Familien “trocken gewohnt wurden“. Hermann war Maurer.
Immer, wenn ein Haus fertig war, zog die Familie in eine dieser feuchten Wohnungen zum “Trocken wohnen.“ Die Trocken-Wohn-Miete war günstig. Wenn die Wohnung nach zwölf Monaten trocken war, zogen sie in die nächste Feucht-Wohnung um. Als meine Mutter 1904 geboren wurde, wohnte die Familie Hirte in der Steinstraße 129. Die Anschrift führt leicht zur Verwirrung. Es gibt sie nicht, die Steinstraße 129. Vielmehr handelt es sich um die Strasse: Steinstrassenpassage Nr. 1, Haus Nummer 29, im Hinterhof Haus 8. Die Steinstrassen Passage ist heute an der selben Stelle wie 1904. In der Nähe vom Großneumarkt.
Steinwegpassage/ Ecke Alter Steinweg (Foto von 2020)
Das Vorderhaus Nummer eins steht noch. Die Hinterhäuser sind bombardiert oder abgerissen worden. Als Annelise 1904 geboren wird, wohnt Familie Hirte die Wohnung im ersten Stock “trocken“. Berufsangabe von Hermann Hirte im Adressbuch: “Mauermeister“. 1909 wird eine andere Wohnung “trocken“ gewohnt: In der Barmbeckerstr. 191. Ein Neubau, dicht am Winterhuder Marktplatz.
Opa (1)
Hermann gibt die kleinen Hirte Kinder in Pflegefamilien. Annelise ist
die jüngste. Dort geht es ihr nicht gut. Die Pflegefamilien nehmen
die Kinder nur, weil sie das Geld, das dafür gezahlt wird, dringend
brauchen. Die Kinder finanzieren den armen Familien den
Lebensunterhalt.
Am 30. März 1912 heiratet Annelises Vater wieder und zieht in die neue Wohnung Eilbecker Weg 204. Die Auserwählte heißt Auguste Bieling. Als Auguste Bieling – Auguste Hirte – wird, ist sie ein Jahr und einen Monat jünger als Hermanns älteste Tochter Maria. Auguste Bieling ist am 23. Februar 1883 geboren. Maria Hirte ist am 30. Januar 1884 geboren. In der neuen Ehe werden von 1912-1920 vier weitere Kinder gezeugt. 1913 zieht die Familie Hirte (die Zusammensetzung dieser Familie ist unklar) in die neue (feuchte) Wohnung in der Himmelstrasse 26. Ob Annelise in dieser Zeit Kontakt zu ihrem Vater hatte, blieb ihr Geheimnis.
Sie spricht darüber nie. Auch zu den Enkelkindern kein Wort. Es scheint so, als sei der Kontakt abgebrochen oder gar nicht erst entstanden. Auch Tante Ria verliert kein Wort darüber.
Maria Hirte ist Verkäuferin in einem Schokoladengeschäft. 1910 gibt es das Chocoladengeschäft von Reese & Wichmann am Jungfernstieg 12. Das wäre so eine Möglichkeit. Passend in der Hamburger Innenstadt. Da gibt es einen jungen Mann, der sehr oft Chocolade kauft. Maria merkt bald, der Mann kommt gar nicht wegen der Schokolade, sondern wegen ihr. So viel Schokolade kann ein Mensch alleine gar nicht essen.
Der Mann heisst Otto Averdieck. Otto ist Rechtsanwalt. Seine Kanzlei betreibt er in der Mönckebergstrasse 18. Fleißig ist er auch. Die Sprechzeiten seiner Kanzlei sind im Adressbuch angegeben. Werktags von 9.00 bis 5.00 Uhr und Sonntags von 9.00 – 2.00 Uhr.
Ob es Liebe auf den ersten Blick ist und bei wem, ist nicht überliefert. Otto ist am 16. Februar 1881 geboren und wohnt in einer Wohnung in dem Haus seiner Eltern in der Bassinstrasse 12 in Uhlenhorst. 1912 verkaufen die Eltern das Haus in der Bassinstrasse 12, um eines in der Petkumstrasse 17 zu kaufen. Das ist eine Ecke weiter. Das Haus gibt es nicht mehr. Es wurde im Krieg zerstört. (nicht im ersten, sondern im zweiten)
Als im August 1914 der Erste Weltkrieg beginnt, den man erst nach dem Beginn des zweiten Weltkrieges nummeriert, ist Otto 33 Jahre alt. Otto ist kriegsbegeistert wie alle anderen. Seine Eltern leben ihren Standesdünkel. Sie halten sich für etwas Besseres und sind gegen die Verbindung ihres Sohnes mit Maria Hirte. Sie ist ja nur die Tochter eines Maurermeisters.
Otto ist
das offensichtlich Wumpe.
1916 ist Maria Hirte schwanger und Otto überlässt ihr seine Wohnung in der Petkumstrasse 17, während er in Frankreich fleißig Franzosen abschießt. Seine Eltern, denen das Haus in der Petkumstrasse 17 gehört, wohnen im selben Haus. Jeden Tag wird Maria von ihnen daran erinnert, das der Sohn etwas Besseres, als die Tochter eines Maurers verdient hätte.
Am 8. April 1916 wird Otto, Leonhard geboren. Wie alle unehelichen Kinder erhält das Kind den Nachnamen der Mutter: Hirte. Selbst der Bruder, Rudolf Averdieck, der am 21. März 1920 geboren wird, weiß davon lange Zeit nichts. Der kleine Otto erhält den Nachnamen Averdieck erst, nachdem das Paar 1918 offiziell beim Standesamt geheiratet hat.
Meine Mutter – Annelise – ist dreizehn Jahre alt, als ihre Schwester Maria sie zu sich nach Hause holt. Bis 1926 wohnen die Averdiecks in der Allee 239 in Altona. In der Strasse Allee 239 steht ein hässlicher schwarzer Kasten, in dem sie ihre erste Wohnung hatten, erzählt Tante Ria ihrem Enkel Ulrich Graumann, und der erzählt es mir nach ihrem Tod am 30.01.1974- Jahrzehnte später.
1980 bekommt die Strasse Allee einen neuen Vor- und Nachnamen und heisst jetzt Max Brauer Allee. Die Max-Brauer-Allee wird bis zum Altonaer Rathaus verlängert. Sicher ein Grund, warum ich den hässlichen schwarzen Kasten in der Max Brauer Allee nicht gefunden habe. Tante Ria meidet nach dem 2. Krieg die Viertel, in denen sie früher einmal gewohnt hatte. Vor allem, weil sie nichts mehr wiedererkennt, wie sie mir erzählt hatte. Es ist alles anders, als es früher einmal war. Nur Bergedorf ist irgendwie gleich geblieben.
Stolz berichten Erwachsene uns Kindern, das in Bergedorf nur eine einzige Bombe gefallen ist. Einige glauben sogar zu wissen, dass es so ist, weil in Bergedorf das Eisenwerk – Bergedorfer Eisenwerk – einem schwedischen Besitzer gehört. Und mit den Schweden möchten es sich weder die Engländer noch die Amerikaner verderben, so behaupten die Erwachsenen.
Jedenfalls taucht mein Opa (1) Hermann ab und niemand hat Kontakt mit ihm. In der Familiengeschichte ist er wie ein schwarzer Fleck, den man am liebsten wegradieren würde. Gäbe es doch einen Opa Radierer, man würde ihn sofort nutzen. Manchmal ist er, wenn sein Name überhaupt genannt wird, nur Opa (1) -das Schwein- . Ein bisschen Neid ist bei den Männern auch dabei. Dass eine 23 jährige Frau sich mit einem 45 jährigen, einem uralten Mann, einlässt.
1927 zieht die Familie Otto Averdieck nach Bergedorf, wo sie im Schlebuschweg 28 ein Haus gekauft haben. Im Grundbuch eingetragen ist Averdieck, Otto. Zwei Jahre wohnt auch meine andere Oma (2), Marie Meyer, in diesem Haus im Schlebuschweg 28. Ein Haus mit drei Stockwerken, in dem vier Familien und einige Einzelpersonen wohnen. Das Haus hat die Jahrzehnte überstanden. Eine der ausgebombten Familien, die hier zwangsweise untergebracht wurde, will nach dem Krieg gar nicht wieder ausziehen. Aber kein Problem. Otto ist Anwalt.
Im obersten Geschoss, in der Mansarde im Dach, wohnte in einem Zimmer noch eine Schwester meiner Mutter. Wir nannten sie Tante Buddy. Sie verließ selten das Bett. Und wenn, dann nur um neue Zeitschriften zu kaufen. Den Eindruck hatte ich. Die neuen Zeitschriften mochten alle Jungs gern. Eine hieß Praline. Die erinnere ich noch. Dort wurden Frauen abgebildet, meist wenig bekleidet. Manchmal konnte man auf halb verdeckte Busen gucken. Ich erinnere noch, dass es immer etwas streng in ihrem Zimmer roch. Das mag daran gelegen haben, dass das Zimmer im Dachgeschoss keinen Wasseranschluss hatte. Tante Buddy hatte nur eine Schüssel, in der sie sich waschen konnte. Aber wegen der vielen Vorteile hat uns Kinder das nicht weiter gestört. Es ging immer die Legende, dass sie einen Mann geheiratet hätte, der ziemlich früh im ersten Weltkrieg gefallen war und um den sie immer noch trauerte. Vermutlich ist die Geschichte ganz anders gewesen. Vielleicht hat er auch nur die Flucht vor ihr ergriffen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich sie jemals auf der Straße getroffen habe.
Tante Ria hat mir oft fünf Mark Stücke als Taschengeld zugesteckt. Sie sprach dann immer von einem Taler. Sie hatte auch ganz viele verschiedene Münzen aus der Vergangenheit, die alle nichts mehr wert waren. Ich habe sie oft sortiert. Nach Größen, nach aufgedruckten Werten, nach eingeprägten Jahreszahlen. Sie hatte auch ein Grammophon, mit dem man mit Stahlnadeln die Schellack Platten abspielen konnte, die leicht zerbrachen. Zum Glück ist mir keine zerbrochen. Um das Haus herum war ein kleiner Garten, in dem wir oft Versteck gespielt haben. Onkel Otto, wie wir ihn nannten, war im Vorstand des Bergedorfer Briefmarkenvereins. In der Vergangenheit wusste er gut Bescheid. Er war der einzige Erwachsene, den ich kannte, der sich dazu bekannte, dass er früher, in der Nazizeit selber Nazi gewesen war.
Mein Vater.
Milchhändler Richard Schultz
Die Geschichte dieses Familienzweigs beginnt mit den Eltern meiner Oma (2) Meyer. Meine Oma (2) ist die Tochter von Paul und Margarethe Schumacher, die in Bergedorf in der Wentorferstrasse 19 wohnten. Das Haus gibt es noch. Ich habe ein Foto davon. Es ist ein kleines Haus. Eine Art Doppelhaushälfte mit zwei Eingängen. Wentorferstrasse 19 und 21. Wann der Vater von meiner Oma (2), Paul Schumacher, geboren ist, weiß ich nicht. Auch der Mädchenname von Margarethe Schumacher, meiner Uroma, und ihr Geburtsdatum ist mir unbekannt. Von Beruf ist mein Uropa, Paul Schumacher, Fuhrmann. Im Adressbuch steht, dass er 1875 in das Haus in der Wentorferstrasse 19 eingezogen ist. Dort wohnte er bis zu seinem Tode 1914. Wann er Margarete, seine Frau, kennenlernt hat, ist nicht bekannt. Nach der Heirat zieht sie bei ihm ein. Sie bekommen eine Tochter und nennen sie Marie.
Marie bleibt ein Einzelkind. Irgendwann lernt meine Oma Marie (2) meinen Opa Heinrich Meyer kennen. Der Opa war ein Fan von August Bebel, erzählt mir die Oma später. Zu dem Gespräch mit meiner Oma über August Bebel kommt es, weil sie selbst 1957 in dieser Strasse August Bebelstrasse Nr. 25 wohnt. Ich bin elf Jahre alt und interessiere mich nicht die Bohne für den Held eines Opas, den ich noch nie gesehen habe. 2020 bin ich für die Neugier alt genug und suche die Spuren dieses Opas. Unsicher. Nur eine zehn Jahre ältere Schwester ist sicher. Nachtrag: Gefunden die Daten von Oma und Opa Zwei:Opa (2), Heinrich Meyer (Opa) geboren am 15. Oktober 1867, gestorben am 21. Juni 1930, im Hamburg. Heinrich Meyer wird 62 Jahre alt. Oma (2), Marie Meyer, geb. Schumacher. geboren am 17. September 1877, gestorben am 21. Januar 1958, in Hamburg. Marie Meyer wird 80 Jahre alt.
Die erste Spur finde ich im Adressbuch von Bergedorf für das Jahr 1889. Der Eintrag lautet: Meyer, J. H. H., von Beruf: Arb., was vermutlich Arbeiter heisst. Von 1890 -1895 ist der Eintrag gleich: Meyer, J. H. H., Bleichertwiete 16, Postbote. Von 1911 an ist im Adressbuch eingetragen: Meyer, H. Postschaffner. Opa Heinrich steigt auf. 1914 zum Oberpostschaffner. Von 1922 bis 1929 ist er “Post-Betr.–Assist“, so lautet die Abkürzung im Bergedorfer Adressbuch. 1929 beendet er seine Karriere bei der Post. Ein Beamter im Ruhestand.
Mein Vater wird 1904 geboren. Sie nennen ihn Rudolf Heinrich. Auch Rudolf bleibt, wie seine Mutter ein Einzelkind. Bis 1910 wohnt Familie Meyer in Bergedorf in der Bleichertwiete 16. 1911 ziehen sie in den Kirchhofsweg Nr. 4. Rudolf ist jetzt ein Schulkind. Der Neubau der Schule Spieringstrasse 1, der ganz in der Nähe ist, wurde 1910 eröffnet. Schon möglich, dass Rudolf in die gleiche Schule gegangen ist, die auch ich später (ab 1953) besuche. Ich habe ihn nicht gefragt.
Wentorferstraße 19 – 21. v.l.n.r. Paul Schumacher, Fuhrmann, Margarethe Schumacher, Johanna Schultz, Richard Schultz, Milchhändler, Vater von Richard Schultz . 1918 (?)
Als
die
Mutter meiner Oma, Margarethe
Schumacher, 1922 stirbt, zieht Familie Meyer in das Haus in der
Wentorferstrasse 19 ein.
Das Haus Nr. 19 ist zwischenzeitlich an den Milchhändler von nebenan
verkauft worden und gehört
nun der
Witwe des
Milchhändlers Richard Schultz, Johanna
Schultz, die in Nummer 21 wohnt.
Rudolf
ist jetzt 17 Jahre alt. Volljährig wird man in dieser
Zeit mit 21 Jahren. 1930 stirbt mein Opa Heinrich. Meine Oma
ist nun die Witwe eines Beamten und der Eintrag im Adressbuch lautet
1931: Meyer, Wwe. Marie, Bergedorf, Wentorferstrasse 19. Bis 1935
wohnt meine Oma mit ihrem
Sohn Rudolf in der Wentorferstrasse 19.
In dieser Zeit freundet sich mein Vater mit Walther Kellinghusen an. Einem Photograph, der zwei Häuser weiter, in der Wentorferstrasse 23 wohnt. Walther hat das Hobby meines Vaters, die Photographie, zu seinem Beruf gemacht. Gemeinsam üben sie sich in Porträt- und Landschaftsphotographie.
Der Vater von Walther ist Rechtsanwalt und Notar. Die Kellinghusens sind eine große Familie und wohnen seit 1886 in diesem Haus. In dem Nachlass meiner Eltern finde ich Aufnahmen beider Photographen. Sie fotografieren auf Filmen und auf Glasplatten. Die Glasplattenkameras haben die Formate 9 x 12 und 13 x 18. Auch Rudolf bestreitet seinen Lebensunterhalt mit Auftragsarbeiten und fertigt Porträts von jungen Frauen und Männern an. Bewerbungsfotos gehören auch dazu. Seine Mutter dringt darauf, das Rudolf noch einen “anständigen“ Beruf lernen soll. Das ist 1920 nicht ganz einfach.
Eine Lehrstelle bei einem Gewürzimporteur wird angeboten. Apkar Dilsizian, Import und Export GmbH. Sein Büro ist gegenüber dem Freihafen, Hohe Brücke 4, Handelsspanisch und Stenografie sind Voraussetzung für eine Einstellung. Rudolf behauptet beides zu können, was keiner überprüft und drei Monate später kann er anfangen. Die Zwischenzeit nutzt er, sich die geforderten Fähigkeiten anzueignen. Damit kommt er durch. Rudolf verdient 1921 sein erstes Geld und trägt das Gehalt in ein kleines DIN A 5 Büchlein ein. Im August 1923 ist er Millionär, im September Miliardär und in November 1923 bekommt er für den ganzen Monat Arbeit 12,50. Die Währung nennt sich Rentenmark. Bald kann er ein Foto aus dem Bürofenster, Hohe Brücke Nr. 4 machen.
Haus daneben: Hohe Brücke Nr. 1 (Foto vom Oktober 2020)
Blick aus dem Bürofenster Hohe Brücke Nr. 4 (Das Haus gibt es nicht mehr.)
links mein Vater Rudolf Meyer. Die anderen Personen sind mir nicht bekannt.
Am
5. Juni 1935 heiraten meine Eltern. Der
Standesbeamte überreicht als Geschenk das
Buch “Mein
Kampf“ von Adolf Hitler. Die
erste gemeinsame
Wohnung meiner
Eltern
ist in der Wentorferstrasse 84. Die Wohnung hat Zentral
Heizung, was offenbar so wichtig ist,
dass es in Adressbüchern eingetragen wird.
1936 wird der Freund meines Vaters, der Photograph Walther Kellinghusen, verhaftet und kommt in die Untersuchungshaft ins Bergedorfer Gefängnis. Der Vorwurf lautet, er habe gegen den § 175 verstoßen.
Annelise ist schwanger. In Bergedorf in der Brauerstrasse 163 entsteht ein Neubau. Bei der Belegung des Neubaus werden Parteigenossen der NSDAP bevorzugt behandelt. Mein Vater wird Parteigenosse und erhält den Zuschlag. Eine Wohnung zum “Trocken Wohnen“ in der Brauerstrasse 163. Annelise kennt das schon. Hat sie doch ihre Kindheit mit dem “Trocken Wohnen“ verbracht. Am 11. August 1937 bringt Annelise meine Schwester Roswitha zur Welt. Im Elim. In Eimsbüttel. Vierzig Autominuten von der Brauerstrasse entfernt.
1945, beim Einmarsch der Engländer, verschwindet das Hochzeitsgeschenk des Standesbeamten im Heizungskessel im Glindersweg 47. Gottseidank gibt es keinen Koks im Mai 1945. Bis auf einen kleinen Wasserschaden, der den Buchrücken aufgelöst hat, ist dem Buch weiter nichts passiert.
Meine Schwester berichtete mir später, unsere Mutter hatte ihr erzählt, der Vater von Walther, der ein angesehener Rechtsanwalt in Bergedorf gewesen sei, habe seinen Sohn Walther Kellinghusen im Gefängnis besucht und ihm ein Handtuch oder ein Tuch gebracht. Dieses Tuch sei eine Art Code gewesen. Das Signal dafür, das man Walther nicht helfen könne. Darauf hin hat sich Walther im Gefängnis das Leben genommen.
Die Geschichte geisterte seit Jahren durch unsere Familie. Es wurde aber niemals geklärt, ob es tatsächlich so passiert ist. Auffällig ist, das mein Vater ein Reihe von Fotos aufgehoben hat, die von Walther Kellinghusen hergestellt worden sind oder ihn abbilden. So sind diese Aufnahmen nach dem Tode meiner Eltern in meinen Besitz gekommen.
Erst vor einigen Jahren habe ich mit der Recherchen zu Walther Kellinghusen begonnen. Ich stellte ich fest. Es ist noch viel schlimmer, als bisher bekannt. Im Staatsarchiv finde ich einen Mitarbeiter, der sich speziell mit der Verfolgung der Schwulen in Hamburg jahrelang beschäftigt hat. Uwe Bollmann. Zusammen mit einem Kollegen hatte er Reihe von Veröffentlichungen gemacht. Auch die beiden Fälle Kellinghusen haben sie bearbeitet. Der Fall Walther Kellinghusen, der sich im Bergedorfer Gefängnis das Leben genommen hat. Und der Fall seines siebzehn Jahre älteren Bruders Hans-Adolf Kellinghusen, der 1933 zum Professor und stellvertretender Direktor des Staatsarchives ernannt wurde.
Lange sinne ich darüber nach, warum meine Eltern, warum mein Vater nach dem Tode seines Freundes Walther Kellinghusen niemals mehr Kontakt mit einem Familienangehörigen der Kellinghusens aufgenommen hat. Schließlich haben wir bis 1963 in Bergedorf im Glindersweg 47 gewohnt. Ich komme zu keinem Ergebnis. Aber zu einer Entscheidung.
Walther Kellinghusen ist es wert, dass man über seine Person stolpert, so wie ich über ihn gestolpert bin. Ich nehme Kontakt mit Peter Hess auf. Es soll ein Stolperstein für Walther Kellinghusen werden. Verlegt an seiner letzten Wohnanschrift in der Wentorferstrasse 23.
Auf der Suche nach Angehörigen von Walther Kellinghusen ist Peter Hess erfolgreicher als ich. Ich hatte es telefonisch probiert, ohne Erfolg. Kein Verwandter dabei, der mit Walther verwandt war oder von seiner Geschichte wusste. Peter Hess hat es mit kleinen Zetteln an den Bäumen in der Wentorferstrasse in Bergedorf versucht. Er hat einen Kellinghusen gefunden und mir seine Telefonnummer gegeben.
Walther Kellinghusen Fotograf Das Foto hat Rudolf Heinrich Meyer von ihm gemacht.
Hans Adolf Kellinghusen Das Foto hat sein Bruder Walther Kellinghusen gemacht
Ich habe dann anschließend dreißig Minuten mit diesem Kellinghusen telefoniert. Er ist Jahrgang 1937. Die Villa des Vaters hat er nach dem Krieg abreißen lassen und auf dem Grundstück, das bis zur Strasse Am Baum 8 reicht, neu gebaut. Ein großes Grundstück. Das Haus in der Mitte. Weg von der lauten Wentorferstrasse.
Nach diesem Telefonat habe ich endlich verstanden, warum meine Eltern mit dem Rest der Familie Kellinghusen nach dem Tode von Walther nichts mehr zu tun haben wollten. Merkwürdige Formulierungen lassen mich stutzen. Hinterher denke ich: Wenn dieser Kellinghusen könnte, wie er wollte, aber das kann er nicht, dann würde er diesen Stolperstein verhindern. Er spricht von der Schande, die Walther über die Familie gebracht hat. Sprachlosigkeit überfällt mich. Ein Blick in den Kalender macht die Sache nur noch schlimmer. Die Gefängnisakten sind inzwischen vernichtet.
Es steht zu vermuten, dass die Vernichtung dieser Akten dem älteren Bruder, der 1933 zu stellvertretenden Direktor und Professor des Staatsarchives ernannt wurde, Hans-Adolf Kellinghusen sehr gelegen kam, wenn er die Vernichtung der Akten nicht selber initiiert hat, was zu vermuten ist. Einen Satz sollte ich vielleicht noch einmal wiederholen: Hans-Adolf Kellinghusen, war 1915 “Hilfsarbeiter im Staatsarchiv“ (Eintrag im Hamburger Adressbuch), 1932 Archivrat im Staatsarchiv und wurde im Jahre der Machtübernahme zum Professor und stellvertretenden Direktor des Staatsarchives ernannt. 1979 starb mein Papa. Er wurde 75 Jahre alt. 1987 starb meine Mama. Sie wurde 83 Jahre alt.
Heinrich Meyer (Mein Opa) auf dem Gojenberg.
Heinrich Meyer geb. 15. Oktober 1867, gest. 21. Juni 1930, Fotografiert von Rudolf Heinrich Meyer
Zum Thema Persilscheine: Sich Freikaufen von der Vergangenheit
“Jeder zweite, der in Kiel vor die Spruchkammer kam, hatte einem Juden das Leben gerettet, einen Demokraten vor dem KZ bewahrt und war ein geheimer Gegner der Nazis gewesen. Die Fragebögen wurden en masse* gefälscht. Neben der Wand mit den Tauschzetteln hingen jeden Tag die Anschläge der Militärregierung: »Wegen falscher Angaben wurde bestraft . . . «. Auf die Frage, wo der Schwarzhandel am besten gedeihe, erhielt man damals zur Antwort: am Bahnhof und vor der Spruchkammer! Da wurden – je nach Belastungsstufe – Kartoffeln, Eier, Mehl, Margarine, Hühner und Karnickel gegen »Persilscheine« getauscht. Gegen Bezahlung in Naturalien kaufte man sich frei von der Vergangenheit. Oder die alten Nazis legten einfach einen von den Spruchkammern errechneten Betrag auf den Tisch und waren von diesem Moment an keine Nazis mehr. Die als »Mitläufer« eingestuften zahlten etwa 200 RM; das juckte keinen, da das Geld ohnehin nichts wert war. Bloß die Kleinen, die Block- und Zellenleiter hat man rangenommen und als Trümmerauguste eingesetzt, während die vermögenden Pgs schon wieder in den Vorzimmern der Militärregierung saßen und auf ihre Lizenz warteten und frische Brötchen aus kanadischen Mehl aßen. Kein Wunder, daß uns die Entnazifizierung als Farce erschien!“
(Wolfgang Ziemssen 1928-2012, ehemaliger Marineflak-Helfer in Kiel, dann Bauhilfsarbeiter, später Schauspieler. (Tonbandprotokoll)
“Die
Habgier ist weniger Ausdruck einer vorgesellschaftlichen
menschlichen Natur als eines Mangels an Menschlichkeit.”
(Zitat aus: Unsichtbares Komitee. An unsere Freunde. Edition
Nautilus. April 2015).
Kurt
Tucholsky hat in seinem Sudelbuch schon alles über die derzeitigen
Spekulanten geschrieben: Text 340: ”Danke – wir lügen selber! wie
die Dänen sagen.”
Das erste Konzept für die Umnutzung des Montblanc Simplo Geländes stammt vom Februar 1987. Geschrieben von Peter Jorzick für die Lawaetz Stiftung, bei der er damals beschäftigt war. Die Förderung örtlicher Beschäftigungsinitiativen. Vierzehn Seiten mit einer Kostenschätzung. Sechs DM pro qm sollten die Flächen kosten. Als Nettonutzfläche gibt das Konzept 5.000 qm an. Fünf Häuser zwischen Schanzenstrasse und Bartelsstrasse. Das Gelände war verschlossen. Wer es besichtigen wollte, mußte an einem Pförtner in der Bartelsstrasse vorbei. An dem kamen nur die Arbeiterinnen und Arbeiter vorbei, die hier arbeiteten. In der Schanzenstrasse war noch ein Eingang. Da durften nur die Angestellten von Montblanc rein. Es brodelte im Viertel. Herr Kurz hatte bekundet, er wolle sein Phantom der Oper auf dem Gelände unterbringen, wo bis dahin der Laden von 1000 Töpfe untergebracht war.
Das gehörte der Stadt und wurde von der Sprinkenhof verwaltet. Das konnte man dem Gebäude auch ansehen. Ich kramte meinen schwarzen Hochzeitsanzug heraus mit den spitzen schwarzen Schuhen und wir verabredeten uns vor 1000 Töpfe zum Sektumtrunk, um den anderen Bewohnern zu zeigen, wie es wäre, wenn hier bald das Phantom der Oper gespielt würde. Jedenfalls entstand ein ordentlicher Trubel anschließend. Dieser hatte zur Folge, dass auch im Rathaus Unruhe einkehrte. Ein Wegzug von Montblanc würde den Druck zusätzlich verstärken. Besetzungsgerüchte breiteten sich aus. Die Stadt entschloß sich für die Ausgabe von Beruhigungspillen an die Bevölkerung.
Wir vom Kino kamen zur rechten Zeit und waren am rechten Ort. In der Oelkersallee hatten wir in einem Nebenraum des Oelkerscafes mit dem Duckenfeld im Oelkerscafe angefangen. Jeweils Sonnabends, Sonntags und Montags zeigten wir dort mit 21 Sitzplätzen seit 1983 Filme. Filme, die im örtlichen Kinoprogramm keine Plätze gefunden hatten. Sechzehn Millimeter war unser Format. Ich arbeitete als Maschinenschlosser bei Blohm & Voss.
Damals konnte man schon absehen, daß dies nicht mehr lange gehen würde. Der Neubau von Schiffen bei Blohm & Voss. Wir bauten nur noch Kriegsschiffe. Und das, so beschloss ich, macht auf Dauer keinen Spass. Ein Kino macht da viel mehr Spass. Wir waren erst zu zweit. Der Maschinenschlosser ohne Perspektive und der Pförtner vom Bodelschwinghaus. Um an die örtlichen Fördertöpfe für öffentliche Mittel zu kommen, brauchten wir noch einen Dritten. Den wir fanden. Ein ehemaliger Sozialpädagoge, der sich auf Kinderbetreuung auf dem Land spezialisiert hatte. Montblanc war für uns der richtige Ort. Ein Kino mitten in der Stadt. Am Mittwoch, d. 29. März 1989 trafen wir uns beim Planerkollektiv mit Joachim Reinig in der Paulinenallee 32. In 2000 Hamburg 50. Von 15.00 – 18.00 Uhr.
Peter Jorzick wollte zunächst nur seinen Freund Ulf von Kieseritzky mit der Umbauplanung von Montblanc beauftragen. Doch wir hatten schon schlechte Erfahrungen mit ihm gemacht. Beim Umbau des Bürogebäudes der Zeise Propeller Fabrik zu einem Filmhaus. Mit dem Planerkollektiv hatten wir keine schlechten Erfahrungen gemacht. Also wurde das Vorderhaus in der Schanzenstrasse von der Gemo K geplant (Haus 1), und die Häuser 2/3/4/ und 5 vom Planerkollektiv. Joachim Reinig schied vorher aus. Und unsere Ansprechpartnerin war Elinor Schuees und später (während ihrer Schwangerschaft) Karin Hänisch. Eine erste Besichtigung des Geländes fand im März 1988 statt. Ich zeichnete mir einen Übersichtsplan in mein Notizbuch. Für ein Kino kam nur das Gebäude zwei in Frage. Hätte man es abgerissen, dann würde man dort keinen Neubau genehmigt bekommen. Also wurde beschlossen, das Gebäude zu entkernen, die Aussenwände mit Zugankern zu versehen, damit sie während der Bauarbeiten nicht umfielen.
Von der oberen Etage solte nur die Fassade stehen bleiben. Dann sollte das neue Betondach auf eine verlorene Schalung gegossen werden. Nach der sog. “Anhandgabe” an Peter Jorzick wurde der Komplex am 5. Januar 1990 gekauft, habe ich meinem Notizbuch anvertraut. Ein Bauausschuss wurde gegründet, der sich am 4. April 1990 beim Planerkollektiv traf. Mit dabei GEMO K (Ulf von Kieseritzky), Elinor Schües und Karin Hänisch (Planerkollektiv) Rainer Zwanzleitner (Satz und Repro), Edith Mandelkow (Hotel), Wolfgang Meins (Rechtsanwälte), Andreas (Hapkido) und ich vom Kino.
Unsere Themen: Baufortschritt, Freimessung Asbest, Ausschreibungen, Auftragsvergabe, Antrag auf Fördermittel (ASE), Gift im Anbau, Mittelspannungsanschluß, Auflagen des Amtes für Denkmalschutz, Auftrag für Heizungsanlage vergeben (200.000,00 DM ohne neuen Kessel an Heiner Farchau vergeben.)
Der erste Tag im Kino war der erste Mai 1991. Noch im April wußten wir nicht so recht, ob bis dahin alles fertig würde. Doch dann erblickte die Leinwand das Licht des Projektors. Drei Tage war freier Eintritt. Das Hotel und die Gaststätte wurden schon im März eröffnet. Die Verwaltung wurde von einer neugegründeten GmbH übernommen, die zu 50 % der Stadt und zu 50 % der Handswerkskammer gehörte. Das lief mehr oder weniger gut.
Wir gründeten den Verein der Nutzer, den Schanzenhof e. V., in der alle Mieter Mitglied wurden. Auch die Volkshochschule. Eine bunte Mischung aus allem Möglichen. Im Gebäude eins (Später auch Haus A genannt), die Volkshochschule, die Rechtsanwälte, die Gruppe Arbeit und Gesundheit, das Satz und Repro Kollektiv, das Institut für Sozialgeschichte, Aktiv Reisen, die Wissenschaftliche Stiftung.
Im Haus 2 (später auch Haus B genannt) das Stadtteilkino mit 98 Sitzplätzen. Im Haus 3 (später auch Haus C genannt) der Jugendclub-Kinderzentrum KIZ, die Stadtteiletage mit ihrem Versammlungsraum, der Meditationsraum von Hapkido. In Haus drei die Ambulante Drogentherapie – Palette, Das Atelier von Serena Kahnert, die Freie Ambulante Pflegegruppe. Im Haus 5 (später auch Haus E genannt) in der Bartelsstrasse das Hotel Schanzenstern und die Gaststätte Schanzenstern, die Journalisten, Filmer und die Heilpraktikerinnen von Alchemilla.
Etwas am Rande der Legalität: Der Baugenehmigungsbescheid erfolgte am 21.01.1991. Grundbuchbezirk St. Pauli Nord Gemarkung Flurstück 2. 807, 836 Bauliche Anlage Nutzungsänderung und Umbau der ehemaligen Mont Blanc Produktions- und Verwaltungsgebäude in der Schanzenstr. 75 und Bartelsstrasse 12, Haus A – E, Abriß von Holzschuppen auf Flurstück 836, Unterschrift Kurpierz.
Über die Zeit als es uns gut ging, ist wenig zu berichten. Es hat mal durch die Betondecke des Kinos durchgeregnet und es hat eine Weile gedauert, bis der Schaden in der Dachfolie gefunden wurde. Aber das ist längst vergessen. Wann der Ärger genau begann?
Genau genommen mit dem Finanzsenator Herrn Wolfgang Peiner von der CDU. Aber das haben wir leider erst später begriffen. Es gab den zaghaften Versuch, das Anwesen selbst zu kaufen. Aber die Herren des Portfolios Schanzenhof haben uns nicht einmal geantwortet. Heute wissen wir auch warum.
Genau genommen ist es nur Werner Grassmann vom Abaton Kino gelungen, das Gebäude aus dem Portfolio von Wolfgang Peiner herauszulösen und es selber zu kaufen. Und das nur mit tätiger Unterstützung der Kulturbehörde. Werner Grassmann war dann selber bei Ole von Beust und hat ihn letztlich überzeugt, daß ein solcher Verkauf des Abatons kontraproduktiv ist.
In der Kulturbehörde gab es eine Referentin, Juana Bienenfeld, die geahnt hatte, welche Zukunft Kulturbetriebe unter der Spekulation haben würden: Keine. Sie hatte dafür gesorgt, dass vor dem Grundstücksverkauf das 3001 Kino einen Vertrag bekam, wo die Spekulanten erst im Jahre 2021 die Miete so erhöhen können, wie sie es jetzt schon mit den Kündigungen des Hotels und des Restaurantes Schanzenstern, der Drogenberatung Palette und der Künstleretage vormachen.
Vollmundig belügen sie Presse: Das Kino wollen sie erhalten. Nur gut, dass sie im Moment nicht können, was sie wollen. Gnade uns Gott, haben wir uns im Kino gesagt. Wenn wir es jetzt nicht schaffen, dass die Stadt das Gebäude zurückkauft, dann sind wir verratzt, wie alle anderen, die schon gegangen oder ausgezogen sind.
Es gab 2006 noch einen Gewerbehof an der Stresemannstrasse, wo ein Handwerksbetrieb ebenfalls versucht hatte, das Gebäude zu kaufen. Auch die sind gescheitert. Dann kamen diese neuen Mietverträge von der DIC aus Frankfurt. Nicht mehr 13 Seiten, wie die mit HaGG, sondern welche mit 35 Seiten, in denen stand nur, was sich alles nicht machen. Und heute wissen wir es. Fast zehn Jahre später ganz genau.
Sie unterscheiden sich in keiner Weise. Sie entscheiden, was sie reparieren und was nicht. Das Wort Instandhaltung fehlt in ihrem Wortschatz. Es ist ihnen kurz gesagt, alles scheissegal. Sie vermehren nur ihr Geld. Geld das sie uns aus der Tasche ziehen. Wenn die Steine aus den Fensterstürzen auf den Hof fallen, dann nageln sie Holzlatten davor, damit die Fenster und die Steine den Leuten nicht auf den Kopf fallen.
Wenn der Heizkessel im Alter von 35 Jahren seinen Geist aufgibt und nicht mehr elektronisch zu regeln ist, dann erzeugen sie Wärme eben ohne Regelung. Wenn die Regenwasserzisternen im Wege sind, dann werden sie einfach zerkloppt. Wenn in der Folge der fehlenden Regenwassernutzung für die Toilettenspülung die Wasserkosten unermeßlich steigen, dann überbürden sie diese einfach komplett auf die Mieter, die sie ohnehin los werden wollten. 6.000 oder 7.000 Euro kümmern sie nicht. Bent Jensen von der Schanze 75 GmbH: “Das macht wirtschaftlich keinen Sinn.“ (Die Wiederherstellung der Regenwasseranlage). Und doch wäre es mit wenig Geld so leicht zu machen gewesen. Zuerst wird das Kinderzentrum von der Jugendbehörde zum Umzug gezwungen. Es sei angeblich sinnvoll, wenn das Kiz geschlossen wird und in das Haus der Jugend am Pferdemarkt umzieht. Noch ein weiteres Projekt aus der Beckstrasse wird von der Behörde zu einem solchen Umzug gezwungen. Dann verschwindet die Heilprakterinnen Schule Alchemilla.
Die Kursteilnehmerinnen sind nicht besonders zahlungsfreudig und der Schuldenberg führt zu einem kurzfristigen Auszug. Die Umstellung in der Druckindustrie ist gewaltig und macht auch vor der Firma Satz und Repro keinen Halt. Rainer Zwanzleitner und seine Kolleginnen sind die Opfer dieser Entwicklung. Zuletzt verschwinden auch noch die Anwälte aus dem Schanzenhof. Und wenn jetzt keine Umkehr erreicht wird, dann verfällt das Gebäude weiter, während die Mieten immer weiter steigen. 30. Oktober 2015. Jens Meyer
(Zeichen 31.972) Falschheiten: Vorname Fritz! Abschrift: David Stewart Hull, Berkely USA, veröffentlicht in der Zeitschrift »Film« Heft 3 im August / »September 1963. Herausgegeben von Hans Dieter Roos und Werner Schwier. Es handelt sich dabei um eine Übersetzung des Artikels, der vom Autor David Stewart Hull (auch David Stuart Hull) durchgesehen und von der Redaktion der Zeitschrift »Film« gekürzt wurde. Der Aufsatz ist zuerst in der Zeitschrift „Film Quarterly“ im Sommer 1961 abgedruckt worden.„Abschrift eines Textes von David Stewart Hull (1961)“ weiterlesen
Interview mit Walter Tennigkeit am 29. März 2011 (10.198 Zeichen) Geboren am 6. Oktober 1935J.M.: Wann genau sind sie geboren?
W.T.:
Am 6. Oktober 1935.
J.M.:
Erinnern sie da aus ihrer Kindheit noch irgendwas, was sie da noch
erlebt haben? War das schon hier in dieser Siedlung?
W.T.: Ich hab hier . . . also in dieser Siedlung nachdem ich aus der Klinik gekommen bin mit meiner Mutter gelebt bis . . . ich zu meinem Vormund gekommen bin . . . Und da war ich also . . . da war ich neun . . . vorher war ich . . . wie die Verhaftung war ich achteinhalb. J.M.: Wann war genau die Verhaftung?
W.T.: Müsste ich in irgendwelchen Sachen gucken . . .
J.M.:
Steht auch vorne an der Tür . . . das war 1944 . . .
W.T.:
Das war 1944, das war im Frühjahr.
J.M.:
Wie alt waren sie da?
W.T.:
Da war ich achteinhalb.
J.M.:
Achteinhalb . . . und entsinnen sie da noch irgendwas? Auch vorher
noch was, was sie so als Kind noch erlebt haben oder so ?
W.T.: Also hier in der Berner Siedlung war ja . . . praktisch sone Insel, wo es nicht ganz so schlimm war . . . umging . . . ich weiß wir mußten irgendwann kriegten wir son Ding an die Hauswand, da mußten wir dann zu bestimmten Tagen ne Fahne reinstecken, meine Eltern hatten aber kein Geld für ne Fahne, ham sie gesagt, ne und ham sich denn . . . so ein . . . das kleinere häßliche zusammengenäht . . . nur um der Vorschrift genüge zu tun . . . das sind so Sachen . . . also das da denn sowas hing, warum sie ne kleinere, das hab ich natürlich nicht erst später . . . hintergekommen. Man macht sich ja also auch nicht so viel Gedanken . . . als Kind . . . da hat man andere Probleme . . . denn die Probleme, die die Erwachsenen hatten, mit dem Regime, da erfuhren wir nichts von. Durften wir nichts von erfahren, denn es war ja so . . . Spielkameraden wo . . . die aus dem Hause wo also NS begeistert waren und wenn ich mit dem über was geredet hätte was ich wenn ich was gewußt hätte . . . dann hätte der das seinen Eltern . . . und dann wär das schlimm gewesen. In der Schule waren also einige der Lehrer auch darauf aus die Kinder in die Richtung auszufragen, abzuklopfen vor allen wo man wußte, aus welchem Haus sie kommen . . . Mein Vater war hier im Gemeinderat und da wußte man natürlich, wo er steht, politisch und wurde man natürlich angebohrt von Lehrern . . . hab ich es bewußt nicht mitgekriegt ich konnte ja auch nichts sagen, weil ich nichts wußte. Das war also bewußt. so . . .
J.M: Haben ihre Eltern dieses Haus gebaut? Oder ?
W.T.: Nein dies ist eine Genossenschaft . . . eine . . . in den zwanziger Jahren gegründet . . . wurde . . . der sogenannte Gartenstadtgedanke . . . war geplant . . . das wurde also sehr viel in Eigenhilfe gemacht und das man dann später das in eigen ist es als übernehmen konnte. Und denn kamen aber die erste große Wirtschaftskrise und dann ging das nicht mehr und dann wurde das in eine Genossenschaft umgewandelt . . . ich meine, das gesagt wurde da . . . hat hier . . . je . . . eine Sparkasse oder die . . . na wie heisst sie noch die Landwirtschaftliche Geschichte . . . die hat also hier . . . auch im . . . im Buut (?) und auch am Bahnhof und so weiter auch noch die Felder zum Teil noch bewirtschaftet über einen Pächter und die haben also . . . Geld auch reingeschossen und dann Genossenschaft . . . es wird also nie mehr Eigentum Es wurde hier sehr viel in Eigenhilfe gemacht, die Strassen zum Teil wurden planiert und mit Grand und so weiter . . . Asphalt und so was gabs damals ja alles oder war nicht nötig, kamen paar Begrenzungssteine und das wars dann. Es wurden zum Teil für die Fussböden noch aus dem Wald der zum Teil noch . . . was gerodet wurde, zum Teil sollen Fußbodenbretter selbst gesägt worden sein, die anderen, die Häuser, die da hinten sind, diese Putzbauten da haben sie also selbst Mauersteine gebacken, in der Scheune, wo jetzt das Volkshaus ist, da war ne Scheune und da wurde zum Teil also die Steine selbst fabriziert und denn verbaut, also sehr viel in Eigenhilfe . . . aber . . .
J.M.: Was war ihr Vater von Beruf?
W.T.: Der war Dreher. Heute heisst das ja Zerspanungstechniker . . . ja das hat alles ja neu Namen. Naja, er war also Dreher. Hat also gelernt bei der Vulkan Werft . . . oder . . . nen Tochterunternehmen . . . oder was weiss ich . . . mein Großvater kam aus Stettin von der Vulkan Werft . . . als Schmied und ob er nun hier sich her nach Hamburg beworben hat oder versetzt wurde, weiß ich nicht. Ich konnte ihn nicht mehr fragen. Also, der ist bevor ich geboren wurde ist der schon verstorben und wenn man anfangt sowas zu fragen , dann wäre er ja noch älter gewesen. Ne also, der war Schmied und seine drei Söhne, die mit her gekommen sind, der eine war auch Dreher und der andere war Tischler, der hat nachher . . . hier in Hamburg im Hamburg im Arbeitsamt war er tätig, hat die Tischler betreut . . . nach dem Krieg, ja das war also . . .
J.M.:
Und ihre Mutter, hat die auch einen Beruf gehabt?
W.T.: Ja, die war Kontoristin . . . sagt man dazu . . . hat man das früher wohl genannt, die hat also im Büro gearbeitet . . . und zwar in verschiedenen gewerkschaftlichen Sachen . . . in . . . das hab ich aber auch dann nur gehört . . . in Bäckerverband und nachher auch im Transportarbeiterverband und hat über die Gewerkschaftsbund also bei der Gewerkschaftsarbeit meinen Vater näher kennengelernt, der also bei der IG . . . bei der Metallarbeiterverband hiess das früher . . . Metallarbeiterverband auch ehrenamtlich tätig war so nebenbei . . . Gewerkschaft . . . den
J.M: Wissen sie noch, wo er zuletzt gearbeitet hat ?‘
W.T.:
Das hiess Spillingswerk, was die gemacht haben, weiss ich nicht. Ich
war mal mit meiner Mutter da und es war ja als Kind natürlich
faszinierend, wenn da diese Stahlspäne so vom Drehstahl . . . vom
bunten . . . sich so langsam durch den Raum schlängeln so . . . so
das war also ganz interessant, aber was er da gedreht hat . . . es
muß . . . im nachhinein kann man das so vermuten . . . also in der
überwiegend in der Rüstung gewesen sein . . . denn er war uk
gestellt . . . nannte sich das ja damals . . . also unabkömmlich im
Wehrpass war abgestempelt . . . er mußte also in der Rüstung . .
. vermutlich . . . oder für die Rüstung arbeiten.
J.M.:
Ihre Eltern waren in der Kommunistischen Partei, oder?
W.T.:
Ja, also mein Vater, soviel ich
entnehmen konnte, was man so hört, liest oder noch gefunden hat,
ja, meine Mutter kam aus der SAJ, das war die sozialistische
Arbeiterjugend, die Jugendorganisation der SPD . . . die Kinder, die
da vor waren, das nannte sich Kinderfreunde und ab einem gewissen
Alter war es die SAJ , nach dem Krieg die Falken . . . das ist also
. . . naja. Sie ist denn nachher aber in der USPD gewesen und von da
aus nachher auch in die KPD. Also so. Ob sie vorher in der SPD war,
weiss ich nicht . . . als Kind interessiert man sich nicht und
fragt da nicht nach und weiss gar nicht was das ist. So ungefähr.
Also das immer nur so im nachhinein, was man denn so zum Teil
gefunden hat in Schriften und so weiter oder . . .
J.M.:
Als ihre Eltern verhaftet wurden, da hatten sie ja gesagt, das hätten
sie noch miterlebt. Also . . .
W.T:
Ja
J.M.: Können Sie das noch mal schildern?
W.T.:
Ja, also mein Vater . . . der wurde von der Arbeit abgeholt, der ist
gar nicht mehr erst nach Haus gekommen. Und meine Mutter . . . wir
hatten ja auf der Strasse . . . Stück weiter . . . Fußball
gespielt . . . mit nen paar . . . und denn kam hier n Auto . . .
kam hier ein Auto vorbeigefahren . . . ich glaub das war Wanderer war
das . . . son komisches W war da vorne . . . habe ich also nachher
erst . . . das das so einen Typ gab . . . ne . . . und denn stiegen
zwei Männer in langen braunen . . . schwarzen Ledermänteln aus und
gingen ins Haus . . . da wird man natürlich neugierig und guckt . .
. aber naja . . . aber dann haben wir aber weitergespielt und dann
hat meine Mutter mich reingerufen . . . und denn sassen die beiden
Kerle da und . . . Bücherstapel . . . Bücherschrank leer geräumt.
Radio hatten sie mitgenommen . . . oder da erst mal hingestellt . . .
nachher mitgenommmen und dann also ich . . . wenn ich so die
Körpersprache meiner Mutter . . . war Alarmstufe für mich . . .
ich konnte das nicht . . . irgendwie sagen, was das nun ist . . .
aber ich wußte das Alarmstufe Vorsicht
. . . dann hat man versucht, mich auch auszufragen . . . nach
Onkel Max . . . das war der Max Heykendorf, der untergetaucht war . .
. den sie gesucht hatten . . . da hatten sie nachgefragt . . . und
noch einen . . . einen . . . einen Bruns oder Brun, aber den kannte
ich gar nicht, der soll aber hier auch übernachtet haben und
untergeschlüpft sein und tagsüber war er denn irgendwo anders so .
. . aber das habe ich als Kind nicht mit gekriegt. Ich weiss nur,
dass wir da oben ne Abseite hatten und . . . .
J.M.:
Unterm Dach?
W.T.:
Unter der Dachschräge war ne
Abseite, die hab ich jetzt rausgenommen, damit der Raum grösser wird
. . . aber (lacht) und da war so ne Ausbuchtung von dem vorderen
Fenster und da konnte man so rumkriechen und dahinter . . . da
haben denn auch welche übernachtet . . . in der Anfangszeit . . .
was ich noch genau . . . also . . . das hat man mich ausgefragt
nach allem möglichen aber . . . weiss ich nicht . . . weiss ich
nicht . . . das war . . .
J.M.:
Wissen sie noch wann das genau
war? Das war ja sicher lange bevor sie ermordet worden . . . sag ich
mal so? Oder welche Formulierung haben Sie dafür?
W.T.:
Bitte?
J.M.:
Lange bevor Ihre Eltern ermordet wurden, nehm ich mal an . . . war
das ja?
W.T.:
Ja das war an dem Tag, an dem
sie verhaftet wurden. Sie sind also Anfang 44 . . . ja dann haben
sie . . . dann hat meine Mutter gesagt . . . ich muß jetzt mal
mitfahren mit dem Auto, die haben Bücher und Radio eingepackt . . .
und Du gehst rüber zu Frau Lübcke, die wohnte denn in Nummer 23 und
heute abend dann kommt Tante Erna, die war mit ihrer Tochter, die
waren ausgebombt in Habichtstrasse Barmbek, da in der Ecke ham die
gewohnt . . . Dieselstrasse . . . waren ausgebombt . . . die hatten
wir dann hier aufgenommen . . . der Mann war als Soldat irgendwo an
der Front . . . und die war aber mit ihrer Tochter in Hamburg
gewesen, hatten da Verwandtenbesuche gemacht und sollte erst abends
nach Haus kommen. Ob . . . und das sind so Vermutungen . . . die man
hat sie bewußt da zu irgendwo zu jemand hingelockt, damit sie nicht
hier ist . . . es sind nur Vermutungen . . . das kann man nicht . .
. sagen das das so war . . . wird so zum Teil so vermutet . . . ne
das man sie bewußt hier nicht haben wollte . . . he . . . die
Beamten . . . die Bekannten, da irgendwo nen Tipp gekriegt haben .
. . lad die doch mal ei . . . so ungefähr . . . weiss ich nicht . .
. kann sein . . . ja und denn . . . kamen die nachher abends rüber
und ich wieder her und denn hab ich meine Eltern nie wieder gesehen .
. . also . . . das war also . . . mann . . . zu Anfang ist das ja
so, da denkt man . . . naja die kommen wohl irgendwann wieder . . .
aber was . . . also man weiss denn auch nicht . . . man macht sich
Gedanken . . . warum und weshalb . . . warum sind sie nicht da. warum
kommen sie denn . . . so ungefähr . . . warum lassen sie mich hier
allein . . . solche Gedanken hat man als Kind . . . denn natürlich
. . .
J.M.:
Waren sie ein Einzelkind? Oder waren da noch Geschwister?
W.T.:
Ich war als Einzelkind übrig geblieben. Ich hab also einen älteren
Bruder gehabt, der noch vor meiner Geburt gestorben ist. Damals war
ja die Kindersterblichkeit relativ groß . . . oder größer wie
jetzt . . . er hatte irgendwie . . . ne Krankheit . . . irgendwo . .
. mit Durchfall und was weiss ich nicht alles . . . und hat das also
irgendwie vielleicht auch . . . nach damaligen Gesichtspunkten . . .
nicht vielleicht nicht ganz richtig behandelt oder wie oder was aber
er ist verstorben und meine Schwester, die nach mir geboren wurde,
die ich also nur gefühlt hab, wie sie im Bauch gestrampelt hat von
meiner Mutter . . . das durfte ich dann auch, guck mal das hier . .
. das ist dein Bruder oder Schwester . . . wußte man damals noch
hatte ja damals kein Ultraschall . . . also naja . . . die ist aber
aus dem Krankenhaus gar nicht rausgekommen. Da waren also . . . das
Herz soll auf der falschen Seite gewesen sein und noch ein paar
organische Schäden, die also . . . nicht überlebensfähig waren . .
. und somit bin ich praktisch der einzigste der nachgeblieben wurde .
. . entsprechend natürlich verpiepelt von meiner Mutter. Kann man
sich vorstellen . . . ne, zwei verloren, jetzt müssen wir aber
aufpassen . . . ne . . . ich weiss, da hatten wir so komische lange
Strümpfe noch bis fast in den Sommer rein. Ich war kaum um die Ecke
habe ich sie runtergekrempelt . . . (lacht)
J.M.:
Oder das Leibchen . . .
W.T.:
Das Leibchen und diese Hemdhosen . . . das waren die Leibchen und mit
den Gummibändern . . . die wurde sofort abgemacht . . . und auf
dem Rückweg wieder . . . aber so Sachen . . . gut das waren so
Sachen . . . woran ich mich also recht genau erinnern kann . . .
hier hinten auf dem Hof . . . jetzt ist der Schuppen . . . weg . .
. . . . da stand son Schuppen dahinter war n Birnbaum und drunter .
. . hinter dem Schuppen und rundherum waren Johannisbeerbüsche
gepflanzt und in der Mitte war Rasen . . . so da konnte man Sitzen,
ohne gesehen zu werden und waren hin und wieder immer
Diskussionsrunden. Da kamen Leute, die ich nicht kannte . . . also .
. . aber eine Person, die war also . . . weil sie entsprechend etwas
größer war wie die anderen und . . . hat mich irgend wie
fasziniert . . . das war der Adolf Kummernuß . . . der spätere ÖTV
Vorsitzende . . . der Adolf Kummernuß . . . der kam mehr aus der
aus der sozialdemokratischen . . . Richtung und hier waren also auch
Kontakte zwischen den . . . obwohl die sich ja ne zeitlang . . .
was zwar idiotisch war . . . aber gut . . . praktisch bekämpft
hatten in der Hoffnung das . . . das sie nachher über die Stärkeren
sind, wenn das . . . der andere Spuk vorbei ist, aber der andere Spuk
ist stärker geworden, weil sie sich zum Teil
selbst behindert haben . . . also hier war so ne kleine Kontaktstelle
. . . ich weiss das von anderen, die hinterher gesagt haben, ja . .
. ich wir haben da auch immer mit deinem Vater und mit deinen Eltern
diskutiert und so weiter . . . Ich weiss auch, dass einige, die
damals bei der KPD waren . . . also hinterher . . . nachher gesagt
haben, ne also was die Kommunisten in Rußland machen gefällt uns
nicht, die sind dann nachher bei der . . . so ähnlich wie Herbert
Wehner, die sind dann nachher bei der SPD gelandet . . . solch gibt .
. . so einer, der hatte mich darauf hin mal angesprochen. Aber also
hier also war ne kleine Kontaktstelle und hier kamen auch . . . und
die die nach dem Krieg also auch hin und wieder . . . noch wieder
für mich gesorgt oder oder oder Behördensachen erledigt
undsoweiter . . . die Gertrud Meyer. Gertrud Meyer, die hat ja
Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand mit der Ursel Hochmuth
geschrieben. Die Gertrud Meyer, die war mit unseren Eltern
befreundet, die kam hier öfter und wir waren auch da zu Besuch ja .
. . die hat da
J.M.:
Haben sie später mal
rausgefunden . . . wie das . . . das war ja wahrscheinlich die
Gestapo, die mit den grünen Mänteln . . . wie die da drauf gekommen
sind?
W.T.:
Es gibt dort verschiedene
Versionen oder Vermutungen. Und die Vermutungen wer dahinter stecken
könnte habe ich nie rausgekriegt, das hat man mir verweigert . . .
J.M.:
Die Akte?
W.
T.: Ne, habe ich nicht gesehen.
J.M.:
Aber es gibt eine?
W.T.:
Ja wahrscheinlich, die
Verhörsakte . . . hab ich nicht gesehen. Ne ich wollte also gerne
wissen, wer sie angeblich verpfiffen haben sollte. Gingen hier
Gerüchte in Berne rum, aber wenn ich fragte, sie wissen es nicht.
Sie hatten wahrscheinlich Befürchtung das ich dann irgendwie . . .
hochkommende Rachegefühle hab und dann da . . . aber gut. Das ist
also . . . mein Vater gehörte zu den Leuten, die kein Blatt vorn
Mund nahmen und es ist so, wenn der in der Hochbahn sass und kam von
der Arbeit und da war einer den kannte er gut aus der Bewegung heraus
oder so, dann fing er an mit dem zu diskutieren und das war immer
zieml . . . für die anderen oha Mensch Richard sei ruhig so
ungefähr . . . und manche sind also wenn sie gesehen haben, dass er
in die U-Bahn eingestiegen ist, in den nächsten Wagen gegangen, um
. . . nicht der Gefahr ausgesetzt zu sein dass da irgendwelche Leute
was mithören und sofort hinlaufen. Es kann also sein, daß diese .
. . ja ich weiss nicht ob das mutig ist . . . vielleicht auch schon
leichtsinnig zu bezeichnen, dazu geführt hat, dass ihn irgendeiner
angezeigt hat. Meine Eltern aber . . . es gibt eben auch die andere
Version, sie haben ja an dieser Widerstandsgruppe Bästler Jacobs
Absagen, mit der Gruppe haben sie zusammen gearbeitet oder waren da
mit bei und da soll einer . . . einen der gegen Franko gekämpf hat,
ein Spanienkämpfer, der soll da gefangen genommen worden sein,
umgedreht worden sein und hier nach Hamburg geschickt worden sein,
und der war denn als Maulwurf hier und hat dann verschiedene Sachen
hochgehen lassen. Das ist die andere Version.
J.M.:
Hatten sie auch mal versucht, das rauszukriegen, da irgendwie im
Staatsarchiv oder so?
W.T.:
Ne ne ich bin . . .
J.M.:
Es ist ja vielfach so gewesen, dass die Gestapo nicht so gut
organisiert gewesen ist, nicht so viele Spitzel hatte, wie es der
Staatssicherheitsdienst in der DDR hatte . . . Das die meisten durch
Denunziation aufgeflogen sind.
W.T.:
Es ist möglich, das die Version mit diesem Spanienkämpfer scheint
mir wohl die richtige zu sein. Ich weiss das nicht. Denn die wußte
ja auch verschiedene Namen und nach denen er gefragt hatte
undsoweiter.
J.M.:
Hat es denn einen Prozeß
gegeben?
W.T.:
Nein, es ist ohne Prozeß . . .
sie sind ohne Prozeß . . . sind auch nicht hingerichtet worden . .
. offiziell . . . mein Vater hatte es . . . durch die viele
Arbeit und schlechte Ernährung . . . er hat nachher in Neuengamme,
aus einem Brief geht das hervor, der er geschrieben hat . . . meinen
Großeltern, dass er wieder als Dreher arbeitet . . . und mit
Neuengamme, das habe ich dann auch mal wieder gehört und gelesen
hatte Mauser mit Häftlingen zusammen gearbeitet . . . also da hatte
er wieder als Dreher gearbeitet . . . Mauser war ja
Waffenhersteller, nicht nur Schieblehren, sondern auch Waffen . . .
also.
J.M.:
Schieblehre hab ich ja noch.
W.T.:
(lacht) Ja, ja der hat auch Waffen, Pistolen und Gewehre und so was
gebaut.
J.M.:
Im KZ?
W.T.:
Im KZ oder ausserhalb, denn
wurden sie eben irgendwo hingebracht in die Werkstatt und denn abends
wieder zurück. Da ist er also krank geworden und ist angeblich an
der Krankheit verstorben, ob er jetzt nun auch Folter ausgesetzt war
in Verhören, wissen wir nicht. Es ist zu vermuten. Bei meiner
Mutter war das so sich an Verführers Geburtstag erhängt haben, am
20. April war das glaub ich soll sich am 20. April am Bettgestell
erhängt haben. Es gibt da eben Sachen . . . die sagen, man wollte
sie erpressen, wenn sie nichts sagt, dann komm ich ins Heim, damit
wollte man sie erpressen. Sie wollte aber nichts sagen. Das ist die
einer Version und die andere Version ist an diesem Tagen wurde unter
den Wachmannschaften heftig gefeiert und gesoffen und da kam es zu
Übergriffen. Weiss ich nicht. Fuhlsbüttel. War ja Frauengefängnis
und meine Tante, in dem Haushalt bin ich ja auch groß geworden, sein
Vater war denn noch mein Vormund
(Ende
Band 1)
(Band 2)
J.M.:
Wo waren wir? Bei Detlev.
W.T.:
Ja, also bei meiner Tante, die war mit ihren Eltern . . . also mit
meinen Großeltern zusammen noch zu Leichenschau . . . und die hat
gesagt . . . so sieht keiner aus, der sich erhängt hat. Weil sie
auch schon . . . mal praktisch . . . Erhängte gesehen hat. So kann
. . . ne . . . die muß anders umgekommen sein. So . . . aber wie,
weiss man nicht . . . das war . . .
J.M.:
In welcher Schulklasse waren sie als ihre Eltern abgeholt worden sind
?
W.T.: Ich war ja in der zweiten . . . hier in der Berner Schule . . . so ich war also in der Berner Schule . . . der Lehrer, den wir hatten, der schien ziemlich . . . naja . . . neutral zu sein, aber ich weiss das nicht genau, der war . . . der war hier mit einigen zusammen in der Klasse, die immer noch in Berne wohnen . . . früherer Sportsamtsleiter Heiner Widderich . . . der wohnte hier am Ende Moschlauer Kamp . . . oder . . . Rudolf Burack,
der
Betriebsrat im Springer Verlag nachher war, mit dem waren meine
Eltern auch befreundet und der Vater war aber im Krieg gefallen naja
also, hier bin ich groß geworden . . . und ja wie das mit meiner
Mutter dann . . . weiss ich nicht . . . also . . . das war eben .
. . so offiziell, soll sie sich erhängt haben . . . und na . . .
man weiss es nicht . . .
J.M.:
Denen ist ja eigentlich nix zu glauben.
W.T.:
Ja . . . nach dem Krieg hat sich denn der Adolf Kummernuß auch ein
bißchen drum gekümmert, der hat dann über die . . . ÖTV, wie sie
dann nach dem Krieg . . . mir eine kleine Zusatzrente . . . 50,00
Mark im Monat oder so hab ich da gekriegt . . . das weiss ich noch .
. . bis ich dann selbst in die Lehre kam und denn . . .
J.M.:
Was haben sie da gelernt?
W.T.:
Ich hab ja . . . heute nennt sich das Konstruktions Mechaniker
J.M.:
Maschinenschlosser?
W.
T.: . . . Stahlbauschlosser
. . . beim
Kampnagel. Den Kranbau.
J.M.:
Hatte ich auch Leute, die in meiner Berufsschulklasse waren von
Kampnagel. Ich hab doch HDW gelernt.
W.T.: Bei Kampnagel habe ich gelernt und denn bin ich vorher hin noch mal zum Gewerkschaftshaus . . . mich bedankt . . . hab ich zum Abschied noch ne Armbanduhr geschenkt bekommen . . . und die Frage war, was machst du, was lernst du auch bei Kampnagel . . . bist denn schon in der Gewerkschaft . . . ich sach . . . ne noch nicht, aber das ist für mich also ganz klar..und denn sagte er . . . Moment, denn is er runtergegangen . . . kam er wieder mit Mitgliedsbuch . . . März schon bezahlt . . . April mußt du selbst bezahlen, sagt er, denn bist du in der Lehre . . . denn bin ich also gleich ab ersten Tag in die Gewerkschaft . . . ich bin also . . . es hat bei mir . . . wollen wir mal ein büschen zurückblenden . . . ich war ja hier . . . nachdem mein Vater verstorben war . . . mußte mein Onkel, mußte einer die Vormundschaft übernehmen . . . das hat mein Onkel gemacht . . . und dat güng aber nur , wenn ich da wohn . . . so . . . und nun ist das
J.M.:
Das war jetzt Detlevs Vater?
W.T.: Detlevs Vater . . . und hier dieses Haus . . . was also meine Eltern . . . man muß sagen . . . die Satzung sagt, das Nutzungsrecht in grader Linie vererbbar . . . So nun war ich Erbe für dies Nutzungsrecht . . . in vielen Gartenhäusern wurden eben auch Verfolgte rausgeschmissen und wurden Nazis reingesetzt . . . hier hat der damalige Geschäftsführer . . . ich glaub Ahrens hiess der . . . oder so . . . aber . . . bin ich nicht ganz sicher, gesagt, nein (klopft auf den Tisch dreimal) . . . das schreiben wir auf den Namen von Walter T. . . nur ich war nicht wohnberechtigt . . . und ich wohnte ja auch gar nicht mehr . . . ich wohnte ja bei meinem . . . Dings . . . und denn hatten wir ja aber die Ausgebombten noch wohnen und dann nachdem . . . deren Häuser . . . die haben dann also hier gewohnt . . . praktisch als Untermieter bei mir . . . komische Konstruktion . . . aber . . . das ist wieder die andere Seite, es gab auch bei den Nazis vernünftige Leute . . . oder . . . oder . . . vernünftig kann man da nicht sagen . . . vernünftige Leute sind keine Nazis geworden . . . aber, es gab also Leute, die bißchen humaner waren . . . ne das kriegt der Sohn und so weiter . . . und deswegen bin ich nachher . . . wie ich geheiratet habe, gleich wieder hier rein . . . so lange habe ich bei meinem Onkel und Tante gewohnt . . .
J.M.:
Entsinnen sie noch wie man sie als Kind behandelt hat? Weil ja
wahrscheinlich bekannt war . . . dass.
W.T.:
Also hier in der Berner Schule war das natürlich bekannt. Aber in
dem Moment . . . also von der Verhaftung im Frühjahr bis zum Herbst
. . . bis zum Tod meines Vaters war ich hier noch an der Schule und
dann kam ich nach Oldenfelde . . . weil mein . . . die wohnten
damals in der . . . heute heisst sie Wolliner Strasse . . . früher
hiess sie Farmsener Strasse . . . wohnten in der Farmsener Strasse
und von da sind wir in der Oldenfelder Schule mit meinem Cousin . .
. mit Detlevs . . . ja Detlev ist der jüngste, da ist der
zweitjüngste Bruder . . . in einer Klasse . . . der ist also ja .
. . vier Monate jünger wie ich, ich bin im Oktober und er ist im
Februar geboren nich . . . also . . . waren wir in einer Klasse und
da wußte das keiner . . . und den Lehrern hatte man das halt eben
nicht gesagt . . . die Eltern sind . . . im Krieg umgekommen . . .
um . . . damit ich von einigen . . . und wir hatten da eine
Lehrerin, das war . . . die war so nicht ganz . . . die hat man
zwar nachher übernommen, weil es keine anderen Lehrer gab . . . aber
. . . das war sone Nazi Tante . . . aber . . . wußte man das
halt nicht erzählt. Und denn sind wir, als denn meine Großeltern
starben . . . also die Eltern von Detlevs Mutter . . . wo wir vorher
gewohnt hatten in der Wolliner Strasse . . . das war der Vater von
Detlevs Vater . . . und der hatte . . . sein Vater hatte noch zwei
Schwestern . . . die eine wohnte aber in drüben in irgendwo . . .
Riesengebirge . . . ist aber denn mit Krieg oder mit hergeflüchtet
und die andere war hier irgendwo in Norddeutschland Krankenschwester
und da hatten sie also erst den Vater von meinem Onkel . . .
praktisch hat meine Tante mit versorgt . . . der war ja allein, er
war Witwer . . . aber wie denn mein Großvater starb . . . also von
Detlevs Mutter der Vater dann konnte meine Oma da am Knill . . . mit
dem Haus und Garten nicht alllein zurecht kommen und denn haben sie
gesagt, denn ziehen wir dahin . . . und denn bin ich nach Farmsen zur
Schule gekommen. Ich weiss sie hatten . . . um jetzt noch mal wieder
auf Schule zu kommen . . . einen Lehrer hatten wir . . . das war ein
Fachlehrer . . . ich sag nicht, was der immer unterrichtet hat . . .
jedenfalls hatten wir bei dem Physik oder Chemie oder irgend sowas
. . . und wenn der aus dem Lehrerzimmer kam . . . riß er die Tür
auf: Heil Hitler, dann machte er die Tür zu, guten Morgen Jungs . .
. (lacht) also der . . . der mußte nach aussen hin . . . das sind
so Sachen . . . so einzeln Sachen, die . . . sind dann irgendwo . .
. das sind Erlebnisse . . . die hat man gespeichert . . . und das
weiss ich noch . . . ja und und den Lehrer, den wir dann in Farmsen
hatten, der war kurz vor der Pensionierung, das war auch ein Altnazi
. . . und dann hatten wir einen gekriegt . . . der war als Lehrer
sehr gut . . . war . . . inzwischen hat man sich ja politisch auch
ein bißchen . . . würde sagen . . . na . . . ein
deutsch-nationaler gewesen . . . aber kein Nazi, in dem Sinne, der
hatte noch irgendwo einen klein bißchen Land draußen in Schleswig
Holstein und ackerte da auch noch selbst und bei dem haben wir dann
verdammt viel gelernt . . . nech wir sind also . . . ich sag mal so
. . . aus der Volksschule entlassen worden . . . mit einem Niveau,
was heute die Mittelschule hat, ausser Sprachen, ausser Englisch . .
. in der Zeit, wo Englisch war, haben wir im Bunker gesessen, sag ich
immer so . . . also wir haben nicht viel Englisch gehabt . . . aber
. . . ja es kam nachher Englisch . . . aber den habe ich bewußt . .
. mich rauskatapultiert, in dem ich Mist gemacht hab und dann wurde
ich rausgeschmissen, ich wollte Englisch nicht . . . aus einem ganz
anderen Grunde . . . ich hätte zur Mittleren Reife . . . zum Oberbau
. . . hiess es ja damals und da war das Englisch Pflicht und das
wollte ich nicht . . . ich wollte, so schnell wie möglich auf
eigenen Füssen stehn, Geld verdienen, ich hatte immer son bißchen
das Gefühl, ich lieg meinem Onkel und Tante auf der Tasche. Ich
hatte zwar die . . . von der Gewerkschaft die kleine Rente und ich
hatte die Waisenrente von meinen Eltern . . . ne aber das . . . ich
wollte schnell selbst Geld verdienen . . . Das war so ein Grund,
dass ich bewußt gesagt hab, ne ich will Volksschulabschluß . . .
schnell raus in Büro . . . wollte eigentlich schon in der achten
Klasse abgehen, aber dann hat man mich aber . . . nee . . . damals
konnte man die neunte Klasse noch machen, ne ne machen wir alle. Und
der hat uns also so kann ich zwar auch nicht mehr Algebra mit zwei
Unbekannten . . . was ich gut noch genutzt hab war . . . er hat uns
Stenografie gelernt . . . das konnte ich in der Berufsschule gut
gebrauchen . . . das ist jetzt auch versandet, man braucht das
nachher nicht mehr . . . all solche Sachen hat er gemacht . . . also
das war gut . . . war ein guter Lehrer . . . muß ich schon sagen . .
. der ist mit uns auf Klassenreise gegangen . . . Fahrradtouren . . .
und all sowas ne . . . ins Zeltlager . . . Schulzeltlager . . .
und alles . . . das war also die schulische Sache . . . aber bevor
ich überhaupt wieder so bißchen sogenannten . . . an der
Gesellschaft, oder an dem Leben in der Gesellschaft mich erst wieder
mit eingebracht hat, das hat lange gedauert . . . ich hab mich also
in meinen Schmollwinkel zurück gezogen, wie man so schön sagt . .
. gut zuhaus in der Familie war es was anderes, aber nach aussen hin
immer . . . ogott . . . und sind das vielleicht auch so welche, die
son Mist gemacht haben und so weiter und . . . hat lange gedauert und
an sich hab ich da . . . oder hat mir da geholfen unser Nachbar . .
. der Sohn, der war beim Wandervogel . . . Bündische Jugend . . .
und der erzählte immer . . . hallo und machen . . . machen wir . . .
und das ist ja was . . . sag ich . . . da möchte ich mal mit . .
. ne sagte mein Onkel und Tante . . . das ist nicht im Sinne deiner
Eltern . . . wenn du so was machen willst, dann geh zu den Falken . .
. so . . . ja natürlich . . . dann hab ich da in der Klasse . . .
dann hatten wir in der Klasse einen Kameraden, der war in den Falken
. . . und denn haben wir da mal auf dem Nachhauseweg so geschnackt .
. . na dann komm doch mal mit und durch diese ganze
Gruppengemeinschaft . . . Gruppenerlebnis bin ich also so . . . das
war der Rückkehr wieder in die allgemeine Gesellschaft . . . sag ich
mal so . . . und da haben wir uns natürlich auch politisch
interessiert . . . und das war unten . . .
J.M.:
Detlev hat davon erzählt, dass die Mutter, seine Mutter immer
schlecht von den Kommunisten geredet hat irgendwie . . . ja die haben
da nen Fehler gemacht . . .
W.T.:
Ja natürlich . . . äh . . .
J.M.: Ja, sie war wohl mehr sozialdemokratisch . . .
W.T.:
Mein Großvater, meine Großeltern, von meiner Tante die Eltern, die
waren Sozialdemokraten durch und durch . . . ihr Bruder . . . ihr
ältester Bruder ist im ersten Weltkrieg schwer beschädigt worden
und ist später an diesen Kriegsschädenfolgen früher verstorben als
normal. So kann man das wohl sagen . . . dann hatte sie eben meine
Mutter, die war aber sechs Jahre älter wie sie, sie war die jüngste
und dann war da noch ein Bruder, der . . . war bei der Hamburger
Feuerwehr Brandmeister . . . und der ist also in Bremen . . . in
Bremer Einsatz . . . Hamburger haben da Bremen geholfen wie die .
. . da isser er . . . da ist ihm ein Balken ins Genick gefallen . .
. wollt er noch mal rein . . .
J.M.:
Während des Krieges?
W.T.: Ja, während der Bombenangriffe, da ist er umgekommen, der mußte aber um seinen Job zu behalten als Brandmeister bei der Feuerwehr . . . hatte er immer diese Wollhandkrabbe . . . wurde immer gesagt . . . ja . . . NSDAP Abzeichen, ja, ja, das mußte er, sonst hätte er seinen Job verloren . . .
J.M.:
Wollhandkrabbe . . .
W.T: Ja, genauso der eine Bruder von meinem Vater, der Otto, der nachher im Arbeitsamt war, der war nach dem Krieg SPD und der hat auch . . . wie er in der . . . während der KZ Haft ist seine Frau fremd gegangen und anschliessend war die Scheidung, wie er wieder raus kam . . . und der hat als Tischler keine Arbeit gehabt und ist denn . . . weil er früher auch wandern und so weiter . . . meine Eltern waren ja auch Jugendliche . . . in Jugendbewegung gewesen . . . eben nicht in der Wandervogelbewegung . . . das war die bündische . . . aber in der Arbeiterjugendbewegung und da ist er . . . da hat man ihm einen Job angeboten beim KDF . . . das ist diese Urlaubssache . . . der Nazis Kraft durch Freude . . . nannte sich das . . . und dann hat er da Wanderungen, Touren, Reisen organisiert. und da war mein Vater . . . das weiss ich . . . die haben sich da gekanzelt . . . bloß so ungefähr . . . ja das war also so, daß einige sagten, also . . . ich muß irgendwie überleben. Dann brauchte er auch nicht zum Militär . . . und der andere On . . . äh Bruder Bruno, der war auch Dreher . . . hat auch in der Rüs . . . der hat bei Kampnagel Dreher als Dreher gearbeitet . . . die haben auch teilweise Rüstung gemacht . . . und . . . also insofern . . . ja soll man das verurteilen? . . . also das haben ja viele, um ihre Haut zu retten . . . zumindestens . . . ein bißchen mitgespielt . . .
J.M.:
Es war ja von dem . . . den Fallada noch mal gelesen . . . ja
nicht noch mal gelesen sondern jetzt grade gelesen. Der ist also in
den USA jetzt grade so . . . Kleiner Mann . . . wie heisst der noch
mal . . . Jeder stirbt für sich allein, weiß ich nicht, ob sie das
kennen. Das ist war früher mal aufgelegt, das ist die Geschichte von
zwei Eheleuten . . . Eheleuten, deren Sohn im Krieg fällt, wie man
so sagt, irgendwie . . . und wo die Mutter dann anfängt . . . dann
fangen sie an so Postkarten zu schreiben, die sie überall hinlegen
und werden dann irgendwie aber nach zwei Jahren, obwohl das ganz
heimlich läuft also werden sie festgenommen und umgebracht im Knast.
Dieses Buch ist jetzt grade wieder . . . das kommt über Frankreich,
das ist zwar schon 46 in Deutschland erschienen und ist jetzt in den
USA ein großer Renner geworden, irgendwie . . . und jetzt hab ich es
mir denn auch noch mal geholt . . . Das ist eine differenzierte
Geschichtsdarstellung von so einer Berliner Paar.
W.T.:
Ja, das sind also so . . . da bin ich ja so langsam wieder ich
zwischendurch war ich auch dreimal verschickt . . . nicht von der
Schule, dafür war ich zu schwer, obwohl ich dünn war, ich hatte
immer das Gewicht, was man in meinem Alter haben mußte, aber ich war
eben dünn . . . verschickt von der vom Komitee ehemals politischer
Gefangener hiess das zu Anfang, daraus ist die VVN hervorgegangen und
die Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten . . . die haben
sich getrennt nachher . . . zuerst waren sie zusammen . . . als
Komitee ehemaliger . . .
J.M.:
Jetzt nach dem Krieg?
W.T.:
Nach dem Krieg . . . und von diesem Komitee oder nachher war das
wohl auch schon VVN war ich drei mal in Steinbeck . . . Steinbeck bei
Buchholz, da hatten sie ein Kinderheim . . . und da wurden wir dann
. . . einmal ernährungsmässig büschen aufgepeppelt . . . wir
wurden . . . hatten da nen Lehrer, der Unterricht ging weiter . . .
also weil wir da fast sechs Wochen oder was waren . . . wär der
Schulausfall wohl zu groß gewesen . . . und dann war ich noch von
Oktober bis Dezember in Dänemark bei Draning Mölle . . .
J.M.:
In welchem Jahr war das?
W.T.:
Das war . . . das war . . . schon nach dem Krieg . . . das war . .
. wann kann das gewesen sein? 1947/48 . . . ich glaub 47 muß das
gewesen sein, von Dezember bis Weihnachten . . . Neujahr warn wir
wieder hier . . . und da war das also noch so . . . das waren alles
aus ganz Deutschland Kinder von Opfern . . . vom NS Opfern . . .
Kopenhagen auf dem Hauptbahnhof mit Blitzlicht und allem möglichen,
ging durch alle . . . alle Zeitungen da in Kopenhagen . . . und wir
waren in der Nähe von Helsingör, kleiner Ort . . . Drönningmölle,
übersetzt heisst das Königsmühle , dronning ist der König, von
der Drohne bei den Bienen . . . aber na gut, also gut . . . also in
Dronningmölle waren wir und das in einem Hotel, das einer
Reederfamilie gehörte und im Sommer aber keinen . . . deswegen von
Oktober bis im Sommer war das also nicht belegt . . . da war nur im
Sommerurlaub damals, heute macht man ja auch im Winter an der Küste
Urlaub . . . aber damals war noch, da waren wir ein Vierteljahr . . .
und das war eigenartig . . . obwohl das also bekannt war , was wir
für Kinder waren . . . wenn wir auf der Strasse mit paar waren oder
gingen und haben deutsch gesprochen wurden wir ganz schief angekuckt.
Also ja, das war eigenartig . . . obwohl sie genau wußten, dass also
wir imgrunde ja nicht zu gehörten . . . jetzt wissen sie ja, wenn
Deutsche kommen, freuen sie sich, die bringen Geld mit . Aber gut,
das war aber damals, gleich nach . . . der Zeit . . . das sind so
Sachen, die man dann in Erinnerung hat . . .
J.M.:
Wann haben sie das erste mal so erzählt, was mit ihren Eltern
passiert ist und das das Kommunisten waren?
W.T.:
Also das hab ich ja . . . praktisch immer nur durch hier und da mal
gefragt . . . man hat mir zum Beispiel nie gesagt, dass meine Eltern
nicht mehr leben . . . das hat man mir nie gesagt, das hab ich nur so
dann . . . wenn man eins und eins zusammenzieht . . . dann und denn
nachher . . . wie das also klar war . . . ich mußte also
mindestens vier mal im Jahr mit Oma zum Friedhof . . . das hat mir
die Sache so verleidet . . . ich sach also . . . ich denk mehr und
öfter an meine Eltern, wie manch einer . . . aber ich brauch nicht
irgendwo ein bestimmtes Stück Erde hinlaufen, mir drei Tränen
abquetschen und wieder nach Haus gehen, das ist dummes Zeug sag ich,
brauch ich das nicht . . . aber das ist Ansichtssache . . .
J.M.:
Da ist ein Stein auf dem
Friedhof . . . in Ohlsdorf oder wo?
W.T.:
Mein Vater ist nicht auf
Ohlsdorf, der ist da nicht hingekommen. Die hatten in Neuengamme ein
eigenes Krematorium und die Asche wurde da verstreut. Ich hab dann
mal ein paar Führungen mitgemacht . . . und hab mir das mal
angekuckt und da sacht er . . . ja hier . . . hier ist irgendwo die
Asche verstreut und meine Mutter war beigesetzt worden im Grab ihres
ältesten Bruders, der also verstorben war durch die Kriegsein . . .
verwundung, das ist nachher aufgehoben worden, die Witwe von dem, die
wollte das auch nicht verlängern und meine Mutter ist . . . hat
jetzt eine . . . die Gedenkspirale im Garten der Frauen . . . das
war mir viel wichtiger als im . . .
J.M.:
Haben sie noch . . . so . . . Erinnerungen an die 50iger und 60iger
Jahre in Deutschland, was sie da so erlebt haben in Bezug auf ihre
Eltern . . .
W.T.:
Naja, ich war dann seit . . . acht . . . seit fünfzig . . .
seit fünfzig . . . seit neunundvierzig fünfzig . . . da waren wir
im Sommer viel unterwegs . . . Urlaub im Zeltlager . . . wir haben
also sehr viele schöne Erlebnisse und gemeinsame Touren und Sachen
gemacht und das ist nachher soweit . . . und wie wir nachher grösser
wurden und die Gruppe sich auflöste . . . altersmässig . . . da
haben wir dann noch jahrelang danach Zeltlagerbetreuung für andere
Kinder gemacht also Gästekinder, die keine eigene Jugendgruppe hatte
und so weiter . . . ich hab im Zeltlager immer den Technikbereich mit
abgedeckt . . .
J.M.: Mir fällt das so ein, weil ich selber bin Jahrgang 46 und hab selber sehr viel gefragt so bei meinen ganzen Verwandten wie das so war in der Nazizeit, bin auch oft mit meinem Vater da um Neuengamme rum gefahren, aber er hat nie erzählt, was das eigentlich genau war, ja und den einzigen, den ich eigentlich hatte, der offen mit mir umgegangen ist, war mein Onkel, der warn strammer Nazi gewesen in der Zeit. Der war in Bergedorf beim Briefmarkenverein und das war der einzige, zu dem ich irgendwie Respekt hatte, alle anderen, habe ich immer gedacht, mein Gott, ihr seid da dicht dran vorbeigelaufen am Bergedorfer Bahnhof, Bergedorf West und da sind irgendwie 500.000 Menschen >umgeschlagen< worden.
W.T.:
Müsst ihr doch gesehen haben.
J.M.:
. . . und ihr habt mir erzählt, ihr hattet das nicht gesehen,
was denn noch eine Erinnerung an diese 60iger Jahre oder sowas ist,
das ich als Kind immer dachte, also die Kommunisten hätten den Krieg
angefangen, weil das waren immer die Bösen, das waren die
Bösewichter. Das das eigentlich die Nazis waren, die den Krieg
angefangen haben, das habe ich erst viel später mitgekriegt . . .
W.T.:
Den Sender Gleiwitz da überfallen haben, damit fing das ganze ja an.
Da haben wir uns natürlich in der Jugendgruppe auch mit beschäftigt
mit diesen Sachen. Und da hatten wir aber Referenten und Leute, die
uns, was wir selbst nicht wußten, doch ziemlich offen über
gesprochen haben. Der Verwandten und Bekanntenkreis, das Thema war
son bißchen tabu, wollten alle nicht gerne darüber reden,
befürchteten, dass ich vielleicht zu viel Fragen stelle oder nach
der eigenen Haltung frag, wie sie sich verhalten haben Nazis und und
und, das war also . . .
J.M.: Das war das einzige, was der Christian Geissler sagt . . . Christian Geissler, sagt ihnen das was ? Der hat son paar Romane geschrieben.
W.T.:
Wer?
J.M.:
Christian Geissler. Der ist jetzt schon längere Zeit tot, gestorben
vor drei Jahren, der hat so mehrere Romane geschrieben unter anderem
einen über die Nazizeit, in der ein Polizist die Seiten wechselt.
(Ende
Band 2)
(Anfang
Band 3)
J.M.:
Wo waren wir, ja richtig Christian Geissler und der hat . . . der
ist vor ein paar Jahren gestorben . . . ist jetzt zwei Jahre her . .
. und der hatte gesagt, das einzige was den Deutschen nach dem Krieg
geblieben ist, ist ihr Antikommunismus, den durften sie behalten
W.T.:
Den durften sie behalten. Ja, da ist was dran . . . Also was wir
damals in der Jugendgruppe durchgenommen, ein Buch das gelesen haben
. . . so auf dem Gruppenabend mal ein zwei Kapitel, bis wir das
durch hatten, das war aus der Zeit des Sozialistengesetzes, das war
ja vor den Nazis . . . wie Bismarck die verboten hatte und da hab
ich also viele Parallelen . . . wie im Hintergrund oder im
Untergrund gearbeitet wurde . . . das hiess . . . Je dunkler die
Nacht, desto heller die Sterne oder so ähnlich . . . das hat mich
damals fasziniert und den anderen hier, den die Revolution entläßt
ihre Kinder von Wolfgang Leonhardt und solche Sachen auch gelesen und
verschiedene andere Sachen . . . . . . Der rechnet da ja mit
seinen eigenen ehemaligen Kommunisten ab. Sicherlich, das ist eine
Demo . . . eine Diktatur ist was ganz schlimmes, ist egal obs ne
rechte oder ne linke Diktatur ist . . . ne Diktatur ist immer
schlimm. Und das ist . . . ich sag immer . . . oder meine Meinung ist
. . . für einen Sozialismus ist der Mensch noch nicht reif . . . der
ist noch nicht reif . . . der muß zurückstecken . . . der wird
nach wie vor von seinen Urtrieben geleitet, das ist also der
Arterhaltungs und Selbsterhaltungstrieb und beide haben egoistische
Motive, ich muß der andere nicht . . . so und damit müssen wir von
runter eher funktioniert das mit dem Sozialismus nicht . . . weil
wenn da wieder eine Kaste rankommt, die mit mal auch nur wieder an
sich denken oder an ihr Umfeld, das hat man eben bei den Kommunisten
gesehen . . . ne eigne Führungskaste, die auch um diesen Macht . .
. diese Macht, die sie einmal hatten, vielleicht auch zum Teil
demokratisch noch bekommen haben, dass sie diese Macht nachher mit
allen Mitteln . . . allen schlechten Mitteln verteidigen . . . eben
auch zu Diktatur werden und das ist das, was mich also nicht von der
kommunistischen Idee trennt, aber von dem, was die Leute draus
gemacht haben . . . und wenn jetzt einer sagt, ich bin bekennender
Kommunist und sagt . . . ja was meint er denn damit? Meint er die
gute Idee, die gar nicht schlecht ist? Oder nur, weil er aus
Tradition so gewesen ist? Oder geworden ist, oder weil er sich
unterdrückt gefühlt hat und so weiter.
J.M.:
Haben sie Kinder?
W.T.:
Ja.
J.M.:
Wie denken die so?
W.T.: Ja die, meine Tochter hat sich da ne ganze Zeit lang auch, mit beschäftigt, die hat aber jetzt über Freunde und Bekannte eine Richtung . . . eingeschlagen . . . nicht politischer Art . . . politisch ist sie ok . . . da ist sie meiner Meinung nach auch auf den sozialen Bereich . . . sie ist nun in ein Gebiet durch Freunde reingekommen, wo ich nun gar nichts von halt, sie ist in ner freikirchlichen Gemeinde und mit Kirchen hab ich nichts am Hut. Ist egal mit welchen . . . welchen Glauben auch immer, das ist . . . man muß das glauben und nichts ist bewiesen . . .
J.M.:
Ist die hier in diesem Haus groß geworden?
W.T.:
Ja, ja . . . aber sie wohnt jetzt in Itzehoe . . . ne das ist durch
Schulfreundinnen und so weiter . . . ist sie da mitn mal gelandet.
Gut . . . Die freikirchlichen Gemeinde sind ja keine schlechten
Menschen, aber . . . eben diese, was jede Religion für sich in
Anspruch nimmt . . . diesen sogenannten Alleinvertretungsanspruch .
. . wir sind die einzig richtige Religion, das lehne ich ab . . .
und ich glaub an keinen Gott, an kein überirdisches Wesen, wer dran
glauben soll . . . soll er von mir aus, aber er soll nicht von mir
verlangen, daß ich das auch tue . . . Das ist eine Sache, wie ich
in die Lehre kam, mußte ich ja ne Steuerkarte . . . Lohnsteuerkarte
haben . . . Ortsamt in Farmsen und ich sag Steuerkarte . . . ja
und in welcher Kirche sind sie ich sag in gar keiner, schreibt sie
was hin fertig, krieg meine Steuerkarte als Lehrling war man ja . . .
hatte man immer so wenig, daß man keine Kirchensteuer bezahlte . . .
ich kriegte meinen ersten Gesellenlohn für drei Tage oder so, das
war immer . . . monatliche Abrechung, aber nen wöchentlichen
Abschlag . . . und da stand mitten mal 11 Pfennig Kirchensteuer . .
. da war ich aber verdammt noch mal . . . 11 Pfenning, ich rauf,
Werkstattschreiber, hier Lieschen da stimmt was nicht, ich bin doch
gar nicht in der Kirche, . . . guckt sich an, ja . . . ruf ich mal
im Lohnbüro an . . . sagt der im Lohnbüro, auf der Steuerkarte
steht aber lt. . . . das heisst evangelisch-lutherisch und ich sag
ja hab ich . . . dann hatten die da einfach das falsch
reingeschrieben. Ich sag, in zwei Wochen hab ich Nachtschicht, dann
hole ich mir die Steuerkarte und dann hin. Komm ich hin. Ich sag ich
möchte gerne hier den Irrtum aufklären und möchte das geändert
haben. Ja, sind sie denn nicht? Ich sag, nein, nein bin ich nicht, ja
dann möchte ich mal ihre Austrittserklärung sehen. Ich sag, ich . .
. sind sie Mitglied im HSV? Nein. Und wo ist ihre Austrittserklärung?
. . . Ja, nun das ist ja ganz was anderes. Ich kann das nur ändern,
wenn ich ne Austritts . . . Ich sag, ich bin in den Verein nicht
eingetreten . . . ich bin weder getauft noch konfirmiert worden,
meine Eltern haben . . . zu meinen Cousins auch alle gesagt . . . ab
16 bist du religionsmündig und dann kannst du machen, was du willst,
wir lassen alles offen, wir machen nichts. Das ist ja praktisch ne
Bevormundung, wenn man einen tauft und in die Kirche steckt, ohne zu
wissen, ob er das nachher will. Das haben die . . . meine Eltern,
Detlev und die auch alle nicht, meine Cousins, ich bin da nicht
eingetreten, ich bin nicht getauft nicht konfirmiert, das möchte ich
geändert haben, ich geh hier nicht eher raus . . . Ne das darf ich
nicht, ich hab so meine Vorschriften, ich sag, dann haben sie doch
sicher noch einen Vorgesetzten, vielleicht hat der nen anderen
Spielraum . . . Ermessensspielraum . . . telefoniert sie einen
Augenblick, später kommt er rein, da war das älteste Bruder meines
Gruppenleiters bei den Falken . . . da sagt er was machst Du denn
hier? Ich sag, hier so und so, schilder ich ihm das, ja sagt er,
machen sie ne Notiz er hat glaubhaft versichert, daß er nicht und
dann ändern sie die Karte . . . und dann ging das. Laut Anordnung
von. Dann hat sie das hingeschrieben und hat das geändert . . .
Wir waren von der Tochter da raus gekommen . . . also ich hab mit
Kirche nichts am Hut, wobei die durchaus gute Sachen machen, nur was
ist im Namen des Glauben alles für Unrecht geschehen auf der Welt
und geschieht noch. Obs nun heutzutage noch Kindermißbrauch oder
sonstwas ist . . . aber alles im Namen des Glaubens und der Religion
und was weiss ich nicht, ist sind auch nur Menschen . . . Der
Oberbeerdigungskasper da in Rom . . . ne der . . .
J.M.:
Ich hab ja jahrelang diesen Witz erzählt . . . als dann vor
drei Jahren . . . den kennen sie bestimmt auch . . . den mit dem
Snickers und mit dem Mars. Der Witz ist uralt, ich glaub ich hab den
schon von meinem Vater übernommen . . . da macht ein . . . Pastor
geht in Urlaub, der Küster, also der die Glocken da ziehen muß, der
macht sozusagen die Vertretung, bei der katholischen Kirche, also
auch den Beichtstuhl, und er hat ihm alles gesagt, was so gibt, so
viel dafür, so viel dafür . . . fünf Rosenkränze beten und so,
naja und jedenfalls sitzt er denn im Beichtstuhl und denn sagt denn
der da im Beichtstuhl sitzt . . . also ich hab Analverkehr gehabt .
. . guckt er in seine Liste . . . Analverkehr hat er überhaupt gar
nicht und denn kommen da zwei Jungs, so Messdiener vorbei und die
fragt er denn . . . und sagt was gibt denn der Pastor bei
Analverkehr? Mal ein Snickers, und mal nen Mars. Diesen Witz habe ich
jetzt . . . nen Snickers? ein Schokoladenriegel, jahrelang erzählt
und hatte nicht gedacht das das so realistisch ist . . .
W.T.:
Mal
nen Snickers mal ein Mars. Nein, den hatte ich noch nicht gehört.
J.M.:
Der war uralt. Als das rauskam irgendwie . . .
W.T.
: Ja, ja sowas gibt es . . . Ja da ist viel Schindluder gemacht
worden von Gläubigen, die Wunder wie hoch stehen und von der Moral
her und selbst . . . also deswegen ist das nicht mein Verein.
Muß
jeder selbst wissen.
J.M.:
Ich bin mal eingetreten, also mit . . . meine Eltern hatten mir
das auch freigestellt . . . ich war dann irgendwann überzeugt . . .
ich glaub mit dreizehn oder vierzehn habe ich mich taufen lassen und
dann auch kirchlich geheiratet . . . und dann 1971 bin ich dann
wieder ausgetreten.
W.T.:
Ich hab in der Schule hatten wir ja Religionsunterricht und wir
konnten uns befreien lassen und dann sagte mein Onkel, du kannst
jederzeit den Zettel kriegen, aber hör dir das ruhig mal an, dann
hab ich mir das zweimal angehört, und denn hab ich gesagt ne,
nächstes mal bring ich nen Zettel mit, ich möchte nicht mehr, wieso
denn nicht? . . . Ich sag ne, ich möchte Religionsunterricht haben,
kein Konfessionsunterricht, ich möchte wissen, welche Religion gibt
es auf der Welt, was sind deren Ziele und und und und wie sind die
strukturiert aufgebaut . . . undsoweiter, das möchte ich wissen,
ich möchte nicht hier das Vaterunser auswendig lernen . . . oder die
zehn Gebote . . . eins kann ich sowieso nicht unterstreichen, das ist
das das der Alleinvertretungsanspruch, du sollst keinen anderen
Herren oder so irgendwie . . .
J.M.: Das haben die aber alle.
Hinweise: Käthe Tennigkeit, geb. Schlichting, geb. am 2. April 1903, ermordet am 20. April 1944 im KZ Fuhlsbüttel. Richard Tennigkeit, geb. am 5. 09. 1900 ermordet am 12. Dezember 1944 im KZ Neuenamme.
Walter Tennigkeit
Käthe Tennigkeit, geb. Schlichting
Reklame Otto F. Wildgruber Ludwigstrasse 1985 Ludwigstrasse Ecke Schanzenstrasse
Jens Meyer 20.05.2020 /Aufgenommen am 29. März 2011,
Durchgesehen 10. Februar 2020 Foto Jens Meyer (1985)
1.
Von
der Sozialdemokratie zum Nationalsozialismus
Die Aufgabe, um die es seit den letzten Monaten und auch über die augenblickliche Zuspitzung hinaus geht, ist die Rekonsolidierung des bürgerlichen Regimes in Deutschland. Die jetzige Regierung von Papen bedeutet diese Rekonsolidierung noch nicht, obwohl sie selbst es behauptet und obwohl diese Behauptung taktisch richtig und die unerläßliche Fiktion ist, um eine vollgültige Regierungstätigkeit aufrechtzuerhalten. Brächte und enthielte die jetzige Regierung wirklich schon die geforderte Rekonsolidierung, so müßte sie statt zur Neuwahl vielmehr zur völligen Suspension des Reichstags genügend mächtig sein und dürfte nicht befürchten müssen, mit einem solchen Gewaltcoup den Bogen zum Brechen zu bringen. Folglich ist die Regierung abhängig von noch nicht gebändigten, noch nicht in sie einbezogenen Kräften, und die Rekonsolidierung steht mithin in Deutschland zur Zeit noch aus.
Es
ist aber nicht die erste, die im Nachkriegsdeutschland geleistet
würde. Es ist gar kein Zweifel, daß nach den alles in Frage
stellenden Einbrüchen der Revolutions- und Inflationsjahre die
Weimarer Koalition mit der erfolgreichen Durchführung ihres
>großen Wirtschaftsprogramms<, der Stabilisierung von 1923/24,
und gemessen an der Lagerung der Kräfte, die damals gebändigt
werden mußten, durchaus eine Rekonsolidierung des bürgerlichen
Regimes darstellte. Sie hat, politisch gesehen, gehalten bis zum
neuerlichen Kriseneinbruch von 1930. Der allerdings erwies sie als
bloß scheinbare und fehlerhafte Rekonsolidierung und bewirkte im
weiteren Verlauf ihre Auflösung und Sprengung, wie aber auch der
Kriseneinbruch 1918/19, schon das kaiserliche System der Kriegszeit
eingerissen und aufgelöst hatte. Die Geschichte der deutschen
Nachkriegszeit enthält also Vorgänge, die der heutigen Problemlage
dynamisch verwandt sind und aus deren aufmerksamer
Vergleichung sich für die Gegenwartsaufgaben Schlüsse ziehen
lassen. Die Parallelität geht in der Tat erstaunlich weit.
Die
damalige Sozialdemokratie und der heutige Nationalsozialismus sind
sich darin funktionell gleich, daß sie beide die Totengräber
des (Seite 18) vorhergegangenen Systems waren und alsdann die von
ihnen geführten Massen statt zu der proklamierten Revolution zur
Neuformung der bürgerlichen Herrschaft lenkten.
Der
oft gezogene Vergleich zwischen Hitler und Ebert hat in dieser
Hinsicht Gültigkeit. Zwischen den Strömen, die sie >wach<
riefen, besteht die weitere strukturelle Verwandtschaft,
daß beides Volksbewegungen waren — man
hat dies von der Sozialdemokratischen Hochflut von 1918/19 nur
vergessen —, daß beide mit dem Appell
an antikapitalistische Befreiungssehnsüchte die Verwirklichung einer
neuen — >sozialen< bzw.
>nationalen< — Volksgemeinschaft
versprachen, daß weiter die soziale Zusammensetzung ihrer
Anhängerschaft sich in den Massen des Kleinbürgertums, ja sogar
vielfach darüber hinaus, völlig deckt, und daß endlich ihr
geistiger Charakter sich durch eine durchaus verwandte Verworrenheit
und ebenso schwärmerisch-gläubige wie kurzfristige Gefolgstreue
auszeichnet.
Die
Feststellung dieses Parallelismus ist keineDiffamierung
der nationalsozialistischen Idee, sie betrifft überhaupt nicht
Ideen, sondern gilt der rein analytischen Erkenntnis von Funktion und
Bedeutung zweier Massenbewegungen, die im gleichen sozialen Raum in
zwei geschichtlich homologen (*) Augenblicken eine analoge politische
Rolle gespielt haben bzw. noch spielen. Der Parallelismus selbst
besagt, daß der Nationalsozialismus die Sozialdemokratie in der
Aufgabe abzulösen hätte, den Massenstützpunkt für die
Herrschaft des Bürgertums in Deutschland darzubieten. Dies
enthält zugleich, zu seinem Teil, die genauere Problemstellung zur
gegenwärtig gebotenen Rekonsolidierung dieser Herrschaft. Ist der
Nationalsozialismus fähig, diese Funktion der Stütze anstelle der
Sozialdemokratie zu übernehmen, und auf welche Weise könnte dies
geschehen?
Das
Problem der Konsoliderung des bürgerlichen Regimes im
Nachkriegsdeutschland ist allgemein durch die Tatsache bestimmt, daß
das führende, nämlich über die Wirtschaft verfügende Bürgertum
zu schmal geworden ist, um seine Herrschaft allein zu
tragen. Es bedarf für diese Herrschaft, falls es sich nicht der
höchst gefährlichen Waffe der rein militärischen Gewaltausübung
anvertrauen will, der Bindung von Schichten an sich, die sozial nicht
zu ihm gehören, die ihm aber den unentbehrlichen Dienst leisten,
seine Herrschaft im Volk zu verankern und dadurch deren eigentlicher
oder letzter Träger zu sein. Dieser letzte oder >Grenzträger<
der bürgerlichen Herrschaft war in der ersten Periode der
Nachkriegskonsolidierung die Sozialdemokratie.
Sie
brachte zu dieser Aufgabe eine Eigenschaft mit, die dem
Nationalsozialismus fehlt, wenigstens bisher noch fehlt. Wohl war
auch der Novembersozialismus eine ideologische Massenflut und eine
Bewegung, aber (Seite 19)
er
war nicht nur das, denn hinter ihm stand die Macht der organisierten
Arbeiterschaft, die soziale Macht der Gewerkschaften. Jene Flut
konnte sich verlaufen, der ideologische Ansturm zerbrechen, die
Bewegung verebben, die Gewerkschaften aber blieben und mit ihnen oder
richtiger kraft ihrer auch die sozialdemokratische Partei.
Der
Nationalsozialismus aber ist vorerst noch immer nur die Bewegung,
bloßer Ansturm, Vormarsch und Ideologie. Bricht diese Wand zusammen,
so stößt man dahinter ins Leere.
Denn
indem er alle Schichten und Gruppen umfaßt, ist er mit keiner
identisch, ist er in keinem dauernden Glied des Gesellschaftsbaus
soziologisch verkörpert. In diesem bedeutsamen Umstand liegt neben
der oben festgestellten Parallelität beider Massenparteien ihr
fundamentaler Unterschied hinsichtlich ihrer Bedeutung für
die Rekonsolidierung der bürgerlichen Herrschaft.
Vermöge
ihres sozialen Charakters als originäre Arbeiterpartei brachte die
Sozialdemokratie in das System der damaligen Konsolidierung über all
ihre rein politische Stoßkraft hinaus das viel wertvollere und
dauerhaftere Gut der organisierten Arbeiterschaft ein und verkettete
diese unter Paralysierung ihrer revolutionären Energie fest mit dem
bürgerlichen Staat.
Auf
dieser Basis konnte die Sozialdemokratie sich mit einer bloßen
Teilhaberschaft an der bürgerlichen Herrschaft begnügen, ja konnte
sie sogar niemals mehr und wesensmäßig nichts anderes als bloß der
eine Teilpartner derselben sein.
Sie
hätte als Sozialdemokratie zu existieren aufgehört, wenn etwa der
Zufall ihr die ganze Macht über Staat, Wirtschaft und Gesellschaft
hingeworfen hätte, so sehr, daß sich von ihr nach einem bekannten
Worte sagen ließe, die Sozialdemokratie würde die bürgerliche
Gesellschaft, wenn es sie nicht gäbe, erfinden müssen, um zu
bestehen.
In
konträrem Gegensatz dazu bedingt der Mangel an sozialer Hausmacht
den faschistischen Charakter des Nationalsozialismus. Weil er keinen
spezifischen sozialen Grundstock hat, der auch ohne Hitler aus sich
heraus den Nationalsozialismus trüge, kann er nur entweder die
gesamte Macht erobern, um sich durch den Besitz des
Staatsapparats zu schaffen, was ihm aus sozialer Wurzel fehlt, oder
seine Kraft zerbricht an dem Sozialgefüge, das ihm politisch
widersteht und in das er keinen Eingang findet.
Weil
er primär kein Glied dieses Gefüges ist, kann er nicht ohne
grundlegende Verwandlung ein Teilpartner der bürgerlichen Herrschaft
sein, welche auf gesellschaftlicher Macht fußt und der politischen
Stütze einer >Massenbasis< nur aus der Wurzel sozialer
Gliedschaft und Verankerung bedarf.
Hier
liegt die wahre Crux der gegenwärtigen Lage. Die faschistische
Möglichkeit des Nationalsozialismus ist vorüber, seine soziale
Möglichkeit noch nicht gefunden. Davon aber, daß sie gefunden wird,
hängt ab, ob wir (Seite 20)
wirklich
jetzt zu einer neuen und produktiven Rekonsolidierung gelangen oder
ob wir in der Sackgasse der Alternative einer Militärdiktatur oder
einer Rückkehr zur Sozialdemokratie stehen. Die Frage, auf die sich
alles zusammendrängt, ist daher, ob es für den Nationalsozialismus
eine spezifische soziale Möglichkeit gibt, durch die er aus
einer faschistischen Bewegung in ein Teilorgan der bürgerlichen
Herrschaft verwandelt werden kann, so daß er für das Bürgertum die
bisherige Rolle der Sozialdemokratie ersetzen kann. Ihrer Erörterung
soll ein zweiter Aufsatz dienen.
2.
Die Eingliederung des Nationalsozialismus
Man
wird in einer Zeit, der als Lebensfrage die Rekonsolidierung der
bürgerlichen Herrschaft vorgeschrieben ist, dem Faschismus der
nationalsozialistischen Bewegung, wenn nötig, mit Gewalt ein Ende
machen müssen, aber nur, um den Nationalsozialismus selbst
gleichzeitig in ein gesellschaftliches Organ umzuwandeln, das
dieser Herrschaft zur Stütze dienen und in ihre staatliche
Ausgestaltung positiv eingegliedert werden kann.
Die
Möglichkeiten, die sich dafür bieten, können hier nur in
größtmöglicher Kürze angedeutet werden. Die notwendige
Bedingung jeder sozialen Rekonsolidierung der bürgerlichen
Herrschaft, die in Deutschland seit dem Kriege möglich ist, ist die
Spaltung der Arbeiterschaft. Jede geschlossene, von unten
hervorwachsende Arbeiterbewegung müßte revolutionär sein, und
gegen sie wäre diese Herrschaft dauernd nicht zu halten, auch nicht
mit den Mitteln der militärischen Gewalt. Auf der gemeinsamen Basis
dieser notwendigen Bedingung unterscheiden sich die verschiedenen
Systeme der bürgerlichen Konsolidierung nach den zureichenden
Bedingungen, die hinzukommen müssen, um den Staat und das Bürgertum
bis in breite Schichten der gespaltenen Arbeiterschaft hinein zu
verankern.
In
der ersten Rekonsolidierungsära des bürgerlichen Nachkriegsregimes,
in der Ära von 1923/24 bis 1929/30, war die Spaltung der
Arbeiterschaft fundiert durch die lohn- und sozialpolitischen
Errungenschaften, in die die Sozialdemokratie den revolutionären
Ansturm umgemünzt hatte.
Diese
nämlich funktionierten als eine Art Schleusenmechanismus, durch den
der beschäftigte und fest organisierte Teil der Arbeiterschaft im
Arbeitsmarktgefälle einen zwar abgestuften, aber dennoch in sich
geschlossenen erheblichen Niveauvorteil gegenüber der arbeitslosen
und fluktuierenden Masse der unteren Kategorien genoß und gegen die
volle Auswirkung der Arbeitslosigkeit und der allgemeinen Krisenlage
der Wirtschaft auf seine Lebenshaltung relativ geschützt war.
Die politische Grenze zwischen (Seite 21) Sozialdemokratie und Kommunismus verläuft fast genau auf der sozialen und wirtschaftlichen Linie dieses Schleusendamms, und die gesamten, jedoch bis jetzt vergeblich gebliebenen Anstrengungen des Kommunismus gelten dem Einbruch in dies geschützte Gebiet der Gewerkschaften. Da zudem aber die sozialdemokratische Ummünzung der Revolution in Sozialpolitik zusammenfiel mit der Verlegung des Kampfes aus den Betrieben und von der Straße in das Parlament, die Ministerien und die Kanzleien, d. h. mit der Verwandlung des Kampfes >von unten< in die Sicherung >von oben<, waren fortan Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbürokratie, mithin aber auch der gesamte von ihnen geführte Teil der Arbeiterschaft mit Haut und Haaren an den bürgerlichen Staat und ihre Machtbeteiligung an ihm (n?) gekettet, und zwar so lange, als erstens auch nur noch das Geringste von jenen Errungenschaften auf diesem Wege zu verteidigen übrigbleibt und als zweitens die Arbeiterschaft ihrer Führung folgt.
Vier
Folgerungen aus dieser Analyse sind wichtig: 1. Die Politik des
>kleineren Übels< ist nicht eine Taktik, sie ist die
politische Substanz der Sozialdemokratie.
2.
Die Bindung der Gewerkschaftsbürokratie an den staatlichen Weg
>von oben< ist zwingender als ihre Bindung an den Marxismus,
also an die Sozialdemokratie, und gilt gegenüber jedem bürgerlichen
Staat, der sie einbeziehen will. 3. Die Bindung der
Gewerkschaftsbürokratie an die Sozialdemokratie steht und fällt
politisch mit dem Parlamentarismus. 4. Die Möglichkeit einer
liberalen Sozialverfassung des Monopolkapitalismus ist bedingt durch
das Vorhandensein eines automatischen Spaltungsmechanismus der
Arbeiterschaft. Ein bürgerliches Regime, dem an einer liberalen
Sozialverfassung gelegen ist, muß nicht nur überhaupt
parlamentarisch sein, es muß sich auf die Sozialdemokratie stützen
und der Sozialdemokratie ausreichende Errungenschaften lassen; ein
bürgerliches Regime, das diese Errungenschaften vernichtet, muß
Sozialdemokratie und Parlamentarismus opfern, muß sich für
die Sozialdemokratie einen Ersatz verschaffen und zu einer gebundenen
Sozialverfassung übergehen.
Der
Prozeß dieses Übergangs, in dem wir uns augenblicklich befinden,
weil die Wirtschaftskrise jene Errungenschaften zwangsläufig
zermalmt hat, durchläuft das akute Gefahrenstadium, daß mit
dem Fortfall jener Errungenschaften auch der auf ihnen beruhende
Spaltungsmechanismus der Arbeiterschaft zu wirken aufhört, mithin
die Arbeiterschaft in der Richtung auf den Kommunismus ins Gleiten
gerät und die bürgerliche Herrschaft sich der Grenze des Notstands
einer Militärdiktatur nähert. Der Eintritt in diesen Notstand aber
wäre der Eintritt aus einer Phase notleidender (Seite 22)
Konsolidierung in die Unheilbarkeit der bürgerlichen Herrschaft.
Die
Rettung vor diesem Abgrund ist nur möglich, wenn die Spaltung und
Bindung der Arbeiterschaft, da jener Schleusenmechanismus in
ausreichendem Maße nicht wieder aufzurichten geht, auf andere,
und zwar direkte Weise gelingt. Hier liegen die positiven
Möglichkeiten und Aufgaben des Nationalsozialismus. Das
Problem selbst weist für sie eindeutig nach zwei Richtungen.
Entweder man gliedert den in der freien Wirtschaft beschäftigten
Teil der Arbeiterschaft, d. h. die Gewerkschaften, durch eine
neuartige politische Verklammerung in eine berufsständische
Verfassung ein, oder man versucht sich umgekehrt auf den
arbeitslosen Teil zu stützen, indem man für ihn unter dem Regiment
einer Arbeitsdienstpflicht einen künstlichen Sektor der
Wirtschaft organisiert.
Durch
ihre Loslösung von der Sozialdemokratie entfällt für die
Gewerkschaften ihre bisherige politische Repräsentation, an deren
Stelle sie in einem nicht oder nur sehr bedingt parlamentarischen
Staat eine neue und neuartige politische Führung brauchen. Wenn es
dem Nationalsozialismus gelänge, diese Führung zu übernehmen und
die Gewerkschaften in eine gebundene Sozialverfassung
einzubringen, so wie die Sozialdemokratie sie früher in die liberale
eingebracht hat, so würde der Nationalsozialismus damit zum Träger
einer für die künftige bürgerliche Herrschaft unentbehrlichen
Funktion und müßte in dem Sozial- und Staatssystem dieser
Herrschaft notwendig seinen organischen Platz finden.
Die
Gefahr einer staatskapitalistischen oder gar
staatssozialistischen Entwicklung, die oft gegen eine solche
berufsständische Eingliederung der Gewerkschaften unter
nationalsozialistischer Führung eingewandt wird, wird in Wahrheit
durch sie gerade gebannt. Die vom Tatkreis propagierte >Dritte
Front< ist der Typus einer Fehlkonstruktion, wie sie in Zeiten des
sozialen Vakuums auftaucht; sie ist das Trugbild eines
Übergangszustands, in welchem die Gewerkschaften, weil aus der
bisherigen Bindung freigesetzt und noch in keine neue eingefangen,
den Schein einer Eigenexistenz vorspiegeln, die sie wesensmäßig gar
nicht haben können. Zwischen den beiden Möglichkeiten einer
Rekonsolidierung der bürgerlichen Herrschaft und der kommunistischen
Revolution gibt es keine dritte.
Wohl
aber gibt es, theoretisch wenigstens, neben der ständischen
Eingliederung der Gewerkschaften für die bürgerliche
Rekonsolidierung den zweiten Weg, das arbeitslose Volk durch
Arbeitsdienstpflicht und Siedlung zu organisieren und
an den Staat zu binden.
Dem
inneren, selbst aus keiner organischen Wurzel entwachsenen Wesen des
Nationalsozialismus scheint diese Aufgabe besonders nahe zu liegen,
wie sie dann auch von ihm am weitesten durchdacht worden ist.
Man muß sich aber klar sein, daß die (Kursbuch Seite 23)
beiden
genannten Wege zwei sehr verschiedene Entwicklungsrichtungen der
Gesamtwirtschaft involvieren. Eine nennenswerte Einordnung der
arbeitslosen Massen in die soziale Volksgemeinschaft im Wege der
Arbeitsdienstpflicht ist nur durch weitreichende staats- und
planwirtschaftliche Methoden möglich, die aus ökonomischen wie
finanziellen Gründen den freien Wirtschaftssektor schwächen
müssen.
Weil
dieser Weg nur zu Lasten der frei beschäftigten Arbeiterschaft
gegangen werden kann, müßte ein solches Regime sein soziales
Schwergewicht unvermeidlich auf den agrarischen Sektor verlegen,
würde also durch eine extreme Autarkiepolitik die
Exportindustrie und die mit ihr verknüpften Interessen um jede
Chance bringen, einen Anschluß an eine sich bessernde Weltkonjunktur
unmöglich machen, mithin den arbeitslosen Teil des Volkes wachsend
vermehren und schließlich einen überwiegenden Teil der gesamten
Wirtschaft in dem Zwangssystem einer staatlichen Elendswirtschaft
festlegen. Ob man dies noch als Rekonsolidierung bezeichnen könnte,
muß fraglich erscheinen. Nur partiell daher und in bloß subsidiärer
Bedeutung kann dieser Weg, so etwa, wie er im Wirtschaftsprogramm der
Regierung mit herangezogen ist, den Übergang zu einem System
wirklicher Rekonsolidierung der bürgerlichen Herrschaft erleichtern,
das sich nach wie vor auf den Kernbestand der Arbeiterschaft, die
Gewerkschaften unter neuer Führung, wird stützen müssen.
Alfred
Sohn-Rethel
Quelle:
Kursbuch 21, September 1970, Seite 17 – 23
Ein Wort, das mit unbekannt war habe ich im Fremdwörterbuch nachgeschlagen
(*) homolog = (gr) gleich liegend, gleich lautend
Alfred Sohn-Rethel
EIN KOMMENTAR NACH 38 JAHREN (1932/1970)
Der hier zum Wiederabdruck gelangte Artikel aus den Deutschen Führerbriefen hat zur Zeit seines Erscheinens (16. und 20. September 1932) eine eigenartige Sensation ausgelöst. Er ist seither immer wieder zitiert und erörtert worden, und bis heute hat ihm der Charakter eines ungeklärten Rätsels angehangen. Der Grund dafür liegt nicht in seinem Inhalt. Marxistische Analysen der damaligen Klassenverhältnisse und Machtverlagerungen in Deutschland waren an der Tagesordnung, ohne daß eine be-stimmte Version vor der anderen einen klaren Vorrang hätte gewinnen können. Das Sensationelle dieser besonderen Analyse hing an ihrem Erscheinungsort und an der Tatsache, daß sie vom Interessenstandpunkt des Klassenfeindes, des Großkapitals, aus vorgenommen war. Stand hier ein abtrünniger Marxist im Begriff, die Rolle des deutsche Mussolini anzutreten? (Seite 24). Den Mitgliedern des Parteivorstandes der KPD erschien es beinahe so. Das fehlte gerade noch, daß dem diktaturlüsternen deutschen Großkapital ein Marxist erwüchse, der ihm mit seinen Röntgenaugen den politischen Weg durchs Dunkel der Geschichte erleuchten könnte. Das Rätselraten nahm in der Parteileitung nahezu panische Proportionen an.
Aber als Propagandamaterial für die die kommunistische Wahlkampagne zum 6. November (1932), die gerade begonnen hatte, hätte ihr nichts gelegener kommen können als dieser anonyme Artikel. In allen Tageszeitungen der Partei — und es gab damals mehrere — wurden lange Auszüge daraus abgedruckt und Satz für Satz kommentiert. Schließlich widmete Willy Münzenberg, Leiter der Propaganda Abteilung der Partei, am Vorabend der Wahl die letzte Nummer des Roten Aufbaus dem ungekürzten Text des Artikels zur nochmaligen Einschärfung:
>Die >Deutschen Führerbriefe<, eine Privatkorrespondenz des Finanzkapitals, mitfinanziert vom Reichsverband der Deutschen Industrie, streng geheim und nur zu Information großkapitalistischer Leser bestimmt, sprechen offen aus, was die öffentlichen Zeitungen und Zeitschriften nie aussprechen können. In den Nummern 72 und 73 dieser >Deutschen Führerbriefe< wird . . . mit seltener Offenherzigkeit darüber gesprochen, wie das Finanzkapital zu Rekonsolidierung seiner Herrschaft nach neuen Stützen sucht. Die Rolle der SPD und NSDAP als Stützen der finanzkapitalistischen Herrschaft wird in bürgerlicher Ausdrucksweise, aber dennoch so klar geschildert, das gegenwärtige Hauptproblem der Bourgeoisie, die Rekonsolidierung des Kapitalismus, so klar umrissen, wie es nicht besser getan werden kann. . . . Die Alternative ist klar: Rekonsolidierung der finanzkapitalistischen Herrschaft mit Hilfe der SPD und NSDAP oder kommunistische Revolution, so wird es da formuliert. Den Kommentar kann sich jeder Leser leicht dazu machen.<
>Der Name >Deutsche Führerbriefe< erweckt natürlich Anklänge an Hitler. Zu unrecht. Die Privatkorrespondenz war von Dr. Franz Reuter und Dr. Otto Meynen Ende 1928 in Köln gegründet worden, zu einer Zeit also, als nahezu niemand — niemand mehr und noch niemand — bei dem Wort >Führer< an Hitler dachte. [ . . . ] (Seite 24, Kursbuch) >Ich war weit davon entfernt, dem diktaturlüsternen Finanzkapital als sein marxistischer Mephistopheles ein Licht über die geeignete Klassenbasis aufstecken zu wollen. Vielmehr hat mir selbst erst die Betätigung in jenem Rahmen das nötige Licht verschafft. Und zwar nicht so sehr die journalistische Betätigung und Informationsweise bei den >Führerbriefen<, sondern sehr viel mehr die ganz anders geartete Erfahrung, die die Arbeit beim MWT mit sich brachte (MWT=Mitteleuropäische Wirtschaftstag), Schöneberger Ufer (25) [ . . . ]
(Seite 32 Kursbuch) So kommen wir noch einmal auf die Frage zurück, die damals und seither so viel Erstaunen erweckt hat: Wie kam ein Artikel von so eindeutig marxistischem Inhalt zu jenem kritischen Augenblick ausgerechnet in die Deutschen Führerbriefe? Ein Artikel, dem zu diesem Zeitpunkt gar nichts anderes zuteil werden konnte, als von Ende September bis zum 6. November der kommunistischen Partei als Hauptpropagandamaterial zu dienen? Die Lösung des Rätsels ist denkbar einfach: Der Artikel war von mir einzig zum Zweck dieses Wahlkampfes für die Kommunisten verfaßt worden. Nicht daß die Kommunistische Partei ihn etwa bestellt hätte. Die Partei wußte weder von der Abfassung noch von dem Verfasser des Artikels etwas. Ich schrieb ihn aus eigener Initiative und schickte, nachdem er in den Führerbriefen erschienen war, ein Exemplar an die Rote Fahne. Mehr bedurfte es zur Zündung der Bombe nicht. Aus didaktischen Gründen nahm ich in dem Artikel den Standpunkt des Großkapitals als Blickwinkel ein, um den Arbeitern klar zu machen, daß sowohl die Sozialdemokraten wie die Nazis bloß der Kapitalherrschaft zur Stütze, zum >Grenzträger<, dienten.
Natürlich war der Arbeiterschaft und den massenhaften antikapitalistischen Wählern, die es damals gab, dasselbe viele Male vorher erklärt worden, aber noch niemals aus dem Sprachrohr des Großkapitals selbst und mit dem Anschein unumstößlicher Beweiskraft.
[ . . . ]
(Kursbuch Seite 33)>Freilich bleibt noch der zweite Teil der Frage zu beantworten, wie es nämlich gelingen konnte, die politisch doch keineswegs blöde Schriftleitung der Führerbriefe zu einer ihr so extrem widersprechenden Funktion zu benutzen. Nun, ich kann nur sagen, daß das auch wirklich unbegreiflich wäre, wenn die schlauen Füchse des Kapitals nicht eben doch sehr dumm wären, wo Erkenntnis und nicht bloß Manipulation zu Frage steht. Es muß auch betont werden, daß am Schöneberger Ufer (25) keine Seele etwas davon wußte, daß ich Marxist war, und daß zweitens auch niemand dort wußte, was Marxismus ist und wie er aussieht. Als >Marxismus< war nur die fratzenhafte Entstellung bekannt, die als Schimpfname umging. Auch wird man beim Lesen des Artikels gemerkt haben, daß ich für ein gewisses Oberflächenvokabular gesorgt hatte, das Münzenberg richtig mit >bürgerlicher Ausdrucksweise< betitelt hat und das mir in den Augen der Redaktion wenigstens ein notdürftiges Alibi verschaffen konnte.< [ . . . ]
>Jedenfalls war es fast ein rührender Anblick, die Schriftleiter der >Führerbriefe< am Tage nach der kommunistischen Explosion meines Artikels über Exemplare der Roten Fahne gebeugt zu finden, angestrengt bemüht, aus den in den Text eingesprengten Kommentaren zu verstehen, was in dem Artikel eigentlich steckte. Freilich muß ich gestehen, daß mir dieses Studium eher ominös als rührend erschienen ist. Ich war begreiflicherweise auf das Schlimmste gefaßt, zumal die ausgelöste Wirkung alle meine Erwartungen überstieg. Es ging aber alles erstaunlich gut. Zwar fühlte ich mich von forschenden Blicken verfolgt, wenn ich durchs Zimmer ging, und Redensarten wie die vom Wolf im Schafspelz trafen mein Ohr. Aber was mir die Vergebung der Redaktion und den weiteren Verbleib in ihren Sitzungen eintrug, war mehr als alles andere die Tatsache, daß ich den Führerbriefen zu einer Berühmtheit und einer Reklame verholfen hatte wie noch nie etwas zuvor. Der Kern der großkapitalistischen Macht sieht eben doch anders aus, als viele Zaungäste ihn sich vorstellen. In diesem Kern herrscht bei aller Gerissenheit vollkommene Wirrnis, und nichts kann ihm fremder sein als sein eigener Begriff.< Alfred Sohn-Rethel (1970).
Reichstag (ohne Kuppel)Zentralbild/Kollektiv, 15.6.1961, Internationele Pressekonferenz
Walter Ulbricht zum Friedensvertrag und zu Westberlin
Fragen der Weltpresse zum Deutschen Friedensvertrag und zum Westberlinproblem beantwortete der Vorsitzende des Staatsrates der DDR und Erste Sekretär des ZK der SED, Walter Ulbricht, am 15.6.1961 auf einer Internationalen Pressekonferenz in der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik. Im grossen Festsaal des Hauses der Ministerien hatten sich etwa dreihundert Vertreter von Presse, Funk und Fernsehen der DDR, Westdeutschlands, Westberlins, aus sozialistischen und imperialistischen Ländern sowie aus jungen Nationalstaaten versammelt.
UBz: Walter Ulbircht bei seinen Ausführungen.
V.l.n.r.: Hermann Axen, Chefredakteur des „Neuen Deutschland“; Gesandter Kegel; Walter Ulbricht; Kurt Blecha
Die Aufnahmen entstanden im Juli 1961 mit einer Kleinbildkamera 24 x 36 (Akarelle). Das Foto vom Brandenburger Tor wurde durch ein Münzfernrohr aufgenommen, das oben auf der Siegessäule installiert war. In der Gegenrichtung handelt es sich um das Hochhaus am Ernst Reuterplatz (Strasse des 17. Juni). Fotos Jens Meyer. >Was Bullrich Salz für die Verdauung – ist Ulbricht für die Weltanschauung.< Ab da wurde Walter Ulbricht umbenannt. Walter Niemand hiess er nun. Das Foto von Walter Ulbricht ist bei Wikipedia zu finden. Der Fotograf wird nicht genannt, bzw. ist unbekannt.